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Dezember 2016 Posts

Ian Kershaw: Höllensturz

Blick in den Höl­len­schlund


Ian Kers­haw erzählt in sei­nem meis­ter­li­chen Buch Höl­len­sturz die Geschich­te der euro­päi­schen Selbst­zer­stö­rung in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts

Von Jörg Auberg

 

Die ehemalige Hanse- und Garnisonsstadt Wesel am Rhein wurde im Frühjahr 1945 zu 97 Prozent zerstört.

Die ehe­ma­li­ge Han­se- und Gar­ni­sons­stadt Wesel am Rhein wur­de im Früh­jahr 1945 zu 97 Pro­zent zer­stört.

In der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts beweg­ten sich nahe­zu alle Län­der auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent in zahl­rei­chen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen am Ran­de der Selbst­aus­lö­schung. »Jeder euro­päi­sche Krieg war ein Krieg, der von Euro­pa ver­lo­ren wur­de«, kom­men­tier­te im Dezem­ber 1944 Cyril Con­nol­ly in der eng­li­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift Hori­zon.1 Am Ende der Ver­nich­tung blie­ben alle als Ver­lie­rer in den ver­brann­ten Ter­ri­to­ri­en Euro­pas zurück. Die Geschich­te des drei­ßig­jäh­ri­gen »Bür­ger­krie­ges«2 in Euro­pa vom Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges bis zum Jah­re 1949, als mit der Grün­dung des Euro­pa­rats der Ver­such einer poli­ti­schen Neu­ge­stal­tung unter­nom­men wur­de, beschreibt Ian Kers­haw in sei­nem Buch Höl­len­sturz.

»Man stirbt für sei­ne Idea­le, weil es sich nicht lohnt, für sie zu leben. Oder: es ist als Idea­list leich­ter zu ster­ben als zu leben.«  – Robert Musil

Für Kers­haw ist der Ers­te Welt­krieg die »Urka­ta­stro­phe des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts«3 (wie Geor­ge Kennan sie mar­kant beti­tel­te), der die Mons­tren des völ­ki­schen Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus und Auto­ri­ta­ris­mus ent­stie­gen und die den Boden für die noch grö­ße­re Kata­stro­phe des Zwei­ten Welt­krie­ges berei­te­te. In den Augen Kers­haws tau­mel­ten die euro­päi­schen Mäch­te Deutsch­land, Öster­reich Frank­reich, Eng­land und Russ­land kei­nes­wegs »schlaf­wand­le­risch« in das »gro­ße Mas­sa­ker«, son­dern nah­men in ihrem macht­po­li­ti­schen Kal­kül den Krieg klar in Kauf, unter­schätz­ten aber die Hef­tig­keit und Lang­wie­rig­keit der mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Auf­grund des tech­ni­schen Fort­schritts in der mili­tä­ri­schen Tech­no­lo­gie hoff­ten die Macht­ha­ber und ihre Gene­rä­le vor allem in Deutsch­land auf einen kur­zen und regio­nal beschränk­ten Kon­flikt und besa­ßen kei­ne Vor­stel­lung, wel­chen kata­stro­pha­len Flä­chen- und Wel­ten­brand sie mit ihren Aktio­nen anrich­te­ten. Für Robert Musil ließ sich die­ser Krieg auf eine ein­fa­che For­mel brin­gen: »Man stirbt für sei­ne Idea­le, weil es sich nicht lohnt, für sie zu leben. Oder: es ist als Idea­list leich­ter zu ster­ben als zu leben.«4

 

Ian Kershaw: To Hell and Back (Allen Lane, 2015)

Ian Kers­haw: To Hell and Back (Allen Lane, 2015)

Am Ende brach­te die­ser Krieg nicht allein Zer­stö­rung und mil­lio­nen­fa­chen Tod, son­dern bahn­te auch den Weg für faschis­ti­sche Bewe­gun­gen und Regime in ganz Euro­pa und den Auf­stieg einer auto­ri­tä­ren kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur in Russ­land, die in den kom­men­den Jahr­zehn­ten um die glo­ba­le Hege­mo­nie stritt. Aus einer pan­ora­ma­ti­schen euro­päi­schen Per­spek­ti­ve stellt Kers­haw die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen nicht nur von Staa­ten wie Eng­land, Frank­reich, Russ­land und Ita­li­en dar, son­dern ver­liert auch jene in Län­dern der Peri­phe­rie wie Polen, Ungarn, der Tsche­cho­slo­wa­kei und der Ukrai­ne nicht aus den Augen. Das Euro­pa der Nach­kriegs­zeit stell­te sich als ein zer­klüf­te­tes Ter­rain dar, in dem in man­chen Län­dern die Demo­kra­tie den Anfein­dun­gen und Über­grif­fen auto­ri­tär-faschis­ti­scher Grup­pen und Bewe­gun­gen wider­stand, wäh­rend anders­wo die extre­me Rech­te leich­tes Spiel hat­te und das »Ande­re« oder das »Frem­de« aus ihren Land­schaf­ten in Pogro­men oder eth­ni­schen Säu­be­run­gen tilg­ten. In den 1930er Jah­ren tri­um­phier­te die Herr­schaft des Auto­ri­ta­ris­mus, in dem ein­zig das Recht des Stär­ke­ren galt.  

Beein­dru­ckend ist an Kers­haws Buch nicht allein die Mas­se der Lite­ra­tur, die Kers­haw ver­ar­bei­tet, son­dern auch sei­ne her­aus­ra­gen­de Fähig­keit, all die Fak­ten und Ereig­nis­se der Jahr­zehn­te zu einer empa­thi­schen, von einer kon­sis­ten­ten Span­nungs­dich­te gepräg­ten Dar­stel­lung zu ver­knüp­fen, wobei er auf einen wuchern­den Fuß­no­ten­ap­pa­rat ver­zich­tet und mit Zita­ten spar­sam und sorg­fäl­tig umgeht. Dabei kommt er dem von Theo­dor W. Ador­no pos­tu­lier­ten Ide­al eines »anstän­dig gear­bei­te­ten Tex­tes« sehr nahe: »Anstän­dig gear­bei­te­te Tex­te sind wie Spinn­we­ben: dicht, kon­zen­trisch, trans­pa­rent, wohl­ge­fügt und befes­tigt.«5

 

Ian Kershawe: Höllensturz (Deutsche Verlags-Anstalt, 2016)

Ian Kers­haw: Höl­len­sturz (Deut­sche Ver­lags-Anstalt, 2016)

Aber trotz aller Bril­lanz hat auch Höl­len­sturz sei­ne Schwä­chen. So ver­nach­läs­sigt Kers­haw zum einen das Pro­blem des Kolo­nia­lis­mus, das in die­ser Geschich­te des euro­päi­schen „Bür­ger­krie­ges“ kaum vor­kommt, aber bis heu­te die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren in Euro­pa beein­flusst. Zum ande­ren ver­hin­dert der wei­te Blick auf das euro­päi­sche Pan­ora­ma zuwei­len eine schär­fe­re Ana­ly­se der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Ver­hält­nis­se. Ein Bei­spiel hier­für ist Kers­haws Beschrei­bung der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 (im eng­li­schen Ori­gi­nal »Nazi take­over« genannt, wäh­rend sie in der deut­schen Über­set­zung mal mit »Macht­über­nah­me« und mal mit dem eine Usur­pa­ti­on insi­nu­ie­ren­den Begriff der »Macht­er­grei­fung« bezeich­net wird). »Als der Wür­ge­griff der Kri­se immer enger wur­de«, schreibt er, »zer­brach das Gesell­schafts­ge­fü­ge, und die ideo­lo­gi­sche Kluft ver­tief­te sich zum Abgrund.«6 In sei­ner Inter­pre­ta­ti­on brach sich in einer deut­schen »Gefüh­lig­keit« eine Sehn­sucht nach natio­na­ler Ret­tung Bahn, die in die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Macht­über­nah­me mün­de­te.

 

Dabei erweckt Kers­haw den Ein­druck, als wären die »trau­ma­ti­sier­ten Deut­schen«7 ledig­lich Opfer über- oder unmensch­li­cher Kräf­te, nicht aber ver­ant­wort­lich für das geschicht­li­che Gesche­hen. Zwar kri­ti­siert er spä­ter die Grund­ten­denz der Deut­schen, sich stets als Opfer zu sti­li­sie­ren, wäh­rend sie die Schuld ande­ren auf­bür­de­ten, doch wird der Erzäh­ler an sol­chen Stel­len selbst Opfer sei­ner huma­nen Empa­thie. Bereits in einer Rezen­si­on von Kers­haws Buch The End: Hitler’s Ger­ma­ny, 1944–45 (2011) in der Zeit­schrift The New Sta­tes­man hat­te der im Jah­re 2015 ver­stor­be­ne His­to­ri­ker David Cesara­ni (Autor der monu­men­ta­len Stu­die Final Solu­ti­on: The Fate of the Jews 1933–49) moniert, dass Kers­haw das Aus­maß unter­schät­ze, in dem die »gewöhn­li­chen Deut­schen« sich in die stets grö­ße­re täg­li­che Unmensch­lich­keit im »Drit­ten Reich« ein­ge­lebt hat­ten.8

Trotz die­ser Ein­wän­de ist Höl­len­sturz ein Meis­ter­werk der Geschichts­schrei­bung – gera­de in Zei­ten, da die »bösen Geis­ter« in neu­en Kos­tü­men auf die euro­päi­sche Büh­ne zurück­ge­kehrt sind. In sei­nem empa­thi­schen Huma­nis­mus erin­nert Kers­haw an Cyril Con­nol­ly, der kurz vor Weih­nach­ten 1944 von einem »Euro­pa ohne Päs­se« schwärm­te, von einer kul­tu­rel­len Ein­heit, wo alle frei wären, dort­hin zu gehen, wohin sie woll­ten, sagen, was sie woll­ten, tun, was sie woll­ten und bezah­len, wie sie woll­ten. Con­nol­ly träum­te von einer »euro­päi­schen Föde­ra­ti­on«, die den »öko­no­mi­schen Natio­na­lis­mus« gegen einen »inter­na­tio­na­len Regio­na­lis­mus« ein­tausch­te und einen drit­ten Welt­krieg ver­hin­der­te.9 Kers­haws Buch ist eine mah­nen­de Erin­ne­rung dar­an, wohin der destruk­ti­ve Cha­rak­ter eines eng­stir­ni­gen Natio­na­lis­mus füh­ren kann.

 

Ian Kers­haw.
Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949.
Aus dem Eng­li­schen von Klaus Bin­der, Bernd Lei­ne­we­ber und Brit­ta Schrö­der.
Deut­sche Ver­lags-Anstalt, Mün­chen 2016.
768 Sei­ten, 34,99 EUR.
ISBN: 978–3-421–04722-9

 

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 1 (Janu­ar 2017)
© Jörg Auberg 2016
 

Bildquellen



Foto Innen­stadt von Wesel 1945 — Wiki­Me­dia Com­mons

Cover To Hell and Back — Allen Lane 2015

Cover Höl­len­sturz — Deut­sche Ver­lags-Anstalt 2016

Nachweise

  1. Cyril Con­nol­ly, »Com­ment«, Hori­zon, Dezem­ber 1944, S. 368, zit. in: Ian Buru­ma, Year Zero: A Histo­ry of 1945 (Lon­don: Atlan­tic Books, 2014), S. 254
  2. Cf. Enzo Tra­ver­so, Im Bann der Gewalt: Der euro­päi­sche Bür­ger­krieg, 1914–1945, übers. Micha­el Bay­er (Mün­chen: Sied­ler, 2008)
  3. Cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Urkatastrophe_des_20._Jahrhunderts
  4. Robert Musil: »Das Ende des Krie­ges«, in: Gesam­mel­te Wer­ke, Bd. 8 (Rein­bek: Rowohlt, 1978), S. 1342
  5. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 108
  6. Ian Kers­haw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949, übers. Klaus Bin­der et al (Mün­chen: DVA, 2016), S. 293
  7. Kers­haw, Höl­len­sturz, S. 547
  8. David Cesara­ni, »The End: Hitler’s Ger­ma­ny, 1944–45«, New Sta­teman, 5. Sep­tem­ber 2011, http://www.newstatesman.com/books/2011/09/germany-1944-hitler-germans«
  9. Cyril Con­nol­ly, »Com­ment«, Hori­zon, Dezem­ber 1944, S. 368, zit. in: Ian Buru­ma, Year Zero, S. 254

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Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Abseits

Leben oder erzäh­len

Fjo­dor Dos­to­jew­skis »Unter­grund­mensch« wird in einer neu­en Über­set­zung der Defor­ma­ti­on durch den reak­tio­nä­ren Zeit­geist geop­fert.

Von Jörg Auberg

 

Fjo­dor Dos­to­jew­skij (1876)

Fjodor M. Dos­to­jew­skis Novel­le Zapiski iz pod­polʹja aus dem Jah­re 1864 zählt zu den gro­ßen lite­ra­ri­schen Tex­ten des 19. Jahr­hun­derts, die auf die intel­lek­tu­el­le Ent­wick­lung der Moder­ne eine immense Wir­kung aus­üb­ten. Von Dos­to­jew­skis »Unter­grund­men­schen« (wie der namen­lo­se Erzäh­ler häu­fig genannt wur­de) wur­den Autoren wie Tho­mas Mann und Franz Kaf­ka, Jean-Paul Sart­re und Albert Camus, Saul Bel­low und Isaac Rosen­feld, Richard Wright und Ralph Elli­son beein­flusst. Im ers­ten Teil der Novel­le wen­det sich der »Unter­grund­mensch«, ein vier­zig­jäh­ri­ger ehe­ma­li­ger Beam­ter der Peters­bur­ger Büro­kra­tie, an ein ima­gi­nä­res Publi­kum, um über sich, sei­ne Krank­hei­ten und psy­chi­schen Defek­te sowie die Welt im All­ge­mei­nen zu räso­nie­ren. Nach­dem ihm eine klei­ne Erb­schaft zuge­fal­len war, ging der »bös­ar­ti­ge Büro­krat« und »Gro­bi­an« in den Ruhe­stand und rich­te­te sich in sei­nem Win­kel abseits der Gesell­schaft ein. In einer fik­ti­ven Öffent­lich­keit ent­blößt sich der »Unter­grund­mensch«, um über die Ver­derbt­heit und Unmo­ral zu schwa­dro­nie­ren und gegen den west­li­chen intel­lek­tu­el­len Zeit­geist, gegen wis­sen­schaft­li­che Ratio­na­li­tät und libe­ra­len Fort­schritts­glau­ben vom Leder zu zie­hen. Nach­dem er sich aus dem gesell­schaft­li­chen Leben zurück­ge­zo­gen hat, sucht er – wenn auch mit einer gro­ßen Por­ti­on Skep­sis – sei­ne Erret­tung im Schrei­ben. »Das Schrei­ben ist […] doch tat­säch­lich so etwas wie Arbeit«, kon­ze­diert er. »Man sagt doch, dass der Mensch durch Arbeit gut und ehr­lich wird. Das ist zumin­dest eine Chan­ce.«1

 

Fjodor Dostojewskij - Aufzeichnungen aus dem Untergrund (DTV 1985)

Fjo­dor Dos­to­jew­skij — Auf­zeich­nun­gen aus dem Unter­grund (DTV 1985)

Im zwei­ten Teil des Romans geht Dos­to­jew­skis Anti­held in die erzäh­le­ri­sche Offen­si­ve. Zunächst schil­dert er einen Kon­flikt mit alten Klas­sen­ka­me­ra­den, die ein Abschieds­es­sen für den Offi­zier Swer­k­ow geben. Unge­la­den dringt er in die Zusam­men­kunft, um sich für die frü­he­re Gering­schät­zung und Her­ab­wür­di­gung zu revan­chie­ren, doch schei­tert er mit sei­nem Ver­such der Revan­che und wird vom Offi­zier nicht wie ein eben­bür­ti­ger Geg­ner, son­dern wie ein läs­ti­ges Insekt behan­delt. Her­ab­las­send ver­wei­gert ihm der Offi­zier Satis­fak­ti­on in einem Duell. Nach die­ser Ernied­ri­gung fin­det er sich in einem Bor­dell mit der Pro­sti­tu­ier­ten Lisa wie­der, die er in einem lan­gen Mono­log mit her­ri­schem Bewusst­sein nie­der­zu­rin­gen ver­sucht, denen schließ­lich sei er – trotz aller Ver­derbt­heit – »nie­man­des Knecht«2, wäh­rend sie von Beginn an die Exis­tenz einer Skla­vin füh­re. Doch sei­ne vor­geb­li­che Frei­heit nützt ihm nicht viel: In sei­nem radi­ka­len Hass auf die Welt ver­gräbt er sich in sei­nem selbst gewähl­ten Exil. »Soll die Welt unter­ge­hen oder soll ich nie wie­der Tee trin­ken?«, fragt er rhe­to­risch. »Ich mei­ne, die Welt mag unter­ge­hen, wenn ich bloß wei­ter­hin mei­nen Tee zu trin­ken bekom­me.«3 Am Ende ver­en­det der »Unter­grund­mensch« als Klein­bür­ger, der sich im Behag­li­chen ein­rich­tet und über den eige­nen klei­nen Win­kel nicht hin­aus schaut. Für einen spä­te­ren Nach­fol­ger, den Außen­sei­ter Antoi­ne Roquen­tin in Jean-Paul Sar­tres Debüt­ro­man La Nau­sée (1938), bestand eine exis­ten­zi­el­le Wahl: »Aber man muss wäh­len: leben oder erzäh­len.« Dos­to­jew­skis »Unter­grund­mensch« ent­schei­det sich für das Letz­te­re: Auch nach­dem ihn alle ver­las­sen haben, hört er nicht auf: »Er konn­te sich nicht zurück­hal­ten und mach­te wei­ter.«4

 

Fjodor Dostojewski - Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Fjo­dor Dos­to­jew­skij — Auf­zeich­nun­gen aus dem Kel­ler­loch (Fischer 2006)

In der Ver­gan­gen­heit erschien Dos­to­jew­skis Kurz­ro­man in ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen auf Deutsch. Eli­sa­beth Kaer­rick (1886–1966) über­trug ihn unter dem Pseud­onym E. K. Rah­sin für den Piper-Ver­lag unter dem Titel Auf­zeich­nun­gen aus dem Unter­grund. Swet­la­na Gei­er (1923–2010) wähl­te als Titel ihrer Über­set­zung Auf­zeich­nun­gen aus dem Kel­ler­loch. Die neue Über­set­zung Felix Phil­ipp Ingolds unter dem Titel Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits ver­folgt ähn­lich wie Kirs­ten Lod­ges eng­li­sche Neu­über­set­zung5  aus dem Jah­re 2014 eine genaue­re Abbil­dung von Dos­to­jew­kis Ein­satz der Umgangs­spra­che, indem sie anders als die frü­he­ren Über­set­zun­gen all­tags­sprach­li­che und vul­gä­re Begrif­fe wie »Gut­mensch«, »Geil­heit«, »Schlam­pe« oder »Stin­ke­fin­ger« ver­wen­det. Ande­rer­seits ver­steigt sich Ingold auch in ver­schro­be­ne Ter­mi­ni wie »retro­grad« (in den frü­he­ren Über­set­zun­gen hieß es klar »reak­tio­när« oder »rück­schritt­lich«) oder »Ver­schlau­fun­gen« (um die Kom­ple­xi­tät des »Unter­grund­men­schen« gewis­ser­ma­ßen »ein­zu­schwei­zern«).6

 

Fjodor Dostojewskij: Notes from the Underground (Broadview Press, 2014)

Fjo­dor Dos­to­jew­skij: Notes from the Under­ground (Broad­view Press, 2014)

Vor allem aber der Begriff »Abseits« im Titel bleibt frag­wür­dig. Den Ter­mi­nus »Unter­grund«, den selbst Lodge in ihrer Neu­über­set­zung bei­be­hält, lehnt Ingold auf­grund einer vor­geb­li­chen poli­ti­schen Kon­no­ta­ti­on ab, wäh­rend er ande­rer­seits stark ideo­lo­gisch besetz­te Begrif­fe wie »Gut­mensch« oder »Stin­ke­fin­ger« beden­ken­los in den Text ein­führt. »Wohl bezeich­net das Wort podpol‘e eine Ört­lich­keit, die ›unter‹ (pod) dem ›Boden‹ gele­gen ist, doch ist der Begriff im Rus­si­schen durch­weg poli­tisch kon­no­tiert […]«7, behaup­tet der Über­set­zer. Der Ter­mi­nus »Unter­grund« bezeich­ne laut Ingold stets einen poli­ti­schen oder zumin­dest ver­schwö­re­ri­schen Wider­stand. So ist die­se Neu­über­tra­gung nicht der Ver­such einer bes­se­ren Über­set­zung, son­dern ein ideo­lo­gi­sches Unter­fan­gen. »Der Erzäh­ler wird […] von fal­schen poli­ti­schen Kon­no­ta­tio­nen befreit«, exkla­miert der Über­set­zer in auto­ri­tä­rem Ges­tus, »er ist kein regi­me­feind­li­cher Ver­schwö­rer oder Unter­grund­kämp­fer, son­dern ein eben­so kon­se­quen­ter wie exzen­tri­scher Ein­zel­gän­ger […].«8

 

Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Abseits

Fjo­dor Dos­to­jew­skij: Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits (Dör­le­mann 2016)

Damit wird der »Unter­grund­mensch« in einer feind­li­chen Über­nah­me der Volks­ge­mein­schaft der »Wut­bür­ger« ein­ver­leibt, in der kei­ne gesell­schaft­li­che Oppo­si­ti­on mehr exis­tiert. Gedan­ken an »mora­li­sche Unter­grund­lin­ge«9 (wie sie Isaac Rosen­feld for­mu­lier­te) oder Ide­en sub­kul­tu­rel­ler Devia­tio­nen (wie sie Jack Kerou­ac in The Sub­ter­ra­ne­ans beschrieb oder Bob Dyl­an in Sub­ter­ra­ne­an Home­sick Blues besang) wer­den aus­ge­löscht. So wird die letz­te Zel­le des Wider­stän­di­gen im Unter­ir­di­schen, in dem sich ein Frei­raum jen­seits der tota­len Ver­ge­sell­schaf­tung erhält, von der Bild­flä­che getilgt. Unter dem Vor­wand, einen alten Text von fal­schen Vor­stel­lun­gen zu befrei­en, wird die alte Zeit des Grau­ens neu auf­be­rei­tet. Oder mit Max Hork­hei­mer gespro­chen: »Ban­k­erott ist der Glau­be dar­an, daß man etwas hin­ter sich hat.«10

 

 

 

Biblio­gra­phi­sche Anga­ben:

Fjo­dor Dos­to­jew­ski.
Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits.
Aus dem Rus­si­schen neu über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Felix Phil­ipp Ingold.
Zürich: Dör­le­mann, 2016.
256 Sei­ten, 19,00 EUR.

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 12 (Dezem­ber 2016)

© Jörg Auberg 2016

 

Bildquellen



Por­trät Fjo­dor Dos­to­jew­ski (1876) — Wiki­Me­dia Com­mons

Cover Auf­zeich­nun­gen aus dem Unter­grund — Deut­scher Taschen­buch Ver­lag 1985

Cover Auf­zeich­nun­gen aus dem Kel­ler­loch — Fischer 2006

Cover Notes from the Under­ground — Broad­view Press 2014

Cover Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits — Dör­le­mann
2016

Nachweise

  1. Fjo­dor Dos­to­jew­ski, Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits, hg. und übers. Felix Phil­ipp Ingold (Zürich: Dör­le­mann, 2016), S. 71
  2. Dos­to­jew­ski, Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits, S. 156–157
  3. Dos­to­jew­ski, Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits, S. 206
  4. Jean-Paul Sart­re, Der Ekel, übers. Uli Aumül­ler (Rein­bek: Rowohlt, 1982), S. 50
  5. Fyo­dor Dosto­evs­ky, Notes from the Under­ground, übers. Kirs­ten Lodge (Peter­bo­rough, ON: Broad­view Press, 2014
  6. Dos­to­jew­ski, Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits, S. 37, 132, 189, 49, 46, 243
  7. Ingold, Nach­wort zu: Dos­to­jew­ski, Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits, S. 252
  8. Ingold, Nach­wort zu: Dos­to­jew­ski, Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits, S. 254
  9. Isaac Rosen­feld, »Jour­nal of a Genera­ti­on« (1943), rpt. in: Isaac Rosen­feld, An Age of Enor­mi­ty: Life and Wri­ting in the For­ties and Fif­ties, hg. Theo­do­re Solotar­off (Cleve­land: World Publi­shing Com­pa­ny, 1962), S. 47
  10. Max Hork­hei­mer, »Auto­ri­tä­rer Staat« (1940/1942), in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 313

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