Brav, alter Maul­wurf! Wühlst so hur­tig fort?
O treff­li­cher Minie­rer!

Wil­liam Shake­speare, Ham­let

 

Ursprünge

In ihrem Titel spielt die Zeit­schrift Mole­skin Blues auf die Figur des sub­ver­si­ven Maul­wurfs an, der sich im Unter­grund sei­ne Gän­ge gräbt, dann und wann einen Blick nach oben wirft, ohne sich vom »Minie­ren« abhal­ten zu las­sen.

Vor allem in der sozia­lis­ti­schen His­to­rio­gra­phie ist er der ver­schro­be­ne Agent der Geschich­te und der Revo­lu­ti­on. In sei­ner berühm­ten Schrift »Der acht­zehn­te Bru­mai­re des Lou­is Bona­par­te« rekur­riert Karl Marx in sei­ner Ana­ly­se der Febru­ar­re­vo­lu­ti­on in Frank­reich auf Shake­speare: »Aber die Revo­lu­ti­on ist gründ­lich. Sie ist noch auf der Rei­se durch Fege­feu­er begrif­fen. Sie voll­bringt ihr Geschäft mit Metho­de. […] Sie voll­ende­te erst die par­la­men­ta­ri­sche Gewalt, um sie stür­zen zu kön­nen. Jetzt, wo sie dies erreicht, voll­endet sie die Exe­ku­tiv­ge­walt, redu­ziert sie auf ihren reins­ten Aus­druck, iso­liert sie, stellt sie als ein­zi­gen Vor­wurf gegen­über, um alle ihre Kräf­te der Zer­stö­rung gegen sie zu kon­zen­trie­ren. Und wenn sie die­se zwei­te Hälf­te ihrer Vor­ar­beit voll­bracht hat, wird Euro­pa von sei­nem Sit­ze auf­sprin­gen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maul­wurf.«1

Im Mai 1917, als im »von Moder­luft erfüll­ten Europa«die rus­si­sche Revo­lu­ti­on begann, brach sich in den Augen Rosa Luxem­burgs »das gro­ße his­to­ri­sche Gesetz« Bahn. »Alter Maul­wurf, Geschich­te, du hast brav gear­bei­tet!«2, schrieb sie in dem Arti­kel »Der alte Maul­wurf«.

 

Elemente einer kritischen Taupologie

Daniel Bensaïd Resistances

Dani­el Ben­saïd: Rési­s­tan­ces. Essai de tau­po­lo­gie géné­ra­le. Mit Zeich­nung von Pierre Wiaz. Paris: Fay­ard, 2001

In sei­nem Essay Rési­s­tan­ces (2001) beleuch­tet der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und trotz­kis­ti­sche Akti­vist Dani­el Ben­saïd (1946–2010), der im Pari­ser Mai 1968 zu den her­aus­ra­gen­den Akteu­ren gehör­te, den meta­pho­ri­schen Maul­wurf in sei­nen ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen. Das ers­te Kapi­tel des Essays trägt den bezeich­nen­den Titel »Ich wider­ste­he, also bin ich«. In sei­ner Typo­lo­gie beschreibt Ben­saïd den Maul­wurf als einen Cha­rak­ter, der sich durch Zähig­keit und Gerad­li­nig­keit aus­zeich­net und sich durch kei­ne Wid­rig­kei­ten der Rea­li­tät wie Stei­ne oder Wur­zeln auf­hal­ten lässt. Zum ande­ren sieht Ben­saïd ihn als ste­ti­gen Kämp­fer, den kei­ne Rück­schlä­ge von sei­ner »Mis­si­on« abzu­brin­gen ver­mö­gen. In sei­ner Sym­bio­se aus Uto­pie und Mes­sia­nis­mus sieht sich Ben­saïd expli­zit in der Tra­di­ti­on Wal­ter Ben­ja­mins, und der Maul­wurf erin­nert mit sei­ner beharr­li­chen Wider­stän­dig­keit an Her­man Mel­vil­les Figur Bart­le­by, auch wenn der Maul­wurf im Ent­wurf Ben­saïds ziel­ori­en­tier­ter ist. Er wirkt im Unter­grund, im Gar­ten oder Feld, ist kein Träu­mer oder roman­ti­scher Ver­wei­ge­rer, son­dern ein ste­ti­ger Arbei­ter. Stän­dig bewegt er sich zwi­schen Him­mel und Erde, Licht und Schat­ten.3)

Über die his­to­risch-revo­lu­tio­nä­re Meta­pho­rik hin­aus ist der Maul­wurf auch Sinn­bild des auf­merk­sa­men Beob­ach­ters, der früh seis­mo­gra­phi­sche Bewe­gun­gen wahr­nimmt. In einer Pas­sa­ge in Hono­ré de Balz­acs Roman Ver­lo­re­ne Illu­sio­nen über die Tugend und Kor­rup­ti­on der Intel­lek­tu­el­len im arbeits­tei­li­gen Betrieb des kapi­ta­lis­ti­schen Mark­tes heißt es:  »In dem Bereich, inner­halb des­sen ihre Fähig­kei­ten sich ent­wi­ckeln, besit­zen die Män­ner von Geist die Rund­um­sicht einer Schne­cke, den Spür­sinn eines Hun­de­sund das Gehör eines Maul­wurfs – alles um sie her­um sehen sie, spü­ren sie, hören sie.«4

Der Maulwurf als Wappentier derRevolution im Dienst des Vereins linker Buchhändler (Quelle: Archiv Uwe Sonnenberg)

Der Maul­wurf als Wap­pen­tier der Revo­lu­ti­on im Dienst des Ver­ban­des lin­ker Buch­händ­ler (Quel­le: Archiv Uwe Son­nen­berg)

In den 1970er Jah­ren lös­te der Maul­wurf die Iko­ne Marx auf den Ein­kaufs­tü­ten des »Ver­ban­des lin­ker Buch­händ­ler« ab. In nicht-revo­lu­tio­nä­ren Zei­ten gewann der Maul­wurf, schreibt Uwe Son­nen­berg in sei­ner volu­mi­nö­sen wie lesens­wer­ten Stu­die des lin­ken Buch­han­dels in den 1970er Jah­ren, »mit sei­ner Fähig­keit zur Boden­auf­lo­cke­rung und Hügel­bil­dung stets neue Vor­bild­funk­ti­on«.5

 

 

 

 

Sterben über den Gängen

Guenter Eich - Gesammelte MaulwuerfeUnge­ach­tet die­ser Ver­herr­li­chung und Heroi­sie­rung ist der Maul­wurf nicht aller­orts gut gelit­ten. In sei­ner Pro­sa­samm­lung Gesam­mel­te Maul­wür­fe (1972) beschrieb Gün­ter Eich sei­ne Ver­si­on des Maul­wurfs in vie­len Schat­tie­run­gen. »Was ich schrei­be, sind Maul­wür­fe«, heißt es in der »Prä­am­bel« des Buches, »wei­ße Kral­len nach außen gekehrt, rosa Zehen­bal­len, von vie­len Fein­den als Deli­ka­tes­se genos­sen, das dicke Fell geschätzt.« Ent­ge­gen der Heroi­sie­rung des Maul­wurfs stellt Eich von Beginn an klar: »Mei­ne Maul­wür­fe sind schäd­lich, man soll sich kei­ne Illu­sio­nen machen. Über ihren Gän­gen ster­ben die Grä­ser ab, sie machen es frei­lich nur deut­li­cher.«6 Damit ist die Auf­ga­be die­ser Zeit­schrift beschrie­ben.

Jörg Auberg

(wird fort­ge­setzt)

 


  1. Karl Marx, »Der acht­zehn­te Bru­mai­re des Lou­is Bona­par­te«, in: MEW, Bd. 8 (Ber­lin: Karl Dietz Ver­lag, 2009), S. 196  
  2. Rosa Luxem­burg, »Der alte Maul­wurf«, in: Spar­ta­kus­brie­fe, hg. Insti­tut für Mar­xis­mus-Leni­nis­mus beim Zen­tral­ko­mi­tee der Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands (Berlin/DDR: Dietz Ver­lag, 1958), S. 322–329  
  3. Dani­el Ben­saïd, Rési­s­tan­ces: Essai de tau­po­lo­gie géné­ra­le (Paris: Fay­ard, 2001  
  4. Hono­ré de Balz­ac, Ver­lo­re­ne Illu­sio­nen, übers. Mela­nie Walz (Mün­chen: Han­ser, 2014), S. 112  
  5. Uwe Son­nen­berg, Von Marx zum Maul­wurf: Lin­ker Buch­han­del in West­deutsch­land in den 1970er Jah­ren (Göt­tin­gen, Wall­stein, 2016), S. 330  
  6. Gün­ter Eich, Gesam­mel­te Maul­wür­fe (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1972), S. 7