Short Cuts

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Männer vom Meer

Har­ry Blomberg:
Män­ner vom Meer.
Eine Erzäh­lung von den Färöern.

Aus dem Schwe­di­schen von Ernst Fall
Durch­ge­se­hen von Klaus-Jür­gen Liedtke.

Als der schwe­di­sche Autor Har­ry Blom­berg im Jah­re 1950 im Alter von 56 Jah­ren starb, erschien selbst in der New York Times am 2. Febru­ar 1950 eine kur­ze Notiz: »Har­ry Blom­berg, schwe­di­scher Autor« habe zunächst als Lauf­bur­sche, Dru­cker und Jour­na­list für schwe­di­sche Zei­tun­gen gear­bei­tet, ehe er Kar­rie­re als Erzäh­ler und Roman­au­tor machte. 

In der Edi­ti­on A · B · Fischer ist in einer über­ar­bei­te­ten Über­set­zung die Erzäh­lung Män­ner vom Meer aus dem Jah­re 1926 neu auge­legt, die das Leben der Fischer auf den Far­ö­er-Inseln beschreibt. Prot­ago­nist der Erzäh­lung ist der her­an­wach­sen­de Ole Jakob, der in der kar­gen Insel­land­schaft sei­ne »Männ­lich­keit« durch Här­te und Bru­ta­li­tät gegen die Unge­stü­me des Mee­res beweist, wäh­rend sei­ne Brü­der von der stür­mi­schen See ver­schlun­gen werden.

In der von den Gewal­ten der Natur beherrsch­ten Insel gibt es kei­nen gesell­schaft­li­chen oder kom­mu­ni­tä­ren Fort­schritt. Stets sind die Genera­tio­nen der Fischer der immer­glei­chen Herr­schaft von Schnee und Was­ser, den »fun­keln­den Wet­tern« aus­ge­lie­fert. Das Über­le­ben wird nur durch Taten der »Männ­lich­keit« gesi­chert: Im Abschlach­ten von Grind­wa­len bewei­sen sich »wet­ter­ge­bräun­te Män­ner« eben­so wie in archai­schen Fami­li­en­struk­tu­ren, in denen Frau­en auf die Rol­le von Sub­al­ter­nen ver­wie­sen sind.

»Der Blut­durst ist gesät­tigt, die Män­ner kön­nen wie­der Rede und Ant­wort ste­hen, sie wischen sich das Blut von den Hän­den und lachen.«

Im Gegen­satz zu ande­ren Autoren der schwe­di­schen Lite­ra­tur wie Vil­helm Moberg oder Eyvind John­son übt Blom­berg kei­ne gesell­schaft­li­che Kri­tik: Trotz sozia­lis­ti­scher oder gewerk­schaft­li­cher Über­zeu­gun­gen blieb er eher frei­kirch­li­chen Strö­mun­gen als eman­zi­pa­to­ri­schen Ideen ver­haf­tet.  Ähn­lich wie bei Knut Ham­sun domi­nier­te im Schrei­ben Blom­bergs die Natur als Aus­druck des Lei­dens, aber auch des Groß­ar­ti­gen und Heroi­schen (wie Leo Löwen­thal Ham­suns pro­ble­ma­ti­sche »Natur­flucht« beschrieb). Wie Bernd Erhard Fischer im Nach­wort schreibt, ist unge­wiss, ob Blom­berg die Ver­hält­nis­se auf den Far­ö­ern tat­säch­lich selbst erlebt hat. Mög­li­cher­wei­se war es eine Projektion.

© Jörg Auberg 2022 (2022–02-13)

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Harry Blomberg: Männer vom Meer
Kate­go­rie:
Ver­öf­fent­licht: 2021
Die Erzäh­lung »Män­ner vom Meer« (1926; dt. 1931) des schwe­di­schen Autors Har­ry Blom­berg (1893–1950) beschreibt das Leben der Fischer auf der Far­ö­er-Inseln aus der Per­spek­ti­ve des her­an­wach­sen­den Ole Jakob, der in den »Lehr­jah­ren der Männ­lich­keit« die Tra­di­ti­on des Kamp­fes gegen die archai­schen Kräf­te einer über­mäch­ti­gen Natur fort­zu­set­zen lernt.

Der Aufbau-Verlag

Bernd F. Lunkewitz:
Der Auf­bau-Ver­lag und die kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung in der SED und der Treuhandanstalt.

In sei­ner Far­ce Gesprä­che mit Pro­fes­sor Y (Ent­re­ti­ens avec le pro­fes­seur Y, 1955) kon­sta­tier­te Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne: »Alles in allem sieht man, wenn man es genau nimmt, eine gan­ze Men­ge Schrift­stel­ler in der Gos­se enden, ande­rer­seits fin­det man nur sel­ten einen Ver­le­ger unter einer Brü­cke … ist das nicht zum Pie­pen?« Nicht alle Ver­le­ger enden so dra­ma­tisch wie Gian­gia­co­mo Fel­tri­nel­li und fin­den eine adäqua­te lite­ra­ri­sche Wür­di­gung wie Nan­ni Bale­stri­nis Roman Der Ver­le­ger, der sich über Form & Wort im Ter­ri­to­ri­um der Herr­schaft durchsetzt.

Dage­gen fühlt sich der ehe­ma­li­ge Ver­le­ger der Auf­bau-Ver­la­ges, Bernd F. Lun­ke­witz, als Betro­ge­ner der Geschich­te und gibt eine weit­schwei­fi­ge Jere­mia­de über sein Leben und Über­le­ben unter den »Buch­ma­chern« in Deutsch­land zum Bes­ten. Sein Buch Der Auf­bau-Ver­lag und die kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung in der SED und der Treu­hand­an­stalt beschreibt einer­seits sehr doku­men­ten- und zita­ten­ori­en­tiert die Geschich­te des Auf­bau-Ver­la­ges in der DDR und will ande­rer­seits den Unter­neh­mer Lun­ke­witz als Opfer des Nach­wen­de-Kapi­ta­lis­mus in Gestalt der Treu­hand dar­stel­len. Obwohl der Auf­bau-Ver­lag bis zum Ende der DDR zum Kul­tur­bund und nicht zum »Volks­ei­gen­tum« der SED gehört habe, sei er von der Treu­hand­an­stalt ver­hö­kert wor­den, Wie Hans Ley­en­de­cker in der Süd­deut­schen Zei­tung (10. Mai 2010) schrieb: »Tau­send­fünf­hun­dert Lizen­zen, die der Ver­lag zwi­schen 1990 und 2008 geschlos­sen und ver­kauft hat, sind rechts­wid­rig ver­ge­ben wor­den, weil der angeb­li­che Eigen­tü­mer, die Auf­bau Ver­lags­grup­pe GmbH, über die Rech­te nicht ver­fü­gen durf­te. Lizenz­neh­mer wie Film­stu­di­os, Fern­seh­sen­der und Buch­ver­la­ge in Euro­pa, Asi­en und den USA haben Rech­te in Anspruch genom­men (und dafür bezahlt), ohne sie wirk­lich erwor­ben zu haben. Epi­de­misch sind Urhe­ber- und Mar­ken­rech­te ver­letzt worden.«

Ley­en­de­cker beschreibt Lun­ke­witz als »Salon­mar­xis­ten«, der sich in Frankfurt/Main im Umkreis der mao­is­ti­schen Split­ter­par­tei KPD/ML umher­trieb und bereits im Alter von 29 Jah­ren mit dem Ver­kauf von Gewer­be­im­mo­bi­li­en sei­ne ers­te Mil­li­on mach­te. Der Frank­fur­ter Kul­tur­de­zer­nent Hil­mar Hoff­mann spitz­te ihn schließ­lich auf die Inves­ti­ti­on in den maro­den DDR-Ver­lag an, der sich als ver­mö­gens­lo­se Lei­che erwies. »Der Ver­le­ger hat also«, resü­mier­te Ley­en­de­cker 2010, »fast zwei Jahr­zehn­te in ein Unter­neh­men inves­tiert, das ihm fak­tisch nicht gehör­te, und plant jetzt, sich die Inves­ti­tio­nen — allein in den Auf­bau-Ver­lag hat er über die Jah­re 27 Mil­lio­nen Euro gesteckt — zurückzuholen.«

Das Buch ist ein Adden­dum für Lun­ke­witz’ Lei­dens­ge­schich­te und ent­spre­chend humor­los. Unent­wegt und aus­schwei­fend lis­tet er alte Akten, Bilan­zen, Brie­fe sowie Kas­sen- und Fünf­jah­res­plä­ne der »HV Ver­la­ge und Buch­han­del, Abtei­lung Öko­no­mie, Sek­tor Pla­nung« auf.

»Wer­te Genossen! 
Der Fünf­jah­res­plan 1971–1975 wur­de auf der Grund­la­ge der zen­tra­len Doku­men­te von Par­tei und Regie­rung und der Wei­sun­gen der Haupt­ver­wal­tung Ver­la­ge und Buch­han­del aus­ge­ar­bei­tet und im Ver­lags­kol­lek­tiv dis­ku­tiert und verabschiedet.«

Ein­zel­ne Text­pas­sa­gen erin­nern an Franz Kaf­kas Amt­li­che Schrif­ten (Luch­ter­hand, 1991), und Lun­ke­witz selbst bemüht den Ver­gleich mit Kaf­ka: Unter der Kapi­tel­über­schrift »Der Pro­zess« heißt am Schluss des Buches: »Jemand muss­te Bernd F. Lun­ke­witz ver­leum­det haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hät­te, wur­de am 6.4.2020 ein Haft­be­fehl gegen ihn erlassen.«

Das »Böse«, das er getan hat­te, bestand dar­in, dass er Wer­ke von Lion Feucht­wan­ger, »den Lun­ke­witz so ger­ne liest« (Ley­en­de­cker), und ande­ren Auf­bau-Autoren, als Ver­mö­gens­an­la­ge nut­zen woll­te. Zwar behaup­te­te er, der Ver­lag sei sein Lebens­werk, doch vor allem war er an der Ren­di­te inter­es­siert: Er wol­le sei­nen »Scha­den ersetzt bekom­men«. So erbärm­lich erweist sich der vor­geb­li­che »Kämp­fer gegen das Unrecht« einig mit den »deut­schen Verhältnissen«.

© Jörg Auberg 2022 (2022–02-17)

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Aufbau-Verlag und die kriminelle Vereinigung in der SED und der Treuhandanstalt
Kate­go­rie:
Ver­öf­fent­licht: Okto­ber 2021
 

Buchhandel: Da, wo wir Bücher kaufen

Vom Verschwinden des Buches

Ursu­la Töller:
Buch­han­del: Da, wo wir Bücher kaufen.

Nach einem Besuch der Frank­fur­ter Buch­mes­se im Jah­re 1959 befiel Theo­dor W. Ador­no »eine son­der­ba­re Beklem­mung«, die aus dem Umstand her­rühr­te, dass »die Bücher nicht mehr aus­se­hen wie Bücher«. In der glo­ba­len Waren­welt war auch das Buch nicht mehr als ein Kon­sum­gut. »Buch­ein­bän­de sind, inter­na­tio­nal, zur Rekla­me für das Buch gewor­den. Jene Wür­de des in sich Gehal­te­nen, Dau­ern­den, Her­me­ti­schen, das den Leser in sich hin­ein­nimmt, gleich­sam den Deckel schließt wie die Buch­de­ckel über den Text – das ist als unzeit­ge­mäß besei­tigt.« Zugleich war sich Ador­no bewusst, dass die Bücher, die sich vor­der­grün­dig der Mas­sen­pro­duk­ti­on ent­zie­hen, dem »Fluch des Kunst­ge­wer­bes« und der Idee des Reak­tio­nä­ren unterliegen.

Gera­de in Zei­ten, da die Tota­li­tät der ana­lo­gen und digi­ta­len Waren­form die mensch­li­che Exis­tenz weit­ge­hend bestimmt, wer­den die Buch­hand­lun­gen zu ima­gi­nä­ren Refu­gi­en, zu »Orten der Sehn­sucht«, zu »Lese­pa­ra­die­sen«, wie sie etwa der Lei­ter des Ham­bur­ger Lite­ra­tur­hau­ses, Rai­ner Moritz, kit­schig beschreibt: Wäh­rend alles der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tung und dem Pro­fit­in­ter­es­se unter­liegt, wird an der Mär vom ent­rück­ten, ver­zau­ber­ten Ort der Bücher gestrickt, die von den Beschä­di­gun­gen und Ver­un­stal­tun­gen der mensch­li­chen Exis­tenz ver­schont blei­ben. In Roma­nen mit Titeln wie Ein Buch­la­den zum Ver­lie­ben, Die Sehn­sucht des Vor­le­sers, Der fabel­haf­te Buch­la­den des Mr. Living­stone, Mein wun­der­ba­rer Buch­la­den am Insel­weg, Der klei­ne Buch­la­den zum gro­ßen Glück, Mei­ne wun­der­vol­le Buch­hand­lung und als Top­ping Pene­lo­pe Fitz­ge­ralds Die Buch­hand­lung wird der Illu­si­on des fal­schen Glücks im klein­bür­ger­li­chen Milieu jen­seits des urba­nen Molochs gefrönt. Und in Büchern wie The Bookseller’s Tale von Mar­tin Lat­ham (unter dem Label Par­ti­cu­lar Books unter dem Dach des goba­len Groß­kon­zerns Pen­gu­in Ran­dom House ver­trie­ben) insze­niert sich der Buch­ver­käu­fer als Gro­ßer Impressa­rio der Buch­kul­tur (die sich bei genaue­rem Hin­se­hen eher als vor­läu­fig letz­te Mani­fes­ta­ti­on des­sen erweist, was Dwight Mac­do­nald einst als mid­cult ver­ab­scheu­te). In sei­nen »Book­shop Memo­ries« schrieb Geor­ge Orwell: »A book­sel­ler has to tell lies about books, and that gives him dista­te for them; still worse is the fact that he is con­stant­ly dus­ting them and hau­ling them to and fro.« In grau­er Vor­zeit war der Buch­la­den – wie Peter Bur­ke in sei­ner Stu­die A Social Histo­ry of Know­ledge: From Guten­berg to Dide­rot schreibt – ein Ort der Begeg­nung und des Aus­tau­sches, der Ort für Neu­ent­de­ckun­gen, ein Ort, wo James Bos­well auf Samu­el John­son sto­ßen konn­te. In den Sta­tio­nen von Tha­lia, Hugen­du­bel und ande­ren Kon­zer­nen, wo »das Buch« eher »Bei­fang« im sons­ti­gen Waren­an­ge­bot ist, wird dies nicht stattfinden.

Die Pro­zes­se der Ver­än­de­run­gen im Buch­han­del ver­sucht Ursu­la Töl­ler in ihrer kon­zi­sen Abhand­lung Buch­han­del: Da, wo wir Bücher kau­fen (die im Rah­men der Wall­stein-Rei­he »Ästhe­tik des Buches: Die Buch­form und das Buch als Form« erschien) abzu­bil­den, wobei sie jedoch auf den deutsch­spra­chi­gen Raum und die dor­ti­gen Ent­wick­lun­gen seit dem 16. Jahr­hun­dert beschränkt. The­ma­tisch beschränkt sie sich auf deut­sche Buch­händ­ler, Ver­le­ger und Autoren, wid­met sich zwar auch der staat­li­chen Zen­sur, doch blei­ben The­men wie Bücher­ver­bren­nun­gen oder bibliophile/bibliomanische/bibliokriminelle Abson­der­lich­kei­ten (wie sie bei­spiels­wei­se in Arbei­ten von Nicho­las A. Bas­banes, Andrew Piper oder Anders Rydell zum Aus­druck kom­men) voll­kom­men unberücksichtigt.

Vor allem aber fehlt zur »kri­ti­schen Dar­stel­lung der Geschich­te des Buch­han­dels« (die der Ver­lag her­vor­hebt) eine Berück­sich­ti­gung des »Mythos Maschi­ne« (wie ihn Lewis Mum­ford und ande­re Autoren nach ihm beschrie­ben). So bleibt Töl­lers Abhand­lung ein phi­lo­lo­gi­scher, von der herr­schen­den Rea­li­tät abge­kap­sel­ter Ver­such. Mit Ador­no gespro­chen: »Phi­lo­lo­gie ist ver­schwo­ren mit dem Mythos: sie ver­sperrt den Ausweg.« 

© Jörg Auberg 2022 (2022–02-22)

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Buchhandel: Da, wo wir Bücher kaufen
Kate­go­rie:
Schlag­wör­ter: , ,
Ver­öf­fent­licht: Sep­tem­ber 2021
Ursu­la Töl­ler zeich­net die Geschich­te des Buch­han­dels von den Anfän­gen in der Anti­ke bis zur Gegen­wart nach. Ohne sich in Details zu ver­lie­ren, wer­den beson­de­re Wen­de­punk­te der Ent­wick­lung im Han­del mit Büchern her­vor­ge­ho­ben. Gegen­wär­tig erfasst der digi­ta­le Wan­del alle Lebens- und Arbeits­be­rei­che und scheint auch das ana­lo­ge Buch­for­mat zu ver­drän­gen. Wel­che Aus­wir­kun­gen die wach­sen­de digi­ta­le Publi­ka­ti­on auf den Buch­han­del haben wird, lässt sich gegen­wär­tig noch nicht abschät­zen, dass sie aller­dings fol­gen­reich sein wird, steht außer…

George Orwell: Reise durch Ruinen

In einer Welt der ungeheuerlichsten Verbrechen und Katastrophen

George Orwells Reportagen aus deutschen Ruinenlandschaften

In sei­nem letz­ten »Brief aus Lon­don«, den er im Som­mer 1945 an die Redak­ti­on der New Yor­ker Zeit­schrift Par­ti­san Review schrieb, ver­lieh Geor­ge Orwell sei­ner Ver­wun­de­rung Aus­druck, dass in den zurück­lie­gen­den Jah­ren die unge­heu­er­lichs­ten Ver­bre­chen und Kata­stro­phen – »Säu­be­run­gen, Depor­ta­tio­nen, Mas­sa­ker, Hun­gers­nö­te, Ein­ker­ke­rung ohne Gerichts­ver­fah­ren, Angriffs­krie­ge, gebro­che­ne Ver­trä­ge« – weder die Öffent­lich­keit erreg­ten noch einen Nie­der­schlag in der Dis­kus­si­on fan­den, wenn sie nicht dem jewei­li­gen poli­ti­schen Zeit­geist  will­fahr­ten. Orwell echauf­fier­te sich über die feh­len­de Empö­rung über »Dach­au, Buchen­wald etc.«, doch in den Repor­ta­gen aus dem Früh­jahr 1945, die nun in dem schma­len Band Rei­se durch Rui­nen erst­mals auf deutsch erschei­nen, fehlt auch bei Orwell der Hin­weis auf die Exter­mi­na­ti­on der euro­päi­schen Juden durch die deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­ten. 1945 war Buchen­wald die Syn­ek­do­che für die Exter­mi­na­ti­on durch die Nazis, eine Meta­pher für die Übel des 20. Jahr­hun­derts, ehe spä­ter Ausch­witz zum Syn­onym für das kaum begreif­ba­re Grau­en wurde.

In den jour­na­lis­ti­schen Tex­ten, die in der libe­ra­len Tages­zei­tung Obser­ver und in der sozia­lis­ti­schen Zeit­schrift Tri­bu­ne erschie­nen, beschreibt Orwell die Zustän­de in der zer­bomb­ten Rui­nen­land­schaft Deutsch­lands, über die bereits der ideo­lo­gi­sche Nebel des Kal­ten Krie­ges (zwi­schen »Russo­phi­lie« und »Russo­pho­bie«) wabert. »Nach die­sem jah­re­lan­gen Krieg ist es ein eigen­ar­ti­ges Gefühl«, beo­ach­tet Orwell, »jetzt end­lich auf deut­schem Boden zu ste­hen. Das Her­ren­volk ist über­all um einen her­um, bahnt sich sei­nen Weg auf Far­rä­dern durch die Trüm­mer­ber­ge oder rennt mit Kan­nen und Eimern zum Was­ser­wa­gen.« Trotz aller Ver­bre­chen in den letz­ten Jah­ren läge in den Augen Orwell kein Vor­teil dar­in, »Deutsch­land in ein agra­ri­sches Elends­ge­biet zu ver­wan­deln«. Sei­ne Gedan­ken lie­gen eher in der Zukunft – beim Auf­bau einer neu­en Zukunft –  als in der Ver­gan­gen­heit, um Fra­ge von Schuld und Süh­ne, Ver­bre­chen und Stra­fe zu ver­han­deln. So schrumpft die »mons­trö­se Gestalt« einer Nazi-Fol­ter­knech­tes zu einem »kläg­li­chen Wicht, der offen­sicht­lich weni­ger eine Bestra­fung brauch­te als eine psy­cho­lo­gi­sche Behand­lung«. Auch die Urhe­ber der »unge­heu­er­lichs­ten Ver­bre­chen und Kata­stro­phen« wie »Göring, Rib­ben­tropp und den Rest« inter­es­sie­ren Orwell nur peri­pher: »Die Bestra­fung die­ser Unge­heu­er erscheint, sobald sie mög­lich ist, nicht mehr attrak­tiv. Wenn sie ein­mal hin­ter Schloss und Rie­gel sind, hören sie bei­na­he auf, Unge­heu­er zu sein.«

Das Pro­blem die­ses klei­nen Ban­des ist die Dekon­tex­tua­li­sie­rung: Ohne Orwells jour­na­lis­ti­sche Tex­te in den his­to­ri­schen Zusam­men­hang  – bei­spiels­wei­se in sei­nem Enga­ge­ment für den Krieg, wobei er Pazi­fis­ten als Hel­fers­hel­fer des Faschis­mus ver­or­te­te – zu set­zen, ver­lie­ren sie sich im Unge­fäh­ren. Zwar gibt der Band vor, Orwells Repor­ta­gen aus den ers­ten Mona­ten im Jah­re 1945 zu prä­sen­tie­ren, doch da sie nicht über sech­zig Druck­sei­ten hin­aus­kom­men, lie­fert der Ver­lag noch eine zwei­te Abtei­lung mit Arti­keln aus der Zeit von 1940 bis 1945, in denen Orwell über Tho­mas Mann schreibt und ihn als Intel­lek­tu­el­len des 19. Jahr­hun­derts klas­si­fi­ziert. Das Nach­wort des His­to­ri­kers und ZEIT-Jour­na­lis­ten Vol­ker Ull­rich ver­harrt eben­so im Unge­fäh­ren. Anders als die poli­ti­schen Repor­ta­gen Simo­ne Weils und Dani­el Guérins aus den Jah­ren 1932/33, als der Faschis­mus in Deutsch­land tri­um­phier­te oder John Dos Pas­sos’ Repor­ta­gesamm­lung Das Land des Fra­ge­bo­gens (die 1946 für die Zeit­schrift Life pro­du­ziert wur­de und 1996 in einer Über­set­zung Micha­el Klee­bergs im Ver­lag Neue Kri­tik erschien), bleibt die­ser Band ein dürf­ti­ger Abklatsch aus der Früh­zeit des Kal­ten Krie­ges, der weit hin­ter die Erkennt­nis­se einer kri­ti­schen For­schung (wie sie bereits 1975 in der Orwell-Num­mer der Modern Fic­tion Stu­dies auf­be­rei­tet wur­den) fallen. 

© Jörg Auberg 2022 (2022–03-12)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Reise durch Ruinen: Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945
Kate­go­rien: ,
Ver­lag:
Ver­öf­fent­licht: 9. Sep­tem­ber 2021
»Zwi­schen März und Novem­ber 1945 folg­te Geor­ge Orwell als Kriegs­be­richt­erstat­ter den alli­ier­ten Streit­kräf­ten durch Deutsch­land und Öster­reich. Sei­ne Repor­ta­gen schil­dern frei von Tri­umph oder Hass, wel­che Zer­stö­rung der Krieg über Städ­te, Län­der und Men­schen gebracht hat. Hier erschei­nen sie erst­mals geschlos­sen in deut­scher Über­set­zung.«  (Ver­lags­mit­tei­lung)

Philip Oltermann: The Stasi Poetry Circle

Der Club der roten Dichter
Philip Oltermann erzählt die seltsame Geschichte eines Stasi-Poeten-Zirkels

Wie aus grau­er Vor­zeit wabern die­se Wor­te in die Gegen­wart. »In einer Welt«, schrie­ben Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no 1950, »in der die Gedan­ken mehr als je in Zweck­zu­sam­men­hän­ge ver­floch­ten sind, genügt es nicht vom Frie­den zu reden. Man muß fra­gen, wer vom Frie­den redet, in wes­sen Auf­trag und in wel­cher Funk­ti­on.« In pro­pa­gan­dis­ti­schen Fan­ta­sie­ge­mäl­den wur­de die DDR wur­de als Ort der »demo­kra­ti­schen Erneue­rung Deutsch­lands« ver­herr­licht, als »Lite­ra­tur­ge­sell­schaft«, in der Lite­ra­tur und Poe­sie als ent­schei­den­de Trieb­kräf­te einer höhe­ren mensch­li­chen Exis­tenz­form ein­ge­setzt wurden.

In sei­nem Buch The Sta­si Poe­try Cir­cle spürt Phil­ip Olter­mann, der Lei­ter der Ber­li­ner Guar­di­an-Büros, einem selt­sa­men Zir­kel von Ange­hö­ri­gen der DDR-Staats­si­cher­heit nach, die ihre Auf­ga­be der »Lan­des­ver­tei­di­gung« (was die Abwehr äuße­rer Fein­den als auch die Aus­spä­hung inne­rer Sabo­teu­re der natio­na­len Ord­nung beinhal­te­te) mit Ver­su­chen in der Poe­sie zu ver­bin­den such­ten. Seit den frü­hen 1960er Jah­ren hielt sich das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit einen erlauch­ten Krei­sen von »schrei­ben­den Tsche­kis­ten«, die in ihrer regu­lä­ren Tages­ar­beit mit einer uni­for­mier­ten, gestanz­ten Spra­che umgin­gen und in lyri­schen Abend­stun­den sich in der Pro­duk­ti­on jam­bi­scher Vers­kunst abmüh­ten. Der Men­tor die­ses Zir­kels war der Lyri­ker Uwe Ber­ger (1928–2014), der im Haupt­be­ruf als Lek­tor im Auf­bau-Ver­lag tätig war und von 1970 bis 1989 als »ein ein­fluss­rei­cher Auf­trag­neh­mer des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit (MfS) im Lite­ra­tur­be­trieb der DDR« arbei­te­te (wie der Wiki­pe­dia-Ein­trag über ihn resü­miert). Wäh­rend Ber­ger – wie Olter­mann schreibt – kon­kur­rie­ren­de Autoren gern als ver­kapp­te Faschis­ten denun­zier­te, betrach­te­te er sich selbst als »Staats­or­gan«: Kri­tik an ihm bedeu­te­te eine ille­gi­ti­me, wenn nicht gar staats­ge­fähr­den­de Infra­ge­stel­lung der Exis­tenz der DDR. Als die links­li­be­ra­le Frank­fur­ter Rund­schau eine sei­ner Lyrik-Antho­lo­gie ver­riss, wit­ter­te Ber­ger eine von west­li­chen Kapi­ta­lis­ten und öst­li­chen Dis­si­den­ten ange­zet­tel­te Ver­schwö­rung. Obwohl Ber­ger kein Par­tei­mit­glied war, wur­de er für sei­ne Leis­tun­gen von der Staats­si­cher­heit mit einer sil­ber­nen Medail­le aus­ge­zeich­net, wofür sich Ber­ger mit dem Hin­weis bedank­te, er sei ein Par­t­ri­ot ohne Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, ste­he aber auf Sei­ten der Arbei­ter­klas­se und ihrer Partei.

Olter­mann bie­tet das bie­de­re Per­so­nal eines Clubs auf, der ohne jeg­li­che Iro­nie als »Kreis­ar­beits­ge­mein­schaft Schrei­ben­de Tsche­kis­ten« fir­mier­te und das trost­lo­se Abbild einer trost­lo­sen Gesell­schaft reprä­sen­tier­te. Dass die selbst­be­ru­fe­nen Poe­ten in Uni­form ihre lyri­sche Akti­vi­tä­ten als »sub­ver­si­ve Akti­on« begrif­fen und (wie bei Wil­liam S. Bur­roughs) »schmut­zi­ge Lime­ricks zwi­schen den Zei­len« hin­durch schmug­gel­ten, war von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. So über­rascht es auch nicht, wenn Olter­mann von einem Sta­si-Poe­ten namens Björn Vogel erzählt, der als Ein­und­zwan­zig­jäh­ri­ger in die Kohor­ten des auto­ri­tä­ren DDR-Staa­tes ein­trat, für US-ame­ri­ka­ni­sche Pop­mu­sik von Roy Orbi­son, Bruce Springsteen und Frank Zap­pa schwärm­te und nach der Implo­si­on der real­so­zia­lis­ti­schen Trutz­burg im Jah­re 2017 für die neo­fa­schis­ti­sche Platt­form »Alter­na­ti­ve für Deutsch­land« anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­theo­rien und Hetz­ti­ra­den gegen »Mas­sen­im­mi­gra­ti­on« ver­brei­te­te. Nach dem Aus­bruch der Covid-19-Pan­de­mie mut­maß­te er eine Ver­schwö­rung glo­ba­ler Eli­ten zur Errich­tung einer welt­wei­ten Diktatur.

Rea­li­ter bestand die Auf­ga­be des »Clubs der roten Dich­ter« nicht dar­in, ein »tex­timma­nen­tes«, kri­ti­sches Ver­hält­nis zu poe­ti­schen Ver­fah­ren im Kon­text einer kul­tu­rel­len Moder­ne auf­zu­bau­en, son­dern mög­li­che sub­ver­si­ve Stra­te­gien aus dem Inne­ren zu erken­nen und (um noch ein­mal Wil­liam Bur­roughs’ »alter­na­ti­ve kri­ti­sche Theo­rie« zu zitie­ren) mit Metho­den einer auto­ri­ta­ris­ti­schen Lobo­to­mie zu eli­mi­nie­ren. Der »Sta­si Poe­try Cir­cle« dien­te als Stoß­trup­pe der Unter­wan­de­rung, deren Ziel die Aneig­nung des feind­li­chen Arse­nals und des­sen Zer­stö­rung war. So ende­te die Uto­pie einer »Lite­ra­tur­ge­sell­schaft« im Wahn und Mit­tel­maß eines dürf­ti­gen, zur Eman­zi­pa­ti­on unfä­hi­gen Personals.

© Jörg Auberg 2022 (2022–03-22)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
The Stasi Poetry Circle
Ver­lag:
Ver­öf­fent­licht: 17.02.2022
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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