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Januar 2016 Posts

Die unvollendete Stadt

Die unvollendete Stadt

Zwei Bücher von Christoph Lindner und Angelika Möller beschäftigen sich mit der Entwicklung New Yorks im 19. und 20. Jahrhundert

Von Jörg Auberg

 

Als Leo Trotz­ki im Janu­ar 1917 für kur­ze Zeit mit sei­ner Fami­lie in einem bil­li­gen Apart­ment in der New Yor­ker Bronx: Zum ers­ten Mal ver­füg­te der zukünf­ti­ge Revo­lu­ti­ons­füh­rer, schrieb Isaac Deut­scher, über den unge­wohn­ten Luxus eines Tele­fons in der Woh­nung.1 In den Augen Trotz­kis war New York kei­nes­wegs ein Moloch, son­dern der Inbe­griff der Moder­ne. »Ich bin in New York, in der mär­chen­haft pro­sai­schen Stadt des kapi­ta­lis­ti­schen Auto­ma­tis­mus, wo in den Stra­ßen die ästhe­ti­sche Theo­rie des Kubis­mus und in den Her­zen die sitt­li­che Phi­lo­so­phie des Dol­lars herrscht«, schrieb er spä­ter in sei­ner Auto­bio­gra­fie. »New York impo­niert mir, als der voll­kom­mens­te Aus­druck des Geis­tes der Gegen­warts­epo­che.«2

 

 

Berenice Abbott - Seventh Avenue looking south from 35th Street - Manhattan

Bere­ni­ce Abbott: Seventh Ave­nue loo­king south from 35th Street — Man­hat­tan (aus Chan­ging New York — New York Public Libra­ry)

Obwohl New York seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts zu einer inter­na­tio­na­len Groß­stadt auf­stieg und Paris als kul­tu­rel­les Zen­trum der Moder­ne spä­tes­tens nach der Nie­der­la­ge Frank­reichs 1940 ablös­te, war es in den 1930er Jah­ren doch nicht allein eine vita­le, von poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Debat­ten und Strei­tig­kei­ten erfüll­te Metro­po­le, wie sich der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Irving Howe erin­ner­te. Es war auch »bru­tal, häss­lich, beängs­ti­gend, ein übel rie­chen­der Dschun­gel«, den Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne in sei­nem Roman Rei­se ans Ende der Nacht (1932) beschwor.3 New Yorks Erschei­nung wur­de nicht nur von einer impo­nie­ren­den Sky­line von »Wol­ken­krat­zern« bestimmt, son­dern auch von einem Pro­vin­zia­lis­mus, der sowohl aus dem alten Euro­pa als auch den länd­li­chen Regio­nen der USA in die Stadt ein­ge­wan­dert war. Die­se Dia­lek­tik von Altem und Neu­em doku­men­tier­te Bere­ni­ce Abbott in ihrem legen­dä­ren Foto­pro­jekt Chan­ging New York (1939), in der sie sowohl das pul­sie­ren­de Leben Man­hat­tans, die kathe­dra­len­ar­ti­gen Hoch­häu­ser und die klei­nen klei­nen Läden der Immi­gran­ten in der Zeit der Depres­si­on fest­hielt.
In sei­nem Buch Ima­gi­ning New York City ori­en­tiert sich der nie­der­län­di­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Chris­toph Lind­ner ent­lang der hori­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Lini­en der Stadt, der Sky­line und den »side­walks«, wie sie sich in den Jah­ren zwi­schen 1890 und 1940 her­aus­bil­de­ten, um eine Dar­stel­lung der Metro­po­le in Lite­ra­tur, Kunst, Film und Urba­nis­mus zu prä­sen­tie­ren. Lind­ners Per­spek­ti­ven beschrän­ken sich auf die blo­ßen Ober­flä­chen des urba­nen Raums und blen­den Erfah­run­gen der zwei­ten Genera­ti­on von Immi­gran­ten (wie sie Irving Howe, Alfred Kazin oder Hen­ry Roth in ihren Erin­ne­run­gen und Roma­nen beschrie­ben) aus. Statt­des­sen rekur­riert Lind­ner auf das Bild New Yorks als »unvoll­ende­ter Stadt« (das der Stadt­his­to­ri­ker Tho­mas Ben­der in sei­nem Buch New York Intel­lect präg­te4) und sprengt den eige­nen vor­ge­ge­be­nen zeit­li­chen und räum­li­chen Rah­men, indem er in einer aka­de­mi­schen Text-Bri­co­la­ge Zita­te von Wal­ter Ben­ja­min, Roland Bar­t­hes, Jean Baudril­lard, Guy Debord, Michel Fou­cault, Georg Sim­mel, Jane Jacobs, Lewis Mum­ford und Sla­voj Žižek zu einem Hotch­potch ver­rührt, wobei selbst­ver­ständ­lich auch kein »Requi­em für die Twin Towers« feh­len darf.

 

»Die Stich­hal­tig­keit einer Kon­zep­ti­on läßt sich danach beur­tei­len, ob sie die Zita­te her­bei­zi­tiert«5, schrieb Theo­dor W. Ador­no in kri­ti­schen Hand­rei­chun­gen für Schrift­stel­ler. Die Kon­zep­ti­on von Lind­ners Buch beschränkt sich auf ein geo­me­tri­sches Gerüst des urba­nen Raums, das er mit Zita­ten und Repro­duk­tio­nen der New Yor­ker Kul­tur­ge­schich­te ver­hängt, die mehr und mehr zu einer Staf­fa­ge von Belie­big­kei­ten und Belang­lo­sig­kei­ten ver­kom­men. Da sich Lind­ner kei­ne Dis­zi­plin bei der Kon­struk­ti­on und beim Schrei­ben auf­er­legt, schleppt er viel von dem mit sich, was Ador­no »Abfall und Boden­ramsch« in der schrift­stel­le­ri­schen Pro­duk­ti­on nann­te. So benutzt Lind­ner immer wie­der Phra­sen wie »To adopt a phra­se deve­lo­ped by Das­gupta«, »Jean Baudril­lard explo­res simi­lar ide­as« oder »to use Michel Foucault’s phra­se«.6 Sol­che Text­spu­ren kön­nen sich – um noch ein­mal Ador­nos Kri­tik zu bemü­hen – »als Krus­te der Arbeit« fest­set­zen, doch gehört es zur Auf­ga­be des Autors, Kri­tik nicht allein gegen­über ande­ren zu üben, son­dern auch gegen­über sich selbst. »Nie darf man klein­lich sein beim Strei­chen«7, riet Ador­no.

Imagining New York CityLei­der macht Lind­ner mit sei­ner aka­de­mi­schen Schreib­wei­se, in der das Anein­an­der­rei­hen von Zita­ten mehr zählt als das strin­gen­te Ent­wi­ckeln von Ide­en und Gedan­ken, die guten Ansät­ze sei­nes Buches zunich­te. So lenkt er bei­spiels­wei­se den Blick auf die Wahr­neh­mung New Yorks aus afro­ame­ri­ka­ni­scher Per­spek­ti­ve in den Wer­ken James Wel­don John­sons oder zerrt in einem Akt der kul­tur­his­to­ri­schen Archäo­lo­gie den im Jah­re 1901 pro­du­zier­ten Film What hap­pen­ed on 23rd Street ans Tages­licht, der eine New Yor­ker Stra­ßen­sze­ne doku­men­tier­te.8 Beim Fla­nie­ren durch New York spa­ziert eine Dame über einen Luft­schacht, und ein Luft­stoß aus der Tie­fe wir­belt ihren Rock nach oben. Die­se Sze­ne wur­de spä­ter in dem Bil­ly-Wil­der-Film The Seven Year Itch (1955) gera­de­zu iden­tisch ver­wen­det und trug dazu bei, ein iko­ni­sches Mari­lyn-Mon­roe-Bild in der Popu­lär­kul­tur zu ent­wi­ckeln. An die­sem Bei­spiel illus­triert Lind­ner in sei­nen auf­klä­re­ri­schen Momen­ten am Zusam­men­spiel von Kul­tur­in­dus­trie, Kon­sum und ero­ti­schem Spek­ta­kel den urba­nen Raum als Büh­ne der sexu­ell durch­dräng­ten Zur­schau­stel­lung, Selbst­be­haup­tung und Aus­beu­tung, wie sie auch in Roma­nen wie Sis­ter Car­rie (1900) von Theo­do­re Drei­ser oder Mag­gie (1893) von Ste­phen Cra­ne zum Aus­druck kamen. Hät­te Lind­ner in die­sem for­schen­den und durch­drin­gen­den Stil sein New Yor­ker Pro­jekt bewäl­tigt, hät­te er einen ori­gi­nä­ren Bei­trag zur New-York-Lite­ra­tur leis­ten kön­nen. So aber ver­liert sich das Unter­neh­men, dem er groß­spu­rig die Aura einer »kri­ti­schen Tra­di­ti­on des Außen­sei­ters«9 anhef­tet, in der Belie­big­keit.

Das andere New YorkDie Vor­ge­schich­te der Metro­po­le New York beschreibt dage­gen Ange­li­ka Möl­ler in ihrem gut les­ba­ren und sorg­fäl­tig recher­chier­ten Buch Das ande­re New York, das auf einen weit­ge­fä­cher­ten Bestand aus Lite­ra­tur, Pri­mär­quel­len und Archiv­ma­te­ria­li­en zurück­greift und die urba­ne Gene­se in der Zeit zwi­schen 1790 und 1860 ana­ly­siert. Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts war New York – heißt es in der Ein­lei­tung – »weit davon ent­fernt, eine Welt­stadt zu sein, hol­te aber ste­tig auf und wur­de zur ers­ten Stadt auf dem Ter­ri­to­ri­um der USA, die die Bezeich­nung Metro­po­le ver­dien­te«10. Auf­grund des Platz­man­gels ver­lief New Yorks räum­li­che Aus­brei­tung zunächst hori­zon­tal in der Gestalt von Parks und Fried­hö­fen, Erho­lungs- und Zer­streu­ungs­zen­tren, ehe der städ­ti­sche Raum sich in ver­ti­ka­le Gefil­de erhob.
Die Stadt­pla­nung erfolg­te auf der Basis eines recht­win­ke­li­gen Git­ter­net­zes (des soge­nann­ten »Grids«), das sich in ers­ter Linie an öko­no­mi­schen und zweck­mä­ßi­gen Erfor­der­nis­sen ori­en­tier­te, wäh­rend Ele­men­te einer demo­kra­ti­schen Kul­tur (wie etwa öffent­li­che Ver­samm­lungs­or­te) kei­ner­lei Rol­le spiel­ten. Auch öffent­li­che Parks wie der Cen­tral Park, die heu­te als Inbe­griff einer demo­kra­ti­schen Park­kul­tur gel­ten, basier­ten in ihrer Ent­ste­hungs­zeit »auf olig­ar­chi­schen Macht­ver­hält­nis­sen, die sich rhe­to­risch in ein demo­kra­ti­sches Gewand klei­de­ten«11. Im sich stän­dig ver­än­dern­den Raum ver­wan­del­ten sich Armen­fried­hö­fe, die ursprüng­lich als Orte des Frie­dens ange­legt wur­den, in Area­le der Mas­sen­kul­tur und der kom­mer­zi­el­len Spek­ta­kel. In der Zeit vor dem Bür­ger­krieg war New York ein Kampf­platz öko­no­mi­scher, poli­ti­scher und sozia­ler Macht­grup­pen, die um jeden Qua­drat­me­ter im noch vagen urba­nen Ter­rain kämpf­ten. »Das unbe­stimm­te Ter­ri­to­ri­um New York Citys in der Ante­bel­lum Era war ein umkämpf­ter und kon­tro­ver­ser Ort«, resü­miert Möl­ler. »In die­sem Zwi­schen­raum ver­ban­den sich Prag­ma­tis­mus und Idea­lis­mus mit­ein­an­der.«12 Erst spä­ter durch­drang der US-ame­ri­ka­ni­sche Kapi­ta­lis­mus jede Zel­le des Grids, mit dem die Grund­struk­tur der Herr­schaft gelegt wur­de.

 

Bibliografische Angaben:

Chris­toph Lind­ner. Ima­gi­ning New York City: Lite­ra­tu­re, Urba­nism, and the Visu­al Arts, 1890–1940. New York Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015. 264 Sei­ten, $ 99.
Ange­li­ka Möl­ler. Das ande­re New York: Fried­hö­fe, Frei­räu­me und Ver­gnü­gun­gen, 1790–1860. Bie­le­feld: Tran­script Ver­lag, 2015. 268 Sei­ten, € 29,99.

© Text: Jörg Auberg 2016
Fotos: New York Public Libra­ry (1)/Archiv des Autors (8)

 

 

  1. Isaac Deut­scher, The Pro­phet: The Life of Leon Trot­s­ky (Lon­don: Ver­so, 2015), S.251  
  2. Leo Trotz­ki, Mein Leben: Ver­such einer Auto­bio­gra­phie, übers. Alex­an­dra Ramm (Ber­lin: S. Fischer, 1930), S. 258  
  3. Irving Howe, »New York in the Thir­ties« (1961), rpt. in The New York Intel­lec­tu­als Reader, hg. Neil Jumon­vil­le (New York und Lon­don: Rout­ledge, 2007), S. 27  
  4. Tho­mas Ben­der, New York Intel­lect: A Histo­ry of Intel­lec­tu­al Life in New York City (New York: Knopf, 1987), Kind­le-Aus­ga­be  
  5. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 108  
  6. Chris­toph Lind­ner, Ima­gi­ning New York City: Lite­ra­tu­re, Urba­nism, and the Visu­al Arts, 1890–1940 (New York Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015), S. 160, 130, 148  
  7. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 105  
  8. Der Film ist über You­Tube abruf­bar: https://www.youtube.com/watch?v=wna2a7Mk1i8  
  9. Lind­ner, Ima­gi­ning New York City, S. 4  
  10. Ange­li­ka Möl­ler, Das ande­re New York: Fried­hö­fe, Frei­räu­me und Ver­gnü­gun­gen, 1790–1860 (Bie­le­feld: Tran­script Ver­lag, 2015), S. 10  
  11. Möl­ler, Das ande­re New York, S. 117  
  12. Möl­ler, Das ande­re New York, S. 230  

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Sigismund Krzyżanowski: Der Club der Buchstabenmörder

Spuren in den Ruinen

Über Umwege erreicht der verkannte Autor  Sigismund Krzyżanowski die deutschsprachigen Landschaften.

Von Jörg Auberg

 

In der Wüs­te zu schrei­en ist zweck­los und zu spät für den­je­ni­gen, der sich ver­irrt hat und zugrun­de geht. Wenn er aber — wider alle bes­se­re Ein­sicht — doch schrei­en soll­te, dann sicher­lich so.“1

Sigis­mund Krzyża­now­ski

Sigizmund_Krzhizhanovsky»Das rus­si­sche Volk hat sich mit der Frei­heit ver­mählt«, wuss­te Maxim Gor­ki in sei­nem »Brief an den Leser« aus dem Mai 1917 zu berich­ten. »Laßt uns glau­ben, daß aus die­sem Bund in unse­rem phy­sisch und geis­tig gequäl­ten Land neue star­ke Men­schen her­vor­ge­hen wer­den.«2 Als er fünf­zehn Jah­re spä­ter eine Rei­he von Erzäh­lun­gen des pol­nisch-rus­si­schen Autors Sigis­mund Krzyża­now­ski begut­ach­te­te, fühl­te er sich jedoch bemü­ßigt, die rus­si­schen Leser vor einer Lek­tü­re die­ser Tex­te zu schüt­zen. Sie sei­en »zu intel­lek­tu­ell« und nutz­los für die gegen­wär­ti­gen Auf­ga­ben der Arbei­ter­klas­se, lau­te­te sein Urteil.3 So trug Gor­ki mit dazu bei, dass der Emi­grant aus Ukrai­ne, der 1922 aus Kiew nach Mos­kau über­ge­sie­delt war und in der sowje­ti­schen Haupt­stadt eine pre­kä­re Exis­tenz als Leh­rer, Kor­rek­tor, Über­set­zer und vor­zei­ti­ger »Under­ground-Autor« führ­te, zeit sei­nes Lebens nie ein Buch ver­öf­fent­li­chen konn­te.
Obgleich Krzyża­now­ski 1939 in den sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­band auf­ge­nom­men wur­de, pro­du­zier­te er aus­schließ­lich für die Schub­la­de und erwarb sich ledig­lich mit Pri­vat­le­sun­gen sei­ner Tex­te den Ruf eines außer­ge­wöhn­li­chen Autors in Mos­kau­er Thea­ter­krei­sen. »Er war sich sei­nes Wer­tes als Schrift­stel­ler bewußt«4, schrieb Wadim Per­el­mu­ter, der nach der Implo­si­on der Sowjet­uni­on Krzyża­now­skis Tex­te in einer sechs­bän­di­gen Werk­aus­ga­be her­aus­brach­te, doch blieb Krzyża­now­ski zu Leb­zei­ten die Aner­ken­nung in Form von Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­sagt. Im Jah­re 1949 ereil­te ihn ein Schlag­an­fall, des­sen Fol­ge­er­schei­nung eine Lese­un­fä­hig­keit war: Zwar konn­te Krzyża­now­ski immer noch schrei­ben, doch ver­moch­te er nicht mehr zu lesen, was er geschrie­ben hat­te. Schrei­ben war sei­ne Gewohn­heit und sei­ne Beru­fung, doch den Kampf mit den Wör­tern und gegen die Wör­ter, die sich in ein Buch press­ten, ver­lor er. Als er im Dezem­ber 1950 in Mos­kau starb, wur­de er als Ver­kann­ter ver­scharrt.

 

Moscow Blues

Nach sei­ner Über­sied­lung nach Mos­kau leb­te Krzyża­now­ski in einem Zim­mer, das gera­de ein­mal sechs Qua­drat­me­ter maß und in dem sich »ein Holz­bett mit Roß­haar­ma­trat­ze, ein ein­fa­cher Schreib­tisch mit zwei Schub­käs­ten, ein har­ter Stuhl und Bücher­bord an der Wand«5 befan­den. Obgleich er als zeit­wei­li­ger Ange­stell­ter der kul­tu­rel­len Appa­ra­te eine unschein­ba­re Exis­tenz führ­te, glich er doch mehr dem, was der US-ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Isaac Rosen­feld in den 1940er Jah­ren als »mora­li­schen Unter­grund­ling« in der Tra­di­ti­on des Unter­grund­men­schen Dos­to­jew­skis beschrieb. In ihm arti­ku­lier­te sich ein »kann nicht anders«, wie Rosen­feld in einem »Jour­nal of a Genera­ti­on« 1943 schrieb.6 Rosen­felds Moder­ni­tät bestand – wie Mark Shech­ner beob­ach­te­te – im Ekel vor der Moder­ni­tät und in sei­ner Wei­ge­rung, mit ihr zu kol­la­bo­rie­ren.7 Ähn­lich ver­hielt es sich mit Krzyża­now­ski, dem als schrei­ben­den Unter­grund­ling der Ruf eines »über­ra­gen­den Phä­no­mens unse­rer Gegen­wart«8 (als den ihn der Dich­ter Mark Tar­low­ski cha­rak­te­ri­sier­te) in Mos­kau anhing. Wäh­rend die Sowjet­uni­on vie­len west­eu­ro­päi­schen Intel­lek­tu­el­len als die Rea­li­sie­rung einer sozia­lis­ti­schen Uto­pie und Inbe­griff einer neu­en Huma­ni­tät erschien, blieb Krzyża­now­ski von Beginn an ein Frem­der in der Stadt, als hät­te er sich exis­ten­zi­ell für ein selbst­ge­wähl­tes Exil auf Lebens­zeit ent­schie­den.

Sigismund Krzyżanowski - Aus den Notizheften

Buch­rü­cken “Lebens­lauf eines Gedan­kens” (Gus­tav Kipen­heu­er Ver­lag, 1991)

In den ers­ten Tagen sei­nes Auf­ent­hal­tes in Mos­kau wähn­te er sich in einem »chao­ti­schen Wir­bel von Wor­ten«9 gefan­gen, einem außer Rand und Band gera­te­nen Alpha­bet, das ihn von Pla­ka­ten, Pos­tern und Ban­nern in einen Stru­del zog, gro­ßen Buch­sta­ben in schwarz, rot und blau, die vor sei­nen Augen stol­zier­ten und tän­zel­ten. Mos­kau befand sich – wie Wal­ter Ben­ja­min nach einem Auf­ent­halt im Win­ter 1926–27 schrieb – ein per­ma­nen­ter mensch­li­cher Ver­suchs­raum. »Jeder Gedan­ke, jeder Tag und jedes Leben liegt hier wie auf dem Tisch eines Labo­ra­to­ri­ums«, beob­ach­te­te der kri­ti­sche Besu­cher Ben­ja­min. »Und als wäre es ein Metall, wel­chem man einen unbe­kann­ten Stoff mit allen Mit­teln abge­win­nen will, muß er bis zur Erschöp­fung mit sich expe­ri­men­tie­ren las­sen. Kein Orga­nis­mus, kei­ne Orga­ni­sa­ti­on kann sich die­sem Vor­gang ent­zie­hen.«10 Obwohl Issac Deut­scher in sei­ner klas­si­schen Trotz­ki-Bio­gra­phie The Pro­phet die Jah­re 1926 bis 1927 als ent­schei­den­den Wett­be­werb um die Macht im sowje­ti­schen Staat zwi­schen Trotz­ki und Sta­lin beschrieb11, war für Ben­ja­min die Oppo­si­ti­on bereits abge­schafft. Der »freie Han­del und die freie Intel­li­genz« waren in sei­nen Augen eben­so liqui­diert wie das Pri­vat­le­ben, sodass die Erle­di­gung selbst von pri­va­ten Ange­le­gen­hei­ten nur im Büro oder im Klub gesche­hen kann. »Die neu­en Rus­sen nen­nen das Milieu den ein­zig zuver­läs­si­gen Erzie­her«12, resü­mier­te Ben­ja­min.
Als sich Krzyża­now­ski für ein Leben in Mos­kau ent­schied, trieb ihn kein revo­lu­tio­nä­rer Impe­tus an. »Die Revo­lu­ti­on ist eine Beschleu­ni­gung von Fak­ten, mit denen der Gedan­ke nicht Schritt hal­ten kann«13, schrieb er, und in der Lite­ra­tur sah er einen Kampf zwi­schen den Her­ren und den Hütern der Gedan­ken14. Der Unter­grund­ling schrieb ohne Unter­lass, doch gin­gen die ver­lo­re­nen Kämp­fe mit den ideo­lo­gi­schen Tor­hü­tern der staat­li­chen Lite­ra­tur nicht spur­los an ihm vor­über. »Die Hoff­nungs­lo­sig­keit der Fehl­schlä­ge brach­ten ihn zuwei­len zur Ver­zweif­lung«, schrieb Per­el­mu­ter. »Im all­ge­mei­nen kam er sel­ten ohne Alko­hol aus, außer in Peri­oden ange­spann­ter Arbeit […].«15  Letzt­lich bestä­tig­te er immer aufs Neue sei­ne Exis­tenz im Exil, die ihn am Ende schließ­lich – in Form einer Ale­xie16 – selbst aus den eige­nen Tex­ten ver­trieb. »Am Ende ist es dem Schrift­stel­ler nicht ein­mal im Schrei­ben zu woh­nen gestat­tet«17, resü­mier­te Theo­dor W. Ador­no die Exis­tenz im beschä­dig­ten Leben, das für Krzyża­now­ski rui­nös war.

 

Der Club der Buchstabenmörder

Krzyzanowski-US-Final-uc.inddTrotz allem war die Exis­tenz im Unter­grund kei­nes­wegs nich­tig. Neben dem gro­ßen Kon­vo­lut von Erzäh­lun­gen, das Krzyża­now­ski gewis­ser­ma­ßen als Fla­schen­post im Schlick der Zeit für die Nach­ge­bo­re­nen hin­ter­ließ, reflek­tier­te die Novel­le Der Club der Buch­sta­ben­mör­der (die in den Jah­ren zwi­schen 1925 und 1927 ent­stand) die Exis­tenz eines in Selbst­iso­la­ti­on gefan­ge­nen Schrift­stel­lers, der zwar gegen die zuneh­mend tota­li­tä­re Gesell­schaft in der Sowjet­uni­on oppo­nier­te, letzt­lich aber nie­mals den Schritt zur offe­nen Dis­si­denz gegen die Herr­schaft des Kon­for­mis­mus wag­te. Schließ­lich ope­rier­te der in pre­kä­rer Lage leben­de Autor, dem von den büro­kra­ti­schen Appa­ra­ten des Regimes die Mög­lich­kei­ten der Publi­ka­ti­on ver­wehrt blie­ben, nach der Direk­ti­ve des duck & cover. Zwar nahm man ihn nach sei­ner »Ent­de­ckung« in den 1990er Jah­ren als einen lite­ra­ri­schen Kri­ti­ker der tota­li­tä­ren Herr­schaft in der Sowjet­uni­on in Beschlag, doch ist Krzyża­now­ski rea­li­ter zu kei­ner Zeit in Kon­fron­ta­ti­on mit dem Herr­schafts­ap­pa­rat getre­ten, auch nicht in jenem Moment, als der Appa­rat 1928 eine Publi­ka­ti­on sei­ner Novel­le ver­wei­ger­te.
Obwohl Krzyża­now­ski nicht durch offe­ne Oppo­si­ti­on gegen die Herr­schaft auf­fiel, arti­ku­lier­te er in sei­ner Novel­le allein durch die Form eine Wider­stän­dig­keit gegen die offi­zi­el­le Poli­tik des »sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus«. Aus­gangs­punkt für die Erzäh­lung ist ein bio­gra­fi­scher Hin­ter­grund des Autors: Krzyża­now­ski sah sich gezwun­gen, sei­ne Bücher zu ver­kau­fen, um eine Rei­se nach Kiew zum Begräb­nis sei­ner Mut­ter zu finan­zie­ren. Aus die­ser Lee­re der Bücher­re­ga­le ent­wi­ckelt sich die Idee eines Clubs von Kon­ver­ti­ten, wel­che bruch­los die Biblio­phi­lie mit der Bücher­pho­bie aus­tau­schen und als »Bru­der­schaft« sich dem Ver­bot der Schrift­lich­keit unter­wer­fen. Aus dem ehe­ma­li­gen reli­giö­sen Ver­hält­nis zu Büchern, denen wie Iko­nen gehul­digt wur­de, tritt nun eine Ido­li­sie­rung der »Buch­sta­ben­lo­sig­keit« der »Aus­er­wähl­ten«, die sich als unter­ir­di­sche Eli­te gerie­ren und die Ver­schro­ben­heit als das »ein­zi­ge Vor­recht halb­ver­hun­ger­ter Dich­ter«18 für sich in Anspruch neh­men. Wie in einer Sek­te müs­sen sich die Ange­hö­ri­gen als Aus­er­wähl­te ihrer alten Iden­ti­tät ent­schla­gen und ihre Namen gegen nichts­sa­gen­de Sil­ben wie Tyd, Ses, Hiz, Hok oder Rar ein­tau­schen, da »Schrift­stel­ler­na­men« an die­sem Ort nichts ver­lo­ren haben.
Im »Club der Buch­sta­ben­mör­der« ist jedes Mit­glied auf­ge­for­dert, gegen die Herr­schaft der Schrift- und Buch­kul­tur sei­nen Bei­trag in Form einer impro­vi­sier­ten Erzäh­lung abzu­lie­fern. Die  Bei­trä­ge der Club­mit­glie­der krei­sen so um ver­schie­de­ne Meta­fik­tio­nen, wel­che die Ebe­nen von Autor, Rol­le und Text inein­an­der ver­schrän­ken und auf die­se Wei­se das her­kömm­li­che Ver­ständ­nis der Rea­li­tät hin­ter­fra­gen. Die ver­schie­de­nen Erzäh­lun­gen sind his­to­risch durch­drun­ge­ne Dekon­struk­tio­nen von Shake­speares Dra­ma »Ham­let«, einer mit­tel­al­ter­li­chen Esels­mes­se, der Figur eines Goli­ards (Vagan­ten), der in sei­ner Per­son die Rol­len des Gauk­lers und des Mön­ches ver­bin­det sowie einer nega­ti­ven Uto­pie von Maschi­nen­men­schen (die als Exen bezeich­net wer­den), die über einen Zen­tral­com­pu­ter gesteu­ert wer­den und zom­biegleich durch die Stra­ßen wan­deln.
Am Ende wird der Tod des Erzäh­lers exem­pla­risch mit dem Frei­tod eines Club­mit­glieds voll­zo­gen. Auch der über­le­ben­de Ich-Erzäh­ler kommt zu der schluss­end­li­chen Ein­sicht, dass nicht er die Wör­ter beherrscht, son­dern sie ihn. »Wör­ter sind böse und zäh­le­big –,« schließt er,  und jeder, der sich an ihn ver­greift, wird von ihnen getö­tet, als dass er sie tötet.«19 Erin­nern schon die erzäh­le­ri­schen Impro­vi­sa­tio­nen der Club­mit­glie­der an die spä­te­ren dekon­struk­ti­ven »Rou­ti­nes« von Wil­liam Bur­roughs in Inter­zo­ne und Naked Lunch, erscheint das Rin­gen mit den Wör­tern, die als Mons­tren in die Welt gekom­men sind, als eine Vor­weg­nah­me der apo­ka­lyp­ti­schen Kamp­fes mit den Wör­tern und gegen die Wör­ter, den Bur­roughs bis zum vor­geb­li­chen Ide­al­zu­stan­des des Schwei­gens in den 1960er Jah­ren führ­te. »Geneig­ter Leser, DAS WORT wird dich ansprin­gen ein Leo­par­den­mensch mit Eisen­klau­en« heißt es im »Atro­phier­ten Nach­wort« zu Naked Lunch, »es wird dir Fin­ger und Zehen abknei­fen wie ein oppor­tu­nis­ti­scher Taschen­krebs …«20
Auch Bur­roughs reflek­tiert auf einer meta­fik­tio­na­len Ebe­ne die Rol­le des Schrift­stel­lers, der sich stets am Ran­de des Schei­terns bewegt. »Mei­ne Schrift­stel­le­rei, die so uner­war­tet begon­nen hat, stirbt, kaum, dass sie gebo­ren ist«, heißt es bei  Krzyża­now­ski. »Ohne Auf­er­ste­hung.«21 In Joan­ne Turn­bulls eng­li­scher Über­set­zung (die 2012 unter dem Titel The Let­ter Kil­lers Club bei New York Review Books erschien) wird der Aus­druck »Mei­ne Schrift­stel­le­rei« tref­fen­der als »My wri­ting life« wie­der­ge­ge­ben, da damit die Umschlos­sen­heit von Leben und Schrei­ben, die  Krzyża­now­skis Exis­tenz bestimm­te, exakt beschrieb, wäh­rend der Ter­mi­nus »Schrift­stel­le­rei« eher eine Art Lohn­schrei­be­rei asso­zi­iert, die den Cha­rak­ter der lite­ra­ri­schen Pro­duk­ti­on Krzyża­now­skis nicht adäquat trifft.22 Es wäre zu wün­schen, dass die Wer­ke die­ses »Under­ground-Autors«, die schon seit den frü­hen 1990er Jah­ren im fran­zö­si­schen Ver­lag Édi­ti­ons Ver­di­ers erschei­nen, auch im deutsch­spra­chi­gen Raum einen enga­gier­ten Ver­lag fän­den, der sich über die Novi­tä­ten­ent­de­ckung hin­aus für den Autor Krzyża­now­ski enga­gier­te.
 

Bibliographische Angaben:

Sigis­mund Krzyża­now­ski. Der Club der Buch­sta­ben­mör­der. Über­setzt von Doro­thea Trot­ten­berg. Mit einem Nach­wort von Tho­mas Grob. Zürich: Dör­le­mann Ver­lag, 2015. 224 Sei­ten, 20,00 EUR. ISBN: 978–3-03820–019-2

 

Eine kür­ze­re Ver­si­on erschien unter dem Titel »Ein Lei­chen­tuch aus Wör­tern« in literaturkritik.de, Nr. 1 (Janu­ar 2016)

© Jörg Auberg 2016

 

  1. Sigis­mund Krzyża­now­ski, »Qua­drier­fix« (1926), in: Krzyża­now­ski, Lebens­lauf eines Gedan­kens. Erzäh­lun­gen, hg. Wadim Per­el­mu­ter, übers. Han­ne­lo­re Umbreit (Leip­zig: Gus­tav Kie­pen­heu­er Ver­lag, 1991), S. 19  
  2. Maxim Gor­ki, Unzeit­ge­mä­ße Gedan­ken über Kul­tur und Revo­lu­ti­on, hg. und übers. Bernd Scholz (Frankfurt/Main: Insel, 1972), S. 7  
  3. Caryl Emer­son, Ein­lei­tung zu:  Sigis­mund Krzyża­now­ski, The Let­ter Kil­lers Club (New York: New York Review Books, 2012), S. x-xi  
  4. Wadim Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, in: Krzyża­now­ski, Lebens­lauf eines Gedan­kens, S. 408  
  5. Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, S. 391–392  
  6. Isaac Rosen­feld, An Age of Enor­mi­ty: Life and Wri­ting in the For­ties and Fif­ties, hg. Theo­do­re Solotar­off (Cleve­land: World Publi­shing Com­pa­ny, 1962), S. 47  
  7. Mark Shech­ner, After the Revo­lu­ti­on: Stu­dies in the Con­tem­pora­ry Jewish Ame­ri­can Ima­gi­na­ti­on (Bloo­m­ing­ton: India­na Uni­ver­si­ty Press, 1987), S. 118  
  8. Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, S. 382  
  9. Sigis­mund Krzyża­now­ski, »Post­mark: Moscow«, in: Krzyża­now­ski, Auto­bio­gra­phy of a Corp­se, übers. Joan­ne Turn­bull (New York: New York Review Books, 2013), S. 174  
  10. Wal­ter Ben­ja­min, »Denk­bil­der«, in: Ben­ja­min, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band IV-1, hg. Till­mann Rex­roth (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1991) S. 325  
  11. Isaac Deut­scher, The Pro­phet: The Life of Leon Trot­s­ky (Lon­don: Ver­so, 2015), S. 821–946  
  12. Ben­ja­min, »Denk­bil­der«, S. 328  
  13. Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, S. 387  
  14. Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, S. 396  
  15. Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, S. 399  
  16. cf. Oli­ver Sacks, The Mind’s Eye, Kapi­tel »A Man of Let­ters« (Lon­don: Pica­dor, 2010) Kind­le-Aus­ga­be  
  17. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 109  
  18. Krzyża­now­ski. Der Club der Buch­sta­ben­mör­der, übers. Doro­thea Trot­ten­berg (Zürich: Dör­le­mann, 2015), S. 13  
  19. Krzyża­now­ski. Der Club der Buch­sta­ben­mör­der, S. 206  
  20. Wil­liam S. Bur­roughs, »Naked Lunch«, in: Wil­liam S. Bur­roughs I, hg. und übers. Carl Weiss­ner (Frankfurt/Main: Zwei­tau­send­eins, 1978), S. 532  
  21. Krzyża­now­ski. Der Club der Buch­sta­ben­mör­der, S. 206  
  22. Krzyża­now­ski, The Let­ter Kil­lers Club, S. 111  

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