Menu

August 2019 Posts

Costas Despiniadis: The Anatomist of Power und Peter Kuper: Kafkaesque

Kafka Revisited

Costas Despiniadis und Peter Kuper entdecken die Kafka-Welt aufs neue

Von Jörg Auberg

 

»Ich ver­ste­he nichts von Poli­tik«, sag­te Karl.
»Das ist ein Feh­ler«, sag­te der Stu­dent.

 

Franz Kaf­ka, Der Ver­schol­le­ne1

In sei­nen »Auf­zeich­nun­gen zu Kaf­ka« (die in den Jah­ren zwi­schen 1942 und 1953 ent­stan­den) bemerk­te Theo­dor W. Ador­no, dass Kaf­kas Werk »den Ton des Ultra­lin­ken« besit­ze: »wer es aufs all­ge­mein Mensch­li­che nivel­liert, ver­fälscht ihn bereits kon­for­mis­tisch.«2 Als Ador­no sei­ne Auf­zeich­nun­gen schrieb, fand ein Pro­zess der »Ame­ri­ka­ni­sie­rung« Kaf­kas statt, den vor allem die ehe­mals als Sprach­rohr des »lite­ra­ri­schen Kom­mu­nis­mus« gegrün­de­te Zeit­schrift Par­ti­san Review vor­an­trieb. In den spä­ten 1930er Jah­ren ver­stand sie sich als Avant­gar­de-Organ der Spät­mo­der­ne und publi­zier­te in den Jah­ren zwi­schen 1938 und 1946 Über­set­zun­gen von Kaf­kas Erzäh­lun­gen und Tage­bü­chern. Auf die­se Wei­se berei­te­te sie das publi­zis­ti­sche und lite­ra­ri­sche Ter­rain für Kaf­ka in den USA, der schließ­lich von dem poli­ti­schen »Wen­de­hals« Les­lie Fied­ler, der sich über Sta­tio­nen im kom­mu­nis­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Milieu der 1930er Jah­re zum Laut­spre­cher anti­kom­mu­nis­ti­scher Agen­tu­ren wie des »Kon­gres­ses für kul­tu­rel­le Frei­heit« wan­del­te, von den Pro­pa­gan­dis­ten des »neu­en Ame­ri­ka­nis­mus« ein­ge­mein­det wur­de: Kaf­ka gehö­re, behaup­te­te er 1948, »zu uns«.3

 

Par­ti­san Review (Mai 1938)

Im »Zeit­al­ter der Angst« wur­de Kaf­ka als Sprach­rohr der Furcht und der Hoff­nungs­lo­sig­keit, als Inbe­griff der exis­ten­zi­el­len Obdach­lo­sig­keit ver­ein­nahmt. Für Nach­wuchs­au­toren wie Saul Bel­low und Isaac Rosen­feld, die von der Par­ti­san Review pro­te­giert wur­den, waren neben Dos­to­jew­skis »Unter­grund­mensch« vor allem Kaf­kas Prot­ago­nis­ten der Unsi­cher­heit und der pre­kä­ren Ver­hält­nis­se nicht nur in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht Model­le in der Zeit nach den Gewiss­hei­ten der »roten Deka­de« (wie die 1930er Jah­re im Zuge der um sich grei­fen­den anti­kom­mu­nis­ti­schen Hys­te­rie genannt wur­den). Bel­low und Rosen­feld waren in ihrer Jugend in trotz­kis­ti­schen Zir­keln aktiv und beweg­ten sich in den 1940er Jah­ren – wie Alan Wald die­se Tran­si­ti­on beschrieb – auf dem Pfad der »Dera­di­ka­li­sie­rung« und »Insti­tu­tio­na­li­sie­rung«. Die auf­kom­men­de »Kaf­ka-Manie« wur­de dabei als Vehi­kel im Fort­kom­men im kul­tur­in­dus­tri­el­len Betrieb genutzt. Kein ande­rer moder­ne Autor arti­ku­lie­re bes­ser die moder­ne Erfah­rung als Kaf­ka und bewah­re die mensch­li­che Frei­heit im Kampf des Indi­vi­du­ums gegen schein­bar über­mäch­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen, erklär­te Rosen­feld 1947.4

In der bipo­la­ren Kon­fron­ta­ti­on des »Kal­ten Krie­ges« wur­de Kaf­ka in den Front­stel­lun­gen zer­rie­ben: Für die »Sta­li­nis­ten« (um Rosen­felds Ter­mi­no­lo­gie zu benut­zen) war der Klein­bür­ger Kaf­ka unfä­hig, sich den Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­klas­se anzu­schlie­ßen, und ver­bar­ri­ka­dier­te sich wie ein Maul­wurf gegen die Außen­welt, ohne dem her­auf­zie­hen­den Faschis­mus Wider­stand ent­ge­gen­zu­set­zen.5 Auf der ande­ren Sei­te wur­de Kaf­ka als War­ner vor der tota­li­tä­ren Welt einer über­mäch­ti­gen Büro­kra­tie ver­ein­nahmt, in der das Indi­vi­du­um mit sei­nen Bür­ger- und Men­schen­rech­ten vor den Trup­pen eines gefrä­ßi­gen Sowjet-Impe­ria­lis­mus bewahrt wer­den soll­te, wäh­rend in Mis­sis­sip­pi und ande­ren Orten des »frei­en Wes­tens« die Rech­te nicht-wei­ßer Indi­vi­du­en mit Füßen getre­ten oder mit Waf­fen­ge­walt nie­der­ge­hal­ten wur­de. Die »mensch­li­che Frei­heit«, die Rosen­feld mit Kaf­ka zu ver­tei­di­gen mein­te, bezog sich nicht auf Men­schen ande­rer Haut­far­be. Bereits in den 1940er Jah­ren zeich­ne­te sich – wie Har­vey Teres her­vor­hob – der neo­kon­ser­va­ti­ve und neo­li­be­ra­le Rück­zug der For­ma­ti­on der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len aus der »Ras­sen­fra­ge« ab, der schließ­lich zur Ver­gif­tung der Ras­sen­be­zie­hun­gen in den 1980er Jah­ren bei­trug.6

In der »Kaf­ka-Manie« der spä­ten 1940er Jah­re setz­te sich die Logik des Kul­tur­be­triebs durch. Wäh­rend Kaf­ka (ähn­lich wie Her­man Mel­vil­le) an den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen des Betrie­bes schei­ter­te, wuss­ten sei­ne geschäfts­mä­ßi­gen Nach­ah­mer nur umso bes­ser, wie man sich der Diens­te von Agen­ten und Kul­t­ur­sach­wal­tern ver­si­cher­te, um die eige­ne Kar­rie­re vor­an­zu­brin­gen. Wäh­rend sie sich auf dem Markt als Reni­ten­te und Rene­ga­ten (oder als Chi­mä­re aus bei­den Wesen) ver­kauf­ten, ging es ihnen doch in ers­ter Linie dar­um, ihr vor­geb­lich rebel­li­sches Geha­be in den Redak­tio­nen und Ver­la­gen (wie einst Luci­en de Rub­empré) pro­fi­ta­bel umzu­set­zen. »Noch Kaf­ka wird zum Inven­tar­stück des unter­ge­mie­te­ten Ate­liers«7, beschrieb Ador­no das kul­tu­rel­le Milieu der Kaf­ka-Adep­ten. Noch hef­ti­ger fiel die Kri­tik Edmund Wil­sons aus, des Doy­ens der US-ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur­kri­tik. Für ihn war Kaf­ka nicht nur ein modisch über­di­men­sio­nier­tes Gespenst im Lite­ra­tur­be­trieb; auch Ver­glei­che mit Joy­ce, Proust oder Dan­te erschie­nen ihm »offen­sicht­lich voll­kom­men absurd«. In sei­nen Augen war Kaf­ka eine wil­lens­schwa­che und psy­cho­lo­gisch ver­krüp­pel­te Figur, die nichts hin­ter­las­sen habe, was ihn als einen gro­ßen Künst­ler oder einen mora­li­schen Rat­ge­ber prä­de­sti­nie­re.8 Als Gegen­stim­me reih­te Eli­as Canet­ti Kaf­ka neben Proust und Joy­ce in das Tri­um­vi­rat der bedeu­tends­ten und ein­fluss­reichs­ten Schrift­stel­ler des 20 Jahr­hun­derts ein. »Wenn ich an den Tod den­ke«, notier­te Canet­ti, »stört mich die Vor­stel­lung, dass ich mich von Kaf­ka tren­nen soll.«9

 

Klaus Wagen­bach: Franz Kaf­ka — Bio­gra­fie sei­ner Jugend (Wagen­bach, 2006)

In der Kaf­ka-Ido­la­trie der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te ist die poli­ti­sche Kom­po­nen­te sowohl in der his­to­ri­schen Figur Kaf­ka als auch in sei­nem Werk ver­lo­ren gegan­gen. Dar­auf ver­wies bereits Klaus Wagen­bach in sei­ner frü­hen Kaf­ka-Bio­gra­fie: »Ins­ge­samt […] ver­wun­dert mich doch manch­mal die Ten­denz eini­ger For­scher«, schrieb er rück­bli­ckend, »gera­de in poli­ti­cis Kaf­ka in ein von allen Ver­schmut­zun­gen der Rea­li­tät berei­nig­tes Kon­strukt zu ver­wan­deln, also in eine Per­son, die doch ein unvor­stell­ba­res dickes Fell gehabt haben müß­te, um die poli­ti­schen und sozia­len Ver­wer­fun­gen gera­de die­ser Zeit [vor dem Ers­ten Welt­krieg] nicht zu bemer­ken […].«10 Neben Wagen­bach waren es vor allem die Autoren Micha­el Löwy und Pas­ca­le Casa­no­va, die den poli­ti­schen Cha­rak­ter des Wer­kes Kaf­kas her­vor­ho­ben, der sich in ers­ter Linie in der Kri­tik der Auto­ri­tät in ihren patri­ar­cha­len und büro­kra­ti­schen Erschei­nungs­for­men mani­fes­tier­te.11

 

Cos­tas Despi­nia­dis: The Ana­to­mist of Power (Black Rose Books, 2019)

Auf die­sen Spu­ren bewegt sich auch der 1978 gebo­re­ne grie­chi­sche Autor, Über­set­zer und Ver­le­ger Cos­tas Despi­nia­dis, der in sei­nem Buch The Ana­to­mist of Power Kaf­ka vor allem als einen »mäch­ti­gen Kri­ti­ker der Auto­ri­tät, der Büro­kra­tie, des Kapi­ta­lis­mus, der Recht­spre­chung, des Patri­ar­chats und der Gefäng­nis­se« sieht.12 In die­sem Buch, das auf einer fast zwan­zig­jäh­ri­gen Beschäf­ti­gung mit Kaf­ka, sei­nem Werk und der Lite­ra­tur über ihn beruht, ver­sucht Despi­nia­dis, die ver­schüt­te­te »anti­au­to­ri­tä­re Dimen­si­on des Wer­kes Franz Kaf­kas« frei­zu­le­gen, wobei er neben den »klas­si­schen« Inter­pre­ten wie Theo­dor W. Ador­no, Wal­ter Ben­ja­min, Han­nah Arendt, Klaus Wagen­bach, Gil­les Deleu­ze und Félix Guatta­ri vor allem Micha­el Löwy als Inspi­ra­tor der jah­re­lan­gen Beschäf­ti­gung benennt.

 

Arthur Holitscher:  Amerika heute und morgen (S. Fischer, 1912)

Arthur Holit­scher: Ame­ri­ka heu­te und mor­gen (S. Fischer, 1912)

Aus­ge­hend von Kaf­kas Tage­buch­ein­trag »Kro­pot­kin nicht ver­ges­sen«13 vom 15. Okto­ber 1913, begibt sich Despi­nia­dis auf die Spu­ren der anti­au­to­ri­tä­ren Ten­den­zen in den Roman Das Schloss und Der Pro­zess, die sich in den Schil­de­run­gen der Büro­kra­tie und des Auto­ri­ta­ris­mus sowie der Inte­gra­ti­on der Figu­ren in die jewei­li­gen Macht­struk­tu­ren. Dage­gen ist das Roman­frag­ment Der Ver­schol­le­ne (das von Kaf­kas Nach­lass­ver­wal­ter Max Brod als Ame­ri­ka beti­telt wur­de) in den Augen Despi­nia­dis’ am wei­tes­ten von anar­chis­ti­schen Ein­flüs­sen gekenn­zeich­net, dien­te für Kaf­ka doch der Rei­se­be­richt Ame­ri­ka heu­te und mor­gen des anar­chis­ti­schen Kos­mo­po­li­ten Arthur Holit­scher (1869–1941) aus dem Jah­re 1912 als Inspi­ra­ti­on für sei­ne anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Kri­tik des Tay­lo­ris­mus und Auto­ma­tis­mus, wobei – wie Micha­el Löwy her­vor­hebt – der »Auto­ri­ta­ris­mus der ame­ri­ka­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on« bei Holit­scher weni­ger zum Aus­druck kommt als bei Kaf­ka, der die All­ge­gen­wart der Herr­schaft in den sozia­len Bezie­hun­gen unter­streicht.14

 

Franz Kafka: Die Verwandlung (1916)

Franz Kaf­ka: Die Ver­wand­lung (1916)

In sei­ner Dis­kus­si­on des Kafka’schen Wer­kes unter­schei­det Despi­nia­dis zwi­schen zen­tra­li­sier­ten, büro­kra­ti­schen, unper­sön­li­chen Agen­tu­ren der Macht, die von einem offe­nen Des­po­tis­mus der Herr­schen­den und einer frei­wil­li­gen Unter­ord­nung der sub­al­ter­nen Schich­ten pro­fi­tie­ren (wie sie vor allem in den Roma­nen Kaf­kas zum Aus­druck kom­men), und der patri­ar­cha­len Auto­kra­tie, die sich vor allem in Wer­ken wie »Die Ver­wand­lung« oder »Brief an den Vater« nie­der­schlägt. In der Erzäh­lung »Die Ver­wand­lung«, an deren Beginn sich Gre­gor Sam­sa eines Mor­gens »zu einem unge­heu­ren Unge­zie­fer ver­wan­delt«15, äußert sich für Despi­nia­dis eine radi­ka­le Kri­tik der bür­ger­li­chen Fami­lie, wie sie sich spä­ter in den Stu­di­en über Auto­ri­tät und Fami­lie des Insti­tuts für Sozi­al­for­schung wis­sen­schaft­lich arti­ku­lier­te. »Die Stär­kung des Glau­bens, daß es immer ein Oben und Unten geben muß und Gehor­sam not­wen­dig ist, gehört mit zu den Wich­ti­gen Funk­tio­nen in der bis­he­ri­gen Kul­tur«16, schrieb Max Hork­hei­mer im Vor­wort zu den Stu­di­en, als der Faschis­mus in Euro­pa bereits wüte­te.

 

Franz Kaf­ka: The Meta­mor­pho­sis, adap­tiert von Peter Kuper (2003)

Schon in Kaf­kas Aver­si­on gegen­über der eige­nen Fami­lie fand sich eine stum­me Reni­tenz. »Die Eltern[,] die Dank­bar­keit von ihren Kin­dern erwar­ten (es gibt sogar sol­che, die sie for­dern), sind«, notier­te er in sei­nem Tage­buch, »wie Wuche­rer, sie ris­kie­ren gern das Kapi­tal, wenn sie nur die Zin­sen bekom­men.«17. In der Erzäh­lung reagiert die Fami­lie auf die uner­klär­li­che Ver­wand­lung des Soh­nes mit der Exter­mi­na­ti­on des »Unge­zie­fers«, wobei die Schwes­ter das Kom­man­do über­nimmt und mit dem Bru­der­mord und der Hei­rat den Ritua­len der herr­schen­den Gesell­schaft sich unter­wirft. Wel­cher Art die­ses »Unge­zie­fer« war, ließ Kaf­ka im Unge­wis­sen, insis­tiert Despi­nia­dis und weist dar­auf­hin, dass die Natio­nal­so­zia­lis­ten in ihrer Exter­mi­na­ti­ons­po­li­tik Juden immer wie­der als »Unge­zie­fer« dif­fa­mier­ten. So sträub­te sich Kaf­ka vehe­ment gegen die Vor­stel­lung, dass auf dem Umschlag der Erst­aus­ga­be der Erzäh­lung ein tat­säch­li­ches Insekt von der Erschei­nung einer Küchen­scha­be abge­bil­det wer­den soll­te. »Das Insekt selbst kann nicht gezeich­net wer­den«, schrieb Kaf­ka an sei­nen Ver­le­ger Kurt Wolff. »Es kann nicht ein­mal ein­mal von Fer­ne aus gezeigt wer­den.«18 In der moder­nen Adap­ti­on Peter Kupers (die gegen das »Ver­dikt« Kaf­kas ver­stößt, das Insekt sei »unab­bild­bar«) ent­fal­tet die Trans­for­ma­ti­on der »Ver­wand­lung« zur »gra­phic nar­ra­ti­ve« eine neue Dimen­si­on der klaus­tro­pho­bi­schen Ver­stö­rung, die Kaf­ka unter­schwel­lig inten­diert hat­te.19

 

Franz Kafka:  In der Strafkolonie (Wagenbach, 2010)

Franz Kaf­ka: In der Straf­ko­lo­nie (Wagen­bach, 2010)

Wäh­rend die uner­klär­li­che Ver­wand­lung des Prot­ago­nis­ten Gre­gor Sam­sa die Dimen­sio­nen der bür­ger­li­chen Exis­tenz und damit ihre gesell­schaft­li­chen ethi­schen Fun­da­men­te durch­ein­an­der­wir­belt, demons­triert die Erzäh­lung »In der Straf­ko­lo­nie« die Tech­nik des Bestra­fens in Per­son eines Offi­ziers in einer nicht näher bezeich­ne­ten Straf­ko­lo­nie, in der einem For­schungs­rei­sen­den der »eigen­tüm­li­che Appa­rat« in der »prak­ti­schen Anwen­dung« vor­ge­führt wird. In sei­nen Erläu­te­run­gen zu die­ser Erzäh­lung loka­li­siert Klaus Wagen­bach den ver­mut­li­chen Hand­lungs­ort in Neu­ka­le­do­ni­en oder auf der Teu­fels­in­sel, wohin die euro­päi­schen Kolo­ni­al­mäch­te im 19. Jahr­hun­dert ihre uner­wünsch­ten Per­so­nen abscho­ben und ver­rot­ten lie­ßen.20 Doch hät­te Kaf­ka beim Schrei­ben auch die Bestra­fun­gen der ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten vor Augen haben kön­nen, die nach ihren häu­fig geschei­ter­ten Atten­ta­ten von der ita­lie­ni­schen Staats­macht nicht nur in Gefäng­nis­sen auf kar­gen süd­ita­lie­ni­schen Inseln in den Wahn­sinn getrie­ben, son­dern auch durch Appa­ra­te wie die Garot­te hin­ge­rich­tet wur­den, wobei man den Delin­quen­ten an einen Holz­pfahl fes­sel­te und »der Appa­rat« die Luft­röh­re zusam­men­press­te, bis der Tod durch lang­sa­mes Ersti­cken ein­trat.

 

Franz Kafka: »Hochlöblicher Verwaltungsausschuß!«: Amtliche Schriften (Luchterhand, 1991)

Franz Kaf­ka: »Hoch­löb­li­cher Ver­wal­tungs­aus­schuß!«: Amt­li­che Schrif­ten (Luch­ter­hand, 1991)

In sei­ner Inter­pre­ta­ti­on die­ser Erzäh­lung weist Despi­nia­dis stets auf den Ein­fluss Kro­pot­kins hin, der für Kaf­kas Kri­tik der Auto­ri­tät (wie sie sich in Büro­kra­ti­en und Gefäng­nis­sen aus­drück­te) ein stän­di­ger Fix­punkt war.21 Die Drang­sa­lie­rung der Gefan­ge­nen spiel­te sich hin­ter den Mau­ern ab: Sie wur­den gequält, in den Wahn­sinn oder den Selbst­mord getrie­ben oder klamm­heim­lich hin­ge­rich­tet. Kaf­kas Erzäh­lung nahm die geschicht­li­che bar­ba­ri­sche Erfah­rung des 19. Jahr­hun­derts in sich auf und anti­zi­pier­te die tech­no­lo­gi­sche Ver­nich­tung des Opfers, die einer kal­ten Appa­ra­tur über­ant­wor­tet wird. Die Tötung voll­zieht sich in einer »Amts­spra­che«, derer sich Kaf­ka als Ange­stell­ter der »Arbei­ter-Unfall-Ver­si­che­rungs-Anstalt« beflei­ßi­gen muss­te.22

In der Straf­ko­lo­nie nahm Kaf­ka den bru­ta­len Akt der Aus­lö­schung und Bar­ba­rei durch die Täto­wie­rung vor­weg: Der Schuld­lo­se muss­te spü­ren, »wie sein Urteil ins Fleisch ein­ge­schrie­ben wur­de«23, wie Pri­mo Levi die Erfah­rung in der Bar­ba­rei der nazis­ti­schen »Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger« beschrieb. Wäh­rend jedoch bei Kaf­ka der For­schungs­rei­sen­de unge­hin­der­ten Zugang zu die­ser Schre­ckens­welt hat und die Exe­ku­ti­on einen öffent­li­chen Cha­rak­ter auf­weist, voll­zog sich die Aus­lö­schung der Juden, Sin­ti und Roma, Homo­se­xu­el­len und poli­ti­schen Geg­ner im Ver­bor­ge­nen. »Die von Kaf­ka beschrie­be­ne Hin­rich­tung ist gleich­zei­tig eine sehr moder­ne – und ver­weist inso­fern auf Ausch­witz – und eine sehr archai­sche, die an das Schau­spiel der Guil­lo­ti­ne gemahnt«, resü­miert Enzo Tra­ver­so. »In die­sem Sin­ne ist Kaf­kas Erzäh­lung bei­na­he ein Lehr­stück zur Genea­lo­gie des Schre­ckens des 20. Jahr­hun­derts.«24

 

Peter Kuper: Kafkaesque (W. W. Norton, 2018)

Peter Kuper: Kaf­ka­es­que (W. W. Nor­ton, 2018)

In der Adap­ti­on Peter Kupers, die aus dem Ver­gleich ver­schie­de­ner eng­li­scher Über­set­zun­gen und eige­nen Über­tra­gun­gen ent­stand und sich am Expres­sio­nis­mus ori­en­tiert, erscheint der Kom­man­dant zwar wie ein süd­ame­ri­ka­ni­scher Offi­zier, doch trägt das Per­so­nal der Straf­ko­lo­nie preu­ßi­sche Pickel­hau­ben. Auch die Kopf­be­de­ckung des Kom­man­dan­ten ähnelt einer Wehr­machts­of­fi­ziers­müt­ze, wäh­rend die Gesichts­zü­ge an Kupers Anti-Trump-Zeich­nun­gen erin­nern. »Kaf­kas Erzäh­lun­gen regen zu einer indi­vi­du­el­len Inter­pre­ta­ti­on an, indem sie jedem Leser einen ein­zig­ar­ti­gen per­sön­li­chen Kon­text geben«25, schreibt Kuper. Die außer­or­dent­li­che gra­fi­sche und intel­lek­tu­el­le Qua­li­tät der »kuper­es­ken« Adap­tio­nen wird noch ein­mal deut­lich, wenn man als Ver­gleich die Comic-Vari­an­te Kaf­ka: The Exe­cu­ti­on26 von Leo Dura­no­na her­an­zieht, der es der Tie­fe man­gelt und die Kaf­kas Rei­sen­den auf die ein­di­men­sio­na­le Exis­tenz einer India­na-Jones-Vari­an­te nie­der­drückt.

Auch die Erzäh­lung »Der Bau«, die Despi­nia­dis im Kon­text sei­ner Ent­ste­hung in den frü­hen 1920er Jah­ren mit dem Her­auf­zie­hen des Faschis­mus sieht, ist bei Kuper die Dar­stel­lung eines kon­ser­va­ti­ven Klein­bür­gers, der sich gegen die Außen­welt in sei­nen unter­ir­di­schen Gang­sys­tem abschirmt, die media­ti­sier­te Welt via Groß­bild­fern­se­her an sich vor­bei­zie­hen läßt, und wie ein ewi­ger Schüt­zen­gra­ben­be­woh­ner mit Kon­ser­ven gegen die Gefah­ren einer unbe­wohn­ba­ren Welt. Wie Despi­nia­dis mit Recht her­aus­stellt, ist der Begriff »Bau« mehr­deu­tig: Zum einen kann er ein Gefäng­nis beschrei­ben, zum ande­ren ein archi­tek­to­ni­sches Prunk­stück dar­stel­len. Viel­leicht könn­te es auch ein klein­bür­ger­li­ches Zuhau­se sein, das Kaf­ka kurz vor sei­nem Tod sich mög­li­cher­wei­se erträum­te.27

Bereits im Jah­re 1903 schrieb Kaf­ka an sei­nen Freund Oskar Poll­ack zum The­ma »Ein­sie­de­lei«: »man ehre den Maul­wurf und sei­ne Art; aber man mache ihn nicht zu sei­nem Hei­li­gen«28. Im Bau ist der mole­ski­no­i­de Prot­ago­nist ein ver­ängs­tig­ter unter­ir­di­scher Bewoh­ner, den auch sei­ne Ver­tei­di­gungs­maß­nah­men nicht beru­hi­gen kön­nen: »Das schöns­te an mei­nem Bau ist aber sei­ne Stil­le, frei­lich sie ist trü­ge­risch […].«29 In Kupers Adap­ti­on ist Kaf­kas Ich-Erzäh­ler ein ver­ängs­tig­tes Tier im unter­ir­di­schen Laby­rinth, das kei­ne Sicher­heit fin­den kann. Das abschlie­ßen­de Satz­frag­ment »aber alles blieb unver­än­dert«30 über­trägt Kuper in ein Bild psy­cho­ti­scher Angst, in der das maul­wur­f­ähn­li­che Wesen von Vor­stel­lun­gen des Schei­terns der eige­nen Ver­tei­di­gungs­maß­nah­men heim­ge­sucht wird. Das per­ma­nen­te Gefühl des Schei­terns in der Bewäl­ti­gung all­täg­li­cher Rou­ti­nen, etwa im Auf­fin­den eines Ziels in einer Stadt, beschrieb Kaf­ka in sei­nem kur­zen Text »Ein Kom­men­tar« aus dem Jah­re 1922, der sei­ne Aver­si­on gegen­über den Reprä­sen­tan­ten der staat­li­chen Auto­ri­tät ver­deut­lich­te: Ein Rei­sen­der erfragt von einem »Schutz­mann« den Weg zu sei­nem Ziel, doch die­ser ver­höhnt ihn nur mit den Wor­ten »Gibs auf, gibs auf«.31 In Kupers gran­dio­ser Umset­zung die­ses Tex­tes ist der Prot­ago­nist von Zeit­angst geprägt, als hin­ge sei­ne Exis­tenz davon ab, pünkt­lich sein Ziel in die­ser Stadt zu errei­chen, doch der volu­mi­nö­se, dunk­le Reprä­sen­tant des Staa­tes, an des­sen dicken Bauch bereits die Hand­schel­len bau­meln, schreit ihn hef­tig an: »Gibs auf, gibs auf«, um sich danach abzu­dre­hen, und den Ver­lo­re­nen sei­nem Schick­sal zu über­las­sen.32

Über die Kaf­ka-Exege­se hin­aus beleuch­tet Despi­nia­dis auch Kaf­kas Ver­bin­dun­gen mit der Pra­ger Anar­chis­ten­sze­ne. Bereits Max Brod hat­te in sei­ner maß­geb­li­chen Kaf­ka-Bio­gra­fie auf die lose Ver­bin­dung Kaf­ka zu einem anar­chis­ti­schen Zir­kel namens »Klub Mla­dých« (»Klub der Jun­gen«) hin­ge­wie­sen, bei dem Kaf­ka als der »Schwei­ge­rich« in Erschei­nung trat: An den hit­zi­gen Debat­ten der Genos­sen betei­lig­te er sich nicht.33 Vor allem Klaus Wagen­bach beschrieb in sei­ner Bio­gra­phie des jun­gen Franz Kaf­ka sei­ne Invol­viert­heit in die dis­si­den­te Pra­ger Sze­ne, wobei er jedoch zugab, dass die his­to­ri­schen Quel­len für die Ver­bin­dung spär­lich sind. In ers­ter Linie gilt der tsche­chi­sche Jour­na­list Michal Mareš als Zeu­ge der anar­chis­ti­schen Ver­bin­dun­gen Kaf­kas. Mut­maß­lich soll Kaf­ka an einer Demons­tra­ti­on anläss­lich der Hin­rich­tung des spa­ni­schen Anar­chis­ten Fran­cis­co Fer­rer teil­ge­nom­men haben.34

 

Ähnlich wie der Mün­che­ner Anar­chist Egon Gün­ther (nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen Schrif­stel­ler und Regis­seur) in sei­nem Arti­kel »Franz Kaf­ka und der Anar­chis­mus« bezieht Despi­nia­dis sei­ne Infor­ma­ti­on aus den gän­gi­gen Quel­len Wagen­bachs Kaf­ka-Bio­gra­fie oder Gus­tav Janouchs Gesprä­che mit Kaf­ka, ohne dass er auf neue­re Erkennt­nis­se zurück­grei­fen könn­te. In Janouchs Auf­zeich­nun­gen äußert »Dok­tor Kaf­ka« ähn­lich hell­sich­ti­ge Ein­schät­zun­gen des neu­en revo­lu­tio­nä­ren Regimes in Russ­land wie Emma Gold­man und Alex­an­der Berk­man. Von der schein­bar unbän­di­gen Kraft der Mas­sen ließ er sich nicht blen­den: »Am Schluß jeder wirk­lich revo­lu­tio­nä­ren Ent­wick­lung erscheint ein Napo­le­on Bona­par­te«, ver­si­cher­te er und füg­te hin­zu: »Die Revo­lu­ti­on ver­dampft, und es bleibt nur ein Schlamm der Büro­kra­tie. Die Fes­seln der gequäl­ten Mensch­heit sind aus Kanz­lei­pa­pier.«35 Die Authen­ti­zi­tät der Auf­zeich­nun­gen Janouchs wer­den jedoch von vie­len Kom­men­ta­to­ren in Zwei­fel gezo­gen36: Janouch erscheint vie­len als »Kaf­ka-Grou­pie«, der »Dok­tor Kaf­ka« als Hei­li­gen por­trä­tiert (wie Paul Aus­ter schrieb), wäh­rend die Ein­trä­ge in sei­nen Tage­bü­chern von nahe­zu patho­lo­gi­schen Selbst­zwei­feln geprägt, sodass eine poli­ti­sche Indienst­nah­me die­ses »neu­ro­ti­schen Schat­ten­man­nes«37 für eine herr­schafts­freie Gesell­schaft etwas frag­wür­dig erschei­ne, wie Edmund Wil­son in sei­ner Anti-Kaf­ka-Tira­de unter­strich.

 

Michael Löwy: Franz Kafka - Subversive Dreamer (University of Michigan Press, 2016)

Micha­el Löwy: Franz Kaf­ka — Sub­ver­si­ve Drea­mer (Uni­ver­si­ty of Michi­gan Press, 2016)

Selbst Micha­el Löwy als größ­ter poli­ti­scher Für­spre­cher Kaf­kas insis­tiert, dass Kaf­ka weit davon ent­fernt war, ein Anar­chist zu sein, und in die­sem Urteil fol­gen ihm sowohl Despi­nia­dis als auch Gün­ther: »Kaf­ka lässt sich nicht ver­ein­nah­men«, resü­miert Gün­ther, »er irri­tiert und hin­ter­läßt einen Sta­chel unter der Haut des Lesers.«38 Auch Despi­nia­dis will trotz des Bestre­bens, »die wah­re Dimen­si­on von Kaf­kas anar­chis­ti­schen Inter­es­sen«39 zu por­trä­tie­ren und sei­ne Affi­ni­tät für Autoren und Autorin­nen wie Kro­pot­kin, Emma Gold­man, Erich Müh­sam oder Alex­an­der Her­zen her­aus­zu­stel­len, Kaf­ka nicht als Sprach­rohr eines lite­ra­ri­sches Anar­chis­mus dar­stel­len.

 

Costas Despiniadis: Kafka et les anarchistes (Éditions Atelier de création libertaire )

Cos­tas Despi­nia­dis: Kaf­ka et les anar­chis­tes (Édi­ti­ons Ate­lier de créa­ti­on liber­taire, 2018)

Im Gegen­satz zur fran­zö­si­schen Aus­ga­be des Buches, das den essay­is­ti­schen Cha­rak­ters des Wer­kes her­vor­hebt, ver­sucht die kana­di­sche Edi­ti­on die Tat­sa­che zu kaschie­ren, dass es sich bei Despi­nia­dis’ Buch weni­ger um eine strin­gent argu­men­tie­ren­de Abhand­lung denn um eine Samm­lung von Essays han­delt, die Kaf­kas The­men umkrei­sen. Dies ist Despi­nia­dis nicht vor­zu­wer­fen, denn der Essay ist – wie Ador­no schrieb – »von der Dis­zi­plin aka­de­mi­scher Unfrei­heit« los­ge­ris­sen.40 Doch hät­te der Ver­lag mit einer sorg­fäl­ti­ge­ren Lek­to­rie­rung dafür sor­gen kön­nen, dass die Red­un­dan­zen in der Argu­men­ta­ti­on weni­ger augen­fäl­lig wären: An man­chen Stel­len wie­der­ho­len sich For­mu­lie­run­gen gera­de­zu wort­wört­lich. Nichts­des­to­trotz bie­tet Despi­nia­dis eine zeit­ge­mä­ße, mit der kri­ti­schen »Kaf­ka-Kri­tik« auf Augen­hö­he argu­men­tie­ren­de Aus­ein­an­der­set­zung, deren Les­bar­keit und Erkennt­nis­ge­winn weit­aus höher ist als die anar­chis­tisch-aka­de­mi­sche Ver­ein­nah­mung, wie sie jüngst in der Zeit­schrift Anar­chist Stu­dies zum Aus­druck kam.41 In sol­chen Tex­ten stirbt die »Kaf­kao­lo­gie« wie ein Hund, als soll­te die Scham (die ihr der aka­de­mi­sche Schund per­ma­nent antut) sie über­le­ben.42 Gegen die­se aka­de­mi­sche Zurich­tung ermög­li­chen Despi­nia­dis und Kuper einen kri­ti­schen Blick auf die Kaf­ka-Welt, der sich der erpress­ten Ver­söh­nung durch Ange­stell­te der aka­de­mi­schen Wis­sen­in­dus­trie wider­setzt.

 

Bibliografische Angaben:

Cos­tas Despi­nia­dis.
The Ana­to­mist of Power:
Franz Kaf­ka and the Cri­tique of Aut­ho­ri­ty
Mont­re­al: Black Rose Books, 2019.
165 Sei­ten, 21,99 Dol­lar (Paper­back), 81,99 Dol­lar (Hard­co­ver).
ISBN: 978–1‑55164–656‑5 (Paper­back).
ISBN: 978–1‑55164–658‑9 (Hard­co­ver).

Peter Kuper.
Kaf­ka­es­que:
Four­te­en Sto­ries
New York: W. W. Nor­ton, 2018.
160 Sei­ten, 19,95 Dol­lar.
ISBN: 978–0‑393–63562‑1.

 

Bildquellen



Cover Par­ti­san Review (Mai 1938) — © Par­ti­san Review/Boston Uni­ver­si­ty

Cover Franz Kaf­ka: Bio­gra­fie sei­ner Jugend — © Klaus Wagen­bach Ver­lag

Cover The Ana­to­mist of Power — © Black Rose Books

Cover Ame­ri­ka heu­te und mor­gen — © S. Fischer Ver­lag

Cover Franz Kaf­ka: The Meta­mor­pho­sis — © Three Rivers Press

Cover Die Ver­wand­lungWiki­me­dia Com­mons

Cover In der Straf­ko­lo­nie — © Klaus Wagen­bach Ver­lag

Cover »Hoch­löb­li­cher Ver­wal­tungs­aus­schuß!«: Amt­li­che Schrif­ten — © Samm­lung Luch­ter­hand

Cover Franz Kaf­ka: sub­ver­si­ve Drea­mer — © Uni­ver­si­ty of Michi­gan Press

Cover Kaf­ka et les anar­chis­tes — © Édi­ti­ons Ate­lier de créa­ti­on liber­taire

Por­trät von Franz Kaf­ka — Wiki­me­dia Com­mons

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Franz Kaf­ka, Der Ver­schol­le­ne, (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1994), S. 270
  2. Theo­dor W. Ador­no, Pris­men: Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 270
  3. Hugh Wil­ford, The New York Intel­lec­tu­als: From Van­guard to Insti­tu­ti­on (Man­ches­ter: Man­ches­ter Uni­ver­si­ty Press, 1995), S. 75, 81; Alan M. Wald, The New York Intel­lec­tu­als: The Rise and Decli­ne of the Anti-Sta­li­nist Left from the 1930s to the 1980s (Cha­pel Hill: Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 2017), S. 278–279; Les­lie A. Fied­ler, »The Sta­te of Ame­ri­can Wri­ting, A Sym­po­si­um«, Par­ti­san Review, 15:8 (August 1948):872
  4. Isaac Rosen­feld, »Kaf­ka and His Cri­tics«, in: Pre­ser­ving the Hun­ger: An Isaac Rosen­feld Reader, hg. Mark Shech­ner (Detroit: Way­ne Sta­te Uni­ver­si­ty Press, 1988), S. 171
  5. Rosen­feld, »Kaf­ka and His Cri­tics«, S. 167
  6. Har­vey Teres, Renewing the Left: Poli­tics, Ima­gi­na­ti­on, and the New York Intel­lec­tu­als (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1996), S. 228
  7. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 176
  8. Edmund Wil­son, »A Dis­sen­ting Opi­ni­on on Kaf­ka« (1947), in: Wil­son, Litera­ry Essays and Reviews of the 1930s & 40s (New York: Libra­ry of Ame­ri­ca, 2007), S. 776–783
  9. Eli­as Canet­ti, Pro­zes­se: Über Franz Kaf­ka (Mün­chen: Han­ser, 2019), S. 50
  10. Klaus Wagen­bach, Franz Kaf­ka: Eine Bio­gra­phie sei­ner Jugend, 1883–1912, Neu­aus­ga­be (Ber­lin: Wagen­bach, 2006), S. 241
  11. Micha­el Löwy, Franz Kaf­ka: Sub­ver­si­ve Drea­mer (im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal 2004 erschie­nen), übers. Inez Hedges (Ann Arbor: Uni­ver­si­ty of Michi­gan Press, 2016); Löwy, Redemp­ti­on and Uto­pia: Jewish Liber­ta­ri­an Thought in Cen­tral Euro­pe, übers. Hope Hea­ney (Lon­don: Ver­so, 2017), S. 71–94; Pas­ca­le Casa­no­va, Kaf­ka en colè­re (Paris: Édi­ti­ons du Seuil, 2011), S. 129–228
  12. Cos­tas Despi­nia­dis, The Ana­to­mist of Power: Franz Kaf­ka and the Cri­tique of Aut­ho­ri­ty, übers. Ste­li­os Kapso­me­nos (Mon­tréal: Black Rose Books, 2019), S. 15
  13. Franz Kaf­ka, Tage­bü­cher, Band 2: 1912–1914, hg. Hans-Gerd Koch (Frankfurt/Main: Fischer, 2008), S. 196
  14. Micha­el Löwy, »Liber­ta­ri­an Anar­chism in Ame­ri­ka«, in: Rea­ding Kaf­ka: Pra­gue, Poli­tics, and the Fin de Siè­cle, hg. Mark Ander­son (New York: Scho­cken, 1989), S. 127
  15. Franz Kaf­ka, Die Erzäh­lun­gen und ande­re aus­ge­wähl­te Pro­sa, hg. Roger Her­mes (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1996), S. 96
  16. Max Hork­hei­mer, Vor­wort zu den Stu­di­en über Auto­ri­tät und Fami­lie (1936), in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 3, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: Fischer, 1988), S. 330
  17. Franz Kaf­ka, Tage­bü­cher, Band 3: 1914–1923, hg. Hans-Gerd Koch (Frankfurt/Main: Fischer, 2008), S. 56
  18. Kaf­ka, Brief an Kurt Wolff, 25.10.1915, in: Franz Kaf­ka, Brie­fe (Frankfurt/Main: Zwei­tau­send­eins, 2005), S. 121
  19. Franz Kaf­ka: The Meta­mor­pho­sis, adap­tiert von Peter Kuper (New York: Three Rivers Press, 2003)
  20. Klaus Wagen­bach, »Über Straf­ko­lo­ni­en«, in: Franz Kaf­ka, In der Straf­ko­lo­nie (Ber­lin: Wagen­bach, 2010), S. 69–76
  21. Kro­pot­kin war in der anar­chis­ti­schen Bewe­gung sei­ner Zeit, vor allem wegen sei­ner Posi­ti­on zum Ers­ten Welt­krieg, nicht unum­strit­ten: Cf. Ruth Kin­na, Kro­pot­kin: Reviewing the Clas­si­cal Anar­chist Tra­di­ti­on (Edin­burgh: Edin­burgh Uni­ver­si­ty Press, 2016); Peter Ryley: »The Mani­festo of the Six­te­en: Kropotkin’s Rejec­tion of Anti-War Anar­chism and his Cri­tique of the Poli­tics of Peace«, in: Anar­chism, 1914–18: Inter­na­tio­na­lism, Anti-Mili­ta­rism and War, hg. Mat­thew S. Adams und Ruth Kin­na (Man­ches­ter: Man­ches­ter Uni­ver­si­ty Press, 2017), S. 49–68
  22. Cf. Franz Kaf­ka, »Hoch­löb­li­cher Ver­wal­tungs­aus­schuß!«: Amt­li­che Schrif­ten, hg. Klaus Herms­dorf (Frankfurt/Main: Luch­ter­hand, 1991); Enzo Tra­ver­so, Ausch­witz den­ken: Die Intel­lek­tu­el­len und die Sho­ah, übers. Hel­mut Dah­mer (Hsmburg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, 2000), S. 74
  23. Pri­mo Levi, Die Unter­ge­gan­ge­nen und die Geret­te­ten, übers. Mos­he Kahn (Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag, 1993), S. 123
  24. Tra­ver­so, Ausch­witz den­ken, S. 75
  25. Peter Kuper, »Intro­duc­tion: Kuper­es­que«, in: Peter Kuper, Kaf­ka­es­que (New York: W. W. Nor­ton, 2018), S. 10
  26. Leo Dura­no­na, Kaf­ka: The Exe­cu­ti­on, https://raggedclaws.com/2011/02/07/look-here-read-kafkas-in-the-penal-colony-adapted-for-comics-by-leo-duranona/
  27. Despi­nia­dis, The Ana­to­mist of Power, S. 112
  28. Brief an Oskar Pol­lock, 6. Sep­tem­ber 1903, in: Kaf­ka, Brie­fe, S. 16; zur »Maulwurf«-Diskussion: cf. Canet­ti, Pro­zes­se, S. 350–351
  29. Kaf­ka, »Im Bau«, in: Kaf­ka, Die Erzäh­lun­gen und ande­re aus­ge­wähl­te Pro­sa, S. 467
  30. Kaf­ka, »Im Bau«, S. 507
  31. Kaf­ka, »Ein Kom­men­tar«, in: Kaf­ka, Die Erzäh­lun­gen und ande­re aus­ge­wähl­te Pro­sa, S. 462
  32. Peter Kuper, Kaf­ka­es­que, S. 61–64
  33. Max Brod, Franz Kaf­ka: A Bio­gra­phy (New York: Scho­cken, 1963), S. 86
  34. Wagen­bach, Franz Kaf­ka: Eine Bio­gra­phie sei­ner Jugend, 1883–1912, S. 162–163, 236–241; Paul Avrich, The Modern School Move­ment: Anar­chism and Edu­ca­ti­on in the United Sta­tes (1980; rpt. Oak­land, CA: AK Press, 2006), S. 146
  35. Gus­tav Janouch, Gesprä­che mit Kaf­ka: Auf­zeich­nun­gen und Erin­ne­run­gen (Frankfurt/Main: Fischer, 1968), S. 136–137; zur anar­chis­ti­schen Kri­tik der rus­si­schen Revo­lu­ti­on cf. Paul Avrich, The Rus­si­an Anar­chists (Oak­land, CA: AK Press, 2005), S. 171–254; und Avrich, Kron­stadt 1921 (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 1991)
  36. Klaus Herms­dorf, »Arbeit und Amt als Erfah­rung und Gestal­tung«, in: Kaf­ka, »Hoch­löb­li­cher Ver­wal­tungs­aus­schuß!«, S. 21, Fn32
  37. Paul Aus­ter, Tal­king to Stran­gers: Selec­ted Essays, Pre­faces, and Other Wri­tings, 1967–2017 (New York: Pica­dor, 2019), S. 94
  38. Egon Gün­ther, »Franz Kaf­ka und der Anar­chis­mus«, Tra­fik, Nr. 35 (1992), S. 64
  39. Despi­nia­dis, The Ana­to­mist of Power, S. 9
  40. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 13
  41. David Tul­ley, »›To Live Out­si­de the Tri­al‹: Anar­chist Impli­ca­ti­ons in Fou­caul­di­an Rea­dings of Franz Kafka’s ›In the Penal Colo­ny‹ and ›The Tri­al‹«, Anar­chist Stu­dies, 26:2 (Herbst 2018), S. 12–31. Tul­ley spricht von »Kaf­kas Affi­ni­tät für die Ide­en von Anar­chis­ten« und schwa­dro­niert in aka­de­mi­scher Racket-Manier über die »Mit­tel der Foucault’schen Ana­ly­se«.
  42. Franz Kaf­ka, Der Pro­ceß (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1994), S. 241

Flattr this!

Read More

Aus den Archiven: Christine Stansell — American Moderns

Schaukasten der Moderne

In ihrem Buch »Ame­ri­can Moderns« erzählt Chris­ti­ne Stan­sell die Geschich­te der New Yor­ker Bohe­me zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts und lie­fert Auf­schlüs­se über die Ver­spre­chen und Ver­wir­run­gen einer wider­sprüch­li­chen Moder­ne.

 

Von Jörg Auberg

 

Stets schon ist New York ein beson­de­rer Ort gewe­sen. Die Stadt liegt an der Schnitt­stel­le zwi­schen den Kul­tu­ren der Welt, zugleich inner­halb und außer­halb der USA. Die Ein­zig­ar­tig­keit New Yorks unter­strich Paul Aus­ter exem­pla­risch 1997 in einem Gespräch mit Lou Reed: »New York hal­te ich nicht für einen Teil Ame­ri­kas«, sag­te der Autor der New York-Tri­lo­gie, »es ist nicht ein­mal ein Teil des Staa­tes New York. Es ist ein klei­ner sepa­ra­ter Stadt­staat, der zur Welt gehört.« Die­se Uni­ver­sa­li­tät New Yorks ent­ging euro­zen­tris­ti­schen Autoren wie Ser­ge Guil­baut, der in sei­nem Buch Wie New York die Idee der moder­nen Kunst gestoh­len hat (1983) nicht allein die »Kul­turza­ren von New York« im Umfeld des Abs­trak­ten Expres­sio­nis­mus und die »intel­lek­tu­el­le Iso­la­ti­on in Ame­ri­ka« atta­ckier­te, son­dern auch in voll­kom­me­ner Igno­ranz der Vor­ge­schich­te über den »Patrio­tis­mus eines Ran­dolph Bourne« schwa­dro­nier­te, der gera­de als einer der weni­gen ame­ri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len zu Zei­ten des Ers­ten Welt­krie­ges gegen den patrio­ti­schen Zeit­geist Ein­spruch erhob und damit sei­ne publi­zis­ti­sche Kar­rie­re zer­stör­te.

 

Chris­ti­ne Stan­sell: Ame­ri­can Moderns (Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2010)

Kei­nes­wegs stahl der »kul­tur­lo­se« Moloch New York die Idee der moder­nen Kunst nach dem Fall von Paris im Zwei­ten Welt­krieg, wie Guil­baut insi­nu­ier­te. Schon früh hat­te in die­ser Metro­po­le die Moder­ne Ein­zug gehal­ten, wie die femi­nis­ti­sche His­to­ri­ke­rin Chris­ti­ne Stan­sell in ihrem Buch Ame­ri­can Moderns ein­drucks­voll beschreibt. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts hat­te sich in New York eine »Sub­kul­tur« von Bohe­mi­ens her­aus­ge­bil­det, die Poli­tik, Kunst und Lite­ra­tur in viel­schich­ti­ger Wei­se ver­knüpf­te. Mit den Immi­gran­ten wan­der­ten anar­chis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche Ide­en der sozia­len Umwäl­zung in den urba­nen Raum ein, und zugleich fan­den avant­gar­dis­ti­sche Strö­mun­gen wie Kubis­mus und Dada­is­mus ihre Fort­set­zung in der künst­le­ri­schen Appli­ka­ti­on auf dem neu­en Kon­ti­nent. Die Armo­ry Show im Früh­jahr 1913, in der eine reprä­sen­ta­ti­ve Aus­wahl moder­ner Kunst­wer­ke in New York aus­ge­stellt wur­de, gilt als Beginn der Moder­ne in den USA. Die Stadt wur­de, schreibt Stan­sell, zum Schau­kas­ten des moder­nen Zeit­al­ters – eine Ansicht, die auch die Erin­ne­rung eines pro­mi­nen­ten Besu­chers im Janu­ar 1917 unter­streicht. »Ich bin in New York«, schrieb Leo Trotz­ki in sei­ner Auto­bio­gra­phie, »in der mär­chen­haft pro­sai­schen Stadt des kapi­ta­lis­ti­schen Auto­ma­tis­mus, wo in den Stra­ßen die ästhe­ti­sche Theo­rie des Kubis­mus und in den Her­zen die sitt­li­che Phi­lo­so­phie des Dol­lars herrscht.«

 

Bere­ni­ce Abbott: Man­hat­tan South Street Water­front (1935)

Vor dem Hin­ter­grund der sich ent­wi­ckeln­den New Yor­ker Kul­tur­in­dus­trie mit ihren Zei­tun­gen, Maga­zi­nen und Buch­ver­la­gen beschreibt Stan­sell die Her­aus­bil­dung einer Bohe­me, die sich als eine »New Yor­ker Eli­te von Außen­sei­tern« begriff und trotz aller poli­ti­schen und ästhe­ti­schen Dif­fe­ren­zen eine gemein­sa­me Grund­la­ge in der Oppo­si­ti­on zur ame­ri­ka­ni­schen Main­stream-Gesell­schaft der Zeit hat­te. Die Kunst­mä­ze­nin Mabel Dodge Luhan sah in Kul­tur zuvör­derst Kom­mu­ni­ka­ti­on und bot in ihrem Salon in Green­wich Vil­la­ge ein Forum für Dis­kus­sio­nen, in dem Ästhe­ten und Künst­ler auf anar­chis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche Revo­lu­tio­nä­re tra­fen. Mar­ga­ret Ander­son för­der­te in ihrer Zeit­schrift The Litt­le Review die jun­ge Avant­gar­de, wäh­rend Max East­man mit sei­ner sozia­lis­ti­schen Zeit­schrift The Mas­ses die bür­ger­li­che Gesell­schaft mit Hohn und Spott atta­ckier­te. Der Jour­na­list John Reed trug mit sei­nen Repor­ta­gen über die mexi­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on den revo­lu­tio­nä­ren Fun­ken in die glo­ba­le Metro­po­le, wäh­rend Ran­dolph Bourne, in Vor­weg­nah­me spä­te­rer Aus­prä­gun­gen der Jugend­kul­tur, die Jugend als Agent his­to­ri­scher Ver­än­de­run­gen glo­ri­fi­zier­te. Die New Yor­ker Bohe­me such­te sich ihre Frei­räu­me in einer vom Hoch­ka­pi­ta­lis­mus und von der tra­di­tio­nel­len bür­ger­li­chen Gesell­schaft gezeich­ne­ten Groß­stadt, ohne dass eine Eman­zi­pa­ti­on den urba­nen Raum von den über­mäch­ti­gen Zwän­gen hät­te befrei­en kön­nen. Der Typus der »neu­en Frau« bemäch­tig­te sich zwar eini­ger Orte in der urba­nen Geo­gra­phie, ver­moch­te aber nie, die patri­ar­cha­le Ord­nung der Metro­po­le infra­ge zu stel­len.

 

Berenice Abbott - Seventh Avenue looking south from 35th Street - Manhattan

Bere­ni­ce Abbott: Seventh Avenue/35th Street (1935)

Die Stär­ke von Stan­sells Buch liegt in der sou­ve­rä­nen Ver­we­bung indi­vi­du­el­ler Geschich­ten mit den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen, wobei sie zugleich die Mög­lich­kei­ten und Beschrän­kun­gen des sozia­len Gegen­ent­wur­fes offen­legt. Vor allem an der Geschich­te der Anar­chis­tin und Femi­nis­tin Emma Gold­man stellt Stan­sell die Gren­zen der Eman­zi­pa­ti­on unter den gege­be­nen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen dar. Einer­seits befrei­te sich die »rote Emma« aus den Fes­seln eines eng­stir­ni­gen Anar­chis­mus, wie er in Immi­gran­ten­krei­sen aus Deutsch­land und Russ­land pro­pa­giert wur­de, und ent­warf sich als Autorin und Red­ne­rin, die Ein­fluss über die Zir­kel der radi­ka­len Akti­vis­ten hin­aus aus­üb­te und her­an­wach­sen­de Talen­te wie Hen­ry Mil­ler präg­te. Ande­rer­seits hat­te sie star­ke Vor­be­hal­te gegen­über der sich her­aus­bil­den­den popu­lä­ren Kul­tur und begriff sich als Teil einer »demo­kra­ti­sier­ten kul­tu­rel­len Eli­te«, die einem tra­di­tio­nel­len Kul­tur­ver­ständ­nis ver­haf­tet blieb. Mit einem Bein stand sie im Lager der revo­lu­tio­nä­ren Anar­chis­ten, wäh­rend sich das ande­re in den Salons der Bohe­me befand. Die einen kri­ti­sier­ten sie wegen ihrer Hin­wen­dung zur Respek­ta­bi­li­tät, wäh­rend die ande­ren ihr vor­war­fen, noch immer den alten poli­ti­schen Gewalt­vor­stel­lun­gen ver­haf­tet zu sein. Zer­ris­sen war sie auch in der Sexua­li­tät. Als Femi­nis­tin pro­pa­gier­te sie in der Öffent­lich­keit die ratio­na­le Eman­zi­pa­ti­on der Frau, wäh­rend sie in Brie­fen an ihren zeit­wei­li­gen Lieb­ha­ber Ben Reit­man eine ani­ma­li­sche Lust beschwor und in Vor­weg­nah­me der spä­te­ren Kom­mer­zia­li­sie­rung von Urba­ni­tät und Sexua­li­tät einen »dir­ty talk« zele­brier­te. Die Befrei­ung von bür­ger­li­chen Kon­ven­tio­nen und gesell­schaft­li­chen Kom­pro­mis­sen ende­te schließ­lich am fest­ge­mau­er­ten Raum, der nicht durch die Prak­ti­zie­rung vor­geb­lich herr­schafts­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on zum Ein­sturz gebracht wer­den konn­te. Wie kaum eine ande­re Figur sym­bo­li­siert Gold­man Stan­sells Tri­pty­chon von Reden, Schrei­ben und Sex inner­halb der New Yor­ker Bohe­me, die schließ­lich an den har­ten Rea­li­tä­ten zer­schell­te.

 

Bere­ni­ce Abbott: Tra­vel­ling Tin Shop, Brook­lyn (1935)

Mit dem Ein­tritt der USA in den Krieg 1917 begann ein Kreuz­zug gegen den Radi­ka­lis­mus, der auch das Ende der New Yor­ker Bohe­me ein­läu­te­te. Lin­ke Kriegs­geg­ner wur­den inhaf­tiert, »aus­län­di­sche Radi­ka­le« wie Emma Gold­man nach Russ­land depor­tiert, und einst popu­lä­re Jour­na­lis­ten wie John Reed oder Ran­dolph Bourne aus dem publi­zis­ti­schen »Dis­kurs« aus­ge­schlos­sen und mar­gi­na­li­siert. Nach dem Krieg emi­grier­ten vie­le Bohe­mi­ens nach Euro­pa, sodass von dem eins­ti­gen Fie­ber in Poli­tik, Kunst und Leben in New York nicht viel übrig blieb – von den Memoi­ren der ver­streu­ten Über­le­ben­den abge­se­hen. Das Ver­dienst Stan­sells ist es, die Moder­ni­tät die­ser frü­hen Avant­gar­de in einer adäqua­ten, kom­ple­xen, aber erfri­schend unaka­de­mi­schen Erzäh­lung vor Augen zu füh­ren und Auf­schlüs­se über die Ver­spre­chen und Ver­wir­run­gen einer wider­sprüch­li­chen Moder­ne zu geben.

Bibliografische Angaben:

Chris­ti­ne Stan­sell.
Ame­ri­can Moderns:
Bohemi­an New York and the Crea­ti­on of a New Cen­tu­ry.
Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2010.
420 Sei­ten, 37,50 US-Dol­lar.
ISBN: 978–0‑691–14283‑8.

Bildquellen



Cover Ame­ri­can Moderns — © Prince­ton Uni­ver­si­ty Press

Fotos von Bere­ni­ce Abbott aus der Serie Chan­ging New York — © New York Public Libra­ry

Zuerst erschie­nen in satt.org, März 2010
© Jörg Auberg 2010/2019

Flattr this!

Read More

Aus den Archiven: Sigrid Hauser — Kafkas Raum im Zeitalter seiner digitalen Überwachbarkeit

Kafkas Lachen

 

Sigrid Hauser wirft einen kritischen Blick auf die technologische Rationalität von Kontrolle und Manipulation im öffentlichen Raum

von Jörg Auberg

 

Kürz­lich wur­de einem aus­ge­bro­che­nen Mör­der sein Fai­ble für moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en zum Ver­häng­nis. Ehe er über die nie­der­län­di­sche Gren­ze flie­hen konn­te, orte­te ihn die Poli­zei über sein Han­dy und über­wäl­tig­te ihn auf sei­nem Fahr­rad in der fla­chen, kah­len Land­schaft des Nie­der­rheins. In die­sem Sze­na­rio, in dem die ubi­qui­tä­re Macht als Zuschau­er, Beob­ach­ter, Ver­fol­ger und Voll­stre­cker agier­te, demons­trier­te der Herr­schafts­ap­pa­rat im glo­ba­len Raum der Über­wa­chung sei­ne Über­le­gen­heit und ließ die Figur wie in einer Ver­schwö­rungs­fan­ta­sie aus dem Gefäng­nis ins vor­geb­lich Freie aus­bre­chen, um ihr im letz­ten Akt hohn­la­chend die eige­ne Nich­tig­keit und Erbärm­lich­keit vor Augen zu füh­ren.

 

Sig­rid Hau­ser: Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Über­wach­bar­keit (Löcker Ver­lag, 2009)

Die­sen Raum der Über­wa­chung beschreibt Sig­rid Hau­ser, Pro­fes­so­rin für Archi­tek­tur­theo­rie an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, in ihrem bemer­kens­wer­ten wie ein­drucks­vol­len Buch Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Über­wach­bar­keit, in dem sie die aktu­el­le digi­ta­le Welt mit Frag­men­ten aus Franz Kaf­kas Roma­nen Der Ver­schol­le­ne, Der Pro­cess und Das Schloss kon­tras­tiert und aus die­ser Gegen­über­stel­lung neue kri­ti­sche Per­spek­ti­ven der herr­schen­den Gesell­schaft ent­wi­ckelt. In Anleh­nung an Wal­ter Ben­ja­mins Theo­rie der Repro­du­zier­bar­keit des Kunst­werks, in der er eine kri­ti­sche Phi­lo­so­phie des Fort­schritts neu­er Medi­en wie Foto­gra­fie und Film auf die kon­ven­tio­nel­len Wahr­neh­mungs­wei­sen in der Mas­sen­ge­sell­schaft ent­wi­ckel­te, beschreibt Hau­ser eine Topo­gra­phie der digi­ta­len Welt, die sich über die Rege­lung von Zugriff und Zugang zu infor­ma­to­ri­schen Sys­te­men, die macht­po­li­ti­schen Mecha­nis­men von Sicher­heit und Kon­trol­le, die Ver­wal­tung von Ver­bin­dungs- und Ver­kehrs­da­ten, die tech­no­lo­gi­sche Ratio­na­li­tät von Ortung und Navi­ga­ti­on und die Daten­häu­fung im öffent­li­chen Raum defi­niert.

Die Demo­kra­ti­sie­rung der Infor­ma­ti­on geht ein­her mit der Demo­kra­ti­sie­rung der Über­wa­chung: Alle sind ver­däch­tig und müs­sen über­wach­bar sein. Die Ubi­qui­tät der Kon­trol­le trifft nicht allein den ent­flo­he­nen Mör­der, son­dern jeden, der allein durch sei­ne Exis­tenz ver­däch­tig ist. Frap­pant an Hau­sers Dar­stel­lung ist ihre weit gefä­cher­te Per­spek­ti­ve, der es gelingt, nicht ledig­lich einen kri­ti­schen Blick auf die digi­ta­le Über­wa­chungs­in­dus­trie zu wer­fen und einen ver­dich­te­ten Über­blick über die aktu­el­len Erschei­nungs­for­men der Obser­va­tions- und Ver­fol­gungs­sys­te­me zu geben. Zu den bizar­ren Ent­de­ckun­gen Hau­sers gehört das Unter­neh­men »Digi­tal Angel«, das sei­ne Über­wa­chungs­tech­no­lo­gi­en nicht allein öko­no­mi­schen und mili­tä­ri­schen Unter­neh­mun­gen zur Ver­fü­gung stellt, son­dern auch die per­ma­nen­te Über­wa­chung von Ehe­part­nern im pri­va­ten Sek­tor ermög­licht. In der Fusi­on von Schrift, Bild und Ton zum Bit poten­zie­ren sich Kon­troll- und Über­wa­chungs­mög­lich­kei­ten. Zugleich bil­den sich in der glo­ba­len Ver­net­zung gigan­ti­sche, kaum über­schau­ba­re Welt­kon­zer­ne her­aus, die nicht allein die Kon­su­men­ten an die Indus­trie ver­kau­fen, son­dern zugleich den rechts­staat­li­chen Schutz des Indi­vi­du­ums aus­he­beln. Ben­ja­mins For­de­rung »Jeder heu­ti­ge Mensch kann einen Anspruch vor­brin­gen, gefilmt zu wer­den« wird heu­te zur zyni­schen Prä­mis­se des Über­wa­chungs­ap­pa­rats, der jede Regung digi­ta­li­siert und in die glo­ba­le Zir­ku­la­ti­on trans­fe­riert. Ob Sol­da­ten in Inter­nie­rungs­la­gern, »frei­schwe­ben­de« Hob­by­fil­mer der Bou­le­vard­pres­se oder pro­fes­sio­nel­le Robo­ter der Über­wa­chungs­in­dus­trie die Repro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gi­en für ihre Zwe­cke nut­zen – nichts ent­geht dem »Kame­ra-Auge«, das ein­mal in der Visi­on Dzi­ga Ver­tovs Nach­rich­ten von der Revo­lu­ti­on an das Welt­pro­le­ta­ri­at kom­mu­ni­zie­ren soll­te.

In die Struk­tu­ren der gegen­wär­ti­gen Über­wa­chungs­ge­sell­schaft sind Sze­nen aus den Roma­nen Kaf­kas mon­tiert, in denen die jewei­li­gen Prot­ago­nis­ten (Karl Ross­mann, Josef K. oder der Land­ver­mes­ser K.) sich einer undurch­schau­ba­ren Archi­tek­tur der Auto­ri­tät mit ihren Herr­schafts­tech­no­lo­gi­en aus­ge­setzt sehen, wobei die Hier­ar­chie im Macht­ge­fü­ge unklar und undurch­sich­tig bleibt. Kaf­kas Prot­ago­nis­ten sind – mit Han­nah Arendt gespro­chen – »Pari­as«, Aus­ge­sto­ße­ne, Flücht­lin­ge, Asy­lan­ten, die um Auf­nah­me ins Gefü­ge nach­su­chen und mit Hand­lan­gern und Mund­stü­cken des sozia­len Über­wa­chungs­ap­pa­rats kon­fron­tiert sind. Durch die Archi­tek­tur der Herr­schaft hallt Kaf­kas Lachen, das mit den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen unver­söhnt ist und unver­söhn­lich bleibt. Da alles Frag­ment bleibt und das Ende ver­wei­gert wird, besteht die Hoff­nung fort, da das letz­te Wort noch nicht gespro­chen ist.

Das Buch ist in einem ange­nehm unaka­de­mi­schen Stil gehal­ten, obgleich Hau­ser zahl­lo­se Zita­te aus Inter­net-Quel­len ver­wen­det und sie kur­siv in die Struk­tur ein­flech­tet, ohne den Leser mit einem über­bor­den­den Anmer­kungs­ap­pa­rat zu beläs­ti­gen. »Die Spra­che ist Zeu­ge«, kon­sta­tiert Hau­ser. »Als Zitat wird sie in die­sem Zusam­men­hang zum Ver­rä­ter, denn auch unsicht­bar spricht die Macht in allen Belan­gen: Indem sie über­re­det und ver­führt, kon­trol­liert und über­wacht sie, indem sie Sicher­heit ver­spricht, pro­du­ziert sie Unsi­cher­heit, das Bau­werk ist bes­ten­falls ihr Wer­be­trä­ger, und als ver­ein­nah­men­des Sprach­rohr ist sie in allen Netz­wer­ken orga­ni­siert.« So ist der Text von einem avan­cier­ten Kon­struk­ti­ons­prin­zip geprägt, das neue Bedeu­tun­gen in der auto­ri­tä­ren Pra­xis der digi­ta­len Über­wa­chung offen­le­gen kann.

Aller­dings birgt die Fokus­sie­rung auf Kaf­kas Raum auch die Gefahr, tech­no­lo­gi­sche Herr­schafts­ra­tio­na­li­tät als zeit­lo­ses Phä­no­men zu beschrei­ben, ohne die Ver­än­de­run­gen, die im Lau­fe der Zeit statt­fan­den, mit auf die Rech­nung zu neh­men. Den Fak­tor »Zeit« lässt Hau­ser voll­kom­men außen vor. Wie Lothar Bai­er vor Jah­ren in sei­nem Essay Kei­ne Zeit tref­fend schrieb, hat sich ein gan­zer Appa­rat zwi­schen das Indi­vi­du­um und das »Rau­schen der tech­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on« gescho­ben, sodass sich Über­wa­chung im sozia­len Zwang per­ma­nen­ter Erreich­bar­keit aus­drückt. Zudem hat der aus­schließ­li­che Blick auf den Außen­sei­ter im Über­wa­chungs­pro­zess zur Fol­ge, das Indi­vi­du­um als Opfer, nicht aber als Täter zu beschrei­ben. Jene Infor­ma­ti­ker, die kom­ple­xe Such­al­go­rith­men ersin­nen, um in den rie­si­gen Infor­ma­ti­ons­men­gen Bezie­hun­gen und Mus­ter zwi­schen dis­pa­ra­ten Daten offen­zu­le­gen und so den bereits gras­sie­ren­den auto­ri­tä­ren Ten­den­zen wei­te­ren Vor­schub leis­ten, spie­len in die­ser Gesell­schaft bei­de Rol­len: Sie unter­lie­gen der Herr­schaft des Sys­tems und gewähr­leis­ten zugleich sei­nen Fort­be­stand und Aus­bau. Aber auch wenn Hau­ser die­se Pro­ble­ma­tik ver­nach­läs­sigt, stellt ihr Buch den­noch eine wich­ti­ge Kri­tik der herr­schen­den Pra­xis der Über­wa­chung dar.

 

Bibliografische Angaben:

Sig­rid Hau­ser.
Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Über­wach­bar­keit.
Wien: Löcker Ver­lag, 2009.
296 Sei­ten, 29,80 Euro.
ISBN 978–3‑85409–519‑4.

 

Bildquellen



Cover Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Über­wach­bar­keit — © Löcker Ver­lag

Col­la­ge Digi­tal Envi­ron­ment — © Jörg Auberg

Zuerst erschie­nen in satt.org, Dezem­ber 2009
© Jörg Auberg 2009/2019

Flattr this!

Read More

Aus den Archiven: Emma Goldman — Gelebtes Leben

Die heilige Emma von den Schlachthöfen

 

Emma Goldmans Autobiografie liegt in einer überarbeiteten Neuausgabe vor

 

Von Jörg Auberg

 

Als im Jah­re 1919 in den USA die Hys­te­rie gegen poli­tisch uner­wünsch­te Immi­gran­ten nach der rus­si­schen Revo­lu­ti­on eska­lier­te, brand­mark­te der spä­te­re Begrün­der des FBI J. Edgar Hoo­ver Emma Gold­man und Alex­an­der Berk­man als »die zwei­fels­oh­ne gefähr­lichs­ten Anar­chis­ten« in den USA. Um fünf Uhr am Mor­gen des 21. Dezem­ber 1919 war er im Hafen von New York per­sön­lich vor Ort, als Gold­man und ande­re »Aus­län­der« an Bord der Buford nach Russ­land depor­tiert wur­den, um sich von einem erfolg­rei­chen Abtrans­port der »uner­wünsch­ten Ele­men­te« zu über­zeu­gen.

 

Emma Gold­man: Living my Life (Pen­gu­in Clas­sics, 2006; gekürz­te Aus­ga­be)

Gold­man gehör­te zu den her­aus­ra­gen­den Akteu­rin­nen des klas­si­schen Anar­chis­mus, der in den acht­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts sei­nen Höhe­punkt hat­te und zum Schreck­ge­spenst in der ame­ri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit wur­de, ehe er mit der Nie­der­la­ge der Anar­chis­ten im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg 1939 ende­te. Nahe­zu sym­bo­li­schen Cha­rak­ter hat­te Gold­mans tra­gi­sches Ende im Jah­re 1940: Gezeich­net von einem Schlag­an­fall, konn­te sie, die sich zeit ihres Lebens in ers­ter Linie über das Spre­chen defi­niert hat­te, kein Wort mehr her­aus­brin­gen, und als sie wenig spä­ter starb, hat­te sie die Macht der Spra­che nicht wie­der­ge­win­nen kön­nen. Ihr Tod ver­sinn­bild­lich­te für vie­le den Nie­der­gang des Anar­chis­mus, der in der moder­nen indus­tri­el­len Welt (wo ange­sichts der mas­sen­haf­ten Men­schen­ver­nich­tung der indi­vi­du­el­le Akt der Revol­te bedeu­tungs­los gewor­den zu sein schien) sei­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung nicht mehr nach­wei­sen konn­te.

Mit dem Revi­val des Anar­chis­mus in den 1960er Jah­ren tauch­te aber auch Emma Gold­man aus dem his­to­ri­schen Orkus wie­der auf – nicht zuletzt als Iko­ne des radi­ka­len Femi­nis­mus. Das Inter­es­se an Gold­man wuchs, und Bio­gra­fen wie Richard Drin­non, Can­dace Falk oder Ali­ce Wex­ler beleuch­te­ten eine his­to­ri­sche Figur, die in ihrer Kom­ple­xi­tät nicht ein­fach zu grei­fen war. Die bür­ger­li­che Öffent­lich­keit stig­ma­ti­sier­te sie als Ver­rück­te oder geis­tig-mora­lisch Per­ver­se, als Hohe­pries­te­rin ter­ro­ris­ti­scher Gewalt, wäh­rend sie im Krei­se der radi­ka­len Lin­ken als anar­chis­ti­sche Jean­ne d’Arc ver­ehrt wur­de, die sich auf den Schlacht­hö­fen des Kapi­ta­lis­mus und Des­po­tis­mus der Ent­rech­te­ten und Geknech­te­ten im Sti­le einer Hei­li­gen ohne Rück­sicht auf eige­ne Ver­lus­te annahm. Doch selbst unter Anar­chis­ten besaß sie einen kon­tro­ver­sen Ruf, da sie als eine der Ers­ten das The­ma Homo­se­xua­li­tät öffent­lich ansprach und den Femi­nis­mus nicht dem »Klas­sen­krieg« unter­wer­fen woll­te.

 

Emma Goldman: Gelebtes Leben (Edition Nautilus, 2010)

Emma Gold­man: Geleb­tes Leben (Edi­ti­on Nau­ti­lus, 2010)

Vor allem scheu­te sie sich nicht, für ihre Über­zeu­gun­gen ins Gefäng­nis zu gehen, was zwi­schen 1893 und 1921 des Öfte­ren geschah. Mit »ihrer emo­tio­na­len Rhe­to­rik, ihrem enor­men Mut und ihrem selbst­lo­sen Ein­tre­ten für unpo­pu­lä­re Anlie­gen« gehö­re Gold­man, schrieb der kana­di­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ker Geor­ge Wood­cock 1962 in sei­ner Geschich­te des klas­si­schen Anar­chis­mus, tat­säch­lich in einen grö­ße­ren Rah­men, als jenen, den ihr die anar­chis­ti­sche Bewe­gung zu geben ver­moch­te. Mit die­ser Ein­schät­zung folg­te Wood­cock letzt­lich dem Bild, das Gold­man von sich selbst in ihrer Auto­bio­gra­fie Living My Life gezeich­net hat­te, die erst­mals in deut­scher Über­set­zung 1978 im Karin Kra­mer Ver­lag erschien und nun in einer über­ar­bei­te­ten Fas­sung aus dem Hau­se der Edi­ti­on Nau­ti­lus vor­liegt. Als ihre Memoi­ren (die vom Ver­lag Alfred A. Knopf als eine Doku­men­ta­ti­on der Nie­der­la­ge bewor­ben wur­de) im Jah­re 1931 erschie­nen, war Gold­man zunächst depri­miert, weil die Ver­kaufs­zah­len nicht zuletzt wegen der Welt­wirt­schafts­kri­se gering blie­ben. Doch auf lan­ge Sicht schuf sie mit die­sem Werk die Grund­la­ge für ihr Bild in der Geschich­te, das in Grund­zü­gen von ihren Bio­gra­fen über­nom­men wur­de. Mit ihrer Auto­bio­gra­fie schrieb Gold­man das gro­ße ame­ri­ka­ni­sche weib­li­che Epos über die anar­chis­ti­sche Odys­see einer rus­si­schen Immi­gran­tin, die in den USA zur »gefähr­lichs­ten Frau« des Lan­des auf­stieg, ehe sie 1919 aus ihrem neu­en Hei­mat­land depor­tiert wur­de. Obwohl sie anfäng­lich begeis­tert über die revo­lu­tio­nä­ren Umwäl­zun­gen war, ver­lor sie schnell ihre Illu­sio­nen ange­sichts der bol­sche­wis­ti­schen Macht­pra­xis und ver­ließ das »Mut­ter­land des Sozia­lis­mus« 1921, um in den letz­ten Jah­ren als »Staa­ten­lo­se« durch Euro­pa und Kana­da zu wan­dern.

 

Bezeich­nen­der­wei­se beginnt Gold­mans Auto­bio­gra­fie mit ihrer Ankunft in New York, nicht mit ihrer Kind­heit in Russ­land oder ihrer Emi­gra­ti­on in die USA. In New York gelang es ihr, sich vom eng­stir­ni­gen rus­sisch-jüdi­schen Immi­gran­ten­mi­lieu zu eman­zi­pie­ren und über den Anar­chis­mus hin­aus eine uni­ver­sa­le Uto­pie zu ent­wi­ckeln, mit der sie ein brei­tes Publi­kum in den USA auf ihren aus­ge­dehn­ten Vor­trags­rei­sen quer durch das Land ansprach. Wie Chris­ti­ne Stan­sell in ihrer ori­gi­nel­len Stu­die der ame­ri­ka­ni­schen Moder­ne (Ame­ri­can Moderns: Bohemi­an New York and the Crea­ti­on of a New Cen­tu­ry, 2010) schrieb, erfand sich Gold­man als Anar­chis­tin, Frau, Femi­nis­tin und Lieb­ha­be­rin neu. Sie ver­band die Immi­gran­ten­ver­gan­gen­heit mit der neu­en Iden­ti­tät als ame­ri­ka­ni­sche, Eng­lisch spre­chen­de Radi­ka­le, wel­che die eng umzir­kel­te Welt der Immi­gran­ten in ihren sprach­li­chen und kul­tu­rel­len »Ghet­tos« hin­ter sich ließ und zu einer »natio­na­len Figur« in der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Arbei­tern und Kapi­tal, aber auch zwi­schen Frau­en und Män­nern wur­de. Häu­fig trat ihr ein bru­ta­ler Mob ent­ge­gen, der von den staat­li­chen und gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen in die Bah­nen der Gewalt geführt wur­de, was einem xeno­pho­ben und anti­se­mi­ti­schen Kli­ma in den USA jener Zeit geschul­det war.

Aber auch Gold­man war nicht frei von Wider­sprü­chen und Frag­wür­dig­kei­ten. Ihr Ver­hält­nis zum Ter­ro­ris­mus, wie er sich im Atten­tat ihres lebens­lan­gen Gefähr­ten Alex­an­der Berk­man auf den Indus­trie­ma­gna­ten Hen­ry Clay Frick wäh­rend des Stahl­ar­bei­ter­streiks in Homes­tead (Penn­syl­va­nia) 1892 oder im Anschlag des selbst­er­nann­ten Anar­chis­ten Leon Czol­g­osz auf US-Prä­si­dent 1901 aus­drück­te, blieb frag­wür­dig, und ihrer Posi­ti­on zwi­schen indi­vi­dua­lis­ti­schen und kol­lek­ti­vis­ti­schen oder kom­mu­nis­ti­schen Rich­tun­gen des Anar­chis­mus haf­te­te stets etwas Dif­fu­ses oder Unent­schlos­se­nes an. Ihr anar­chis­ti­sches Enga­ge­ment arti­ku­lier­te sich eher in der Hin­ga­be an den »Geist der Revol­te« im täg­li­chen Kampf gegen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung denn in der ela­bo­rier­ten Explo­ra­ti­on einer poli­ti­schen oder phi­lo­so­phi­schen Theo­rie des Anar­chis­mus, wie sie Berk­man in sei­nem Buch What is Com­mu­nist Anar­chism (1929) aus­führ­te.

Emma Goldman BooksAuch hin­sicht­lich ihres Femi­nis­mus blieb eini­ges wider­sprüch­lich. Wäh­rend sie in der Öffent­lich­keit als Frau­en­recht­le­rin für die vor­be­halt­lo­se Eman­zi­pa­ti­on der Frau ein­trat, schwelg­te sie in den Brie­fen an ihren lang­jäh­ri­gen Lieb­ha­ber Ben Reit­man in der Beschwö­rung wil­der Lust und erging sich in ero­ti­scher Rhaps­odie. Als Anar­chis­tin pro­pa­gier­te sie einen radi­ka­len Ega­li­ta­ris­mus, hat­te aber ande­rer­seits star­ke Vor­be­hal­te gegen­über der sich her­aus­bil­den­den »Mas­sen­kul­tur« und begriff sich als Teil einer »demo­kra­ti­schen kul­tu­rel­len Eli­te«, die einem tra­di­tio­nel­len Kul­tur­ver­ständ­nis ver­haf­tet blieb. Die­se Wider­sprüch­lich­keit blen­de­te Gold­man in ihren Memoi­ren ver­ständ­li­cher­wei­se aus. Statt­des­sen prä­sen­tier­te sich als selbst­ge­wis­se Frau, die allent­hal­ben schnell und uner­bitt­lich den Stab über ande­re aus dem radi­ka­len Milieu brach. Selbst­zwei­fel arti­ku­lier­te sie nicht, und immer schon wähn­te sie auf der rich­ti­gen Sei­te der Geschich­te, ohne je zu hin­ter­fra­gen, war­um der Anar­chis­mus – obgleich er nach Gold­mans Auf­fas­sung alle Ant­wor­ten nach dem rich­ti­gen Leben parat zu haben schien – nie in der his­to­ri­schen Pra­xis reüs­sier­te. »Sie war sehr hart­ge­sot­ten und zu sehr fest über­zeugt von allem, was sie zu sagen hat­te«, kri­ti­sier­te der Ver­le­ger Albert Boni. Ein­wän­de von außen kan­zel­te sie recht­ha­be­risch ab.

 

Emma Goldman: Porträt von Robert Henri (Anarchist Studies 2018)

Emma Gold­man: Por­trät von Robert Hen­ri (Anar­chist Stu­dies 2018)

Die Kom­ple­xi­tät und Wider­sprüch­lich­keit fin­det in Ili­ja Tro­ja­nows Vor­wort kei­ner­lei Erwäh­nung. Statt­des­sen führt er Gold­man als rebel­li­sche Wie­der­gän­ge­rin von Theo­do­re Drei­sers Roman­fi­gur Car­rie Mee­ber aus Sis­ter Car­rie vor und igno­riert voll­kom­men aktu­el­len Geschichts­be­zug von Immi­gra­ti­on, Gewalt, Xeno­pho­bie und Ver­zer­rung der gesell­schaft­li­chen Wahr­neh­mung durch eine von Vor­ur­tei­len und Herr­schafts­in­ter­es­sen bestimm­te Medi­en­rea­li­tät. Dass ein Vor­wort zu einer his­to­ri­schen Auto­bio­gra­fie mehr als nur einen unin­spi­rier­ten Vor­spann leis­ten kann, bewies John Wil­liam Wards Ein­lei­tung zur Aus­ga­be von Berk­mans Pri­son Memoirs of an Anar­chist: Dar­in beleuch­te­te der Autor nicht allein die Ent­wick­lung Berk­mans in sei­ner Gefäng­nis­zeit, nach­dem er nach sei­nem Atten­tat zu einer lang­jäh­ri­gen Gefäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt wor­den war, son­dern stell­te den Gewalt­akt in den aktu­el­len his­to­ri­schen Kon­text des »Ame­ri­can way of vio­lence«. Lei­der ist Tro­ja­now an der Aktua­li­tät gänz­lich des­in­ter­es­siert, sodass er Gold­mann nur in einem künst­li­chen, muse­al abge­schlos­se­nen Raum ohne jeg­li­che Ver­bin­dung zur Gegen­wart auf­tre­ten las­sen kann.

Trotz allem ist die­se Neu­aus­ga­be – nicht zuletzt wegen ihrer auf­wän­di­gen und gelun­ge­nen Auf­ma­chung (inklu­si­ve Zeit­ta­fel und Regis­ter) – ein über­aus begrü­ßens- und lobens­wer­tes Unter­fan­gen, das ein beein­dru­cken­des Werk wie­der einem grö­ße­ren Publi­kum zugäng­lich macht.

 

Bibliografische Angaben:

 

Emma Gold­man.
Geleb­tes Leben: Auto­bio­gra­fie
Über­setzt von Mar­len Brei­t­in­ger, Rena­te Ory­wa und Sabi­ne Vet­ter.
Vor­wort von Ili­ja Tro­ja­now.
Ham­burg: Edi­ti­on Nau­ti­lus, 2010.
927 Sei­ten, 34,90 Euro.
ISBN: 978–3‑89401–731‑6.

 

Bildquellen



Cover Living My Life — © Pen­gu­in Books

Cover Geleb­tes Leben — © Edi­ti­on Nau­ti­lus

Cover Anar­chist Stu­dies — © Law­rence & Wis­hart

Foto Bücher über Emma Gold­man — © Jörg Auberg

Zuerst erschie­nen in literaturkritik.de, Nr. 2 (Febru­ar 2011)
© Jörg Auberg 2011/2019

Flattr this!

Read More