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Kri­ti­ken
  • Funken der HoffnungFun­ken der Hoff­nung29. Juli 2026Fun­ken der Hoff­nung Lite­ra­tur und Poli­tik im Zeit­al­ter des Faschis­mus von Jörg Auberg Syl­via Beach, Shake­speare and Com­pa­ny (Faber & Faber, 1960)Im Dezem­ber 1941 such­te ein deut­scher Besat­zungs­of­fi­zier Syl­via Beachs Buch­hand­lung Shake­speare and Com­pa­ny in der Rue de l’Odéon in Paris auf und woll­te ein Exem­plar von James Joy­ces Fin­ne­gans Wake kau­fen. Beach (1887–1962) ver­wei­ger­te ihm, ihr letz­tes Exem­plar zu ver­kau­fen. Zwei Wochen spä­ter tauch­te der Offi­zier wie­der auf und droh­te alle »Waren« der Buch­hand­lung zu kon­fis­zie­ren. Dar­auf­hin beschloss Beach, ihr Geschäft zu schlie­ßen. In ihren Memoi­ren beschrieb sie das plötz­li­che Ver­schwin­den ihres Buch­la­dens, in der die »hau­te volée« der zeit­ge­nös­si­schen Avant­gar­de wie James Joy­ce, Ernest Heming­way, F. Scott Fitz­ge­rald oder Ger­tru­de Stein ver­kehrt hat­te, wie den Abbau einer Thea­ter­ku­lis­se. Mit Erlaub­nis ihrer Ver­mie­te­rin konn­te sie ihr Inven­tar und ihre Möbel in einer leer ste­hen­den Woh­nung im drit­ten Stock unter­stel­len. Nach­dem ein Maler das Schau­fens­ter über­stri­chen hat­te, exis­tier­te kei­ne Spur mehr von Shake­speare and Com­pa­ny im besetz­ten Paris.1  Die femi­ni­ne Sei­te des Pari­ser Buch­han­dels Die Geschich­te von Shake­speare and Com­pa­ny sowie ihrer »Part­ner­buch­hand­lung« La Mai­son des Amis des Liv­res von Syl­via Beachs lang­jäh­ri­ger Lebens­ge­fähr­tin Adri­en­ne Mon­nier (1892–1955) beschreibt der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Uwe Neu­mahr in sei­nem Buch Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, des­sen Titel und Unter­ti­tel etwas irre­füh­rend sind: Tat­säch­lich ist es eine detail­lier­te Dop­pel­bio­gra­fie der bei­den Buch­hand­lun­gen, die nicht allein die Zeit der deut­schen Okku­pa­ti­on im Fokus, son­dern auch die Vor- und Nach­kriegs­zei­ten. Dar­über hin­aus waren die bei­den Buch­hand­lun­gen nicht allein intel­lek­tu­el­le »Umschlag­plät­ze« für euro­päi­sche und ame­ri­ka­ni­sche Exi­lan­ten, son­dern auch für fran­zö­si­sche Autoren wie Paul Valé­ry, André Gide, Jean-Paul Sart­re, Lou­is Ara­gon oder Jean Pré­vost, der als Wider­stands­kämp­fer in einem Hin­ter­halt von deut­schen Besat­zungs­sol­da­ten getö­tet wur­de. Uwe Neu­mahr: Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten (C. H. Beck, 2026)»In jenen Tagen gab es kein Geld, um Bücher zu kau­fen«, schrieb Heming­way in den Memoi­ren über sei­ne Pari­ser Zeit in den 1920er-Jah­­ren. »Bücher lieh man sich aus der Leih­bü­che­rei von Shake­speare and Com­pa­ny, das die Büche­rei und der Buch­la­den von Syl­via Beach in der Rue de l’Odéon Nr. 12 war.«2 Beach stun­de­te ihm nicht allein die Gebüh­ren für die Aus­lei­he, son­dern »ver­wöhn­te Heming­way«, weiß Neu­mahr zu berich­ten, »lieh ihm Geld und pries sei­ne Arbeit bei Ver­le­gern an«.3 Ohne­hin betrach­te­ten sowohl Syl­via Beach als auch Adri­en­ne Mon­nier das Geschäft der Buch­händ­le­rin weni­ger als Pro­fes­si­on zur Kapi­tal­ver­meh­rung denn als intel­­lek­­tu­ell-küns­t­­le­ri­­schen Beruf mit dem Anspruch, ihrem Quar­tier eine »lite­ra­ri­sche Fär­bung« zu geben, wie Éric Hazan in sei­nem Buch Die Erfin­dung von Paris schrieb.4 Ehe ein Buch im Regal oder in der Schau­fens­ter­aus­la­ge plat­ziert wur­de, muss­te es Mon­niers »Qua­li­täts­prü­fung« pas­sie­ren: »Was in ihren Augen min­der­wer­tig war oder alt, mied sie.«5 Begüns­tigt wur­de der weib­li­che Ein­stieg in den Pari­ser Buch­han­del durch den Ers­ten Welt­krieg: »Da Krieg herrsch­te, gab es in dem vor­neh­men Uni­ver­si­täts­vier­tel, dem mein Seh­nen galt«, schrieb Adri­en­ne Mon­nier, »Läden zu erschwing­ling­li­chen Prei­sen. Die Kon­kur­renz konn­te micht nicht schre­cken, waren doch die meis­ten Buch­händ­ler zu den Waf­fen geru­fen.« Zudem war die Lage der Buch­hand­lung am lin­ken Sei­­ne-Ufer ein guter Ort für ein flo­rie­ren­des Geschäft. »Das Haus der Bücher­freun­de soll­te«, schreibt Neu­mahr in einer gestelz­ten Dik­ti­on, »ein kul­tu­rel­les Zen­trum wer­den, in dem die papie­re­nen Pro­duk­te schrift­stel­le­ri­schen Bemü­hens eben­so zusam­men­ka­men wie ihre Urhe­ber und Leser.«6 Das Genie und der Geschäfts­mann Im Fal­le von James Joy­ce war Shake­speare and Com­pa­ny weit­aus mehr als eine Buch­hand­lung: Sie wur­de für ihn zur Bank, bei der er sich über Syl­via Beach Geld lei­hen konn­te und sich die Sub­skrip­ti­ons­zah­lun­gen abhol­te, nach­dem Joy­ces Roman Ulys­ses nach Zen­sur­schwie­rig­kei­ten wegen Vor­wür­fen der Obs­zö­ni­tät und Por­no­gra­fie in einer Pri­va­tedi­ti­on bei Shake­speare and Com­pa­ny her­aus­ge­kom­men war und teil­wei­se über Sub­skrip­ti­on ver­kauft wur­de. »Vor dem Erfolg des Ulys­ses war James Joy­ce stets knapp bei Kas­se gewe­sen und hat­te von sei­nen gerin­gen Ein­künf­ten als Sprach­leh­rer gelebt«, kom­men­tiert Neu­mahr. »Nun führ­te er ein Leben auf gro­ßem Fuß«. 7 Anstatt sei­ner Gön­ne­rin dank­bar zu sein, habe Joy­ce (»ein Mann, den man nach heu­ti­gen Maß­stä­ben als Alko­ho­li­ker bezeich­nen wür­de«8) »Syl­via« (der Autor pflegt sei­ne Prot­ago­nis­tin­nen pri­mär mit dem Vor­na­men anzu­spre­chen, als wären sie sei­ne Freun­din­nen im Geis­te) dazu drän­gen wol­len, eine Koope­ra­ti­on mit Jack Kaha­ne , der in sei­nem Ver­lag Obe­lisk Press »auch anzü­g­­lich-por­­no­­gra­­fi­­sche Lite­ra­tur ver­öf­fent­lich­te«, wie Neu­mahr vol­ler Abscheu zu berich­ten weiß, wobei er unter­schlägt, dass dort auch Hen­ry Mil­ler, Anaïs Nin, Law­rence Dur­rell und James Han­ley publi­zier­ten. Beach unter­stell­te Kaha­ne – wahr­schein­lich nicht zu Unrecht – ein eher kom­mer­zi­el­les denn lite­ra­ri­sches Inter­es­se an Joy­ce: Der bri­ti­sche Por­no­graf feti­schi­sier­te alles, was neu war – also auch den anrü­chi­gen »Moder­nis­mus«. 9 Pri­vat beklag­te sie sich über »den gro­ßen lie­bens­wer­ten, aber gna­den­lo­sen Mann«, des­sen »ein­sei­ti­ge Geschäfts­me­tho­den« die am wenigs­ten bewun­derns­wer­te Sei­te sei­nes Cha­rak­ters gewe­sen sei­en, wäh­rend sie öffent­lich sich jeg­li­cher Kri­tik an Joy­ce ent­hielt.10  In der Schil­de­rung der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Autor und der Buch­händ­le­rin offen­bart sich die Schwä­che des Buches: Neu­mahr wahrt nicht die kri­ti­sche Distanz zu sei­nen Prot­ago­nis­tin­nen (vor allem Adri­en­ne Mon­nier möch­te er ein Denk­mal set­zen – »nicht zuletzt wegen ihres bemer­kens­wer­ten huma­ni­tä­ren Ein­sat­zes wäh­rend der deut­schen Beset­zung«11) und depo­li­ti­siert die Geschich­te durch die belie­bi­ge Anein­an­der­rei­hung von Anek­do­ten, wäh­rend die his­to­ri­schen, öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se hin­ter den Fas­sa­den der Buch­lä­den ver­schwin­den. In Neu­mahrs his­to­ri­scher Kulis­se ver­schwin­det Joy­ce als klein­li­cher Geschäf­te­ma­cher, wäh­rend (wie Ter­ry Eagle­ton jüngst her­vor­hob) sei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le als einer der größ­ten Autoren der Moder­ne, des­sen »Glau­be an Tole­ranz, Gleich­heit, Demo­kra­tie, Fort­schritt und Kost­bar­keit des All­täg­li­chen« ihn von ande­ren Reprä­sen­tan­ten der lite­ra­ri­schen Avant­gar­de in den ers­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts abhob, kei­ner Rede wert ist.12  Frank Cal­la­nan: James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life (Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2026)»Die Poli­tik des Moder­nis­mus ist ambi­va­lent«, merkt Eagle­ton an. »Ein Aspekt ist eli­tär, ras­sis­tisch, archa­isch, gewalt­tä­tig und hier­ar­chisch, wäh­rend ein eher unter­ge­ord­ne­ter Strang pro­gres­siv, demo­kra­tisch und ega­li­tär ist.« 13 Wäh­rend Ezra Pound und T. S. Eli­ot die Wege zu Faschis­mus, Kon­ser­va­tis­mus und Anti­se­mi­tis­mus ver­folg­ten, blieb Joy­ce als iri­scher Außen­sei­ter dem poli­ti­schen Non­kon­for­mis­mus ver­haf­tet und mach­te den Juden Leo­pold Bloom zu einer Haupt­fi­gur von Ulys­ses, der gegen den Ras­sis­mus iri­scher Bür­ger oppo­niert. In sei­nem unvoll­ende­ten Werk James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life kar­to­gra­fiert der His­to­ri­ker Frank Cal­la­nan (1956–2021) im Detail (und manch­mal sehr aus­ufernd) die Ver­bin­dung Joy­ces zum iri­schen Natio­na­lis­mus, reprä­sen­tiert durch Charles Ste­wart Par­nell, den Vor­sit­zen­den der »Irish Par­lia­men­ta­ry Par­ty«, der wegen einer außer­ehe­li­chen Bezie­hung von sei­nem Amt zurück­tre­ten muss­te. Trotz sei­ner Sym­pa­thie für die iri­schen Natio­na­lis­ten lehn­te Joy­ce deren Kle­ri­ka­lis­mus und Chau­vi­nis­mus ab.  Nach­dem er 1905 in sein selbst gewähl­tes Exil in Tri­est gegan­gen war, setz­te sich Joy­ce mit dem revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus und Anar­chis­mus medi­ter­ra­ner Prä­gung aus­ein­an­der, der in der dama­li­gen his­to­ri­schen Situa­ti­on eine pro­gres­si­ve Alter­na­ti­ve zum Staats- und Par­tei­so­zia­lis­mus in Mit­­tel- oder Ost­eu­ro­pa dar­stell­te. Obwohl Joy­ce klas­si­sche anar­chis­ti­sche Autoren wie Michail Baku­nin, Pjotr Kro­pot­kin, Erri­co Mala­tes­ta und Johann Most gele­sen hat­te, inter­es­sier­ten ihn am ehes­ten Indi­vi­du­al­an­ar­chis­ten wie Ben­ja­min Tucker und Max Stir­ner. Einen direk­ten Nie­der­schlag die­ser Lek­tü­ren in sei­ner lite­ra­ri­schen Arbeit ist nach Cal­la­nan nicht nach­zu­wei­sen. »Joy­ce cha­rak­te­ri­sier­te sich nie­mals selbst Anar­chist«, kon­sta­tiert Cal­la­nan, aber ein akti­ves, auch wenn flüch­ti­ges, Inter­es­se am Anar­chis­mus über­dau­er­te sein Inter­es­se am zeit­ge­nös­si­schen Sozia­lis­mus.«14  Nach 1907 voll­zog sich bei Joy­ce ein »De-Enga­­ge­­ment« hin­sicht­lich sei­ner sozia­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Über­zeu­gun­gen, aber den­noch war Ulys­ses, schreibt Cal­la­nan, »eine stra­te­gisch durch­dach­te Ankla­ge des Anti­se­mi­tis­mus«, als die­ser in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg in Euro­pa ent­flamm­te. In die­sem Sin­ne maxi­mier­te Joy­ce das, kon­sta­tiert Cal­la­nan, »was durch einen Roman poli­tisch erreicht wer­den konn­te«.15 Durch sei­ne Auf­ent­hal­te in Tri­est und Zürich hat­te Joy­ce ein Bewusst­sein für vor­ur­teils­be­la­de­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Juden und Nicht-Juden (die auch Anti­se­mi­ten sein konn­ten) ent­wi­ckelt. Mit dem Prot­ago­nis­ten Bloom ent­wi­ckel­te er (bei­spiels­wei­se in der Kon­fron­ta­ti­on mit dem iri­schen »Bür­ger«) eine imma­nen­te poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Pro­blem des Anti­se­mi­tis­mus, ohne es pla­ka­tiv zu behan­deln. Bloom als assi­mi­lier­ter Jude muss sich trotz sei­ner Ent­frem­dung von der Ver­gan­gen­heit sei­nes Vaters als Jude in Ungarn immer wie­der mit dem Juden­tum aus­ein­an­der­set­zen und sich gegen Anfein­dun­gen im iri­schen All­tag zur Wehr set­zen. 16  Der Per­len­tau­cher in den Ber­gen In Neu­mahrs biblio­phi­ler Kali­ko­welt ist wenig Platz für den his­to­ri­schen Kon­text von Faschis­mus und Anti­se­mi­tis­mus, dafür umso mehr für Anek­do­ten im Edel­kitsch-Design. »7, Rue de l’Odéon – die hel­le Bücher­welt war mei­ne Zuflucht wäh­rend der lan­gen Emi­gra­ti­ons­jah­re in Paris (das sel­ber mir eine Hei­mat war)«, schrieb Sieg­fried Kra­cau­er spä­ter in einer Erin­ne­rung. »Mit­ten in der Hel­le wal­te­te Adri­en­ne Mon­nier, meist in Grau geklei­det und kaum dunk­ler als ihr Reich. Ich kam zu allen Tages­stun­den; am liebs­ten nach­mit­tags, bevor esdrau­ßen zu däm­mern begann. Sie sprach mit mir oder auch nicht.« 17 Bei Neu­mahr liest sich Kra­cau­ers Begeg­nung fol­gen­der­ma­ßen: »Eines Tages betrat Kra­cau­er eher zufäl­lig La Mai­son des Amis des Liv­res – und es wur­de Lie­be auf den ers­ten Blick«18, wobei sich die Fra­ge stellt, war­um sich auf einem Waren­um­schlag­platz, den auch eine Buch­hand­lung dar­stellt, Lie­be auf den ers­ten Blick ein­stel­len soll­te – es sei denn, Fetisch und Biblio­ma­nie wären die vor­nehm­li­chen Trieb­fe­dern des Auf­su­chens eines sol­chen Eta­blis­se­ments.  Ohne­hin beschränkt sich Neu­mahrs zwei­ter Teil der Geschich­te deutsch-jüdi­­scher Exi­lan­ten in Paris auf eine Wie­der­auf­be­rei­tung bekann­ter »Nar­ra­ti­ve«, die Autoren wie Mar­tin Jay, Howard Eiland & Micha­el W. Jen­nings, Miri­am Han­sen, Phil­ipp Len­hard und Jörg Spä­ter über Prot­ago­nis­ten wie Wal­ter Ben­ja­min und Sieg­fried Kra­cau­er (auch in der kon­flikt­rei­chen Bezie­hung zum exi­lier­ten Frank­fur­ter Insti­tut für Sozi­al­for­schung in den Jah­ren 1938–1940) detail­liert beschrie­ben. Wäh­rend Kra­cau­er nach der Inter­nie­rung als »feind­li­cher Aus­län­der« in Mar­seil­le auf sei­ne Aus­rei­se in die USA war­te­te und die »tote Zeit« mit Noti­zen für sei­ne spä­te­re Theo­rie des Films (1960) ver­brach­te, ent­schied sich Ben­ja­min für den beschwer­li­chen Weg über die Pyre­nä­en.19 Peter E. Gor­don: Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver (Yale Uni­ver­si­ty Press, 2026)In sei­ner kon­zi­sen Bio­gra­fie Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver (im Rah­men der Buch­rei­he Jewish Lives) beschreibt der Gesell­schafts­theo­re­ti­ker und Phi­lo­soph Peter E. Gor­don Ben­ja­mins Leben vom Ende her. Der Marsch über die Pyre­nä­en soll­te ihn nach Spa­ni­en brin­gen, um von dort die Flucht aus einem vom Faschis­mus umschlos­se­nen Euro­pa in die USA zu bewerk­stel­li­gen. Dem Flücht­ling in Frank­reich waren nicht allein frü­he­re Ein­nah­me­quel­len zer­ron­nen (Zei­tun­gen wie Die Lite­ra­ri­sche Welt oder die Frank­fur­ter Zei­tung zahl­ten nichts mehr), son­dern auch sein frü­he­res Pres­ti­ge als Lite­ra­tur­kri­ti­ker und Essay­ist war zer­sto­ben. In Frank­reich waren »Aus­län­der« schlecht gelit­ten: »Les émi­g­rés sont pires que les boches« (»Die Immi­gran­ten sind schlim­mer als die Deut­schen«), war eine gän­gi­ge Rede­wen­dung, und über­all waren Jüd*innen uner­wünscht. 20 Zudem gab es zwi­schen Ador­no, Kra­cau­er und Ben­ja­min Dif­fe­ren­zen und Span­nun­gen hin­sicht­lich der Mit­ar­beit an der Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung, wobei sich für Ben­ja­min die Ableh­nung sei­nes rich­tungs­wei­sen­den Auf­sat­zes »Das Paris des Second Empire bei Bau­de­lai­re« wie ein Schlag ins Kon­tor anfühl­te. Obwohl er nicht ein­mal ein Mann von fünf­zig Jah­ren war, bezeich­ne­te ihn sei­ne Weg­ge­fähr­tin Lisa Fitt­ko als »alten Ben­ja­min«, der sich selbst in den Pyre­nä­en – trotz schwin­den­der Kräf­te – an sei­ne schwar­ze Akten­ta­sche klam­mer­te. Dar­in bewahr­te er – nach sei­nen Wor­ten – ein Manu­skript auf, das wich­ti­ger als er sei. 21  Am 26. Sep­tem­ber 1940 setz­te Ben­ja­min in Port-Bou an der spa­­nisch-fran­­zö­­si­­schen Gren­ze sei­nem Leben mit einer Mor­­phi­um-Dosis ein Ende, »um sich vor den deut­schen Fol­ter­knech­ten ein für alle­mal in Sicher­heit zu brin­gen«22 (wie Rolf Tie­de­mann ein­mal schrieb). Nur an die­sem Tag war die Gren­ze gesperrt; einen Tag frü­her wären die Flücht­lin­ge durch­ge­kom­men. »Nur an die­sem Tag war die Kata­stro­phe mög­lich«, schrieb Han­nah Are­ndt.23 In Gordons Ima­gi­na­ti­on hät­te Ben­ja­min in den Kata­kom­ben einer Biblio­thek wei­ter­le­ben kön­nen, als Per­len­tau­cher auf der Suche nach halb­ver­ges­se­nen Schät­zen.24 Die lan­ge Hoff­nung Paul Ingen­da­ay: Ent­schei­dung in Spa­ni­en: Der gro­ße Kampf der Lite­ra­tur 1936–1939 (C. H. Beck, 2026)In den Jah­ren zwi­schen 1936 und 1939 war Spa­ni­en der Ort einer hoff­nungs­vol­len Uto­pie, die sich jedoch zer­schlug. »Auf den Schlacht- und Mord­fel­dern des spa­ni­schen Bür­ger­krie­ges wur­de zum letz­ten Male um Frei­heit, Soli­da­ri­tät, Mensch­lich­keit in revo­lu­tio­nä­rem Sin­ne gekämpft …«, schrieb Her­bert Mar­cu­se rück­bli­ckend. »Hier war das Ende einer geschicht­li­chen Peri­ode, und der Schre­cken der kom­men­den kün­dig­te sich an in der Gleich­zei­tig­keit des Bür­ger­kriegs in Spa­ni­en und der Pro­zes­se in Mos­kau.«25 In sei­ner anek­do­ti­schen Kom­pi­la­ti­on Ent­schei­dung in Spa­ni­en redu­ziert der lang­jäh­ri­ge Spa­­ni­en-Kor­­re­s­pon­­dent der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung Paul Ingen­da­ay den Bür­ger­krieg auf den »gro­ßen Kampf der Lite­ra­tur« und kapri­ziert sich auf die »Big Names« der »Geschich­te« wie Ernest Heming­way, Geor­ge Orwell, Mar­tha Gell­horn, Robert Capa oder Pablo Picas­so. »Eine inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät wie damals hat­te es in der Geschich­te noch nie gege­ben – nach­zu­le­sen nicht nur bei Orwell und Heming­way, son­dern auch bei Egon Erwin Kisch, Simo­ne Weil, bei Hein­rich und Tho­mas Mann«, heißt es in Ingen­da­ays »Vor­spann«. »Ihre poli­ti­schen Spu­ren sind bis heu­te sicht­bar.«26  Im pene­tran­ten Prä­sens des jour­na­lis­ti­schen Schrei­bers, der mit sei­ner Schreib­wei­se in der »Lüge der Dar­stel­lung«27 (Ador­no) Authen­ti­zi­tät und Erklä­rungs­au­tori­tät vor­gau­kelt, repe­tiert Ingen­da­ay Tage­buch­ein­trä­ge, Noti­zen, Auf­sät­ze oder Erin­ne­run­gen von Zele­bri­tä­ten des Kul­tur­be­triebs wie Tho­mas Mann, Luis Buñuel, Heming­way, Gell­horn, Capa und Picas­so, des­sen Werk Guer­ni­ca im Ingen­­da­ay-Argot sich auf »die Bebil­de­rung des ver­hee­ren­den Bom­ben­an­griffs der Legi­on Con­dor auf ein bas­ki­sches Städt­chen« redu­ziert, wäh­rend Capa das »berühm­tes­te Kriegs­fo­to des 20. Jahr­hun­derts« gemacht habe (als hät­te es die Kriegs­fo­to­gra­fie im Viet­nam­krieg nicht gege­ben).28  So treibt das feuil­le­to­nis­ti­sche Schwemm­holz durch den trä­gen »Fluß der abge­stan­de­nen Spra­che« 29 (Ador­no): Ingen­da­ay schwa­dro­niert über den »sagen­um­wo­be­nen« Anar­chis­ten Buen­a­ven­tura Dur­ru­ti, die »Bril­len­trä­ge­rin an der Front« Simo­ne Weil oder das »Auf­se­hen erre­gen­de blon­de Haar« und die »schlan­ken Bei­ne« von Mar­tha Gell­horn. In ste­ti­gen Akten über­grif­fi­ger Aneig­nung geriert sich der Schrei­ber als unsicht­ba­rer Beglei­ter von Klaus und Eri­ka Mann auf ihrer Rei­se im Auf­trag der Pari­ser Tages­zei­tung im Juni 1938 nach Spa­ni­en (»Auf dem Weg nach Bar­ce­lo­na wech­seln sich Bil­der der Zer­stö­rung und ver­blüf­fen­der Nor­ma­li­tät ab.«) oder spa­ziert durch Heming­ways Kopf (»Aber dann setzt er sich in Bewe­gung, und sei­ne Vor­freu­de ist groß.«) 30 Anek­do­ten im Strom des Immer­glei­chen Der Schrift­stel­ler Alvah Bes­sie als Mit­glied der Abra­ham Lin­coln Bri­ga­de in Spa­ni­en, April 1938 (abge­bil­det auf dem Buch­co­ver: Alan M. Wald, Tri­ni­ty of Pas­si­on, 2007)In sei­ner Kom­pi­la­ti­on ver­mag Ingen­da­ay kei­ne neu­en Erkennt­nis­se bezüg­lich des Ver­hält­nis­ses von Lite­ra­tur und Poli­tik zu ergrün­den. Bereits in den 1960er-Jah­­ren hat­ten Autoren wie Allen Gutt­man (The Wound in the Heart, 1962), Fre­de­rick R. Ben­son (Wri­ters in Arms, 1967) und Stan­ley Weint­raub (The Last Gre­at Cau­se, 1968) die Rol­le von Schriftsteller*innen und Intel­lek­tu­el­le im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg detail­lier­ter und reflek­tier­ter ana­ly­siert als in einem vor­geb­lich gro­ßen Kampf »der Lite­ra­tur«.31 Indem sich Ingen­da­ay allein auf die »Big Names« kapri­ziert, bleibt auch nur die Vor­füh­rung des Doku­men­tar­films Spa­nish Earth (1937) von Jor­is Ivens (unter Mit­ar­beit von Ernest Heming­way) im Wei­ßen Haus, und Igen­da­ay zitiert einen bri­ti­schen Schrift­stel­ler namens Antho­ny Powell, der sei­ner Über­zeu­gung Aus­druck ver­lieh, dass die­ser Film »kei­ne Kino­ge­schich­te schrei­ben« wer­de.32 All die ande­ren Doku­men­tar­fil­me über den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg aus den Jah­ren 1936 bis 1939 sind Ingen­da­ay kei­ner Rede wert, denn Leo T. Hur­witz oder Ben Mad­dow sind kei­ne »Big Names« im Lin­go des FAZ-Neo-Jour­na­lis­mus.33  Dar­über hin­aus nimmt es Ingen­da­ay mit den his­to­ri­schen Fak­ten (wie an Fall von John Dos Pas­sos deut­lich wird). »Als der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler John Dos Pas­sos um den 8. April 1937 Valen­cia erreicht, seit fünf Mona­ten der Sitz der repu­bli­ka­ni­schen Regie­rung, stol­pert er gera­de­zu in den Skan­dal, der sei­ne Ein­stel­lung zum Kom­mu­nis­mus für immer ver­än­dern: Sein spa­ni­scher Freund José Robles Pazos ist ver­schwun­den.« 34 Poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen wer­den auf pri­va­te Ereig­nis­se redu­ziert, wäh­rend his­to­ri­sche Pro­zes­se und auch die Vor­ge­schich­te aus­ge­blen­det wer­den: Dos Pas­sos’ »Ein­stel­lung zum Kom­mu­nis­mus« war seit den 1920-er Jah­ren illu­si­ons­los und kri­tisch, auch wenn er zeit­wei­lig sich aus der Distanz im Orbit der US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und ihren kul­tu­rel­len Orga­nen wie New Mas­ses und Par­ti­san Review beweg­te. Bereits vor sei­ner Rück­kehr nach Spa­ni­en 1937 (er hat­te bereits als jun­ger Mann 1916–1917 eini­ge Zeit in Spa­ni­en ver­bracht) hat­te er sich von der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei ent­fernt (nach­dem er 1932 noch zu jenen Intel­lek­tu­el­len gehört hat­te, die zur Wahl des kom­mu­nis­ti­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Wil­liam Z. Fos­ter auf­ge­ru­fen hat­ten).35  Schat­ten des Betrie­bes Ingen­da­ay geriert sich als gro­ßer Erklä­rer der Geschich­te und bie­tet leicht kon­su­mier­ba­re, den Publi­kums­ge­schmack bedie­nen­de Geschich­ten in Anek­do­ten­form feil – ob das Beschrie­be­ne von his­to­ri­scher Zuver­läs­sig­keit abge­deckt ist, spielt eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le: Jedem Wort ist der Waren­cha­rak­ter des Schrei­­ber-Urteils imple­men­tiert, und der Wert der Schrei­ber­spra­che misst sich an der Zahl der lob­hu­deln­den Pres­se­stim­men, die der Ver­lag wie Jagd­tro­phä­en aus einer schlech­ten Hemin­g­­way-Ver­­­fil­­mung auf sei­ner Home­page prä­sen­tiert.36 Dos Pas­sos’ »Ableh­nung des Kapi­ta­lis­mus, die sei­ner gro­ßen Roman­tri­lo­gie U.S.A. abzu­le­sen ist, äußert sich zwangs­läu­fig«, schreibt Ingen­da­ay, »im Pro­test gegen die Hin­rich­tung der bei­den Anar­chis­ten Fer­di­nan­do Sac­co und Bar­to­lo­meo Van­zet­ti und führt eini­ge Jah­re dar­auf zu tie­fer Sym­pa­thie für den ibe­ri­schen Anar­chis­mus, der beson­ders in der kata­la­ni­schen Arbei­ter­be­we­gung Wur­zeln geschla­gen hat.«37  Sac­co wur­de zwar als Fer­di­nan­do getauft, doch seit 1917 nann­te er sich Nico­la, mit dem er (auch inter­na­tio­nal) bekannt wur­de.38 Den angeb­lich zwangs­läu­fi­gen Zusam­men­hang zwi­schen der »Ableh­nung des Kapi­ta­lis­mus« und dem Pro­test gegen die Exe­ku­ti­on von Sac­co & Van­zet­ti ver­mei­det Ingen­da­ay zu bele­gen – er behaup­tet ihn ledig­lich. Rea­li­ter war Dos Pas­sos’ Enga­ge­ment für Sac­co & Van­zet­ti aus ihrem Außen­sei­ter­sta­tus als Immi­gran­ten in der US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Gesell­schaft begrün­det: In sei­nem Pam­phlet Facing the Chair aus dem Jah­re 1927 beschrieb er ihre Bio­gra­fien iro­nisch als »Geschich­te der Ame­ri­ka­ni­sie­rung von zwei im Aus­land gebo­re­nen Arbei­tern« und ver­such­te den Anar­chis­mus als eine Poli­tik der Hoff­nung als Gegen­pol zur domi­nan­ten Herr­schaft von Reak­ti­on und Angst dar­zu­stel­len.39 Das Inter­es­se für Spa­ni­en und den Anar­chis­mus bei Dos Pas­sos rühr­te aus sei­ner schon frü­hen indi­vi­dua­lis­ti­schen Revol­te, und in meh­re­ren Auf­ent­hal­ten in Spa­ni­en seit 1916 beschäf­tig­te er sich mit der »klas­si­schen Hei­mat der Anar­chis­ten«. Dem Pro­test gegen die Ver­fol­gung von Sac­co & Van­zet­ti schloss er sich dage­gen erst zehn Jah­re spä­ter an. 40 Die lan­ge Hoff­nung, Begleit­buch zum gleich­na­mi­gen Doku­men­tar­film der Medi­en­werk­statt Frei­burg (Trotz­dem Ver­lag, 1985)Bemer­kens­wert ist, dass Ingen­da­ay zwar einen Abschnitt »Fäl­schung oder Wirk­lich­keit?« in sei­ne Kom­pi­la­ti­on auf­nimmt, aber selbst zu kei­ner kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on fähig ist. Sei­ne Schreib­wei­se ist im bes­ten Fall plump und geschwät­zig; sie ist vom Duk­tus des Gleich­gül­ti­gen geprägt, denn es gibt nir­gend­wo in die­sem Text das Bemü­hen, die poli­ti­schen Spu­ren des Ver­gan­ge­nen mit neu­en »Fun­ken der Hoff­nung« zu ent­fa­chen. Auch »die Toten wer­den vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein«, schrieb Wal­ter Ben­ja­min kurz vor sei­nem Tod. »Und die­ser Feind hat zu sie­gen nicht auf­ge­hört.«41   © Jörg Auberg 2026  Biblio­gra­fi­sche Angaben:Uwe Neu­mahr.Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten.Paris 1940 — Zuflucht und Wider­stand.Mün­chen: C. H. Beck, 2026.320 Sei­ten, 25 Abbil­dun­gen, 26 Euro.ISBN: 978–3‑406–84494‑2.Paul Ingen­da­ay.Ent­schei­dung in Spa­ni­en.Der gro­ße Kampf der Lite­ra­tur, 1936–1939.Mün­chen: C. H. Beck, 2026.352 Sei­ten, 23 Abbil­dun­gen, 28 Euro.ISBN: 978–3‑406–84363‑1.Frank Cal­la­nan.James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life.Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2026.944 Sei­ten, 18 Abbil­dun­gen, 45 US-Dol­lar.ISBN: 978–0‑691–22797‑9.Peter E. Gor­don.Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver.New Haven, NJ: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2026.224 Sei­ten, 8 Abbil­dun­gen, 28 US-Dol­lar.ISBN: 978–0‑300–21686‑8. Medi­en­quel­len Bei­trags­bild© Jörg Auberg/Moleskin Blues Cover Shake­speare and Com­pa­ny© Faber & Faber (Archiv des Autors) Cover Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten© C. H. Beck Cover James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life© Prince­ton Uni­ver­si­ty Press Cover Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver© Yale Uni­ver­si­ty Press Cover Ent­schei­dung in Spa­ni­en© C. H. Beck Cover Tri­ni­ty of Pas­si­on© Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press Cover Die lan­ge Hoff­nung© Trotz­dem Ver­lag AnmerkungenQuel­len: https://www.shakespeareandcompany.com/history; https://cupblog.org/2019/11/19/the-last-days-of-shakespeare-and-company/; Uwe Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten: Paris 1940 — Zuflucht und Wider­stand (Mün­chen: C. H. Beck, 2026), S. 116–117 Ernest Heming­way, A Moveable Feast: The Res­to­red Text, hg. Seán Heming­way (New York: Scrib­ner, 2009), S. 31  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 56  Éric Hazan, Die Erfin­dung von Paris, übers. Micha­el Mül­ler und Karin Utten­dör­fer (Ber­lin: Matthes & Seitz, 2020), S. 134  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 20  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 34–35 Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 89  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 89  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 91; Neil Pear­son, Obe­lisk: A Histo­ry of Jack Kaha­ne and the Obe­lisk Press (Liver­pool: Liver­pool Uni­ver­si­ty Press, 2007), S. 414  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 104  Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 289Ter­ry Eagle­ton, »Star­ve­ling Rabblem­ent«, Lon­don Review of Books, 48, Nr. 13 (23. Juli 2026): 46Ter­ry Eagle­ton, »Star­ve­ling Rabblem­ent«, S. 46 Frank Cal­la­nan, James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life (Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2026), S. S. 478, 512; Zitat: S. 539Cal­la­nan, James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life, S. 788Cal­la­nan, James Joy­ce: A Poli­ti­cal Life, S. 808–809Sieg­fried Kra­cau­er, »Zur Erin­ne­rung an Adri­en­ne Mon­nier«, in: Kra­cau­er, Wer­ke, Bd. 5:4: Essays, Feuil­le­tons, Rezen­sio­nen, 1932–1965, hg. Inka Mül­­der-Bach (Ber­lin: Suhr­kamp, 2011), S. 628 Neu­mahr, Die Buch­hand­lung der Exi­lan­ten, S. 165 Jörg Spä­ter, Sieg­fried Kra­cau­er: Eine Bio­gra­phie (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 394–408; Miri­am Bra­tu Han­sen, Cine­ma and Expe­ri­ence: Sieg­fried Kra­cau­er, Wal­ter Ben­ja­min, and Theo­dor W. Ador­no (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2012), S. 253–266 Peter E. Gor­don, Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver (New Haven, NJ: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2026), S. 117, 138  Gor­don, Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver, S. 156  Rolf Tie­de­mann, Ador­no und Ben­ja­min noch ein­mal: Erin­ne­run­gen, Begleit­wor­te, Pole­mi­ken (Mün­chen: edi­ti­on text + kri­tik, 2011), S. 310 Han­nah Are­ndt, Men­schen in fins­te­ren Zei­ten, hg, Ursu­la Ludz (Mün­chen: Piper, 2012), S. 221  Gor­don, Wal­ter Ben­ja­min: The Pearl Diver, S. 161  Her­bert Mar­cu­se, Vor­wort zu: Mar­cu­se, Kul­tur und Gesell­schaft I (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1965), S. 11  Paul Ingen­da­ay, Ent­schei­dung in Spa­ni­en: Der gro­ße Kampf der Lite­ra­tur, 1936–1939 (Mün­chen: C. H. Beck, 2026), S. 8 Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 45 Ingen­da­ay, Ent­schei­dung in Spa­ni­en, S. 11, 77 Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 106 Ingen­da­ay, Ent­schei­dung in Spa­ni­en, S. 45, 63, 136, 10, 167; zu Klaus Manns Spa­­ni­en-Repor­­ta­­gen cf. Klaus Mann, Das Wun­der von Madrid: Auf­sät­ze, Reden, Kri­ti­ken 1936–1938, hg. Uwe Nau­mann und Micha­el Töte­berg (Rein­bek: Rowohlt, 1993), S. 396–424; und Fre­de­ric Spotts, Cur­sed Lega­cy: The Tra­gic Life of Klaus Mann (New Haven, NJ: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2016), S. 131–133Allen Gutt­man, The Wound in the Heart: Ame­ri­ca in the Spa­nish Civil War (New York: The Free Press, 1962); Fre­de­rick R. Ben­son, Wri­ters in Arms: The Lite­ra­ry Impact of the Spa­nish Civil War (New York: New York Uni­ver­si­ty Press, 1967); Stan­ley Weint­raub, The Last Gre­at Cau­se: The Intellec­tu­als and the Spa­nish Civil War (New York: Wey­bright & Tal­ley, 1968); sie­he auch Dani­el Aaron, »Ethics and Poli­tics«, New York Times, 18. Febru­ar 1968, und Ste­phen Spen­der, »Wri­ters and Revo­lu­tio­na­ries: The Spa­nish War«, New York Review of Books, 13, Nr. 5 (25. Sep­tem­ber 1969), https://www.nybooks.com/articles/1969/09/25/writers-and-revolutionaries-the-spanish-war/ Ingen­da­ay, Ent­schei­dung in Spa­ni­en, S. 228 Zur Geschich­te des Films im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg sie­he Peter Nau, »Spa­ni­scher Bür­ger­krieg und Film«, Film­kri­tik 18, Nr. 10 (Okto­ber 1974): 441–488; Rus­sell Camp­bell, Cine­ma Strikes Back: Radi­cal Film­ma­king in the United Sta­tes, 1930–1942 (Ann Arbor, MI: UMI Rese­arch Press, 1982), S. 165–192; Jörg Auberg, »Die Pro­jek­ti­on des Fal­schen: Medi­en, Rea­li­tät und der Spa­ni­sche Bür­ger­krieg«, Tran­via, Nr. 19 (Dezem­ber 1990): 78–83 Ingen­da­ay, Ent­schei­dung in Spa­ni­en, S. 178Zu Dos Pas­sos’ poli­ti­scher Ent­wick­lung wäh­rend des Spa­ni­schen Bür­ger­krie­ges cf. Robert C. Rosen, John Dos Pas­sos: Poli­tics and the Wri­ter (Lin­coln: Uni­ver­si­ty of Nebras­ka Press, 1981), S. 93–96; und die Arti­kel in: John Dos Pas­sos: The Major Non­fic­tion­al Pro­se, hg. Donald Pizer (Detroit: Way­ne Sta­te Uni­ver­si­ty Press, 1988), S. 183–195 https://www.chbeck.de/ingendaay-entscheidung-spanien/product/39976653 Ingen­da­ay, Ent­schei­dung in Spa­ni­en, S. 179 Paul Avrich, Sac­co and Van­zet­ti: The Anar­chist Back­ground (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 1991), S. 10 Rosen, John Dos Pas­sos: Poli­tics and the Wri­ter, S. 52–56 Jörg Auberg, »Das Ende der Stra­ße: John Dos Pas­sos und die spa­ni­sche Uto­pie«, Tran­via, Nr. 23 (Dezem­ber 1991): 5–7; Auberg, »Ana­to­mie einer Meta­mor­pho­se: John Dos Pas­sos’ Odys­see durch das 20. Jahr­hun­dert«, Mole­skin Blues, ver­öf­fent­licht 17. Okto­ber 2020, https://moleskinblues.net/2020/10/17/john-dos-passos-anatomie-einer-metamorphose/ Wal­ter Ben­ja­min, »Über den Begriff der Geschich­te«, in: Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. I:2, hg. Rolf Tie­de­mann und Her­mann Schwep­pen­häu­ser (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1991), S. 695  […]
  • Dwight Macdonald — Atrocities of the MindDwight Mac­do­nald — Atro­ci­ties of the Mind11. Juli 2026Der Fluch der Gewalt Dwight Mac­do­nalds poli­ti­sche Essays von Jörg Auberg Zeit sei­nes Lebens wur­de der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le Dwight Mac­do­nald (1906–1982) hin­sicht­lich sei­ner poli­ti­schen Ein­schät­zun­gen und intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten äußerst kon­tro­vers beur­teilt. Er sei, ließ bei­spiels­wei­se Leo Trotz­ki kurz vor sei­nem Tod einen revo­lu­tio­nä­ren Genos­sen in den USA wis­sen, »ein biss­chen dumm«: Es feh­le ihm an Ori­gi­na­li­tät und intel­lek­tu­el­lem Stand­ver­mö­gen. Auch der sich zeit­wei­lig im trotz­kis­ti­schen Fahr­was­ser bewe­gen­de Schrift­stel­ler James T. Far­rell beklag­te, dass Mac­do­nald fort­wäh­rend sei­ne Mei­nung ände­re, wäh­rend der Anar­chist Hol­ley Can­ti­ne abschät­zig mein­te, Mac­do­nald ver­fü­ge unge­fähr über so viel phi­lo­so­phi­sche Kon­sis­tenz wie ein Kanin­chen. Han­nah Are­ndt dage­gen lob­te sei­ne »intel­lek­tu­el­le Unbe­stän­dig­keit« als Tugend eines kri­ti­schen Suchen­den, wäh­rend er für Paul Good­man schlicht »unser bes­ter Jour­na­list« war, obgleich er ihm ein man­geln­des geis­ti­ges Durch­hal­te­ver­mö­gen und eine Unlust, Pro­ble­me bis ins letz­te Detail zu durch­den­ken, attes­tier­te.8 Dwight Mac­do­nald: Mass­cult and Mid­cult (New York Review Books, 2011)In ers­ter Linie ist Mac­do­nald als Kri­ti­ker der Mas­sen­kul­tur in Erin­ne­rung – eher in der Tra­di­ti­on von T. S. Eli­ot denn der »Kri­ti­schen Theo­rie«, wie sie von der »Hor­k­hei­­mer-Grup­­pe« mit ihrem mar­xis­ti­schen Werk­zeug­kas­ten prak­ti­ziert wur­de.42 Bereits vor fünf­zehn Jah­ren hat­te der His­to­ri­ker John Sum­mers in einem schma­len Band (Mass­cult and Mid­cult: Essays Against the Ame­ri­can Grain, 2011) spä­te Tex­te Mac­do­nalds zur Kri­tik der Mas­sen­kul­tur neu her­aus­ge­ge­ben (wäh­rend frü­he­re Kul­­tur- und Film­kri­ti­ken aus den 1930er- und 1940er-Jah­­ren außen vor blie­ben). In der Aus­spa­rung von Mac­do­nalds Ana­ly­sen der sta­li­nis­ti­schen Unter­drü­ckung sowje­ti­scher Film­künst­ler wie Eisen­stein und Pudow­kin (die für ihn – laut Alex­an­der Bloom – ähn­lich ver­bre­che­risch wie die poli­ti­sche Eli­mi­na­ti­on Trotz­kis im Zuge der Ver­fol­gung der »Gene­ral­li­nie« war) als auch der Ver­än­de­rung der Mas­sen­kul­tur­kri­tik über die 1940er- und 1950er-Jah­­re kapp­te Sum­mers die his­to­ri­sche Ent­wick­lung von intel­lek­tu­el­len Pro­zes­sen ab und prä­sen­tier­te schließ­lich nur die »End­fas­sung« einer kri­ti­schen, letzt­lich poli­­tisch-ideo­­lo­­gisch ver­här­te­ten Posi­ti­on, mit der Mac­do­nald ins Grab gegan­gen ist.43 Auch in der neu­en Mac­­do­nald-Antho­­lo­­gie Atro­ci­ties of the Mind, die sich auf die poli­ti­schen Auf­sät­ze haupt­säch­lich aus den 1940er-Jah­­ren fokus­siert44, in denen Mac­do­nald in Oppo­si­ti­on zur vor­herr­schen­den poli­ti­schen und intel­lek­tu­el­len Mei­nung sei­ne anarcho-pazi­­fis­­ti­­sche Zeit­schrift Poli­tics her­aus­gab, blen­det der Her­aus­ge­ber Sum­mers vie­le Aspek­te des selbst gewähl­ten The­men­kom­ple­xes Gewalt & Poli­tik aus. Zen­tral sind die Kri­tik der Kol­lek­tiv­schuld­the­se (wie sie Mac­do­nald in sei­nem Essay »The Respon­si­bi­li­ty of Peo­p­les« 1945 for­mu­lier­te) oder der Funk­tio­na­li­tät der Kriegs­ma­schi­ne­rie mit ihrer Psy­cho­lo­gie des Tötens, wobei vor allem Welt­kriegs­hel­den wie die Gene­rä­le Geor­ge S. Pat­ton oder Wil­liam F. (»Bull«) Hal­sey als men­schen­ver­ach­ten­de, ras­sis­ti­sche Anstif­ter zum mas­sen­haf­ten Töten »her­vor­ste­chen«. Vor auf­mar­schier­ten Batail­lo­nen des US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Mili­tärs ver­brei­te­ten sie »Gräu­el­ta­ten des Geis­tes« (atro­ci­ties of the mind). Für Mac­do­nald, der in den spä­ten 1930er-Jah­­ren den »New Deal« schon als Pro­gramm der Kriegs­er­tüch­ti­gung (»War Deal«) kri­ti­siert hat­te, führ­te die per­ma­nen­te Kriegs­öko­no­mie zur wirt­schaft­li­chen Rekon­va­les­zenz des US-Staats­­­ka­pi­­ta­­lis­­mus letzt­lich in eine zivi­li­sa­to­ri­sche Abwärts­spi­ra­le. Für ihn war der Zwei­te Welt­krieg kein »guter Krieg« (weder mora­lisch noch poli­tisch), und der Ein­satz der Atom­bom­ben redu­zie­re die Befehls­ha­ben­den »auf das mora­li­sche Niveau der Bes­ti­en von Maj­da­nek«.45  Simo­ne Weil: War and the Ili­ad (New York Review Books, 2005)Ein zen­tra­les The­ma der Zeit­schrift Poli­tics war die Gewalt, wie sie am ein­dring­lichs­ten Simo­ne Weil in ihrem Essay Die Ili­as oder das Poem der Gewalt (ent­stan­den 1938/39) beschrieb: »Die Gewalt, die von den Men­schen aus­ge­übt wird, die Gewalt, der die Men­schen aus­ge­setzt sind, die Gewalt, vor der die Men­schen zusam­men­zucken.« 46 Zwar weist Sum­mers in sei­ner Ein­lei­tung auf die Bedeu­tung des Faschis­mus in Euro­pa und den USA für die »Psy­cho­pa­tho­lo­gie« in den 1940er-Jah­­ren hin47, doch in der Zusam­men­stel­lung der Tex­te über Gewalt & Poli­tik fehlt die »Vor­ge­schich­te« (auch in der intel­lek­tu­el­len »Text­bio­gra­fie« Mac­do­nalds) gänz­lich: Sie setzt 1945 mit dem Ende ein – der Dis­kus­si­on der Ver­ant­wort­lich­keit der Völ­ker (den Begriff hat­te Mac­do­nald von sei­nem Freund Nico­la Chia­ro­mon­te über­nom­men, einem ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten, der im New Yor­ker Exil leb­te). Neben Ana­ly­sen des Natio­nal­so­zia­lis­mus und des »büro­kra­ti­schen Kol­lek­ti­vis­mus« (wie der Sta­li­nis­mus in trotz­kis­ti­schen Zir­keln dis­ku­tiert wur­de) beschäf­tig­te sich Mac­do­nald auch mit dem »hei­mi­schen Faschis­mus«, des­sen Vertreter*innen nicht in brau­nen Hem­den auf­tra­ten, son­dern unter dem »Ban­ner von ›Frei­heit‹ und selbst ›Demo­kra­tie‹« mar­schier­ten: Der Faschis­mus ver­barg sich hin­ter Eti­ket­ten wie »Anti­fa­schis­mus« oder »wah­rer Ame­ri­ka­nis­mus« und konn­te bei Bedarf vom Groß­ka­pi­tal akti­viert wer­den.48 In sei­nen Ana­ly­sen bezog sich Mac­do­nald vor allem auf Stu­di­en »abtrün­ni­ger« Lin­ke wie Dani­el Gué­rin und Igna­zio Silo­ne und zog sich den Zorn Trotz­kis zu, der 1940 zu Pro­to­koll gab, dass sei­ne Faschis­mus­theo­rie ledig­lich eine »arm­se­li­ge Kom­pi­la­ti­on von Pla­gia­ten« aus der trotz­kis­ti­schen Theo­rie­fa­brik sei.49  Dwight Mac­do­nald: Poli­tics Past — vor­mals Memoirs of a Revo­lu­tio­nist (Viking, 1970)Inner­halb weni­ger Jah­re durch­lief Mac­do­nald einen Pro­zess, in des­sen Ver­lauf er vom Libe­ra­lis­mus zum Mar­xis­mus, Anar­chis­mus und Pazi­fis­mus und schließ­lich zum libe­ra­len Anti­kom­mu­nis­mus des Kal­ten Krie­ges wech­sel­te. In den spä­ten 1940er-Jah­­ren fühl­te er sich aus­ge­laugt, müde und demo­ra­li­siert50, sodass er sei­ne Zeit­schrift 1949 schließ­lich ein­stell­te. In einem pro­gram­ma­ti­schen State­ment (»I Choo­se the West«) erklär­te Mac­do­nald 1952, er unter­stüt­ze »kri­tisch« den poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und mili­tä­ri­schen Kampf des Wes­tens (der USA und ihrer Ver­bün­de­ten) gegen den Osten (die Sowjet­uni­on, ihre Satel­li­ten­staa­ten und Chi­na) und ver­ab­schie­de­te sich vom Pazi­fis­mus, der in sei­nen Augen »kei­ne ver­nünf­ti­ge Chan­ce« besit­ze, »gegen einen tota­li­tä­ren Feind« effek­tiv zu sein.51 1938 hat­te Mac­do­nald noch Mut­ma­ßun­gen ange­stellt, ob und wann die US-ame­ri­­ka­­ni­­sche Groß­bour­geoi­sie den Faschis­mus auf die Tages­ord­nung set­zen wür­de, und ein Jahr­zehnt spä­ter reih­te er sich in die Scha­ren hin­ter der Groß­bour­geoi­sie ein, der er einst unter­stellt hat­te, sie wer­de faschis­ti­sche Struk­tu­ren nut­zen, um ihre Pro­fi­te und das eige­ne Über­le­ben jen­seits der alten bür­­ger­­lich-demo­­kra­­ti­­schen Regie­rungs­form zu sichern.52 Aller­dings wech­sel­te er nicht – wie zahl­rei­che Ex-Trot­z­kis­­ten oder New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le – ins Lager des Wes­tens als »Rene­gat« (wie Enzo Tra­ver­so unter­streicht), son­dern als »Ket­zer«, der trotz allem – auch den USA und vor allem ihrer Kul­tur­in­dus­trie gegen­über – kri­tisch blieb, wie an dem Essay »Ame­ri­ca! Ame­ri­ca!« aus dem Jah­re 1958 abzu­le­sen ist. 53  »Die­ser Intel­lek­tu­el­le«, kom­men­tiert Tra­ver­so, »gehört zu den ganz weni­gen Men­schen angel­­säch­­sisch-pro­­tes­­tan­­ti­­scher Her­kunft, die im Milieu der (weit­ge­hend vom jüdi­schen Ele­ment domi­nier­ten) New Yor­ker Intel­li­gen­zi­ja leb­ten und Anfang 1945 Ausch­witz als einen Zivi­li­sa­ti­ons­bruch begrif­fen.«54 Die Gewalt, die sich in den Ver­nich­tungs­la­gern und auf den Schlacht­fel­dern ereig­ne­te, war auch Resul­tat einer auf tech­no­lo­gi­scher Ratio­na­li­tät beru­hen­den Destruk­ti­on und Anni­hi­la­ti­on, wel­che die gesam­te Zivi­li­sa­ti­on (ein­schließ­lich der Auf­klä­rung und der »kri­ti­schen Theo­rie« des Mar­xis­mus) in den Unter­gang zu zie­hen droh­te. Die­se exis­ten­zi­el­le Kri­se ver­such­te Mac­do­nald (unter Ein­fluss sei­nes anar­chis­ti­schen Freun­des Chia­ro­mon­te) in dem Essay »The Root is Man« (1946) zu the­ma­ti­sie­ren, der selt­sa­mer­wei­se in die­ser Antho­lo­gie fehlt.55 Dwight Mac­do­nald: Atro­ci­ties of the Mind (Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 2026)Statt­des­sen sind in der Antho­lo­gie eher zweit­ran­gi­ge Tex­te wie eine Rezen­si­on von Erwin Lei­sers Doku­men­tar­film Mein Kampf (1960) auf­ge­nom­men, den Mac­do­nald mit Nuit et brouil­lard (1956) von Alain Res­nais und Jean Cayrol ver­gleicht, um zu dem Urteil zu kom­men, dass Res­nais’ Film bei ihm einen »stär­ke­ren Ein­druck« hin­ter­las­sen habe. Nicht allein die­se Gegen­über­stel­lung zwei­er grund­sätz­lich ver­schie­de­ner Fil­me ist frag­wür­dig, son­dern auch die unge­prüf­te Über­nah­me von Falsch­schrei­bun­gen von Namen (die NS-Regis­­seu­rin Leni Rie­fen­stahl wird zu »Leni Rei­fen­stahl«) und Fehl­in­for­ma­tio­nen über Erwin Lei­ser (er war kein »schwe­di­scher Regis­seur«, son­dern wur­de als deut­scher Jude 1923 in Ber­lin gebo­ren und muss­te 1938 nach Schwe­den flie­hen).56 In einer Rezen­si­on von Mac­do­nalds Memoirs of a Revo­lu­tio­nist im Jah­re 1958 kon­sta­tier­te der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Alfred Kazin, dass Poli­tics eine kon­kre­te Anstren­gung signa­li­sier­te und ermu­tig­te, sich sei­nen eige­nen Weg zurück zum Huma­nis­mus, Expe­ri­men­ta­lis­mus und Uni­ver­sa­lis­mus von vor- und anti­mar­xis­ti­schen Sozia­lis­men zu den­ken. 57 Für die­ses Pro­jekt bedarf es jedoch einer kri­ti­schen Aus­ga­be der Tex­te Dwight Mac­do­nalds, die über die blo­ße Wie­der­auf­la­ge bereits erschie­ne­ner Essays und Arti­kel in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten hin­aus­geht. © Jörg Auberg 2026  Biblio­gra­fi­sche Angaben:Dwight Mac­do­nald.Atro­ci­ties of the Mind.Essays on Vio­lence and Poli­tics in the Ame­ri­can Cen­tu­ry.Aus­ge­wählt und her­aus­ge­ge­ben von John Sum­mers.Vor­wort von Andrew J. Bace­vich.Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 2026.352 Sei­ten, 25 US-Dol­lar.ISBN: 9780226847993.  Medi­en­quel­len Cover Mass­cult and Mid­cult© New York Review Books Cover War and the Ili­ad© New York Review Books Cover Poli­tics Past© Viking Press Cover Atro­ci­ties of the Mind© Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press Anmer­kun­gen Leo Trotz­ki, »Répon­ses à des ques­ti­ons con­cer­nant les États-Unis« (August 1940), in: Trotz­ki, Œuvres, Bd. 24, hg. Pierre Broué (Paris: Publi­ca­ti­ons de l’Institut Léon Trots­ky, 1987), S. 291; Han­nah Are­ndt, »He’s all Dwight« (1968), in: Are­ndt, Thin­king Wit­hout a Ban­nis­ter: Essays in Under­stan­ding, 1953–1975, hg. Jero­me Kohn (New York: Scho­cken, 2018), S. 397; Hol­ley R. Can­ti­ne, »Reviews: Poli­tics«, Ret­ort 3, Nr. 4 (Früh­jahr 1947): 40; Paul Good­man, »Our Best Jour­na­list«, Dis­sent 5, Nr. 1 (Win­ter 1958): 82 Dwight Mac­do­nald, »›A Cor­rupt Bright­ness‹«, Encoun­ter 8, Nr. 6 (Juni 1957): 75 Dwight Mac­do­nald, Mass­cult and Mid­cult: Essays Against the Ame­ri­can Grain, hg. John Sum­mers (New York: New York Review Books, 2011); Alex­an­der Bloom, Pro­di­gal Sons: The New York Intellec­tu­als and Their World (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1986), S. 111; zu Mac­do­nalds Ana­ly­se des sowje­ti­schen Kinos cf. Dwight Mac­do­nald, On Movies (New York: DaCa­po, 1981), S. 181–265Die aus­ge­wähl­ten Tex­te erschie­nen in den frü­he­ren Auf­satz­samm­lun­gen Memoirs of a Revo­lu­tio­nist (1957, 1971 unter dem Titel Poli­tics Past neu her­aus­ge­ge­ben), Dis­cri­mi­na­ti­ons (1972) und On Movies (1969; rpt. 1981)Poli­tics 2, Nr. 8 (August 1945):225; Enzo Tra­ver­so, Im Bann der Gewalt: Der euro­päi­sche Bür­ger­krieg, 1914–1945, übers. Micha­el Bay­er (Mün­chen: Sied­ler, 2008), S. 158 Simo­ne Weil, »Die Ili­as oder das Poem der Gewalt«, übers. Tho­mas Laugsti­en, in: Weil, Krieg und Gewalt: Essays und Auf­zeich­nun­gen (Zürich: Dia­pha­nes, 2025), S. 161; Simo­ne Weil, War and the Ili­ad, übers. Mary McCar­thy (New York: New York Review Books, 2005), S. 3, zuerst erschie­nen in Poli­tics, Novem­ber 1945 John Sum­mers, »Intro­duc­tion: The Last of the Free Indi­vi­du­als«, in: Dwight Mac­do­nald, Atro­ci­ties of the Mind: Essays on Vio­lence and Poli­tics in the Ame­ri­can Cen­tu­ry, hg. John Sum­mers (Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 2026), S. 4–5 Dwight Mac­do­nald, »Fascism and the Ame­ri­can Sce­ne« (New York: Pio­neer Publishers, 1938), https://libcom.org/article/fascism-and-american-scene-dwight-macdonald, PDF-Datei, S. 3–29; Micha­el Joseph Rober­to, The Coming of the Ame­ri­can Behe­mo­th: The Ori­g­ins of Fascism in the United Sta­tes, 1920–1940 (New York: Month­ly Review Press, 2018), S. 13–14 Dwight Mac­do­nald, »What is the Fascist Sta­te?«, New Inter­na­tio­nal 7, Nr. 2 (Febru­ar 1941): 22–27; Mac­do­nald, »Fascism – A New Social Order«, New Inter­na­tio­nal 7, Nr. 4 (Mai 1941): 82–85; Dani­el Gué­rin, Sur le fascis­me: La peste bru­ne. Fascis­me et grand capi­tal (Paris: La Décou­ver­te, 2001); Igna­zio Silo­ne, Der Fascis­mus (Zürich: Euro­­pa-Ver­­lag, 1934; rpt. Frankfurt/Main: Ver­lag Neue Kri­tik, 1984); Trotz­ki, Brief an Albert Gold­man, 9. August 1940, in: Trotz­ki, Œuvres, Bd. 24, S. 292  Mac­do­nald, »A Report to the Rea­ders«, Poli­tics 5, Nr. 1 (Win­ter 1948): 58 Dwight Mac­do­nald, »I Choo­se the West«, in: Mac­do­nald, Atro­ci­ties of the Mind, S. 132 Mac­do­nald, »Fascism and the Ame­ri­can Sce­ne«, S. 28 Enzo Tra­ver­so, Ausch­witz den­ken: Die Intel­lek­tu­el­len und die Sho­ah, übers. Hel­mut Dah­mer (Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, 2000), S. 304; Dwight Mac­do­nald, »Ame­ri­ca! Ame­ri­ca!«, in: Mac­do­nald, Atro­ci­ties of the Mind, S. 191–205 Tra­ver­so, Ausch­witz den­ken, S. 326Dwight Mac­do­nald, »The Root is Man«, Poli­tics 3, Nr. 4 (April 1946): 97–115, und Poli­tics 3, Nr. 6 (Juli 1946): 194–214; in einer bear­bei­te­ten Form online ver­füg­bar: https://theanarchistlibrary.org/library/dwight-macdonald-the-root-is-man; zur Dis­kus­si­on des Essays sie­he Jörg Auberg, New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le: Eine poli­­tisch-kul­­tu­­rel­­le Geschich­te von Auf­stieg und Nie­der­gang, 1930–2020 (Bie­le­feld: tran­script, 2022), S. 163–171Mac­do­nald, On Movies, S. 447–449; Mac­do­nald, Atro­ci­ties of the Mind, S. 229–231; zur Bio­gra­fie Erwin Lei­sers cf. https://dffb-archiv.de/editorial/erwin-leiser Alfred Kazin, »Old Revo­lu­tio­nists«, Par­ti­san Review 25, Nr. 1 (Win­ter 1958): 135 […]
  • Andrej Platonow — Der StaatsbewohnerAndrej Pla­to­now — Der Staats­be­woh­ner30. Juni 2026Die Ver­dunk­lung der Son­ne Andrej Pla­to­now und die Ver­lo­re­nen Uto­pien von Jörg Auberg  Drei Jah­re vor sei­nem Tod begrüß­te Alex­an­der Blok (1880–1921), einer der her­aus­ra­gen­den Dich­ter der rus­si­schen Moder­ne, die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 enthu­si­as­tisch. Nach sei­nen Wor­ten war deren Ziel, »alles neu zu machen«, »alles anders zu machen«, »unser fal­sches, dre­cki­ges, lang­wei­li­ges, abscheu­li­ches Leben in ein gerech­tes, sau­be­res, fröh­li­ches und schö­nes Leben zu ver­wan­deln«58 die­ser uto­pi­sche Elan bezog sich zwar zunächst auf das eine »Sechs­tel der Erde« (die Sowjet­uni­on), doch letzt­lich soll­te die »mensch­li­che Trans­for­ma­ti­ons­ak­ti­vi­tät« (wie der Phi­lo­soph Wale­ri­an Mura­wjow pos­tu­lier­te) über die »Gren­zen des Glo­bus« hin­aus bis in den Kos­mos wir­ken.59 Im Licht­oze­an (Matthes & Seitz, 2025)In der von Susan­ne Strät­ling und Georg Wit­te her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie über die Ener­gie als »Kol­lek­tiv­sym­bol« in der sowje­ti­schen Moder­ne zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts (Im Licht­oze­an, 2025) defi­nier­te Wla­di­mir Lenin Kom­mu­nis­mus als »Sowjet­macht plus Elek­tri­fi­zie­rung des gan­zen Lan­des«, um sich von der Herr­schaft des Kapi­ta­lis­mus und sei­ner auf den fos­si­len Ener­gien Koh­le und Eisen beru­hen­den Pro­duk­ti­ons­macht »im Welt­maßstab­stab« abzu­gren­zen.60 Die­se Direk­ti­ve Lenins griff der Schrift­stel­ler und Elek­tro­in­ge­nieur (im Sin­ne Jean-Paul Sar­tres ein »Tech­ni­ker des Wis­sens«61 Andrej Pla­to­now in der frü­hen Sowjet­pha­se mit enthu­si­as­ti­schem Enga­ge­ment auf, der die Elek­tri­fi­zie­rung als »Revo­lu­ti­on in der Tech­nik« begriff. »Es gibt so viel Licht im Raum«, pos­tu­lier­te Pla­to­now, »des­halb muss der Kom­mu­nis­mus auf der gan­zen Welt aus Licht erschaf­fen wer­den.« In sei­nen Augen setz­te sich mit der Elek­tri­fi­zie­rung der Kom­mu­nis­mus »tech­nisch in der Pro­duk­ti­on« um; sie bedeu­te­te eine Befrei­ung von der Arbeit, die Über­ga­be der Pro­duk­ti­on an die Maschi­ne, den »Anfang einer neu­en völ­lig unvor­her­ge­se­he­nen Lebens­form«.62 Ähn­lich wie die Künst­ler El Lis­sitz­ky oder Kasi­mir Male­witsch sah Pla­to­now den »Sowjet­men­schen« als Künst­ler, als ein »Orga­nis­mus aus Ener­gie« in einer neu­en »öko­no­mi­schen Kul­tur der Zei­chen«. In einer »Abkehr von der Welt«, in der die Exis­tenz durch den Zwang zur Arbeit bestimmt wer­de, sah er durch die Elek­tri­fi­zie­rung und »auto­ma­ti­schen Dis­zi­pli­nie­rung« der Maschi­nen eine fröh­li­che Anar­chie begin­nen: Für den Men­schen begin­ne »ein ewi­ger Sonn­tag«. Selbst die Ener­gie der Radio­ak­ti­vi­tät wer­de durch jene des »Licht­oze­ans« in der Tota­li­tät des Uni­ver­sums um ein Viel­fa­ches über­trof­fen.63   »Der sowje­ti­sche Ener­gie­dis­kurs argu­men­tiert öko­lo­gisch«, kon­sta­tie­ren Strät­ling und Wit­te im Nach­wort zu ihrer Antho­lo­gie. »Frap­pie­rend aktu­ell ist eine die gesam­te Elek­tri­fi­zie­rungs­pro­pa­gan­da durch­zie­hen­de Skep­sis gegen­über einer Kon­zen­tra­ti­on auf fos­si­le Ener­gie­quel­len.« Aller­dings beweg­te sich die­ser Dis­kurs nicht in einem herr­schafts­frei­en Raum, son­dern war von einem »Erobe­rungs­nar­ra­tiv« geprägt, in dem es in einem Natur-Mensch-Dua­­lis­­mus um Kampf und Beherr­schung ging. Zum »Cli­ma­te Engi­nee­ring« gehör­ten die Kor­rek­tur von Fluss­läu­fen, die Anpas­sung von Erd­pro­fi­len und die Spren­gung von Erd­mas­si­ven. Für zwei Mil­li­ar­den Gold­ru­bel lie­ße sich Ost­si­bi­ri­en auf­tau­en (»Sibi­ri­en ohne Eis! Ein war­mes Land am Gesta­de des Ark­ti­schen Oze­ans«), schlug Pla­to­now vor. »Ener­gie und Enthu­si­as­mus ver­bin­den sich hier zu Umwelt-Uto­pi­en glo­ba­len, ja kos­mi­schen Maß­stabs«, resü­mie­ren Strät­ling und Wit­te.64 El Lis­sitz­ky: »Sieg über die Son­ne« 1923 at Christie’s May 1991Die uto­pi­schen Ent­wür­fe hin­sicht­lich der Nut­zung der Solar­ener­gie tru­gen jedoch auch ihre dunk­len Sei­ten in sich: Zwar wur­de die Son­ne als Geschenk dar­ge­stellt, doch war sie – wie in der futu­ris­ti­schen Oper Sieg über die Son­ne von Alex­ei Krutschonych, Weli­mir Chleb­ni­kow, Michail Mat­ju­schin und Kasi­mir Male­witsch aus dem Jah­re 1913 – auch Ziel­ob­jekt der mensch­li­chen Unter­wer­fung. »Die Son­ne als Aus­druck der alten Welt­ener­gie«, schrieb El Lis­sitz­ky 1920, »wird vom Him­mel geris­sen durch den moder­nen Men­schen, der kraft sei­nes tech­ni­schen Her­ren­tums sich sei­ne eige­ne Ener­gie­quel­le schafft.«65 In den Uto­pien wur­de zwar auch eine kos­mi­sche Kata­stro­phe (die Ver­nich­tung allen Lebens auf der Erde) in Aus­sicht gestellt, doch herrsch­te trotz allem ein opti­mis­ti­scher Glau­be an einen radi­ka­len Neu­be­ginn vor. »Da Him­mels­kör­per in der Lage sind, Leben zu näh­ren«, schrieb Mura­wjow in der zwei­ten Hälf­te der 1920er-Jah­­re, »kann neu­es Leben aus der Asche zer­stör­ter Wel­ten gebo­ren wer­den und mit unge­ahn­ter Kraft erblü­hen, wie es auch jetzt viel­leicht nach sol­chen Kata­stro­phen erblüht.« 66 Die Kata­stro­phe auf dem einen »Sechs­tel der Erde« (der Sowjet­uni­on) voll­zog sich mit dem Tri­umph des Sta­li­nis­mus, der alle Eupho­rie der 1920er-Jah­­re ver­puf­fen ließ. Aller­dings waren bereits im leni­nis­ti­schen Modell des Auf­baus der Sowjet­uni­on star­ke auto­ri­tä­re Ten­den­zen imple­men­tiert. In der Ver­klä­rung vie­ler Revolutionär*innen zu Beginn der Deka­de war Lenin ein Mes­si­as, der den Weg in die Zukunft wies, doch in ers­ter Linie war er ein Tech­ni­ker der Revo­lu­ti­on, dem die Metho­den, Instru­men­te und Orga­ni­sa­ti­ons­mit­tel wich­ti­ger waren als die Eman­zi­pa­ti­on von Herr­schaft und Hier­ar­chie. Im Auf­bau der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft soll­te auf Bewähr­tes zurück­ge­grif­fen wer­den, wäh­rend die bestehen­den hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren kaum zur Dis­po­si­ti­on stan­den. Von Wis­sen­schaft und Tech­nik, Pro­duk­ti­vi­tät, Effi­zi­enz und Kon­trol­le fas­zi­niert, starr­te Lenin gebannt auf die Errun­gen­schaf­ten des US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Kapi­ta­lis­mus, um dar­aus die Leh­ren für den öko­no­mi­schen Auf­bau des Sowjet­staa­tes zu zie­hen. Zwar erkann­te er, dass die »gewal­ti­gen Ver­voll­komm­nun­gen«, die das tay­lo­ris­ti­sche Sys­tem der Arbeits­tei­lung bewirkt hat­te, zu einer »noch grö­ße­ren Unter­drü­ckung und Unter­jo­chung« der Arbei­ter­schaft führ­ten, doch ver­band in sei­nen Augen der Tay­lo­ris­mus »die raf­fi­nier­te Bes­tia­li­tät der bür­ger­li­chen Aus­beu­tung und eine Rei­he wert­volls­ter wis­sen­schaft­li­cher Errun­gen­schaf­ten«.  Da er die Inten­ti­on ver­folg­te, alle mensch­li­chen und tech­ni­schen Res­sour­cen zu mobi­li­sie­ren, die Dis­zi­plin der Arbeiter*innen zu heben, ihr pro­duk­ti­ves Kön­nen und ihre Geschick­lich­keit vor­an­zu­trei­ben, die Arbeits­in­ten­si­tät zu stei­gern und die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on zu ver­bes­sern, dräng­te er dar­auf, die tay­lo­ris­ti­schen Metho­den auch auf das revo­lu­tio­nä­re Ter­rain aus­zu­deh­nen. »Die Sowjet­re­pu­blik muss um jeden Preis alles Wert­vol­le über­neh­men, was Wis­sen­schaft und Tech­nik auf die­sem Gebiet errun­gen haben«, erklär­te Lenin im Früh­jahr 1918. »Die Rea­li­sier­bar­keit des Sozia­lis­mus hängt ab eben von unse­ren Erfol­gen bei der Ver­bin­dung der Sowjet­macht und der sowje­ti­schen Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on mit dem neu­es­ten Fort­schritt des Kapi­ta­lis­mus. Man muss in Russ­land das Stu­di­um des Tay­lor­sys­tem, die Unter­wei­sung dar­in, sei­ne sys­te­ma­ti­sche Erpro­bung und Aus­wer­tung in Angriff neh­men.« So bedeu­te­te die bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­on kei­nen radi­ka­len Bruch mit der bis­he­ri­gen Pra­xis: Wie ihre bür­ger­li­chen Opponent*innen glaub­ten Lenin und sei­ne Getreu­en an die Ver­hei­ßun­gen von Wis­sen­schaft, Fort­schritt und Erfolg, und in ihrem blin­den Enthu­si­as­mus für die Tech­no­lo­gie geriet ihnen schließ­lich die Pro­duk­ti­on zum Selbst­zweck, wäh­rend die zu rea­li­sie­ren­de Frei­heit in immer wei­te­re Fer­ne rück­te. 67 Andrej Pla­to­now: Die Epi­pha­ner Schleu­sen (Volk und Welt, 1986)In der Peri­ode der Sta­li­ni­sie­rung blieb Lenin trotz allem eine Licht­ge­stalt – auch in den Erzäh­lun­gen Pla­to­nows in dem Band Der Staats­be­woh­ner, die Gabrie­le Leu­pold in einer kom­men­tier­ten Neu­über­set­zung bei Suhr­kamp publi­zier­te.68 In den sati­ri­schen Tex­ten arti­ku­lier­te Pla­to­now eine zuneh­men­de Skep­sis gegen­über der herr­schaft­li­chen Wis­sen­schaft und der poli­ti­schen »Gene­ral­li­nie«, mit der miss­lie­bi­ge »Abweich­ler« zur Räson gebracht wer­den soll­ten: Pla­to­now wur­de – nach einem Wort des anglo­ame­ri­ka­ni­schen Sla­wis­ten Tho­mas Seif­rid – im »lin­ken Sumpf der rech­ten Oppo­si­ti­on« ver­or­tet.69 In der Erzäh­lung »Makar, wie er zwei­felt« aus dem Jah­re 1929 wird Lenin nur noch von den Insas­sen einer psych­ia­tri­schen Anstalt, eines »See­len­kran­ken­hau­ses«, ver­stan­den: »sie hat­ten frü­her nicht gewusst, dass Lenin alles wuss­te«. Wie ein Geist schwebt er durch die weit­läu­fi­ge staat­li­che Anstalt: »Der Sozia­lis­mus muss mit den Hän­den der Mas­sen­men­schen gebaut wer­den«, lässt Pla­to­now in sei­ner Sati­re Lenin pre­di­gen, »und nicht mit den büro­kra­ti­schen Zet­teln unse­rer Behör­den.«70 Für Pla­to­now war der »Büro­kra­tis­mus«, schrieb Lola Debü­ser in ihrem Nach­wort zu Pla­to­nows Erzäh­lun­gen 1986, »eine neue sozia­le Krank­heit, ein bio­lo­gi­sches Merk­mal einer gan­zen selb­stän­di­gen Gat­tung von Men­schen«.71  Andrej Pla­to­now: Der Staats­be­woh­ner (Suhr­kamp, 2025)Die Uto­pie der Revo­lu­ti­on lös­te sich in Büro­kra­tie auf. Als »inne­rer Dis­si­dent« und Reprä­sen­tant des »Pro­let­kul­tes« ver­such­te sich Pla­to­now der »Kul­tur des Fünf-Jah­­res-Plans« (wie Seif­rid die­se frü­he sowje­ti­sche Peri­ode dekla­riert.72) anzu­pas­sen. Der »resi­li­en­te« Autor (als »Out­cast der sowje­ti­schen Lite­ra­tur«, wie sein Bio­graf Hans Gün­ther schrieb.73) woll­te sich nicht mit dem büro­kra­ti­schen Regime über­wer­fen, in den Wider­stand und ins Exil wech­seln, son­dern sich par­ti­ell arran­gie­ren, ohne sich in Gän­ze zu unter­wer­fen. In sei­ner imma­nen­ten Kri­tik ver­wen­de­te Pla­to­now eine zum Teil direkt aus Arti­keln Sta­lins über­nom­me­ne Büro­­­kra­­tie-Spra­che. In der Erzäh­lung »Zu Gute: Eine Arme­­leu­­te-Chro­­nik« aus dem Jah­re 1931 (die in der DDR-Aus­­­ga­­be unter dem Titel »Zu Nutz und From­men« erschien) ver­dun­kel­te sich die »Erklä­rung des Kom­mu­nis­mus«: Der Staat sorg­te im Sin­ne Lenin für alles, aber es funk­tio­nier­te nicht viel wie die Elek­tro­son­ne, die bereits nach einer hal­ben Stun­de ver­losch – trotz aller wis­sen­schaft­lich auf­trump­fen­den Staats­macht. Am Ende blie­ben nur Paro­len: »Es lebe die all­täg­li­che Son­ne auf der sowje­ti­schen Erde!«74  In der Sati­re fühl­te sich Sta­lin bis zur Kennt­lich­keit der­art ent­blößt, dass er in »wüten­den Aus­fäl­len« sowohl dem Autor als auch den »Wirr­köp­fen« in der Redak­ti­on der Lite­ra­tur­zeit­schrift, in der die Erzäh­lung ver­öf­fent­licht wer­den soll­te, eine Bestra­fung androh­te, die ihnen »zu Gute« gerei­chen wer­de. »Die Kri­tik an sei­nen Tex­ten war so gra­vie­rend«, schreibt die Über­set­ze­rin Gabrie­le Leu­pold in ihrem Nach­wort, »dass der Ange­grif­fe­ne um sei­ne Exis­tenz fürch­ten muss­te.«75 Wie sei­ne Figur Makar beweg­te sich Pla­to­now »mit der Kraft sei­ner neu­gie­ri­gen Dumm­heit« fort. »Arbei­ten­de Pro­le­ta­ri­er gibt es vie­le«, heißt es in der Makar-Erzäh­­lung, »aber den­ken­de wenig – ich habe mir vor­ge­nom­men, für alle zu den­ken.« 76 In der Zeit des Sta­li­nis­mus und spä­te­rer Auto­kra­tien und Dik­ta­tu­ren kam das Den­ken unter der öko­no­mi­schen Herr­schaft zum Still­stand. Am Ende ende­te der Kom­mu­nis­mus an den Mas­sen­grä­bern der Mas­sen­men­schen. © Jörg Auberg 2026 Biblio­gra­fi­sche Angaben:Andrej Pla­to­now.Der Staats­be­woh­ner.Erzäh­lun­gen.Aus dem Rus­si­schen von Gabrie­le Leu­pold.Ber­lin: Suhr­kamp, 2025.207 Sei­ten, 25 Euro.ISBN: 978–3‑518–43114‑6.Georg Wit­te (Hg.), Susan­ne Strät­ling (Hg.).Im Licht­oze­an:Ener­gien der sowje­ti­schen Moder­ne.Ber­lin: Matthes & Seitz, 2025.734 Sei­ten, 48 Euro.ISBN: 978–3‑7518–2069‑1. Medi­en­quel­len Cover Der Staats­be­woh­ner© Suhr­kamp Ver­lag Cover Die Epi­pha­ner Schleu­sen© Volk und Welt Pla­kat von El Lis­sitz­ky Sieg über die SonneQuel­le: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/93/El_Lissitzky_Sieg_%C3%BCber_die_Sonne_1923_at_Christie%27s_May_1991.jpg Cover Im Licht­oze­an© Matthes und Seitz AnmerkungenAlex­an­der Blok, zitiert in: Rus­sell Jaco­by, The End of Uto­pia: Poli­tics and Cul­tu­re in an Age of Apa­thy (New York: Basic Books, 1999), S. 155Wale­ri­an Mura­wjow, »Die Umge­stal­tung des Kos­mos«, in: Im Licht­oze­an: Ener­gien der sowje­ti­schen Moder­ne, hg. Susan­ne Strät­ling und Georg Wit­te (Ber­lin: Matthes & Seitz, 2025), S. 542Wla­di­mir Lenin, »Bericht über die Tätig­keit des Rats der Volks­kom­mis­sa­re«, in: Im Licht­oze­an, S. 27Jean-Paul Sart­re, Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len: Inter­views, Arti­kel, Reden 1950–1973, hg. Vin­cent von Wro­blew­sky, übers. Eva Groe­p­ler et al. (Rein­bek: Rowohlt, 1995), S. 121Andrej Pla­to­now, »Licht und Sozia­lis­mus« und »Die Elek­tri­fi­zie­rung«, in: Im Licht­oze­an, S. 33, 42, 48El Lis­sitz­ky, »Der Klub als sozia­les Kraft­werk«; Kasi­mir Male­witsch, »Der Mensch als ener­ge­ti­scher Orga­nis­mus«; Andrej Pla­to­now, »Über die Kul­tur des ein­ge­spann­ten Lichts und der ergrün­de­ten Elek­tri­zi­tät«, Pla­to­now, »Licht und Sozia­lis­mus«; Susan­ne Strät­ling und Georg Wit­te, »Ener­gie – Schlüs­sel­be­griff der sowje­ti­schen Moder­ne«, in: Im Licht­oze­an, S. 33, 202, 208, 209, 714Andrej Pla­to­now, »Über die Ver­bes­se­rung des Kli­mas«; Strät­ling und Wit­te, »Ener­gie – Schlüs­sel­be­griff der sowje­ti­schen Moder­ne«, in: Im Licht­oze­an, S. 283, 714–718 El Lis­sitz­ky, »Die plas­ti­sche Gestal­tung der elek­tro­me­cha­ni­schen Schau ›Sieg über die Son­ne‹«, in: Im Licht­oze­an, S. 399; zur Oper cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Sieg_%C3%BCber_die_Sonne_(Oper)Wale­ri­an Mura­wjow, »Die Umge­stal­tung des Kos­mos«, in: Im Licht­oze­an, S. 546 Quel­len sind: Lenin, »Das Tay­lor­sys­tem – Die Ver­skla­vung des Men­schen durch die Maschi­ne« (1914), in: Wer­ke, Bd. 20 (Berlin/DDR: Dietz, 1961), S. 146; »Die nächs­ten Auf­ga­ben der Sowjet­macht« (1918), in: Wer­ke, Bd. 27 (Berlin/DDR: Dietz, 1960), S. 249–250; Jörg Auberg, »Wrack und Wahn: Frag­men­te einer lin­ken Geschich­te«, unver­öf­fent­lich­tes Manu­skript, 1992, S. 31–32Frü­he­re Über­set­zun­gen erschie­nen in den spä­ten 1980er-Jah­­ren im DDR-Ver­­lag Volk und Welt und wur­den von Lola Debü­ser herausgegeben.Tho­mas Seif­rid, Andrej Pla­to­nov: Uncer­tain­ties of Spi­rit (Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 1992), S. 141  Andrej Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, übers. Gabrie­le Leu­pold (Ber­lin: Suhr­kamp, 2025), S. 48Pla­to­now, zitiert in: Lola Debü­ser, »Die Uto­pien Andrej Pla­to­nows und sei­ner Hel­den«, in: Pla­to­now, Die Epi­pha­ner Schleu­sen: Frü­he Novel­len, hg. Lola Debü­ser (Berlin/DDR: Volk und Welt, 1986), S. 507–508Tho­mas Seif­rid, Andrej Pla­to­nov: Uncer­tain­ties of Spi­rit, S. 132–175 Hans Gün­ther, Revo­lu­ti­on und Melan­cho­lie: Andrej Pla­to­novs Pro­sa der 1920er Jah­re (Ber­lin: Frank & Tim­me, 2020), S. 92 Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, S. 66Doku­men­ta­ti­on in: Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, S. 165; Nach­wort von Gabrie­le Leu­pold, ibid., S. 198–199, 204 Pla­to­now, Der Staats­be­woh­ner, S. 43 […]

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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