Texte und Zeichen

Moleskin Blues

M

Moleskin Blues

Kri­ti­ken
  • Thomas-Mann-Jahr 2025 — Eine RetrospektiveTho­mas-Mann-Jahr 2025 — Eine Retro­spek­ti­ve30. Janu­ar 2026»Das hält aus bis zum letz­ten Seuf­zer« Ein Rück­blick auf das Tho­mas-Mann-Jahr 2025 von Jörg Auberg In memo­ri­amHan­jo Kes­t­ing(1943–2025) Inhaltsverzeichnis»Das hält aus bis zum letz­ten Seufzer«Ein Rück­blick auf das Tho­­mas-Mann-Jahr 2025Tho­mas Mann zwi­schen KI und Feuil­le­to­ni­sie­rung­D­er Außen­sei­ter als GezeichneterLite­ra­tur als Fluch­Der schrei­ben­de Bür­ger als SozialistTho­mas Mann und die PolitikZau­dern und FurorL­ü­beck als geis­ti­ge Lebensform»Tho­mas Mann oder Hört das nie auf?«Dank­sa­gungBiblio­gra­phi­sche Daten Tho­mas Mann: Mario und der Zau­be­rer (Kunst­haus Lübeck, 2004) Als »Ame­ri­ka« sich für Tho­mas Mann von der »Lösung« zum »Pro­blem« wan­del­te, dis­ku­tier­ten er und sei­ne Toch­ter Eri­ka mit dem lin­ken Fil­me­ma­cher Abra­ham Polon­sky über ein Film­pro­jekt, das auf der Novel­le Mario und der Zau­be­rer beru­hen soll­te. Obwohl Mann mit den Vor­stel­lun­gen Polon­skys zur Umset­zung des Films nicht gänz­lich ein­ver­stan­den war, gab er ihm eine Opti­on für die Lizenz­rech­te, und Polon­sky such­te in Euro­pa Geld­ge­ber für das Pro­jekt, schei­ter­te aber schon im Vor­feld an der Umset­zung. Im Jah­re 1950 glaub­ten nahe­zu alle Ver­ant­wort­li­chen, dass der Faschis­mus ein »alter Hut« sei, obwohl Mann gegen­über Polon­sky die Befürch­tung äußer­te, dass der Faschis­mus auf die USA über­grei­fen könn­te, und ihm emp­fahl, das Land zu ver­las­sen. Obwohl Polon­sky noch zwan­zig Jah­re spä­ter das Pro­jekt ver­folg­te, waren die Hol­­ly­­wood-Stu­­di­os weder von Tho­mas Mann noch von sei­nem Stoff beein­druckt, sodass der Film nie­mals rea­li­siert wur­de, zumal Polon­sky in sei­nem Sze­na­rio die poli­ti­schen Unter­tö­ne der Novel­le stär­ker als in Manns Ori­gi­nal beton­te und den Prot­ago­nis­ten Mario als Rebell im Sin­ne von Jean Vigos Revol­­te-Klas­­si­ker Zéro de Con­duite (1933) anle­gen woll­te.1 Tho­mas Mann zwi­schen KI und Feuil­le­to­ni­sie­rung Im Jubi­lä­ums­jahr von Tho­mas Manns 150. Geburts­tag über­schlu­gen sich dage­gen Ver­la­ge in Deutsch­land mit zahl­rei­chen Neu- und Re-Publi­­ka­­tio­­nen im Geden­ken an den »Natio­nal­dich­ter«. Im Ver­lag S. Fischer erschien eine neue Taschen­­buch-Aus­­­ga­­be der grund­le­gen­den Roman­wer­ke sowie eini­ger Essay­samm­lun­gen (mit beglei­ten­den Nach­wor­ten von kul­tur­in­dus­tri­el­len Pro­mi­nen­zen wie Ulrich Tukur, Dani­el Kehl­mann, Feli­ci­tas Hop­pe, Vol­ker Wei­de­mann oder Kai Sina), wobei jedoch an der krea­ti­ven und kos­ten­in­ten­si­ven Arbeit von Illustrator:innen gespart wur­de und statt­des­sen die Müns­te­ra­ner Agen­tur Kos­mos Design mit der Cover-Gestal­­tung beauf­trag­te, die mit dem KI-Tool Mid­jour­ney umge­setzt wur­de, wobei der eine oder ande­re Feh­ler unter­lief. »Die neue Tho­­mas-Mann-Aus­­­ga­­be bei S. Fischer wirkt modern, atmo­sphä­risch – und irgend­wie selt­sam«, heißt es in dem Lite­ra­tur­por­tal literaturcafe.de. »Bei genau­em Hin­se­hen fällt auf: Den Lie­ge­stüh­len auf dem ›Zau­ber­berg‹ feh­len eini­ge Bei­ne. Auf ›Dok­tor Faus­tus‹ thront ein Metro­nom, das jedem Flü­gel die Show stiehlt.«2 Tho­mas Mann: Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull (Bücher­gil­de Guten­berg, 1981)  Es sind nicht allein die far­ben­fro­hen, bun­ten Titel-Illus­­tra­­tio­­nen, die stö­rend wir­ken, son­dern schlicht die fla­che Ver­höh­nung von Manns eige­ner Schreib­tech­no­lo­gie von Blei­stift & Feder, die er vom Zau­ber­berg bis zu Felix Krull ein­setz­te (»Indem ich die Feder ergrei­fe, um in völ­li­ger Muße und Zurück­ge­zo­gen­heit … mich also anschi­cke, mei­ne Geständ­nis­se in der sau­be­ren und gefäl­li­gen Hand­schrift, die mir eigen ist, dem gedul­di­gen Papier anzu­ver­trau­en …«3, begin­nen die Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull). »S. Fischer setzt ein Signal: KI ist ange­kom­men – auch in der Hoch­li­te­ra­tur«, kom­men­tiert der Jour­na­list Wolf­gang Tischer. »Zumin­dest auf dem Cover. Der Ver­lag macht kein Geheim­nis dar­aus und bricht damit offen ein unaus­ge­spro­che­nes Tabu.«4 Aller­dings gehört die selt­sa­me Umschlag­ge­stal­tung zur Tra­di­ti­on des Tho­­mas-Mann-Haus­­ver­­la­­ges S. Fischer: Wie Til­mann Lah­me in sei­ner Tho­­mas-Mann-Bio­­­gra­­fie süf­fi­sant bemerkt, zeich­ne­te der Illus­tra­tor Wil­helm Schulz für die ein­bän­di­ge Bud­­den­­brooks-Aus­­­ga­­be des Jah­res 1903 »eine gie­be­li­ge Gas­se sei­ner Hei­mat­stadt Lüne­burg«, »nicht Lübeck«.5 Neben die­ser KI-Kom­­pa­­ti­­bi­­li­­sie­rung Tho­mas Manns haben die publi­zis­ti­schen Jubel­fei­ern für den »Natio­nal­dich­ter« auch eine Feuil­le­to­ni­sie­rung des »Mann-Clans« wei­ter vor­an­ge­trie­ben, in der es weni­ger um Lite­ra­tur denn um Klatsch & Tratsch, Gerüch­te & Mut­ma­ßun­gen geht. »Lan­ge schon ist die Fami­lie Mann auf dem Weg in die Fik­ti­on«, kon­sta­tier­te der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Lothar Mül­ler.6 In Büchern wie Hein­rich Bre­loers Ein tadel­lo­ses Glück, Kers­tin Holz­ers Tho­mas Mann macht Feri­en, Flo­ri­an Illies’ Wenn die Son­ne unter­geht, Mar­tin Mit­tel­mei­ers Heim­weh im Para­dies oder in Colm Tói­bíns Roman Der Zau­be­rer (die zumeist auch in Hör­­buch-Form vor­lie­gen) geht es in ers­ter Linie um Kol­por­ta­ge, die Fik­tio­na­li­sie­rung von Prot­ago­nis­ten und Kon­tex­ten, ohne dass neue Erkennt­nis­se zu längst bekann­ten Fak­ten und Kon­stel­la­tio­nen hin­zu­ge­fügt wür­den. Sie gehö­ren zu der ein­ge­zo­ge­nen Decken­plat­te zwi­schen Hoch- und Mas­sen­kul­tur, die der Kul­tur­kri­ti­ker Dwight Mac­do­nald in den spä­ten 1950er-Jah­­ren als »Mid­cult« bezeich­ne­te: Pro­duk­te die­ser Pro­ve­ni­enz geben vor, die Nor­men der Hoch­kul­tur ein­zu­hal­ten, wäh­rend sie sie de fac­to ver­wäs­sern und vul­ga­ri­sie­ren.7 Hein­rich Bre­lo­er: Ein tadel­lo­ses Glück (DVA, 2024) »Es ist ein fak­ten­ge­stütz­ter Text«, insis­tiert bei­spiels­wei­se Bre­lo­er, »weil sämt­li­che Dia­lo­ge auf Recher­chen, Doku­men­ten und Gesprä­chen beru­hen, zugleich sind sie gelengt­lich frei erfun­den. Ich habe mir damit die Frei­heit des roma­nes­ken Erzäh­lens genom­men, habe Orte, Men­schen und Begeg­nun­gen nicht immer haar­ge­nau nach Tag und Stun­de ein­ge­hal­ten. Zwi­schen der natu­ra­lis­ti­schen Genau­ig­keit und dem ver­dich­te­ten Erzäh­len gibt es Gewin­ne, auf die ich nicht ver­zich­ten woll­te.«8 Von die­sen »Gewin­nen« ist Bre­lo­er vor allem allein über­zeugt, wenn er bei­spiels­wei­se im Kapi­tel »Zwei Brü­der auf dem See« Tho­mas und Hein­rich Mann im Ruder­boot prä­sen­tiert und den älte­ren Bru­der sagen lässt: »Aber Tom­my, du bist Künst­ler. Ehe und Fami­lie pas­sen nicht zu dir.« 9 Offen­bar fehl­te bei die­sem Pro­jekt schmerz­haft eine künst­le­ri­sche Instanz wie Horst König­stein, mit dem Bre­lo­er zu Beginn des Jahr­tau­sends den Film Die Manns – Ein Jahr­hun­der­t­ro­man rea­li­sier­te und eine Tho­­mas-Mann-Renais­­sance ein­lei­te­te. Ähn­lich ver­fährt Kers­tin Hol­zer in ihren Feri­en­be­schrei­bun­gen der Fami­lie Mann und lässt sich von Ima­gi­na­tio­nen und nicht über­prüf­ba­ren Fak­ten und Urtei­len lei­ten. »Tho­mas Mann hat kei­ne Ahnung von Päd­ago­gik«, weiß sie zu berich­ten. »Jede Art von Füh­rung ist ihm fremd: Er ist ein zutiefst anti­au­to­ri­tä­rer Künst­ler, kein Erzie­her.«10 Über Manns Frau Katia weiß sie eben­falls bes­tens Bescheid: »Katia fühlt sich von den Träu­men ihres Gat­ten kein biss­chen bedroht.«11 Mar­tin Mit­tel­mei­er: Heim­weh im Para­dies (Dumont, 2025) Im glei­chen Duk­tus führt Mar­tin Mit­tel­mei­er Tho­mas Mann im kali­for­ni­schen Exil vor: »Tho­mas Mann lauscht dem Gram­mo­fon«, gibt der Autor den Zeit­zeu­gen vor. An ande­rer Stel­le spa­ziert er durch das Inne­re des Dich­ters: »Tho­mas Mann mag nicht, was er hört, aber er kann es schät­zen.«12 Mit der his­to­ri­schen Wahr­heit nimmt es Mit­tel­mei­er nicht so genau. So behaup­tet er: »Tho­mas Mann ist in das Lager gewech­selt, in dem sein Bru­der immer schon war.«13 Damit unter­schlägt er jedoch das his­to­ri­sche Fak­tum, dass Hein­rich Mann – vor sei­nem Über­gang ins »lin­ke Lager« (um bei Mit­tel­mei­ers Dik­ti­on zu blei­ben) – um 1895 wüs­te anti­se­mi­ti­sche Arti­kel ver­fass­te.14 Sei­nen Text ver­kauft Mit­tel­mei­er als »erzäh­le­ri­sche« Auf­be­rei­tung aus Tho­mas Manns Tage- und Notiz­bü­chern, Essays, Vor­trä­gen und Reden, Tex­ten von Klaus und Eri­ka Mann sowie Sekun­där­li­te­ra­tur von Kai Sina, Tho­mas Blub­a­cher, Han­jo Kes­t­ing, Tobi­as Boes und ande­ren Autor:innen, wobei der Ver­lag – laut Aus­kunft des Autors – die Anmer­kun­gen aus­la­ger­te, um »den Fließ­text nicht zu beschwe­ren«. Der Quel­­len-Bal­last lässt sich per QR-Code her­un­ter­la­den: Wel­che klein­geis­ti­gen Leser:innen wol­len schon läs­ti­ge Fuß­no­ten nach­prü­fen? Auf die Mög­lich­keit der Aus­la­ge­rung hat der Ver­lag S. Fischer bei Flo­ri­an Illies’ Wenn die Son­ne unter­geht über das Exil der Fami­lie Mann im süd­fran­zö­si­schen Exil Sana­ry-sur-Mer ganz ver­zich­tet. Um Nach­prüf­bar­keit geht es in die­sem Buch an kei­ner Stel­le – es ist rei­ne Fik­tio­na­li­sie­rung mit ideo­lo­gi­schem Vor­zei­chen. »Tho­mas Mann unter­drückt sei­ne Wut und zieht das nach Veil­chen duf­ten­de Taschen­tuch aus der Jacke«, fabu­liert der ver­hin­der­te Roman­cier aus dem Feuil­­le­­ton-Metier, um spä­ter sei­ner Figur Hein­rich Mann zu unter­stel­len, er habe zu oft mit den Sozia­lis­ten sym­pa­thi­siert.15 Der Feuil­­le­­ton-Erzäh­­ler aus der unter­ge­gan­ge­nen Guck­kas­ten­welt ergeht sich in der Ansamm­lung geis­ti­ger und sprach­li­cher Cli­chés und müllt die Sei­ten mit berichts­ähn­li­chen Ver­laut­ba­run­gen vor­geb­li­cher gesell­schaft­li­cher Erfah­run­gen zu. »Was für eine selt­sa­me Fami­lie ist die­se Fami­lie Mann«, raunt der Feuil­le­to­nist: »Alle unauf­lös­lich mit­ein­an­der ver­bun­den, aber oft weni­ger durch Lie­be als durch Sehn­sucht nach Aner­ken­nung, durch Sen­ti­men­ta­li­tät, durch herz­li­che Abnei­gung oder Angst.«16 Flo­ri­an Illies: Wenn die Son­ne unter­geht (S. Fischer, 2025) Sein eige­nes Metier beherrscht der Feuil­le­to­nist nicht – weder sprach­lich (Tho­mas Mann muss er stän­dig als »Nobel­preis­trä­ger« und sei­nen älte­ren Bru­der als »Sozia­lis­ten­freund« klas­si­fi­zie­ren) – noch fach­lich: Carl von Ossietz­ky ist in sei­nem »post-fak­­ti­­schen« Duk­tus »der fein­sin­ni­ge, pazi­fis­ti­sche Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Welt­wo­che« (die erst im Novem­ber 1933 in der Schweiz gegrün­det wur­de und mit der Ossietz­ky nie etwas zu tun hat­te), obwohl sich Illies am Ende des Buches ehr­erbie­tig für »die so sorg­fäl­ti­ge wie lei­den­schaft­li­che Betreu­ung und Lek­to­rie­rung« durch sei­nen »Haus­ver­lag S. Fischer« bedankt. 17 Dane­ben gesellt sich eine ver­quas­te Schein­hei­lig­keit, die mit den gut situ­ier­ten Exilant:innen wie den Schwie­ger­el­tern Tho­mas Manns – den Pringsheims (»Die machen nur kurz Urlaub im freund­li­chen Kli­ma der Mit­tel­meer­küs­te.« 18) – oder Lion Feucht­wan­ger ob sei­ner sexu­el­len Affä­ren (»sein Tage­buch ist da lei­der pein­lich genau«19, lässt der Feuil­le­to­nist die Leser:innenschaft in Paren­the­se wis­sen) im Sin­ne der herr­schen­den Macht­ha­ber im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land abrech­net. Im Schund ver­kommt – wie der Kri­ti­ker Jan Drees schrieb – Illies’ Grup­pen­rei­se mit »Fami­lie Mann in Sana­ry« zu einer »Som­mer­rei­se ins Exil, bei der ein Text gleich mit baden geht«.20 Der Außen­sei­ter als Gezeich­ne­ter Um der »Midcult«-Masse unter allen Umstän­den zu gefal­len (wie Mac­do­nald den Publi­ka­ti­ons­trick beschrieb21, instru­men­ta­li­siert Illies nicht allein die unter­schwel­li­ge anti­se­mi­ti­sche Masche, son­dern bedient sich auch homo­pho­ber Vor­ur­tei­le, um sei­nem Mid­­cult-Publi­­kum mit gespitz­ten Lip­pen über die Homo­se­xua­li­tät des »schwu­len Natio­nal­dich­ters« zu berich­ten, der um sei­ne »homo­ero­ti­schen« Fan­ta­sien in den Tage­bü­chern bang­te, die sein Sohn Golo »ent­sor­gen« muss­te, oder »in Mün­chen alle Besu­cher ohne jede Scham unter den drei nack­ten Jüng­lin­gen von Lud­wig von Hoff­mann emp­fan­gen hat«. Und Illies fragt sich, »ob dort in den alten Noti­zen viel­leicht doch noch ganz ande­res, Gewal­ti­ges ver­bor­gen lie­gen könn­te«, raunt der nach sen­sa­tio­na­lis­ti­scher Lüs­tern­heit gie­ren­de Feuil­le­to­nist.22 Mor­ten Høi Jen­sen: The Mas­ter of Con­tra­dic­tions (Yale Uni­ver­si­ty Press, 2025) Mit sol­chen Ein­flüs­te­run­gen ver­fällt Illies der bür­ger­li­chen affekt­ge­la­de­nen Vor­ur­teils­ge­schich­te, die Homo­se­xua­li­tät als »Per­ver­si­on« oder »Psy­cho­pa­tho­lo­gie« wahr­nahm und die »Geschlecht­lich­keit« als Stig­ma klas­si­fi­zier­te. Hans May­er, der in Deutsch­land als Jude, Mar­xist und Homo­se­xu­el­ler ein mehr­fa­cher stig­ma­ti­sier­ter Außen­sei­ter war, insis­tier­te, dass man unter die Außen­sei­ter gehen müs­se, um dem Typus der homo­se­xu­el­len Lite­ra­tur (wie bei Mar­cel Proust oder Jean Genet) zu begeg­nen.23 Wäh­rend Illies mühe­voll ver­sucht, eine chro­ni­que scan­da­leu­se um Tho­mas Mann für sein reak­­tio­­när-kon­­­ser­­va­­ti­­ves Publi­kum auf­zu­ti­schen, fin­den sol­che Ein­las­sun­gen allen­falls noch im destruk­­tiv-faschis­­ti­­schen Milieu post­de­mo­kra­ti­scher, rück­wärts­ge­wand­ter Klein- und Mit­tel­stands­bür­ger einen Reso­nanz­bo­den, wo ein dunk­les, undurch­schau­ba­res Begeh­ren bös­ar­ti­ge Reak­tio­nen her­vor­ruft.24 Bereits Ernst Löwy insis­tier­te, dass »der Weg Tho­mas Manns kein gerad­li­ni­ger, son­dern ein dia­lek­ti­scher« gewe­sen sei25, und im Zau­ber­berg schrieb Mann selbst: »Der Mensch ist Herr der Gegen­sät­ze, sie sind durch ihn, und also ist er vor­neh­mer als sie.«26 In sei­ner Geschich­te der Ent­ste­hung des Zau­ber­bergs schreibt der dänisch-ame­ri­­ka­­ni­­sche Autor Mor­ten Høi Jen­sen, dass Mann die Gegen­sät­ze – Kunst und Tod sowie Vita­li­tät der lite­ra­ri­schen Pro­duk­ti­on – zu ver­ei­nen such­te: In sei­nem Werk woll­te Mann das Bür­ger­li­che ver­ber­gen, ohne tat­säch­lich bür­ger­lich zu wer­den.27 Tho­mas Mann: Der klei­ne Herr Frie­de­mann (Bücher­gil­de Guten­berg, 2025) Das gesam­te erzäh­le­ri­sche Werk Tho­mas Manns durch­zie­hen – wie bereits Wil­liam Troy in den spä­ten 1930er-Jah­­ren kon­sta­tier­te – Figu­ren wie Johan­nes Frie­de­mann, Tobi­as Min­der­ni­ckel oder Chris­ti­an Jaco­by, die als Gezeich­ne­te, als »schwar­ze Scha­fe der bür­ger­li­chen Gesell­schaft« Künst­ler­fi­gu­ren in der Ent­stel­lung oder als Außen­sei­ter reprä­sen­tier­ten.28 In die­sen Figu­ren reflek­tier­te Tho­mas Mann die eige­ne Rol­le in der wil­hel­mi­ni­schen bür­ger­li­chen Gesell­schaft und ver­wen­de­te sie als Mas­ken im eige­nen Kampf gegen die Sexua­li­tät – ähn­lich wie der däni­sche Schrift­stel­ler Her­man Bang, der trotz sei­ner wenig ver­hüll­ten Homo­se­xua­li­tät und »Deka­denz« zum Objekt öffent­li­cher Erpres­sung wur­de, da gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be als »Las­ter« und »Per­ver­si­tät« wahr­ge­nom­men wur­de. Der homo­se­xu­el­le Außen­sei­ter war kei­nes­wegs ein anti­bür­ger­li­cher Rebell (wie spä­ter in den Fäl­len von »Out­laws« wie Wil­liam Bur­roughs oder John Rechy), son­dern die Typo­lo­gie reich­te – wie Lothar Mül­ler her­vor­hob – vom »rech­ten« bis zum »lin­ken« Flü­gel der schwu­len Phä­no­me­no­lo­gie.29 Oli­ver Fischer.»Man kann die Lie­be nicht stär­ker erle­ben«: Tho­mas Mann und Paul Ehren­berg (Rowohlt, 2024) Im Typus des ent­stell­ten »klei­nen Herrn Frie­de­mann« sub­li­mier­te Mann die eige­nen ero­ti­schen Wün­sche und ließ hin­ter dem Unglück eine kom­pli­zier­te Sexua­li­tät her­vor­schei­nen. Wie Oli­ver Fischer in sei­ner Mono­gra­fie zu Tho­mas Mann und dem Tier­ma­ler Paul Ehren­berg – der als Modell sowohl in Tonio Krö­ger (Hans Han­sen) als auch in Dok­tor Faus­tus (Rudi Schwerdt­fe­ger) ver­wen­det wur­de – betont, gehör­te Tho­mas Mann in sei­ner frü­hen Mün­che­ner Zeit zu »rech­ten« Flü­gel der homo­ero­ti­schen Män­ner­bün­de an, die als »das Bin­de­mit­tel und der Motor aller kul­tu­rel­len Höher­ent­wick­lung« fun­gie­ren soll­ten, wie sie der kon­ser­va­ti­ve Ideo­lo­ge Hans Blü­her ima­gi­nier­te. Des­sen Pro­gramm sei, kon­sta­tiert Fischer, »anti­li­be­ral, anti­fe­mi­nis­tisch und anti­se­mi­tisch: Frau­en haben in sei­ner män­ner­bün­di­schen Ide­al­welt kei­nen Platz. Weib­lich auf­tre­ten­de Schwu­le betrach­tet er als Abwei­chung von der Natur. Juden sind für ihn ein zer­stö­rere­ri­sches Ele­ment und gehö­ren nicht zu Deutsch­land.«30 Wolf­gang Tar­now­ski: Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann(Ellert & Rich­ter, 2025) Sowohl in sei­ner Bezie­hung zu Ehren­berg als auch zu sei­nem jün­ge­ren Bru­der Vik­tor (dem er »Geis­tes­faul­heit« unter­stellt) legt Tho­mas Mann ein aggres­si­ves Ver­hal­ten an den Tag, indem er sei­ne intel­lek­tu­el­le Über­le­gen­heit und sei­ne Sprach­ge­wandt­heit als Mit­tel der Demü­ti­gung anwen­det. Zur glei­chen Zeit geht er in sei­nem Wer­ben um sei­ne zukünf­ti­ge Frau Katia Pringsheim mit »mas­si­ver Pene­tranz« vor, setzt, wie Fischer schreibt, »sein gesam­tes schrift­stel­le­ri­sches Talent, sei­nen Witz, aber auch sei­ne mani­pu­la­ti­ven Fähig­kei­ten ein, um Katia für sich zu gewin­nen«.31 Wie der ehe­ma­li­ge Ham­bur­ger Kul­tur­se­na­tor Wolf­gang Tar­now­ski (1931–2018) in sei­nem neu auf­ge­leg­ten Buch Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann bemerk­te, gehör­te zu Tho­mas Manns Cha­rak­ter­zü­gen »auch eine zuwei­len bos­haf­te Unauf­rich­tig­keit«, die nicht zuletzt den bür­­ger­­lich-kapi­­ta­­lis­­ti­­schen Ver­hält­nis­sen und sei­nem Rol­len­ver­ständ­nis in die­ser engen Welt geschul­det war: »Dass sich hin­ter der glän­zen­den Fas­sa­de kein fürst­li­cher, son­dern ein zuwei­len recht pro­sa­ischer, klein­li­cher und schwie­ri­ger Mensch zwei­fel­haf­ten Cha­rak­ters ver­barg, wuss­ten Ein­ge­weih­te schon lan­ge«, berich­te­te Tar­now­ski. 32 Der lebens­lan­ge »Kampf gegen sei­ne Homo­se­xua­li­tät« war kei­nes­wegs – wie die domi­nan­te Tho­­mas-Mann-For­­schung (von Her­mann Kurz­ke bis Kai Sina) insis­tiert und ent­spre­chen­de »Unter­su­chun­gen« als »Schnüf­­fel- und Ent­lar­vungs­phi­lo­lo­gie« dif­fa­miert – eine »Peti­tes­se« in der Bio­gra­fie Tho­mas Manns, son­dern ein exis­ten­zi­el­les Moment.33 Auch Til­mann Lah­me fokus­siert sich in sei­ner Tho­­mas-Mann-Bio­­­gra­­fie auf die Homo­se­xua­li­tät, deren Patho­lo­gi­sie­rung durch Psych­ia­ter wie Richard von Krafft-Ebbing oder Albert Moll extre­me Aus­wir­kun­gen auf Mann und sei­ne Freun­de wie Otto Grau­toff oder Paul Ehren­berg hat­te. Indem Homo­se­xua­li­tät mit Begrif­fen wie »wider­na­tür­li­che Unzucht«, Anoma­lie und »Ent­ar­tung« belegt wur­de, ging es in ers­ter Linie um das »Abdor­ren­las­sen des Trie­bes«, um in der repres­si­ven bür­ger­li­chen Gesell­schaft nicht als abnor­mer Aus­sät­zi­ger zu gel­ten.34 In der frü­hen Erzäh­lung »Lui­schen« (1893) beschreibt Mann den Rechts­an­walt Jaco­by als Kari­ka­tur eines eff­emi­nier­ten Homo­se­xu­el­len und lei­tet die Erzäh­lung mit dem Satz ein: »Es gie­bt Ehen, deren Ent­ste­hung die bel­le­tris­tisch geüb­tes­te Phan­ta­sie sich nicht vor­zu­stel­len ver­mag«35. Das The­ma der Erzäh­lung ist – kom­men­tiert Lah­me – »das Nie­der­ma­chen eines Außen­sei­ters, dem nichts ande­res vor­zu­hal­ten ist, als dass sei­ne Kör­per­lich­keit und sei­ne Lie­be Anstoß« im Inte­ri­eur des Bana­len und Gewöhn­li­chen erre­gen. Tho­mas Mann reflek­tie­re das Res­sen­ti­ment und den Ekel, mit dem Men­schen nicht gesell­schaft­li­cher kon­for­mer Erschei­nung (in die­sem Fall von koloss­ar­ti­ger Beleibt­heit) be- und ver­ur­teilt wer­den.36 Lite­ra­tur als Fluch Til­mann Lah­me: Tho­mas Mann — Ein Leben (dtv, 2025) Lite­ra­tur für Tho­mas Mann ist – mit den Wor­ten Til­mann Lah­mes – ein »Weg zum Ver­ste­hen«, aber kei­ne Pro­fes­si­on im her­kömm­li­chen Sin­ne, son­dern ein »Fluch«, wie es in Tonio Krö­ger heißt. »Ist der Künst­ler über­haupt ein Mann?«, fragt Mann. In ers­ter Linie ist er – mit Law­rence Dur­rell gespro­chen – ein gegen sich selbst ver­schwo­re­ner Dich­ter, für den die Sub­li­mie­rung wich­ti­ger ist als die Rea­li­tät.37 »Tho­mas Manns Lite­ra­tur«, resü­miert Lah­me, »spie­gelt wider, was er erlebt, ersehnt und fürch­tet. Sei­ne Figu­ren leben oft in einer Welt, die der sei­nen gleicht. Dann öff­net sich der Abgrund.«38 Es wären ande­re Lebens­ent­wür­fe auch in der Gesell­schaft des deut­schen Kai­ser­rei­ches mög­lich gewe­sen. Der unga­ri­sche Bohè­­­me-Schrif­t­s­tel­­ler Emil Szit­tya (1886–1964) berich­te­te von einer Kari­ka­tur des Zeich­ners Tho­mas Theo­dor Hei­ne (1867–1948) in der Sati­­re-Zei­t­­schrift Sim­pli­cis­si­mus (für die auch Tho­mas Mann kurz­zei­tig arbei­te­te) zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, in der es hieß: »War­um ist in Deutsch­land die Homo­se­xua­li­tät so ver­brei­tet?«, und Dich­ter wie Erich Müh­sam argu­men­tier­ten in der Debat­te gegen »die sitt­li­che Empö­rung des Mor­al­mobs« für »Dif­fe­ren­ziert­heit«.39 Tho­mas Mann blieb jedoch der »Sohn sei­ner Klas­se« – trotz allen Ver­falls der Lübe­cker Fami­­li­en-Dynas­­tie nach dem Tod des Vaters. »Tho­mas Mann hat sich«, schreibt Lah­me, »ein Lebens­kor­sett ange­legt, das ihm hel­fen soll, sei­ne Homo­se­xua­li­tät nie­der­zu­rin­gen.«40 In sei­nem Essay »Die Ehe als Über­gang« aus dem Jah­re 1925 ver­sucht er, sich mit sei­ner Vor­stel­lung von »Homo­ero­tik« in die Öffent­lich­keit zu wagen, ohne sich selbst zu demas­kie­ren. Der Text ist, kom­men­tiert Lah­me, »ein Bekennt­nis zur Ehe und eines zur Homo­ero­tik glei­cher­ma­ßen, die nur der Künst­ler in sich ver­ei­ni­gen und im Werk gestal­ten« kön­ne.41 Ähn­lich wie Oli­ver Fischer kri­ti­siert auch Lah­me die gän­gi­ge Tho­­mas-Mann-For­­schung, die das The­ma der Homo­se­xua­li­tät zuguns­ten des Künst­lers Tho­mas Mann her­un­ter­spie­le, und führt unver­öf­fent­lich­te oder »ver­steck­te« Brie­fe des Jugend­freun­des Otto Grau­toff an, in denen Homo­se­xua­li­tät ledig­lich als »spät­pu­ber­tä­re Gefühls­schwan­kun­gen« auf­tauch­te. Die Beschäf­ti­gung mit Tho­mas Manns Homo­se­xua­li­tät sei der aka­de­mi­schen Kar­rie­re nicht beson­ders för­der­lich, wie etwa die Phi­lo­lo­gen Ger­hard Härd­le und Karl Wer­ner Böhm erfah­ren muss­ten, die unter der »Homo­se­xua­li­täts­keu­le« lei­den muss­ten.42 Der schrei­ben­de Bür­ger als Sozia­list Tho­mas Mann wahr­te – mit Lah­mes Wor­ten – die »dis­kre­ten For­men und Mas­ken«, blieb zugleich der »Außen­­sei­­ter-Autor« und der ins Sys­tem inte­grier­te kul­tu­rel­le Aris­to­krat und phi­lo­so­phi­sche Iro­ni­ker, der sich im Grenz­be­reich zwi­schen Reak­ti­on, Tra­di­ti­on und Moder­ne beweg­te und vor­sich­tig bemüh­te, nicht die »roten Lini­en« zu über­schrei­ten.43 Bereits wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges dia­gnos­ti­zier­te Sieg­fried Kra­cau­er, dass der von Tho­mas Mann beschrie­be­ne ästhe­ti­sche Typus vor allem durch »die Sehn­sucht nach der Bür­ger­lich­keit« gekenn­zeich­net ist und »im gro­ßen Strom« mit­schwim­men möch­te, danach trach­tet, ein Kon­for­mist zu sein.44 Der Außen­sei­ter wird zum Mit­läu­fer. Caren Heu­er und Bar­ba­ra Eschen­burg (Hgg.):Mei­ne Zeit: Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie(Königs­hau­sen & Neu­mann, 2025) Wie Juli­us Sonn­tag in sei­nem Bei­trag zur Lübe­cker Aus­stel­lung Mei­ne Zeit: Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie schreibt, war schon der ange­hen­de Schrift­stel­ler (trotz sei­ner an Jean Vigos Zéro de Con­duite gemah­nen­den Revol­te gegen die reak­tio­nä­re Schul­herr­schaft in Lübeck) weni­ger ein »Umstürz­ler« oder »Rebell«, son­dern vor allem dar­um bemüht, »sich mit dem Bestehen­den zu arran­gie­ren, sich klug dar­in ein­zu­rich­ten und sich eine sozia­le Posi­ti­on zu sichern«.45. In sei­ner Zeit (auf die der Titel der Aus­stel­lung als auch einen Vor­trag Manns aus dem Jah­re 1950 anspielt) durch­lief er die his­­to­risch-poli­­ti­­sche wie auch die kul­­tu­­rell-tech­­no­­lo­­gi­­schen Ent­wick­lun­gen vom wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich über die Wei­ma­rer Repu­blik und das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Reich deut­scher Her­ren­men­schen bis zum Exil in Frank­reich, der Schweiz und den USA und schließ­lich in der bipo­la­ren Kon­fron­ta­ti­on des Kal­ten Krie­ges. In dem Vor­trag »Mei­ne Zeit« aus dem Jah­re 1950 the­ma­ti­sier­te Mann – ähn­lich wie Wal­ter Ben­ja­min in sei­nem Essay »Der Erzäh­ler« (1936) – die zeit­li­che Erfah­rung von der Pfer­de­tram­bahn bis zur Gefahr der ato­ma­ren Aus­lö­schung der Mensch­heit durch die Hydro­gen­bom­be.46 Obwohl nicht gänz­lich auf­rich­tig, rühm­te sich der Groß­schrift­stel­ler, er habe sei­ner Zeit »nie ihren Lie­be­die­ner und Schmeich­ler« gemacht (»weder im Künst­le­ri­schen noch im Poli­­tisch-Mora­­li­­schen«) und zeich­ne­te sich selbst als Non­kon­for­mist wider den Zeit­geist (wobei er die eige­ne Will­fäh­rig­keit in der »Kriegs­er­tüch­ti­gung« unter­schlug). Den­noch sprach er eine grund­le­gen­de Wahr­heit aus, näm­lich dass die Lüge nicht allein im tota­len Staat, son­dern auch in der »libe­ra­len Welt« eine Heim­statt gefun­den hat­te, und hell­sich­tig erkann­te Mann: »Auto­kra­tie und Revo­lu­ti­on haben, im Ergeb­nis, ein­an­der gefun­den, und was uns vor Augen steht, ist die auto­kra­ti­sche Revo­lu­ti­on …« Bereits vor der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen »Macht­er­grei­fung« hat­te Mann (wie Caren Heu­er und Bar­ba­ra Eschen­burg in der Ein­lei­tung zum Kata­log der Lübe­cker Aus­stel­lung beto­nen) vor der Mas­sen­ma­ni­pu­la­ti­on durch auto­ri­tä­re Figu­ren gewarnt, vor dem »Zustand von mili­tä­ri­schem Som­na­bu­lis­mus« und einer »Erbö­tig­keit zu jedem Unsinn«, der Mann um 1914 selbst ver­fal­len war. »In Mario und der Zau­be­rer schil­dert Mann«, schrei­ben Heu­er & Eschen­burg, »die Auf­füh­rung eines Hyp­no­si­teurs als Gleich­nis auf die bedin­gungs­lo­se Unter­wer­fung des Ein­zel­nen unter einen auto­ri­tä­ren Füh­rer im Faschis­mus.«47 Tenor der Aus­stel­lung ist die »Erret­tung« des »öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len« Tho­mas Mann, der sich vom »Bour­geois« zum »Citoy­en« wan­del­te. »Der poli­ti­sche Platz des Bür­ger­tums sei an der Sei­te der Sozi­al­de­mo­kra­tie«, resü­mier­te Wil­ly Brandt in sei­nen Memoi­ren die Rol­le Tho­mas Manns und beschrieb ihn als »schrei­ben­den Bür­ger«, der sich zum Sozia­lis­ten wan­del­te.48 Die­sem Nar­ra­tiv folgt auch Hein­rich Dete­ring in sei­nem Essay »Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie«, in dem er Tho­mas Manns Wand­lung in 1920er-Jah­­ren nach­zeich­net. »Der über­le­ge­ne Kri­ti­ker eines ›uner­bitt­lich sozia­len Akti­vis­mus‹ wird«, schreibt Dete­ring, »zum ent­schie­de­nen, invol­vier­ten sozia­len Akti­vis­ten – ein­schließ­lich der Bereit­schaft zu rhe­­to­risch-per­­for­­ma­­ti­­ven Zuspit­zun­gen, die dem Artis­ten nicht immer leicht­fie­len.«49 Als Bei­spie­le für Manns Enga­ge­ment benennt Dete­ring sein öffent­li­ches Ein­tre­ten für die Abschaf­fung des Para­gra­fen 175 (der Homo­se­xua­li­tät unter Stra­fe stell­te), für die Rote Hil­fe (die Kommunist:innen in Haft unter­stütz­te), gegen die NSDAP-Betei­­li­­gung an der Lan­des­re­gie­rung von Thü­rin­gen oder gegen die juris­ti­sche Ver­fol­gung des Wel­t­­büh­­ne-Her­aus­­ge­­bers Carl von Ossietz­ky. Tho­mas Mann und die Poli­tik Kai Sina: Was gut ist und was böse: Tho­mas Mann als poli­ti­scher Akti­vist (Pro­py­lä­en, 2024) »Er pro­tes­tiert 1927 gegen den Jus­tiz­mord an den Anar­chis­ten Nico­la Sac­co und Bart Van­zet­ti in den USA«, schreibt Dete­ring über Tho­mas Mann mit Beru­fung auf Kai Sina, der Manns Repu­ta­ti­on als poli­ti­scher Akti­vist ret­ten und ihn zum Hei­li­gen Tho­mas für die Demo­kra­tie erhe­ben möch­te, wäh­rend er his­to­ri­sche Rea­li­tä­ten oft­mals aus­spart.50 Der Fall von Sac­co & Van­zet­ti bei­spiels­wei­se ist kei­nes­wegs so ein­deu­tig, wie es in der gän­gi­gen Legen­den­dar­stel­lung des »guten Schuh­ma­chers« und »armen Fisch­händ­lers« kol­por­tiert wird, obgleich die Hin­rich­tung ein unbe­streit­bar ekla­tan­tes Kapi­tel in der Geschich­te der US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Klas­sen­jus­tiz dar­stell­te.51 Tho­mas Mann: Zwei Doku­men­ta­tio­nen (SWF 1955 und 1975) Ange­sichts der Ehr­furcht, mit der Tho­mas Mann zu sei­nem 150. Geburts­tag als Strei­ter für die Demo­kra­tie und poli­ti­scher Akti­vist gefei­ert wur­de, der sich »kraft­voll für das mora­lisch Rich­ti­ge« ein­ge­setzt habe (wie Kai Sina in sei­ner hagio­gra­fi­schen Elo­ge behaup­tet52, erscheint die Dis­kus­si­on über die Rol­le Tho­mas Manns als poli­ti­scher Schrift­stel­ler, die der Süd­west­funk (SWF, heu­te SWR) anläss­lich des 100. Geburts­ta­ges des Dich­ters mit dama­li­gen Pro­mi­nen­zen des Kul­tur­be­trie­bes wie Mar­cel Reich-Rani­­cki, Mar­tin Wal­ser, Wal­ter Boeh­lich, Peter Wapnew­s­ki und Kurt Sont­hei­mer sowie eini­gen Abiturient:innen 1975 führ­te, gera­de­zu blas­phe­misch. Wäh­rend der noto­ri­sche Mann-Kri­­ti­ker Boeh­lich – als pfei­fe­rau­chen­der, von den Fra­gen des Rund­funk­mo­de­ra­tors Jür­gen Lode­mann generv­ter Intel­lek­tu­el­ler im roten Pull­over – die gan­ze Ver­an­stal­tung als »rei­ne Pflicht­übung« abkan­zel­te, beschrieb Mar­tin Wal­ser (damals noch in den ideo­lo­gi­schen Sphä­ren der DKP unter­wegs) den »Kol­le­gen« Tho­mas Mann als »nega­ti­ven Modell­fall«. Mit zuneh­men­dem Ver­lauf ver­engt sich die Dis­kus­si­on zu einem Schlag­ab­tausch zwi­schen Reich-Rani­­cki (den Boeh­lich mehr­fach iro­­nisch-süf­­fi­­sant als »unse­ren Lite­ra­t­ur­sach­ver­stän­di­gen« bezeich­net) und Wal­ser, wobei jeder sei­ne Posi­ti­on mit ideo­lo­gi­scher Schü­t­­zen­­gra­­ben-Hin­­ga­­be ver­tei­digt und kein Fuß­breit Abwei­chung wagt. Reich-Rani­­cki – wie sein Leh­rer Georg Lukács ein getreu­er und pas­sio­nier­ter Ver­tei­di­ger Tho­mas Manns – will die Spreu vom Wei­zen tren­nen, näm­lich Hein­rich Mann, dem er die »sozi­al­kri­ti­sche Gesin­nung« und die Pro­duk­ti­on von »schlech­ter, schlud­ri­ger Lite­ra­tur« vor­wirft, von Tho­mas Mann, der noch im Miss­lin­gen gut sei. Als eine Abitu­ri­en­tin ihn nach sei­nen Kate­go­rien für »gute« und »schlech­te« Lite­ra­tur fragt, zieht sich der »Lite­ra­t­ur­sach­ver­stän­di­ge« ins Unge­fäh­re zurück: Was »gut« und »schlecht« sei, müs­se jeder für sich selbst ent­schei­den. Den­noch gibt er als kri­ti­schen Maß­stab aus, Lite­ra­tur dür­fe nicht lang­wei­len, wor­auf­hin Wal­ser mit geziel­ter Pro­vo­ka­ti­on ein­wirft, die »dürf­ti­ge Kon­struk­ti­on« der Novel­le Tonio Krö­ger habe ihn unsag­bar gelang­weilt und Lan­ge­wei­le als Beur­tei­lungs­kri­te­ri­um für Lite­ra­tur sei voll­kom­men deplat­ziert.53 Wäh­rend Mann vor fünf­zig Jah­ren dafür kri­ti­siert wur­de, »nicht der Weg­be­rei­ter poli­ti­schen Fort­schritts« gewe­sen zu sein (wie Boeh­lich kon­sta­tier­te) und sich »zu spät« für den poli­ti­schen Wider­stand ent­schie­den zu haben (1936 warf ihm Eri­ka Mann vor, aus ego­is­ti­schen Grün­den »der gesam­ten Emi­gra­ti­on und ihren Bemü­hun­gen in den Rücken« gefal­len zu sein), wird Mann zu den Jubel­fei­ern sei­nes 150. Geburts­ta­ges als intel­lek­tu­el­ler Leucht­turm in der von Auto­ri­ta­ris­mus und Gewalt bedroh­ten poli­ti­schen Demo­kra­tie umschmei­chelt.54 Heu­ti­ge »Man­no­kra­ten« wie der arri­vier­te Ger­ma­nist Kai Sina (der sich agil & strom­li­ni­en­för­mig durch die von Volks­­­wa­­gen-Stif­­tung und Lich­­ten­­berg-Pro­­fes­­su­­ren geför­der­te Wis­­sen­­schafts- und For­schungs­be­triebs­ar­chi­tek­tur nebst ange­schlos­se­nen Medi­en­agen­tu­ren wie FAZ & Zeit zu han­geln ver­mag) prei­sen Manns Anpas­sungs­ver­mö­gen in den jewei­li­gen Zei­ten. »Es ist vor allem die Art und Wei­se«, umschreibt Sina Manns tak­ti­schen Oppor­tu­nis­mus, »wie der poli­ti­sche Tho­mas Mann dach­te und schrieb, die bis heu­te in hohem Maße inspi­rie­ren kann: sei­ne Bereit­schaft, die Din­ge im Licht der jewei­li­gen his­to­ri­schen Erfah­rung immer wie­der neu zu betrach­ten …«55 Die­se »Neu­be­trach­tung« poli­ti­scher Vor­gän­ge leg­te aber auch eini­ge nega­ti­ve Per­sön­lich­keits­struk­tu­ren des Groß­schrift­stel­lers offen. Am 20. April 1933 ver­merk­te er bei­spiels­wei­se in sei­nem Tage­buch: »Die Revol­te gegen das Jüdi­sche hät­te gewis­ser­ma­ßen mein Ver­ständ­nis, wenn nicht der Weg­fall der Kon­trol­le des Deut­schen durch den jüdi­schen Geist für jenes so bedenk­lich und das Deutsch­tum nicht so dumm wäre, mei­nen Typus mit in den sel­ben Topf zu wer­fen und mich mit aus­zu­trei­ben.« Wolf­gang Tar­now­ski bezeich­net dies mit Recht als »unfass­bar schä­bi­gen Kom­men­tar«, der »Man­no­kra­ten« wie Sina in ihrer per­ma­nen­ten Lob­hu­de­lei ad absur­dum führt.56 Wolf­gang Benz:Exil — Geschich­te einer Ver­trei­bung 1933–1945 (C. H. Beck, 2025) Den­noch greift es zu kurz, Tho­mas Mann das poli­ti­sche Ver­ständ­nis und das Begrei­fen von poli­ti­scher Theo­rie und Pra­xis per se abzu­spre­chen (wie es in der SWF-Dis­­kus­­si­on von 1975 sowohl sei­ne Ver­äch­ter als auch sei­ne Ver­tei­di­ger vor dem Fern­seh­pu­bli­kum exer­zier­ten). Tho­mas Mann hat nicht – wie Wal­ser behaup­te­te – nur »dann und wann Vor­trä­ge gehal­ten«, um dem »Zeit­dienst« Genü­ge zu tun, son­dern enga­gier­te sich vehe­ment gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus nach sei­ner Emi­gra­ti­on in die USA. Im Exil fiel ihm, schreibt Wolf­gang Benz in sei­ner kon­zi­sen und prä­gnan­ten Geschich­te der deut­schen Emi­gra­ti­on nach 1933, »die reprä­sen­ta­ti­ve Rol­le des Lord­sie­gel­be­wah­rers eines ›ande­ren Deutsch­land‹ zu, als Leucht­turm deut­scher Kul­tur und Huma­ni­tät, der die Deut­schen ver­geb­lich zum Wider­stand gegen das Regime Hit­lers beschwor«.57 Tho­mas Mann: Schrif­ten zur Poli­tik, hg. Wal­ter Boeh­lich (Biblio­thek Suhr­kamp, 1970) Daher ist Boeh­lichs Vor­wurf (den er 1948 in einer Rezen­si­on von Dok­tor Faus­tus erhob) unge­recht­fer­tigt, in »Ame­ri­ka« habe sich Tho­mas Mann der »Hei­mat« ent­frem­det. »Der Boden, dem er alles ver­dank­te, hat ihm gefehlt«, schrieb Boeh­lich. »Fern von Deutsch­land hat er etwas sehr Deut­sches schrei­ben wol­len; es ist ihm miß­lun­gen.« Die Schuld orte­te er im »kul­tur­lo­sen« Ame­ri­ka: Es sei, wuss­te Boeh­lich (in deut­scher Über­heb­lich­keit & Arro­ganz) zu berich­ten, »ein Land ohne gro­ße Dich­tung, ohne poe­ti­sche Tra­di­ti­on, ohne leben­di­ge Kri­tik. Sie ist es, die dem altern­den Tho­mas Mann am meis­ten gefehlt hat.«58 Eini­ge Jah­re spä­ter kri­ti­sier­te Boeh­lich Manns feh­len­de poli­ti­sche Kom­pe­tenz dezi­dier­ter: »Der Haß gegen das Unter­men­schen­tum des Faschis­mus ver­klärt die nicht­fa­schis­ti­sche Welt in ihrer Gesamt­heit mit einem über­ir­di­schen Schim­mer«, dia­gnos­ti­zier­te er 1954. In Manns poli­ti­schen Tex­ten wer­de die Ein­sicht in die Wirk­lich­keit der Poli­tik ver­dun­kelt: Frank­lin D.Roosevelt umge­be die Aureo­le des idea­len Poli­ti­kers, wobei Mann Wunsch­vor­stel­lun­gen erlag, die nicht der poli­ti­schen Rea­li­tät ent­spra­chen.59 Zau­dern und Furor Tho­mas Mann: Deut­sche Hörer!Radio­sen­dun­gen nach Deutsch­land(S. Fischer, 2025) Im Gegen­satz zu die­ser Auf­fas­sung sieht ihn Mely Kiyak im Vor­wort zu den neu her­aus­ge­ge­be­nen Rund­funk­re­den Manns für die BBC aus den Jah­ren zwi­schen 1940 und 1945, als Anti­fa­schist, der den Faschis­mus als per­sön­li­chen Angriff ver­stand. Nach Auf­fas­sung Kiyaks gehör­te Mann »zu den ers­ten deut­schen Schrift­stel­lern, die von den Natio­nal­so­zia­lis­ten beläs­tigt, bedroht und gejagt wur­den«.60 Damit unter­schlägt sie aller­dings, dass Autoren wie Erich Müh­sam schon am 28. Febru­ar 1933 durch die SA ver­haf­tet und wenig spä­ter ermor­det wur­den. »Müh­sams poli­ti­sche Über­zeu­gung und sei­ne jüdi­sche Abstam­mung hat­ten ihn zum Opfer des Faschis­mus wer­den las­sen«, erin­ner­te Lien­hard Böh­ning. »Sei­ne Unbeug­sam­keit wur­de zum Sym­bol des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stan­des.«61 Mit sei­nem Pro­test gegen die neu­en faschis­ti­schen Macht­ha­ber hielt sich Mann tak­tisch zurück. »Strei­chung betref­fend einer cen­sur­wid­ri­gen Phra­se im Wag­­ner-Essay über den Natio­na­lis­mus«, heißt es in einem Tage­buch­ein­trag vom 15. März 1933. »Wozu in die­sem Augen­blick die­se Tie­re rei­zen?«62 Den­noch ist der anti­fa­schis­ti­sche Furor sei­ner Rund­funk­re­den nicht zu unter­schät­zen. Ent­ge­gen dem Vor­wurf Boeh­lichs, er habe den Kon­takt zur »Hei­mat« ver­lo­ren, beton­te Mann immer wie­der sein »Deutsch­tum« und sein »Lei­den« an einem Deutsch­land, das »nach dem Wil­len ver­bre­che­ri­scher Gewalt­men­schen« der Welt Unheil zufü­ge. Schon früh (im Janu­ar 1942) sprach Mann davon, dass Juden als »Ver­suchs­ob­jek­te für Gift­gas« die­nen muss­ten, und eini­ge Mona­te spä­ter – im Sep­tem­ber 1942 – berich­te­te er: »In Paris wur­den bin­nen weni­ger Tage 16000 Juden zusam­men­ge­trie­ben, in Vieh­wa­gen ver­la­den und abtrans­por­tiert. Wohin? Das weiß der deut­sche Loko­mo­tiv­füh­rer, von dem man sich in der Schweiz erzählt.«63 Offen­bar war Mann fern­ab der »Hei­mat« bes­ser infor­miert als die deut­sche Bevöl­ke­rung, vor deren Augen jüdi­sche Bürger:innen durch die Städ­te zu den Bahn­hö­fen getrie­ben wur­den und die der »KZ-Pro­­pa­­gan­­da« der Alli­ier­ten kei­nen Glau­ben schen­ken woll­te. Mit­ge­fühl mit den Opfern des »Raub- und Mord­re­gimes« (wie Mann den NS-Staat bezeich­ne­te) hat­ten sie nicht, denn schließ­lich pro­fi­tier­te sie von der anti­jü­di­schen Poli­tik und Pra­xis des Regimes.64 Trotz allem woll­te Mann »Deutsch­land« nicht in Grund und Boden ver­dam­men, son­dern eröff­ne­te ihm die Mög­lich­keit einer »Erret­tung« in einer demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on auf euro­päi­scher Ebe­ne. »Deut­sche Hörer«, ver­kün­de­te er in einer Rund­funk­re­de vom 28. März 1944, »Euro­pa wird sozia­lis­tisch sein, sobald es frei ist. Der sozia­le Huma­nis­mus war an der Tages­ord­nung, er war die Visi­on der Bes­ten in dem Augen­blick, als der Faschis­mus sei­ne schie­len­de Frat­ze über die Welt erhob. Er, der das wahr­haft Neue, Jun­ge und Revo­lu­tio­nä­re ist, wird Euro­pa sei­ne äuße­re und inne­re Gestalt geben, ist nur erst der Lügen­schlan­ge das Haupt zer­tre­ten.« 65 In ihrem Nach­wort zu Manns BBC-Reden wider­spricht Mely Kiyak dem Vor­wurf, er habe Poli­tik nicht ver­stan­den. In ihren Augen war Tho­mas Mann ein »Schrift­stel­ler der Frei­heit«, der ange­sichts der per­sön­li­chen Bedro­hung zum glü­hen­den Demo­kra­ten wur­de. »Weil Poli­tik vor der Ver­nich­tung des Men­schen immer erst den Sprach­miss­brauch betreibt«, argu­men­tiert Kiyak. »Gera­de weil Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler die Macht der Spra­che ken­nen, dient die Ein­mi­schung nicht nur der Men­sch­heits- und Mensch­lich­keits­ver­tei­di­gung, son­dern auch der Ver­tei­di­gung der Spra­che. Wor­te, die Faschis­ten ein­mal im Mun­de hat­ten, sind anschlie­ßend unbrauch­bar.«66 Tho­mas Manns 150. Geburts­tag, Neue Rund­schau (S.Fischer, 2025) Den­noch ist die Kri­tik an Manns Poli­tik­ver­ständ­nis nicht gänz­lich unbe­rech­tigt. »Frei­heit, poli­tisch ver­stan­den, ist vor allem ein mora­­lisch-innen­­po­­li­­ti­­scher Begriff«67, pos­tu­lier­te er im April 1945, wäh­rend er öko­­­no­­misch-gesel­l­­schaf­t­­li­che Kom­po­nen­ten außen vor ließ. Sei­ne Kri­tik beweg­te sich vor allem im Mytho­lo­gi­schen, in Begrif­fen wie »Teu­fel«, »Höl­le« oder »See­le«, in der »Dämo­nie«, die im Dok­tor Faus­tus aus der deut­schen Ver­gan­gen­heit zehr­te, ohne kapi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lun­gen des zurück­lie­gen­den Jahr­hun­derts in Betracht zu zie­hen. In Georg Lukács’ Inter­pre­ta­ti­on war Manns Dämon »ein geschicht­li­cher Kri­ti­ker der gesam­ten bür­ger­li­chen Kul­tur des Impe­ria­lis­mus«. Doch wie Antho­ny Heil­but und ande­re Autoren beschrie­ben, resul­tier­te Manns Ein­sam­keit in »Ame­ri­ka« auch aus einer anti­quier­ten Spra­che, die kaum die gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten in Deutsch­land reflek­tier­te. »In Kali­for­ni­en«, so lau­tet der Tenor bezüg­lich sei­ner Emi­gra­ti­ons­er­fah­rung in einem Essay von Alex­an­der Honold in dem lite­ra­ri­schen Fischer-Fan­­zi­ne Neue Rund­schau zum 150. Geburts­tag der lite­ra­ri­schen »Cash­cow« des Ver­la­ges, »befand Tho­mas Mann sich fern­ab des deut­schen Lite­ra­tur­pu­bli­kums, das er ver­lo­ren hat­te.« 68 Manns »Emi­gra­ti­ons­spra­che« rief in Deutsch­land nach 1945 aggres­si­ve Angrif­fe her­vor. Sym­pto­ma­tisch war das Urteil des kon­ser­va­ti­ven Kul­tur­kri­ti­kers und Ernst-Jün­­ger-Freun­­des Ger­hard Nebel, der Tho­mas Mann 1950 vor­warf, er tre­te »uns als Expo­nent einer bis zur Dumm­heit gehen­den Abnei­gung gegen Deutsch­land ent­ge­gen.« Hel­mut Kie­sel:Schrei­ben in fins­te­ren Zei­ten (C. H. Beck, 2025) Mit Befrem­den notier­te Max Frisch 1949 auf Sylt in sei­nem Tage­buch, mit wel­chem Hass Tho­mas Mann in Frank­furt im Goe­the­jahr emp­fan­gen wur­de. Die Deut­schen, schrieb Frisch, »lech­zen nach Welt­ach­tung«, Mann habe sie, »aber sie kön­nen sich nicht mit ihm ver­brü­dern, ohne daß sie etli­ches zuge­ben müß­ten, was er zu ihrem Unbe­ha­gen gesagt hat – so begnü­gen sich jetzt die meis­ten mit dem Ver­such, ihm die Welt­ach­tung abzu­krat­zen: als könn­ten sie dabei gewin­nen.«69 In sei­nem monu­men­ta­len Werk Schrei­ben in fins­te­ren Zei­ten, in dem Hel­mut Kie­sel das gesam­te Spek­trum der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur zwi­schen 1933 und 1945 (von Roma­nen, Dra­men und Gedich­ten sys­tem­kon­for­mer Autor:innen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Lite­ra­tur über die Wer­ke der »inne­ren Emi­gra­ti­on« bis zu den viel­schich­ti­gen Aus­prä­gun­gen der deutsch­spra­chi­gen Exil­li­te­ra­tur) ana­ly­siert, wider­spricht der Autor vehe­ment den zeit­ge­nös­si­schen deut­schen Nega­­tiv-Kri­­ti­ken (oder »Ver­ris­sen«) von Dok­tor Faus­tus: Der Roman sei »nicht nur das Doku­ment eines tie­fen Lei­dens an Deutsch­land, son­dern auch das Doku­ment einer zwar in For­meln der nega­ti­ven Theo­lo­gie vor­ge­tra­ge­nen, aber nichts­des­to­we­ni­ger reli­gi­ös fun­dier­ten Zuver­sicht auf Zukunft und Hei­lung«. Aller­dings ver­weist Kie­sel – in einem frü­he­ren Werk – auch auf die Ver­an­ke­rung des Mann-Wer­kes in der tra­di­tio­nel­len Roman­form des 19. Jahr­hun­derts (trotz aller »Tech­nik der iro­ni­schen Illu­si­ons­bre­chung«), wäh­rend Repräsentant:innen einer avan­cier­ten Moder­ni­tät wie James Joy­ce oder Alfred Döb­lin mit dem rea­lis­ti­schen Illu­sio­nis­mus bra­chen.70 Wie Joseph Con­rad, des­sen Roma­ne Lord Jim und Nostro­mo er auf sei­ner Euro­­pa-Rei­­se 1951 mit »Ergrif­fen­heit«, »Lie­be und Bewun­de­rung« las und in denen eine laten­te Homo­se­xua­li­tät aus den Frus­tra­tio­nen des dépay­se­ment (wie Robert Ald­rich schreibt) als Sub­text in die Erzäh­lung geschmug­gelt wur­de, konn­te er dem poli­ti­schen Leben wenig abge­win­nen, auch wenn er von der Bewun­de­rung gegen­über Frank­lin D. Roo­se­velt »über­mannt« wur­de. Trotz allem blieb er (mit den Wor­ten Peter Gays) ein »kul­tu­rel­ler Aris­to­krat und phi­lo­so­phi­scher Iro­ni­ker«, der »bis zum letz­ten Seuf­zer« dem lite­ra­ri­schen Rea­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts ver­haf­tet war.71 Lübeck als geis­ti­ge Lebens­form Tho­mas Mann: Lübeck als geis­ti­ge Lebens­form, Hör­buch­fas­sung von Chris­ti­an Brück­ner (vacat, 2005) In sei­nem Vor­trag »Lübeck als geis­ti­ge Lebens­form« beschrieb sich Tho­mas Mann als Künst­ler und Schrift­stel­ler, der »ein Lübe­cker geblie­ben« sei und ver­or­te­te sich in der sprach­li­chen Land­schaft der Stadt, die sich in »Stim­mung, Stimm­klang, Ton­fall, Dia­lekt, als Hei­mat­laut, Musik der Hei­mat« äuße­re.72 In Wolf­gang Tar­now­skis Buch Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann ist ein Foto von Manns mit Schreib­tisch, Bücher­re­ga­len, Ses­seln, Bil­dern und Erb­stü­cken aus dem Lübe­cker Eltern­haus abge­bil­det und Tar­now­ski beton­te, dass die »ver­trau­ten Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de die­ses kom­for­ta­blen Refu­gi­ums« den Dich­ter »durchs gan­ze Leben, selbst im Exil« beglei­te­ten, obwohl Lübeck in sei­ner Kin­­der- und Jugend­zeit nach den Erin­ne­run­gen sei­nes Freun­des Otto Grau­toff durch einen »Gefäng­nis­cha­rak­ter« und ein »beson­ders hohes Maß an Kunst- und Kör­per­feind­lich­keit« geprägt war.73 Wäh­rend die wohl­si­tu­ier­ten Lübe­cker Bürger:innen nach dem Erschei­nen der Bud­den­brooks sich über den Skan­dal­ro­man echauf­fier­ten, ist Tho­mas Mann als Wer­be­trä­ger der Stadt über­all in Lübeck prä­sent – nicht nur dort, wo stän­dig das Mar­zi­pan lau­ert und der Nobel­preis­trä­ger sati­risch als »Lübe­cker Mar­zi­pan­bä­cker« ver­höhnt wur­de. Die­se »lite­ra­ri­sche Sati­re« tue ihm gar nicht weh, gab Mann in sei­nem Vor­trag von 1926 zu Pro­to­koll, »denn was Lübeck betrifft, so muß man irgend­wo­her ja sein, und ich sehe nicht ein, wes­halb Lübeck eine lächer­li­che­re Her­kunft sein soll­te als eine ande­re – ich rech­ne es sogar zu den bes­se­ren Her­künf­ten.« Als ich in dem mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ten und aus­ge­such­ten Pro­­sa-Buch­la­­den in der Lübe­cker Alt­stadt74 einen schma­len Band mit Tex­ten Carl von Ossietz­kys erstand, mel­de­te sich Lübecks bekann­tes­ter Bür­ger mit einem Ein­lei­tungs­zi­tat zu Wort als »dank­ba­re und ehr­erbie­ti­ge Hul­di­gung« für jenen Mann, der »den Mär­ty­rer­tod für Frei­heit und Frie­den starb«.75 So kommt man auch heu­te in Lübeck auf Schritt & Tritt nicht an Tho­mas Mann vor­bei. »Tho­mas Mann oder Hört das nie auf?« In einer Lau­da­tio auf Gert West­phal, der von Katia Mann als des »Dich­ters obers­ter Mund« gerühmt wur­de, bemerk­te der lang­jäh­ri­ge Lei­ter der NDR-Kul­­tur­­re­­dak­­ti­on Han­jo Kes­t­ing, dass Tho­mas Mann das am Mor­gen Geschrie­be­ne am Abend im Fami­­li­en- und Freun­des­kreis vor­las, um es »münd­lich zu erpro­ben«. »Erst wenn es dort stand­hielt, durf­te es im Buche ste­hen blei­ben«, wuss­te Kes­t­ing zu berich­ten.76 Über Jahr­zehn­te war Gert West­phal durch »einen unge­wöhn­li­chen Reich­tum an Klang­ges­ten, Klang­spra­che, Klang­re­de, ja Klang­zau­ber« (wie Kes­t­ing in einer gera­de­zu eksta­ti­schen Lau­da­tio aus­rief) prä­sent, wobei Kes­t­ing vor allem die Auf­nah­me der Lesung von Joseph und sei­ne Brü­der wegen ihrer »Fri­sche und Vita­li­tät, in Ver­bin­dung mit Wis­sen und Fein­ge­fühl« her­vor­hob.77 Tho­mas Mann Box (Argon, 2025) In der Argon-Hör­­buch-Edi­­ti­on zu den Wer­ken Tho­mas Manns ragt vor allem die unge­kürz­te Lesung des Zau­ber­bergs her­aus. Der 1961 in Ham­burg gebo­re­ne und in der Schweiz leben­de Schau­spie­ler Tho­mas Sar­ba­cher (der mitt­ler­wei­le auch für den RBB eine Radio-Ver­­­si­on der Bud­den­brooks pro­du­ziert hat78) lie­fert eine zeit­ge­mä­ße Rezi­ta­ti­on des Tex­tes in der Fas­sung von 1924, der jedoch – mit Han­jo Kes­t­ing gespro­chen – die Trans­for­ma­ti­on in eine ent­rück­te Klang­welt, in »Sprach­ma­gie und Wort­zau­ber, sug­ges­tiv und ein­sau­gend wie sonst nur Musik« fehlt.79 Tho­mas Mann: Mario und der Zau­be­rer, Hör­buch­fas­sung von Gert West­phal (NDR 1979/Litraton 1996) Ähn­lich ver­hält es sich mit der älte­ren Auf­nah­me von Mario und der Zau­be­rer in der Fas­sung von Peter Matic aus dem Jah­re 2006. »Bis­her hat­te ich immer Gert West­phal für den bes­ten Vor­le­ser der Wer­ke von Tho­mas Mann gehal­ten«, schrieb vor Jah­ren ein Inter­­net-Kri­­ti­ker über die­se Pro­duk­ti­on. »Aber bei die­ser in süd­li­chen Gefil­den spie­len­den Para­bel auf die Ver­führ­bar­keit des Men­schen passt Peter Matic Stim­me bes­ser. Denn in ihr wie­ne­ri­schen Ton­fall hört man die Deka­denz, den Ver­fall der Sit­ten, das Unmo­ra­li­sche bes­ser als in West­phal sono­rer nord­deut­scher Stim­me.«80 Wäh­rend Matics Rezi­ta­ti­ons­leis­tun­gen (bei­spiels­wei­se in der kom­plet­ten Lesung von Mar­cel Prousts Roman­zy­klus Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit) unbe­strit­ten sind, erscheint sei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Erzähl­tex­tes von Mario und der Zau­be­rer stel­len­wei­se exal­tiert und dis­zi­plin­los, wäh­rend West­phals Fas­sung von 1979 restrin­gier­ter und näher am tex­tu­el­len Inge­ni­um der Novel­le ist. West­phal, schrieb Kes­t­ing über den »Vor­le­ser« im Text-Gewe­­be, »ver­sucht uns ein­zu­spin­nen, in sei­nen Bann zu zie­hen, er lang­weilt nie, über­treibt lie­ber als dass er unter­treibt, er lässt uns, wäh­rend er erzählt, nicht spü­ren, wie die Zeit ver­geht, unse­re kost­ba­re Lebens­zeit, die wir zuhö­rend ver­schwen­den«.81 Fami­li­en­bild, von links: Tho­mas Mann, Micha­el Mann, Katia Mann, Golo Mann, Eri­ka Mann, Klaus Mann, Eli­sa­beth Mann. Ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­der Höhe­punkt der Argon-Edi­­ti­on ist der Essay »Tho­mas Mann oder Hört das nie auf?« von C. Bernd Sucher, der die The­ma­tik der Homo­se­xua­li­tät im Leben Tho­mas Mann ähn­lich wie Til­mann Lah­me in sei­ner Bio­gra­fie in kom­pri­mier­ter Form auf­greift und die Fra­gen, ob der Dich­ter – allem Ruhm und Luxus zum Trotz – ein »Geplag­ter« war. »Man denkt wohl«, beginnt der Essay mit einem auto­bio­gra­fisch zu deu­ten­den, von Hans Peter Hall­wachs gele­se­nen Zitat aus Joseph und sei­ne Brü­der: »mit fünf­und­sieb­zig kann’s so schlimm nicht mehr sein mit der Hörig­keit und knech­ti­schen Lust, aber da irrt man sich. Das hält aus bis zum letz­ten Seuf­zer.«82 Damit ist die Exis­tenz Tho­mas Manns, der in sei­nen Roma­nen (mit den Wor­ten C. Bernd Suchers) die kal­te Wirk­lich­keit sub­li­mier­te, chif­frier­te und kaschier­te, tref­fend beschrie­ben. Am Ende hat­te sich der Dich­ter gegen sich selbst und die mög­li­chen Rea­li­tä­ten im Sin­ne der Kunst ver­schwo­ren. Wie Sieg­fried Kra­cau­er 1915 kon­sta­tier­te, blüh­te der Dich­ter in sei­ner Sehn­sucht nach Bür­ger­lich­keit wie sei­ne Figu­ren auf und ver­ging pflan­zen­haft. © Jörg Auberg 2026 Dank­sa­gung Für die freund­li­che Über­las­sung von Rezen­si­ons­exem­pla­ren dan­ke ich den Ver­la­gen S. Fischer, Rowohlt, DVA, dtv, Pro­py­lä­en, Ellert & Rich­ter, Königs­hau­sen & Neu­mann und C. H. Beck sowie Argon, DAV und die­Ge­hör­Gäng. Beson­de­rer Dank für Unter­stüt­zung & Anre­gun­gen gilt Caren Heu­er (Bud­den­brook­haus Lübeck) und Maria Nowot­nick (Argon Ber­lin). Biblio­gra­phi­sche Daten Hein­rich Bre­lo­er.Ein tadel­lo­ses Glück:Der jun­ge Tho­mas Mann und der Preis des Erfolgs.Mün­chen: DVA, 2024.464 Sei­ten, 26 Euro.ISBN: 978–3‑4210–7036‑4. Hein­rich Bre­lo­er.Ein tadel­lo­ses Glück:Der jun­ge Tho­mas Mann und der Preis des Erfolgs.Gele­sen von Hanns Zisch­ler.Ber­lin: Der Audio-Ver­­lag (DAV), 2024.2 MP3-CDs, Lauf­zeit 14:17 Stun­den, 25 Euro.ISBN: 978–3‑7424–3284‑1. Kers­tin Hol­zer.Tho­mas Mann macht Feri­en: Ein Som­mer am See.Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch, 2025.208 Sei­ten, 22 Euro.ISBN: 978–3‑462–00671‑1. Flo­ri­an Illies.Wenn die Son­ne unter­geht:Fami­lie Mann in Sana­ry.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025.336 Sei­ten, 26 Euro.ISBN: 978–3‑10–397192‑7. Flo­ri­an Illies.Wenn die Son­ne unter­geht:Fami­lie Mann in Sana­ry.Gele­sen von Ste­phan Schad.Ber­lin: Argon, 2025.MP3-CD, Lauf­zeit 8:45 Stun­den, 30 Euro.ISBN: 978–3‑7324–8445‑4. Mar­tin Mit­tel­mei­er.Heim­weh im Para­diesTho­mas Mann in Kali­for­ni­en.Köln: Dumont, 2025.192 Sei­ten, 22 Euro.ISBN: 978–3‑7558–0033‑0. Wolf­gang Tar­now­ski.Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann.Ham­burg: Ellert & Rich­ter, 2025.176 Sei­ten, 120 Abbil­dun­gen, 19,95 Euro.ISBN: 978–3‑8319–0882‑0. Til­mann Lah­me.Tho­mas Mann: Ein Leben.Mün­chen: dtv, 2025.592 Sei­ten, 28 Euro.ISBN: 978–3‑423–28445‑5. Oli­ver Fischer.»Man kann die Lie­be nicht stär­ker erle­ben«:Tho­mas Mann und Paul Ehren­berg.Ham­burg: Rowohlt, 2024.304 Sei­ten, 26 Euro.ISBN: 978–3‑498–00389‑0. Mor­ten Høi Jen­sen.The Mas­ter of Con­tra­dic­tions:Tho­mas Mann and the Making of »The Magic Moun­tain«.New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2025.248 Sei­ten, 28 US-$.ISBN: 978–0‑300–23374‑2. Caren Heu­er und Bar­ba­ra Eschen­burg (Hgg.).Tho­mas Manns Der Zau­ber­berg:Fie­ber­traum und Höhen­rausch.Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Bud­den­brook­hau­ses in Lübeck.Würz­burg: Königs­hau­sen & Neu­mann, 2024.176 Sei­ten, 24 Euro.ISBN: 978–3‑8260–8913‑8. Caren Heu­er und Bar­ba­ra Eschen­burg (Hgg.).Mei­ne Zeit: Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie.Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Bud­den­brook­hau­ses in Lübeck.Würz­burg: Königs­hau­sen & Neu­mann, 2025.208 Sei­ten, 24 Euro.ISBN: 978–3‑8260–9341‑8. Kai Sina.Was gut ist und was böse:Tho­mas Mann als poli­ti­scher Akti­vist.Ber­lin: Pro­py­lä­en, 2024.304 Sei­ten, 24 Euro.ISBN: 978–3‑5491–0085‑1. Sascha Michel (Hg.).Tho­mas Manns 150. Geburts­tag.Neue Rund­schau 136, Heft 1.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025.120 Sei­ten, 17 Euro.ISBN: 978–3‑10–809140‑8. Tho­mas Mann.Der klei­ne Herr Frie­de­mann.Eine Novel­le über die ver­nich­ten­den Kräf­te der Lei­den­schaft.Über­ar­bei­te­te Aus­ga­be mit Illus­tra­tio­nen von Karl-Georg Hirsch.Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 2025.96 Sei­ten, 28 Euro.ISBN: 978–3‑7632–7628‑8. Tho­mas Mann.Tonio Kröger/ Mario und der Zau­be­rer.Zwei Erzäh­lun­gen.Mit einem Nach­wort von Vol­ker Wei­der­mann.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025; 55. erwei­ter­te Auf­la­ge.192 Sei­ten, 12 Euro.ISBN: 978–3‑596–21381‑8. Tho­mas Mann.Bud­den­brooks. Ver­fall einer Fami­lie.Mit einem Nach­wort von Dani­el Kehl­mann.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025; 69. erwei­ter­te Auf­la­ge.848 Sei­ten, 18 Euro.ISBN: 978–3‑596–29431‑2. Tho­mas Mann.Der Zau­ber­berg.Mit einem Nach­wort von Kai Sina.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025; 31. erwei­ter­te Auf­la­ge.1072 Sei­ten, 20 Euro.ISBN: 978–3‑596–29433‑6. Tho­mas Mann.Der Tod in Vene­dig.Mit einer Nach­­wort-Erzäh­­lung von Ulrich Tukur.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025; 31. erwei­ter­te Auf­la­ge.144 Sei­ten, 12 Euro.ISBN: 978–3‑596–11266‑1. Tho­mas Mann.Die Erzäh­lun­gen.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2024.992 Sei­ten, 29 Euro.ISBN: 978–3‑10–397647‑2. Tho­mas Mann.Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull.Der Memoi­ren ers­ter Teil.Mit einem Nach­wort von Feli­ci­tas Hop­pe.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025; 58. erwei­ter­te Auf­la­ge.464 Sei­ten, 16 Euro.ISBN: 978–3‑596–29429‑9. Tho­mas Mann.Dok­tor Faus­tus.Das Leben des deut­schen Ton­set­zers Adri­an Lever­kühn,erzählt von einem Freun­de.Mit einem Nach­wort von Micha­el Lenz.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025; 44. erwei­ter­te Auf­la­ge.704 Sei­ten, 20 Euro.ISBN: 978–3‑10–492290‑4. Tho­mas Mann.Zur Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie:Poli­ti­sche Schrif­ten.Her­aus­ge­ge­ben von Kai Sina und Mat­thi­as LöweFrankfurt/Main: S. Fischer, 2025.288 Sei­ten, 16 Euro.ISBN: 978–3‑596–71166‑6. Tho­mas Mann.Deut­sche Hörer!Radio­sen­dun­gen nach Deutsch­land.Mit einem Vor­wort und einem Nach­wort von Mely Kiyak.Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025.272 Sei­ten, 24 Euro.ISBN: 978–3‑10–397685‑4. Tho­mas Mann.Bud­den­brooks. Ver­fall einer Fami­lie.Unge­kürz­te Lesung mit Gert West­phal.Ber­lin: Der Audio-Ver­­lag (DAV), 2025.Digi­ta­le Aus­ga­be.Lauf­zeit 27:47 Stun­den, 39,95 Euro.ISBN: 978–3‑7424–3607‑8. Tho­mas Mann.Der Zau­ber­berg.Gekürz­te Lesung mit Gert West­phal.Ber­lin: Der Audio-Ver­­lag (DAV), 2024.2 MP3-CDs, Lauf­zeit 18:26 Stun­den, 26 Euro.ISBN: 978–3‑7424–3356‑5. Tho­mas Mann.Dok­tor Faus­tus.Das Leben des deut­schen Ton­set­zers Adri­an Lever­kühn,erzählt von einem Freun­de.Gekürz­te Lesung mit Gert West­phal.Ber­lin: Der Audio-Ver­­lag (DAV), 2024.3 MP3-CDs, Lauf­zeit 28:08 Stun­den, 29 Euro.ISBN: 978–3‑7424–3354‑1. Tho­mas Mann.Lot­te in Wei­mar.Unge­kürz­te Lesung mit Gert West­phal.Ber­lin: Der Audio-Ver­­lag (DAV), 2024.2 MP3-CDs, Lauf­zeit 16:27 Stun­den, 26 Euro.ISBN: 978–3‑7424–3352‑7. Tho­mas Mann.Joseph und sei­ne Brü­der.Gekürz­te Lesung mit Gert West­phal.Ber­lin: Der Audio-Ver­­lag (DAV), 2024.3 MP3-CDs, Lauf­zeit 33:37 Stun­den, 34 Euro.ISBN: 978–3‑7424–3350‑3. Tho­mas Mann.Tho­mas Mann Box: Argon Edi­ti­on. Der Zau­ber­berg.Gele­sen von Tho­mas Sar­ba­cher, befasst sich mit den The­men Zeit, Krank­heit und Ver­fall, wäh­rend der Prot­ago­nist Hein­rich Mann in einem Sana­to­ri­um die Abgrün­de der mensch­li­chen Exis­tenz erkun­det.Lauf­zeit: 38:36 Stun­den.Der Tod in Vene­dig.Gele­sen von Gerd Wame­ling, ist eine bewe­gen­de Novel­le, in der die The­men Ästhe­tik und Deka­denz im Mit­tel­punkt ste­hen, als Gus­tav von Aschen­bach in das ver­füh­re­ri­sche Vene­dig reist und dort in einen gefähr­li­chen Stru­del aus Lei­den­schaft und Krank­heit gerät.Lauf­zeit: 3:34 Stun­den.Mario und der Zau­be­rer.Gele­sen von Peter Matić, erzählt die fes­seln­de Geschich­te eines Magi­ers, der in einer ita­lie­ni­schen Stadt das Publi­kum mit sei­ner gewag­ten Zau­ber­kunst in den Bann zieht, was bald in eine erschre­cken­de Wen­dung mün­det.Lauf­zeit: 2:13 Stun­den.Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull.Gele­sen von Boris Alji­no­vić, schil­dert die Aben­teu­er des char­man­ten Betrü­gers Felix Krull, des­sen schil­lern­de Per­sön­lich­keit und Mani­pu­la­ti­ons­ge­schick ihn durch die Gesell­schaft der obe­ren Klas­sen in die uner­war­tets­ten Situa­tio­nen füh­ren.Lauf­zeit: 14:37 Stun­den.Tho­mas Mann oder Hört das nie auf?Essay von C. Bernd Sucher.Spre­cher: Hans Peter Hall­wachs, C. Bernd Sucher u. a., beleuch­tet auf ein­drucks­vol­le Wei­se die Wir­kung und das Erbe von Manns Werk sowie des­sen Ein­fluss auf die moder­ne Lite­ra­tur und das kul­tu­rel­le Gedächt­nis Euro­pas.Lauf­zeit: 1:20 Stun­den. Ber­lin: Argon, 2025.8 MP3-CDs, Lauf­zeit 60 Stun­den, 70 Euro.ISBN: 978–3‑8398–2207‑4. Colm Tói­bín.Der Zau­be­rer.Gele­sen von Tho­mas Schen­del.Ber­lin: die­Ge­hör­Gäng, 2025.MP3-Down­load, Lauf­zeit 20:40 Stun­den, 21,95 Euro.ASIN: B0DVC5B3SR. Wolf­gang Benz.Exil: Geschich­te einer Ver­trei­bung 1933–1945.Mün­chen: C. H. Beck, 2025.407 Sei­ten, 36 Euro.ISBN: 978–3‑406–82933‑8. Hel­mut Kie­sel.Schrei­ben in fins­te­ren Zei­ten:Geschich­te der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur 1933–1945.Mün­chen: C. H. Beck, 2025.1392 Sei­ten, 68 Euro.ISBN: 978–3‑406–71611‑9. Han­jo Kes­t­ing.Mach’s einer nach:Gesam­mel­te Lob­re­den.Han­no­ver: Wehr­hahn Ver­lag, 2025.288 Sei­ten, 25 Euro.ISBN: 978–3‑98859–111‑1. Bild­quel­len (Copy­rights)Foto Tho­mas Mann am Schreib­tisch in Nid­den, Juli 1930ETH-Biblio­­thek Zürich, Tho­­mas-Mann-Archiv / Foto­graf: Fritz Kraus­kopf / TMA_0197Cover Mario und der Zau­be­rer (Buch)© Kunst­haus Lübeck­Co­ver Taschen­buch­aus­ga­be von Tho­mas Mann© Fischer Ver­lag­Co­ver Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull© Bücher­gil­de Guten­berg­Co­ver Ein tadel­lo­ses Glück© DVA­Co­ver Heim­weh im Para­dies© Dumont­Co­ver Wenn die Son­ne unter­geht© S. Fischer­Co­ver The Mas­ter of Con­tra­dic­tions© Yale Uni­ver­si­ty Press­Co­ver Der klei­ne Herr Frie­de­mann© Bücher­gil­de Guten­berg­Co­ver »Man kann die Lie­be nicht stär­ker erle­ben«© Rowohlt­Co­ver Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann© Ellert & Rich­ter­Co­ver Tho­mas Mann: Ein Leben© dtv­Co­ver Mei­ne Zeit© Königs­hau­sen & Neu­mann­Co­ver Was gut ist und was böse© Pro­py­lä­enCover Tho­mas Mann: Zwei Doku­men­ta­tio­nen© Film 101TV-Aus­­­schni­t­­te Tho­mas Mann als poli­ti­scher Schrift­stel­ler© SWF (Bear­bei­tung: Jörg Auberg)Cover Exil© C. H. Beck­Co­ver Schrif­ten zur Poli­tik© Biblio­thek Suhr­kamp­Co­ver Deut­sche Hörer!© S. Fischer­Co­ver Neue Rund­schau© S. Fischer­Co­ver Schrei­ben in fins­te­ren Zei­ten© C. H. Beck­Co­ver Lübeck als geis­ti­ge Lebens­form© vacat Ver­lagCover Tho­mas Mann Box© Argon Ver­lagCover Mario und der Zau­be­rer (CD)© Litra­ton Ver­lag­Fo­to Tho­mas Mann liest vor im Arbeits­zim­mer, ca. 1940ETH-Biblio­­thek Zürich, Tho­­mas-Mann-Archiv / Foto­graf: Unbe­kannt / TMA_0543 NachweiseAbra­ham Polon­sky: Inter­views, hg. Andrew Dic­kos (Jack­son: Uni­ver­si­ty of Mis­sis­sip­pi Press, 2013), S. 133–134; Paul Buh­le und Dave Wag­ner, A Very Dan­ge­rous Citi­zen: Abra­ham Lin­coln Polon­sky and the Hol­ly­wood Left (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2001), S. 156–157; Tho­mas Mann, Tage­buch­ein­trag vom 29. März 1950, in: Mann, Tage­bü­cher 1949–1950, hg. Inge Jens (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 180. Zur Bio­gra­fie Polon­skys sie­he auch Jörg Auberg, »Auf­recht gehen: Abra­ham Polon­sky, Hol­ly­wood und die Schwar­ze Lis­te«, Thea­ter­Zeit­Schrift, Nr. 27 (Früh­jahr 1989), S. 120–133. Zu Tho­mas Manns Erfah­run­gen in den USA cf. Tho­mas Mann in Ame­ri­ka, hg. Ulrich Raulff und Ellen Stritt­mat­ter, Mar­ba­cher Maga­zin, Nr. 163/164 (Mar­bach: Deut­sche Schil­ler­ge­sell­schaft, 2018), S. 73, 191 ↩Wolf­gang Tischer, »KI-Cover für Tho­mas Mann: Feh­len­de Bei­ne auf dem Berg«, literaturcafe.de, 22. Juli 2025, https://www.literaturcafe.de/ki-cover-fuer-thomas-mann-fehlende-beine-auf-dem-berg/; sie­he auch Quen­tin Licht­blau, »KI-Slop auf dem Buch­co­ver: Haupt­sa­che was Bun­tes«, https://lichtblau.substack.com/p/ki-slop-auf-dem-buchcover-hauptsache ↩Tho­mas Mann, Bekennt­nis­se des Hoch­stap­lers Felix Krull (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1981), S. 11 ↩Wolf­gang Tischer, »KI-Cover für Tho­mas Mann: Feh­len­de Bei­ne auf dem Berg«, literaturcafe.de, 22. Juli 2025, https://www.literaturcafe.de/ki-cover-fuer-thomas-mann-fehlende-beine-auf-dem-berg/. Redak­tio­nel­le Nach­fra­gen an S. Fischer und Kos­mos Design blie­ben im Übri­gen unbe­ant­wor­tet. ↩Til­mann Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben (Mün­chen: dtv, 2025), S. 219 ↩Lothar Mül­ler, »Der Zau­de­rer«, Süd­deut­sche Zei­tung, Nr. 244, 23. Okto­ber 2025, S. 11 ↩Dwight Mac­do­nald, Against the Ame­ri­can Grain (New York: Ran­dom House, 1962), S. 37. Zu Mac­do­nalds Kul­tur­kri­tik cf. Jörg Auberg, New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le: Eine poli­­tisch-kul­­tu­­rel­­le Geschich­te von Auf­stieg und Nie­der­gang, 1930–2020 (Bie­le­feld: Tran­­script-Ver­­lag, 2022), S. 214–222 ↩Hein­rich Bre­lo­er, Ein tadel­lo­ses Glück: Der jun­ge Tho­mas Mann und der Preis des Erfolgs (Mün­chen: DVA, 2024), S. 15 ↩Bre­lo­er, Ein tadel­lo­ses Glück, S. 231 ↩Kers­tin Hol­zer, Tho­mas Mann macht Feri­en: Ein Som­mer am See (Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch, 2025), S. 45 ↩Hol­zer, Tho­mas Mann macht Feri­en, S. 150 ↩Mar­tin Mit­tel­mei­er, Heim­weh im Para­dies: Tho­mas Mann in Kali­for­ni­en (Köln: Dumont, 2025), S. 15, 31 ↩Mit­tel­mei­er, Heim­weh im Para­dies, S. 47 ↩Cf. Hein­rich Mann, »›Jüdi­schen Glau­bens‹«, in: Hein­rich Mann, Essays und Publi­zis­tik, Bd. 1, hg. Peter Stein (Bie­le­feld: Ais­the­sis Ver­lag, 2013), S. 195–202; Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 96 ↩Flo­ri­an Illies, Wenn die Son­ne unter­geht: Fami­lie Mann in Sana­ry (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025), S. 7, 14 ↩Illies, Wenn die Son­ne unter­geht, S. 21 ↩Illies, Wenn die Son­ne unter­geht, S. 22, 23, 32, 326 ↩Illies, Wenn die Son­ne unter­geht, S. 134 ↩Illies, Wenn die Son­ne unter­geht, S. 135 ↩Jan Drees, »Baden gehen mit Tho­mas Mann«, 27. Okto­ber 2025, https://www.lesenmitlinks.de/baden-gehen-mit-thomas-mann/, zuerst in: Bücher­markt, 24. Okto­ber 2025, https://www.deutschlandfunk.de/florian-illies-wenn-die-sonne-untergeht-familie-mann-in-sanary-102.html ↩Mac­do­nald, Against the Ame­ri­can Grain, S. 37 ↩Illies, Wenn die Son­ne unter­geht, S. 93; Gus­tav Seibt, »Der schwu­le Natio­nal­dich­ter«, Süd­deut­sche Zei­tung, Nr. 184, 12. August 2025, S. 10 ↩Cf. Hans May­er, Außen­sei­ter (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1975), S. 9–29; Karl Wer­ner Böhm, Zwi­schen Selbst­zucht und Ver­lan­gen: Tho­mas Mann und das Stig­ma der Homo­se­xua­li­tät (Würz­burg: Königs­hau­sen & Neu­mann, 1991), S. 116–118; und Ger­hard Härd­le, Män­ner­weib­lich­keit: Zur Homo­se­xua­li­tät bei Klaus und Tho­mas Mann (Frankfurt/Main: Athe­nä­um, 1988), S. 29 ↩Cf. Caro­lin Amlin­ger und Oli­ver Nachtwey, Zer­stö­rungs­lust: Ele­men­te des demo­kra­ti­schen Faschis­mus (Ber­lin: Suhr­kamp, 2025), S. 172–187 ↩Ernst Löwy, Zwi­schen den Stüh­len: Essays und Auto­bio­gra­phi­sches aus 50 Jah­ren (Ham­burg: Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, 1995), S. 137 ↩Tho­mas Mann, Der Zau­ber­berg, Stock­hol­mer Gesamt­aus­ga­be (Stock­holm: S. Fischer, 1950), S. 702 ↩Mor­ten Høi Jen­sen, The Mas­ter of Con­tra­dic­tions: Tho­mas Mann and the Making of »The Magic Moun­tain« (New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2025), S. 29 ↩Wil­liam Troy, »Tho­mas Mann: Myth and Reason« (1938), in Troy, Sel­ec­ted Essays, hg. Stan­ley Edgar Hyman (New Bruns­wick: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 1967), S. 214–215 ↩Cf. Lothar Mül­ler, Her­man Bang (Mün­chen: Deut­scher Kunst­ver­lag, 2011), S. 48–49; Her­man Bang, »Gedan­ken zum Sexua­li­täts­pro­blem«, in: Bang, Micha­el (Ham­burg: Män­ner­schwarm Ver­lag, 2012, Biblio­thek rosa Win­kel, Nr. 63), S. 259–277. Zum Typus des lite­ra­ri­schen oder kul­tu­rel­len Out­laws sie­he Ted Mor­gan, Lite­ra­ry Out­law: The Life and Times of Wil­liam S. Bur­roughs (New York: Hen­ry Holt, 1988); und Charles Cas­il­lo, Out­law: The Lives and Care­ers of John Rechy (Los Ange­les, CA: Advo­ca­te Books, 2002) ↩Ulri­ke Bru­not­te, Zwi­schen Eros und Krieg: Män­ner­bund und Ritu­al in der Moder­ne (Ber­lin: Wagen­bach, 2004), S. 88; Robert Beachy, Gay Ber­lin: Birth­place of a Modern Iden­ti­ty (New York: Alfred A. Knopf, 2014), S. 158–176; Hans Wiss­kir­chen, »Repu­bli­ka­ni­scher Eros: Zu Walt Whit­mans und Hans Blü­hers Rol­le in der poli­ti­schen Publi­zis­tik Tho­mas Manns«, in: »Heim­su­chung und süßes Gift«: Ero­tik und Poe­tik bei Tho­mas Mann, hg. Ger­hard Här­le (Frankfurt/Main: Fischer, 1992), S. 17–40; Tho­mas Mann, »Die Ehe im Über­gang«, in: Mann, Essays II: 1914–1926, hg. Her­mann Kurz­ke, GKFA, 15.1 (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2002), S. 1031; Oli­ver Fischer, »Man kann die Lie­be nicht stär­ker erle­ben«: Tho­mas Mann und Paul Ehren­berg (Ham­burg: Rowohlt, 2024), S. 192 ↩Fischer, »Man kann die Lie­be nicht stär­ker erle­ben«, S. 105–107, Zitat S. 153; Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 205 ↩Wolf­gang Tar­now­ski, Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann (Ham­burg: Ellert & Rich­ter, 2025), S. 11–12 ↩Fischer, »Man kann die Lie­be nicht stär­ker erle­ben«, S. 117 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 109 ↩Tho­mas Mann, Die Erzäh­lun­gen (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2024), S. 139 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 143–144 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 241; Tho­mas Mann, Die Erzäh­lun­gen, S. 238; Law­rence Dur­rell, Das Alex­an­­dria-Quar­­tett, übers. Wal­ter Schü­ren­berg und Maria Carls­son (Zürich: Kam­pa, 2021), S. 842 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 247 ↩Emil Szit­tya, Das Kurio­­si­­tä­­ten-Kabi­­nett (Kon­stanz: See-Ver­­lag, 1923), S. 154–155; Wal­ter Fähn­ders, »Kampf­ob­jekt Homo­se­xua­li­tät«, Ein­lei­tung zu: Erich Müh­sam, Die Homo­se­xua­li­tät: Eine Streit­schrift (Mün­chen: bel­le­ville, 1996), S. 25 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 277 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 343 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 506 ↩Lah­me, Tho­mas Mann: Ein Leben, S. 137; Her­bert Leh­nert und Eva Wes­sell, Tho­mas Mann (Lon­don: Reak­ti­on Books, 2019), S. 15–31 ↩Sieg­fried Kra­cau­er, »Vom Erle­ben des Kriegs« (1915), in: Kra­cau­er, Wer­ke, Bd. 5.1, hg. Inka Mül­­der-Bach (Ber­lin: Suhr­kamp, 2011), S. 20 ↩Juli­us Sonn­tag, »Huma­ne Absichts­lo­sig­keit: Über den Zusam­men­hang von Anthro­po­lo­gie, Ästhe­tik und Poli­tik beim frü­hen Tho­mas Mann«, in: Mei­ne Zeit: Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie, hg. Caren Heu­er und Bar­ba­ra Eschen­burg (Würz­burg: Königs­hau­sen & Neu­mann, 2025), S. 43. Zu Jean Vigos Kino­werk: cf. Film­kri­tik, 12, Nr. 9 (Sep­tem­ber 1968), S. 622–632; und James Tra­vers, »Zéro de Con­duite«, http://www.frenchfilms.org/review/zero-de-conduite-1933.html ↩Tho­mas Mann, »Mei­ne Zeit«, in: Mann, Über mich selbst: Auto­bio­gra­phi­sche Schrif­ten (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2022), S. 13, 22, 24; Wal­ter Ben­ja­min, »Der Erzäh­ler«, in: Ben­ja­min, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 2, hg. Rolf Tie­de­mann und Her­mann Schwep­pen­häu­ser (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1991), S. 439 ↩Tho­mas Mann, Die Erzäh­lun­gen, S. 732; Car­la Heu­er und Bar­ba­ra Eschen­burg, »Mei­ne Zeit ist unse­re Zeit«, in: Mei­ne Zeit: Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie, S. 15; sie­he auch Gert Sau­ter­meis­ter, Tho­mas Mann: »Mario und der Zau­be­rer« (Mün­chen: Fink/UTB, 1981), S. 84–119 ↩Wil­ly Brandt, Links und frei: Mein Weg 1930–1950 (Ham­burg: Hoff­mann & Cam­pe, 2021), S. 39–43 ↩Hein­rich Dete­ring, »Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie«, in: Mei­ne Zeit: Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie, S. 32 ↩Dete­ring, »Tho­mas Mann und die Demo­kra­tie«, S. 31; Kai Sina, Was gut ist und was böse: Tho­mas Mann als poli­ti­scher Akti­vist (Ber­lin: Pro­py­lä­en, 2024), S. 102–103 ↩Zum his­to­ri­schen Hin­ter­grund cf. Paul Avrich, Sac­co and Van­zet­ti: The Anar­chist Back­ground (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 1991), und Paul Avrich, »Sac­co and Vanzetti’s Reven­ge«, in: The Lost World of Ita­­li­an-Ame­ri­­can Radi­cal­ism: Poli­tics, Labor, and Cul­tu­re, hg. Phil­ip Can­nis­tra­ro und Gerald Mey­er (West­port, CT: Prae­ger, 2003), S. 163–169; Bernd Grei­ner, Weiß­glut: Die inne­ren Krie­ge der USA – Eine Geschich­te von 1900 bis heu­te (Mün­chen: C. H. Beck, 2025), S. 97–98, 129–130 ↩Sina, Was gut ist und was böse: Tho­mas Mann als poli­ti­scher Akti­vist, S. 241 ↩»Tho­mas Mann als poli­ti­scher Schrift­stel­ler«, SWF-Pro­­duk­­ti­on 1975, in: Tho­mas Mann: Zwei Doku­men­ta­tio­nen, Mün­chen: Film 101, o. J., https://www.film101.de/271-thomas-mann-zwei-dokumentationen ↩Wal­ter Boeh­lich, »Zu spät und zu wenig: Tho­mas Mann und die Poli­tik«, Text + Kri­tik: Son­der­band Tho­mas Mann, hg. Heinz Lud­wig Arnold (Mün­chen: edi­ti­on text + kri­tik, ²1982), S. 60; Eri­ka Mann, zitiert in: Klaus Har­precht, Tho­mas Mann: Eine Bio­gra­phie (Rein­bek: Rowohlt, 1996), S. 878; sie­he auch Fre­de­ric Spotts, Cur­sed Lega­cy: The Tra­gic Life of Klaus Mann (New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2016), S. 111–114 ↩Sina, Was gut ist und was böse: Tho­mas Mann als poli­ti­scher Akti­vist, S. 241 ↩Tho­mas Mann, Tage­bü­cher 1933–1934, hg. Peter de Men­dels­sohn (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2003), S. 54; Tar­now­ski, Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann, S. 12 ↩Wolf­gang Benz, Exil: Geschich­te einer Ver­trei­bung 1933–1945 (Mün­chen: C. H. Beck, 2025), S. 44 ↩Wal­ter Boeh­lich, »Tho­mas Manns ›Dok­tor Faus­tus‹«, Mer­kur, 2, Nr. 4 (1948), S. 603 ↩Wal­ter Boeh­lich, »Altes und Neu­es von Tho­mas Mann«, Mer­kur, 8, Nr. 1 (Janu­ar 1954), S. 85; sie­he auch den Brief an Golo Mann vom 31. Juli 1969 anläss­lich der Her­aus­ga­be der poli­ti­schen Schrif­ten Tho­mas Manns in der Biblio­thek Suhr­kamp, in: Wal­ter Boeh­lich, »Ich habe mei­ne Skep­sis, mei­ne Kennt­nis­se und mein Gewis­sen«: Brie­fe 1944 bis 2000, hg. Chris­toph Kapp und Wolf­gang Schopf (Frankfurt/Main: Schöff­ling, 2021), S. 339–340 ↩Mely Kiyak, Vor­wort zu: Tho­mas Mann, Deut­sche Hörer! Radio­sen­dun­gen nach Deutsch­land (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2025), S. 11, 20 ↩Lien­hard Böh­ning, Vor­wort zu: »Kennst Du das Land, wo die Faschis­ten blühn?«: Müh­sams poli­ti­scher und lite­ra­ri­scher Kampf gegen den Faschis­mus – Vor­bild für heu­te?, Schrif­ten der Erich-Müh­­sam-Gesel­l­­schaft, Nr. 48 (Lübeck: Erich-Müh­­sam-Gesel­l­­schaft, 2022), S. 6 ↩Tho­mas Mann, Tage­bü­cher 1933–1934, hg. Peter de Men­dels­sohn (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 3 ↩Mann, Deut­sche Hörer!, S. 29, 88, 127–128 ↩Mann, Deut­sche Hörer!, S. 174. Sie­he auch Frank Bajohr und Die­ter Pohl, Mas­sen­mord und schlech­tes Gewis­sen: Die deut­sche Bevöl­ke­rung, die NS-Füh­rung und der Holo­caust (Frankfurt/Main: Fischer, 2008), S. 46, 125; und Robert Gel­l­ate­ly, Back­ing Hit­ler: Con­sent and Coer­ci­on in Nazi Ger­ma­ny (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2001), S. 90–150 ↩Mann, Deut­sche Hörer!, S. 200 ↩Mely Kiyak, Nach­wort zu: Mann, Deut­sche Hörer!, S. 262–263 ↩Mann, Deut­sche Hörer!, S. 232 ↩Mann, Deut­sche Hörer!, S. 220; Georg Lukács, Essays on Tho­mas Mann (Lon­don: Mer­lin Press, 1964), S. 76; Antho­ny Heil­but, Exi­led in Para­di­se: Ger­man Refu­gee Artists and Intellec­tu­als in Ame­ri­ca from the 1930s to the Pre­sent (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1997), S. 298–321; Alex­an­der Honold, »›Der Geist der Erzäh­lung? Den habe ich doch nicht gebor­ro­wed.‹: Emi­gra­ti­ons­spra­che und Spra­che­mi­gra­ti­on bei Tho­mas Mann«, Neue Rund­schau, 136, Nr. 1 (2025), S. 74 ↩Max Frisch, Tage­bü­cher 1946–1949 (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2011, eBook-Ver­­­si­on), S. 269 ↩Hel­mut Kie­sel, Schrei­ben in fins­te­ren Zei­ten: Geschich­te der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur 1933–1945 (Mün­chen: C. H. Beck, 2025), S. 1304; Hel­mut Kie­sel, Geschich­te der lite­ra­ri­schen Moder­ne: Spra­che, Ästhe­tik, Dich­tung im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert (Mün­chen: C. H. Beck, ²2016), S. 318 ↩Tho­mas Mann, Tage­buch­ein­trag vom 7. Juli 1951, in: Mann, Tage­bü­cher 1951–1952, hg. Inge Jens (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 79; Irving Howe, Poli­tics and the Novel (Chi­ca­go: Ivan R. Dee, 2002), S. 76; Robert Ald­rich, Colo­nia­lism and Homo­se­xua­li­ty (Lon­don: Rout­ledge, 2007, eBook-Ver­­­si­on), S. 152; Peter Gay, Wei­mar Cul­tu­re: The Out­si­der as Insi­der (New York: W. W. Nor­ton, 2001), S. 123–124 ↩Tho­mas Mann, »Lübeck als geis­ti­ge Lebens­form«, in Mann, Über mich selbst: Auto­bio­gra­phi­sche Schrif­ten, S. 29, 41 ↩Tar­now­ski, Auf den Spu­ren von Tho­mas Mann, S. 8; Otto Grau­toff, zitiert in: Böhm, Zwi­schen Selbst­zucht und Ver­lan­gen: Tho­mas Mann und das Stig­ma der Homo­se­xua­li­tät, S. 93 ↩»Pro­sa – der Buch­la­den, Ihre Buch­hand­lung in Lübecks Alt­stadt«, https://prosa-buchladen.de/ ↩Tho­mas Mann, »Zum Tode Carl von Ossietz­kys«, in: Carl von Ossietz­ky, Idio­ten­füh­rer durch die Regie­rungs­kri­se: Über die Demo­kra­tie und ihre Fein­de, hg. Alex­an­der Kluy (Wien: Lim­bus, 2025), S. 5 ↩Han­jo Kes­t­ing, Mach’s einer nach: Gesam­mel­te Lob­re­den (Han­no­ver: Wehr­hahn Ver­lag, 2025), S. 69–70 ↩Kes­t­ing, Mach’s einer nach: Gesam­mel­te Lob­re­den, S. 74–75 ↩Tho­mas Mann, Bud­den­brooks, gele­sen von Tho­mas Sar­ba­cher, https://www.radiodrei.de/programm/schema/sendungen/lesung/archiv/20260116_1330.html ↩Kes­t­ing, Mach’s einer nach: Gesam­mel­te Lob­re­den, S. 77 ↩Pon­go­ka­ter, »Der pas­sen­de Vor­le­ser«, https://www.lovelybooks.de/autor/Thomas-Mann/H%C3%B6rbuch-Mario-und-der-Zauberer-220678800‑w/rezension/2680820376/ ↩Kes­t­ing, Mach’s einer nach: Gesam­mel­te Lob­re­den, S. 78 ↩Tho­mas Mann, Joseph und sei­ne Brü­der (in der GKFA-Fas­­sung), (Frankfurt/Main: Fischer, ²2025), S. 1894 ↩ […]
  • Frankfurter Buchmesse 2025Frank­fur­ter Buch­mes­se 202510. Novem­ber 2025Es geht (viel­leicht doch) um das Buch Nach­träg­li­che Mis­zel­len zur Frank­fur­ter Buch­mes­se 2025 In alten Über­lie­fe­run­gen erschei­nen die frü­he­ren Zei­ten der Frank­fur­ter Buch­mes­se oft gla­mou­rös, dra­ma­tisch und aben­teu­er­lich, als wäre die Jagd nach Lizen­zen und Buch­ver­trä­gen aus über­dreh­ten Screw­­ball-Komö­­di­en abge­kup­fert. In sei­nen Remi­nis­zen­zen an den legen­dä­ren Ver­le­ger Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt berich­te­te Fritz J. Rad­datz, wie das Rin­gen um die deut­schen Rech­te am doku­men­ta­ri­schen Bericht über die Ermor­dung John F. Ken­ne­dys des US-His­­to­ri­kers Wil­liam Man­ches­ter (der zu einem Best­sel­ler wer­den soll­te) zwi­schen den Ver­la­gen Rowohlt und Fischer wegen einer »Grip­pe« Ledig-Rowohlts (der ohn­mäch­tig unter dem Tele­fon in sei­nem Zim­mer im Grand­ho­tel »Hes­si­scher Hof« lag) zuguns­ten von Fischer aus­ging. »Auf der Mes­se«, resü­mier­te Rad­datz in sei­nen Erin­ne­run­gen, »haben immer alle die Grip­pe – das ist eine Krank­heit, die aus den Fol­gen von Auf­re­gung, zu viel Ziga­ret­ten, zu viel Reden, zu viel Alko­hol und zu wenig Schlaf besteht. Sie ist anste­ckend.«1 Der Buch­han­del in der Kri­se Mitt­ler­wei­le herrscht weit­aus weni­ger Auf­re­gung. Die Buch­han­dels­kri­se zeigt ihre Aus­wir­kun­gen: Nach­dem der Suhr­­kamp-Ver­­lag die tra­di­ti­ons­um­weh­te Unseld-Vil­­la in der Frank­fur­ter Klet­ten­berg­stra­ße ver­hö­ker­te, kön­nen es sich Kritiker*innen beim Sekt­emp­fang nicht mehr auf dem Sofa bequem machen, auf dem schon Samu­el Beckett saß. »Kaum Par­tys gro­ßer Ver­la­ge, die Büfetts dürf­tig«, nör­gel­te ein Kri­ti­ker, wäh­rend es doch – wie die Kurt-Wolff-Stif­­tung als Inter­es­sen­ver­tre­tung unab­hän­gi­ger deut­scher Ver­la­ge jedes Jahr unter­streicht – »um das Buch« gehen soll­te.2 Im Edi­to­ri­al des Kata­logs der Stif­tung wird die Bedeu­tung des gedruck­ten Buches in einem Zeit­al­ter der »elek­tri­schen Implo­si­on« und »tech­no­lo­gi­schen Aus­deh­nung« (wie es Mar­shall McLuhan in 1960er-Jah­­ren aus­drück­te3) noch ein­mal her­vor­ge­ho­ben:  »In einer Welt, in der die sozia­len Medi­en und das Inter­net zuneh­mend von Algo­rith­men und KI geprägt sind, laden Bücher ein zur dif­fe­ren­zier­ten und reflek­tier­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit The­men und kon­tro­ver­sen Mei­nun­gen. Bücher ent­füh­ren in frem­de Wel­ten, ermög­li­chen das Begrei­fen unbe­kann­ter Sach­ver­hal­te, sor­gen für Unter­hal­tung und Span­nung. Immer wie­der über­rascht die Bücher­welt in ihrer uner­schöpf­li­chen Gen­­re-Viel­­falt – von Pro­sa über Essay, Lyrik, Kri­mi, Thea­ter­stück, Gra­phic Novel bis zu Sach- und Kin­der­buch – mit krea­ti­ven Ideen, Inhal­ten und For­ma­ten.«4 Auch wenn Kri­ti­ker mit Blick »auf all­ge­gen­wär­ti­ge Ess­stän­de, Tom­bo­las und Insta­­gram-tau­g­­li­che Foto­wän­de« die »Even­ti­sie­rung« der Buch­mes­se bemän­gel­ten5, erklär­te die uner­schüt­ter­li­che Mes­se­lei­tung im Rah­men ihres abschlie­ßen­den Hee­res­be­richts, dass es im Wes­ten außer Erfol­ge nichts Neu­es zu ver­mel­den gebe. Mit den Wor­ten des Buch­mes­sen­di­rek­tors Juer­gen Boos:  »Wir schau­en zurück auf fünf erfolg­rei­che und inten­si­ve Tage. Die Frank­fur­ter Buch­mes­se bleibt auf Wachs­tums­kurs. Wir haben erneut mehr Besu­che­rin­nen und mehr Aus­stel­ler als im Vor­jahr. Unse­re Stär­ke ist, dass in Frank­furt Buch­pro­fis und Lite­ra­tur­lieb­ha­ber aus aller Welt zusam­men­kom­men. Wir ver­ei­nen Markt­platz und Fes­ti­val der Lite­ra­tur.«6 KI als Bedro­hung und Uto­pie Auf dem Jahr­markt der Eitel­kei­ten und fort­schrei­ten­den »Kapi­ta­li­sie­rung des Geis­tes«7 (um einen Begriff Georg Lukács’ zu ver­wen­den) domi­nier­te das tech­no­lo­gi­sche The­ma der »Künst­li­chen Intel­li­genz« (KI), wobei das Spek­trum von Bedro­hung und Abwehr, Skep­sis und wohl­wol­len­der Neu­gier bis zu Eupho­rie und uto­pi­scher Schwär­me­rei reich­te.  In einem Vor­trag über die Ent­wick­lung der »künst­li­chen Intel­li­genz« im Publi­s­hing-Bereich lote­te Stef­fen Mei­er, Her­aus­ge­ber des Online-Por­­tals Digi­tal Publi­shing Report, Rea­li­tä­ten und Mög­lich­kei­ten des KI-Ein­­sa­t­­zes im Ver­lags­we­sen aus, wobei die Argu­men­ta­ti­on etwas an Hans Magnus Enzens­ber­gers Medi­en­theo­rie der 1970er-Jah­­re erin­ner­te: Statt im »Schwan­ken zwi­schen Angst und Ver­fal­len­heit« schließ­lich zu erstar­ren, soll­ten Beschäf­tig­te im Ver­lags­we­sen die neue »mobi­li­sie­ren­de Kraft« der KI für sich und ihre Arbeits- und Pro­zess­ge­stal­tung nut­zen.8 Wäh­rend Mei­er den KI-Sprach­­mo­­del­­len die Fähig­keit zu »ech­ter krea­ti­ver Intel­li­genz« abspricht, ist Nadim Sadek – Grün­der des Unter­neh­mens »Shimmr AI«, das auf auto­ma­ti­sier­te Wer­bung für Buch­ver­la­ge und Musik-Labels spe­zia­li­siert ist und KI-betrie­­be­­nes Mar­ke­ting für »ver­nach­läs­sig­te« Titel betreibt – weit­aus eupho­ri­scher über den KI-Ein­­satz im Publi­s­hing-Bereich. Die Grund­the­se sei­nes Buches Qui­ver, don’t Qua­ke ist, dass »künst­li­che Intel­li­genz« ein Instru­ment zur Eman­zi­pa­ti­on mensch­li­cher Krea­ti­vi­tät sei. Es gäbe acht Mil­li­ar­den Men­schen auf der Erde, und davon habe die Mehr­heit nie­mals die Mög­lich­keit gehabt, ihre Krea­ti­vi­tät aus­zu­drü­cken, obwohl jeder ein­zel­ne Mensch eine krea­ti­ve Vor­stel­lung, eine Erkennt­nis, einen Traum besit­ze. Zu die­sem schöp­fe­ri­schen Aus­druck befä­hi­ge sie die »künst­li­che Intel­li­genz« als »Part­ner« einer »kol­la­bo­ra­ti­ven Krea­ti­vi­tät«.9 Vie­les in die­ser eupho­ri­schen, wenn nicht hys­te­ri­schen Pro­pa­gan­da für die »künst­li­che Intel­li­genz« erin­nert an die Begeis­te­rung für die Indienst­nah­me der Tech­nik für eine schein­ba­re pro­gres­si­ve Fort­ent­wick­lung der Mensch­heit, etwa die glo­ba­le Elek­tri­fi­zie­rung oder die Besei­ti­gung der Käl­te. Die Uto­pie war bei­spiels­wei­se ein »Sibi­ri­en ohne Eis«10. Als »Kon­sum­psy­cho­lo­ge« erscheint Sadek wie ein kapi­ta­lis­ti­scher Wie­der­gän­ger Leo Trotz­kis, der 1923 über die »psy­chisch-phy­­si­­sche Selbst­er­zie­hung« des Men­schen »bis zur höchs­ten Leis­tungs­fä­hig­keit« schwa­dro­nier­te. Das Ziel war: »Der durch­schnitt­li­che Mensch wird sich bis zum Niveau eines Aris­to­te­les, Goe­the oder Marx erhe­ben.«11 Bezeich­nen­der­wei­se fokus­sier­te sich die Dis­kus­si­on über die »künst­li­che Intel­li­genz« auf die Aus­wir­kun­gen in der Pro­duk­ti­on und Pro­zess­ge­stal­tung im Publi­s­hing-Bereich oder auf die Fra­ge, in wel­chem Maße KI-pro­­du­­zier­­te Tex­te die »Buch­han­dels­welt« ver­än­dern oder wor­in die Ver­än­de­rung der Pro­fi­tra­te besteht. Kaum ein Blick wur­de auf die »Para­do­xien des Fort­schritts«, die öko­lo­gi­schen, ethi­schen und mora­li­schen Kos­ten der »Tech­no­lo­gi­sie­rung des Geis­tes« ver­wen­det.12 Die »schö­ne, neue Welt« der KI – als Modell eines digi­ta­len Post-For­­dis­­mus – rekur­riert auf die »uni­ver­sa­le Welt­ener­gie«, die Andrej Pla­to­nov in 1920er-Jah­­ren beschwo­ren hat­te: »Die Elek­tri­fi­zie­rung ist der Anfang der mensch­li­chen Befrei­ung vom Joch der Mate­rie, vom Kampf gegen die Natur um die Ver­än­de­run­gen ihrer For­men: von den schäd­li­chen und unbrauch­ba­ren zu den nütz­li­chen und schö­nen.«13 Die Kos­ten der Elek­tri­fi­zie­rung, die Pla­to­nov in den 1920er-Jah­­ren für die jun­ge Sowjet­uni­on vor­schweb­ten, sind – selbst in den Fan­ta­sien für die Abschaf­fung der Käl­te in Sibi­ri­en – »Pea­nuts« im Ver­gleich zu den Sum­men, wel­che Hi-Tech-Fir­­men wie Nvi­dia, Ope­nAI, Micro­soft, Goog­le und ande­re für die Ent­wick­lung und den Betrieb von hoch­leis­tungs­fä­hi­gen Daten­zen­tren auf­wen­den. Ein ein­zel­nes Daten­zen­trum ver­wen­det so viel Strom wie eine US-ame­ri­­ka­­ni­­sche Groß­stadt wie Phil­adel­phia, und der Ver­brauch wird stei­gen, je mehr die alte Gene­ra­ti­on der Inter­­net-Wer­k­­zeu­­ge wie Goog­le und Bing ihre jün­ge­re Kund­schaft an die KI-Bro­w­­ser wie ChatGPT oder Per­ple­xi­ty/Comet ver­lie­ren wird.14 Wie bereits Mur­ray Book­chin in den 1960er-Jah­­ren unter­strich, muss in der Ver­wen­dung neu­er Tech­no­lo­gien – sol­len sie zur Eman­zi­pa­ti­on von stumpf­sin­ni­gen Pro­zes­sen in der Lebens- und Arbeits­ge­stal­tung ein­ge­setzt wer­den (die sowohl Stef­fen Mei­er als auch Nadim Sedeck pro­pa­gie­ren) – die­ser Ein­satz in einem »syn­the­ti­schen Envi­ron­ment« öko­lo­gisch aus­ba­lan­ciert sein: Allein die »Mach­bar­keit« der Pra­xis »künst­li­cher Intel­li­genz« recht­fer­tigt kei­ne »tech­no­lo­gi­sche Ratio­na­li­tät« ver­selbst­stän­dig­ter Appa­ra­te in Sys­te­men der Herr­schaft, Anpas­sung und Will­fäh­rig­keit, wie sie Her­bert Mar­cu­se zu Beginn der 1940er-Jah­­re beschrieb.15 Der biblio­phi­le Hei­li­gen­schein Sympto­ma­tisch ist die Abwe­sen­heit von Medi­en- und Tech­no­lo­gie­kom­pe­tenz vor allem in der 50+-Generation (wie noch ein­mal die »Ham­bur­ger Woche der Pres­se­frei­heit 2025« unter­strich16) prä­sent. Gegen die Her­aus­for­de­run­gen der »künst­li­chen Intel­li­genz« wer­den alte Vor­ur­tei­le gegen die Gefah­ren neu­er Ent­wick­lun­gen mobi­li­siert, die der Sozio­lo­ge Oli­ver Nachtwey vor Jah­ren unter dem Begriff »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät« rubri­zier­te.17 Ana­log dazu ist die Sen­ti­men­ta­li­tät über das gedruck­te Buch auf der Buch­mes­se in Form von Mer­chan­di­sing oder Ver­an­stal­tun­gen per­ma­nent prä­sent. Ähn­lich wie beim Hype um den »tech­no­lo­gi­schen Impe­ria­lis­mus« der E‑Books vor Jah­ren auf Ver­an­stal­tun­gen und Prä­sen­ta­tio­nen der Frank­fur­ter Buch­mes­se ani­miert die Omni­prä­senz der KI-Tech­­no­­lo­­gie Veranstalter*innen, Verleger*innen und Buchhändler*innen zu sakra­len Mes­sen zum »Blei­be­recht der Bücher«18 (über das Jurek Becker in einer sei­ner Frank­fur­ter Vor­le­sun­gen aus dem Jah­re 1989 mit fei­ner Iro­nie doziert hat­te). In sei­nem Vor­trag erzähl­te Becker von einem Freund, der sei­ne »Biblio­thek« in Kar­tons ver­staut und in den Kel­ler gebracht hät­te. Wäh­rend Becker sich über »die ver­schwun­de­ne Bücher­pracht« ent­täuscht zeig­te, insis­tier­te der Freund, dass es Zeit sei, »Bücher von dem Hei­li­gen­schein zu befrei­en, den sie in den Augen man­cher Leu­te hät­ten«. Der »Idio­ti­sie­rungs­pro­zess« (Lukács bezeich­ne­te es als »Zur-Ware-Wer­­den der Lite­ra­tur«19 im Zeit­al­ter von Bal­zac) habe die Lite­ra­tur und ihr Medi­um – das Buch – ent­zau­bert. »Eine zuneh­mend debi­li­sier­te Gesell­schaft erzwin­ge eine zuneh­mend debi­li­sier­te Lite­ra­tur, nicht umge­kehrt«, lau­tet das Resü­mee des Freun­des.20 Wäh­rend die Buch­mes­se weni­ger der Erkun­dungs­ort für »Lite­ra­tur­lieb­ha­ber« denn für »Buch­pro­fis« ist und zuvör­derst sich über Berei­che wie »New Adult«, Comics, Audio­books und Event-Kul­­tur mit Pro­­mi­­nen­­ten-Zir­­kus auf blau­en und roten Sofas defi­niert, bleibt für den wider­stän­di­gen Besu­cher nur das Resis­­tance-Pro­­gramm, das László Kraszn­ahor­kai (mit der Unter­stüt­zung von Her­man Mel­ville und Mal­colm Lowry) vor dem »Ein­tritt in den Wahn der ande­ren« for­mu­lier­te, u. a. »Resist wha­te­ver seems ine­vi­ta­ble«.21 Die Buch­mes­se ist ein Spek­ta­kel, das die Ware »Buch«, »auch wenn die Ein­bän­de vor Häß­lich­keit schrill­ten«22 (wie es bei Becker heißt), unter gro­ßem Brim­bo­ri­um aus­stellt, wäh­rend die meis­ten Exem­pla­re bereits weni­ge Wochen spä­ter als Remit­ten­den enden. Letzt­lich ist das Buch weni­ger – wie von Apologet*innen der Buch­in­dus­trie behaup­tet – ein »Kul­tur­gut«, son­dern vor allem ein »Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt des Lite­ra­tur-Kapi­ta­lis­mus«23, wie Lukács unter­strich. Das Lei­den am Buch I n sei­nen Glos­sen »Biblio­gra­phi­sche Gril­len« kon­sta­tier­te Theo­dor W. Ador­no: »Ohne die schwer­mü­ti­ge Erfah­rung der Bücher von außen wäre kei­ne Bezie­hung zu ihnen, kein Sam­meln, schon gar nicht die Anla­ge einer Biblio­thek mög­lich.«24 Die Erfah­rung, die Bücher ver­mit­teln, nivel­liert die Buch­mes­se in ihrer Zur­schau­stel­lung der Bücher, wie sie ekla­tant in der Show »Stif­tung Buch­kunst« zum Aus­druck kommt (die auch als »Her­bert­stra­ße des Buch­kunst­hand­wer­kes« in Minia­tur­form ver­kauft wer­den könn­te). Bei Kraszn­ahor­kai heißt es: »Die Rea­li­tät ist kein Hin­der­nis.«25 Das Direk­to­ri­um kennt nur die Gegen­wart des Pro­fits, muss aber einen abge­schot­te­ten Bereich bie­ten, in dem die Erin­ne­rung an bes­se­re Zei­ten auf­recht­erhal­ten wird. Dar­in soll das Unbe­schä­dig­te der Biblio­phi­len kon­ser­viert wer­den. Für Boos & Com­pa­ny ist alles nur Ver­kauf; das Wesen des Buches haben sie jedoch nie begrif­fen. »Leid ist ist die wah­re Schön­heit an den Büchern; ohne es wird sie zur blo­ßen Ver­an­stal­tung kor­rum­piert.«26 In der »ande­ren« Geschich­te des Bör­sen­ver­eins sucht man aller­dings eine kri­ti­sche Geschichts­auf­ar­bei­tung ver­ge­bens. Die Fusio­nie­rung von Lite­ra­tur­kri­tik und Mar­ke­ting wird eben­so beju­belt wie die Toli­­no-Alli­anz gegen die Ama­­zon-Kin­d­­le-Über­­­macht (wäh­rend unab­hän­gi­ge Lösun­gen wie die E‑Book-Rea­­der von InkPad und ande­ren Her­stel­lern kei­ne Erwäh­nung fin­den). Selbst eine kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Öff­nung der Frank­fur­ter Buch­mes­se für rechts­extre­me Ver­la­ge im Jah­re 2017 fin­det in die­ser »ande­ren Geschich­te« nicht statt: Lin­ke und Rech­te sind in die­ser His­to­rio­gra­fie Pole des glei­chen bös­ar­ti­gen Extre­mis­mus. »Am Ende kann man sagen, dass alle gemein­sam auf Kos­ten der Mes­se ihre Publi­ci­ty bekom­men haben.«27 Unter­schla­gen wird bei die­sem »Bericht«, dass Achim Berg­mann (1943–2018), der damals 74-jäh­ri­­ge Ver­le­ger des lin­ken Tri­­kont-Ver­­lags, von einem neo­fa­schis­ti­schen Schlä­ger ver­prü­gelt wur­de, ohne dass die Mes­se­lei­tung oder die Pha­lanx patrouil­lie­ren­der Secu­ri­­ty-Kräf­­te ein­schritt.28 Das Ster­ben der Buch­händ­ler Anläss­lich des hun­dert­jäh­ri­gen Bestehens des »Bör­sen­ver­eins der Deut­schen Buch­händ­ler« hielt Tho­mas Mann am 8. Novem­ber 1925 eine Anspra­che zur Eröff­nung der Mün­che­ner Buch­wo­che, in der er sich gegen die Idee des Füh­rer­tums und für eine Euro­päi­sie­rung des »Buch­we­sens« posi­tio­nier­te. »Das Leben als Geist, als Wort und Gebil­de muß dem mate­ri­el­len, dem soge­nann­ten ›wirk­li­chen‹ Leben vor­an­ge­hen, damit es sich zum Bes­se­ren und Guten gestal­te«, insis­tier­te Mann. »Wie soll­te aus sol­cher Ein­sicht der Mitt­ler des Geis­tes, der Buch­händ­ler, nicht jenes beruf­li­che Pathos zie­hen, von dem ich sprach, und jenen Glau­ben, der sei­nen Buch­fes­ten, die­sen sei­nen wer­ben­den Ver­an­stal­tun­gen zugrun­de liegt!«29 In der Herr­schafts­zeit des Nazis­mus erwies sich der Bör­sen­ver­ein – mit einem Wort Her­mann Kurz­kes – als »hit­ler­gläu­big«, danach als »pro­fit­hö­rig«. Nahe­zu unkri­tisch fei­ert die »ande­re Geschich­te des Bör­sen­ver­eins« Groß­flä­chen­buch­hand­lun­gen wie die 1979 in Mün­chen eröff­ne­te Buch­hand­lung Hugen­du­bel mit »groß­zü­gig bemes­se­nen Prä­sen­ta­ti­ons­flä­chen« sowie »Sitz­ecken oder Lese­inseln« als »Buch­tem­pel«. Von Buchhändler*innen als »Mitt­ler des Geis­tes«, vom »beruf­li­chen Pathos« blieb in die­ser mons­trö­sen Archi­tek­tur der Zur­schau­stel­lung der Ware wenig übrig. Die Unter­neh­men waren nicht – trotz übli­cher Mar­ke­­ting-Losun­­gen – an Lese­rin­nen, son­dern an Konsument*innen und Käufer*innen inter­es­siert. »Die Kun­den soll­ten ent­spannt ver­wei­len kön­nen, sie soll­ten natür­lich aber auch kau­fen«, heißt in der »ande­ren Geschich­te des Bör­sen­ver­eins«. Schließ­lich muss­ten »die mit die­sen gro­ßen Ein­zel­han­dels­flä­chen ver­bun­de­nen hohen Kos­ten« durch »ent­spre­chend hohe Umsät­ze wie­der ein­ge­spielt wer­den«.30 Auf die­sem Bücher­um­schlags­platz sind Buchhändler*innen rea­li­ter auf den Ange­stell­ten­mo­dus ohne jeg­li­ches »beruf­li­ches Pathos« her­un­ter­ge­bro­chen, die – wie Sieg­fried Kra­cau­er bereits über die Ange­stell­ten­kul­tur der Wei­ma­rer Repu­blik schrieb – »unun­ter­bro­chen bana­le Funk­tio­nen« aus­üben und in eine »Aura des Grau­ens« gehüllt sind: »Sie strömt von den ver­wes­ten Kräf­ten aus, die inner­halb der bestehen­den Ord­nung kei­nen Aus­weg gefun­den haben.«31 Die Erin­ne­run­gen Geor­ge Orwells an sei­ne Zeit als Ange­stell­ter in einer Buch­hand­lung sind eher ernüch­ternd. Mas­sen von fünf- bis zehn­tau­send Büchern stie­ßen ihn eher ab. »Der süße Geruch von ver­rot­ten­dem Papier spricht mich nicht mehr an«, lau­te­te sein Resü­mee. »Er ist in mei­nem Geist zu eng mit para­no­iden Kun­den und toten Schmeiß­flie­gen ver­bun­den.«32 Archi­ve des Wider­spruchs Um die­se Mis­zel­len nicht dem alten Wer­­ner-Enke-Spruch »Das wird böse enden«33 zu beschlie­ßen, sei noch auf eine der weni­gen ver­blie­be­nen lin­ken Buch­hand­lun­gen in der Bun­des­re­pu­blik ver­wie­sen: Im letz­ten Jahr leg­te die Buch­hand­lung »Bücher­kis­te« in Sie­gen eine Doku­men­ta­ti­on ihrer fünf­zig­jäh­ri­gen Pra­xis in Form einer »poli­­tisch-lite­ra­ri­­schen Inven­tur« vor, wobei sie sich nicht allein auf nost­al­gi­sche Rück­bli­cke ihrer Mitarbeiter*innen beschränk­te, son­dern in der Tra­di­ti­on der längst ver­bli­che­nen Zeit­schrift Frei­beu­ter auch den »Blick zurück nach vorn« wag­te. Die Doku­men­ta­ti­on ent­hält auch einen Text zur Zukunft der »Bücher­kis­te«, der von dem KI-Tool ChatGPT erstellt wur­de. Ich habe den Anfra­ge­text vari­iert und an das KI-Tool Per­ple­xi­ty wei­ter­ge­lei­tet. Grund­la­ge war fol­gen­den­der Prompt: »Schrei­be bit­te einen län­ge­ren Blog-Text über die ›Bücher­kis­te‹ als eine Oase der lin­ken Dis­kus­si­on in einer mög­li­chen Zukunft in einem poli­tisch auf­ge­la­de­nen Deutsch­land im jour­na­lis­ti­schen Stil von Geor­ge Orwell.«34 Das Ergeb­nis war die­ser Text: Die Bücher­kis­te – Archiv des Wider­spruchs Das Land nennt sich sta­bil, modern, digi­tal fort­schritt­lich. Die Regie­rung spricht von Ein­heit, Sicher­heit, Effi­zi­enz. Doch die poli­ti­sche Ruhe, die dar­aus ent­steht, ist trü­ge­risch. Medi­en und Insti­tu­tio­nen wie­der­ho­len ihre Bot­schaf­ten in end­lo­sen Vari­an­ten, bis Wider­spruch nur noch als Lärm wahr­ge­nom­men wird. Kri­tik exis­tiert, aber sie zir­ku­liert fol­gen­los. Die Gesell­schaft ist nicht ein­ge­schüch­tert, son­dern erschöpft – und Erschöp­fung ist der ver­läss­lichs­te Garant für Kon­for­mi­tät. In die­sem Kli­ma ist die Bücher­kis­te kei­ne Bewe­gung, son­dern eine Reak­ti­on. Ihre Besu­cher – Leh­rer, Ärz­tin­nen, Lager­ar­bei­ter, pen­sio­nier­te Jour­na­lis­ten – fin­den sich hier ein, weil sie nir­gend­wo sonst mehr ernst­haft dis­ku­tie­ren kön­nen. Sie kom­men ohne Paro­len, ohne Fah­nen, ohne Erwar­tung. Sie lesen, ver­glei­chen, for­mu­lie­ren. Sie suchen nach begründ­ba­ren Wahr­hei­ten in einer Umwelt, die nur noch Nar­ra­ti­ve pro­du­ziert. Was hier ent­steht, hat etwas von unter­ir­di­scher Prä­zi­si­on. Die Gesprä­che ver­lau­fen dis­zi­pli­niert, bei­na­he kühl. The­men wie Woh­nungs­not, Arbeits­recht, Mili­ta­ri­sie­rung wer­den sach­lich seziert, als müs­se man ein beschä­dig­tes Organ dia­gnos­ti­zie­ren. Nie­mand erhebt die Stim­me. Die Selbst­be­herr­schung ist Teil des Über­le­bens. Denn die Gren­ze zwi­schen frei­em Den­ken und regis­trier­tem Ver­dacht ist dünn gewor­den. Die Bücher­kis­te ist kein kon­spi­ra­ti­ver Ort, aber sie ist auch kein lega­lis­ti­scher. Sie bewegt sich in dem schma­len Raum, der bleibt, wenn eine Demo­kra­tie ihren inne­ren Wider­spruch nicht mehr aus­hält. Die Behör­den wis­sen, dass sie exis­tiert, und dul­den sie – vor­läu­fig. Die Tole­ranz ist stra­te­gisch: Solan­ge der Wider­spruch klein bleibt, bestä­tigt er nur das Sys­tem. Doch gera­de in die­ser Beschrän­kung liegt ihre Bedeu­tung. Die Bücher­kis­te erin­nert dar­an, dass poli­ti­sche Frei­heit nicht im Hero­is­mus, son­dern im Behar­ren beginnt – im Fort­füh­ren des Gesprächs, auch wenn nie­mand zuhört. Ihre Stär­ke liegt nicht in der Wir­kung, son­dern in der Exis­tenz. Solan­ge Men­schen sich tref­fen, um über Wahr­heit nach­zu­den­ken, ist das Ende der Öffent­lich­keit noch nicht voll­stän­dig. Viel­leicht führt kein direk­ter Weg von hier zur Ver­än­de­rung. Aber ohne Orte wie die­sen bleibt nur Stil­le – und Stil­le ist der Vor­raum der Zustim­mung. Der Begriff »Archiv des Wider­spruchs« hät­te mög­li­cher­wei­se dem Buch­la­­den-Ver­­äch­­ter Geor­ge Orwell gefal­len. © Jörg Auberg ( 10. Novem­ber 2025 ) Biblio­gra­phi­sche Anga­ben: Chris­ti­ne Haug und Ste­pha­nie Jacobs (Hgg.).Zwi­schen Zei­len und Zei­ten: Buch­han­del und Ver­la­ge 1825–2025.Eine ande­re Geschich­te des Bör­sen­ver­eins.Göt­tin­gen: Wall­stein, ²2025.568 Sei­ten, 36 Euro.ISBN: 978–3‑8353–5847‑8. Ben­ja­min Bäu­mer et al.Bücher­kis­te: Eine poli­­tisch-lite­ra­ri­­sche Inven­tur, 1974–2024.Sie­gen: o. V., 2024.224 Sei­ten, 25 Euro.ISBN: 978–3‑00–079906‑8. Nadim Sedek.Qui­ver, don’t Qua­ke: How Crea­ti­vi­ty Can Embrace AI.Lon­don: Mensch Publi­shing, 2025.197 Sei­ten, 20 £.ISBN: 978–1‑912914–89‑0. Bil­der-Copy­rights © Die Bild­rech­te lie­gen bei: Kurt-Wolff-Stif­­tung (Leip­zig), S. Fischer (Frankfurt/Main), Wall­stein (Göt­tin­gen), Mensch Publi­shing (Lon­don), Bücher­kis­te (Sie­gen) sowie Jörg Auberg. Nach­wei­se­Fritz J. Rad­datz, Jah­re mit Ledig: Eine Erin­ne­rung (Rein­bek: Rowohlt, 2015), ePub-Ver­­­si­on, S. 30 ↩Dirk Knipp­hals, »Suhr­­kamp-Emp­­fang auf der Buch­mes­se: Das Unglück zurück­schla­gen«, taz, 19.10.2025, https://taz.de/Suhrkamp-Empfang-auf-der-Buchmesse/!6120181/ ↩Mar­shall McLuhan, Under­stan­ding Media: The Exten­si­ons of Man (Ber­ke­ley: Gink­go Press, 2013), ePub-Ver­­­si­on, S. 8 ↩Kurt-Wolff-Stif­­tung, Edi­to­ri­al zu: Es geht um das Buch: Kata­log der unab­hän­gi­gen Ver­la­ge 2025/26 (Leip­zig: o. V., 2025), ohne Pagi­nie­rung ↩»Zwi­schen Jahr­markt und Bücher­schau: Die Frank­fur­ter Buch­mes­se 2025«, SWR, 19.10.2025, https://www.swr.de/kultur/literatur/frankfurter-buchmesse-2025-kein-groesseres-messe-podium-ohne-ki-debatte-100.html ↩Pres­se­mit­tei­lung der FBM, 19.10.2025, »Frank­fur­ter Buch­mes­se wächst – und ver­bin­det die Welt der Lite­ra­tur«, https://www.buchmesse.de/presse/pressemitteilungen/2025–10–19-frankfurter-buchmesse-waechst-und-verbindet-die-welt-der ↩Georg Lukács, Der his­to­ri­sche Roman (Neu­wied: Luch­ter­hand, 1965), S. 474 ↩Cf. Hans Magnus Enzens­ber­ger, Pala­ver: Poli­ti­sche Über­le­gun­gen (1967–1973) (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1974), S. 92 ↩Nadim Sadek, Qui­ver, don’t Qua­ke: How Crea­ti­vi­ty Can Embrace AI (Lon­don: Mensch Publi­shing, 2025), S. vii, 210 ↩Andrej Pla­to­nov, Frü­he Schrif­ten zur Pro­le­ta­ri­sie­rung 1919–1927, hg. Kon­stan­tin Kamin­ski und Roman Wid­der, übers. Maria Rajer (Wien: Turia + Kant, 2019), S. 176 ↩Leo Trotz­ki, »Lite­ra­tur und Revo­lu­ti­on«, in: Trotz­ki, Denk­zet­tel: Poli­ti­sche Erfah­run­gen im Zeit­al­ter der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on, hg. Iss­ac Deut­scher et al., übers. Har­ry Maòr (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 372–373 ↩Cf. Mur­ray Book­chin, The Phi­lo­so­phy of Social Eco­lo­gy: Essays on Dialec­tal Natu­ra­lism (Chi­co, CA: AK Press, 2022), S. 69; und Isa­bel Far­go Cole, Das Zen­on­zän: Para­do­xien des Fort­schritts (Ham­burg: Edi­ti­on Nau­ti­lus, 2025), S. 141–159 ↩Andrej Pla­to­nov, Dshan oder Die ers­te sozia­lis­ti­sche Tra­gö­die, hg. und übers. Micha­el Leetz (Ber­lin: Quin­tus, 2019), S. 174; Pla­to­nov, Frü­he Schrif­ten zur Pro­le­ta­ri­sie­rung 1919–1927, S. 138) ↩Ste­phen Witt, »Insi­de the Data Cen­ters That Train A.I. and Drain the Elec­tri­cal Grid«, New Yor­ker, 27. Okto­ber 2025, https://www.newyorker.com/magazine/2025/11/03/inside-the-data-centers-that-train-ai-and-drain-the-electrical-grid ↩Mur­ray Book­chin (als »Lewis Her­ber«), Our Syn­the­tic Envi­ron­ment (1962; rpt. East­ford, CT: Mar­ti­no Fine Books, 2018); Book­chin, »Towards a Libera­to­ry Tech­no­lo­gy« (1965), in: Book­chin, Post-Scar­ci­­ty Anar­chism (Oak­land, CA: AK Press, 2004), S. 63–64; Her­bert Mar­cu­se, »Eini­ge gesell­schaft­li­chen Fol­gen moder­ner Tech­no­lo­gie« (1941), in: Mar­cu­se, Schrif­ten, Bd. 3 (Sprin­ge: zu Klam­pen, 2004), S. 290–293 ↩https://www.ndr.de/hamburger-woche-der-pressefreiheit-gemeinsam-gegen-gezielte-desinformation,pressefreiheit-206.html ↩Oli­ver Nachtwey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 17 ↩Jurek Becker, Ende des Grö­ßen­wahns (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1996), S. 85–107 ↩Lukács, Der his­to­ri­sche Roman, S. 474 ↩Becker, Ende des Grö­ßen­wahns, S. 100 ↩László Kraszn­ahor­kai, Im Wahn der Ande­ren, übers. Hei­ke Flem­ming (Frankfurt/Main: Fischer, ²2025), S. 139 ↩Becker, Ende des Grö­ßen­wahns, S. 87 ↩Lukács, Der his­to­ri­sche Roman, S. 474 ↩Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 355 ↩Kraszn­ahor­kai, Im Wahn der Ande­ren, S. 53 ↩Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, S. 356 ↩Mat­thi­as Ulmer, »Kra­wal­le auf der Mes­se«, in: Zwi­schen Zei­len und Zei­ten: Buch­han­del und Ver­la­ge 1825–2025: Eine ande­re Geschich­te des Bör­sen­ver­eins, hg. Chris­ti­ne Haug und Ste­pha­nie Jacobs (Göt­tin­gen: Wall­stein, ²2025), S. 523 ↩Cf. https://moleskinblues.net/2017/10/23/frankfurter-buchmesse-2017/ ↩Tho­mas Mann, »Das deut­sche Buch«, in: Mann, Essays II: 1914–1926, hg. Her­mann Kurz­ke, GFKA, Bd. 15.1 (Frankfurt/Main: Fischer, 2002), S. 1051; und Kom­men­tar, GFKA, Bd. 15.2, S. 733; sie­he auch Cor­ne­li­us Poll­mer, »Toter Mann über Bord«, in: Zwi­schen Zei­len und Zei­ten, S. 219–220 ↩Ernst-Peter Bie­sal­ski, »Der Buch­tem­pel«, in: Zwi­schen Zei­len und Zei­ten, S. 450–451 ↩Sieg­fried Kra­cau­er, Die Ange­stell­ten (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1971), S. 68 ↩Geor­ge Orwell, Essays (Lon­don: Pen­gu­in, 1994), S. 29 ↩Der deut­sche Film, Bd. 7, 1960–1969, hg. Rai­ner Rother et al. (Ber­lin: Hat­je Cantz Ver­lag, 2024), S. 68 ↩Kon­stan­tin Aal, »Die ›Bücher­kis­te‹ Oase des lin­ken Dis­kur­ses im poli­tisch auf­ge­la­de­nen Deutsch­land von 2073«, in: Bücher­kis­te: Eine poli­­tisch-lite­ra­ri­­sche Inven­tur, 1974–2024, hg. Ben­ja­min Bäu­mer et al. (Sie­gen: o. V., 2024), S. 210 ↩ […]
  • Das Elend der FernsehkritikDas Elend der Fern­seh­kri­tik1. Sep­tem­ber 2025Das Elend der Fern­seh­kri­tik Über das Stamp­fen der Fern­seh­ma­schi­ne von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel über die destruk­­tiv-vam­pi­ri­­schen Mög­lich­kei­ten des Fern­se­hens aus dem Jah­re 1970 kon­sta­tier­ten die Film­kri­ti­ke­rin­nen Frie­da Gra­fe und Enno Pata­l­as: »Wir haben bekannt­lich das bes­te Fern­se­hen der Welt – und des­halb auch das schlech­tes­te Kino.«1 Ziel der Kri­tik war ein öffen­t­­lich-rech­t­­li­ches Fern­se­hen, das sich sei­ne Exis­tenz mit dem »Raub­bau am Kino« erkauf­te, um ein attrak­ti­ves Pro­gramm Tag um Tag zu gestal­ten, wäh­rend das Kino zuneh­mend in einer »Vam­pir-Öko­­­no­­mie« öko­no­misch und geis­tig aus­ge­zehrt wur­de.2 Das vam­pi­ris­ti­sche Medi­um  Begeg­nun­gen mit dem Inten­dan­ten: Max Schreck in F. W. Murnaus Nos­fe­ra­tu »Das Fern­se­hen beu­tet blind­lings aus, was das Kino, Thea­ter, Poli­tik und ande­re Medi­en her­vor­brin­gen«, dozier­ten Gra­fe & Pata­l­as. »Was Fern­se­hen sein könn­te? Die­ser Fra­ge ver­sagt sich nie­mand mehr als das Fern­se­hen. Selbst unpro­duk­tiv, bemäch­tigt es sich der Film­ge­schich­te nur, um sie zu ver­wer­ten und zu ver­wurs­ten.« In Para­phra­se der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung hät­ten Gra­fe & Pata­l­as auch schrei­ben kön­nen: »Ewig stampft die Fern­seh­ma­schi­ne«3. Den Pro­gramm­ma­che­rin­nen attes­tier­ten sie nur ein gering ent­wi­ckel­tes Bewusst­sein des Medi­ums jen­seits sei­nes vam­pi­ris­ti­schen und destruk­ti­ven Cha­rak­ters, der sich in der Immer­gleich­heit der Wie­der­ho­lun­gen und im Blick in den »Rück­spie­gel« (rear-view mir­ro­rism) der Medi­en­ge­schich­te (wie Mar­shall McLuhan die­ses rück­wärts­ge­wand­te Ver­hal­ten nann­te4) erschöpf­te. In einer frü­hen Stu­die des kom­mer­zi­el­len US-Fern­­se­hens aus dem Jah­re 1953 kam Theo­dor W. Ador­no zu dem Schluss, dass Fern­se­hen sein Ver­spre­chen oder sei­ne Uto­pie auf­grund der bestehen­den öko­no­mi­schen Macht­ver­hält­nis­se bis­lang nicht rea­li­sie­ren konn­te. »Was aus dem Fern­se­hen wer­den mag, läßt sich nicht pro­phe­zei­en«, kon­sta­tier­te er; »was es heu­te ist, hängt nicht an der Erfin­dung, nicht ein­mal an den beson­de­ren For­men ihrer kom­mer­zi­el­len Ver­wer­tung son­dern am Gan­zen, in wel­ches das Mira­kel ein­ge­spannt ist.«5 In den spä­ten 1960er und den 1970er-Jah­­ren über­nah­men die öffen­t­­lich-rech­t­­li­chen Fern­seh­an­stal­ten auch die Funk­ti­on von Film­pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­men, wel­che die sie­chen­de bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Film­wirt­schaft auf die Rol­le des Bitt­stel­lers in den büro­kra­ti­schen Appa­ra­ten redu­zier­ten. Ziel war es, wie Tors­ten Musi­al in sei­ner Geschich­te der WDR-Fern­­seh­­spiel­a­b­­tei­­lung die­ser Jah­re (unter Beru­fung auf den WDR-Medi­en­un­­ter­­neh­­mer Gün­ter Rohr­bach) schreibt, den deut­schen »Fern­seh­film von sei­ner muf­fi­gen Pro­vin­zia­li­tät« zu befrei­en und eine »Fil­mi­sie­rung des Fern­seh­spiels« zu betrei­ben, wobei sich der Appa­rat die krea­ti­ven Pro­duk­tiv­kräf­te von ambi­tio­nier­ten, auf­stre­ben­den Film­ta­len­ten wie Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der, Edgar Reitz, Rudolf Thome, Klaus Lem­ke, Hans W. Gei­ßen­dör­fer oder Wim Wen­ders zunut­ze mach­te.6 »Die spä­ten 1960er und die 1970er Jah­re waren eine Blü­te­zeit des bun­des­deut­schen Fern­seh­spiels«7, lau­tet die Arbeits­prä­mis­se des Ban­des Die Fern­seh­spiel­re­dak­ti­on des WDR 1965–1979: Ein­sich­ten in die Wirk­lich­keit, der die Geschich­te der WDR-Fern­­seh­­spiel­­pro­­duk­­ti­on jener Jah­re vor allem aus Unter­neh­mer­sicht wie Rohr­bach oder Peter Mär­the­s­hei­mer auf­be­rei­tet, die mit ihrer »jour­na­lis­ti­schen« oder »all­tags­rea­lis­ti­schen« Ori­en­tie­rung die TV-Pro­­duk­­ti­on in eine gesell­schaft­lich aner­kann­te Strö­mung drück­ten, ohne gro­ße Expe­ri­men­te in poli­ti­scher wie tech­ni­scher Hin­sicht zu ermög­li­chen. Dar­in drück­te sich – mit Orson Wel­les gespro­chen – die »Spar­sam­keit des Fern­se­hens« aus, das »Feind der klas­si­schen fil­mi­schen Wer­te« war, »nicht aber des Films sel­ber«.8 Obgleich beim WDR vor­geb­lich ein »gro­ßes Inter­es­se an den jun­gen Regis­seu­ren wegen deren neu­er Sicht auf das Fil­me­ma­chen, wegen der gemein­sa­men Ori­en­tie­rung an der Nou­vel­le Vague« herrsch­te, fan­den for­ma­le Expe­ri­men­te nicht statt. Bei­spie­le für den inno­va­ti­ven Film-Essay in der (selbst-) kri­ti­schen Form (wie ihn Jean-Luc Godard in den spä­ten 1960er und in den 1970er-Jah­­ren ent­wi­ckelt hat­te) fand in der Bun­des­re­pu­blik eher im (inter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­ten) Kon­kur­renz­for­mat Das klei­ne Fern­seh­spiel des ZDF statt, wo Godards Weg­ge­fähr­te Jean-Pierre Gorin in sei­nem Film Rou­ti­ne Plea­su­res (1986) die Film­kri­tik Man­ny Farb­ers mit der Welt US-ame­ri­­ka­­ni­­scher Model­l­ei­­sen­­bahn-Ama­­teu­­re ver­knüpf­te.9 Die »Legen­di­sie­rung« der Fern­seh­ar­bei­ter Eine der prä­gen­den Figu­ren des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Fern­seh­spiels war Wolf­gang Men­ge, der nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges zunächst als Jour­na­list für die neu­en Medi­en­kon­zer­ne Sprin­ger und Gru­ner & Jahr arbei­te­te, ehe er in den Bereich der Film- und Fern­seh­ar­beit wech­sel­te. In sei­ner Men­­ge-Bio­­­gra­­fie Wer war WM? (die ein Auf­guss der »Medi­en­bio­gra­phie« Men­ges aus der For­schungs­kon­fe­renz »Der Tele­vi­sio­när: Wolf­gang Men­ges trans­me­dia­les Werk« aus dem Jahr 2016 dar­stellt10 prä­sen­tiert sich der Autor Gun­dolf S. Frey­er­muth – ein Gon­­zo-Vete­ran des Zei­t­­geist-Jour­na­­lis­­mus der 1980er-Jah­­re – als inni­ger Freund sei­nes Bio­­­gra­­fen-Sub­­­jekts, der über die Tech­nik­be­geis­te­rung sei­nes Freun­des Men­ge von Auto­mo­bi­len (Fiat Bal­il­la und MG TD Mid­get über Jagu­ar bis zur Audi-Limou­­si­­ne) bis zu Schreib­au­to­ma­ten von der Kugel­­kopf-Schrei­b­­ma­­schi­­ne oder zu frü­hen Com­pu­tern wie DOS-Win­­dows oder Mac­in­tosh sich aus­lässt und immer wie­der in den Fokus der eige­nen Erzäh­lung rückt. Gun­dolf S. Frey­er­muth: Wer war WM? (Kul­tur­ver­lag Kad­mos, 2025) Für Frey­er­muth – den neo­li­be­ra­len Zeit­geist­jour­na­lis­ten aus der post­mo­der­nen Pha­lanx von Trans­at­lan­tik, Tem­po und Stern – ist Men­ge eine ideo­lo­gi­sche Pro­jek­ti­ons­flä­che des sys­tem­kon­for­men Jour­na­lis­ten, des Kar­rie­re­men­schen mit beson­de­rem Inter­es­se für Tech­nik & Kapi­tal und des Par­ve­nüs im bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Jus­­te-Milieu, der in Ham­burg, Ber­lin und auf Sylt mit männ­li­cher Deu­tungs­ho­heit sich durch­setzt, wäh­rend ande­re Tei­le der Fami­lie ledig­lich als Anhäng­sel mit­ge­schleppt wer­den.11 Die Geschich­te von Men­ge im Umfeld von Sprin­ger, Gru­ner & Jahr, Kracht & Boe­nisch hät­te das Poten­zi­al für eine pyn­cho­nes­ke Medi­en­er­zäh­lung mit jenem Geist gehabt, »des­sen Vor­na­me eben­so­gut Zeit wie Pol­ter lau­ten konn­te«12, doch Frey­er­muth ist zu sehr in die herr­schaft­li­chen Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Medi­en­in­dus­trie invol­viert, als dass er einen kri­ti­schen Blick auf die Mecha­nis­men der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie rich­ten könn­te. Denis Scheck emp­fiehlt Wer war WM? | WDR 3 Mosa­ik (30.06.2025) Sym­pto­ma­tisch ist die Lob­hu­de­lei des ehe­ma­li­gen Tem­­po-Autors und Lite­ra­tur­ver­käu­fers Denis Scheck, der Men­ge markt­schreie­risch als »Jahr­hun­dert­ge­stalt« und »Tau­send­sas­sa« cha­rak­te­ri­siert13, wäh­rend Men­ges rea­le Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen bei der zeit­ge­nös­si­schen Kri­tik ein eher ver­hal­te­nes Echo fan­den. Das Jür­­gen-Roland-Vehi­kel Unser Wun­der­land bei Nacht (1959), zu dem (neben ande­ren Autoren) Men­ge das Dreh­buch bei­steu­er­te, kom­men­tier­te der Film­kri­ti­ker Diet­rich Kuhl­brodt mit den Wor­ten: »In grau­em Dilet­tan­tis­mus zer­flat­tert das Debü­tan­ten­werk.«14 Auto­ri­tät und Fern­se­hen In jenen Jah­ren resüs­sier­ten Roland und Men­ge vor allem mit der Adap­ti­on der US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Fern­seh­se­rie Drag­net, die zwi­schen 1951 und 1970 eine der erfolg­reichs­ten TV-Shows in den USA war und in der Bun­des­re­pu­blik unter dem Titel Stahl­netz zwi­schen 1958 und 1968 lief. Das US-ame­ri­­ka­­ni­­sche Kon­zept wur­de blank auf das bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Milieu unter Aus­blen­dung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit über­tra­gen. Nie­mals kommt das poli­zei­li­che »Vor­le­ben« der Kom­mis­sa­re (wie etwa der von Rudolf Plat­te – der im Natio­nal­so­zia­lis­mus auch in NS-Pro­­pa­­gan­­da­­fil­­men wie Hit­ler­jun­ge Quex oder Bluts­brü­der­schaft mit­ge­wirkt hat­te – dar­ge­stell­te Kri­mi­nal­ober­kom­mis­sar Fried­rich Rog­gen­burg) in der Zeit von 1933 bis 1945 zum Vor­schein. Stets ist der Kom­mis­sar Auto­ri­täts­fi­gur, die dem Bösen nach­spürt, ohne (mit Erich Fromm gespro­chen) die »gesell­schaft­li­che Auto­ri­täts­struk­tur« (der er selbst ent­stammt) in den kri­ti­schen Blick zu neh­men.15 Roland & Men­ge betrie­ben im Restau­ra­ti­ons­mi­lieu der Ade­n­au­er-Repu­­b­lik Fern­seh­un­ter­hal­tung mit Mit­teln des Poli­zei­staats. Im Zen­trum der Unter­hal­tungs­se­rie Stahl­netz ste­he – zitiert Frey­er­muth den Regis­seur Roland ohne jeg­li­che kri­ti­sche Hin­ter­fra­gung – die »Kri­mi­nal­po­li­zei und ihr Kampf gegen das Ver­bre­chen«.16 Stahl­netz prä­sen­tier­te sich immer wie­der mit der Behaup­tung der Authen­ti­zi­tät, und Frey­er­muth kocht die pseu­do­rea­lis­ti­sche Sup­pe mit einer »Stil­mi­schung aus Neo­rea­lis­mus und Film Noir«17 hoch, um das vor­geb­li­che Stil­ele­ment des »Voice­­o­ver-Kom­­men­­tars« des Film Noir der doku­men­ta­ri­schen Authen­ti­zi­tät der Stahl­­netz-Rei­he unter­zu­ju­beln. »Bei­de Ele­men­te des Erzäh­lens aus dem Off, die Wir­kung des Authen­ti­schen und Objek­ti­ven wie des Fata­len und Sub­jek­ti­ven«, lob­hu­delt Frey­er­muth, »ver­schmilzt WM in sei­nen Stahl­­netz-Dreh­­bü­chern meis­ter­lich.«18 Unter­schla­gen wird frei­lich, dass im Voice­­o­ver-Kom­­men­­tar des Film Noir kei­nes­wegs ledig­lich die Hand­lung vor­an­ge­trie­ben wer­den soll­te, son­dern – wie Karen Hol­lin­ger kon­sta­tier­te – eine kom­ple­xe Refle­xi­vi­tät in der Rea­li­täts­wahr­neh­mung ver­ba­li­siert wur­de.19 Zudem war die ober­fläch­li­che kul­tu­rel­le Aneig­nung (oder Indienst­nah­me) des Film Noir-Stils für deut­sche Kri­mi­nal­fil­me eine noch­ma­li­ge spä­te Rache an den jüdi­schen Emi­gran­tin­nen (die den »Jewish Emi­g­ré Noir« nach ihrer erzwun­ge­nen Emi­gra­ti­on nach Hol­ly­wood begrün­det hat­ten), ohne ein Wort über die Sho­ah und die Ver­strickt­heit vie­ler Deut­scher in die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu ver­lie­ren.20 Auch der spek­ta­ku­lä­re Fern­seh­film Das Mil­lio­nen­spiel (1971), der auf der Kurz­ge­schich­te »The Pri­ze of Peril« (1959) des US-ame­ri­­ka­­ni­­schen Sci­ence-Fic­­ti­on-Autors Robert Sheck­ley beruht und spä­ter von Yves Bois­set unter dem Titel Le prix du dan­ger (1983) ver­filmt wur­de, trans­po­nier­te Men­ge die klas­si­sche US-ame­ri­­ka­­ni­­sche Geschich­te eines ein­sa­men Hel­den, der für den Erfolg auch den Tod in Kauf nimmt, auf die deut­schen Ver­hält­nis­se: Aus Sheck­leys Prot­ago­nis­ten Jim Rae­der wird bei Men­ge der Lever­ku­se­ner Bern­hard Lotz (dar­ge­stellt als typi­scher gesell­schaft­li­cher Under­dog von Jörg Ple­va), der von gedun­ge­nen Kil­lern (der »Köh­­ler-Ban­­de«) bis ins Fern­seh­stu­dio zum »fina­len Ret­tungs­schuss« gejagt wird. Sheck­ley ver­ar­bei­te­te in sei­ner Kurz­ge­schich­te die Mecha­nis­men der Kul­tur­in­dus­trie, wie sie bereits Elia Kazan und Budd Schul­berg in ihrem Dra­ma A Face in the Crowd (1957) the­ma­ti­siert hat­ten.  In Sheck­leys Kurz­ge­schich­te ist das Cha­rak­te­ris­ti­kum des Gejag­ten sei­ne Durch­schnitt­lich­keit, die im Fern­seh­fo­kus heroi­siert wird und im glei­ßen­den Schein­wer­fer­licht zum »Kul­tus des Bil­li­gen« zer­fällt (wie es in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung heißt).21 Die Aura des Bil­li­gen umgibt auch den Chef der »Köh­­ler-Ban­­de«, der wie ein schmie­ri­ger Kri­mi­nel­ler aus fran­zö­si­schen B‑Film-Kri­­mis der spä­ten 1960er-Jah­­re wirkt. Für Rae­der ist das Fern­se­hen (das der Medi­en­so­zio­lo­ge Todd Git­lin spä­ter – in Anklang an den im Kal­ten Krieg popu­lä­ren Begriff des »mili­­tä­risch-indus­­tri­el­­len Kom­ple­xes« – als »Fern­seh-Indus­trie-Kom­plex«22 bezeich­ne­te), eine Stra­ße zu Ruhm & Reich­tum für einen Men­schen ohne beson­de­re Talen­te oder Bil­dung.23 Wäh­rend schon bei Sheck­ley das Fern­seh­sys­tem in Gestalt des JBC Net­work eine bestim­men­de Rol­le in der Erzäh­lung ein­nimmt, schreibt Frey­er­muth dem Dreh­buch­au­tor Men­ge ein beson­de­res Inge­ni­um in der Zeich­nung der »futu­ris­ti­schen tech­ni­schen Basis« des Fern­seh­films zu, die rea­li­ter durch die Musik der Musik­grup­pe Can oder die zei­t­­geis­­tig-psy­che­­de­­li­­schen Show­ein­la­gen von abs­trak­ten bun­ten Mas­sen­or­na­men­ten einer »ratio­na­len Leer­form des Kul­tes« (die bereits Sieg­fried Kra­cau­er in sei­ner Ana­ly­se der Mas­sen­kul­tur in den 1920er-Jah­­ren ana­ly­sier­te) zustan­de kamen.24 Men­ges Fern­seh­spiel, behaup­tet Frey­er­muth, »über­zeich­net den zeit­ge­nös­sisch ein­set­zen Pro­zess der Media­li­sie­rung, der Zurich­tung des All­tags durch und für die Mas­sen­me­di­en, und macht mit die­ser Über­trei­bung die unschein­ba­ren Anfän­ge der ent­ste­hen­den Zukunft aller­erst sicht­bar«.25 Mit aka­de­mi­schem Halb­wis­sen über­höht der »Pro­fes­sor für Game Stu­dies und (Ko-) Grün­dungs­di­rek­tor des Colo­gne Game Lab der TH Köln« (wie ihn sein Ver­lag vor­stellt) Men­ge zum »Tele­vi­sio­när« und das tum­be, unmün­di­ge Fern­seh­pu­bli­kum, das im simu­lier­ten Mör­der­spiel nicht die Fein­hei­ten des sen­sa­tio­na­lis­ti­schen Simu­lak­rum ver­stand. Frey­er­muth argu­men­tiert aus der Per­spek­ti­ve eines feti­schi­sier­ten Tech­ni­k­ap­pa­ra­tes und bür­det den »Mas­sen« die Schuld dafür auf, dass die media­le Pra­xis sie erst zu »Mas­sen« macht. Als Pri­vi­le­gier­ter des Sys­tems wäre es sei­ne intel­lek­tu­el­le Auf­ga­be, an der Bil­dung eines kri­ti­schen Bewusst­seins über die herr­schen­den Ver­hält­nis­se mit­zu­wir­ken, wor­an ihn aller­dings sei­ne medi­al-tech­­ni­­zis­­ti­­sche Tun­­nel-Visi­on hin­dert. »Dies Bewußt­sein wäre zu erwe­cken«, for­der­te Theo­dor W. Ador­no 1963, »und dadurch die­sel­ben mensch­li­chen Kräf­te gegen das herr­schen­de Unwe­sen, die heu­te noch fehl­ge­lei­tet und ans Unwe­sen gebun­den sind«.26 Die vor­geb­li­che Gesell­schafts­kri­tik der aktu­el­len Medi­en­pra­xis zer­fällt in ein zetern­des, auf­ge­motz­tes Wabern des Spek­ta­ku­lä­ren im Sin­ne des »herr­schen­den Unwe­sens«, wobei die »per­fek­tio­nier­te Tech­nik« in der Medi­en­in­sze­nie­rung – wie es bereits in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung hieß – »die Span­nung zwi­schen dem Gebil­de und dem all­täg­lich Dasein her­ab­setzt«27 Damit schlägt die behaup­te­te Medi­en- und Gesell­schafts­kri­tik ins Nich­ti­ge um und per­p­etu­iert die herr­schen­den Ver­hält­nis­se in den Appa­ra­ten. Die Ver­elen­dung im öffent­lich-recht­li­chen Pre­ka­ri­at  »Leben und arbei­ten in den Fern­seh­an­stal­ten«, Film­kri­tik, August 1975 Tat­säch­lich för­der­te das öffen­t­­lich-rech­t­­li­che Fern­se­hen (in ers­ter Linie WDR und NDR) trotz der spä­te­ren Heroi­sie­rung und Legen­den­bil­dung kein kri­ti­sches Bewusst­sein, son­dern repro­du­zier­te »die Klas­­sen- und Schich­ten­struk­tur der Gesell­schaft«28, wie Franz Drö­ge in einer Ana­ly­se der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen des öffen­t­­lich-rech­t­­li­chen Fern­se­hens 1973 schrieb. Wäh­rend sich Wolf­gang Men­ge immer wie­der über die schlech­te Bezah­lung durch öffen­t­­lich-rech­t­­li­che Sen­de­an­stal­ten beklag­te und trotz allem sich Sport­wa­gen und Resi­den­zen in Ber­lin oder auf Sylt leis­ten konn­te29, waren »freie« Mit­ar­bei­te­rin­nen in die­sem Sys­tem von pre­kä­ren Arbeits­be­din­gun­gen gebeu­telt, wo die Opti­on nur zwi­schen »Anpas­sung an den Appa­rat oder Wider­stand aus Koket­te­rie« bestand, wie Harun Faro­cki – ein Mit­glied der Fil­m­­kri­­tik-Redak­­ti­on und ein »frei­er« WDR-Mit­ar­­bei­­ter – schrieb. »Rund die Hälf­te des Gel­des gibt es bei Ablie­fe­rung, den Rest bei Sen­dung und auch dann noch min­des­tens 14 Tage spä­ter. Ohne die Zin­sen für zu spät aus­ge­zahl­te Hono­ra­re hät­ten alle Sen­der ein Stock­werk weni­ger.«30 Nora M. Alter: Harun Faro­cki: Forms of Intel­li­gence (Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 2024) Der WDR war nicht allein eine »Fern­seh­fa­brik« zwi­schen Kom­pli­zen­schaft und Mit­schuld, die Faro­cki in sei­nen Fern­seh­fea­tures und kri­ti­schen Arti­keln reflek­tier­te, son­dern auch ein Expe­ri­men­tier­feld für fil­mi­sche Essays in der Tra­di­ti­on von Godard und Ador­no.31 Wie Nora M. Alter in ihrer Ana­ly­se des Film­werks Faro­ckis in den 1970er- und 1980er-Jah­­ren kon­sta­tier­te, ver­fiel Faro­cki nie auf auto­ri­tä­re Voice-Over-Kom­­men­­ta­­re oder sons­ti­ge Inter­ven­tio­nen von außen, son­dern ließ die Erzäh­lung aus dem Mate­ri­al ent­ste­hen.32 Faro­ckis Essay­fil­me waren – mit Ador­no gespro­chen – »ein ein­zi­ger Pro­test gegen die töd­li­che Ver­su­chung, es sich leicht zu machen, indem man dem gan­zen Glück und der gan­zen Wahr­heit ent­sagt. Lie­ber am Unmög­li­chen zugrun­de gehen.«33 Faro­cki pro­jek­tier­te ein »ande­res Fern­se­hen«, schei­ter­te am Ende jedoch an den har­ten Rea­li­tä­ten des Appa­rat-Fern­­se­hens. Bei­spiel­haft ist die WDR-Ver­­pflich­­tung des Nou­­vel­­le-Vague-Hel­­den Samu­el Ful­ler für die Tat­ort-Rei­he (Tote Tau­be in der Beet­ho­ven­stra­ße, 1973): »der WDR steht in Köln ange­füllt mit der Tris­tesse gesamt­ka­pi­ta­lis­ti­scher Infor­ma­ti­ons­pro­duk­ti­on«, kom­men­tier­te Faro­cki. »Die Leu­te vom WDR sind die Film­be­am­ten, Ful­ler setzt immer alles auf eine Kar­te.«34 Am Ende setz­te sich die Lust­lo­sig­keit der Film­be­am­ten durch, die bis heu­te ihr Heil im Immer­glei­chen zu fin­den hof­fen. © Jörg Auberg 2025 Biblio­gra­phi­sche Anga­ben: Tors­ten Musi­al / Mar­tin Wie­bel (Hg.).Die Fern­seh­spiel­re­dak­ti­on des WDR 1965–1979:Ein­sich­ten in die Wirk­lich­keit.Rei­he »Fernsehen.Geschichte.Ästhetik«, Bd. 7.Mün­chen: edi­ti­on text + kri­tik, 2025.239 Sei­ten, 29 Euro.ISBN: 978–3‑96707–942‑5. Gun­dolf S. Frey­er­muth.Wer war WM?Auf den Spu­ren eines Tele­vi­sio­närs:Wolf­gang Men­ges Leben und Werk.Ber­lin: Kul­tur­ver­lag Kad­mos, 2025.496 Sei­ten, 29,80 Euro.ISBN: 978–3‑86599–577‑3. Nora M. Alter.Harun Faro­cki: Forms of Intel­li­gence.New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 2024.272 Sei­ten, 35 US-$.ISBN: 978–0‑23121–550‑3. Bild­quel­len (Copy­rights) Bei­trags­bild  © edi­ti­on text + kri­tik Sze­nen­bild Nos­fe­ra­tu Wiki­me­dia Com­mons Intro Das klei­ne Fern­seh­spiel © ZDF Cover Wer war WM? © Kul­tur­ver­lag Kad­mos Audio »Denis Scheck emp­fiehlt Wer war WM?« © WDR  Trai­ler Stahl­netz © NDR Trai­ler Das Mil­lio­nen­spiel © WDR Cover Film­kri­tik Archiv des Autors Cover Harun Faro­cki © Colum­bia Uni­ver­si­ty Press NachweiseFrie­da Gra­fe und Enno Pata­l­as, »War­um wir das bes­te Fern­se­hen und des­halb das schlech­tes­te Kino haben«, Film­kri­tik, Nr. 9 (Sep­tem­ber 1970), S. 474 ↩Der Begriff »Vam­pir-Öko­­­no­­mie« geht zurück auf Gün­ter Rei­mann, The Vam­pi­re Eco­no­my: Doing Busi­ness Under Fascism (1939; rpt. Aub­urn, AL: Mises Insti­tu­te, 2014) ↩Max Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­ze­lin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 175 ↩Cf. Ele­na Lam­ber­ty, »Not just a Book on Media: Exten­ding The Guten­berg Gala­xy«, in: Mar­shall McLuhan, The Guten­berg Gala­xy: The Making of Typo­gra­phic Man (Toron­to: Uni­ver­si­ty of Toron­to Press, 2011), S. 44 ↩Theo­dor W. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft (Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 10), hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 516 ↩Tors­ten Musi­al, »Wirk­li­ches durch­schau­bar machen: Zur Geschich­te der Fern­seh­spiel­ab­tei­lung des WDR 1965–1979«, in: Die Fern­seh­spiel­re­dak­ti­on des WDR 1965–1979: Ein­sich­ten in die Wirk­lich­keit, hg. Tors­ten Musi­al und Mar­tin Wie­bel (Mün­chen: edi­ti­on text + kri­tik, 2025), S. 149 ↩Tors­ten Musi­al und Mar­tin Wie­bel, Vor­wort zu: Die Fern­seh­spiel­re­dak­ti­on des WDR 1965–1979, S. 9 ↩André Bazin, Orson Wel­les, übers. Robert Fischer (Wetz­lar: Büch­se der Pan­do­ra, 1980), S. 190 ↩Man­ny Farb­er, »The Hid­den and the Plain«, in: Farb­er on Film: The Com­ple­te Film Wri­tin­gs of Man­ny Farb­er, hg. Robert Poli­to (New York: Libra­ry of Ame­ri­ca, 2016), S. 775 ↩Gun­dolf S. Frey­er­muth, »Wolf­gang Men­ge: Authen­zi­tät und Autor­schaft, Frag­men­te einer bun­des­deut­schen Medi­en­bio­gra­phie«, in: Der Tele­vi­sio­när: Wolf­gang Men­ges trans­me­dia­les Werk, hg. Gun­dolf S. Frey­er­muth und Lisa Got­to (Bie­le­feld: Tran­­script-Ver­­lag, 2016), S. 19–214 ↩Kris­tin Steen­bock, Zeit­geist­jour­na­lis­mus: Zur Vor­ge­schich­te deutsch­spra­chi­ger Pop­li­te­ra­tur: Das Maga­zin »Tem­po« (Bie­le­feld: Tran­­script-Ver­­lag, 2020), S. 96 ↩Tho­mas Pyn­chon, Vine­land, übers. Dirk van Guns­te­ren (Rein­bek: Rowohlt, 1993), S. 261 ↩Steen­bock, Zeit­geist­jour­na­lis­mus, S. 111–112; »Denis Scheck emp­fiehlt ›Wer war WM?‹«, WDR 3, 30. Juni 2025, https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-denis-scheck-empfiehlt-wer-war-wm-100.html ↩Film­kri­tik, 3, Nr. 9 (Sep­tem­ber 1959), S. 235, Fil­m­­kri­­tik-Reprint, Bd. 1 (Frankfurt/Main: Zwei­tau­send­eins, 1976 ↩Erich Fromm et al., Stu­di­en über Auto­ri­tät und Fami­lie: For­schungs­be­richt aus dem Insti­tut für Sozi­al­for­schung (Paris: Librai­rie Félix Alcan, 1936), S. 145, Reprint »Juni­us-Dru­­cke« ↩Gun­dolf S. Frey­er­muth, Wer war WM? Auf den Spu­ren eines Tele­vi­sio­närs: Wolf­gang Men­ges Leben und Werk (Ber­lin: Kad­mos Kul­tur­ver­lag, 2025), S. 187 ↩Frey­er­muth, Wer war WM?, S. 185 ↩Frey­er­muth, Wer war WM?, S. 182 ↩Karen Hol­lin­ger, »Film Noir, Voice-Over, and the Femme Fata­le«, in: Film Noir Rea­der, hg. Alain Sil­ver und James Ursi­ni (New York: Lime­light, 2003), S. 244; zur Ver­wen­dung des Voice­­o­ver-Kom­­men­­tars in Doku­men­tar­fil­men cf. Bill Nichols, »The Voice of Docu­men­ta­ry«, Film Quar­ter­ly, 36, Nr. 3 (Früh­jahr 1983), S. 17–30; und Bill Nichols, Repre­sen­ting Rea­li­ty: Issues and Con­cepts in Docu­men­ta­ry (Bloo­ming­ton: India­na Uni­ver­si­ty Press, 1991), S. 32–75 ↩Cf. Vin­cent Brook, Dri­ven to Dark­ness: Jewish Émi­g­ré Direc­tors and the Rise of Film Noir (New Bruns­wick, NJ: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 2009), S. 1–21; und Max Hork­hei­mer, »Alle sind kri­mi­nell«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 6, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: Fischer, 1991), S. 359 ↩Robert Sheck­ley, Store of Infi­ni­ty (New York: Open Road Inte­gra­ted Media, 2014), S. 12; Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, S. 183 ↩Todd Git­lin, Insi­de Prime Time (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2000), S. 114–200 ↩Sheck­ley, Store of Infi­ni­ty, S. 12 ↩Sieg­fried Kra­cau­er, Das Orna­ment der Mas­se (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1977), S. 61 ↩Frey­er­muth, Wer war WM?, S. 305 ↩Theo­dor W. Ador­no, »Kann das Publi­kum wol­len?« (1963), in: Ador­no, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 20, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 347 ↩Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, S. 153 ↩Franz Drö­ge, »Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen des Fern­se­hens in der Bun­des­re­pu­blik und ihre Kon­se­quen­zen für die Pro­gramm­ge­stal­tung«, Film­kri­tik, 17, Nr. 9 (Sep­tem­ber 1973), S. 400 ↩Cf. »Gün­ter Gaus im Gespräch mit Wolf­gang Men­ge«, RBB, 14.01.2004, https://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/menge_wolfgang.html ↩Harun Faro­cki, »Not­wen­di­ge Abwechs­lung und Viel­falt«, Film­kri­tik, 19, Nr. 8 (August 1975), S. 369 ↩Harun Faro­cki, »Drü­cke­ber­ge­rei vor der Wirk­lich­keit: Das Fern­seh­fea­ture – Der Ärger mit den Bil­dern«, in: Faro­cki, Mei­ne Näch­te mit den Lin­ken: Tex­te 1964–1975, hg. Vol­ker Pan­ten­burg (Ber­lin: Neu­er Ber­li­ner Kunst­ver­ein, , 2018), S. 132–139 ↩Nora M. Alter, Harun Faro­cki: Forms of Intel­li­gence (New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 2024), S. 7–8 ↩Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg, Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 125 ↩Faro­cki, Mei­ne Näch­te mit den Lin­ken, S. 128 ↩ […]

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Neueste Beiträge

Thomas-Mann-Jahr 2025 — Eine Retrospektive

Aufenthalt in Nidden - am Schreibtisch (Juli 1930)

»Das hält aus bis zum letzten Seufzer« Ein Rückblick auf das Thomas-Mann-Jahr 2025 von Jörg Auberg In memo­ri­amHan­jo Kes­t­ing(1943–2025) Inhaltsverzeichnis»Das hält aus bis zum letz­ten Seufzer«Ein Rück­blick auf das Tho­mas-Mann-Jahr 2025Tho­mas Mann zwi­schen KI und FeuilletonisierungDer Außen­sei­ter als GezeichneterLite­ra­tur als FluchDer schrei­ben­de Bür­ger als SozialistTho­mas...

Frankfurter Buchmesse 2025

Es geht (vielleicht doch) um das Buch Nachträgliche Miszellen zur Frankfurter Buchmesse 2025 In alten Über­lie­fe­run­gen erschei­nen die frü­he­ren Zei­ten der Frank­fur­ter Buch­mes­se oft gla­mou­rös, dra­ma­tisch und aben­teu­er­lich, als wäre die Jagd nach Lizen­zen und Buch­ver­trä­gen aus über­dreh­ten Screw­ball-Komö­di­en abge­kup­fert. In sei­nen Remi­nis­zen­zen an den...

Das Elend der Fernsehkritik

Das Elend der Fernsehkritik Über das Stampfen der Fernsehmaschine von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel über die destruk­tiv-vam­pi­ri­schen Mög­lich­kei­ten des Fern­se­hens aus dem Jah­re 1970 kon­sta­tier­ten die Film­kri­ti­ke­rin­nen Frie­da Gra­fe und Enno Pata­l­as: »Wir haben bekannt­lich das bes­te Fern­se­hen der Welt – und des­halb auch das schlech­tes­te Kino.«1 Ziel...

Zur Aktualität der Kritischen Theorie

Flaschenposten im Schlamm Zur Aktualität der Kritischen Theorie von Jörg Auberg Bevor sich in den spä­ten 1950er-Jah­ren die syn­ony­men Begrif­fe der »Frank­fur­ter Schu­le« und »Kri­ti­schen Theo­rie« im öffent­li­chen Bewusst­sein durch­setz­ten, war oft die Rede von der »Hork­hei­mer-Grup­pe«. In einer Rezen­si­on der ein­fluss­rei­chen Antho­lo­gie Mass Cul­tu­re aus dem Jah­re 1957 schrieb...

Der Fall Silone

Silone Poster

Der Fall Silone Ignazio Silones Rolle im Kampf gegen den Faschismus   von Jörg Auberg Heiliger, Revolutionär, Verräter In der pul­sie­ren­den Zeit des Kal­ten Krie­ges galt Igna­zio Silo­ne (1900–1978) bei anti­sta­li­nis­ti­schen Lin­ken in der west­li­chen Hemi­sphä­re als »säku­la­rer Hei­li­ger«, als der »gelieb­tes­te Volks­held der ita­lie­ni­schen Lin­ken«, des­sen Ruhm und...

Georg Seeßlen — Trump und Co.

Georg Seeßlen: Trump und Co (Bertz + Fischer, 2025)

Der »Horror-Clown« des Faschismus Georg Seeßlen analysiert die Bandenherrschaft Donald Trumps von Jörg Auberg »Ame­ri­ka inter­es­sier­te mich, es ist das inter­es­san­tes­te Land«, sag­te der fran­zö­si­sche Film­re­gis­seur Lou­is Mal­le in einem Inter­view mit der Film­jour­na­lis­tin Chris­ta Maer­ker. »So ging es jeden­falls mir immer. Es gibt vie­le mons­trö­se Sachen hier...

Ronnie A. Grinberg: Write Like a Man

Ronnie A. Grinberg: Write Like a Man (Princeton University Press, 2024)

Männerwelt des Geistes Ronnie Grinberg untersucht die Maskulinität der Intellektuellen von Jörg Auberg Im zwei­ten Teil von Her­mann Brochs Roman­tri­lo­gie Die Schlaf­wand­ler träu­men die deut­schen Arbei­ter und Ange­stell­ten von »Ame­ri­ka« als einem uto­pi­schen Ort, wo man »hoch­kom­men« kön­ne, ohne sich »wie hier umsonst zu schin­den«, und zitier­ten Goe­the: »Ame­ri­ka, du hast es...

Die »Filmkritik«: Eine Zeitschrift und die Medien

Die Maschinerie der Verblendung Aufstieg und Niedergang der Zeitschrift »Filmkritik« von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel zur gesell­schaft­li­chen Rol­le des Film­kri­ti­kers kon­sta­tier­te Sieg­fried Kra­cau­er weni­ge Mona­te vor der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten, der »Film­kri­ti­ker von Rang« sei »nur als Gesell­schafts­kri­ti­ker denk­bar«. Die Mis­si­on...

Thomas Sparr: Zauberberge

Thomas Sparr: Zauberberge (Berenberg, 2024)

Der demokratische Tod Thomas Manns »Jahrhundertroman« Der Zauberberg von Jörg Auberg »Der Faschis­mus ist grei­sen­haft und böse, in jeg­li­cher Gestalt.« Hans May­er1 Rückblicke auf den Zauberberg IIm Herbst 1924 erschie­nen die bei­den Bän­de des Romans Der Zau­ber­berg, die – mit den Wor­ten Tho­mas Manns in einer Ein­füh­rung des Wer­kes für Stu­den­ten an der Prince­ton Uni­ver­si­ty im...

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro (Edition Converso, 2023)

Die Geschichte Aldo Moros in seiner letzten Lebensphase reflektiert Leonardo Sciascia durch literarische Prismen (wie Pier Paolo Pasolini, Luigi Pirandello, Jorge Luis Borges und Edgar Allan Poe) und gewinnt auf diese Weise Einsichten, die ihn in seiner Unerbittlichkeit und Unbeirrbarkeit gegen die herrschende Meinung nahezu aller politischen Richtungen bestärken.

Paul Auster: Bloodbath Nation

Paul Auster, Bloodbath Nation (Rowohlt, 2024)

Paul Austers Vermächtnis Ein nahezu klassischer Essay über Waffengewalt von Jörg Auberg Im Juli 1945, als der Zwei­te Welt­krieg noch im vol­len Gan­ge war, kon­sta­tier­te der ita­lie­ni­sche Emi­grant Nic­coló Tuc­ci in der New Yor­ker pazi­fis­ti­schen Zeit­schrift Poli­tics: »Das Pro­blem ist nicht, wie man den Feind los­wird, son­dern eher, wie man den letz­ten Sie­ger los­wird. Denn was ist...

Aus den Archiven: Paul Auster — Travels in the Scriptorium

Der Mensch und die Texte Über Paul Auster und die Exerzitien der Literaturkritik von Jörg Auberg Wie der Intel­lek­tu­el­le es macht, macht er es falsch«, heißt es in Ador­nos Mini­ma Mora­lia. Der Schrift­stel­ler (im Sartre’schen Sin­ne sei­nem Wesen nach ein Intel­lek­tu­el­ler, dem es um die Mit­tei­lung des Nicht-Mit­teil­ba­ren »unter Aus­nut­zung des Anteils an Des­in­for­ma­ti­on...

Digitalisierung von Gegenmacht

Digitalisierung von Gegenmacht

Digitalisierung und Macht Intelligenz und Organisation in Zeiten des digitalen Kapitalismus   von Jona Lar­kin White Künst­li­che Intel­li­gen­zen, die Streiks vor­her­sa­gen (sol­len); digi­ta­le Über­wa­chung und Platt­form­ar­beit: Wie kann heut­zu­ta­ge gegen die­se Macht­in­stru­men­te vor­ge­gan­gen wer­den und wel­ches kön­nen die neu­en(?) Stra­te­gien zu einer...

Guy de Maupassant: Claire de Lune

Guy de Maupassant: Clair de Lune (Steidl, 2023)

Der Verlorene Guy de Mau­pas­sant und die Tor­tur der Seele von Jörg Auberg In Ray­mond Jeans Roman La Lec­tri­ce (1986, dt. Die Vor­le­se­rin) ver­sucht die arbeits­lo­se Ex-Stu­den­tin Marie-Con­s­tance1, mit der Grün­dung einer Ich-AG als Vor­le­se­rin in einer fran­zö­si­schen Klein­stadt sich zu eta­blie­ren. Ihr ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor Roland emp­fiehlt ihr für ihr »Metier« die...

Christian Brückner: Hinab in den Maelström

Christian Brückner mit dem Martin Auer Quintett: Hinab in den Maelström (Argon Verlag, 2023)

Im Maul des Abgrunds Marginalien zum Erzählkonzert »Hinab in den Maelström« von Jörg Auberg Der Begriff des Fort­schritts ist in der Idee der Kata­stro­phe zu fun­die­ren. Daß es ›so wei­ter‹ geht, ist die Kata­stro­phe. Sie ist nicht das jeweils Bevor­ste­hen­de son­dern das jeweils Gegebene. Wal­ter Ben­ja­min1   In sei­nem Stan­dard­werk zur Erfah­rung der Moder­ni­tät im 19. und 20...

Richard Brautigan: Forellenfischen in Amerika

Richard Brautigan - Forellenfischen in Amerika

Trouvailles (I) Vom Spiel mit dem Buch als Buch Nachbetrachtungen zu Richard Brautigans Roman »Forellenfischen in Amerika« von Jörg Auberg Kürz­lich erstand ich in dem exqui­sit bestück­ten Ver­sand­an­ti­qua­ri­at Abend­stun­de, das von Wolf­gang Schä­fer in Lud­wigs­ha­fen betrie­ben wird, ein Exem­plar von Richard Brau­tig­ans Roman Forel­len­fi­schen in Ame­ri­ka, der 1971 in der...

Ernst Schoen: Tagebuch einer Deutschlandreise 1947

Ernst Schoen: Tagebuch einer Deutschlandreise

Unversöhnliche Erinnerungen Ernst Schoens Tagebuch einer Deutschlandreise 1947 von Jörg Auberg In einer mit dem Titel »Staats-Räson« über­schrie­be­nen Notiz kurz nach sei­ner Rück­kehr nach West­deutsch­land in den spä­ten 1940er Jah­ren umriss Max Hork­hei­mer das »ver­stärk­te Lei­den« jener Men­schen, »die schon zivi­li­siert waren und nun aufs neue durch die Müh­le müs­sen«1 Die­se...

Richard Ford: Valentinstag

Endstation Realismus Richard Fords Pentalogie über die Mittelschichtsdämmerung  von Jörg Auberg In sei­nem drei Jah­re vor sei­nem selbst­ge­wähl­ten Tod erschie­nen Essay Was wird Lite­ra­tur? im Jah­re 2001 hielt der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Lothar Bai­er der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur einen »quie­tis­ti­schen Bie­der­sinn« vor. »Kri­tik im Sinn fun­da­men­ta­ler, von ana­ly­ti­schem...

Marseille Transfer

Jean Malaquais: Planet ohne Visum (Büchergilde Gutenberg, 2023)

Marseille Transfer Im Labyrinth von Exil und Widerstand während der 1940er Jahre von Jörg Auberg Prolog Im Okto­ber 1970 schrieb Alfred Kan­to­ro­wicz zur Vor­ge­schich­te sei­nes Erin­ne­rungs­bu­ches Exil in Frank­reich: Merk­wür­dig­kei­ten und Denkwürdigkeiten: Die wun­der­li­chen Umstän­de, die mein Ent­kom­men aus dem besieg­ten Frank­reich nach den USA ermög­lich­ten, lie­gen jetzt 30...

Blick zurück nach vorn

Blick zurück nach vorn  Eine Bücherlese des zurückliegenden Jahres 2022  von Jörg Auberg The Beat Goes On u den ver­dienst­vol­len Unter­neh­mun­gen des Rowohlt-Ver­la­ges gehört die Pfle­ge des »klas­si­schen Erbes« im sonst vor­nehm­lich auf Pro­fit und Ren­di­te aus­ge­rich­te­ten Holtz­brinck-Kon­zern. Seit Jah­ren wer­den Wer­ke von Autoren, wel­che die »Mar­ke« Rowohlt...

Texte und Zeichen

Blogstatistik

Um auf dem Laufenden zu bleiben …

Jörg Auberg - Writer, critic, editor, publisher