Texte und Zeichen

New Yorker Intellektuelle

N
Partisan Review - Ausgaben aus den 1950er Jahren
Par­ti­san Review — Aus­ga­ben aus den 1950er Jah­ren (© Open Culture)

Die Geschich­te der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len ist in vie­ler Hin­sicht typisch für die Ent­wick­lung lin­ker Intel­lek­tu­el­ler im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert. Ihren Anfang nahm sie in der Gro­ßen Depres­si­on, als sich links ori­en­tier­te Schrift­stel­ler, Poe­ten, Essay­is­ten, Kri­ti­ker und Jour­na­lis­ten um die Par­ti­san Review schar­ten. Vor­wie­gend aus jüdi­schen Immi­gran­ten­fa­mi­li­en stam­mend, hat­ten vie­le von ihnen zunächst mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei sym­pa­thi­siert, schlu­gen aber im Zuge der Mos­kau­er Pro­zes­se einen von Leo Trotz­ki beein­fluss­ten anti­sta­li­nis­ti­schen Kurs ein und begrif­fen sich als Vor­kämp­fer einer revo­lu­tio­nä­ren künst­le­ri­schen Moder­ne, deren Reprä­sen­tan­ten sowohl in den auto­ri­tä­ren als auch in den demo­kra­tisch ver­fass­ten Staa­ten ver­femt und atta­ckiert wurden.

Im Lau­fe der Jah­re began­nen jedoch die mar­xis­ti­schen Über­zeu­gun­gen bei den meis­ten Ange­hö­ri­gen die­ses Zir­kels zu schwin­den: Nach dem Zwei­ten Welt­krieg enga­gier­ten sie sich als geläu­ter­te Libe­ra­le und wie­der­ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner im anti­kom­mu­nis­ti­schen Kampf gegen den sta­li­nis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus und für die kul­tu­rel­le Frei­heit. Schließ­lich war es ihnen gelun­gen, aus der Peri­phe­rie ins Zen­trum der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft vor­zu­drin­gen und die intel­lek­tu­el­le Debat­te bis Ende der fünf­zi­ger Jah­re zu bestimmen.

Bücher über die New Yorker IntellektuellenAls in den spä­ten fünf­zi­ger und frü­hen sech­zi­ger Jah­ren eine neue Gene­ra­ti­on in Kul­tur (wie die Beat-Lite­ra­ten) und Poli­tik (die Bür­ger­rechts- und Stu­den­ten­be­we­gung) auf­tauch­te, begann der Stern der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len zu sin­ken, da sie für die neue Sen­si­bi­li­tätem kaum das rich­ti­ge Gespür zu ent­wi­ckeln ver­moch­ten. Längst selbst zur Geschich­te gewor­den, rich­te­ten sie sich im Muse­um der Moder­ne ein. Mitt­ler­wei­le fand das Pro­jekt ein unwi­der­ruf­li­ches Ende: Im April 2003 wur­de die Par­ti­san Review, einst das Flagg­schiff der ame­ri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len, nach dem Tod des letz­ten Her­aus­ge­bers eingestellt.

Die Beson­der­heit der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len wur­de durch einen his­to­ri­schen Moment ermög­licht, in dem poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Kon­stel­la­tio­nen, kul­tu­rel­le Tra­di­tio­nen und die urba­nen Gege­ben­hei­ten New Yorks inein­an­der spiel­ten und die Vor­aus­set­zun­gen für die Kon­sti­tu­ie­rung und Ent­wick­lung der Grup­pe lie­fer­ten. Unter ande­ren Bedin­gun­gen oder an einem ande­ren Ort hät­te sich der mar­kan­te intel­lek­tu­el­le Stil nicht her­aus­bil­den kön­nen. Zugleich aber resul­tier­ten aus die­sem beson­de­ren Kon­text die Män­gel und Beschränkt­hei­ten der New Yor­ker Intellektuellen.

Jörg Auberg - New Yorker Intellektuelle
Jörg Auberg — New Yor­ker Intellektuelle

Das Buch beschreibt den Weg zen­tra­ler Figu­ren des Zir­kels wie Phil­ip Rahv, Dwight Mac­do­nald und Irving Howe durch die Jahr­zehn­te (wobei his­to­ri­sche Ereig­nis­se wie Sta­li­nis­mus, Zwei­ter Welt­krieg, Holo­caust und Kal­ter Krieg eine ent­schei­den­de Rol­le spie­len) und stellt neben den poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen auch Debat­ten über die Rol­le von Intel­lek­tu­el­len in Kul­tur und Gesell­schaft dar. Am Ende tri­um­phier­te das ego­is­ti­sche Inter­es­se macht­po­li­ti­scher Intel­lek­tu­el­len, die weni­ger an Frei­heit und Demo­kra­tie inter­es­siert waren denn an der Zemen­tie­rung der eige­nen Herr­schafts­po­si­ti­on — zunächst im Neo­kon­ser­va­tis­mus der »Rea­gan-Ära« und spä­ter im »auto­ri­tä­ren Popu­lis­mus« der MAGA-Bewe­gung Donald Trumps.

[…] Aubergs umfas­sen­de Geschich­te der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len [wird] sicher auch als eine Art impli­zi­tes Nach­schla­ge­werk zu die­sem The­ma fun­gie­ren: Man muss es nicht gleich ganz lesen, son­dern kann sei­ne Lek­tü­re auch gezielt nach ein­zel­nen Namen, Zeit­schrif­ten­pro­jek­ten oder poli­ti­schen Ereig­nis­sen anle­gen. Wo man dabei auch ansetzt, wird man es mit Gewinn tun.

Rolf Paar, in: literaturkritik.de

Jörg Auberg: New Yorker Intellektuelle (transcript, 2022)Jörg Auberg.
New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le:
Eine poli­tisch-kul­tu­rel­le Geschich­te von Auf­stieg und Nie­der­gang, 1930–2020.

Bie­le­feld: tran­script Ver­lag, 2022.
396 Sei­ten, 39 Euro.
ISBN: 978–3‑8376–6142‑2.
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