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Moleskin Blues

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  • Leonardo Sciascia: Die Affaire MoroLeo­nar­do Scia­scia: Die Affai­re Moro10. Juni 2024Das Ita­lie­ni­sche Ver­häng­nis Leo­nar­do Scia­sci­as Refle­xio­nen zur »Affä­re« Aldo Moro   von Jörg Auberg   Am Mor­gen des 16. März 1978 lau­er­te in der Via Fani in Rom ein Kom­man­do der »Roten Bri­ga­den« (Bri­ga­te Ros­se, eines Zer­falls­pro­dukts der ita­lie­ni­schen Revol­te der spä­ten 1960er Jah­re) dem christ­de­mo­kra­ti­schen Funk­tio­när Aldo Moro auf und ent­führ­te ihn, nach­dem es inner­halb von drei Minu­ten die fünf Beglei­ter sei­ner Eskor­te erschos­sen hat­te. Die fol­gen­den 55 Tage ver­brach­te Moro in einem »Volks­ge­fäng­nis« der Bri­ga­te Ros­se (BR), in dem ihm die selbst­er­mäch­tig­ten Terrorist*innen den Pro­zess mach­ten, ehe sie ihn am 9. Mai 1978 erschos­sen und sei­nen Leich­nam in einem Renault 4 in der Via Caeta­ni in Rom abstell­ten. Wie Adri­an Lyt­tel­ton betont, wur­de die­ser Ort aus sym­bo­li­schen Grün­den aus­ge­wählt: Er lag auf hal­bem Wege zwi­schen den Zen­tra­len der Christ­de­mo­kra­ten und der Kom­mu­nis­ten.1 Der detek­ti­vi­sche Leser ährend die­ser Gefan­gen­schaft schrieb Moro 80 Brie­fe an sei­ne Fami­lie und eini­ge »Par­tei­freun­de«, auf deren Hil­fe er ver­ge­bens hoff­te. Die­se Brie­fe unter­zog Leo­nar­do Scia­scia, der vor allem als Autor von Kri­mi­nal­ro­ma­nen über das Mafia-Milieu bekannt ist, in sei­nem Buch Die Affai­re Moro (1978) einer detail­lier­ten und prä­zi­sen Lek­tü­re und zeig­te (mit den Wor­ten der Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mai­ke Albath) auf, »wie die Christ­de­mo­kra­ten ihren Vor­sit­zen­den, den lang­jäh­ri­gen Minis­ter­prä­si­den­ten und Archi­tek­ten des com­pro­mes­so sto­ri­co im Stich gelas­sen und des­sen Äuße­run­gen miss­ver­stan­den hat­ten«2 Ob sei­ne »Par­tei­freun­de« ihn tat­säch­lich »miss­ver­stan­den« hat­ten, ist eher frag­lich. Für die ita­lie­ni­schen Christ­de­mo­kra­ten war Moro – wie Scia­scia schreibt – »eine Art schmer­zen­der Gal­len­stein« gewor­den, den es »aus einem Orga­nis­mus zu ent­fer­nen galt«3 Scia­scia beleuch­tet den Fall Moro nicht im Sti­le eines spek­ta­kel­haf­ten und spe­ku­la­ti­ven Polit-Thril­­lers, son­dern in einem kom­ple­xen, viel­schich­ti­gen und enig­ma­ti­schen Text, der in sei­nem mora­li­schen Impe­tus an Émi­le Zolas klas­si­sches Intel­lek­tu­el­len­pam­phlet J’accuse erin­nert.4 Die Geschich­te Moros in sei­ner letz­ten Lebens­pha­se reflek­tiert Scia­scia durch lite­ra­ri­sche Pris­men (wie Pier Pao­lo Paso­li­ni, Lui­gi Piran­del­lo, Jor­ge Luis Bor­ges und Edgar Allan Poe) und gewinnt auf die­se Wei­se Ein­sich­ten, die ihn in sei­ner Uner­bitt­lich­keit und Unbe­irr­bar­keit gegen die herr­schen­de Mei­nung nahe­zu aller poli­ti­schen Rich­tun­gen bestär­ken. Bel­la Ita­lia in schwarz n einer Kri­tik von Scia­sci­as Roman Can­di­do oder ein Traum in Sizi­li­en (1977), der das Schei­tern des demo­kra­ti­schen Neu­auf­baus nach der Nie­der­la­ge ver­han­delt, kon­sta­tier­te Gore Vidal, dass es Ita­li­en nach dem Zwei­ten Welt­krieg »mit cha­rak­te­ris­ti­scher Kunst­fer­tig­keit« gelun­gen sei, ein gesell­schaft­li­ches Gemisch aus den am wenigs­ten attrak­ti­ven Aspek­ten des Sozia­lis­mus und prak­tisch allen Las­tern des Kapi­ta­lis­mus her­zu­stel­len. Über die schö­nen Land­stri­che Ita­li­ens wucher­te so eine »rie­si­ge metas­ti­sie­ren­de Büro­kra­tie«, die sich aus den Geschwü­ren der Ver­gan­gen­heit wie der Gegen­wart nähr­te.5 In den Augen des gro­ßen ita­lie­ni­schen Roman­ciers Alber­to Mora­via war es zuvör­derst iro­nisch, dass – mit den Wor­ten des Roma­nis­ten Tho­mas Erling Peter­son – »so vie­le Ita­lie­ner tole­rant gegen­über auto­ri­tä­ren Ideo­lo­gien waren, so dass die Nati­on nach dem Sturz des Faschis­mus bestrebt zu sein schien, dem Regime zu ver­ge­ben und sei­ne Feh­ler zu wie­der­ho­len«.6 Die Ver­harm­lo­sung des faschis­ti­schen Regimes – trotz der Ermor­dung und Ein­ker­ke­rung von poli­ti­schen Gegner*innen, der Zer­schla­gung der Gewerk­schaf­ten, der »Ver­ban­nung« oder domic­i­lio coat­to von Oppo­si­tio­nel­len und Homo­se­xu­el­len auf abge­le­ge­ne Inseln oder die Depor­ta­ti­on von Jüd*innen im Zuge der ita­lie­ni­schen Ras­sen­ge­set­ze nach 1938 – gehör­te zum ideo­lo­gi­schen Inven­tar der ita­lie­ni­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft. »Der ita­lie­ni­sche Faschis­mus«, schrieb Umber­to Eco, »war der ers­te, der sich eine mili­tä­ri­sche Lit­ur­gie, eine Folk­lo­re und sogar eine eige­ne Klei­der­mo­de schuf – womit er im Aus­land mehr Erfolg als Arma­ni, Benet­ton oder Ver­sace haben soll­te.« Er stell­te einen Arche­typ für Nach­ah­mer in Euro­pa und Sym­pa­thi­san­ten selbst in den USA dar, wo der faschis­ti­sche Staat als Erlö­sung in der demo­kra­ti­schen Des­il­lu­si­on erschien und als Gar­ten der Schön­heit, der Tran­szen­denz und des Frie­dens idea­li­siert wur­de.7 Das Land befrei­te sich nach 1945 nie von der Herr­schaft der Rackets, die – mit den Wor­ten Max Hork­hei­mers – mit der »Bru­ta­li­tät der Stär­ke­ren gegen die Schwä­che­ren, als die unbe­schrie­be­ne Gemein­heit des Mobs gegen die Ohn­macht« agier­ten.8 In ihrer Rein­form ope­rier­ten die Rackets unter den Appa­ra­tu­ren und Kos­tü­men der Mafia, deren Prak­ti­ken Scia­scia in sei­nen Kri­mi­nal­ro­ma­nen beschrieb oder auch par­odier­te. In den Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Par­tei­en in den kar­gen ideo­lo­gi­schen Land­schaf­ten sah er ledig­lich eine poli­ti­sche Klas­se am Wer­ke, »wo nur die Macht um der Macht wil­len zähl­te«9 Rackets agier­ten als Platt­for­men der Macht, die über öko­no­mi­sche, tech­no­lo­gi­sche und medi­en­po­li­ti­sche Mecha­nis­men ihre Herr­schaft sicher­ten, wobei die in sich gekap­sel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on eine beson­de­re Form der Herr­schafts­si­che­rung spiel­te.10 In den 1970er Jah­ren ent­glitt den Platt­for­men in der ita­lie­ni­schen poli­ti­schen Land­schaft zuneh­mend die tech­ni­sche Hand­hab­bar­keit der Macht, wie Pier Pao­lo Paso­li­ni in sei­nen Frei­beu­ter­schrif­ten kon­sta­tier­te. Bei­spiel­haft sei Aldo Moro, schrieb Paso­li­ni, »der gera­de am wenigs­ten in all die abscheu­li­chen Din­ge ver­wi­ckelt sce­int, die von 1969 bis heu­te von denen orga­ni­siert wur­den, die um kei­nen Preis die Macht aus den Hän­den geben wol­len – was ihnen bis­lang auch, for­mal gese­hen, gelun­gen ist.«11 In Paso­li­nis Sicht agier­ten die »christ­de­mo­kra­ti­schen Poten­ta­ten« in einer Lee­re, in einem Vaku­um. »Die rea­le Macht braucht sie nicht mehr, und sie haben nichts mehr in der Hand außer ein paar nutz­lo­sen Appa­ra­ten, die höchs­tens noch ihren trau­ri­gen Zwei­rei­hern Rea­li­tät ver­lei­hen.«12 In der für vie­le ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Sze­na­ri­en emp­fäng­li­chen ita­lie­ni­schen Land­schaft schloss die Erwar­tung für die Zukunft ledig­lich einen Staats­streich und die Restau­ra­ti­on des Faschis­mus ein. Die Unsicht­bar­keit des Offen­sicht­li­chen m Zuge der zuneh­men­den poli­ti­schen Gewalt wur­de Paso­li­ni, der kurz von sei­nem Tod 1975 noch die »Kri­mi­na­li­tät des Staa­tes«13 anpran­ger­te, als intel­lek­tu­el­ler Urhe­ber des Ter­ro­ris­mus stig­ma­ti­siert. Paso­li­ni habe, hieß es, in sei­nen öffent­li­chen Invek­ti­ven gefor­dert, den füh­ren­den christ­de­mo­kra­ti­schen Poli­ti­kern den »Pro­zess« zu machen – einen Pro­zess, den nun die Mit­glie­der des BR-Ter­ror­­kom­­man­­dos in ihrem »Volks­ge­fäng­nis« in die Tat umsetz­ten. »Abge­se­hen von der rein for­ma­len Tat­sa­che«, insis­tier­te Paso­li­nis Bio­graf Enzo Sici­lia­no, dass »Paso­li­ni von einem ›Pro­zess vor einem ordent­li­chen Gericht‹ gespro­chen hat­te, muß­te man in sei­nen Wor­ten jedoch das Fest­hal­ten an rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en und an sozia­lis­ti­schen Wer­te her­aus­hö­ren . Gera­de die ›Ord­nungs­mä­ßig­keit‹ und die Öffent­lich­keit des Gerichts­ver­fah­rens waren für Paso­li­ni schon wegen ihres Sym­bol­ge­halts höchs­te Wer­te.«14 Auch Scia­scia war – ob sei­ner vor­geb­li­chen intel­lek­tu­el­len Käl­te und sei­ner »Wei­ge­rung, sich vor­be­halt­los an die Sei­te des Staa­tes zu stel­len« – star­ken Anfein­dun­gen aus­ge­setzt und des »ver­ba­len Ter­ro­ris­mus« bezich­tigt. Wie Poes detek­ti­vi­scher Pri­va­tier Augus­te Dupin agiert Scia­scia mit einer »intel­lek­tu­el­len Arro­ganz« gegen­über den Akteu­ren des Staa­tes, der Medi­en und der ver­meint­li­chen Stadt­gue­ril­la, die für ihn in ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen das immer­glei­che auto­ri­tä­re Phä­no­men in der ita­lie­ni­schen Land­schaft reprä­sen­tie­ren. »Scia­scia ist sein eige­ner Dupin«, kon­sta­tiert Joseph Far­rell, »aber sein Ziel ist nicht, den Schul­di­gen zu iden­ti­fi­zie­ren, son­dern ein Ver­ständ­nis für den Zustand eines Men­schen zu gewin­nen, der dem Tod ins Auge blickt, für die Denk­wei­se derer, die mit dem Tod Han­del trei­ben, und die Wer­te jener Mäch­ti­gen, die ihn zulas­sen.«15 In den Augen Scia­sci­as war Moro – trotz sei­ner lang­jäh­ri­gen par­tei­po­li­ti­schen Kar­rie­re – bis zum Tag sei­ner Ent­füh­rung kei­nes­wegs – wie ihn die öffent­li­che Mei­nung im Nach­hin­ein sti­li­sier­te – ein »gro­ßer Staats­mann« gewe­sen. Selbst im »Volks­ge­fäng­nis« der BR blieb er »ein gewal­ti­ger Strip­pen­zie­her der Poli­tik«, die »Anten­nen immer auf Emp­fang, scharf­sin­nig, berech­nend«16 Aus der Sicht Scia­sci­as war Moro weder ein »gro­ßer Staats­mann« noch ein »Held«, der sich für den ita­lie­ni­schen Staat im Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus opfern woll­te. Die Brie­fe, die sei­ne Ent­füh­rer aus dem Ker­ker des »Volks­ge­fäng­nis­ses« nach drau­ßen lie­ßen, waren »in der Spra­che der Nicht­kom­mu­ni­ka­ti­on« abge­fasst, die sich im schein­bar aus­drucks­lo­sen Argot der Rackets an den »Boss der Scher­gen« Fran­ces­co Cos­si­ga (sei­nes Zei­chens Innen­mi­nis­ter in der aktu­el­len ita­lie­ni­schen Regie­rung) rich­te­ten. Wie Poes Dupin ent­deckt Scia­scia in den Brie­fen Moros ein »Über­maß an Offen­sicht­li­chem«, etwa die Anwei­sung für das stra­te­gi­sche Hin­hal­ten der Ent­füh­rer in Ver­hand­lun­gen, um die Zeit zu nut­zen, den Ent­führ­ten aus dem Ker­ker zu befrei­en.17 Doch wie schon bei Poe ist der dumpf agie­ren­de Poli­zei­ap­pa­rat nicht in der Lage den »ver­steck­ten Gegen­stand« (in die­sem Fall ein Ent­füh­rungs­op­fer) zu ent­de­cken. Die Intel­li­genz der poli­zei­li­chen Agen­tu­ren konn­te sich auf die »Geris­sen­heit« der Straf­tä­ter nicht ein­stel­len: »Ihre Unter­su­chungs­me­tho­den«, heißt es bei Poe, »ken­nen kei­ne Fle­xi­bi­li­tät.«18 Tri­umph des Mobs Ich bin ein poli­ti­scher Gefan­ge­ner«, heißt es in einem Brief Moros an den christ­de­mo­kra­ti­schen Funk­tio­när Benig­no Zac­ca­gni­ni, »den eure brüs­ke Ent­schei­dung, euch jeg­li­cher Dis­kus­si­on über ande­re gleich­falls gefan­ge­ne Per­so­nen zu ver­schlie­ßen, in eine unhalt­ba­re Situa­ti­on gebracht hat. Die Zeit eilt dahin und ist lei­der knapp. Jeden Moment könn­te es zu spät sein.«19 Nach der Inter­pre­ta­ti­on Scia­sci­as befand sich Moro in der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen zwei »Sta­li­nis­men«: den des ita­lie­ni­schen Staa­tes, den sich das Racket der Demo­cra­zia Cris­tia­na (DC) als Beu­te­stück unter den Nagel geris­sen hat­te, und dem der BR, die sich »in ihrer Mona­de ideo­­lo­­gisch-rech­t­spre­chen­­den Wahn­sinns«20 ver­kap­selt hat­ten und allen ideo­lo­gi­schen Eska­mo­tie­run­gen zum Trotz nicht mehr als Tech­ni­ker einer abs­trak­ten Macht ope­rier­ten, die ledig­lich das Nega­tiv der »mili­­tä­risch-büro­­­kra­­ti­­schen Staats­ma­schi­ne« reprä­sen­tier­ten, das sie zu atta­ckie­ren vor­ga­ben. Moro »beginnt«, heißt es bei Scia­scia, »sich à la Piran­del­lo von Form zu lösen, da er sich nun auf tra­gi­sche Wei­se ins Leben ein­ge­las­sen hat.« 21 Von der öffent­li­chen Per­sön­lich­keit wan­delt er sich zum »allein­ge­las­se­nen Men­schen«, zur »Krea­tur«, die sich nach sei­ner »Ver­wand­lung« dage­gen sträubt, von den herr­schen­den »Sta­li­nis­men« zer­quetscht zu wer­den, als wäre sie am Ende »ganz und gar kre­piert«22. Wie ande­re Ter­ro­ris­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen der Zeit agie­ren die roten Bri­ga­den (mit den Wor­ten des Sozi­al­wis­sen­schaft­lers Peter Brück­ner) »im Gefan­ge­nen­la­ger des Extrems«23 und beflei­ßig­ten sich eines »Faschis­mus der Anti­fa­schis­ten«24 (um einen Aus­druck Paso­li­nis zu bemü­hen). Scia­scia betont jedoch den expli­zit ita­lie­ni­schen Cha­rak­ter der roten Bri­ga­den: »Die Bri­ga­te ros­se funk­tio­nie­ren per­fekt: Aber (und das Aber braucht es hier) sie sind ita­lie­nisch. Sie sind ›cosa nos­t­ra‹, unse­re Sache, wie sehr sie auch mit revo­lu­tio­nä­ren Sek­ten oder Geheim­diens­ten ande­rer Staa­ten ver­zahnt sein mögen.«25 Vor­ge­wor­fen wird Scia­scia, dass er Moro (oder des­sen Figur in einer poli­ti­schen Tra­gö­die) als Opfer eines dia­bo­li­schen Macht­kar­tells mit mafiö­sen Struk­tu­ren sti­li­sie­re, wobei er mit sim­pli­fi­zie­ren­den Über­tra­gun­gen aus sei­nen sizi­lia­ni­schen Kri­mi­nal­ro­ma­nen die Mög­lich­keit von Dif­fe­ren­zie­run­gen unter­lau­fe. »Scia­scia ist nicht ein­mal im Ansatz in der Lage«, urteilt die Roma­nis­tin Hele­ne Harth, »die – wie immer auch spä­ter durch tat­säch­li­che Aktio­nen per­ver­tier­ten – Zie­le des lin­ken Ter­ro­ris­mus als von ihrer Inten­ti­on her revo­lu­tio­nä­re Zie­le zu begrei­fen. Für ihn sind viel­mehr die Bri­ga­te Ros­se iden­tisch mit der Mafia und die­nen mit sta­li­nis­ti­schen Metho­den der Zemen­tie­rung eines tod­brin­gen­den Macht­blocks.«26 Wor­in die »revo­lu­tio­nä­ren Zie­le« der BR bestehen soll­ten, ver­mag Harth nicht dar­zu­le­gen. Wie bereits die lin­ke Publi­zis­tin Rossa­na Ross­an­da insis­tier­te, befan­den sich die roten Bri­ga­den mit ihren bru­ta­len Tak­ti­ken und ihrem sta­li­nis­ti­schen Jar­gon im Wider­spruch zu den meis­ten Strö­mun­gen der zeit­ge­nös­si­schen Lin­ken in Ita­li­en, doch gehör­ten sie auch zum »Fami­li­en­al­bum«, zu einer Geschich­te, die nie ver­ging.27 Scia­sci­as Buch lässt einen auf­ge­wühl­ten, wenn nicht beun­ru­hig­ten Leser zurück. Mit den Wor­ten Jor­ge Luis Bor­ges’: »Der beun­ru­hig­te Leser sieht sich noch ein­mal in den ent­spre­chen­den Kapi­teln um und ent­deckt eine ande­re Lösung, die ech­te.«28 Die Beun­ru­hi­gung hält bis zum Moment an, da das euro­päi­sche Pro­jekt – einst untrenn­bar ver­bun­den mit der Befrei­ung vom Faschis­mus und der Über­win­dung eng­stir­ni­ger Natio­na­lis­men – mit einem ita­lie­ni­schen Zom­­bie-Faschis­­mus kon­fron­tiert ist, der den Kon­ti­nent zurück in die vor­de­mo­kra­ti­sche, auto­ri­tä­re Dun­kel­heit einer längst über­wun­den geglaub­ten Ver­gan­gen­heit zu kata­pul­tie­ren droht.29 Dass in den Mas­sen tat­säch­lich die Demo­kra­tie »ein ver­dräng­tes, unter­ir­di­sches Dasein führt«, wie Hork­hei­mer in den 1940er Jah­ren mut­maß­te, ist ange­sichts der aktu­ell herr­schen­den Zustän­de ver­mut­lich eher ein Wunsch­traum. © Jörg Auberg 2024 Biblio­gra­fi­sche Anga­ben: Leo­nar­do Scia­scia. Die Affai­re Moro. Ein Roman. Mit einem Nach­wort von Fabio Stas­si. Über­setzt von Moni­ka Lus­tig. Karls­ru­he: Edi­ti­on Con­ver­so, 2023. 240 Sei­ten, 24 Euro. 978–3‑949558–18‑4. Bild­quel­len (Copy­rights) Foto Aldo Moro Quel­le: Auf­nah­me eines BR-Mit­­glie­­des, Public domain, via Wiki­me­dia Com­mons Cover L’Af­fai­re Moro © Édi­ti­ons Gras­set Cover Die Affai­re Moro © Edi­ti­on Con­ver­so Foto Pier Pao­lo Paso­li­ni Quel­le: clubalfa.it Illus­tra­ti­on zu Der ent­wen­de­te Brief Quel­le: Fré­dé­ric Théo­do­re Lix, Public domain, via Wiki­me­dia Com­mons Foto Leo­nar­do Scia­scia Quel­le: Dop­pio­ze­ro Nach­wei­se Adri­an Lyt­tel­ton, »Mur­der in Rome«, New York Review of Books, 34, Nr. 11 (25. Juni 1987), https://www.nybooks.com/articles/1987/06/25/murder-in-rome/ ↩ Mai­ke Albath, »Klar­heit, Ver­nunft und Häre­sie«, in: Leo­nar­do Scia­scia, Ein Sizi­lia­ner von fes­ten Prin­zi­pi­en (Karls­ru­he: Edi­ti­on Con­ver­so, 2021), S. 158 ↩ Leo­nar­do Scia­scia, Die Affai­re Moro. Ein Roman, übers. Moni­ka Lus­tig (Karls­ru­he: Edi­ti­on Con­ver­so, 2023), S. 63 ↩ Joseph Far­rell, Leo­nar­do Scia­scia: The Man and the Wri­ter (Flo­renz: Leo S. Olsch­ki Edi­to­re, 2022), S. 198 ↩ Gore Vidal, »On the Assassin’s Trail«, New York Review of Books, 26, Nr. 16 (25. Okto­ber 1979), https://www.nybooks.com/articles/1979/10/25/on-the-assassins-trail/ ↩ Tho­mas Erling Peter­son, Ein­lei­tung zu: Alber­to Mora­via, Two Fri­ends (New York: Other Press, 2011), S. xvii ↩ Umber­to Eco, Der ewi­ge Faschis­mus, übers. Burk­hart Kroeber (Mün­chen: Han­ser, 2020), S. 23, 27–28; Ian Kers­haw, To Hell and Back: Euro­pe 1914–1949 (Lon­don: Allen Lane, 2015), S. 228–232, 274–282; Nun­zio Per­ni­co­ne und Fraser M. Otta­nel­li, Ass­as­sins Against the Old Order: Iali­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe (Cham­paign, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018); Alan John­s­ton, »A Gay Island Com­mu­ni­ty Crea­ted by Italy’s Fascists«, BBC, 13. Juni 2013, https://www.bbc.com/news/magazine-22856586; Katy Hull, The Maschi­ne Has a Soul: Ame­ri­can Sym­pa­thy with Ita­li­an Fascism (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2021), S. 65–83, 116–149 ↩ Max Hork­hei­mer, »Die Rackets und der Geist«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 12, hg. Gun­ze­lin Schmid-Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1985), S. 291 ↩ Leo­nar­do Scia­scia, Das Gesetz des Schwei­gens: Sizi­lia­ni­sche Roma­ne, übers. Hele­ne Moser et al. (Wien: Zsol­nay, 2018), S. 368 ↩ Cf. Ulri­ke Klin­ger et al., Plat­forms, Power, and Poli­tics: An Intro­duc­tion to Poli­ti­cal Com­mu­ni­ca­ti­on in the Digi­tal Age (Lon­don: Poli­ty Press, 2024), S. 32–49 ↩ Pier Pao­lo Paso­li­ni, Frei­beu­ter­schrif­ten: Die Zer­stö­rung der Kul­tur des Ein­zel­nen durch die Kon­sum­ge­sell­schaft, übers. Tho­mas Eisen­hart (Ber­lin: Wagen­bach, 2011), S. 110 ↩ Paso­li­ni, Frei­beu­ter­schrif­ten, S. 110 ↩ Paso­li­ni, Frei­beu­ter­schrif­ten, S. 117 ↩ Enzo Sici­lia­no, Paso­li­ni: Leben und Werk, übers. Chris­tel Gal­lia­ni (Wein­heim: Beltz, 1994), S. 530Fn76 ↩ Far­rell, Leo­nar­do Scia­scia: The Man and the Wri­ter, S. 199 ↩ Scia­scia, Die Affai­re Moro, S. 31 ↩ Scia­scia, Die Affai­re Moro, S. 37, 45, 53 ↩ Edgar Allan Poe, »Der ent­wen­de­te Brief«, übers. Andre­as Nohl, in: Poe, Unheim­li­che Geschich­ten, hg. Charles Bau­de­lai­re (Mün­chen: dtv, 2018), S. 72 ↩ Scia­scia, Die Affai­re Moro, S. 60 ↩ Scia­scia, Die Affai­re Moro, S. 103 ↩ Scia­scia, Die Affai­re Moro, S. 75; zu Scia­sci­as Inter­pre­ta­ti­on von Piran­del­lo und Sizi­li­en als poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Meta­pher cf. Leo­anrdo Scia­scia, Piran­del­lo et la Sici­le, übers. Jean-Noël Schi­fa­no (Paris: Édi­ti­ons Gras­set, 1980) ↩ Franz Kaf­ka, Die Ver­wand­lung (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 2024), S. 83 ↩ Peter Brück­ner, Über die Gewalt: Sechs Auf­sät­ze zur Rol­le der Gewalt in der Ent­ste­hung und Zer­stö­rung sozia­ler Sys­te­me (Ber­lin: Wagen­bach, 1979), S. 90 ↩ Paso­li­ni, Frei­beu­ter­schrif­ten, S. 62 ↩ Scia­scia, Die Affai­re Moro, S. 137 ↩ Hele­ne Harth, »Macht und Gewalt im poli­ti­schen Ima­gi­nä­ren eines Sizi­lia­ners: Leo­nar­do Scia­scia und die Moro-Affä­­re«, in: Gewalt der Geschich­te – Geschich­ten der Gewalt: Zur Kul­tur und Lite­ra­tur Ita­li­ens von 1945 bis heu­te, hg. Peter Brock­mei­er und Caro­lin Fischer (Stutt­gart: M & P Ver­lag für Wis­sen­schaft und For­schung, 1998), S. 163 ↩ David Bro­der, Mussolini’s Grand­child­ren: Fascism in Con­tem­po­ra­ry Ita­ly (Lon­don: Plu­to Press, 2023), S. 11 ↩ Jor­ge Luis Bor­ges, Uni­ver­sal­ge­schich­te der Nie­der­tracht – Fik­tio­nen – Das Aleph, übers. Gis­bert Haefs et al. (Mün­chen: Han­ser, 2000), S. 146 ↩ David Bro­der, »Gior­gia Meloni’s Euro­pe«, Dis­sent, 71, Nr. 2 (Früh­jahr 2024):25–26 ↩ […]
  • Paul Auster: Bloodbath NationPaul Aus­ter: Blood­bath Nati­on12. Mai 2024Paul Aus­ters Ver­mächt­nis Ein nahe­zu klas­si­scher Essay über Waf­fen­ge­walt von Jörg Auberg Im Juli 1945, als der Zwei­te Welt­krieg noch im vol­len Gan­ge war, kon­sta­tier­te der ita­lie­ni­sche Emi­grant Nic­coló Tuc­ci in der New Yor­ker pazi­fis­ti­schen Zeit­schrift Poli­tics: »Das Pro­blem ist nicht, wie man den Feind los­wird, son­dern eher, wie man den letz­ten Sie­ger los­wird. Denn was ist der Sie­ger etwas ande­res als einer, der gelernt hat, dass Gewalt funk­tio­niert? Wer wird ihm eine Lek­ti­on ertei­len?«1 In sei­nem schma­len Essay­band Blood­bath Nati­on, das nach sei­nem Tod sein poli­ti­sches Ver­mächt­nis dar­stellt, hat Paul Aus­ter die his­to­ri­sche »Gewalt­pro­ble­ma­tik« der USA mit ihrem Waf­fen­fe­tisch the­ma­ti­siert, die sich spek­ta­ku­lär in Amok­läu­fen und Mas­sen­mor­den in kür­ze­ren Inter­val­len immer wie­der mani­fes­tiert und deren men­schen­lee­ren Orte der Foto­graf Spen­cer Ost­ran­der in kar­gen Schwarz­weiß­bil­dern fest­hielt. Aus­ter hat­te nicht den Anspruch, in sei­nem knap­pen Essay Richard Slot­kins volu­mi­nö­se Tri­lo­gie über die Gewalt und Waf­fen­kul­tur der US-ame­ri­­ka­­ni­­schen »fron­tier« vom 16. Jahr­hun­dert bis in die Rea­­gan-Ära des 20. Jahr­hun­derts in geraff­ter Form zu erzäh­len.2 Er wähl­te einen per­sön­li­chen Ansatz, indem er von sei­ner Kind­heit berich­tet, in der die Idea­li­sie­rung des waf­fen­tra­gen­den Cow­boys, der mit Waf­fen­ge­walt die ihn umge­ben­den Ver­hält­nis­se regel­te, in die Vor­stel­lungs­welt eines Jun­gen ein­wan­der­te – und zwar in ers­ter Linie mit­tels der Popu­lär­kul­tur in den 1950er Jah­ren über die Nach­mit­tags­pro­gram­me des Fern­se­hens, in denen Dar­stel­ler wie Al »Fuz­zy« St. John oder Al »Lash« LaRue die »infan­ti­le Traum­welt der Fern­seh­cow­boys«3 ins Wohn­zim­mer und in die kind­li­che Ima­gi­na­ti­on tru­gen. Neben die­ser all­ge­mei­nen kul­tu­rel­len Prä­gung kam bei Aus­ter noch die eige­ne Fami­li­en­ge­schich­te ins Spiel: Sei­ne Groß­mutter Anna Aus­ter erschoss 1919 ihren Mann Har­ry Aus­ter wegen Geld­strei­tig­kei­ten, nach­dem ihre Bezie­hung in die Brü­che gegan­gen war. Aus Rache ver­such­te ihr Schwa­ger, sie zu erschie­ßen, was jedoch miss­lang.4 Wegen zeit­wei­li­ger Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit wur­de die Groß­mutter im Gerichts­ver­fah­ren frei­ge­spro­chen. Das fami­liä­re Trau­ma zer­stör­te auch das Leben von Paul Aus­ters Vater, der »ver­einsamt und gebro­chen« durch sein Leben schlich. In den Augen sei­nes Soh­nes war es »die Waf­fe, die das Leben mei­nes Vater runiert hat«.5 Wie Chris­ti­ne Bold im Times Lite­ra­ry Sup­ple­ment unter­streicht, erzähl­te Aus­ter mehr­fach in sei­nen auto­bio­gra­fi­schen Tex­ten – von The Inven­ti­on of Soli­tu­de (1982) bis zu Win­ter Jour­nal (2012). In Blood­bath Nati­on ist es nicht ledig­lich eine fami­liä­re Epi­so­de, son­dern eine tie­fer­ge­hen­de Erfah­rung mit einer durch Waf­fen­ge­walt gepräg­te und trau­ma­ti­sier­te Fami­li­en­ge­schich­te.6 Dar­über hin­aus rich­te­te Aus­ter sei­nen Blick von der indi­vi­du­el­len Erfah­rung auf das gesell­schaft­li­che Gan­ze: »War­um ist Ame­ri­ka so anders«, frag­te er sich, »– und was macht es zum gewalt­tä­tigs­ten Land der west­li­chen Welt?«7 In nahe­zu klas­si­scher Manier ver­fuhr der immer wie­der post­mo­der­ner Trick­ser bezeich­ne­te Autor in sei­nem Essay im kon­tem­pla­ti­ven Ver­we­ben von indi­vi­du­el­ler und his­to­ri­scher Erfah­rung. »Die Bezie­hung auf Erfah­rung – und ihr ver­leiht der Essay soviel Sub­stanz wie die her­kömm­li­che Theo­rie den blo­ßen Kate­go­rien – ist die auf die gan­ze Geschich­te«, kon­sta­tier­te Theo­dor W. Ador­no; »die bloß indi­vi­du­el­le Erfah­rung, mit wel­cher das Bewußt­sein als mit dem ihr nächs­ten anhebt, ist sel­ber ver­mit­telt durch die­über­grei­fen­de der his­to­ri­schen Mensch­heit; daß statt­des­sen die­se mit­tel­bar und das je Eige­ne das Unmit­tel­ba­re sei, blo­ße Selbst­täu­schung der indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft und Ideo­lo­gie.«8 Nach Aus­ters Anga­ben sind 393 Mil­lio­nen Schuss­waf­fen im Besitz von US-Bürger*innen, und in einer Kul­tur der Gewalt, die mit­tels Aus­rot­tung der ansäs­si­gen und noma­den­haf­ten indi­ge­nen Völ­ker, Skla­ve­rei und Ras­sis­mus, Kapi­ta­lis­mus und Impe­ria­lis­mus die Ter­ri­to­ri­en und die Roh­stof­fe (inklu­si­ve der mensch­li­chen Indi­vi­du­en und Mas­sen) sich ein­ver­leib­te. Tat­säch­lich ging es im alten Wes­ten, wie Aus­ter beton­te, »wesent­lich zivi­li­sier­ter und fried­li­cher und siche­rer« zu als im aktu­el­len Ame­ri­ka, da in den Fron­­tier-Ter­ri­­to­ri­en nicht schieß­wü­ti­ge Revol­ver­hel­den ihr Unwe­sen trie­ben, son­dern in den Gemein­den aus Selbst­schutz kla­re Waf­fen­kon­trol­len durch­ge­führt wur­den.9 Gegen­wär­tig ist Waf­fen­be­sitz nicht ein Recht, son­dern nahe­zu eine Bür­ger­pflicht.10 die Waf­fen­ge­walt der staat­li­chen Auto­ri­tä­ten im Kampf gegen Min­der­hei­ten rief eine Gegen­ge­walt her­vor, mit der Aktivist*innen von Grup­pie­run­gen wie Red Power, den Young Lords oder den Black Pan­thers in den 1970er Jah­ren in medi­en­ge­rech­ter Sym­bo­lik mit Waf­fen in der Öffent­lich­keit auf­tra­ten, ohne dass dadurch die Gewalt- und Todes­spi­ra­le durch­bro­chen wur­de. »Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind durch Gewalt zustan­de gekom­men«, schloss Aus­ter sei­nen Essay, »haben aber durch eine Vor­ge­schich­te, hun­dert­acht­zig Jah­re in unun­ter­bro­che­nem Krieg mit den Urein­woh­nern des Lan­des, das wir ihnen weg­ge­nom­men haben, sowie kon­ti­nu­ier­li­che Unter­drü­ckung unse­rer ver­sklav­ten Min­der­heit – die zwei Sün­den, die wir in die Revo­lu­ti­ons­zeit mit­ge­bracht und für die wir bis heu­te nicht gebüßt haben.« 11 Schluss­end­lich hat­te Aus­ter kein Pro­gramm zur Lösung des grund­le­gen­den Pro­blems: Weder eine restrik­ti­ve Waf­fen­kon­trol­le (die ver­mut­lich einen ille­ga­len Waf­fen­han­del beför­dern wür­de) noch ein unbe­schränk­ter Zugang zu Schuss­waf­fen wür­de dem Ver­häng­nis ein Ende berei­ten, da die Ursa­chen in der Geschich­te und in der kol­lek­ti­ven Psy­che Ame­ri­kas ver­gra­ben sind. Er las­se die Leser*innen nach der Lek­tü­re des Essays rat­los zurück, lau­te­te der wie­der­hol­te Vor­wurf der Kri­tik. »Aus­ter, einer der bes­ten Geschich­ten­er­zäh­ler der eng­li­schen Spra­che, erweist sich als sach­kun­di­ger und auf­ge­klär­ter Füh­rer, wäh­rend er durch die The­ma­tik mäan­dert«, kon­ze­dier­te Gary Younge in einer Rezen­si­on im Guar­di­an. »Aber sein Ver­säum­nis, ein Ziel zu anzu­zei­gen, geschwei­ge denn eines zu errei­chen, lässt den Leser wie zu Beginn ver­lo­ren und in einem Gefühl der Hoff­nungs­lo­sig­keit zurück.«12 Dabei ver­kennt der Rezen­sent jedoch das Wesen des Essays: Er »fängt nicht mit Adam und Eva an son­dern mit dem, wor­über er reden will«, insis­tier­te Ador­no; »er sagt, was ihm dar­an auf­geht, bricht ab, wo er sel­ber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr blie­be: so ran­giert er unter den Allo­tria.« In sei­nen Roma­nen agier­te Aus­ter, wie Chris Ward schrieb, als »Autor-Gott«, der Mann, der in sei­nem lite­ra­ri­schen Uni­ver­sum die Fäden zog und im Kos­mos des Zufalls die Figu­ren mit magi­schen Kunst­stü­cken durch die Kulis­sen schob.13 Trotz allem sind die lite­ra­ri­schen Wer­ke kei­nes­wegs post­mo­der­ne Spie­le­rei­en, son­dern – wie Adria­no A. Ted­de – in einer kri­ti­schen ame­ri­ka­ni­schen Tra­di­ti­on von Hen­ry David Tho­reau und Walt Whit­man ver­wur­zelt und hal­ten die uto­pi­sche Flam­me eines »ande­ren Ame­ri­kas« als Gegen­be­we­gung zum his­to­ri­schen Nie­der­gang von »Ronald zu Donald« seit den 1980er Jah­ren auf­recht.14 Als Essay­ist muss­te er sich an die Erkennt­nis­se des alten Meis­ters hal­ten: »All of old. Not­hing else ever. Ever tried. Ever Fai­led. No matter.Try again. Fail again. Fail bet­ter.«15 © Jörg Auberg 2024   Biblio­gra­fi­sche Anga­ben: Paul Aus­ter. Blood­bath Nati­on. Mit Fotos von Spen­cer Ost­ran­der. Über­setzt von Wer­ner Schmitz. Ham­burg: Rowohlt Ver­lag, 2024. 192 Sei­ten, 26 Euro. ISBN: 978–3‑498–00323‑4. Bild­quel­len (Copy­rights) Cover Blood­bath Nati­on © Rowohlt Ver­lag Film­pla­kat Law of the Lash © Pro­du­cers Releasing Cor­po­ra­ti­on Foto Mas­sen­grab in Woun­ded Knee © Nor­thwes­tern Pho­to Co., Public domain, via Wiki­me­dia Com­mons Foto Black Pan­ther Demons­tra­ti­on © CIR Online, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wiki­me­dia Com­mons Foto Paul Aus­ter © Siri Hustvedt/Grove Atlan­tic Nach­wei­se Nic­coló Tuc­ci, »Com­mon­non­sen­se«, Poli­tics 2, Nr. 7 (Juli 1945):196 ↩ Cf. Richard Slot­kin, Rege­ne­ra­ti­on Through Vio­lence: The Mytho­lo­gy of the Ame­ri­can Fron­tier, 1600–1860  (1973; rpt. Nor­man: Uni­ver­si­ty of Okla­ho­ma Press, 2000); The Fatal Envi­ron­ment: The Myth of the Fron­tier in the Age of Indus­tria­liza­ti­on, 1800–1890 (1985; rpt. Nor­man: Uni­ver­si­ty of Okla­ho­ma Press, 2000); Gun­figh­ter Nati­on: The Myth of the Fron­tier in Twen­­tieth-Cen­­­tu­ry Ame­ri­ca  (1992; rpt. Nor­man: Uni­ver­si­ty of Okla­ho­ma Press, 1998) ↩ Paul Aus­ter, Blood­bath Nati­on, übers. Wer­ner Schmitz (Ham­burg: Rowohlt, 2024), S. 10 ↩ Paul Aus­ter, The Inven­ti­on of Soli­tu­de (Lon­don: Faber & Faber, 1992), S. 35–44 ↩ Aus­ter, Blood­bath Nati­on, S. 21 ↩ Chris­ti­ne Bold, »The Gunk, Gore and Hor­ror: Paul Aus­ter Con­fronts the Hard Facts of US Gun Law«, Times Lite­ra­ry Sup­ple­ment, 24. März 2023, https://www.the-tls.co.uk/articles/bloodbath-nation-paul-auster-spencer-ostrander-book-review-christine-bold/ ↩ Aus­ter, Blood­bath Nati­on, S. 21 ↩ Theo­dor W. Ador­no, »Der Essay als Form«, in: Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 18 ↩ Aus­ter, Blood­bath Nati­on, S. 83 ↩ Aus­ter, Blood­bath Nati­on, S. 70 ↩ Aus­ter, Blood­bath Nati­on, S. 159 ↩ Gary Younge, »US Gun Vio­lence Under the Micro­scope«, Guar­di­an, 11. Janu­ar 2023, https://www.theguardian.com/books/2023/jan/11/bloodbath-nation-by-paul-auster-review-a-response-to-the-us-gun-crisis ↩ Chris Ward, Rea­ding Paul Aus­ter (o. O.: Wis­dom Twin Books, 2023), S. 33 ↩ Adria­no A. Ted­de, Mar­gi­na­li­sa­ti­on and Uto­pia in Paul Aus­ter, Jim Jar­musch and Tom Waits: The Other Ame­ri­ca (Lon­don: Rout­ledge, 2022) ↩ Samu­el Beckett, Nohow On (Lon­don: John Cal­der, 1992), S. 101 ↩ […]
  • Aus den Archiven: Paul Auster — Travels in the ScriptoriumAus den Archi­ven: Paul Aus­ter — Tra­vels in the Scrip­to­ri­um7. Mai 2024Der Mensch und die Tex­te Über Paul Aus­ter und die Exer­zi­ti­en der Lite­ra­tur­kri­tik von Jörg Auberg Wie der Intel­lek­tu­el­le es macht, macht er es falsch«, heißt es in Ador­nos Mini­ma Mora­lia. Der Schrift­stel­ler (im Sartre’schen Sin­ne sei­nem Wesen nach ein Intel­lek­tu­el­ler, dem es um die Mit­tei­lung des Nicht-Mit­­teil­­ba­­ren »unter Aus­nut­zung des Anteils an Des­in­for­ma­ti­on, den die Gemein­spra­che ent­hält« geht) kann es kaum jeman­dem Recht machen – weder dem lesen­den Publi­kum noch den Kri­ti­kern. Gelang einem Autor einst der Gro­ße Wurf, wird er fort­hin immer dar­an gemes­sen und soll mit den Fol­ge­pro­duk­ten dem Erfolgs­re­zept für­der­hin fol­gen. Woo­dy Allen ist noch immer der »Stadt­neu­ro­ti­ker«, über den Kri­ti­ker und Publi­kum glei­cher­ma­ßen her­fal­len, wenn er den Erwar­tun­gen nicht gerecht wird. Paul Aus­ter reüs­sier­te nach Jah­ren einer lite­ra­ri­schen Schat­ten­exis­tenz vor fast zwan­zig Jah­ren mit der New York Tri­lo­gy und gilt seit­her als post­mo­der­ner Tricks­ter. Als er sich mit sei­nem letz­ten Buch, The Brook­lyn Fol­lies auf das Gebiet des eher kon­ven­tio­nel­len Geschich­ten­er­zäh­lens ohne post­mo­der­ne Taschen­spie­ler­tricks begab, zeig­te sich eine Pha­lanx pro­fes­sio­nel­ler Lite­ra­tur­kri­ti­ker ob des »fla­chen Rea­lis­mus« ent­täuscht. Mit sei­nem neu­en Buch Tra­vels in the Scrip­to­ri­um kehrt Aus­ter auf das mys­te­riö­se, tex­tu­ell inein­an­der ver­schränk­te Ter­rain frü­he­rer Jah­re zurück, und auch dies­mal fühlt sich das kri­ti­sche Gewer­be lite­ra­risch nicht befrie­digt. In Aus­ters Kurz­ro­man, der dem Andenken sei­nes im Jah­re 2004 gestor­be­nen Schwie­ger­va­ters Lloyd Hust­vedt, eines in aka­de­mi­schen Krei­sen bekann­ten Pro­fes­sors für Skan­di­na­vis­tik, gewid­met ist, sieht sich ein alter Mann – der Ein­fach­heit hal­ber »Mr. Blank« genannt – in einen Raum ohne eine Mög­lich­keit des Ent­kom­mens gesperrt und ist sich im Unkla­ren, wie er dort hin­ge­ra­ten sein könn­te. Das Zim­mer ähnelt einem Gefäng­nis mit All­tags­ge­gen­stän­den, die zur Iden­ti­fi­zie­rung Eti­ket­ten ihrer Objekt­be­schrei­bung tra­gen, wäh­rend »Mr. Blank« mit den Ver­falls­er­schei­nun­gen und tem­po­rä­ren Auf­wal­lun­gen sei­ner hin­fäl­li­gen Exis­tenz wie mit dem Ein­ge­sperrt­sein kämpft. Im Pro­zess des kul­tu­rel­len und sozia­len Alterns wird der Mensch – wie Jean Amé­ry bemerk­te — »zum Welt­fremd­ling und Kauz«, der aus sei­ner Zeit her­aus tritt, aber plötz­lich mit Anschul­di­gun­gen (die von der Ver­leum­dung bis zum Mord rei­chen) sich kon­fron­tiert sieht, die er nicht ver­steht, jedoch offen­bar ihre Ursa­che mit sei­nem Ver­hal­ten in sei­ner zurück­lie­gen­den Exis­tenz haben. Auf dem Schreib­tisch fin­det er ein frag­men­ta­ri­sches Manu­skript eines gewis­sen John Trau­se , in dem der Prot­ago­nist, Sig­mund Graf, als Spiel­fi­gur im Macht­spiel eines ima­gi­nä­ren Kon­fö­de­ra­ti­ons­staa­tes fun­giert, der sich in den »frem­den Ter­ri­to­ri­en« als Erfül­lungs­ge­hil­fe wider Wil­len miss­brau­chen lässt, erfolg­reich sei­ne »Mis­si­on« been­det und sich den fina­len Ret­tungs­schuss gibt, nach­dem er die Rän­ke­spie­le und sei­ne nai­ve Will­fäh­rig­keit durch­schaut hat. In einer klas­si­schen Aus­­­ter-Situa­­ti­on ist der Prot­ago­nist einer Viel­zahl dis­pa­ra­ter wie ambi­ger Tex­te, deren Ursprung einer­seits in der poli­ti­schen und sozia­len Rea­li­tät des aktu­el­len Ame­ri­kas und ande­rer­seits im lite­ra­ri­schen Kanon Aus­ters liegt. Natür­lich sind die Anspie­lun­gen auf Samu­el Beckett (als des­sen Her­aus­ge­ber Aus­ter bei den Gro­ve Cen­ten­ary Edi­ti­ons of Samu­el Beckett fun­giert) und Franz Kaf­ka augen­fäl­lig, doch ist »Mr. Blank« nicht ledig­lich ein post­mo­der­ner Wie­der­gän­ger des Namen­lo­sen oder der Figur K. Auch wenn man­ches an die Kon­stel­la­ti­on in Schlag­schat­ten (dem zwei­ten Teil der New York Tri­lo­gy) mit sei­nen auf denoma­li­sier­ten Figu­ren (»Blue«, »White«, »Brown« & »Black«) erin­nert, ist Mr. Blank kei­nes­wegs eine lee­re Chif­fre. Wie in The Brook­lyn Fol­lies beschäf­tigt sich Aus­ter mit dem phy­si­schen und psy­chi­schen Ver­fall im Lau­fe des fort­ge­schrit­te­nen Alters. Mit der Figur des Mr. Blank reflek­tiert Aus­ter selbst sein Älter­wer­den als Schrift­stel­ler, der vom Markt als Ver­mitt­ler zwi­schen Avant­gar­de und Enter­tain­ment in Beschlag genom­men wur­de und den Betrieb mit Pro­duk­ten belie­fer­te, die nun in der Bestands­auf­nah­me oder im exis­ten­zi­el­len Kas­sen­sturz auf den Urhe­ber zuwei­len bra­chi­al ein­wir­ken. Die Figu­ren aus frü­he­ren Roma­nen suchen den von »John Trau­se« mit sei­nem Text mal­trä­tier­ten »Mr..Blank« heim: Der Poli­zist James P. Flood, die Kran­ken­schwes­ter Anna Blu­me und Samu­el Farr ent­stie­gen dem Roman Im Land der letz­ten Din­ge, Peter Still­man und Dani­el Quinn (der Anklä­ger) tau­chen erst­mals in Stadt aus Glas auf; Mar­co Fogg und David Zim­mer gehö­ren zum Ensem­ble von Mond über Man­hat­tan und aus dem Buch der Illu­sio­nen; und schließ­lich wabert der Auster’sche Grund­ty­pus des Men­schen aus Tex­ten, Fans­ha­we (der sei­nen Ursprung in Natha­na­el Hawt­hor­nes gleich­na­mi­gem Roman hat) in die Figur des Ben­ja­min Sachs in Levia­than. Eine miss­lau­ni­ge Lite­ra­tur­kri­tik nimmt Aus­ter frei­lich die Indienst­nah­me alter Prot­ago­nis­ten übel. Für den Kri­ti­ker des Guar­di­an ist Aus­ters neu­es Buch nach dem öko­no­misch erfolg­rei­chen Roman The Brook­lyn Fol­lies aus dem letz­ten Jahr ledig­lich ein Rück­schritt in obsku­re Ter­ri­to­ri­en, wäh­rend sein Kol­le­ge von der Finan­cial Times das Buch eher als Bon­bon für die Aus­­­ter-Afi­ci­a­no­­dos sieht, die beim Lesen der eige­nen Cle­ver­ness sich ver­ge­wis­sern kön­nen. Ent­täuscht sind auch die Ama­teur­kri­ti­ker aus dem Ama­­zon-Uni­­ver­­­sum. So kann sich bei­spiels­wei­se ein Ama­zo­naut nicht des Ein­drucks erweh­ren, »dass hier nur alt­be­kann­te Ele­men­te recy­celt wer­den, um auf die Schnel­le ein paar Extra­dol­lar zu ver­die­nen«. Hier­bei schwingt ledig­lich ein altes Res­sen­ti­ment gegen die vor­geb­lich man­geln­de Ori­gi­na­li­tät der moder­nen Lite­ra­tur mit, deren Ver­we­bung mit der kapi­ta­lis­ti­schen Waren­ge­sell­schaft ihr ange­las­tet wird. Bereits den Dada­is­ten war­fen ihre kri­ti­schen Zeit­ge­nos­sen vor, an der Kunst sich zu ver­ge­hen, und spä­ter wur­de Wil­liam S. Bur­roughs, der in sei­nem volu­mi­nö­sen »work in pro­gress« eige­nes Mate­ri­al mit diver­sen ande­ren lite­ra­ri­schen Mate­ria­li­en ver­meng­te, regel­mä­ßig des Pla­gi­ie­rens gezie­hen. Der Ama­teur­kri­ti­ker kann nicht ver­ste­hen, dass ein Autor wie Aus­ter nicht vom Schrei­ben las­sen kann, jedoch kein der Welt ent­rück­ter und über den Din­gen ste­hen­der Lite­rat ist, wie ihn Hono­ré de Bal­zac mit der Figur des Dani­el d’Arthez in den Ver­lo­re­nen Illu­sio­nen ent­ge­gen den gesell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Rea­li­tä­ten ima­gi­nier­te. Die Fra­ge bleibt, inwie­weit der Autor – mitt­ler­wei­le selbst zur Ware im lite­ra­ri­schen Waren­um­schlag­platz der Spät- oder Post­mo­der­ne gewor­den – der »Kor­ri­si­ons­kraft der Ware« (Lothar Bai­er) sich ent­zie­hen kann. Noch mehr aber bleibt zwei­fel­haft, wo eine Kri­tik der Lite­ra­tur­kri­tik über­dau­ern kann, die über das blo­ße Kon­su­men­ten­be­wusst­sein der herr­schen­den Cha­rak­ter­mas­ken des Lite­ra­tur­be­trie­bes hin­aus­reicht, wäh­rend feis­te Ver­tre­ter des Gewer­bes über die media­len und öko­no­mi­schen Umschlag­plät­ze des Betrie­bes zie­hen und mit ihrer allent­hal­ben beschwo­re­nen »Ser­­vice-Men­­ta­­li­­tät« hau­sie­ren gehen, um noch die Res­te einer halb­wegs inte­ge­ren Lite­ra­tur­kri­tik zu ver­hö­kern. Daher sind Ärger­nis­se, wie sie Aus­ter dann und wann anbie­tet, über­aus not­wen­dig. Sie sind ein Affront gegen die geschwät­zi­ge Mit­teil­bar­keit, wie sie aus den Feuil­le­tons und Lite­ra­tur­sen­dun­gen plärrt. Zuerst erschie­nen in literaturkritik.de, Janu­ar 2007 © Jörg Auberg 2007/2024 Biblio­gra­fi­sche Anga­ben: Paul Aus­ter. Tra­vels in the Scrip­to­ri­um. Lon­don: Faber & Faber, 2007. 144 Sei­ten, 9,99 UK-£. ISBN: 9780571232567. Bild­quel­len (Copy­rights) Cover Tra­vels in the Scrip­to­ri­um © Faber & Faber Cover New York Tri­lo­gy © Faber & Faber Cover City of Glass (Gra­phic Novel) © Faber & Faber Trai­ler City of Glass © fif­ty nine pro­duc­tions Aus­schnitt Lite­ra­ri­sches Quar­tett (Nr. 41, 22.02.1996) © ZDF […]

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Guy de Maupassant: Claire de Lune

Guy de Maupassant: Clair de Lune (Steidl, 2023)

Der Verlorene Guy de Mau­pas­sant und die Tor­tur der Seele von Jörg Auberg In Ray­mond Jeans Roman La Lec­tri­ce (1986, dt. Die Vor­le­se­rin) ver­sucht die arbeits­lo­se Ex-Stu­den­tin Marie-Con­s­tance1, mit der Grün­dung einer Ich-AG als Vor­le­se­rin in einer fran­zö­si­schen Klein­stadt sich zu eta­blie­ren. Ihr ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor Roland emp­fiehlt ihr für ihr »Metier« die...

Christian Brückner: Hinab in den Maelström

Christian Brückner mit dem Martin Auer Quintett: Hinab in den Maelström (Argon Verlag, 2023)

Im Maul des Abgrunds Marginalien zum Erzählkonzert »Hinab in den Maelström« von Jörg Auberg Der Begriff des Fort­schritts ist in der Idee der Kata­stro­phe zu fun­die­ren. Daß es ›so wei­ter‹ geht, ist die Kata­stro­phe. Sie ist nicht das jeweils Bevor­ste­hen­de son­dern das jeweils Gegebene. Wal­ter Ben­ja­min1   In sei­nem Stan­dard­werk zur Erfah­rung der Moder­ni­tät im 19. und 20...

Richard Brautigan: Forellenfischen in Amerika

Richard Brautigan - Forellenfischen in Amerika

Trouvailles (I) Vom Spiel mit dem Buch als Buch Nachbetrachtungen zu Richard Brautigans Roman »Forellenfischen in Amerika« von Jörg Auberg Kürz­lich erstand ich in dem exqui­sit bestück­ten Ver­sand­an­ti­qua­ri­at Abend­stun­de, das von Wolf­gang Schä­fer in Lud­wigs­ha­fen betrie­ben wird, ein Exem­plar von Richard Brau­tig­ans Roman Forel­len­fi­schen in Ame­ri­ka, der 1971 in der...

Ernst Schoen: Tagebuch einer Deutschlandreise 1947

Ernst Schoen: Tagebuch einer Deutschlandreise

Unversöhnliche Erinnerungen Ernst Schoens Tagebuch einer Deutschlandreise 1947 von Jörg Auberg In einer mit dem Titel »Staats-Räson« über­schrie­be­nen Notiz kurz nach sei­ner Rück­kehr nach West­deutsch­land in den spä­ten 1940er Jah­ren umriss Max Hork­hei­mer das »ver­stärk­te Lei­den« jener Men­schen, »die schon zivi­li­siert waren und nun aufs neue durch die Müh­le müs­sen«1 Die­se...

Richard Ford: Valentinstag

Endstation Realismus Richard Fords Pentalogie über die Mittelschichtsdämmerung  von Jörg Auberg In sei­nem drei Jah­re vor sei­nem selbst­ge­wähl­ten Tod erschie­nen Essay Was wird Lite­ra­tur? im Jah­re 2001 hielt der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Lothar Bai­er der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur einen »quie­tis­ti­schen Bie­der­sinn« vor. »Kri­tik im Sinn fun­da­men­ta­ler, von ana­ly­ti­schem...

Marseille Transfer

Jean Malaquais: Planet ohne Visum (Büchergilde Gutenberg, 2023)

Marseille Transfer Im Labyrinth von Exil und Widerstand während der 1940er Jahre von Jörg Auberg Prolog Im Okto­ber 1970 schrieb Alfred Kan­to­ro­wicz zur Vor­ge­schich­te sei­nes Erin­ne­rungs­bu­ches Exil in Frank­reich: Merk­wür­dig­kei­ten und Denkwürdigkeiten: Die wun­der­li­chen Umstän­de, die mein Ent­kom­men aus dem besieg­ten Frank­reich nach den USA ermög­lich­ten, lie­gen jetzt 30...

Blick zurück nach vorn

Blick zurück nach vorn  Eine Bücherlese des zurückliegenden Jahres 2022  von Jörg Auberg The Beat Goes On u den ver­dienst­vol­len Unter­neh­mun­gen des Rowohlt-Ver­la­ges gehört die Pfle­ge des »klas­si­schen Erbes« im sonst vor­nehm­lich auf Pro­fit und Ren­di­te aus­ge­rich­te­ten Holtz­brinck-Kon­zern. Seit Jah­ren wer­den Wer­ke von Autoren, wel­che die »Mar­ke« Rowohlt...

Die Masken des Genies

Thomas Mann und seine Familie am Strand (© Thomas-Mann-Archiv/ETH-Bibliothek Zürich)

Die Masken des Genies Thomas Manns Exiljahre in Princeton und Kalifornien von Jörg Auberg In sei­ner Apho­ris­men­samm­lung Mini­ma Mora­lia insis­tier­te Theo­dor W. Ador­no, dass jeder Intel­lek­tu­el­le in der Emi­gra­ti­on aus­nahms­los beschä­digt sei und sich per­ma­nent die­ser Beschä­di­gung bewusst sein müs­se. »Er lebt in einer Umwelt, die ihm unver­ständ­lich blei­ben muß, auch wenn er...

Marcel Reich-Ranicki: Ein Leben, viele Rollen

Sylvia Asmus und Uwe Wittstock - Marcel Reich-Ranicki: Ein Leben, viele Rollen (Frankfurt/Main: Deutsches Exilarchiv 1933-1945/Deutsche Nationalbibliothek, 2022)

Der Grosse Zampano Marcel Reich-Ranickis Rollen in kritischen Zeiten von Jörg Auberg In der Lite­ra­tur­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik nimmt Mar­cel Reich-Rani­cki die Rol­le des »mäch­ti­gen Lite­ra­tur­kri­ti­kers« ein, wie Hel­mut Böt­ti­ger in sei­ner per­sön­lich gehal­te­nen Lite­ra­tur­ge­schich­te der 1970er Jah­re unter­strich1. In der Retro­spek­ti­ve war er in den Augen von...

Die Politik der Rackets

Kai Lindemann - Die Politik der Rackets

Herrschaft oder Anarchie Kai Lin­de­mann durch­leuch­tet die Pra­xis der Rackets von Jörg Auberg Der Begriff »Racket« hat im gän­gi­gen Sprach­ge­brauch mitt­ler­wei­le eine Rei­he von Bedeu­tun­gen. In ers­ter Linie wird er mit dem Ten­nis­schlä­ger in Ver­bin­dung gebracht. Dar­über hin­aus bezeich­net er (unter ande­rem) eine Pro­gram­mier­spra­che, eine Social-Media-Audio-App (»Let’s Make a...

Jean-Luc Godard: Der permanente Revolutionär

Bert Rebhandl - Jean-Luc Godard: Der permanente Revolutionär (Zsolnay, 2020)

Ungenügend Bert Reb­handls Godard-Biografie Von Wolf­ram Schütte Jean-Luc Godard ist unter den Film­ma­chern, was Picas­so unter den Bil­den­den Künst­lern war: »Der per­ma­nen­te Revo­lu­tio­när«. Zutref­fend für das heu­te kaum noch zu über­bli­cken­de Oeu­vre des Neun­zig­jäh­ri­gen lau­tet so der Unter­ti­tel der Bio­gra­phie, die der 1964 gebo­re­ne öster­rei­chi­sche Film­kri­ti­ker Bert...

Mordecai Richler — Eine Straße in Montreal

Mordecai Richler: Eine Straße in Montreal (ars vivendi, 2021)

Erinnerung und Befreiung Mordecai Richlers autobiografische Erzählungen über St. Urbain von Jörg Auberg   Das Mont­rea­ler Vier­tel um die St. Urbain Street war – dem kana­di­schen Film­re­gis­seur Ted Kotcheff zufol­ge – für Mor­de­cai Rich­ler das, was für Wil­liam Faul­k­ner Yokna­pa­taw­pha war: sei­ne Domä­ne der Erin­ne­rung und lite­ra­ri­schen Fik­ti­on.1 Hat­te er sich in sei­nem...

Defining the Age — Daniel Bell, His Time and Ours

Defining the Age: Daniel Bell, His Time and Ours (Columbia University Press, 2022)

Verloren und abtrünnig   Daniel Bells Lamento einer verblassten Geschichte von Jörg Auberg Der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Dani­el Bell (1919–2011) gilt als ein pro­to­ty­pi­scher Reprä­sen­tant der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len des 20. Jahr­hun­derts, der nicht nur den Weg von der »alten Lin­ken« in den 1930er Jah­ren zum Neo­kon­ser­va­tis­mus der Rea­gan-Ära beschritt, son­dern auch den...

Hommage an Cineaste

Cineaste: Ausgabe Frühjahr 2022 (47:2)

Kritik und Gegenöffentlichkeit Seit 1967 setzt die Zeitschrift Cineaste Massstäbe in der Filmpublizistik   von Jörg Auberg   »Kurz­um, der Film­kri­ti­ker von Rang ist nur als Gesell­schafts­kri­ti­ker denkbar.« Sieg­fried Kra­cau­er 1   Im Som­mer 1967 erschien die ers­te drei­ßig­sei­ti­ge Aus­ga­be der New Yor­ker Film­zeit­schrift Ciné­as­te (damals noch in der fran­zö­si­schen...

Joseph McBride — Billy Wilder: Dancing on the Edge

Joseph McBride: Billy Wilder: Dancing on the Edge (Columbia University Press, 2021)

Vom Zyniker zum Moralisten Joseph McBride und Noah Isenberg werfen einen neuen Blick auf das Werk Billy Wilders von Jörg Auberg In der klas­si­schen Film­ge­schichts­schrei­bung wird Bil­ly Wil­der immer wie­der als Zyni­ker eti­ket­tiert. In ihrer Geschich­te des Films (1962) sahen die bei­den Film­his­to­ri­ker Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as in Fil­men wie The Seven Year Itch (1955), Some...

Karl Heinz Roth — Blinde Passagiere

Karl Heinz Roth: Blinde Passagiere - Die Coronakrise und die Folgen (Verlag Antje Kunstmann, 2022)

Der Kampf geht weiter Karl Heinz Roth analysiert die Folgen der Corona-Krise   von Max Henninger Redak­tio­nel­le Vorbemerkung ach wie vor hat die Coro­na-Pan­de­mie den Pla­ne­ten fest im Griff, wobei nicht allein gesund­heits­po­li­ti­sche Fak­to­ren die mensch­li­che Exis­tenz bestim­men, son­dern zuneh­mend auch extre­mis­ti­sche Rackets und ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche »Nar­ra­ti­ve«...

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