Editorial — August 2015

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Mordecai Richler: Aufbrechen, um anzukommen

Mor­de­cai Rich­ler (1931–2001) ist einer der wich­tigs­ten Autoren der kana­di­schen Lite­ra­tur nach 1945. In sei­nen Anfän­gen gehör­te er zu den »Angry Young Men«, die im »exis­ten­zia­lis­ti­schen Zeit­al­ter« gegen die Eng­stir­nig­keit und Pro­vin­zia­li­tät der kana­di­schen Gesell­schaft rebel­lier­ten und in Euro­pa den Spu­ren frü­he­rer Revol­ten folg­ten. In sei­nen ers­ten lite­ra­ri­schen Ver­su­chen imi­tier­te Rich­ler Expo­nen­ten der »Lost Genera­ti­on« wie Ernest Heming­way oder euro­päi­sche Reprä­sen­tan­ten des Exis­ten­zia­lis­mus wie Albert Camus. Sein eige­nes exis­ten­ti­el­les The­ma fand Rich­ler jedoch erst in der Beschäf­ti­gung mit sei­nen Ursprün­gen als Sohn jüdi­scher Immi­gran­ten im Mont­rea­ler Vier­tel von St. Urbain. Mit sei­ner Figur Dud­ley Kra­vitz schuf er einen Pro­to­ty­pen des Auf­stei­gers, der trotz aller Erfol­ge doch nie sei­ne Ver­gan­gen­heit abstrei­fen konn­te. »Die Ver­gan­gen­heit ist nie­mals tot«, heißt es in Wil­liam Faulk­ners Requi­em for a Nun. »Sie ist nicht ein­mal ver­gan­gen.« Rich­lers Werk demons­triert dies immer wie­der aufs Neue, wobei er sich pha­sen­wei­se – nach Jah­ren des Erfolgs im kul­tur­in­dus­tri­el­len Betriebs – in eine lite­ra­ri­sche Sta­gna­ti­on manö­vrier­te, in der ledig­lich Varia­tio­nen sei­ner eins­ti­gen Erfolgs­for­meln in lite­ra­ri­scher Form pro­du­zier­te, wobei er in den spä­ten 1970er Jah­ren in sei­nem Furor gegen die »poli­ti­sche Kor­rekt­heit« ins Fahr­was­ser des Neo­kon­ser­va­tis­mus geriet. Den­noch befrei­te er sich aus die­ser Sta­gna­ti­on, indem er Erzähl­for­men der Post­mo­der­ne auf­griff und sei­ne Figu­ren ihre selbst­herr­li­che Gewiss­heit nahm. In sei­nem letz­ten Roman Barney’s Ver­si­on wur­de der Erzäh­ler Bar­ney Pan­of­sky infol­ge sei­ner Alz­hei­mer-Erkran­kung der­art unzu­ver­läs­sig, dass sein fik­ti­ver Sohn Micha­el den Text mit Fuß­no­ten und einem Nach­wort ver­sah.

Rezeption in der BRD

Obwohl Rich­lers Wer­ke von Beginn an auch in deut­schen Über­set­zun­gen erschie­nen, beschränk­te sich Kind­lers Lite­ra­tur­le­xi­kon in der Aus­ga­be von 1970 auf eher ephe­me­re Wer­ke Rich­lers. Im Früh­werk Sohn eines klei­ne­ren Hel­den (1955; dt. 1963) sah der pro­mi­nen­te Lite­ra­tur­kri­ti­ker Jörg Drews eine »Haß­lie­be des Autors zum Ghet­to­mi­lieu sei­ner Hei­mat­stadt Mont­re­al« wir­ken. Zum ande­ren lobt Drews die Sati­re The Incom­pa­ra­ble Atuk (1963), wel­che die Assi­mi­la­ti­on von Inuits (vul­go Eski­mos) in der kana­di­schen Gesell­schaft aufs Korn nimmt. »Die hin­ter­sin­ni­ge Geschich­te, die von gro­tes­ken Gags strotzt und mit einer fast sur­rea­lis­tisch anmu­ten­den kalei­do­sko­pi­schen Bil­der­fol­ge endet, wird – lob­te Drews – »in einem gekonnt läs­si­gen, mit kana­di­schem Slang, Mode­wör­tern und Zei­tungs­phra­sen durch­setz­ten Jar­gon erzählt.«1

Aufmerksamkeit durch eine Neuedition

Mitt­ler­wei­le grün­det sich Rich­lers Ruhm eher auf Roma­ne wie Die Lehr­jah­re des Dud­dy Kra­vitz, Solo­mon Gurs­ky war hier und Wie Bar­ney es sieht, die hier­zu­lan­de in den letz­ten Jah­ren (teil­wei­se in Neu­über­set­zun­gen) bei Lie­bes­kind erschie­nen.  Die­se Aus­ga­be von Mole­skin Blues lie­fert eine neue Kri­tik zu Joshua damals und jetzt sowie eini­ge älte­re, ver­streut erschie­ne­ne Rezen­sio­nen.

 

Jörg Auberg

  1. Kind­lers Lite­ra­tur­le­xi­kon (Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft, 1970), S. 8902, 4791  

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