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Juli 2017 Posts

Jeanette Erazo Heufelder: Der argentinische Krösus

SPUREN EINES VERGESSENEN

 

In ihrem Buch Der argentinische Krösus lässt Jeanette Erazo Heufelder dem Gründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Felix Weil, Gerechtigkeit widerfahren

 

von Jörg Auberg

 

Als in den acht­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts die Anzahl von Mono­gra­fi­en, Zeit­schrif­ten­ar­ti­keln, Dis­ser­ta­tio­nen, Sym­po­si­en und Semi­na­ren zur Geschich­te des Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung exor­bi­tant anwuchs, fühl­te sich der letz­te Über­le­ben­de der Grün­der­ge­ne­ra­ti­on der »Frank­fur­ter Schu­le«, Leo Löwen­thal, von einem Unbe­ha­gen gegen­über die­ser aka­de­mi­schen Nekro­man­tik umweht. In sei­nen Augen brei­te­te sich an den Uni­ver­si­tä­ten eine Art »Frank­fur­ter Schul-Indus­trie« aus, die kei­nen Bei­trag zu einer kri­ti­schen Theo­rie der Gesell­schaft lie­fer­te, son­dern sich in der Inter­pre­ta­ti­on einer ver­gan­ge­nen Geschich­te erschöpf­te. »Gele­gent­lich«, mein­te der höf­li­che Grand­sei­gneur der »Kri­ti­schen Theo­rie«, hät­ten die­se Ela­bo­ra­te »den Cha­rak­ter tal­mu­di­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die zu ver­schie­de­nen Zei­ten diver­gie­ren­de Bedeu­tung die­ses oder jenes Theo­rems oder über die wech­sel­sei­ti­gen Bezie­hun­gen die­ses oder jenes Mit­glieds der Grup­pe in die­ser oder jener Pha­se.«1

Obgleich auch in den Jahr­zehn­ten nach Löwent­hals Kri­tik die Biblio­thek über die »Frank­fur­ter Schu­le« wei­ter anwuchs, erhielt nicht jedes Mit­glied der Grün­dungs­grup­pe jene Auf­merk­sam­keit, die es ver­dien­te. In den ein­schlä­gi­gen His­to­rio­gra­fi­en der »Frank­fur­ter Schu­le« wird zwar Felix Weil als jun­ger, wohl­ha­ben­der Sym­pa­thi­sant erwähnt, der sei­nen Vater Her­mann Weil, einen rei­chen deutsch-argen­ti­ni­schen Getrei­de­händ­ler aus Steins­furt, dazu über­re­de­te, mit­tels einer groß­zü­gi­gen Stif­tung den Grund­stein für das Frank­fur­ter Insti­tut für Sozi­al­for­schung zu legen, doch wur­de nie sei­ne lebens­lan­ge Ver­bin­dung zur Grün­der­ge­ne­ra­ti­on der »Frank­fur­ter Schu­le« genau­er beleuch­tet. Noch in der jüngs­ten His­to­rio­gra­fie Grand Hotel Abyss des Jour­na­lis­ten Stuart Jef­fries kommt Felix Weil über einen Cameo-Auf­tritt nicht hin­aus und erscheint als kli­schee­be­haf­te­te Figur des radi­ka­len Fili­us eines rei­chen kon­ser­va­ti­ven Vaters. »In den frü­hen 1920er Jah­ren bat Felix sei­nen Vater um etwas Geld«, schreibt Jef­fries. »Er hät­te um alles bit­ten kön­nen – eine Yacht, ein Land­gut, einen Por­sche [sic!]. Doch statt­des­sen bat er Her­mann, ein mar­xis­ti­sches, mult­idis­zi­pli­nä­res Uni­ver­si­täts­in­sti­tut zu finan­zie­ren.«2

 

Jeanette Erzao Heufelder: Der argentinische Krösus (Berenberg, 2017)

Jea­net­te Erzao Heu­fel­der: Der argen­ti­ni­sche Krö­sus (Beren­berg, 2017)

Diesem gän­gi­gen Bild des Mäzens der »Frank­fur­ter Schu­le« setzt die Eth­no­lo­gin und Doku­men­tar­fil­me­rin Jea­net­te Era­zo Heu­fel­der ihre Bio­gra­fie Der argen­ti­ni­sche Krö­sus ent­ge­gen. Dar­in unter­zieht sie eini­ge Mythen, die Fried­rich Pol­lock und ande­re Grün­dungs­mit­glie­der des Insti­tuts in den 1970er Jah­ren in die Welt setz­ten und von His­to­rio­gra­fen spä­te­rer Gene­ra­tio­nen unge­prüft als his­to­ri­sche Fak­ten über­nom­men wur­den, einer grund­le­gen­den fak­ti­schen Über­prü­fung. Felix Weil war weit mehr als der rei­che Erbe, der »sei­nen Namen unter einen Scheck malen« konn­te, als den ihn Pol­lock spä­ter abschät­zig beschrieb.3 Zwar hat sich in der Geschichts­schrei­bung mitt­ler­wei­le die Erkennt­nis durch­ge­setzt, dass nicht Pol­lock für die Grün­dung des Insti­tuts für Sozi­al­for­schung ver­ant­wort­lich war (wie er in den frü­hen 1970er Jah­re behaup­te­te), son­dern Felix Weil4, doch ver­lie­ren sich sei­ne Spu­ren nach den Grün­dungs­jah­ren in den Insti­tuts­bio­gra­fi­en. Der argen­ti­ni­sche Krö­sus lässt Felix Weil Gerech­tig­keit wider­fah­ren. Heu­fel­der nutzt nicht allein die umfang­rei­che For­schungs­li­te­ra­tur und zahl­rei­che Archiv­ma­te­ria­li­en für die Rekon­struk­ti­on ihrer Geschich­te, son­dern auch die Frag­ment geblie­be­nen, unver­öf­fent­lich­ten Lebens­er­in­ne­run­gen Felix Weils. Mit ihrem viel­schich­ti­gen Buch gelingt Heu­fel­der ein kri­ti­sches Kor­rek­tiv zur bis­he­ri­gen herr­schen­den Geschichts­schrei­bung der »Frank­fur­ter Schu­le«, ohne in ein momen­tan modi­sches Denun­zi­an­ten­tum abzu­rut­schen, wie es etwa der His­to­ri­ker Jörg Spä­ter in sei­ner Bio­gra­fie Sieg­fried Kra­cau­ers vor­führ­te, in der er dif­fa­ma­to­risch über die »Hork­hei­mer-Ban­de« schwa­dro­nier­te.5

 

Gruppenfoto der Teilnehmer der »Ersten marxististischen Arbeitswoche« 1923 - Friedrich Pollock (obere Reihe, 2. von links), Georg Lukács (obere Reihe, 4. von links), Felix Weil (obere Reihe, 2. von rechts).

Grup­pen­fo­to der Teil­neh­mer der »Ers­ten mar­xis­tis­ti­schen Arbeits­wo­che« 1923 — Fried­rich Pol­lock (obe­re Rei­he, 2. von links), Georg Lukács (obe­re Rei­he, 4. von links), Felix Weil (obe­re Rei­he, 2. von rechts).

Ihre Geschich­te des Lebens­we­ges Felix Weils erzählt Heu­fel­der in drei Tei­len. 1898 in Bue­nos Aires gebo­ren und im »Reich aus Wei­zen« als »Kron­prinz« sei­nes Vaters auf­ge­wach­sen, kehr­te er mit neun Jah­ren nach Frank­furt zurück und stu­dier­te nach dem Abitur Natio­nal­öko­no­mie in Tübin­gen und Frank­furt. Im Zuge der revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­se 1918 begann er, mit der radi­ka­len Lin­ken und dem Mar­xis­mus zu sym­pa­thi­sie­ren. In den frü­hen 1920ern lern­te er Max Hork­hei­mer und Fried­rich Pol­lock ken­nen, zu denen er im Lau­fe der Jah­re eine enge Freund­schaft auf­bau­te.

1922 orga­ni­sier­te er ein Sym­po­si­um unter dem Titel »Ers­te mar­xis­ti­sche Arbeits­wo­che«, des­sen Ziel es sein soll­te, unter­schied­li­che mar­xis­ti­sche Strö­mun­gen zu ver­ei­nen. Zu den Teil­neh­mern gehör­ten Georg Lukács, Karl Korsch, Karl August Witt­fo­gel, Juli­an Gum­perz, Richard Sor­ge Fried­rich Pol­lock und ande­re. Der Erfolg die­ses Sym­po­si­ums bestärk­te Weil in dem Vor­ha­ben, ein Insti­tut ins Leben zu rufen, des­sen Ziel es war, auf mar­xis­ti­scher Basis gesell­schaft­li­che Strö­mun­gen und Ent­wick­lun­gen zu erfor­schen, ohne sich von den aktu­el­len Que­re­len zwi­schen Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten beein­flus­sen zu las­sen. Der Grund­stock für die­ses Insti­tut soll­te aus dem Ver­mö­gen sei­nes Vaters kom­men. Obwohl Her­mann Weil eher kon­ser­va­ti­ve Vor­stel­lun­gen präg­ten, hielt er den­noch ein gesell­schafts­kri­ti­sches Insti­tut für not­wen­dig – gera­de in einer Zeit, da der Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land tri­um­phier­te und Gewalt gegen Expo­nen­ten des deut­schen Juden­tums aus­üb­te. Mit der Aus­sicht auf künf­ti­ge Stif­tungs­gel­der wur­de der kon­ser­va­ti­ven Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät – wie Heu­fel­der schreibt – ein mar­xis­ti­sches Insti­tut wie ein Kuckucks­ei unter­ge­ju­belt.6 Neben der Finan­zie­rung des Insti­tuts enga­gier­te sich Weil auch in der Unter­stüt­zung des lin­ken Malik-Ver­la­ges und von Thea­ter-Insze­nie­run­gen des Regis­seurs Erwin Pis­ca­tor.

Als sich in Deutsch­land zu Beginn der 1930er Jah­re eine Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten abzeich­ne­te, wur­de das Stif­tungs­ver­mö­gen des Insti­tuts für Sozi­al­for­schung zunächst nach Hol­land trans­fe­riert, ehe es nach 1933 in die USA ver­la­gert wur­de. In den 1930er Jah­ren führ­ten Fami­li­en­strei­tig­kei­ten Felix Weil in die Ner­ven­zer­rüt­tung und das Insti­tut an den Rand des Bank­rotts. Schließ­lich lös­te sich die Insti­tuts­grup­pe zu Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges auf: Wäh­rend Her­bert Mar­cu­se, Leo Löwen­thal und Franz Neu­mann im Office of Stra­te­gic Ser­vices (OSS) neue Betä­ti­gung fan­den, zogen Hork­hei­mer und sein Adla­tus Pol­lock sowie Theo­dor W. Ador­no an die kali­for­ni­sche West­küs­te. Unter­des­sen hat­te sich Weil aus Latein­ame­ri­ka ver­ab­schie­det und erhielt 1946 sei­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft.

In der Nach­kriegs­zeit gewann das von ihm gegrün­de­te Insti­tut im restau­rier­ten Deutsch­land an sozia­lem und wirt­schaft­li­chem Renom­mee und reüs­sier­te im insti­tu­tio­nel­len Geschäft der Bun­des­re­pu­blik, wäh­rend der eins­ti­ge Krö­sus, der sein Ver­mö­gen nahe­zu voll­stän­dig dem Insti­tut für Sozi­al­for­schung über­ant­wor­tet hat­te, auch auf Grund meh­re­rer geschei­ter­ter Ehen und zuneh­men­der Kos­ten für Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te mehr und mehr ver­arm­te. Am Ende stieg der Stif­ter, für den das Wohl des Insti­tuts an obers­ter Stel­le stand, in der sozia­len Hier­ar­chie ab. Im Gegen­satz zu sei­nen eins­ti­gen Freun­den Hork­hei­mer und Pol­lock, die ihren Lebens­abend im schwei­ze­ri­schen Tes­sin ver­brach­ten und ihr Lebens­werk in siche­ren Hän­den wuss­ten, muss­te Weil um sei­ne Rol­le in der His­to­rio­gra­fie der »Frank­fur­ter Schu­le« kämp­fen, ohne dass es ihm bis 1975, als ein Herz­in­farkt sei­nem Leben ein Ende berei­te­te, gelang, sei­ne Lebens­er­in­ne­run­gen zu voll­enden. Nie hat­ten Hork­hei­mer und Pol­lock sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Ambi­tio­nen ernst genom­men. Sie akzep­tier­ten ihn als Geld­ge­ber, jedoch nicht als Mit­glied der »Grup­pe«. Fami­liä­re Intri­gen in den 1930er Jah­ren, wel­che die Exis­tenz des Insti­tuts im Exil gefähr­de­ten, schwäch­ten nicht allein Weils Posi­ti­on als Mäzen, son­dern Hork­hei­mer und Pol­lock nutz­ten die­se Gele­gen­heit auch dazu, Weil »unter ihre Fit­ti­che« zu neh­men. Damit ver­lor er im Insti­tut wei­ter an Anse­hen.

Es ist das Ver­dienst Jea­net­te Era­zo Heu­fel­ders, dass sie die­se »unter­see­ische« Geschich­te akri­bisch recher­chier­te und zu einer enga­gier­ten, lesens­wer­ten Erzäh­lung gestal­te­te, die einer lan­ge ver­nach­läs­sig­ten Figur der »Frank­fur­ter Schu­le« zu einer längst über­fäl­li­gen Auf­merk­sam­keit ver­hilft. So gelingt ihr ein kri­ti­scher Bei­trag, der eine not­wen­di­ge Rich­tig­stel­lung zur His­to­rio­gra­fie der »Frank­fur­ter Schul-Indus­trie« dar­stellt.

 

 

Bibliografische Angaben:

Jea­net­te Era­zo Heu­fel­der.
Der argen­ti­ni­sche Krö­sus:
Klei­ne Wirt­schafts­ge­schich­te der Frank­fur­ter Schu­le.
Ber­lin: Beren­berg Ver­lag, 2017.
208 Sei­ten, 24,00 Euro.

 

Bildquellen



Cover »Der argen­ti­ni­sche Krö­sus« — Beren­berg Ver­lag

Grup­pen­fo­to »Ers­te mar­xis­ti­sche Arbeits­wo­che« — Mar­xists Inter­net Archi­ve: The Frank­furt School and »Cri­ti­cal Theo­ry«

© Jörg Auberg 2017

Nachweise

  1. Leo Löwen­thal, »Ador­no und sei­ne Kri­ti­ker«, in: Löwen­thal, Schrif­ten, Band 4, hg Hel­mut Dubiel (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1990), S. 65
  2. Stuart Jef­fries, Grand Hotel Abyss: The Lives of the Frank­furt School (Lon­don: Ver­so, 2016), S. 75. Das ers­te Seri­en­mo­dell des Por­sche wur­de 1948 pro­du­ziert.
  3. Jea­net­te Era­zo Heu­fel­der, Der argen­ti­ni­sche Krö­sus: Klei­ne Wirt­schafts­ge­schich­te der Frank­fur­ter Schu­le (Ber­lin: Beren­berg, 2017), S. 173
  4. Cf. Tho­mas Whe­at­land, The Frank­furt School in Exi­le (Min­nea­po­lis: Uni­ver­si­ty of Min­ne­so­ta Press, 2009), S. 6. »Das Insti­tut für Sozi­al­for­schung (…) war die Schöp­fung Felix Weils (…).« – Andy Blun­den, »The Frank­furt School and ›Cri­ti­cal Theo­ry‹«, https://www.marxists.org/subject/frankfurt-school/
  5. Jörg Spä­ter, Sieg­fried Kra­cau­er: Eine Bio­gra­phie (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 376
  6. Heu­fel­der, Der argen­ti­ni­sche Krö­sus, S. 52

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