Thorsten Fuchshuber: Rackets

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Im toten Wald der Worte

Thorsten Fuchshuber demaskiert sich in seiner Theorie der Bandenherrschaft als Sprachrohr der Herrschaft

Von Jörg Auberg

Im US-ame­ri­ka­ni­schen Sprach­ge­brauch bezeich­net der Begriff »Racket« eine ver­schwo­re­ne Inter­es­sen­ge­mein­schaft, die ihre Par­ti­ku­lar­zie­le auf Kos­ten der All­ge­mein­heit ver­folgt. In den drei­ßi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts hat­te der Indi­vi­dua­list John Dos Pas­sos, der in Zei­ten der indus­tri­el­len und büro­kra­ti­schen »Kol­lek­ti­vie­rung« in Euro­pa und der Sowjet­uni­on das Ide­al des vor­in­dus­tri­el­len spa­ni­schen Anar­chis­mus hoch­hielt, sich über den »Mit­tel­klas­se-Kom­mu­nis­mus« der Lite­ra­ten in der »Red Deca­de« beklag­te, der für ihn die Funk­ti­on eines Rackets ein­nahm.1 

John Dos Pas­sos: Midcen­tu­ry (Bos­ton: Hough­ton Miff­lin, 1961)

In den 1940er Jah­ren geriet das »labor racke­tee­ring« der US-ame­ri­ka­ni­schen Gewerk­schaf­ten in die Kri­tik, wobei es in ers­ter Linie um den Ver­such von Gewerk­schafts­funk­tio­nä­ren ging, Poli­tik und Wirt­schaft im Sin­ne ihrer Inter­es­sen zu steu­ern. In sei­nem Buch The New Men of Power (1948) beschrieb der Sozio­lo­ge C. Wright Mills das »labor racket« als poli­ti­sche Maschi­ne, die über Geld, Schutz und Arbeits­stel­len ihrer Kli­en­tel sowohl Aus- als auch Ein­kom­men sicher­te. In Mills’ Augen wur­den »Arbei­ter­füh­rer« zuneh­mend zu »Räu­ber­ba­ro­nen«, die den »Aben­teu­er­ka­pi­ta­lis­mus« nicht abschaf­fen woll­ten, son­dern von ihm pro­fi­tier­ten. In die­sem »Ver­tei­lungs­spiel« hat­te der Gangs­ter die »krea­ti­ve« Rol­le des Geschäfts­man­nes in den loka­len urba­nen Indus­tri­en usur­piert.2 Die­se Ent­wick­lung bil­de­te Dos Pas­sos in sei­nen gro­ßen US-ame­ri­ka­ni­schen Pan­ora­men – von der USA-Tri­lo­gie (1938) bis zu Midcen­tu­ry (1961) und spä­te­ren Wer­ken – ab. Das Ide­al­bild war der indi­vi­dua­lis­ti­sche Wan­der­ar­bei­ter Mac, der zu den »Wob­blies« gehör­te und irgend­wann in den ame­ri­ka­ni­schen Land­schaf­ten ver­schwand. Wäh­rend in den frü­hen Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts die revo­lu­tio­när-syn­di­ka­lis­tisch gesinn­te Gewerk­schaft das Ver­hält­nis zwi­schen Indi­vi­du­um und Orga­ni­sa­ti­on aus­ta­rier­te, über­nahm in spä­te­ren Jah­ren immer mehr die Orga­ni­sa­ti­on die Herr­schaft über den Ein­zel­nen. Die »rela­ti­ve Frei­heit« des Wan­der­ar­bei­ters ver­wan­del­te sich in die Ein­ord­nung des taxi­fah­ren­den Tage­löh­ners in die urba­ne Maschi­ne, für den roman­ti­sche Hobo- und Revo­lu­ti­ons­ge­schich­ten kei­ner­lei Bedeu­tung mehr besit­zen. Aus einer Gegen­welt ent­wi­ckel­te sich eine Par­al­lel­welt: An die Stel­le der Uto­pie der »Brü­der­lich­keit« setz­te sich eine Ord­nung der Unter­drü­ckung und Herr­schaft.3

Abra­ham Polon­sky: Force of Evil (Nor­thridge: Cen­ter for Telecom­mu­ni­ca­ti­on Stu­dies, 2013)

Auch in der Popu­lär­kul­tur der 1940er Jah­re spie­gel­te sich die kri­ti­sche Dis­kus­si­on der Rackets wider, vor allem in gesell­schafts­kri­ti­schen Fil­men der »Schwar­zen Serie«, die unter dem Eti­kett »film gris« (wie es Thom Ander­sen in sei­nem bahn­bre­chen­den Essay »Red Hol­ly­wood« beschrieb4) geführt wer­den. In dem Boxer­film Body and Soul (1947) por­trä­tier­ten der Regis­seur Robert Ros­sen und der Dreh­buch­au­tor Abra­ham Polon­sky eine urba­ne Gesell­schaft im Wür­ge­griff von Kor­rup­ti­on und Pro­fit­ma­xi­mie­rung. Die Rackets redu­zie­ren die mensch­li­che Exis­tenz auf das blan­ke Spiel von Addi­ti­on und Sub­trak­ti­on und erwar­ten als Gegen­leis­tung für das Über­le­ben unter den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen die völ­li­ge Unter­wer­fung. Um den Rackets zu ent­ge­hen, muss der von John Gar­field gespiel­te Prot­ago­nist Char­ley Dani­els zum Äußers­ten bereit sein. »What are you going to do? Kill me?«, fragt er am Ende rhe­to­risch. »Ever­y­bo­dy dies.« Im nach­fol­gen­den Film Force of Evil (der auf Ira Wol­ferts Roman Tucker’s Peop­le beruh­te) arbei­te­te Polon­sky das Racket-The­ma am Bei­spiel des Glücks­spiels als »Aut­op­sie des Kapi­ta­lis­mus« her­aus, wobei die kri­mi­nel­len Machen­schaf­ten eher ein Bestand­teil des räu­be­ri­schen Cha­rak­ters der öko­no­mi­schen Struk­tur denn eine indi­vi­du­el­le Aberra­ti­on dar­stell­ten. Am Ende war es kein Zufall, dass lin­ke Intel­lek­tu­el­le und Künst­ler wie Polon­sky, Ros­sen und Gar­field, die im jüdi­schen Immi­gran­ten­mi­lieu New Yorks auf­ge­wach­sen waren, in der »McCar­thy-Ära« als »Un-Ame­ri­ka­ner« gebrand­markt wur­den, wobei Anti­kom­mu­nis­mus und Anti­se­mi­tis­mus inein­an­der spiel­ten.5

Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung (1941)

Hinter die­sem Hin­ter­grund ent­wi­ckel­ten die emi­grier­ten Sozi­al­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­so­phen der »Frank­fur­ter Schu­le« unter Lei­tung Max Hork­hei­mers die Kom­po­nen­ten einer kri­ti­schen Theo­rie der Rackets, die spä­ter in der von Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no kon­zi­pier­te Dia­lek­tik der Auf­klä­rung (1947) auf­ge­nom­men wur­den. Wie Tho­mas Whe­at­land in sei­ner Stu­die The Frank­furt School in Exi­le (2009) beschrieb, kamen die deut­schen Intel­lek­tu­el­len, die an der New Yor­ker Colum­bia Uni­ver­si­ty Unter­schlupf gefun­den hat­ten, in Kon­takt mit den New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len, die sich um die Zeit­schrift Par­ti­san Review schar­ten. Zu Beginn der 1940er Jah­re wur­de dort und in ande­ren lin­ken Publi­ka­tio­nen der Kom­plex Faschis­mus, Sta­li­nis­mus und »büro­kra­ti­scher Kol­lek­ti­vis­mus« dis­ku­tiert, wobei die­se Dis­kus­si­on in der eng­lisch­spra­chi­gen Aus­ga­be der Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung (die 1941 unter dem Titel Stu­dies in Phi­lo­so­phy and Soci­al Sci­en­ces erschien) vor allem hin­sicht­lich der trotz­kis­tisch gepräg­ten Theo­ri­en der »Mana­ger­re­vo­lu­ti­on« von James Burn­ham und des »büro­kra­ti­schen Kol­lek­ti­vis­mus« von Bru­no Riz­zi sehr kri­tisch auf­ge­nom­men wur­de.6

Andrew Dickos: Street With No Name (University Press of Kentucky, 2002)
Andrew Dickos: Street With No Name (Uni­ver­si­ty Press of Ken­tu­cky, 2002)

Für Hork­hei­mer war das »Racket« die »Grund­form der Herr­schaft«, deren Theo­rie er in Ent­wür­fen und kur­zen Auf­sät­zen wie »Die Rackets und der Geist« (1939–42) und »Zur Sozio­lo­gie der Klas­sen­ver­hält­nis­se« (1943) ent­wi­ckel­te und an zen­tra­len Stel­len der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung anriss. »Die Gesell­schaft ist eine von Despe­ra­ten und daher die Beu­te von Rackets«, heißt es im Kapi­tel über die Kul­tur­in­dus­trie. Wäh­rend hier Rackets als par­ti­ku­la­ris­ti­sche Inter­es­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­ge­fasst wer­den, ver­liert der Begriff an ande­ren Stel­len (wo bei­spiels­wei­se vom »Sumpf der klei­nen Rackets« oder vom »Mas­sen­ra­cket in der Natur« die Rede ist) sei­ne ein­deu­ti­ge Kon­no­ta­ti­on. Eine expli­zi­te »Theo­rie der Rackets« arbei­te­te Hork­hei­mer nie aus, obgleich er spä­ter in Gesprächs­no­ti­zen sei­nes Freun­des Fried­rich Pol­lock, der »grau­en Emi­nenz der Frank­fur­ter Schu­le« (wie ihn Phil­ipp Len­hard in einer jüngst erschie­nen Bio­gra­fie bezeich­net), solch eine noch ein­mal unter den ver­än­der­ten Ver­hält­nis­sen nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges skiz­zier­te: »Der Trend geht über­all zu einer Ver­meh­rung und Koor­di­nie­rung der Rackets.«7

Dass Hork­hei­mer die­se »Theo­rie der Racket« nie kon­kret und dezi­diert aus­führ­te, lag ver­mut­lich dar­an, dass maß­geb­li­che Mit­glie­der des Insti­tuts für Sozi­al­for­schung wie Franz Neu­mann, Otto Kirch­hei­mer und Her­bert Mar­cu­se die­sem Kon­zept sehr kri­tisch gegen­über­stan­den, und selbst Hork­hei­mers Co-Autor Ador­no schien die­ses Modell – auch wenn er es in den 1940er Jah­ren in sei­nen »Refle­xio­nen zur Klas­sen­theo­rie« über­nahm – frag­wür­dig. »Wenn wirk­lich, wie eine zeit­ge­nös­si­sche Theo­rie lehrt«, schrieb er in Mini­ma Mora­lia, »die Gesell­schaft eine von Rackets ist, dann ist deren treu­es­tes Modell gera­de das Gegen­teil des Kol­lek­tivs, näm­lich das Indi­vi­du­um als Mona­de.«8  In die­ser Ein­schät­zung traf sich Ador­no mit Polon­sky.

Wie Gun­zelin Schmid Noerr – neben Alfred Schmidt einer bei­den Her­aus­ge­ber der Hork­hei­mer-Schrif­ten im Ver­lag S. Fischer – schrieb, war der Aus­gangs­punkt der Racket­theo­rie »eine Ana­ly­se der zeit­ge­nös­si­schen Gesell­schaft als eines Kon­glo­me­rats orga­ni­sier­ter Grup­pen unter der Lei­tung büro­kra­ti­scher oder qua­si­bü­ro­kra­ti­scher Eli­ten.« In ers­ter Linie geht es um die Durch­set­zung von Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen, Mani­pu­la­ti­on und Macht­er­hal­tung. Die Zwie­späl­tig­keit der Theo­rie liegt in der »Über­span­nung« der Ver­hält­nis­se, die vom öko­no­mi­schen Sek­tor in den poli­ti­schen ver­scho­ben wer­den, wobei immer ein ver­schwö­rungs­theo­re­ti­scher Unter­ton mit­schwingt. »Nach dem Bil­de der mani­fes­ten Usur­pa­ti­on, die von den ein­träch­ti­gen Füh­rern und Arbeit heu­te ver­übt wird«, schrieb Ador­no in sei­ner »links­ra­di­ka­len« Pha­se 1942, sei die Geschich­te nun »die Geschich­te von Ban­den­kämp­fen, Gangs und Rackets«.9

Joseph Lit­vak: The Un-Ame­ri­cans (Duke Uni­ver­si­ty Press, 2009)

Auf die­ser Linie, obwohl sie die Racket­theo­rie auf kri­mi­nel­le Milieus ver­engt, mar­schiert der im Milieu der »Anti­deut­schen« agie­ren­de Phi­lo­soph Thors­ten Fuchs­hu­ber, des­sen Dis­ser­ta­ti­on unter dem Titel Rackets: Kri­ti­sche Theo­rie der Ban­den­herr­schaft ver­öf­fent­licht wur­de. Dabei ver­spricht der Titel jedoch mehr, als das Buch ein­zu­hal­ten ver­mag. Fuchs­hu­ber ist nicht mehr als der hagio­gra­fi­sche Imi­ta­tor der The­sen Hork­hei­mers, auch wenn Fuchs­hu­ber sich als phi­lo­so­phisch gebil­de­ter, situa­tio­nis­tisch aus­ge­bil­de­ter Epi­go­ne im Zir­kus der anti­deut­schen Artis­ten prä­sen­tie­ren möch­te. Bereits zu Anfang führt er sich als Fli­c­Flac-Künst­ler in der Mane­ge mit dem Hin­weis ein, dass Hork­hei­mer »die­sen aus der ame­ri­ka­ni­schen Sozio­lo­gie stam­men­den Aus­druck« – RACKET – ent­wen­det habe, »um ihn für eige­ne sozi­al­phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen zu nut­zen«. In fol­gen­den Dar­bie­tun­gen lobt der Autor Elia Kazans Denun­zia­ti­ons­dra­ma On the Water­front als »cine­as­ti­sches Denk­mal« oder erei­fert sich über die »erpres­se­ri­sche Gewerk­schafts­pra­xis«. Vor allem weiß er im Kopf Hork­hei­mers her­um­zu­spa­zie­ren: »Wie sich zei­gen wird«, schwa­dro­niert er, »sind […] vie­le der wesent­li­chen sub­jekt­theo­re­ti­schen Moti­ve der Racket-Theo­rie schon um das Jahr 1938 im Den­ken von Hork­hei­mer ver­eint.« Im Jar­gon einer ima­gi­nä­ren Oppo­si­ti­on zur herr­schen­den Gesell­schafts­theo­rie bläht Fuchs­hu­ber sei­ne Theo­rie der Ban­den­herr­schaft in einer zum blan­ken, klopf­ar­ti­gen, aus­drucks­lo­sen Zei­chen­sys­tem degra­dier­ten Spra­che auf, die in einem Mias­ma von zwei­tau­send Anmer­kun­gen und Fuß­no­ten auf dem aka­de­mi­schen Scha­fott ver­en­det. »Die Rackets als gesell­schaft­li­ches Struk­tur­prin­zip fun­gie­ren als Orga­ni­sa­ti­ons­for­men aggres­si­ver Par­ti­ku­la­ri­tät inner­halb einer Tota­li­tät, in der ten­den­zi­ell allein die Wert­form als Ver­mitt­lungs­in­stanz bleibt, einer Gesell­schaft also, die sich zuneh­mend als total ver­gell­schaf­tet erweist und begriff­lich mit der phi­lo­so­phi­schen Vor­stel­lung von abso­lu­ter Iden­ti­tät kon­ver­giert.«10

Solche unfrei­wil­li­gen Par­odi­en des aka­de­mi­schen Jar­gons durch­zie­hen Fuchs­hu­bers Buch, der sich mit sei­ner »bestimm­ten Nega­ti­on« auf dem »Strahl der Erkennt­nis« wähnt. Die Rackets als Ver­kör­pe­rung des Bösen am Ran­de der Gesell­schaft des Libe­ra­lis­mus wan­dern im post­bür­ger­li­chen Zeit­al­ter ins Zen­trum, um voll­ends die Macht zu über­neh­men. Die »Instan­zen des Rackets« wer­den von »Agen­tu­ren des Kol­lek­tivs« über­nom­men, die auf den Rui­nen des beschä­dig­ten und schließ­lich eli­mi­nier­ten Sub­jekts die tota­le Herr­schaft errich­ten. »Die Racket-Theo­rie ist die Theo­rie der nach­bür­ger­li­chen Gesell­schaft«, dekre­tiert Fuchs­hu­ber, unter des­sen star­ren Augen (als gehör­ten sie zu einer spä­ten Inkar­na­ti­on von Dok­tor T. J. Eck­le­burg) die Welt zu einer grau­en Aschen­land­schaft der Rackets vom Iran über Russ­land bis zu zer­stü­ckel­ten Stam­mes­ter­ri­to­ri­en maro­die­ren­der »War­lords« ver­schwimmt. Das gan­ze Pro­jekt fir­miert unter dem Begriff einer »kri­ti­schen Gesell­schafts­theo­rie«, wel­che die Rea­li­tät ihren ideo­lo­gi­schen Vor­ga­ben anpasst.11

Wolf­gang Porth: Bro­thers in Crime (Edi­ti­on Tia­mat, 2000)

In sei­nen Aus­füh­run­gen folgt Fuchs­hu­ber dem anti­deut­schen Stich­wort­ge­ber Wolf­gang Pohrt, der in sei­nem Buch Bro­thers in Crime (1997) in selbst­pro­kla­mier­ter Tra­di­ti­on der »Kri­ti­schen Theo­rie« Aus­kunft über die »Her­kunft von Grup­pen, Cli­quen, Ban­den, Rackets und Gangs« ertei­len woll­te, wobei es jedoch in ers­ter Linie um die Dar­le­gung sei­ner im deut­schen Pro­vin­zia­lis­mus ein­be­to­nier­ten Welt­sicht ging. Eine kri­ti­sche Ana­ly­se der rea­len Ver­hält­nis­se fin­det nicht statt. Über­all sind Rackets am Wer­ke; allent­hal­ben ereig­nen sich Ver­schwö­run­gen gegen den »kri­ti­schen Geist«, den allein die Illu­mi­na­ti in sich tra­gen. Bereits Han­nah Arendt hat­te in der Dis­kus­si­on über Hans Magnus Enzens­ber­gers Essay­band Poli­tik und Ver­bre­chen (1964) insis­tiert, dass das feh­len­de Ver­ständ­nis der Deut­schen der angel­säch­si­schen Tra­di­tio­nen und der ame­ri­ka­ni­schen Rea­li­tät eine »alte Geschich­te« sei. Die­ses Man­ko wirkt jedoch bis heu­te ins Milieu der »Anti­deut­schen«, die sich wie die recht­ha­be­ri­schen Todes­zwer­ge in Wil­liam Bur­roughs’ Nova Express auf­füh­ren.12

John Hawkes: Der Kannibale (P. S. Verlag, 1989)
John Haw­kes: Der Kan­ni­ba­le (P. S. Ver­lag, 1989)

Wie nahe­zu alle »Anti­deut­sche« nimmt auch Fuchs­hu­ber wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten jen­seits des deut­schen Hori­zonts kaum wahr — wie etwa David Jene­manns Stu­die Ador­no in Ame­ri­ca (2007) oder Eric Ober­les Buch Theo­dor Ador­no and the Cen­tu­ry of Nega­ti­ve Iden­ti­ty (2018). Fuchs­hu­bers Fokus bleibt die eige­ne ideo­lo­gi­sche Beschränkt­heit, in der »das Deut­sche« vor­herrscht, auch wenn es vor­geb­lich in sei­ner nega­ti­ven Aus­for­mung per­ma­nent prä­sent zu sein scheint. In der sek­tie­re­ri­schen Pra­xis abge­schot­te­ter Rackets (wie sie bereits John Haw­kes ein­drucks­voll in sei­nem Debüt­ro­man The Can­ni­bal beschrieb) lau­ern Elend und Grau­en in den deut­schen Land­schaf­ten, in der sich die Geschich­te im grau­en Todes­man­tel immer nur wie­der­holt. Am Ende wird die Irren­an­stalt wie­der eröff­net, resü­miert Albert J. Guer­ard den Erst­lings­ro­man Haw­kes’.13

»In der wah­ren Idee der Demo­kra­tie, die in den Mas­sen ein ver­dräng­tes, unter­ir­di­sches Dasein führt, ist die Ahnung einer vom Racket frei­en Gesell­schaft nie ganz erlo­schen«, schrieb Hork­hei­mer in sei­nem Text »Die Rackets und der Geist«. Die­sen oppo­si­tio­nel­len Geist fin­det man bei Fuchs­hu­ber nicht. Der aka­de­mi­sche »Kri­ti­ker« des Auto­ri­ta­ris­mus reflek­tiert den Zustand, den er zu kri­ti­sie­ren vor­gibt, nega­tiv – nicht zuletzt in sei­ner aka­de­mi­schen Zurich­tung der Spra­che, die ihn als Zuver­läs­si­gen in sei­nem auto­ri­tä­ren Milieu aus­weist. »Die erstarr­te Spra­che weist ankla­gend gen Him­mel wie nack­te Baum­stümp­fe auf ver­las­se­nen Schlacht­fel­dern«, notier­te Hork­hei­mer. »Sie denun­ziert die Welt der Rackets, der sie die­nen muß.« In die­sem »toten Wald der Wor­te« ist Fuchs­hu­ber hei­misch.14

Bibliografische Angaben:

Thors­ten Fuchs­hu­ber.
Rackets: Kri­ti­sche Theo­rie der Ban­den­herr­schaft.
Frei­burg: ça ira Ver­lag, 2019.
674 Sei­ten, 29 Euro.
ISBN 978–3‑86259–145‑9.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Cover Rackets © ça ira Ver­lag
Cover Midcen­tu­ry © Hough­ton Miff­lin
Cover Force of Evil © Cen­ter for Telecom­mu­ni­ca­ti­on Stu­dies
Cover Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung
© Deut­scher Taschen­buch Ver­lag (dtv)
Cover The Un-Ame­ri­cans © Duke Uni­ver­si­ty Press
Cover Street with No Name © Uni­ver­si­ty Press of Ken­tu­cky
Cover Bro­thers in Crime
© Edi­ti­on Tia­mat
Cover Der Kan­ni­ba­le
© P. S. Ver­lag

Zuerst erschie­nen in kür­ze­rer Form in literaturkritik.de, Nr. 2 (Febru­ar 2020)
© Jörg Auberg

Nachweise

  1. Town­send Lud­ding­ton, John Dos Pas­sos: A Twen­tieth-Cen­tu­ry Odys­sey (New York: Car­roll & Graf, 1980), S. 342; The Four­te­enth Chro­ni­cle: Let­ters and Dia­ries of John Dos Pas­sos, hg. Town­send Lud­ding­ton (Bos­ton: Gam­bit, 1973), S. 468
  2. C. Wright Mills, The New Men of Power (1948; rpt. Urba­na: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2001), S. 122–132
  3. Lin­da Wag­ner, Dos Pas­sos: Artist as Ame­ri­can (Aus­tin: Uni­ver­si­ty of Texas Press, 1979), S. 152–153
  4. Thom Ander­sen, »Red Hol­ly­wood«, in: »Un-Ame­ri­can« Hol­ly­wood: Poli­tics and Film in the Black­list Era, hg. Frank Krut­nik, Ste­ve Nea­le, Bri­an Neve und Peter Stan­field (New Brunswick: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 2007), S. 225–263
  5. Cf. Abra­ham Polon­sky, Inter­views, hg. Andrew Dickos (Jack­son: Uni­ver­si­ty Press of Mis­sis­sip­pi, 2013); Andrew Dickos, Street with No Name: A Histo­ry of the Clas­sic Ame­ri­can Film Noir (Lex­ing­ton, KY: The Uni­ver­si­ty Press of Ken­tu­cky, 2013), S. 70–75; Paul Buh­le und Dave Wag­ner, A Very Dan­ge­rous Citi­zen: Abra­ham Lin­coln Polon­sky and the Hol­ly­wood Left (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2001); Joseph Lit­vak, The Un-Ame­ri­cans: Jews, the Black­list, and Stool­pi­geon Cul­tu­re (Durham: Duke Uni­ver­si­ty Press, 2009)
  6. Cf. Jörg Auberg, »Unter­grund­lin­ge und Loft­men­schen: Intel­lek­tu­el­le Meta­mor­pho­sen in New York, 1930–1970«, unver­öf­fent­lich­tes Manu­skript, S. 72–120
  7. Max Hork­hei­mer, »Die Rackets und der Geist«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 12 , hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1985), S. 287–291; »Zur Sozio­lo­gie der Klas­sen­ver­hält­nis­se«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 12, S. 75–104; »Hork­hei­mer und Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 286, 180; Phil­ipp Lehn­hard, Fried­rich Pol­lock: Die graue Emi­nenz der Frank­fur­ter Schu­le (Ber­lin: Jüdi­scher Verlag/Suhrkamp, 2019)
  8. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1951; rpt. 1987), S. 50
  9. Gun­zelin Schmid Noerr, Nach­wort, zu Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, S. 441; Ador­no, »Refle­xio­nen zur Klas­sen­theo­rie« (1942), in: Ador­no, Sozio­lo­gi­sche Schrif­ten I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1979), S. 381
  10. Thors­ten Fuchs­hu­ber, Rackets: Kri­ti­sche Theo­rie der Ban­den­herr­schaft (Frei­burg: ça ira Ver­lag, 2019), S. 15, 54Fn, 80Fn, 175, 522
  11. Fuchs­hu­ber, Rackets, S. 392, 513, 612–613; Fran­cis Scott Fitz­ge­rald, The Gre­at Gats­by (Har­monds­worth: Pen­gu­in, 1982), S. 29
  12. Wolf­gang Pohrt, Bro­thers in Crime (Ber­lin: Edi­ti­on Tia­mat, 2000, 2. Auf­la­ge); Han­nah Arendt, »Poli­tics and Crime: An Exchan­ge of Let­ters«, in: Arendt, Thin­king wit­hout a Banis­ter: Essays in Under­stan­ding, 1953–1975, hg. Jero­me Kohn (New York: Scho­cken, 2018), S. 308–315; Wil­liam S. Bur­roughs, Nova Express: The Res­to­red Text, hg, Oli­ver Har­ris (New York: Gro­ve Press, 2013), S. 85–91
  13. Albert J. Guer­ard, Vor­wort zu: John Haw­kes, Der Kan­ni­ba­le, übers. Wer­ner Schmitz (Zürich: P. S. Ver­lag, 1989), S. 15
  14. Hork­hei­mer, »Die Rackets und der Geist«, S. 290–291

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Jörg Auberg

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