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April 2018 Posts

Alan Wald: The New York Intellectuals

Untergrundlinge und Loftmenschen

Anmerkungen zu Alan Walds Kritik der New Yorker Intellektuellen

Von Jörg Auberg

 

Partisan Review - April/Mai 1935

Par­ti­san Review — April/Mai 1935

Nach einem lan­gen Win­ter der Ago­nie läu­te­te im Früh­jahr 2003 für die Par­ti­san Review, »einst die wich­tigs­te intel­lek­tu­el­le Zeit­schrift in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten«1 (wie es in einem Nach­ruf hieß), die Toten­glo­cke. Obwohl sie über drei Jahr­zehn­te bereits im Koma gele­gen hat­te, kam die Nach­richt von ihrem Able­ben doch über­ra­schend: Aus­ge­rech­net in ihrem sieb­zigs­ten Jahr­gang mach­te man ihr den Gar­aus, nagel­te den Sarg zu und ließ sie im Orkus ver­schwin­den. Zuletzt düm­pel­te das eins­ti­ge Flagg­schiff der ame­ri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len bei einer Auf­la­ge von 3200 Exem­pla­ren vor sich hin, und der Tod des letz­ten Her­aus­ge­bers eröff­ne­te dem aktu­el­len Besit­zer der Zeit­schrift die Gele­gen­heit, des Ver­lust­ob­jek­tes sich zu ent­le­di­gen. »Die all­ge­mei­ne Hal­tung war, dass die Par­ti­san Review ein Reli­qui­en­schrein war«2, gab er zu Pro­to­koll und begrub die Zeit­schrift, mit der die Grup­pe der »New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len« seit den drei­ßi­ger Jah­ren dazu bei­ge­tra­gen hat­te, die US-ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur zu ent­pro­vin­zia­li­sie­ren und das Publi­kum in den USA dem Moder­nis­mus ent­ge­gen­zu­füh­ren. Mit dem unwi­der­ruf­li­chen Ende der Par­ti­san Review wur­de eine Ära ent­sorgt, die unrett­bar mit dem »alten Euro­pa« ver­bun­den war und deren Resi­du­en in der »neu­en ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik« des frü­hen 21. Jahr­hun­derts gänz­lich fehl am Platz waren.

Spuren der Verwüstung

Die Geschich­te der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len ist in vie­ler Hin­sicht typisch für die Ent­wick­lung lin­ker Intel­lek­tu­el­ler im 20. Jahr­hun­dert. Ihren Anfang nahm sie in der Gro­ßen Depres­si­on, als sich links ori­en­tier­te Schrift­stel­ler, Poe­ten, Essay­is­ten, Kri­ti­ker und Jour­na­lis­ten um die Par­ti­san Review schar­ten. Vor­wie­gend aus jüdi­schen Immi­gran­ten­fa­mi­li­en stam­mend, hat­ten vie­le von ihnen zunächst mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei sym­pa­thi­siert, schlu­gen aber im Zuge der Mos­kau­er Pro­zes­se einen von Leo Trotz­ki beein­fluss­ten antis­ta­li­nis­ti­schen Kurs ein und begrif­fen sich als Vor­kämp­fer einer revo­lu­tio­nä­ren künst­le­ri­schen Moder­ne, deren Reprä­sen­tan­ten sowohl in den auto­ri­tä­ren als auch in den demo­kra­tisch ver­fass­ten Staa­ten ver­femt und atta­ckiert wur­den.

 

New York Intellectuals - Book Covers

Im Lau­fe der Jah­re began­nen jedoch die mar­xis­ti­schen Über­zeu­gun­gen bei den meis­ten Ange­hö­ri­gen die­ses Zir­kels zu schwin­den: Nach dem zwei­ten Welt­krieg enga­gier­ten sie sich als geläu­ter­te Libe­ra­le und wie­der­ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner im anti­kom­mu­nis­ti­schen Kampf gegen den sta­li­nis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus und für die kul­tu­rel­le Frei­heit. Schließ­lich war es ihnen gelun­gen, aus der Peri­phe­rie ins Zen­trum der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft vor­zu­drin­gen und die intel­lek­tu­el­le Debat­te bis Ende der fünf­zi­ger Jah­re zu bestim­men: Die »Unter­grund­lin­ge«3 aus Brook­lyn oder der Bronx ver­wan­del­ten sich in »Loft­men­schen« in der Upper West Side. Wer etwas auf sich hielt, hat­te die Par­ti­san Review abon­niert und stell­te das Inven­tar­stück für jeden Besu­cher leicht erkenn­bar im Apart­ment aus, wie ein magi­sches Objekt, von dem eine illu­mi­nie­ren­de, pres­ti­giö­se Strah­lung auf den Abon­nen­ten über­ging. Nun waren die eins­ti­gen Bohe­mi­ens respek­ta­bel gewor­den und gehör­ten zum Esta­blish­ment. Für nach­ge­bo­re­ne Intel­lek­tu­el­le der Lin­ken hat­ten sie die Idea­le ihrer Jugend ver­ra­ten und sich ans Sys­tem ver­kauft. Der beken­nen­de Trotz­kist Alan Wald, der für sei­ne volu­mi­nö­se Stu­die der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel The New York Intel­lec­tu­als fast fünf­zehn Jah­re lang in Biblio­the­ken und Archi­ven recher­chier­te und auf aus­ge­dehn­ten Rei­sen kreuz und quer über den nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent diver­se Zeit­zeu­gen auf­spür­te, ist der Auf­fas­sung, dass sich die Par­tis­ans mit ihrer Drift vom lin­ken Antis­ta­li­nis­mus zum libe­ra­len Anti­kom­mu­nis­mus ihrer kri­ti­schen Fähig­kei­ten ent­schlu­gen und als ver­blen­de­te Cla­queu­re der kul­tu­rel­len Ein­däm­mungs­po­li­tik im Kal­ten Krieg ende­ten. Über die ver­meint­li­chen Deser­teu­re und Rene­ga­ten wird mora­lisch gerich­tet: Als sie noch im Ter­rain der antis­ta­li­nis­ti­schen Lin­ken ihre Heim­statt hat­ten, war ihr kri­ti­scher Ver­stand unge­trübt, lau­tet die Kla­ge, doch als sie von der Fah­ne gin­gen und sich fei­ge davon­stah­len, schien sich ihr Intel­lekt – als gerech­te Stra­fe für ihre ruch­lo­se Apost­asie – unauf­halt­sam zurück­zu­bil­den.

 

Alan Wald - The New York Intellectuals (University of North Carolina Press, 1987)

Alan Wald — The New York Intel­lec­tu­als (Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 1987)

In Walds Erzäh­lun­gen sind die Ter­ri­to­ri­en peni­bel abge­zir­kelt und in über­sicht­li­che Par­zel­len auf­ge­teilt, doch ver­gisst der Erzäh­ler in sei­nem groß ange­leg­ten Ver­such zur Erret­tung der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit, dass dem Absprin­gen vom Red Spe­cial lang­wie­ri­ge, kom­ple­xe Pro­zes­se im intel­lek­tu­el­len Milieu vor­aus­gin­gen, über die kei­ne lite­ra­tur­kri­ti­schen Essays, poli­ti­schen Ver­laut­ba­run­gen oder theo­re­ti­schen Abhand­lun­gen im inter­nen Zir­ku­lar irgend­ei­ner Split­ter­par­tei Aus­kunft geben. Die abrup­ten, zuwei­len gro­tesk-komisch anmu­ten­den Kehrt­wen­dun­gen in der intel­lek­tu­el­len Are­na, die Wald akri­bisch rekon­stru­iert, schei­nen den Erzäh­ler mehr zu frap­pie­ren als sei­ne Prot­ago­nis­ten. In sei­ner humor­lo­sen Ver­bis­sen­heit nimmt er ihre poli­ti­sche Über­zeu­gung und ihr Bekennt­nis zur »radi­ka­len Lin­ken« erns­ter als die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len selbst. Ohne dass es Wald auf sei­nen aus­ge­dehn­ten Exkur­sio­nen durch die Kata­kom­ben der Geschich­te recht wahr­nimmt, fan­den sich bereits in ihrer radi­ka­len Pha­se wäh­rend der Gro­ßen Depres­si­on kon­ser­va­ti­ve Spu­ren in ihrer Kri­tik der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur. Frag­lich ist, ob ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment tat­säch­lich einen zen­tra­len Stel­len­wert besaß, ob die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len in ihrer Jugend rea­li­ter sol­che »dis­si­den­ten Revo­lu­tio­nä­re« waren, als die sie Wald sehen möch­te.

Sicher­lich spiel­te zu jener Zeit, als die Lin­ke auf dem Vor­marsch zu sein schien, der radi­cal chic eine nicht unwe­sent­li­che Rol­le: In den spä­ten drei­ßi­ger Jah­ren gewann der Trotz­kis­mus im New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len­mi­lieu eine gewis­se Popu­la­ri­tät, blieb aber ein Zeit­geist-Phä­no­men. Größ­ten­teils sei es eine Poli­tik ohne Preis, Gefahr oder Ver­pflich­tung gewe­sen, kri­ti­sier­te Nor­man Mai­ler 1968, eine Poli­tik, die fast aus­schließ­lich an der Schreib­ma­schi­ne statt­fand, ohne dass die Intel­lek­tu­el­len mit ihrer Exis­tenz für sie ein­ste­hen muss­ten oder woll­ten.4 Das Enga­ge­ment spiel­te sich im Kopf und am Schreib­tisch ab. Die Distanz zu orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren der Lin­ken hat­te nicht allein ihre Ursa­che im Bewah­ren einer intel­lek­tu­el­len Unab­hän­gig­keit, son­dern auch in der Aver­si­on gegen den Muff und die Büro­kra­ten­gier, alle geis­ti­gen Ener­gi­en in Zir­ku­la­ren, Reso­lu­tio­nen und Sat­zun­gen zu kana­li­sie­ren, gegen die Dis­zi­plin und Stren­ge, die sich in sol­chen For­ma­tio­nen aus­zu­to­ben pfleg­ten. Über die Jahr­zehn­te hin­weg betrach­te­ten sich die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len, selbst die ideo­lo­gi­schen Scharf­ma­cher des Anti­kom­mu­nis­mus, als vage links, auch wenn es ihnen mit fort­schrei­ten­dem Alter schwe­rer fiel, dies inhalt­lich zu begrün­den. Letzt­lich ver­folg­ten sie als zum kul­tu­rel­len Esta­blish­ment vor­ge­drun­ge­ne Intel­lek­tu­el­le eige­ne Inter­es­sen einer kul­tu­rel­len Bour­geoi­sie, die im Sozia­lis­mus nichts Eman­zi­pa­to­ri­sches, wohl aber Bedroh­li­ches erken­nen konn­te.

 

Alan Wald - Publicity-Foto für The New York Intellectuals 1987 (Alan Wald Collection)

Alan Wald — Publi­ci­ty-Foto für The New York Intel­lec­tu­als 1987

Wäh­rend Wald die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len der drei­ßi­ger und frü­hen vier­zi­ger Jah­re eng­stir­nig über den »revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus« (der in der sek­tie­re­ri­schen Code­spra­che für den Trotz­kis­mus in der vom Meis­ter auto­ri­sier­ten Ver­si­on steht), ihren schein­bar mili­tan­ten Antis­ta­li­nis­mus auf anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Basis zu defi­nie­ren und ihren spä­te­ren poli­ti­schen und mora­li­schen Ver­fall damit zu begrün­den sucht, dass sie nicht der Ver­su­chung wider­stan­den hät­ten, die »bit­te­ren Früch­te des Anti­kom­mu­nis­mus« zu pro­bie­ren oder in die »Sack­gas­se der Sozi­al­de­mo­kra­tie« zu lau­fen, ver­schwen­det er kei­nen Gedan­ken auf die struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen, die sich seit den Zei­ten der Gro­ßen Depres­si­on ereig­ne­ten, auf die hege­mo­ni­schen Pro­zes­se, wel­che den Kon­su­mis­mus in der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft, die insti­tu­tio­nel­le Inte­grie­rung ehe­mals mar­gi­na­li­sier­ter Intel­lek­tu­el­len und die fort­schrei­ten­de Assi­mi­la­ti­on eth­ni­scher Min­der­hei­ten­grup­pen im Zuge der »per­ma­nen­ten Kriegs­öko­no­mie« der Block­po­la­ri­sa­ti­on zwi­schen den USA und der UdSSR vor­an­trie­ben. Stets nur begreift Wald – in Nach­fol­ge Noam Chom­skys – den poli­ti­schen Intel­lek­tu­el­len als »authen­ti­sches«, »krea­ti­ves« Indi­vi­du­um, als »inter­dis­zi­pli­nä­ren Gene­ra­lis­ten«, der Zusam­men­hän­ge durch­schaut und die Lügen der Herr­schen­den auf­deckt, als wäre die­ser Intel­lek­tu­el­le ein frei flot­tie­ren­der, von höhe­ren Idea­len und Ver­ant­wort­lich­kei­ten gelei­te­ter swa­sh­buck­ler, als hän­ge er nicht von gesell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen ab, als sei die intel­lek­tu­el­le Arbeit und Exis­tenz nicht von Kom­pro­mis­sen, Gefäl­lig­kei­ten und Wohl­ver­hal­ten, von Sti­pen­di­en, Stif­tun­gen und Zuwen­dun­gen, von Gut­ach­ten und gegen­sei­ti­ger Pro­mo­ti­on abhän­gig. Der »revo­lu­tio­nä­re Mar­xist« lässt die gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen außer Acht und kon­zi­piert den Intel­lek­tu­el­len als mora­li­schen, fast anar­chis­ti­schen Vol­un­ta­ris­ten, des­sen Bewusst­sein das Sein bestim­men soll.5

Zwar ist es erfreu­lich, wenn sich Intel­lek­tu­el­le auch in den Appa­ra­ten ihr kri­ti­sches Bewusst­sein bewah­ren und den par­ti­ku­la­ren Macht­in­ter­es­sen so genann­ter Eli­ten wider­set­zen, doch blei­ben sie Aus­nah­men. Sie tau­gen nicht dazu, zum gesell­schaft­li­chen Modell erho­ben zu wer­den, und es hilft wenig, den Intel­lek­tu­el­len zur mythi­schen oder comic-haf­ten Figur zu sti­li­sie­ren, die über den Ver­hält­nis­sen schwebt. »Der öko­no­mi­sche Pro­zess bewirk­te«, notier­te Max Hork­hei­mer in den sech­zi­ger Jah­ren, »die Zusam­men­zie­hung der Macht in den Hän­den von Mono­po­len, heu­te in eine Anzahl von Rackets in den ver­schie­de­nen indus­tri­el­len, fach­män­ni­schen, poli­ti­schen Schich­ten, die über eine hier­ar­chi­sche Struk­tur zur straff geord­ne­ten Ver­wal­tung trei­ben, die der auto­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft ent­spricht.«6 Dies schränkt auch die intel­lek­tu­el­le Krea­ti­vi­tät und Pro­duk­ti­vi­tät ein: Am Ende ver­kommt der Intel­lek­tu­el­le zum Funk­tio­när in der Orga­ni­sa­ti­on. Er macht sich kei­ne unnüt­zen Gedan­ken und streut kei­nen Sand ins Getrie­be, son­dern orga­ni­siert den Schmier­mit­tel­nach­schub. Er dege­ne­riert zum Tech­ni­ker des Appa­rats, hört auf, Intel­lek­tu­el­ler zu sein, des­sen Anspruch es sein müss­te, sich – wie Jean-Paul Sart­re in sei­nem »Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len« (1965) for­mu­lier­te – sei­ner Wider­sprüch­lich­keit bewusst zu wer­den und als mons­trö­ses Pro­dukt mons­trö­ser Gesell­schaf­ten zu begrei­fen, die ihn zur eige­nen Über­win­dung oder Destruk­ti­on in die Welt set­zen.7

 

Berenice Abbott: Newsstand, 32nd Street and Third Avenue, Manhattan (1935)

Bere­ni­ce Abbott: News­stand, 32nd Street and Third Ave­nue, Man­hat­tan (1935)

Von die­sem Anspruch ent­fern­ten sich die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len immer wei­ter, je näher sie an die kul­tu­rel­len und staat­li­chen Insti­tu­tio­nen rück­ten und je mehr sie sich mit der Gesell­schaft zu iden­ti­fi­zie­ren began­nen, die den unter­pri­vi­le­gier­ten Immi­gran­ten­kin­dern aus Brook­lyn oder der Bronx den Auf­stieg zu geach­te­ten Pro­fes­so­ren an Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten des Lan­des oder zu Zele­bri­tä­ten des New Yor­ker Kul­tur­be­triebs ermög­licht hat­te. Die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Dis­rup­tio­nen der sech­zi­ger Jah­re – die Auf­stän­de in den Metro­po­len, die Stu­den­ten­re­vol­te, die Pro­test­be­we­gung gegen den Viet­nam­krieg, der auf­kom­men­de Femi­nis­mus, die Gegen­kul­tur – zer­stör­ten schließ­lich den alten Zusam­men­halt der Grup­pe, die sich in ver­schie­de­ne poli­ti­sche, kul­tu­rel­le und geo­gra­fi­sche Rich­tun­gen ver­streu­te. Vie­le New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le, die in den drei­ßi­ger Jah­ren ihre Lehr­zeit bei den revo­lu­tio­nä­ren Schul­meis­tern des Trotz­kis­mus absol­viert hat­ten, lie­fen nun zum lärm­schla­gen­den Trupp neo­kon­ser­va­ti­ver Ideo­lo­gen über, die sich im Gefol­ge des ehe­ma­li­gen Schau­spie­lers Ronald Rea­gan aus der kali­for­ni­schen Pro­vinz am Kreuz­zug gegen den Kom­mu­nis­mus und das sowje­ti­sche »Reich des Bösen« betei­lig­ten. Iro­ni­scher­wei­se unter­stütz­ten sie eine poli­ti­sche Admi­nis­tra­ti­on, die über Steu­er- und Post­re­for­men die Publi­ka­ti­on und Dis­tri­bu­ti­on klei­ner, nicht-pro­fit­ori­en­tier­ter kri­ti­scher Zeit­schrif­ten erschwer­te und die kon­ser­va­ti­ve intel­lek­tu­el­le Hege­mo­nie fes­tig­te.8 Ein Zir­kel von Intel­lek­tu­el­len, der sich in ers­ter Linie über das Medi­um der litt­le maga­zi­nes kon­sti­tu­iert und Ruhm in der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur erlangt hat­te, mach­te sich nun zum Pro­pa­gan­dis­ten­klub einer Regie­rung, die über legis­la­ti­ve Maß­nah­men die letz­ten Schlupf­win­kel einer kri­ti­schen Öffent­lich­keit in der ame­ri­ka­ni­schen Land­schaft zu besei­ti­gen such­te. Aber die Uhr war ohne­hin längst abge­lau­fen: Im Zeit­al­ter digi­ta­ler Net­ze und mul­ti­me­dia­ler Infor­ma­ti­ons­ka­nä­le bestand kaum noch Inter­es­se an klei­nen Zeit­schrif­ten, die zu Beginn des Jahr­hun­derts die Macht der eta­blier­ten Orga­ne unter­mi­niert und einer neu­en kul­tu­rel­len Bewe­gung Aus­druck ver­schafft hat­ten.

Alte Erinnerungen

Partisan Review - Juni 1938

Par­ti­san Review — Juni 1938

Ehe sich jedoch der Vor­hang auf der intel­lek­tu­el­len Büh­ne für immer senk­te, nutz­ten die Über­le­ben­den der New Yor­ker Gar­de in den acht­zi­ger Jah­ren die ver­blei­ben­de Zeit, um ihre Ver­si­on der alten Geschich­te zu erzäh­len und den Nach­ge­bo­re­nen (sofern sie sich dafür über­haupt inter­es­sier­ten) zu ver­mit­teln, »wie es denn eigent­lich gewe­sen ist«. Immer schon besa­ßen sie ein Fai­ble für die Selbst­dra­ma­ti­sie­rung: Der Intel­lek­tu­el­le war nicht auf die Rol­le des Pro­du­zen­ten und Ver­mitt­lers von Ide­en beschränkt, son­dern über­nahm auch die des Enter­tai­ners im Medi­en­be­trieb. Auf Effek­te bedacht, ver­kauf­ten die Par­tis­ans die Aben­teu­er des Intel­lekts als seri­el­les Spek­ta­kel an ein intel­li­gen­tes wie begie­ri­ges Publi­kum. In aller Öffent­lich­keit fie­len sie über­ein­an­der her, lie­ßen kein gutes Haar am Kon­tra­hen­ten und tausch­ten vor der fei­xen­den Men­ge kräf­ti­ge Schel­len aus. Zuwei­len erin­ner­ten die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len an Slap­stick und Screw­ball-Come­dy, an die anar­chi­sche Lust der Destruk­ti­on, wie sie Lau­rel & Har­dy in Per­fek­ti­on demons­trier­ten. Mit ver­bis­se­nem Ernst wur­de das intel­lek­tu­el­le Kon­strukt des Gegen­übers in alle Ein­zel­tei­le zer­legt und wut­schnau­bend in den Boden gestampft, um anschlie­ßend lang­mü­tig die Gegen­at­ta­cke abzu­war­ten und über sich erge­hen zu las­sen. »Die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len waren eine streit­süch­ti­ge und unsym­pa­thi­sche (jüdi­sche?) Fami­lie«, merkt Euge­ne Goodhe­art an, »vol­ler begab­ter, nei­di­scher, vom Kon­kur­renz­den­ken gepräg­ter Geschwis­ter, die meis­tens schlecht über­ein­an­der dach­ten.«9

Ent­spre­chend neh­men sich die Memoi­ren und Auto­bio­gra­fi­en aus: Per­sön­li­che Abnei­gun­gen und Ani­mo­si­tä­ten, alte Zän­ke­rei­en und auf­ge­scho­be­ne Abrech­nun­gen, auf­ge­stau­ter Groll und despek­tier­li­cher Klatsch sind der Kitt, der die Erzäh­lun­gen der Memoi­ris­ten zusam­men­hält. Indis­kret wird noch über das letz­te Detail berich­tet, wohl­wis­send, dass der (von ihnen sonst so beklag­te) kul­tur­in­dus­tri­el­le Markt danach ver­langt. Bereit­wil­lig ertei­len die Zele­bri­tä­ten der intel­lek­tu­el­len Abtei­lung Aus­kunft über ihre Freund- und Bekannt­schaf­ten, üben sich im name-drop­ping, wischen den toten Kol­le­gen, die nun nicht mehr wider­spre­chen kön­nen, noch ein­mal kräf­tig eins aus, rufen sich die scheuß­li­chen, schmäh­li­chen Ein­zel­hei­ten ins Gedächt­nis, fügen im Pro­zess der Erin­ne­rung noch schimpf­li­che­re hin­zu. Im glei­ßen­den Ram­pen­licht des intel­lek­tu­el­len Exhi­bi­ti­ons­ge­län­des gerie­ren sie sich als Signal­an­la­gen ihrer selbst, stets bemüht, die alten Kon­kur­ren­ten um min­des­tens einen Kopf zu über­ra­gen, die Erin­ne­rung an deren Bla­ma­gen und Män­gel wach­zu­hal­ten, um das eige­ne Pres­ti­ge zu stei­gern.

Kaum unter­schei­det sich die Auto­bio­gra­fie eines Sid­ney Hooks, in grau­er Vor­zeit ein­mal Aus­hän­ge­schild des ame­ri­ka­ni­schen Mar­xis­mus, von den Memoi­ren der Hol­ly­wood-Diva Bet­te Davis: Am Ende hat jener die Nase vorn, wer im abschlie­ßen­den Spurt die Kon­kur­ren­ten abhängt und ihnen eine Nase dre­hen kann. Geprägt sind sie von per­sön­li­chen Eitel­kei­ten, von der stör­ri­schen Insis­tenz, nicht nur ein »ver­we­hen­des Stäub­chen« im gewal­ti­gen Exhi­bi­ti­ons­ge­län­de zu sein. Vor dem Publi­kum para­die­ren selbst ernann­te Geis­tes­he­ro­en, die es im New Yor­ker Star­sys­tem zu etwas gebracht haben. Aus­ge­stellt wird der arri­vier­te Intel­lek­tu­el­le als her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­keit, die sich auf dem his­to­ri­schen Par­cours gegen alle Wid­rig­kei­ten und Nach­stel­lun­gen der Kon­kur­ren­ten und geist­feind­li­chen Mas­sen behaup­te­te.10

 

Alan Wald - The New York Intellectuals (University of North Carolina Press, 2017)

Alan Wald — The New York Intel­lec­tu­als (Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 2017)

Baga­tel­li­siert wird in den Memoi­ren häu­fig das Aus­maß des eige­nen poli­ti­schen Enga­ge­ments in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, das dem gern gezeich­ne­ten Bild des kri­ti­schen, ver­ant­wor­tungs­vol­len Intel­lek­tu­el­len zuwi­der­läuft. Für Alan Wald ist die­se Ver­drän­gung der eige­nen Ver­gan­gen­heit Aus­druck einer »poli­ti­schen Amne­sie«. Akri­bisch hält er den Über­le­ben­den, die dem Publi­kum weis­ma­chen woll­ten, sie sei­en immer schon glü­hen­de Anti­kom­mu­nis­ten gewe­sen, ihre Arti­kel aus den frü­hen drei­ßi­ger Jah­ren vor, in denen sie sich als hun­dert­pro­zen­ti­ge Kom­mu­nis­ten prä­sen­tier­ten. Pedan­tisch pran­gert er jede Unge­nau­ig­keit an, kor­ri­giert die von den Sie­gern geschrie­be­ne Geschich­te und lässt eini­gen Ver­lie­rern Gerech­tig­keit wider­fah­ren, doch haf­tet dem Unter­fan­gen, die selbst­zu­frie­de­nen Memoi­ris­ten mit einer kom­pro­mit­tie­ren­den Ver­gan­gen­heit zu kon­fron­tie­ren, ein frag­wür­di­ges Moment an. Von einem detek­ti­vi­schen Spür­sinn getrie­ben, kommt es dem His­to­ri­ker auf die Nach­zeich­nung ver­gan­ge­ner Debat­ten und Aus­ein­an­der­set­zun­gen, auf die Rekon­struk­ti­on des »Tat­her­gangs«, auf die Bloß­stel­lung und Über­füh­rung der Delin­quen­ten an. Der Zugang zu Archiv­ma­te­ria­li­en, unver­öf­fent­lich­ten Manu­skrip­ten und Brie­fen, Ent­wür­fen und Skiz­zen bie­tet ihm die Chan­ce, ein Bild aus zahl­lo­sen Split­tern und Frag­men­ten zu rekon­stru­ie­ren, zugleich aber wird Geschich­te zur Sache von Spe­zia­lis­ten, die mit poli­zei­li­chem Eifer die Ver­gan­gen­heit durch­käm­men und die Lücken der Erin­ne­rung offen legen.

So wird man­che ver­lo­ren geglaub­te Wahr­heit wie­der­ge­won­nen, doch ver­schwin­det hin­ter der peni­blen Fak­ten­hu­be­rei die Geschich­te selbst. Aus­ge­spielt wird die Erin­ne­rung, die einem fort­wäh­ren­den Pro­zess der Ver­än­de­rung unter­liegt, gegen die sta­ti­schen »Fak­ten«, als steck­te in ihnen selbst, iso­liert und abge­schlos­sen, die Wahr­heit. Letzt­lich tra­gen die akku­mu­lier­ten Details nicht dazu bei, ein kla­res Bewusst­sein der Zusam­men­hän­ge zu bekom­men und die Fas­sa­de, wel­che die Prot­ago­nis­ten selbst um sich errich­te­ten, zu durch­drin­gen. Statt­des­sen wird eine lan­ge, jede Ver­feh­lung regis­trie­ren­de Ankla­ge­schrift der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len prä­sen­tiert, wel­che die Geschich­te auf den poli­ti­schen Aspekt ver­engt.

Die Memoi­ris­ten tri­um­phier­ten über ihre toten eins­ti­gen Mit­strei­ter und poli­ti­schen Wider­parts im New Yor­ker Zir­kel und woll­ten die Geschich­te fest­schrei­ben. Dabei begnüg­ten sie sich nicht, der Nach­welt ihre auto­ri­sier­te Ver­si­on zu hin­ter­las­sen, son­dern woll­ten auch von Bio­gra­fen und His­to­ri­kern ver­nom­men wer­den. Wur­den sie über­ge­gan­gen, reagier­ten sie gereizt und belei­digt wie eit­le Diven vom Sun­set Bou­le­vard und spra­chen den jün­ge­ren Auto­ren, die ihnen nicht den not­wen­di­gen Respekt zoll­ten, die intel­lek­tu­el­le und fach­li­che Kom­pe­tenz ab. Miss­trau­isch und arg­wöh­nisch begeg­ne­ten sie jedem Ver­such, die Geschich­te anders als sie zu inter­pre­tie­ren, befürch­te­ten, nach Jah­ren des Tri­um­phes zer­rupft und zu Opfern einer ope­ra­ti­on rewri­te zu wer­den. Die Grei­se ver­schanz­ten sich in den Unter­stän­den, die sie in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gebaut hat­ten, und ver­tei­dig­ten die alten Stel­lun­gen mit allen Mit­teln und gegen alle Atta­cken. Der intel­lek­tu­el­le Sol­dat, so lässt sich an ihren starr­sin­ni­gen Ein- und Aus­las­sun­gen able­sen, stirbt wut­ver­zerrt im Gefecht oder zumin­dest im schlam­mi­gen, vom Kada­ver­ge­ruch über­han­ge­nen Schüt­zen­gra­ben, nicht an Gicht oder Hirn­ver­kal­kung auf einem wei­chen Bett. Die gran­ti­gen Nach­lass­ver­wal­ter, deren vor­nehm­li­ches Ver­dienst dar­in bestand, ihre dahin­ge­schie­de­nen Kol­le­gen über­lebt zu haben, wach­ten über die Erzäh­lun­gen und Anek­do­ten, über das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ihrer Grup­pe, als müss­ten sie noch immer alte Fein­de zurück­schla­gen, als hät­te sich in einem hal­ben Jahr­hun­dert nichts ver­än­dert. Die trau­ma­ti­sche Erfah­rung des Sta­li­nis­mus las­te­te wie ein Alp auf ihren Erin­ne­run­gen, und selbst die aktu­el­len poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Situa­tio­nen des aus­ge­hen­den zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts inter­pre­tier­ten sie nach dem star­ren Sche­ma, das sie zu Zei­ten der Mos­kau­er Pro­zes­se ent­wi­ckelt haben. Noch 1994 ver­mu­te­te der ketz­te Über­le­ben­de der ori­gi­na­len Par­tis­ans ein »sta­li­nis­ti­sches Unbe­wuss­te im kul­tu­rel­len Unter­grund«11 am Wer­ke.

Der Kampf geht weiter

Dissent - Frühjahr 1954

Dis­sent — Früh­jahr 1954

Auch für Wald geht – selbst nach dem Unter­gang des intel­lek­tu­el­len Orga­ni­sa­tors Par­ti­san Review – der Kampf der 1930er Jah­re wei­ter. Im Vor­wort zur drei­ßig­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums­aus­ga­be sei­ner Geschich­te der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len wie­der­holt der inzwi­schen eme­ri­tier­te Pro­fes­sor der Uni­ver­si­ty of Michi­gan sei­ne Mär der »Radi­ka­li­sie­rung« und »Dera­di­ka­li­sie­rung« von den »wil­den Jah­ren« der mar­xis­ti­schen Aben­teu­er in den zer­klüf­te­ten Stadt­land­schaf­ten New Yorks bis zur kon­for­mis­ti­schen Unter­wer­fung der Aposta­ten unter das Dik­tat des Neo­kon­ser­va­tis­mus in den 1970er und 1980er Jah­ren. Wie die eins­ti­gen Par­tis­ans wid­met sich der aka­de­mi­sche Pen­sio­när noch immer der Pfle­ge sei­ner Feind­bil­der: War vor drei­ßig Jah­ren Irving Howe – der eins­ti­ge trotz­kis­ti­sche Feu­er­kopf, der nach sei­ner Apost­asie als wie­der­ge­bo­re­ner »demo­kra­ti­scher Sozia­list« die »Links­ra­di­ka­len« der New Left in den Sen­kel stell­te – Walds Lieb­lings­feind, so ist es heu­te immer noch Dis­sent, die von Howe und ande­ren lin­ken »Abtrün­ni­gen« gegrün­de­te Zeit­schrift, die als eine der weni­gen Medi­en der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len noch immer exis­tiert. Dass Dis­sent unter der Ägi­de des His­to­ri­kers Micha­el Kazin (des Soh­nes des links­li­ber­tä­ren Lite­ra­tur­kri­ti­kers Alfred Kazin) mitt­ler­wei­le eine links­plu­ra­le Gesell­schafts­kri­tik ver­folgt, die sich ent­schei­dend von der Linie der »NATO-Intel­lek­tu­el­len« (wie C. Wright Mills in den spä­ten 1950er Jah­ren sei­nen eins­ti­gen lin­ken Mit­strei­ter Howe kri­ti­sier­te12) unter­schei­det, nimmt Wald nicht wahr. Wie bereits 1987 ver­harrt Wald in einer sek­tie­re­ri­schen Inter­pre­ta­ti­on der Geschich­te, wobei ein­zig die Käm­pen der Socia­list Workers Par­ty die Beu­te des his­to­ri­schen Mehr­werts zur Ret­tung der Mensch­heit davon tra­gen.

 

In sei­ner ver­eng­ten ideo­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve geht es Wald stets nur um die Mora­li­sie­rung der Poli­tik, deren Kul­mi­na­ti­on in der intel­lek­tu­el­len Pro­pä­deu­tik des »wah­ren« Mar­xis­mus liegt, zu dem nur eine klei­ne Eli­te ver­schwo­re­ner wie akri­bisch arbei­ten­der Geis­ter fähig ist. Bereits der Grün­dungs­va­ter des US-ame­ri­ka­ni­schen Trotz­kis­mus, James P. Can­non, hat­te in den 1940er Jah­ren sich und sei­nen uner­schro­cke­nen Gefähr­ten die his­to­ri­sche Kro­ne auf­ge­setzt. Wenn die Geschich­te die­ser Epo­che geschrie­ben wer­de, mein­te er in der ihm eige­nen Beschei­den­heit, erkänn­ten die His­to­ri­ker, dass die ein­zig wirk­lich mora­li­schen Men­schen die Trotz­kis­ten gewe­sen sei­en.13 Walds Erzäh­lung bewegt sich an den Lini­en die­ser »poli­ti­schen Patho­lo­gie« (wie Dwight Mac­do­nald die trotz­kis­ti­sche »Meta­po­li­tik« jener Zeit beschrieb). Der Mar­xis­mus ist – nicht allein, aber auch – ein Herr­schafts­in­stru­ment von Intel­lek­tu­el­len, die sich zu einer »neu­en Klas­se« erho­ben, statt sich der Eman­zi­pa­ti­on aller Men­schen zu wid­men. Nach Sart­re ist der Intel­lek­tu­el­le der »Hüter der Demo­kra­tie«, der das All­ge­mei­ne gegen das Par­ti­ku­la­re ver­tei­digt und sich dem Gedan­ken einer Eli­te ver­wei­gert.14 Dage­gen ist Walds Erzäh­lung von der Kon­zep­ti­on des »fal­schen Int­e­lek­tu­el­len«, des »Tech­ni­kers des prak­ti­schen Wis­sens« (wie Sart­re die­sen Typus nennt) geprägt, der sich den Struk­tu­ren der Herr­schaft unter­wirft und eman­zi­pa­to­ri­sche Ansät­ze ver­wirft. Der Intel­lek­tu­el­le »ist zunächst ein Zweif­ler«, hob Sart­re her­vor, »also ein poten­ti­el­ler Ver­rä­ter, in einem ande­ren Sinn betreibt er die­se Bewußt­wer­dung für alle«.15 In sei­ner ideo­lo­gi­schen Ummaue­rung hat Wald kei­nen Blick für »Neben­wi­der­sprü­che« wie Ras­sis­mus, Femi­nis­mus oder Mas­sen­kul­tur oder für Per­so­nen wie Mur­ray Book­chin, die auch zum »New Yor­ker« Milieu gehör­ten, aber nicht in die sche­ma­ti­sche Kon­zep­ti­on von Walds His­to­rio­gra­phie pas­sen.16

Alan Wald - American Left ArchaelogyEiner kri­ti­schen Retro­spek­ti­ve auf die eige­ne Arbeit ver­wei­gert sich Wald. In der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit haben ande­re Auto­ren Aspek­te der Wech­sel­wir­kung zwi­schen den New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len und den intel­lek­tu­el­len Flücht­lin­gen aus Euro­pa wie Max Hork­hei­mer, Theo­dor W. Ador­no, Her­bert Mar­cu­se oder Sieg­fried Kra­cau­er beleuch­tet.17 Gleich­falls unter­be­lich­tet bleibt die Rol­le von Dwight Mac­do­nalds Zeit­schrift Poli­tics in der Dis­kus­si­on von Krieg, Ras­sis­mus und Pazi­fis­mus in den 1940er Jah­ren, die in Walds Geschich­te auf weni­gen Sei­ten zu Spra­che kommt, wäh­rend trotz­kis­ti­sche Mikro-Wort­fa­bri­ken jeg­li­cher Cou­leur oder Devi­anz in exten­so behan­delt wer­den. Zwar wird Wald nicht müde, den New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len und ihren His­to­rio­gra­fen eine »poli­ti­sche Amne­sie« vor­zu­wer­fen, doch ver­engt sich sei­ne his­to­ri­sche Wahr­neh­mung auf Grund eines ideo­lo­lo­gisch begrün­de­ten Eklek­ti­zis­mus auf eine sche­ma­ti­sche Dar­stel­lung von Auf­stieg und Fall, ohne tat­säch­lich die Bruch­stel­len in der his­to­ri­schen Ent­wick­lung schlüs­sig loka­li­sie­ren zu kön­nen. Wie Mark Shech­ner vor drei­ßig Jah­ren mit Recht bemerk­te, ist Wald »der Archi­var der ame­ri­ka­ni­schen trotz­kis­ti­schen Bewe­gung«18, der maul­wurf­ar­tig ver­scharr­te Frag­men­te der Ver­gan­gen­heit an die Ober­flä­che wirft, ohne jedoch die eige­nen Metho­den der Geschichts­schrei­bung zu hin­ter­fra­gen – zu sehr hat er sich in sein Maul­wurfs­fell der Selbst­ge­rech­tig­keit ein­ge­schla­gen. Am Ende steht ein stoi­sches Il fault con­ti­nu­er, ohne dass Wald imstan­de ist, die Erfah­run­gen der Ver­gan­gen­heit adäquat zu ver­ar­bei­ten.

 

Bibliografische Angaben:

Alan M. Wald.
The New York Intel­lec­tu­als:
The Rise and Decli­ne of the Anti-Sta­li­nist Left from the 1930s to the 1980s.
Thir­tieth Anni­ver­s­a­ry Edi­ti­on.
Cha­pel Hill & Lon­don: Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 2017.
504 Sei­ten, 34,95 US-Dol­lar.
ISBN: 978–1-4696–3594-1.

 

Bildquellen



Cover The New York Intel­lec­tu­als (1987) — © Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 1987

Cover The New York Intel­lec­tu­als (2017) — © Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 2017

Foto von Bere­ni­ce Abbott — © New York Public Libra­ry Digi­tal Collec­tions

Cover Par­ti­san Review — © Howard Got­lieb Archi­val Rese­arch Cen­ter, Bos­ton Uni­ver­si­ty

Cover Dis­sent — © Dis­sent Maga­zi­ne

Alan Wald: Publi­ci­ty-Foto (1987) — © Alan Wald Collection/Uni­ver­si­ty of Michi­gan

Ande­re Fotos — © Jörg Auberg

© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Tho­mas Stein­feld, »Der Wohl­tä­ter«, Süd­deut­sche Zei­tung, 22. April 2003
  2. Bos­ton Glo­be, 17. April 2003
  3. Der Begriff geht auf Isaac Rosen­feld zurück, der damit in Anleh­nung an Dos­to­jew­skis »Unter­grund­men­schen« die Intel­lek­tu­el­len-Gene­ra­ti­on der 1940er Jah­re cha­rak­te­ri­sier­te. Cf. Isaac Rosen­feld, An Age of Enor­mi­ty: Life and Wri­ting in the Forties and Fif­ties, hg. Theo­do­re Solotar­off (Cleve­land: World Publi­shing Com­pa­ny, 1962), S. 47
  4. Nor­man Mai­ler, »Up the Fami­ly Tree«, Par­ti­san Review, 35:2 (Früh­jahr 1968), S. 249
  5. Noam Chom­sky, »The Respon­si­bi­li­ty of Intel­lec­tu­als« (1967), in: The Essen­ti­al Noam Chom­sky, hg. Antho­ny Arno­ve (New York: The New Press, 2008), S. 39–62; sie­he auch Alan M. Wald, The Respon­si­bi­li­ty of Intel­lec­tu­als: Selec­ted Essays on Mar­xist Tra­di­ti­ons in Cul­tu­ral Com­mit­ment (New Jer­sey: Huma­nities Press, 1992)
  6. Max Hork­hei­mer, »Noti­zen 1949–1969«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 6, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/M.: Fischer, 1991), S. 409
  7. Jean-Paul Sart­re, Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len: Inter­views, Arti­kel, Reden 1950–1973, hg. Vin­cent von Wro­blew­sky, übers. Eva Gro­ep­ler et al. (Rein­bek: Rowohlt, 1995), S. 108–109
  8. Cf. Jef­frey Escof­fier, »Pes­si­mism of the Mind: Intel­lec­tu­als, Uni­ver­si­ties and the Left«, Socia­list Review, 18:1 (Janu­ar-März 1988), S. 132–133. Sie­he auch Eric Bul­son, Litt­le Maga­zi­ne, World Form (New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 2017)
  9. Euge­ne Goodhe­art, »The Aban­do­ned Lega­cy of the New York Intel­lec­tu­als«, Ame­ri­can Jewish Histo­ry, 80:3 (März 1991), S. 364
  10. Zur Kri­tik cf. Leo Löwen­thal, »Die bio­gra­fi­sche Mode«, in: Löwen­thal, Lite­ra­tur und Mas­sen­kul­tur (Schrif­ten, Bd. 1), hg. Hel­mut Dubiel (Frankfurt/M.: Suhr­kamp, 1980), S. 245
  11. Kom­men­tar von Wil­liam Phil­lips, Par­ti­san Review, 61:1 (Win­ter 1994), S. 8
  12. Cf. Mau­rice Isser­man, If I Had a Ham­mer …: The Death of the Old Left and the Birth of the New Left (New York: Basic Books, 1987), S. 116–123; C. Wright Mills, »Let­ter to the New Left« (1960), in: The Poli­tics of Truth: Selec­ted Wri­tings of C. Wright Mills, hg. John H. Sum­mers (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2008), S. 256
  13. Dwight Mac­do­nald, Poli­tics Past: Essays in Poli­ti­cal Cri­ti­cism (New York: Viking, 1970), S.274
  14. Jean-Paul Sart­re, Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len, S. 109, 130; zur Kri­tik des Mar­xis­mus aus neo­mar­xis­ti­scher Per­spek­ti­ve cf. Alvin W. Gould­ner, Against Frag­men­ta­ti­on: The Orig­ins of Mar­xism and the Socio­lo­gy of Intel­lec­tu­als (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1985)
  15. Jean-Paul Sart­re, Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len, S. 128
  16. Cf. Janet Biehl, Eco­lo­gy or Cata­stro­phe: The Life of Mur­ray Book­chin (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015), S. 1–51
  17. Cf. Tho­mas Whe­at­land, The Frank­furt School in Exi­le (Min­nea­po­lis: Uni­ver­si­ty of Min­ne­so­ta Press, 2009), S. 140–188; und Johan­nes von Molt­ke, The Curious Huma­nist: Sieg­fried Kra­cau­er in Ame­ri­ca (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2016), S. 26–43
  18. Mark Shech­ner, »New York Intel­lec­tu­als«, Sal­magun­di, Nr. 76–77 (Herbst 1987-Win­ter 1988), S. 209

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