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Moleskin Blues

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Kri­ti­ken
  • Andrej Platonow — Der StaatsbewohnerAndrej Pla­to­now — Der Staats­be­woh­ner30. Juni 2026Die Ver­dunk­lung der Son­ne Andrej Pla­to­now und die Ver­lo­re­nen Uto­pien von Jörg Auberg  Drei Jah­re vor sei­nem Tod begrüß­te Alex­an­der Blok (1880–1921), einer der her­aus­ra­gen­den Dich­ter der rus­si­schen Moder­ne, die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 enthu­si­as­tisch. Nach sei­nen Wor­ten war deren Ziel, »alles neu zu machen«, »alles anders zu machen«, »unser fal­sches, dre­cki­ges, lang­wei­li­ges, abscheu­li­ches Leben in ein gerech­tes, sau­be­res, fröh­li­ches und schö­nes Leben zu ver­wan­deln«1 die­ser uto­pi­sche Elan bezog sich zwar zunächst auf das eine »Sechs­tel der Erde« (die Sowjet­uni­on), doch letzt­lich soll­te die »mensch­li­che Trans­for­ma­ti­ons­ak­ti­vi­tät« (wie der Phi­lo­soph Wale­ri­an Mura­wjow pos­tu­lier­te) über die »Gren­zen des Glo­bus« hin­aus bis in den Kos­mos wir­ken.2 Im Licht­oze­an (Matthes & Seitz, 2025)In der von Susan­ne Strät­ling und Georg Wit­te her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie über die Ener­gie als »Kol­lek­tiv­sym­bol« in der sowje­ti­schen Moder­ne zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts (Im Licht­oze­an, 2025) defi­nier­te Wla­di­mir Lenin Kom­mu­nis­mus als »Sowjet­macht plus Elek­tri­fi­zie­rung des gan­zen Lan­des«, um sich von der Herr­schaft des Kapi­ta­lis­mus und sei­ner auf den fos­si­len Ener­gien Koh­le und Eisen beru­hen­den Pro­duk­ti­ons­macht »im Welt­maßstab­stab« abzu­gren­zen.3 Die­se Direk­ti­ve Lenins griff der Schrift­stel­ler und Elek­tro­in­ge­nieur (im Sin­ne Jean-Paul Sar­tres ein »Tech­ni­ker des Wis­sens«4 Andrej Pla­to­now in der frü­hen Sowjet­pha­se mit enthu­si­as­ti­schem Enga­ge­ment auf, der die Elek­tri­fi­zie­rung als »Revo­lu­ti­on in der Tech­nik« begriff. »Es gibt so viel Licht im Raum«, pos­tu­lier­te Pla­to­now, »des­halb muss der Kom­mu­nis­mus auf der gan­zen Welt aus Licht erschaf­fen wer­den.« In sei­nen Augen setz­te sich mit der Elek­tri­fi­zie­rung der Kom­mu­nis­mus »tech­nisch in der Pro­duk­ti­on« um; sie bedeu­te­te eine Befrei­ung von der Arbeit, die Über­ga­be der Pro­duk­ti­on an die Maschi­ne, den »Anfang einer neu­en völ­lig unvor­her­ge­se­he­nen Lebens­form«.5 Ähn­lich wie die Künst­ler El Lis­sitz­ky oder Kasi­mir Male­witsch sah Pla­to­now den »Sowjet­men­schen« als Künst­ler, als ein »Orga­nis­mus aus Ener­gie« in einer neu­en »öko­no­mi­schen Kul­tur der Zei­chen«. In einer »Abkehr von der Welt«, in der die Exis­tenz durch den Zwang zur Arbeit bestimmt wer­de, sah er durch die Elek­tri­fi­zie­rung und »auto­ma­ti­schen Dis­zi­pli­nie­rung« der Maschi­nen eine fröh­li­che Anar­chie begin­nen: Für den Men­schen begin­ne »ein ewi­ger Sonn­tag«. Selbst die Ener­gie der Radio­ak­ti­vi­tät wer­de durch jene des »Licht­oze­ans« in der Tota­li­tät des Uni­ver­sums um ein Viel­fa­ches über­trof­fen.6   »Der sowje­ti­sche Ener­gie­dis­kurs argu­men­tiert öko­lo­gisch«, kon­sta­tie­ren Strät­ling und Wit­te im Nach­wort zu ihrer Antho­lo­gie. »Frap­pie­rend aktu­ell ist eine die gesam­te Elek­tri­fi­zie­rungs­pro­pa­gan­da durch­zie­hen­de Skep­sis gegen­über einer Kon­zen­tra­ti­on auf fos­si­le Ener­gie­quel­len.« Aller­dings beweg­te sich die­ser Dis­kurs nicht in einem herr­schafts­frei­en Raum, son­dern war von einem »Erobe­rungs­nar­ra­tiv« geprägt, in dem es in einem Natur-Mensch-Dua­­lis­­mus um Kampf und Beherr­schung ging. Zum »Cli­ma­te Engi­nee­ring« gehör­ten die Kor­rek­tur von Fluss­läu­fen, die Anpas­sung von Erd­pro­fi­len und die Spren­gung von Erd­mas­si­ven. Für zwei Mil­li­ar­den Gold­ru­bel lie­ße sich Ost­si­bi­ri­en auf­tau­en (»Sibi­ri­en ohne Eis! Ein war­mes Land am Gesta­de des Ark­ti­schen Oze­ans«), schlug Pla­to­now vor. »Ener­gie und Enthu­si­as­mus ver­bin­den sich hier zu Umwelt-Uto­pi­en glo­ba­len, ja kos­mi­schen Maß­stabs«, resü­mie­ren Strät­ling und Wit­te.7 El Lis­sitz­ky: »Sieg über die Son­ne« 1923 at Christie’s May 1991Die uto­pi­schen Ent­wür­fe hin­sicht­lich der Nut­zung der Solar­ener­gie tru­gen jedoch auch ihre dunk­len Sei­ten in sich: Zwar wur­de die Son­ne als Geschenk dar­ge­stellt, doch war sie – wie in der futu­ris­ti­schen Oper Sieg über die Son­ne von Alex­ei Krutschonych, Weli­mir Chleb­ni­kow, Michail Mat­ju­schin und Kasi­mir Male­witsch aus dem Jah­re 1913 – auch Ziel­ob­jekt der mensch­li­chen Unter­wer­fung. »Die Son­ne als Aus­druck der alten Welt­ener­gie«, schrieb El Lis­sitz­ky 1920, »wird vom Him­mel geris­sen durch den moder­nen Men­schen, der kraft sei­nes tech­ni­schen Her­ren­tums sich sei­ne eige­ne Ener­gie­quel­le schafft.«8 In den Uto­pien wur­de zwar auch eine kos­mi­sche Kata­stro­phe (die Ver­nich­tung allen Lebens auf der Erde) in Aus­sicht gestellt, doch herrsch­te trotz allem ein opti­mis­ti­scher Glau­be an einen radi­ka­len Neu­be­ginn vor. »Da Him­mels­kör­per in der Lage sind, Leben zu näh­ren«, schrieb Mura­wjow in der zwei­ten Hälf­te der 1920er-Jah­­re, »kann neu­es Leben aus der Asche zer­stör­ter Wel­ten gebo­ren wer­den und mit unge­ahn­ter Kraft erblü­hen, wie es auch jetzt viel­leicht nach sol­chen Kata­stro­phen erblüht.« 9 Die Kata­stro­phe auf dem einen »Sechs­tel der Erde« (der Sowjet­uni­on) voll­zog sich mit dem Tri­umph des Sta­li­nis­mus, der alle Eupho­rie der 1920er-Jah­­re ver­puf­fen ließ. Aller­dings waren bereits im leni­nis­ti­schen Modell des Auf­baus der Sowjet­uni­on star­ke auto­ri­tä­re Ten­den­zen imple­men­tiert. In der Ver­klä­rung vie­ler Revolutionär*innen zu Beginn der Deka­de war Lenin ein Mes­si­as, der den Weg in die Zukunft wies, doch in ers­ter Linie war er ein Tech­ni­ker der Revo­lu­ti­on, dem die Metho­den, Instru­men­te und Orga­ni­sa­ti­ons­mit­tel wich­ti­ger waren als die Eman­zi­pa­ti­on von Herr­schaft und Hier­ar­chie. Im Auf­bau der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft soll­te auf Bewähr­tes zurück­ge­grif­fen wer­den, wäh­rend die bestehen­den hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren kaum zur Dis­po­si­ti­on stan­den. Von Wis­sen­schaft und Tech­nik, Pro­duk­ti­vi­tät, Effi­zi­enz und Kon­trol­le fas­zi­niert, starr­te Lenin gebannt auf die Errun­gen­schaf­ten des US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Kapi­ta­lis­mus, um dar­aus die Leh­ren für den öko­no­mi­schen Auf­bau des Sowjet­staa­tes zu zie­hen. Zwar erkann­te er, dass die »gewal­ti­gen Ver­voll­komm­nun­gen«, die das tay­lo­ris­ti­sche Sys­tem der Arbeits­tei­lung bewirkt hat­te, zu einer »noch grö­ße­ren Unter­drü­ckung und Unter­jo­chung« der Arbei­ter­schaft führ­ten, doch ver­band in sei­nen Augen der Tay­lo­ris­mus »die raf­fi­nier­te Bes­tia­li­tät der bür­ger­li­chen Aus­beu­tung und eine Rei­he wert­volls­ter wis­sen­schaft­li­cher Errun­gen­schaf­ten«.  Da er die Inten­ti­on ver­folg­te, alle mensch­li­chen und tech­ni­schen Res­sour­cen zu mobi­li­sie­ren, die Dis­zi­plin der Arbeiter*innen zu heben, ihr pro­duk­ti­ves Kön­nen und ihre Geschick­lich­keit vor­an­zu­trei­ben, die Arbeits­in­ten­si­tät zu stei­gern und die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on zu ver­bes­sern, dräng­te er dar­auf, die tay­lo­ris­ti­schen Metho­den auch auf das revo­lu­tio­nä­re Ter­rain aus­zu­deh­nen. »Die Sowjet­re­pu­blik muss um jeden Preis alles Wert­vol­le über­neh­men, was Wis­sen­schaft und Tech­nik auf die­sem Gebiet errun­gen haben«, erklär­te Lenin im Früh­jahr 1918. »Die Rea­li­sier­bar­keit des Sozia­lis­mus hängt ab eben von unse­ren Erfol­gen bei der Ver­bin­dung der Sowjet­macht und der sowje­ti­schen Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on mit dem neu­es­ten Fort­schritt des Kapi­ta­lis­mus. Man muss in Russ­land das Stu­di­um des Tay­lor­sys­tem, die Unter­wei­sung dar­in, sei­ne sys­te­ma­ti­sche Erpro­bung und Aus­wer­tung in Angriff neh­men.« So bedeu­te­te die bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­on kei­nen radi­ka­len Bruch mit der bis­he­ri­gen Pra­xis: Wie ihre bür­ger­li­chen Opponent*innen glaub­ten Lenin und sei­ne Getreu­en an die Ver­hei­ßun­gen von Wis­sen­schaft, Fort­schritt und Erfolg, und in ihrem blin­den Enthu­si­as­mus für die Tech­no­lo­gie geriet ihnen schließ­lich die Pro­duk­ti­on zum Selbst­zweck, wäh­rend die zu rea­li­sie­ren­de Frei­heit in immer wei­te­re Fer­ne rück­te. 10 Andrej Pla­to­now: Die Epi­pha­ner Schleu­sen (Volk und Welt, 1986)In der Peri­ode der Sta­li­ni­sie­rung blieb Lenin trotz allem eine Licht­ge­stalt – auch in den Erzäh­lun­gen Pla­to­nows in dem Band Der Staats­be­woh­ner, die Gabrie­le Leu­pold in einer kom­men­tier­ten Neu­über­set­zung bei Suhr­kamp publi­zier­te.11 In den sati­ri­schen Tex­ten arti­ku­lier­te Pla­to­now eine zuneh­men­de Skep­sis gegen­über der herr­schaft­li­chen Wis­sen­schaft und der poli­ti­schen »Gene­ral­li­nie«, mit der miss­lie­bi­ge »Abweich­ler« zur Räson gebracht wer­den soll­ten: Pla­to­now wur­de – nach einem Wort des anglo­ame­ri­ka­ni­schen Sla­wis­ten Tho­mas Seif­rid – im »lin­ken Sumpf der rech­ten Oppo­si­ti­on« ver­or­tet.12 In der Erzäh­lung »Makar, wie er zwei­felt« aus dem Jah­re 1929 wird Lenin nur noch von den Insas­sen einer psych­ia­tri­schen Anstalt, eines »See­len­kran­ken­hau­ses«, ver­stan­den: »sie hat­ten frü­her nicht gewusst, dass Lenin alles wuss­te«. Wie ein Geist schwebt er durch die weit­läu­fi­ge staat­li­che Anstalt: »Der Sozia­lis­mus muss mit den Hän­den der Mas­sen­men­schen gebaut wer­den«, lässt Pla­to­now in sei­ner Sati­re Lenin pre­di­gen, »und nicht mit den büro­kra­ti­schen Zet­teln unse­rer Behör­den.«13 Für Pla­to­now war der »Büro­kra­tis­mus«, schrieb Lola Debü­ser in ihrem Nach­wort zu Pla­to­nows Erzäh­lun­gen 1986, »eine neue sozia­le Krank­heit, ein bio­lo­gi­sches Merk­mal einer gan­zen selb­stän­di­gen Gat­tung von Men­schen«.14  Andrej Pla­to­now: Der Staats­be­woh­ner (Suhr­kamp, 2025)Die Uto­pie der Revo­lu­ti­on lös­te sich in Büro­kra­tie auf. Als »inne­rer Dis­si­dent« und Reprä­sen­tant des »Pro­let­kul­tes« ver­such­te sich Pla­to­now der »Kul­tur des Fünf-Jah­­res-Plans« (wie Seif­rid die­se frü­he sowje­ti­sche Peri­ode dekla­riert.15) anzu­pas­sen. Der »resi­li­en­te« Autor (als »Out­cast der sowje­ti­schen Lite­ra­tur«, wie sein Bio­graf Hans Gün­ther schrieb.16) woll­te sich nicht mit dem büro­kra­ti­schen Regime über­wer­fen, in den Wider­stand und ins Exil wech­seln, son­dern sich par­ti­ell arran­gie­ren, ohne sich in Gän­ze zu unter­wer­fen. In sei­ner imma­nen­ten Kri­tik ver­wen­de­te Pla­to­now eine zum Teil direkt aus Arti­keln Sta­lins über­nom­me­ne Büro­­­kra­­tie-Spra­che. In der Erzäh­lung »Zu Gute: Eine Arme­­leu­­te-Chro­­nik« aus dem Jah­re 1931 (die in der DDR-Aus­­­ga­­be unter dem Titel »Zu Nutz und From­men« erschien) ver­dun­kel­te sich die »Erklä­rung des Kom­mu­nis­mus«: Der Staat sorg­te im Sin­ne Lenin für alles, aber es funk­tio­nier­te nicht viel wie die Elek­tro­son­ne, die bereits nach einer hal­ben Stun­de ver­losch – trotz aller wis­sen­schaft­lich auf­trump­fen­den Staats­macht. Am Ende blie­ben nur Paro­len: »Es lebe die all­täg­li­che Son­ne auf der sowje­ti­schen Erde!«17  In der Sati­re fühl­te sich Sta­lin bis zur Kennt­lich­keit der­art ent­blößt, dass er in »wüten­den Aus­fäl­len« sowohl dem Autor als auch den »Wirr­köp­fen« in der Redak­ti­on der Lite­ra­tur­zeit­schrift, in der die Erzäh­lung ver­öf­fent­licht wer­den soll­te, eine Bestra­fung androh­te, die ihnen »zu Gute« gerei­chen wer­de. »Die Kri­tik an sei­nen Tex­ten war so gra­vie­rend«, schreibt die Über­set­ze­rin Gabrie­le Leu­pold in ihrem Nach­wort, »dass der Ange­grif­fe­ne um sei­ne Exis­tenz fürch­ten muss­te.«18 Wie sei­ne Figur Makar beweg­te sich Pla­to­now »mit der Kraft sei­ner neu­gie­ri­gen Dumm­heit« fort. »Arbei­ten­de Pro­le­ta­ri­er gibt es vie­le«, heißt es in der Makar-Erzäh­­lung, »aber den­ken­de wenig – ich habe mir vor­ge­nom­men, für alle zu den­ken.« 19 In der Zeit des Sta­li­nis­mus und spä­te­rer Auto­kra­tien und Dik­ta­tu­ren kam das Den­ken unter der öko­no­mi­schen Herr­schaft zum Still­stand. Am Ende ende­te der Kom­mu­nis­mus an den Mas­sen­grä­bern der Mas­sen­men­schen. © Jörg Auberg 2026 Biblio­gra­fi­sche Angaben:Andrej Pla­to­now.Der Staats­be­woh­ner.Erzäh­lun­gen.Aus dem Rus­si­schen von Gabrie­le Leu­pold.Ber­lin: Suhr­kamp, 2025.207 Sei­ten, 25 Euro.ISBN: 978–3‑518–43114‑6.Georg Wit­te (Hg.), Susan­ne Strät­ling (Hg.).Im Licht­oze­an:Ener­gien der sowje­ti­schen Moder­ne.Ber­lin: Matthes & Seitz, 2025.734 Sei­ten, 48 Euro.ISBN: 978–3‑7518–2069‑1. Medi­en­quel­len Cover Der Staats­be­woh­ner© Suhr­kamp Ver­lag Cover Die Epi­pha­ner Schleu­sen© Volk und Welt Pla­kat von El Lis­sitz­ky Sieg über die SonneQuel­le: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/93/El_Lissitzky_Sieg_%C3%BCber_die_Sonne_1923_at_Christie%27s_May_1991.jpg Cover Im Licht­oze­an© Matthes und Seitz AnmerkungenAlex­an­der Blok, zitiert in: Rus­sell Jaco­by, The End of Uto­pia: Poli­tics and Cul­tu­re in an Age of Apa­thy (New York: Basic Books, 1999), S. 155Wale­ri­an Mura­wjow, »Die Umge­stal­tung des Kos­mos«, in: Im Licht­oze­an: Ener­gien der sowje­ti­schen Moder­ne, hg. Susan­ne Strät­ling und Georg Wit­te (Ber­lin: Matthes & Seitz, 2025), S. 542Wla­di­mir Lenin, »Bericht über die Tätig­keit des Rats der Volks­kom­mis­sa­re«, in: Im Licht­oze­an, S. 27Jean-Paul Sart­re, Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len: Inter­views, Arti­kel, Reden 1950–1973, hg. Vin­cent von Wro­blew­sky, übers. Eva Groe­p­ler et al. (Rein­bek: Rowohlt, 1995), S. 121Andrej Pla­to­now, »Licht und Sozia­lis­mus« und »Die Elek­tri­fi­zie­rung«, in: Im Licht­oze­an, S. 33, 42, 48El Lis­sitz­ky, »Der Klub als sozia­les Kraft­werk«; Kasi­mir Male­witsch, »Der Mensch als ener­ge­ti­scher Orga­nis­mus«; Andrej Pla­to­now, »Über die Kul­tur des ein­ge­spann­ten Lichts und der ergrün­de­ten Elek­tri­zi­tät«, Pla­to­now, »Licht und Sozia­lis­mus«; Susan­ne Strät­ling und Georg Wit­te, »Ener­gie – Schlüs­sel­be­griff der sowje­ti­schen Moder­ne«, in: Im Licht­oze­an, S. 33, 202, 208, 209, 714Andrej Pla­to­now, »Über die Ver­bes­se­rung des Kli­mas«; Strät­ling und Wit­te, »Ener­gie – Schlüs­sel­be­griff der sowje­ti­schen Moder­ne«, in: Im Licht­oze­an, S. 283, 714–718 El Lis­sitz­ky, »Die plas­ti­sche Gestal­tung der elek­tro­me­cha­ni­schen Schau ›Sieg über die Son­ne‹«, in: Im Licht­oze­an, S. 399; zur Oper cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Sieg_%C3%BCber_die_Sonne_(Oper)Wale­ri­an Mura­wjow, »Die Umge­stal­tung des Kos­mos«, in: Im Licht­oze­an, S. 546 Quel­len sind: Lenin, »Das Tay­lor­sys­tem – Die Ver­skla­vung des Men­schen durch die Maschi­ne« (1914), in: Wer­ke, Bd. 20 (Berlin/DDR: Dietz, 1961), S. 146; »Die nächs­ten Auf­ga­ben der Sowjet­macht« (1918), in: Wer­ke, Bd. 27 (Berlin/DDR: Dietz, 1960), S. 249–250; Jörg Auberg, »Wrack und Wahn: Frag­men­te einer lin­ken Geschich­te«, unver­öf­fent­lich­tes Manu­skript, 1992, S. 31–32Frü­he­re Über­set­zun­gen erschie­nen in den spä­ten 1980er-Jah­­ren im DDR-Ver­­lag Volk und Welt und wur­den von Lola Debü­ser herausgegeben.Tho­mas Seif­rid, Andrej Pla­to­nov: Uncer­tain­ties of Spi­rit (Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 1992), S. 141  Andrej Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, übers. Gabrie­le Leu­pold (Ber­lin: Suhr­kamp, 2025), S. 48Pla­to­now, zitiert in: Lola Debü­ser, »Die Uto­pien Andrej Pla­to­nows und sei­ner Hel­den«, in: Pla­to­now, Die Epi­pha­ner Schleu­sen: Frü­he Novel­len, hg. Lola Debü­ser (Berlin/DDR: Volk und Welt, 1986), S. 507–508Tho­mas Seif­rid, Andrej Pla­to­nov: Uncer­tain­ties of Spi­rit, S. 132–175 Hans Gün­ther, Revo­lu­ti­on und Melan­cho­lie: Andrej Pla­to­novs Pro­sa der 1920er Jah­re (Ber­lin: Frank & Tim­me, 2020), S. 92 Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, S. 66Doku­men­ta­ti­on in: Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, S. 165; Nach­wort von Gabrie­le Leu­pold, ibid., S. 198–199, 204 Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, S. 43 […]
  • Yves Allégret: Une si jolie petite plageYves Allé­g­ret: Une si jolie peti­te pla­ge9. Mai 2026Noir on the Beach Resi­gna­ti­on und Ver­zweif­lung in Yves Allé­g­rets Film »Une si Jolie peti­te pla­ge« von Jörg Auberg  Am 17. Juni 1944 rück­te die 9. US-Infan­­te­rie­­di­­vi­­si­on an der West­küs­te der Nor­man­die auf den Ort Bar­­ne­­ville-sur-Mer in der Man­che an, den sie in den Mor­gen­stun­den gegen fünf Uhr erreich­te. »Eini­ge deut­sche Sol­da­ten der Mili­tär­po­li­zei  wur­den gefan­gen genom­men, und das Dorf war schnell unter Kon­trol­le. In den frü­hen Mor­gen­stun­den   kam es zu meh­re­ren Zusam­men­stö­ßen mit dem Geg­ner: Es han­del­te sich um iso­lier­te Ein­hei­ten, die nicht damit gerech­net hat­ten, die Ame­ri­ka­ner bereits in der Gegend vor­zu­fin­den.«20 Vier Jah­re spä­ter war Bar­ne­ville der Dreh­ort für Yves Allé­g­rets von Regen und Tris­tesse durch­tränk­tes Film­dra­ma Une si jolie peti­te pla­ge, das häu­fig als retro­ma­ni­sche Repri­se des Vor­kriegs­klas­si­kers Quai des Bru­mes (Hafen im Nebel, 1938) von Mar­cel Car­né und Jac­ques Pré­vert klas­si­fi­ziert wird.21 Für die bei­den deut­schen Film­his­to­ri­ker Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as war der Film Inbe­griff der »Rück­ent­wick­lung zur Tra­di­ti­on«, eine Melan­ge vom »poe­ti­schen Rea­lis­mus« der Vor­kriegs­zeit und modi­schen »film noir« der spä­ten 1940er-Jah­­re, ohne die The­men, »die sich eigent­lich auf­drän­gen muß­ten«, in Betracht zu zie­hen. Nach Auf­fas­sung von Gre­gor und Pata­l­as setz­te Allé­g­ret nach 1945 das fort, was Car­né vor dem Krieg begrün­det hat­te: »die Linie des düs­­ter-pes­­si­­mis­­ti­­schen, ›schwar­zen‹ Films; nur gaben sich sei­ne Wer­ke äußer­lich rea­lis­ti­scher als die poe­ti­schen Stu­dio­fil­me Car­nés; um so mehr aber ver­rie­ten sie die Zeit­be­zo­gen­heit des Gen­res«.22 Eine ähn­li­che Kri­tik äußer­te der fran­zö­si­sche Film­his­to­ri­ker Geor­ges Sadoul in einem Arti­kel für die eng­li­sche Film­zeit­schrift Sight & Sound, in dem er Allé­g­ret vor­warf, ohne grö­ße­re Varia­ti­on die fran­zö­si­schen Vor­kriegs­er­fol­ge wie Pépé le Moko (1937) und Quai des Bru­mes zu repe­tie­ren, in denen lite­ra­ri­sche Kunst­fi­gu­ren abseits des Rea­lis­mus in einem atmo­sphä­ri­schen Nebel und einem »kon­ven­tio­nel­len und ober­fläch­li­chen Pes­si­mis­mus« in die töd­li­che Ver­zweif­lung abglit­ten.23 Allé­g­rets Melo­dra­ma sei, schrieb die kali­for­ni­sche Film­jour­na­lis­tin Pam Gra­dy in einer Remi­nis­zenz an den Film, »ein Tri­umph der Stim­mung« 24, ähn­lich wie bei den Noir-Fil­­men Robert Siod­maks wie The Kil­lers (1946) oder Criss Cross (1949), in denen das Gesche­hen im Gegen­satz zu den übli­chen Noir-Erzäh­­lun­­gen aus dem dunk­len Moloch der Groß­stadt an tris­te Orte auf dem Land ver­legt wur­de. Es ist »Noir on the Beach«, um einen tref­fen­den Aus­druck der New Yor­ker Autorin Imo­gen Sara Smith zu ver­wen­den.25   Wie Fran­çois Truf­f­aut in sei­nem pro­gram­ma­ti­schen Essay »Une cer­taine ten­dance du ciné­ma fran­çais« (1954 in den Cahiers du Ciné­ma erschie­nen) schrieb, schuf Allé­g­ret mit sei­nem Dreh­buch­au­tor Jac­ques Sigurd eini­ge der »schwär­zes­ten Meis­ter­wer­ke« des fran­zö­si­schen Kinos mit dem Eti­kett »psy­cho­lo­gi­scher Rea­lis­mus« in Abgren­zung zum »poe­ti­schen Rea­lis­mus« der Vor­kriegs­zeit, wobei Truf­f­aut den Wer­ken sowohl die Psy­cho­lo­gie als auch den Rea­lis­mus absprach und die lite­ra­risch domi­nier­te »Qua­li­tät der Tra­di­ti­on« ver­höhn­te.26 Truf­f­auts Kri­tik rich­te­te sich nicht allein gegen eine über­kom­me­ne Tra­di­ti­on des fran­zö­si­schen Kinos, son­dern unter­schwel­lig gegen die »lin­ke« Ten­denz des Vor­kriegs­ki­nos, die in Fil­men von Car­né & Pré­vert zum Aus­druck kam. Wie der Film­wis­sen­schaft­ler J. Dud­ley Andrew schrieb, offen­bar­te der Angriff auf Pré­vert und die »lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on« einen reak­tio­nä­ren Ansatz, wenn nicht gar den Ver­such einer »Revo­lu­ti­on der kul­tu­rel­len Rech­ten«.27 In Truf­f­auts poli­ti­schem Koor­di­na­ten­sys­tem fun­gier­te Allé­g­ret ähn­lich wie Pré­vert als ein Ver­tre­ter der »lin­ken Ten­denz« im fran­zö­si­schen Kino, denn schließ­lich beweg­te er sich in den 1930er-Jah­­ren im Orbit der Trotz­kis­ten und Sur­rea­lis­ten und gehör­te bis Febru­ar 1939 zum Füh­rungs­ko­mi­tee der »Fédé­ra­ti­on inter­na­tio­na­le pour un art révo­lu­ti­on­n­aire indé­pen­dant« (FIARI).28 Von den rea­len his­to­ri­schen Erfah­run­gen der zurück­lie­gen­den zehn Jah­re – vom Krieg, von der Zer­ris­sen­heit, vom Schei­tern von Hoff­nun­gen und von Zer­stö­run­gen von Lebens­ent­wür­fen – sind im Film kaum Spu­ren zu fin­den.   Im Zen­trum des Gesche­hens steht Pierre, ein von Gérard Phili­pe gespiel­ter jun­ger Mann im Trench­coat, dem Depres­si­on, Hoff­nungs­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung von Beginn an ins Gesicht geschrie­ben sind. Wie der von Burt Lan­cas­ter gespiel­te Ex-Boxer »Der Schwe­de« in der Hemin­g­­way-Ver­­­fil­­mung The Kil­lers ist Pierre bereits am Anfang »fer­tig«, gezeich­net vom Pathos einer von der Gesell­schaft zum Opfer gemach­ten Figur, die auf das Ende war­tet (wie Robert G. Porf­irio in einem rich­tungs­wei­sen­den Essay über den »film noir« schrieb).29 In der Eröff­nungs­se­quenz quält sich der Auto­bus durch eine düs­te­re, vom Regen gepeitsch­te Küs­ten­land­schaft, und Pierre nimmt im ein­zi­gen geöff­ne­ten Hotel ein Zim­mer, in dem er nicht ganz fremd zu sein scheint. Nach­dem er sei­nen Kof­fer geöff­net hat, steckt er eine Pis­to­le in sei­ne Man­tel­ta­sche. In ellip­ti­scher Erzähl­wei­se ent­hül­len Allé­g­ret & Sigurd, dass Pierre in sei­ner Jugend als Für­sor­ge­zög­ling in die­sem Hotel als bil­li­ge Arbeits­kraft aus­ge­beu­tet wur­de, ehe er von einer älte­ren Sän­ge­rin als jun­ger Lieb­ha­ber in Beschlag genom­men wur­de. Nach und nach wird deut­lich, dass er die­se Sän­ge­rin getö­tet hat und auf der Flucht ist. In einer letz­ten Bewe­gung kehrt er zum trost­lo­sen Strand sei­ner ver­lo­re­nen Jugend zurück, und als Aus­weg bleibt nur der Tod.   Dem Film wird mit Recht ein Schwel­gen in Düs­ter­keit und Despe­rat­heit, Regen und Regel vor­ge­hal­ten. »Allé­g­ret mal­te ein Pan­ora­ma der Hoff­nungs­lo­sig­keit«, resü­mier­ten Gre­gor & Pata­l­as, »das sich aus lau­ter cha­rak­te­ris­ti­schen Details zusam­men­setz­te – der depri­mie­ren­den Kulis­se einer ver­kom­me­nen Gast­wirt­schaft, einer quiet­schen­den Pum­pe, einem im Win­de klap­pern­den Fens­ter­flü­gel, den gehäs­si­gen Bemer­kun­gen der Wir­tin.« 30 Unge­ach­tet der über­zeich­ne­ten Sti­li­sie­rung und feh­len­den poli­ti­schen Grun­die­rung in der Zeit hob Geor­ges Sadoul die Leis­tung Gérard Philipes als tra­gi­sche Figur her­vor, ohne die unter­schwel­li­ge sexu­el­le und öko­no­mi­sche Aus­beu­tung und Trau­ma­ti­sie­rung des Jugend­li­chen zu the­ma­ti­sie­ren. »Gérard Phili­pe ver­kör­per­te einen durch Gele­gen­heit zum Ver­bre­cher gewor­de­nen jun­gen Mann, der an die in Nebel und Regen gehüll­te Stät­te sei­ner trau­ri­gen Jugend zurück­kehrt, um sich hier schwei­gend sei­ner Ver­zweif­lung hin­zu­ge­ben, bis zum Selbst­mord. Es war dies einer der sel­te­nen Fäl­le, daß er auf der Lein­wand starb, den der Tod so früh erei­len soll­te …« 31   Das Por­tal Film­dienst urteilt schließ­lich: »Ein atmo­sphä­risch sehr dich­ter, von Resi­gna­ti­on und Trost­lo­sig­keit gepräg­ter Film in der Tra­di­ti­on des ›poe­ti­schen Rea­lis­mus‹. Er beschränkt sich frei­lich mehr auf das Zele­brie­ren von Stim­mun­gen und blen­det dabei eine Beschrei­bung der sozia­len Hin­ter­grün­de rigo­ros aus.« 32 Trotz aller Ein­wän­de bleibt Une si jolie peti­te pla­ge als ein außer­ge­wöhn­li­cher Film in Erin­ne­rung. © Jörg Auberg 2026  Anmer­kun­gen D‑Day Over­lord: Ency­clo­paed­ia of the D‑Day Landings and the Batt­le of Nor­man­dy, https://www.dday-overlord.com/en/battle-of-normandy/cities/barneville-carteretOli­vi­er Bar­rot, L’Ami post­hu­me: Gérard Phili­pe, 1922–1959 (Paris: Gras­set, 2008), S. 80Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as, Geschich­te des Films, Bd. 2: 1940–1960 (Rein­bek: Rowohlt, 1976), S. 293Geor­ges Sadoul, »The French Cine­ma 1948–49«, Sight and Sound, 18, Nr. 69 (Früh­jahr 1949), S. 58Pam Bra­dy, »I Wake Up Dre­a­ming 2012 Review: Une Si Jolie Peti­te Pla­ge«, https://cinezinekane.com/2012/05/10/une-si-jolie-petite-plage/; abge­ru­fen 06.05.2026Imo­gen Sara Smith, In Lonely Places: Film Noir Bey­ond the City (Jef­fer­son, NC: McFar­land, 2011), S. 214–216 Fran­çois Truf­f­aut, »A Cer­tain Ten­den­cy of the French Cine­ma«, https://adferoafferro.wordpress.com/2009/03/10/film-essay-truffault-a-certain-tendency-of-the-french-cinema/, PDF-Datei, S. 14–15 Dud­ley Andrew, »On Cer­tain Ten­den­ci­es of the French Cine­ma«, in: A New Histo­ry of French Lite­ra­tu­re, hg. Denis Hol­lier (Cam­bridge, Mass.: Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 1994), S. 997Micha­el Löwy, »Leo Trotz­ki und die revo­lu­tio­nä­re Kunst«, 7. Novem­ber 2020, https://intersoz.org/leo-trotzki-und-die-revolutionaere-kunst/, abge­ru­fen: 08.05.2026Robert G. Porf­irio, »No Way Out: Exis­ten­ti­al Motifs in the Film Noir«, Sight and Sound, 45, Nr. 4 (Herbst 1976), S. 215Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as, Geschich­te des Films, Bd. 2: 1940–1960, S. 294Geor­ges Sadoul, Gérard Phili­pe (Berlin/DDR: Hen­schel­ver­lag, 1962), S. 9–10 https://www.filmdienst.de/film/details/34400/ein-hubscher-kleiner-strand […]
  • Benjamin Myers: Jesus Christ KinskiBen­ja­min Myers: Jesus Christ Kin­ski1. April 2026DIE DEMONTAGE EINES DEKLAMATORS BENJAMIN MYERSROMAN ÜBER DAS SCHEITERN KLAUS KINSKIS von Jörg Auberg Im popu­lä­ren Gedächt­nis ist Klaus Kin­ski vor allem als ego­ma­ni­sches »Enfant ter­ri­ble« prä­sent, das in min­des­tens sech­zehn Edgar-Wal­lace-Fil­­men – umge­ben von abge­half­ter­ten Diven der »Got­t­­be­­gna­­de­­ten-Lis­­te« des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Reichs­­pro­­pa­­gan­­da-Minis­­te­ri­ums wie Lil Dago­ver, Eli­sa­beth Fli­cken­schildt oder Agnes Wind­eck – zwi­schen 1960 und 1969 den Psy­cho­pa­then vom Dienst gab. Zwar war Kin­skis schau­spie­le­ri­sches Reper­toire durch­aus viel­fäl­ti­ger (wie er mit der Dar­stel­lung des in die geis­ti­ge Umnach­tung abtau­chen­den Prinz Otto in Hel­mut Käut­ners Film Lud­wig II. aus dem Jah­re 1955 unter Beweis gestellt hat­te), doch in deut­schen wie inter­na­tio­na­len Film­pro­duk­tio­nen wur­de er ste­reo­typ als uni­ver­sa­ler blon­der Gewalt­ver­bre­cher im kul­tur­in­dus­tri­el­len Mias­ma der Kri­­mi­nal- und Agen­ten­fil­me und Italowes­tern der Zeit besetzt. Klaus Kin­ski: Kin­ski spricht Vil­lon (Uni­ver­sal Music, 2003)Dane­ben reüs­sier­te Kin­ski als Rezi­ta­tor seit den spä­ten 1950er-Jah­­ren. In Ber­lin sprach er Tex­te von Arthur Rim­baud, Fran­çois Vil­lon, Oscar Wil­de, Wla­di­mir Maja­kow­ski und Kurt Tuchol­sky. Ber­lin lie­ge ihm zu Füßen, schreibt der Kin­­ski-Bio­­­graf Peter Gey­er. »Er wird gefei­ert wie ein Rock­star. Und so benimmt er sich auch (…).«33 Legen­där ist sein wol­lüs­ti­ges Stöh­nen von Vil­lons »Ich bin so wild nach dei­nem Erd­beer­mund«, das Wolf­gang Neuss in sei­ner »Vil­­lon-Show« (»Neuss Tes­ta­ment«, 1965) par­odier­te und den »ver­ba­len Exi­bi­tio­nis­ten Kin­ski« in den Kata­kom­ben des Ber­li­ner Domi­zils ver­höhn­te (»Vil­lon beim Zahn­arzt, wenn der Boh­rer abge­bro­chen ist«). Dekla­ma­tor Kin­ski (Spie­gel, 1961)Gro­ße Are­nen wie der Ber­li­ner Sport­pa­last waren jedoch die fal­schen Büh­nen für das Sprech­thea­ter Kin­skis, der sich von den Ver­an­stal­tern wie vom Publi­kum belei­digt fühl­te. Bereits in einem Spie­­gel-Arti­kel aus dem Jah­re 1961 ist die Rede von »Kin­s­ki­schen Ver­­­bal-Orgi­­en«, in deren Ver­lauf der »Dekla­ma­tor« das Publi­kum als »Idio­ten­pack« beschimpft habe. »Dem Exzen­tri­ker Kin­ski gel­ten Sprech­tu­gen­den über­haupt nichts«, resü­miert der anony­me Spie­­gel-Autor. »Kin­skis Waf­fe ist der Exzeß: Eine fast krank­haf­te Ego­zen­trik, raf­fi­nier­te Sprech­tech­nik – die Syn­the­se ech­ter und gespiel­ter Beses­sen­heit –, hys­te­ri­sche Exal­ta­ti­on und ein extro­ver­tier­ter Sexua­lis­mus sind die Instru­men­te sei­nes Erfolgs.«34 In der Fol­ge­zeit bestritt er sei­nen auf­wen­di­gen Lebens­stil in Rom, wo er vor allem mit Enga­ge­ments in Italowes­tern und zweit­klas­si­gen Gangs­ter­fil­men sein Salär sicher­te, wäh­rend er Rol­len in ambi­tio­nier­te­ren Film­pro­jek­ten wegen der schlech­ten Bezah­lung aus­schlug. Selbst die gro­ßen Namen von Pier Pao­lo Paso­li­ni oder Luch­i­no Vis­con­ti (Kin­ski behaup­te­te spä­ter, er habe nicht gewusst, wer Vis­con­ti sei) konn­ten ihn nicht umstim­men. Statt­des­sen stürz­te er sich, wie sein Bio­graf Chris­ti­an David schrieb, »im Rom der aus­klin­gen­den Sech­zi­ger in ein Leben aus Luxus und Ver­schwen­dung«. Obwohl Kin­ski in jenen Jah­ren mit schlech­ten Rol­len »gutes Geld« ver­dien­te, zer­rann es ihm zwi­schen den Fin­gern. »Bis 1970 zähl­te er zu den best­be­zahl­ten Schau­spie­lern im euro­päi­schen Film, die eine Tages­ga­ge von 10 000 Mark und mehr ver­lan­gen konn­ten«, schrieb David. »Doch nichts davon blieb, Kin­ski gab alles sofort aus: für hohe Mie­ten, immer neue Autos, kost­spie­li­ge Klei­dung sowie auf­wen­di­ge Bewir­tung von Gäs­ten und zum Teil para­si­tä­ren Freun­den.«35 Klaus Kin­ski: Jesus Chris­tus Erlö­ser (Suhr­kamp, 2006)Das Kapi­tel Rom ende­te für Kin­ski desas­trös, und er floh – mit den Wor­ten sei­nes Bio­gra­fen David, aus »die­sem fil­mi­schen Babel, des­sen Untie­fen er zu lan­ge igno­riert hat­te«. Mit sei­ner Fas­sung des Neu­en Tes­ta­ments unter dem Titel »Jesus Chris­tus Erlö­ser« woll­te der »Dekla­ma­tor« in Deutsch­land die gro­ßen Hal­len zurück­er­obern. »Kin­ski lag die­ses Pro­jekt am Her­zen«, kon­sta­tiert David, »er war ein durch­aus gläu­bi­ger Mensch, auch wenn er mit der Amts­kir­che längst abge­schlos­sen hat­te. An Jesus inter­es­sier­te ihn das Wider­stän­di­ge, das Rebel­len­tum, das Auf­rich­ti­ge, das Mora­li­sche.«36 Umrahmt von der Deutschrock­band »Trä­nen­gas« woll­te Kin­ski Jesus Chris­tus als anar­chis­ti­schen Rebell zeich­nen, der auf der Flucht vor sei­nen Häschern ist, wobei er kon­kre­te poli­ti­sche Kon­no­ta­tio­nen vermied.»Der Gesuch­te gehört nicht der Gesell­schaft an«, heißt es in Kin­skis Text. »Kei­ner Par­tei! Auch nicht der Par­tei der Chris­ten. Kei­ner Kir­che. Auf Par­tei­ta­gen und Ver­samm­lun­gen fin­det man ihn nicht. Paro­len und Pro­gram­me lehnt er ab. Er ist weder Pro­tes­tant noch Katho­lik noch Neger noch Jude noch Kom­mu­nist. Er trägt nie Uni­form. Der Gesuch­te ver­brei­tet uto­pi­sche Ideen und muß als gefähr­li­cher Anfüh­rer bezeich­net wer­den.«37 In der Wahr­neh­mung der deut­schen Öffent­lich­keit fehl­te Kin­ski jedoch die Glaub­wür­dig­keit und erschien als Tritt­brett­fah­rer der Jesus-Bewe­­gung der Zeit, die sich in kul­tur­in­dus­tri­el­len Spek­ta­keln wie Jesus Christ Super­star oder Kom­mu­nen der »Jesus Peo­p­le« äußer­te. Kin­ski, der ver­meint­li­che Mil­lio­när und selbst ernann­te Evan­ge­list, war die fal­sche Per­son, um Jugend­li­chen in ihrer reli­gi­ös dra­pier­ten Selbst­fin­dung vom rich­ti­gen Leben zu pre­di­gen.38 zudem war der Ort Ber­lin auch der fal­sche Ort, um mit auto­ri­tä­rer Atti­tü­de Heils­bot­schaf­ten zu ver­kün­den. Der »aus Rom ein­ge­tru­del­te Film­star, den man mit Luxus­li­mou­si­nen, Par­tys und ›Opas Kino‹ in Ver­bin­dung brach­te«, resü­miert David, »besaß an die­sem Ort damals nicht die gerings­te Chan­ce, für glaub­wür­dig gehal­ten zu wer­den.« Der Dar­stel­ler von Mör­dern und Kopf­geld­jä­gern wie in Ser­gio Cor­buc­cis Kult-Wes­­tern Lei­chen pflas­tern sei­nen Weg (1968) oder Siro Mar­cel­li­nis Quin­te­ro (Der Kil­ler, 1971) war eine Fehl­be­set­zung »als Leit­fi­gur fried­li­cher Blumen‑, Jesus- und Kom­mu­nen-Kin­der«39, die sich an ande­ren Ido­len ori­en­tier­ten, auch wenn sich Kin­ski in der Pose und Auf­ma­chung eines Rock­stars dem Publi­kum prä­sen­tier­te. »Kin­skis Auf­tre­ten, sein her­ri­sches Geha­be, das so gar nicht zum Bild des Erlö­sers pas­sen woll­te: dies alles schrie gera­de­zu nach einer Publi­kums­re­ak­ti­on«, beschreibt David den Auf­tritt Kin­skis in Ber­lin. »Bald hagel­te es Zwi­schen­ru­fe, in denen Kin­ski als ›Kavi­ar­fres­ser‹ bezeich­net wur­de, was der Ange­spro­che­ne mit dem übli­chen gel­len­den ›Halt’ die Schnau­ze!‹ zu parie­ren ver­such­te – um dadurch nur für noch mehr Unru­he im Audi­to­ri­um zu sor­gen. Er, der immer so stolz dar­auf gewe­sen war, die Reak­tio­nen des Publi­kums exakt kon­trol­lie­ren zu kön­nen, geriet ins Strau­cheln und merk­te nicht, dass das The­ma des Abends immer stär­ker von sei­ner Form dis­kre­di­tiert wur­de.«40 Statt für Empö­rung oder Skan­dal zu sor­gen, schlug ihm höh­ni­sche Ver­ach­tung ent­ge­gen, sodass die Ver­an­stal­tung im Deba­kel ende­te. »Auf den Abstieg in Rom folg­te das Schei­tern in Ber­lin«, resü­mier­te David. Mit sei­nem Pro­jekt »Jesus Chris­tus Erlö­ser« woll­te sich Kin­ski selbst erlö­sen, ver­lor sich jedoch in einem zer­stö­re­ri­schen Desas­ter, in dem die Pres­se ihren »zuver­läs­sigs­ten Kra­­wall-Lie­­fe­ran­­ten« (wie ihn Gey­er titu­lier­te) zur Witz­fi­gur degra­dier­te und sei­nen fak­ti­schen Büh­nen­tod insze­nier­te.41 In sei­nem Roman Jesus Christ Kin­ski (im Unter­ti­tel A Novel about a Film about a Per­for­mance about Jesus) reflek­tiert der eng­li­sche Autor Ben­ja­min Myers auf drei Erzähl­ebe­nen auf die geschei­ter­te Insze­nie­rung Kin­skis am 22. Novem­ber 1971 in der Ber­li­ner Deutsch­land­hal­le. Zum einen greift er auf Peter Gey­ers Kom­pi­la­ti­ons­film Jesus Chris­tus Erlö­ser (2007) zurück42, der (neben Kin­skis Auto­bio­gra­fie43 als Grund­la­ge für die Selbst­ge­sprä­che Kin­skis hin­ter der Büh­ne und wäh­rend des Auf­tritts dient. Unter­bro­chen wer­den die Ber­li­ner Ereig­nis­se von Refle­xio­nen des »Autors« über Kin­ski, sei­nen Auf­tritt und Deutsch­land, die in einer pseu­do­his­to­ri­schen Melan­ge aus split­ter­haf­ten Asso­zia­tio­nen zu Adolf Hit­ler, Leni Rie­fen­stahl, der pro­spe­rie­ren­den Nach­kriegs­ge­sell­schaft West­deutsch­lands und der Rebel­li­on in den spä­ten 1960er-Jah­­ren spek­ta­kel­haft und grell prä­sen­tiert wer­den, wobei Myers’ Ver­gan­gen­heit aus dem Har­d­­co­re-Punk der 1980er-Jah­­re in ihrer schril­len Schlicht­heit durch­scheint. Ben­ja­min Mey­ers: Jesus Christ Kin­ski (Bloomsbu­ry, 2025)In ima­gi­nier­ten Selbst­ge­sprä­chen asso­zi­iert Myers den »toten deut­schen Schau­spie­ler Klaus Kin­ski« mit dem über­all wabern­den »Unter­grund« des tota­li­tä­ren Deutsch­lands, der 1971 in die­ser Phan­tas­ma­go­rie in Gestalt der »Stadt­­­gue­ril­­la-Grup­­pe« Baa­­der-Mein­hof an die Ober­flä­che zu kom­men scheint. Die auto­ri­tä­re Figur im Kos­tüm eines Rock­stars wird als »Per­for­mer« sti­li­siert, der »bes­ser als Adolf Hit­ler« agiert hät­te. Was hät­te Rie­fen­stahl aus Kin­ski vor der Kame­ra gemacht? fragt der Autor, um sich selbst die Ant­wort zu geben. »Was für einen Mist könn­ten die größ­te Regis­seu­rin ihrer Zeit und der bes­te Schau­spie­ler sei­ner Gene­ra­ti­on gemein­sam zusam­men­brau­en?«44 Myers fehlt ein ästhe­ti­sches Kon­zept, um die Vor­gän­ge um Kin­ski, Ber­lin und dem auf­ge­heiz­ten Publi­kum erzäh­le­risch und reflek­tie­rend bewäl­ti­gen zu kön­nen. An jenem Abend waren »Per­for­mer« und »Publi­kum« von den »deut­schen Ver­hält­nis­sen«45 (die Ulri­ke Mein­hof in den 1960er-Jah­­ren in ihren jour­na­lis­ti­schen Kolum­nen kri­ti­siert hat­te) glei­cher­ma­ßen über­for­dert. »Klaus Kin­ski – Wrath of God« (New Sta­tes­man, 2025)Nicht anders ver­hält es sich bei dem »Autor«, der schril­les Har­d­­co­re-Punk-Geschrei für poli­ti­sche Arti­ku­la­ti­on hält: »Ein Faschist ist jemand, der einen Anti­fa­schis­ten als ›Faschis­ten‹ anschreit.«46 Am Ende fehlt die Erkennt­nis, war­um man mit einem »ego­is­ti­schen pfau­en­haf­ten Des­po­ten« die Zeit zubrin­gen soll­te. Das Pro­blem Myers’ ist, dass er über die Ober­fläch­lich­keit des Abbild­ba­ren (Film und Auto­bio­gra­fie) mit sei­nem Text nie hin­aus gelangt und ledig­lich die Reak­tio­nen der Zeit wie ein his­to­ri­sches Auf­zeich­nungs­ge­rät regis­triert, als sei der kri­ti­sche Geist seit­dem im Still­stand. In einem Bei­trag für die eng­li­sche Film­zeit­schrift Sight & Sound beschrieb Myers sein »Ziel« Kin­ski als »einen Lüg­ner, einen Tyrann und eine zutiefst beschä­dig­te, doch domi­nan­te kul­tu­rel­le Kraft im Kino des 20. Jahr­hun­derts« dazu­stel­len, als einen »Mann aus einer Welt, die nun ver­lo­ren ist.«47 Immer wie­der taucht Kin­ski als ein­zel­gän­ge­ri­scher Wie­der­gän­ger des deut­schen Faschis­mus auf, wobei die­se Sin­gu­la­ri­tät dem Mas­sen­phä­no­men des Faschis­mus nicht gerecht wird. Wie der Jour­na­list Andre­as Speit bemerkt: »Wer Faschis­mus nur als Pro­blem ein­zel­ner ›böser Men­schen‹ behan­delt, ver­fehlt den Kern.«48 An die­sem Man­ko schei­tert Myers’ Roman in Gän­ze. Biblio­gra­fi­sche Angaben:Ben­ja­min Myers.Jesus Christ Kin­ski.Lon­don: Bloomsbu­ry, 2025.208 Sei­ten, 18,99 £.ISBN: 978–1‑526–66342‑9. Medi­en­quel­len Cover Kin­ski spricht Vil­lon© Deut­sche Grammophon/Universal Music Cover Dekla­ma­tor Kin­ski© Der Spie­gel Cover Jesus Chris­tus Erlö­ser© Suhr­kamp Ver­lag Cover Jesus Christ Kin­ski© Bloomsbu­ry Screen­shot Klaus Kin­ski – Wrath of God© New Sta­tes­man Inter­­view-Aus­­­schnitt mit Klaus Kin­ski 1971© ZDF (Bear­bei­tung: Jörg Auberg) Film-Aus­­­schnitt Jesus Chris­tus Erlö­ser© Peter Geyer/Salzgeber Medi­en (Bear­bei­tung: Jörg Auberg) Film-Aus­­­schnitt Je spä­ter der Abend 1977© WDR (Bear­bei­tung: Jörg Auberg) Anmer­kun­gen­Pe­ter Gey­er, Klaus Kin­ski, Suhr­kamp Basis­Bio­gra­phie (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2006), S. 34»Aben­de eines Fauns«, Der Spie­gel, Nr. 9, 21. Febru­ar 1961, https://www.spiegel.de/politik/abende-eines-fauns-a-f468d653-0002–0001–0000–000043160095?context=issueChris­ti­an David, Kin­ski: Die Bio­gra­phie (Ber­lin: Auf­bau Digi­tal, 2018), S. 164–166, 185–186David, Kin­ski: Die Bio­gra­phie, S. 209–210Klaus Kin­ski, Jesus Chris­tus Erlö­ser und Fie­ber – Tage­buch eines Aus­sät­zi­gen, hg. Peter Gey­er (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2006), S. 11Gey­er, Klaus Kin­ski, S. 52David, Kin­ski: Die Bio­gra­phie, S. 213David, Kin­ski: Die Bio­gra­phie, S. 214–215David, Kin­ski: Die Bio­gra­phie, S. 216–217; Gey­er, Klaus Kin­ski, S. 53https://www.filmportal.de/film/jesus-christus-erloeser_46b8d4ca91f84958981285fc50320acc, urauf­ge­führt in der Pan­ora­­ma-Sek­­ti­on der Ber­li­na­le, 11. Febru­ar 2008 Klaus Kin­ski, Kin­ski Uncut: The Auto­bio­gra­phy of Klaus Kin­ski (Lon­don: Bloomsbu­ry, 1997)Ben­ja­min Myers, Jesus Christ Kin­ski (Lon­don: Bloomsbu­ry, 2025), S. 83, 55Cf. Peter Brück­ner, Ulri­ke Marie Mein­hof und die deut­schen Ver­hält­nis­se (Ber­lin: Wagen­bach, 1976Myers, Jesus Christ Kin­ski, S. 75Ben­ja­min Myers, »Some Kind of Art Mons­ter: Klaus Kin­ski Revi­si­ted«, Sight & Sound, 35, Nr. 8 (Okto­ber 2025), S. 46Andre­as Speit, »Auto­ri­tä­re Rebel­li­on«, Inter­view mit Vol­ker Hae­fe­le, Gras­wur­zel­re­vo­lu­ti­on, Nr. 505 (Janu­ar 2026), S. 10 […]

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Andrej Platonow — Der Staatsbewohner

Andrej Platonow: Der Staatsbewohner (Suhrkamp, 2025)

Die Verdunklung der Sonne Andrej Platonow und die Verlorenen Utopien von Jörg Auberg  Drei Jah­re vor sei­nem Tod begrüß­te Alex­an­der Blok (1880–1921), einer der her­aus­ra­gen­den Dich­ter der rus­si­schen Moder­ne, die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 enthu­si­as­tisch. Nach sei­nen Wor­ten war deren Ziel, »alles neu zu machen«, »alles anders zu machen«, »unser fal­sches, dre­cki­ges...

Yves Allégret: Une si jolie petite plage

»Ein atmosphärisch sehr dichter, von Resignation und Trostlosigkeit geprägter Film in der Tradition des ›poetischen Realismus‹. Er beschränkt sich freilich mehr auf das Zelebrieren von Stimmungen und blendet dabei eine Beschreibung der sozialen Hintergründe rigoros aus.«

Benjamin Myers: Jesus Christ Kinski

Benjamin Meyers: Jesus Christ Kinski (Bloomsbury, 2025)

DIE DEMONTAGE EINES DEKLAMATORS BENJAMIN MYERS’ ROMAN ÜBER DAS SCHEITERN KLAUS KINSKIS von Jörg Auberg Im popu­lä­ren Gedächt­nis ist Klaus Kin­ski vor allem als ego­ma­ni­sches »Enfant ter­ri­ble« prä­sent, das in min­des­tens sech­zehn Edgar-Wal­lace-Fil­men – umge­ben von abge­half­ter­ten Diven der »Gott­be­gna­de­ten-Lis­te« des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Reichs­pro­pa­gan­da...

Thomas-Mann-Jahr 2025 — Eine Retrospektive

Aufenthalt in Nidden - am Schreibtisch (Juli 1930)

»Das hält aus bis zum letzten Seufzer« Ein Rückblick auf das Thomas-Mann-Jahr 2025 von Jörg Auberg In memo­ri­amHan­jo Kes­t­ing(1943–2025) Tho­mas Mann: Mario und der Zau­be­rer (Kunst­haus Lübeck, 2004) Als »Ame­ri­ka« sich für Tho­mas Mann von der »Lösung« zum »Pro­blem« wan­del­te, dis­ku­tier­ten er und sei­ne Toch­ter Eri­ka mit dem lin­ken Fil­me­ma­cher Abra­ham Polon­sky über ein...

Frankfurter Buchmesse 2025

Es geht (vielleicht doch) um das Buch Nachträgliche Miszellen zur Frankfurter Buchmesse 2025 In alten Über­lie­fe­run­gen erschei­nen die frü­he­ren Zei­ten der Frank­fur­ter Buch­mes­se oft gla­mou­rös, dra­ma­tisch und aben­teu­er­lich, als wäre die Jagd nach Lizen­zen und Buch­ver­trä­gen aus über­dreh­ten Screw­ball-Komö­di­en abge­kup­fert. In sei­nen Remi­nis­zen­zen an den...

Das Elend der Fernsehkritik

Das Elend der Fernsehkritik Über das Stampfen der Fernsehmaschine von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel über die destruk­tiv-vam­pi­ri­schen Mög­lich­kei­ten des Fern­se­hens aus dem Jah­re 1970 kon­sta­tier­ten die Film­kri­ti­ke­rin­nen Frie­da Gra­fe und Enno Pata­l­as: »Wir haben bekannt­lich das bes­te Fern­se­hen der Welt – und des­halb auch das schlech­tes­te Kino.«1 Ziel...

Zur Aktualität der Kritischen Theorie

Flaschenposten im Schlamm Zur Aktualität der Kritischen Theorie von Jörg Auberg Bevor sich in den spä­ten 1950er-Jah­ren die syn­ony­men Begrif­fe der »Frank­fur­ter Schu­le« und »Kri­ti­schen Theo­rie« im öffent­li­chen Bewusst­sein durch­setz­ten, war oft die Rede von der »Hork­hei­mer-Grup­pe«. In einer Rezen­si­on der ein­fluss­rei­chen Antho­lo­gie Mass Cul­tu­re aus dem Jah­re 1957 schrieb...

Der Fall Silone

Silone Poster

Der Fall Silone Ignazio Silones Rolle im Kampf gegen den Faschismus   von Jörg Auberg Heiliger, Revolutionär, Verräter In der pul­sie­ren­den Zeit des Kal­ten Krie­ges galt Igna­zio Silo­ne (1900–1978) bei anti­sta­li­nis­ti­schen Lin­ken in der west­li­chen Hemi­sphä­re als »säku­la­rer Hei­li­ger«, als der »gelieb­tes­te Volks­held der ita­lie­ni­schen Lin­ken«, des­sen Ruhm und...

Georg Seeßlen — Trump und Co.

Georg Seeßlen: Trump und Co (Bertz + Fischer, 2025)

Der »Horror-Clown« des Faschismus Georg Seeßlen analysiert die Bandenherrschaft Donald Trumps von Jörg Auberg »Ame­ri­ka inter­es­sier­te mich, es ist das inter­es­san­tes­te Land«, sag­te der fran­zö­si­sche Film­re­gis­seur Lou­is Mal­le in einem Inter­view mit der Film­jour­na­lis­tin Chris­ta Maer­ker. »So ging es jeden­falls mir immer. Es gibt vie­le mons­trö­se Sachen hier...

Ronnie A. Grinberg: Write Like a Man

Ronnie A. Grinberg: Write Like a Man (Princeton University Press, 2024)

Männerwelt des Geistes Ronnie Grinberg untersucht die Maskulinität der Intellektuellen von Jörg Auberg Im zwei­ten Teil von Her­mann Brochs Roman­tri­lo­gie Die Schlaf­wand­ler träu­men die deut­schen Arbei­ter und Ange­stell­ten von »Ame­ri­ka« als einem uto­pi­schen Ort, wo man »hoch­kom­men« kön­ne, ohne sich »wie hier umsonst zu schin­den«, und zitier­ten Goe­the: »Ame­ri­ka, du hast es...

Die »Filmkritik«: Eine Zeitschrift und die Medien

Die Maschinerie der Verblendung Aufstieg und Niedergang der Zeitschrift »Filmkritik« von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel zur gesell­schaft­li­chen Rol­le des Film­kri­ti­kers kon­sta­tier­te Sieg­fried Kra­cau­er weni­ge Mona­te vor der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten, der »Film­kri­ti­ker von Rang« sei »nur als Gesell­schafts­kri­ti­ker denk­bar«. Die Mis­si­on...

Thomas Sparr: Zauberberge

Thomas Sparr: Zauberberge (Berenberg, 2024)

Der demokratische Tod Thomas Manns »Jahrhundertroman« Der Zauberberg von Jörg Auberg »Der Faschis­mus ist grei­sen­haft und böse, in jeg­li­cher Gestalt.« Hans May­er1 Rückblicke auf den Zauberberg IIm Herbst 1924 erschie­nen die bei­den Bän­de des Romans Der Zau­ber­berg, die – mit den Wor­ten Tho­mas Manns in einer Ein­füh­rung des Wer­kes für Stu­den­ten an der Prince­ton Uni­ver­si­ty im...

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro (Edition Converso, 2023)

Die Geschichte Aldo Moros in seiner letzten Lebensphase reflektiert Leonardo Sciascia durch literarische Prismen (wie Pier Paolo Pasolini, Luigi Pirandello, Jorge Luis Borges und Edgar Allan Poe) und gewinnt auf diese Weise Einsichten, die ihn in seiner Unerbittlichkeit und Unbeirrbarkeit gegen die herrschende Meinung nahezu aller politischen Richtungen bestärken.

Paul Auster: Bloodbath Nation

Paul Auster, Bloodbath Nation (Rowohlt, 2024)

Paul Austers Vermächtnis Ein nahezu klassischer Essay über Waffengewalt von Jörg Auberg Im Juli 1945, als der Zwei­te Welt­krieg noch im vol­len Gan­ge war, kon­sta­tier­te der ita­lie­ni­sche Emi­grant Nic­coló Tuc­ci in der New Yor­ker pazi­fis­ti­schen Zeit­schrift Poli­tics: »Das Pro­blem ist nicht, wie man den Feind los­wird, son­dern eher, wie man den letz­ten Sie­ger los­wird. Denn was ist...

Aus den Archiven: Paul Auster — Travels in the Scriptorium

Der Mensch und die Texte Über Paul Auster und die Exerzitien der Literaturkritik von Jörg Auberg Wie der Intel­lek­tu­el­le es macht, macht er es falsch«, heißt es in Ador­nos Mini­ma Mora­lia. Der Schrift­stel­ler (im Sartre’schen Sin­ne sei­nem Wesen nach ein Intel­lek­tu­el­ler, dem es um die Mit­tei­lung des Nicht-Mit­teil­ba­ren »unter Aus­nut­zung des Anteils an Des­in­for­ma­ti­on...

Digitalisierung von Gegenmacht

Digitalisierung von Gegenmacht

Digitalisierung und Macht Intelligenz und Organisation in Zeiten des digitalen Kapitalismus   von Jona Lar­kin White Künst­li­che Intel­li­gen­zen, die Streiks vor­her­sa­gen (sol­len); digi­ta­le Über­wa­chung und Platt­form­ar­beit: Wie kann heut­zu­ta­ge gegen die­se Macht­in­stru­men­te vor­ge­gan­gen wer­den und wel­ches kön­nen die neu­en(?) Stra­te­gien zu einer...

Guy de Maupassant: Claire de Lune

Guy de Maupassant: Clair de Lune (Steidl, 2023)

Der Verlorene Guy de Mau­pas­sant und die Tor­tur der Seele von Jörg Auberg In Ray­mond Jeans Roman La Lec­tri­ce (1986, dt. Die Vor­le­se­rin) ver­sucht die arbeits­lo­se Ex-Stu­den­tin Marie-Con­s­tance1, mit der Grün­dung einer Ich-AG als Vor­le­se­rin in einer fran­zö­si­schen Klein­stadt sich zu eta­blie­ren. Ihr ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor Roland emp­fiehlt ihr für ihr »Metier« die...

Christian Brückner: Hinab in den Maelström

Christian Brückner mit dem Martin Auer Quintett: Hinab in den Maelström (Argon Verlag, 2023)

Im Maul des Abgrunds Marginalien zum Erzählkonzert »Hinab in den Maelström« von Jörg Auberg Der Begriff des Fort­schritts ist in der Idee der Kata­stro­phe zu fun­die­ren. Daß es ›so wei­ter‹ geht, ist die Kata­stro­phe. Sie ist nicht das jeweils Bevor­ste­hen­de son­dern das jeweils Gegebene. Wal­ter Ben­ja­min1   In sei­nem Stan­dard­werk zur Erfah­rung der Moder­ni­tät im 19. und 20...

Richard Brautigan: Forellenfischen in Amerika

Richard Brautigan - Forellenfischen in Amerika

Trouvailles (I) Vom Spiel mit dem Buch als Buch Nachbetrachtungen zu Richard Brautigans Roman »Forellenfischen in Amerika« von Jörg Auberg Kürz­lich erstand ich in dem exqui­sit bestück­ten Ver­sand­an­ti­qua­ri­at Abend­stun­de, das von Wolf­gang Schä­fer in Lud­wigs­ha­fen betrie­ben wird, ein Exem­plar von Richard Brau­tig­ans Roman Forel­len­fi­schen in Ame­ri­ka, der 1971 in der...

Ernst Schoen: Tagebuch einer Deutschlandreise 1947

Ernst Schoen: Tagebuch einer Deutschlandreise

Unversöhnliche Erinnerungen Ernst Schoens Tagebuch einer Deutschlandreise 1947 von Jörg Auberg In einer mit dem Titel »Staats-Räson« über­schrie­be­nen Notiz kurz nach sei­ner Rück­kehr nach West­deutsch­land in den spä­ten 1940er Jah­ren umriss Max Hork­hei­mer das »ver­stärk­te Lei­den« jener Men­schen, »die schon zivi­li­siert waren und nun aufs neue durch die Müh­le müs­sen«1 Die­se...

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