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April 2016 Posts

Pasolini Reloaded

Ein sanfter, gewaltsamer Revolutionär

Zu drei Wiederveröffentlichungen Pier Paolo Pasolinis

Von Jörg Auberg

»Wo zum Unter­gang
bestimmt ist eine Gesell­schaft,
fällt sie ihm anheim:

der Ein­zel­ne nie.«

Pier Pao­lo Paso­li­ni,
Gramsci’s Asche
 

I.Dem ame­ri­ka­ni­schen Autor Edmund White war Pier Pao­lo Paso­li­ni nicht recht geheu­er. In den Augen Whites beweg­te sich der mar­xis­ti­sche Intel­lek­tu­el­le Paso­li­ni in einem »ideo­lo­gi­schen Kon­text«, in dem ein Künst­ler bei jeder Gele­gen­heit eine fer­ti­ge Mei­nung zu »Freud, Marx und Lévi-Strauss« zu offe­rie­ren habe, um aner­kannt zu sein. Von all sei­nen Schrif­ten hät­ten zuvör­derst sei­ne Gedich­te einen dau­er­haf­ten Wert, mut­maß­te White.1 In die­sem Urteil scheint nicht nur eine spät­mo­der­ne Varia­ti­on des »ame­ri­ka­ni­schen Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus« durch (wie ihn der His­to­ri­ker Richard Hof­stadter in den frü­hen 1960er Jah­ren beschrieb2), die auf »ver­que­re« Wei­se aus der US-ame­ri­ka­ni­schen Main­stream-Gesell­schaft in die kul­tu­rel­len Zir­kel der »gay cul­tu­re« fand. Der euro­päi­sche Intel­lek­tu­el­le Paso­li­ni, der im Lau­fe sei­nes Lebens als Leh­rer, poli­ti­scher Akti­vist, Dich­ter, Roman­cier, Maler, Dreh­buch­au­tor, Fil­me­ma­cher und Jour­na­list tätig war, blieb dem US-ame­ri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len vor allem wegen sei­ner »Ein­bet­tung« ins mar­xis­ti­sche Milieu suspekt. Obwohl es auch in den USA nach dem Zwei­ten Welt­krieg ein Netz­werk von homo­se­xu­el­len Kom­mu­nis­ten gab, die zur »Hom­in­tern« (einer homo­se­xu­el­len Vari­an­te der »Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le«, die im sta­li­nis­ti­schen Argot zur »Kom­in­tern« ver­kürzt wur­de), gehör­ten, wur­den die Ver­bin­dungs­li­ni­en zwi­schen lin­ker Poli­tik und homo­se­xu­el­ler Kul­tur in den Land­schaf­ten des »Kal­ten Krie­ges« weg­ge­sprengt.3

Pier Paolo Pasolini: Wer ich bin (Wagenbach)

Pier Pao­lo Paso­li­ni: Wer ich bin (Wagen­bach)

Paso­li­ni ließ sich nicht auf eine Poli­tik der Iden­ti­tät als Homo­se­xu­el­ler redu­zie­ren. Das »Pro­blem der Homo­se­xua­li­tät« (wie sein Freund Alber­to Mora­via es nann­te) war für ihn »von gro­ßem Gewicht«, doch bestimm­te es nicht aus­schließ­lich sei­ne Exis­tenz. »Er war sehr männ­lich, hat­te nichts Ver­weich­lich­tes«, beschrieb ihn Mora­via, der sich trotz aller Offen­heit und Libe­ra­li­tät in der Wahr­neh­mung der Homo­se­xu­el­len von gän­gi­gen Ste­reo­ty­pen lei­ten ließ.4  Den­noch war Paso­li­nis Homo­se­xua­li­tät ein exis­ten­zi­el­ler Fak­tor in sei­nem Leben: Sie war die Ursa­che für sei­nen ers­ten Pro­zess und sei­nen Aus­schluss aus der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens, sei­ne Stig­ma­ti­sie­rung als Außen­sei­ter und Out­law-Intel­lek­tu­el­ler, der immer wie­der auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs mit den herr­schen­den Vor­stel­lun­gen ging.

»Das ita­lie­ni­sche Bür­ger­tum um mich her­um ist ein Hau­fen Mör­der«5, stieß er in einer Selbst­be­schrei­bung hass­erfüllt aus, doch blieb sei­ne radi­ka­le Kri­tik nicht allein auf die ita­lie­ni­sche Bour­geoi­sie beschränkt. In einem sei­ner Gedich­te, die er unter dem Titel Le cene­ri di Gram­sci (1957; dt. Gramsci’s Asche) publi­zier­te, beschrieb er sich als »leben­di­ges Licht:/Sanfter, gewalt­sa­mer Revolutionär/mit Herz und Zun­ge«6. Wie ein roter Kor­sar stemm­te er sich den »Fein­den der Klas­se, die er wider­spie­gelt« ent­ge­gen, war ein »Feind aus Wut und aus baby­lo­ni­scher Anar­chie«7, sti­li­sier­te sich zum »Ver­damm­ten«, zum »Aus­ge­sto­ße­nen«, zum »Out­law«.

Wegweiser zum Grab Antonio Gramscis auf dem Cimitero acattolico in Rom

Weg­wei­ser zum Grab Anto­nio Gram­scis auf dem Cimi­tero acat­to­li­co in Rom

Trotz der rebel­li­schen Pose war er jedoch – wie Kars­ten Wit­te tref­fend schrieb – ein »Ket­zer und Kapu­zi­ner« in Per­so­nal­uni­on, revol­tier­te gegen die Dog­ma­tik sowohl der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei als auch der katho­li­schen Kir­che, pran­ger­te aber zugleich wie ein »Volks­mis­sio­nar« die Ver­feh­lun­gen und Sün­den des »Kon­su­mis­mus« an. Anders als Mora­via betrach­te­te Wit­te die Homo­se­xua­li­tät als zen­tra­les Moment in Paso­li­nis intel­lek­tu­el­ler und künst­le­ri­scher Exis­tenz. In sei­nen Augen war Paso­li­ni weni­ger als Kom­mu­nist homo­se­xu­ell, son­dern als Homo­se­xu­el­ler Kom­mu­nist, »der den poli­ti­schen Aspekt der Homo­se­xua­li­tät in ihrer klas­sen­un­ab­hän­gi­gen Uni­ver­sa­li­tät« erkann­te. »Zum Klas­sen­be­wußt­sein gehört, untrenn­bar, Klas­sen­kennt­nis, deren Aus­tausch er in sei­ner Lebens­wei­se garan­tiert sah […].«8

Pier Paolo Pasolini: Der Traum von einer Sache (Medusa)

Pier Pao­lo Paso­li­ni: Der Traum von einer Sache (Medu­sa)

Der Ursprung des­sen, was Peter Kam­me­rer als Paso­li­nis »mythi­schen Mar­xis­mus«, als »Traum vom Volk«9 beschrieb, lag in der fri­au­li­schen Pro­vinz, in der sich Paso­li­ni sei­ne »kom­bi­nier­te Erfah­rung aus intel­lek­tu­el­ler Ent­wick­lung, poli­ti­scher Akti­on, sexu­el­ler Frei­heit und lin­gu­is­ti­schem Aus­pro­bie­ren«10 erfuhr. Mit dem Fri­aul ver­band Paso­li­ni nicht allein einen sprach­li­chen Dia­lekt, der sich der faschis­ti­schen Ver­ein­heit­li­chung der Spra­che wider­setz­te, son­dern auch ein bäu­er­lich-archai­sches Milieu, das impli­zit dem auto­ri­tä­ren Regime in Rom einen Wider­stand ent­ge­gen­setz­te. Geprägt wur­de Paso­li­ni von einer Vor­stel­lung des frü­hen Marx, die er sei­nem in den spä­ten 1940er Jah­ren ent­stan­de­nen und schließ­lich im Jah­re 1962 ver­öf­fent­lich­ten Roman Der Traum von einer Sache vor­an­stell­te: »Unser Wahl­spruch muß also sein: Reform des Bewußt­seins nicht durch Dog­men, son­dern durch Ana­ly­sie­rung des mys­ti­schen, sich selbst unkla­ren Bewußt­seins, tre­te es nun reli­gi­ös oder poli­tisch auf. Es wird sich dann zei­gen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußt­sein besit­zen muß, um sie wirk­lich zu besit­zen. Es wird sich zei­gen, daß es sich nicht um einen gro­ßen Gedan­ken­strich zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft han­delt, son­dern um die Voll­zie­hung der Gedan­ken der Ver­gan­gen­heit. Es wird sich end­lich zei­gen, daß die Mensch­heit kei­ne neue Arbeit beginnt, son­dern mit Bewußt­sein ihre alte Arbeit zustan­de bringt.«11 Aus die­ser Vor­stel­lung ent­wi­ckel­te Paso­li­ni (wie Simo­na Bonda­val­li schreibt) eine Nost­al­gie, in der sich gegen­wär­ti­ge und zukünf­ti­ge Indi­vi­du­en in einem pro­ji­zier­ten Exil tref­fen, wobei die Erin­ne­rung der Jugend im Proust’schen Sin­ne eine Rück­ge­win­nung der Zeit unter anti­bür­ger­li­chem Vor­zei­chen bedeu­tet.

II.Die­se Wie­der­ge­win­nung des uto­pi­schen Raums der jugend­li­chen Frei­beu­te­rei beschreibt Paso­li­ni in sei­nem frü­hen, um 1950 ent­stan­de­nen Pro­sa­text Klei­nes Meer­stück, der erst­mals 1996 erschien und nun in einer Neu­aus­ga­be im Folio-Ver­lag neu her­aus­ge­ge­ben wur­de. Als der Band vor zwan­zig Jah­ren erschien, beschied ihm ein Rezen­sent in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung man­geln­de Qua­li­tät: »Von Paso­li­ni wer­den jetzt auch die Tex­te ver­öf­fent­licht, die der Autor mit gutem Grund im Nach­laß ver­steckt hat­te«, wuss­te der Kri­ti­ker zu berich­ten, wobei das Rau­nen des Kri­ti­kers sich auf ein wei­ßes Rau­schen beschränk­te. Argu­men­te für sein Urteil ver­moch­te er nicht vor­zu­brin­gen. Statt­des­sen behalf er sich mit der Beschrei­bung »ziem­lich schwach« und »offen­sicht­lich sehr bemüht geschrie­ben« und kan­zel­te ihn als »Ver­such« ab.12

Pier Paolo Pasolini: Kleines Meerstück (Folio)

Pier Pao­lo Paso­li­ni: Klei­nes Meer­stück (Folio)

Doch ist der Text Klei­nes Meer­stück weit mehr als ein »Ver­such«. In die­sem frü­hen, auch kom­ple­xen Text evo­ziert Paso­li­ni sei­ne Kind­heit im Fri­aul. Der Erzäh­ler schließt sich einem »Schwarm Puber­tie­ren­der« wie ein »Schiff­brü­chi­ger« an, erfährt die »Kna­ben­sinn­lich­keit« und träumt sich in die Sphä­ren von Kapi­tä­nen und Dich­tern, die in die Wei­te des Mee­res getrie­ben wer­den. »Ins Meer flüch­te­te ich mich, wie in ein Nicht-Leben, ein gehei­mes Wohl­be­fin­den; ich ließ mich von sei­ner unbe­leb­ten Far­be auf­sau­gen, die mit mir gebo­ren wur­de und mit mir starb, wie in einer äuße­ren, aber ›innen‹ geschaf­fe­nen Erwei­te­rung, ein gren­zen­lo­ses, blau­es Exil, an des­sen Rän­dern die Abfäl­le der Gewis­sens­bis­se lagen […]«.13
Wäh­rend der ers­te Text in mäan­dern­den Sät­zen die Erin­ne­rung der Kind­heit im Fri­aul zu rekon­stru­ie­ren sucht, beschränkt sich Paso­li­ni in der zwei­ten Erzäh­lung des Ban­des – Romàns – auf eine ein­fa­che, knap­pe Spra­che des Rea­lis­mus. Erzählt wird die Geschich­te des jun­gen Pries­ters Don Pao­lo in den Jah­ren zwi­schen 1947 und 1949, der eine Stel­le als Kaplan in San Pie­tro antritt, das »fahl und still wie ein Fried­hof«14 ist. Auf der Zug­fahrt dort­hin lernt den Jun­gen Cesa­re ken­nen, des­sen Vater und Brü­der in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei orga­ni­siert sind. Spu­ren von Paso­li­ni fin­den sich sowohl in der Figur des Don Pao­lo als auch in der des jun­gen poli­tisch enga­gier­ten Berufs­schul­leh­rers Rena­to. Gleich­falls reflek­tiert sich der Autor in dem Jun­gen Cesa­re, der als typi­scher Reprä­sen­tant des Dor­fes Romàns bezeich­net wird: »Er ist ver­schlos­sen in sei­ner Schön­heit.«15
Don Pao­lo wird getrie­ben von der »Sache«, die auch als »Fleisch« oder »Kör­per« kon­no­tiert ist. Er fühlt sich zu Cesa­re hin­ge­zo­gen, durch­steht Qua­len und ist in Auf­ruhr, als Cesa­res Fami­lie zu einem neu­en Leben nach Kana­da auf­bricht, um der Armut in Ita­li­en zu ent­flie­hen. »Er ver­brach­te schreck­li­che Tage«, heißt es in der Erzäh­lung. »Anfangs hat­te ihn die Sache mehr ver­wun­dert und erregt als sonst etwas: Dann aber wur­de sie zu einer Art Beses­sen­heit, die ihn ver­zehr­te.«16 Am Ende war­tet Don Pao­lo dar­auf, aus San Pie­tro ver­jagt zu wer­den.
Stets wird Don Pao­lo vom Gefühl der Sün­de heim­ge­sucht. »Jene ›Sache‹ lässt mir nicht einen Augen­blick Ruhe«, gibt er zu Pro­to­koll. »Der Gedan­ke dar­an läss mich stän­dig seuf­zen, und was wirk­lich sünd­haft ist, rät mir immer wie­der zu jener Ges­te der Gewalt gegen mich, die ich seit vie­len Jah­ren ken­ne: Mei­ne Hand, die sich erhebt, um mich zu zer­schmet­tern. Es ist der Kör­per, der Kör­per, der Ursprung des Gan­zen, und daher muss man ihn ver­schwin­den las­sen.«17

Im rea­len Leben wur­de Paso­li­ni selbst wegen des berüch­tig­ten »Skan­dals von Ramus­cel­lo« geäch­tet und ver­sto­ßen. Wegen »unzüch­ti­ger Hand­lun­gen« und der »Ver­füh­rung von Min­der­jäh­ri­gen« schloss man ihn – obgleich er im juris­ti­schen Pro­zess aus Man­gel an Bewei­sen frei­ge­spro­chen wur­de – aus der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei aus. Die­se Äch­tung war für Paso­li­ni ein »trau­ma­ti­scher Schlag«18, dem die Flucht aus der pro­vin­zi­el­len Land­schaft ins urba­ne Zen­trum Rom folg­te. »Im Win­ter ’49 […] floh ich mit mei­ner Mut­ter nach Rom – wie in einem Roman.«19 Im urba­nen Raum, den Paso­li­ni zunächst von den Rän­dern aus wahr­nahm, ent­deck­te er die sub­pro­le­ta­ri­sche Jugend für sich, die – nach den Wor­ten Mora­vi­as – sei­nen »mar­xis­ti­schen Kom­mu­nis­mus« in einen popu­lis­ti­schen und roman­ti­schen Kom­mu­nis­mus ver­wan­del­te, der von »phi­lo­lo­gi­scher Nost­al­gie und anthro­po­lo­gi­scher Refle­xi­on« sti­mu­liert war.20

Pier Paolo Pasolini: Rom, Andere Stadt (Corso)

Pier Pao­lo Paso­li­ni: Rom, Ande­re Stadt (Cor­so)

III.Zu Rom ent­wi­ckel­te Paso­li­ni ein ambi­va­len­tes Ver­hält­nis, das in dem erst­mals 2010 ver­öf­fent­lich­ten Band Rom, Ande­re Stadt zum Aus­druck kommt, in dem sich eine Aus­wahl von Geschich­ten, Gedich­ten und Brie­fen fin­det, die in der Zeit zwi­schen den 1950er und den 1970er Jah­re ent­stan­den. In Paso­li­nis Augen ist Rom zugleich die schöns­te und die häss­lichs­te Stadt. »Roms Wider­sprü­che sind schwer zu über­win­den, weil es exis­ten­zi­el­le Wider­sprü­che sind«, heißt es in einem Text:: »Der Reich­tum und die Armut, das Glück und der Schre­cke Roms sind weni­ger Gegen­satz­paa­re als Tei­le eines Mag­mas, eines Cha­os.«21 In einem Pro­zess der Nivel­lie­rung und Ver­ein­heit­li­chung, der in der Herr­schaft des ita­lie­ni­schen Faschis­mus begann und bis in die Gegen­wart reich­te, ver­lor Rom für Paso­li­ni sei­nen urba­nen Cha­rak­ter als »Volks­me­tro­po­le«. Unter dem Ein­fluss von Mas­sen­me­di­en und Mas­sen­kul­tur wur­de es »klein­bür­ger­lich, eng­stir­nig, katho­lisch, durch­drun­gen von Unecht­heit und Neu­ro­sen«.22 Ähn­lich wie Jean-Luc Godard in sei­nem sozio­lo­gi­schem Essay­film Deux ou trois cho­ses que je sais d’elle aus dem Jah­re 1967 kri­ti­siert Paso­li­ni die De-Urba­ni­sie­rung unter dem Kapi­ta­lis­mus, in dem jede Regung der Pro­fit­ma­xi­mie­rung und dem Kon­sum unter­wor­fen ist und die mensch­li­che Exis­tenz sich in einem grel­len, laut­ma­le­ri­schen, über­di­men­sio­nier­ten Comic-Strip voll­zieht. In der Trans­for­ma­ti­on des urba­nen Rau­mes nach den Erfor­der­nis­sen des öko­no­mi­schen Mark­tes und der poli­ti­schen Macht löst ein unent­weg­ter Wir­bel von Tönen und Zei­chen die Sinn­haf­tig­keit der Spra­che und damit die Grund­la­ge frei­er Indi­vi­du­en auf, die ihre Exis­tenz als poli­ti­sche Akteu­re selbst bestimm­ten.23
Doch das Rom, das Paso­li­ni in sei­nen Text beschwört, ist eine nost­al­gisch Fik­ti­on, in der sich vor- und anti­bür­ger­li­che Pro­jek­tio­nen ver­mi­schen. Paso­li­nis »Volks­me­tro­po­le« war eben­so illu­so­risch wie die Kulis­sen­städ­te in Cin­ecit­tá. In sei­ner Geschich­te war Rom weni­ger von der »Demo­kra­tie« denn von einer mani­pu­lie­ren­den und kor­rum­pie­ren­den »Gra­ti­fi­ka­ti­ons­po­li­tik« gekenn­zeich­net, wie Mur­ray Book­chin bemerk­te. »Die Men­schen gewöhn­ten sich an einen ste­ti­gen Strom von Gra­ti­fi­ka­tio­nen, Geschen­ken, Fes­ten und Spie­len«, schrieb er über die poli­ti­sche Kul­tur in der römi­schen Repu­blik; »in ihren Augen gehör­te dies zum Wesen der Poli­tik. Die­se römi­sche Kli­en­ten- und Geschen­ke-Poli­tik beschleu­nig­te ihrer­seits den Ver­fall des Bür­ger­we­sens, indem sie eine Gier nach Sen­sa­tio­nen und Bru­ta­li­tät för­der­te, die in kras­sem Gegen­satz zu den her­ge­brach­ten repu­bli­ka­ni­schen Idea­len und Wer­ten stand.«24
Der nost­al­gi­sche Cha­rak­ter von Paso­li­nis Tex­ten wird noch durch die grob­kör­ni­gen Schwarz­weiß-Bil­der des Foto­gra­fen Her­bert List25 aus den 1950er Jah­ren ver­stärkt, in der die unter­ge­gan­ge­ne Welt der alten Vier­tel wie Tras­te­ve­re, Kinos und der kom­mu­nis­ti­schen All­tags­kul­tur in Momen­ten der Erin­ne­rung »vor­bei­hu­schen«. Die Fotos sind aus der Zeit gefal­le­ne »fre­e­ze frames«, die aus dem geschicht­li­chen Raum gesprengt sind, und die Kri­tik Paso­li­nis auf rück­wärts gewand­te Wei­se kon­ter­ka­rie­ren. Die Gen­tri­fi­zie­rung von Tras­te­ve­re fin­det in die­sen still­ge­leg­ten Momen­ten nicht statt; auch das Häss­li­che, das sich in den römi­schen urba­nen Area­len fin­det, wird aus­ge­spart. Selbst in Doro­thea Dieck­manns Nach­wort, das die Ver­än­de­rung Roms nach 1945 kri­tisch beleuch­tet und die Ent­wick­lung Roms mit sei­nen trost­lo­sen Beton-Vor­städ­ten foto­gra­fisch doku­men­tiert, wirkt Paso­li­ni selt­sam mumi­fi­ziert. Die Zeit endet mit der »Macht­er­grei­fung« Sil­vio Ber­lus­co­nis, als wäre die Geschich­te seit­dem zum Still­stand gekom­men.

Pier Paolo Pasolini: Die lange Straße aus Sand (Corso)

Pier Pao­lo Paso­li­ni: Die lan­ge Stra­ße aus Sand (Cor­so)

IV.Auch der Band Die lan­ge Stra­ße aus Sand (der auf deutsch erst­mals 2009 erschien) bedient vor allem eine nost­al­gi­sche Sehn­sucht nach einem Ita­li­en der Ver­gan­gen­heit. Im Som­mer 1959 begab sich Paso­li­ni im Auf­trag der Illus­trier­ten Suc­ces­so auf eine Rei­se vom Nor­den Ita­li­ens bis zum Süden und zurück, um das Land »zwi­schen Armut und Dol­ce Vita« in einer Repor­ta­ge zu beschrei­ben. Auch hier sind die Tex­te zwi­schen grob­kör­ni­gen Schwarz­weiß­bil­dern ein­ge­rahmt, die das ver­gan­ge­ne Ita­li­en des frü­hen Mas­sen­tou­ris­mus beschwö­ren. In Paso­li­nis Tex­ten wird das ita­lie­ni­sche Tou­ris­ten­pa­ra­dies mit den Son­nen­an­be­te­rin­nen auf Motor­boo­ten oder unter Son­nen­schir­men, den Bou­le­vards und Ein­kaufs­mei­len, den Gesta­den der kul­tu­rel­len Eli­te und den Kinos mit dem Elend der Armen kon­tras­tiert, die in Jacken und Pull­overn aus Strick­wol­le jeden Tag um ihre Exis­tenz rin­gen.
Paso­li­nis Repor­ta­ge ist ein Doku­ment aus der Zeit des weit zurück­lie­gen­de ita­lie­ni­schen Wirt­schaft­wun­ders. Umwäl­zun­gen, die sich unter ande­ren geschicht­li­chen Bedin­gun­gen über Jahr­zehn­te erstreckt hät­ten, fan­den in weni­gen Jah­ren statt. Die Som­mer­fri­sche frü­he­rer Jah­re wur­de durch den Mas­sen­tou­ris­mus abge­löst. Am Ende sei­ner Rei­se bleibt der Repor­ter trau­rig und hoff­nungs­los zurück. »Über die arm­se­li­gen Stim­men, über den arm­se­li­gen Strand, wirft das Gewit­ter einen leich­ten, weiß­li­chen Schat­ten«, lässt Paso­li­ni sei­ne Repor­ta­ge enden. »Hier endet Ita­li­en, endet der Som­mer.«26

V.Was bleibt am Ende von Paso­li­ni außer nost­al­gi­schen Remi­nis­zen­zen an einen »dis­si­den­ten Kom­mu­nis­ten«? In einer kri­ti­schen Wür­di­gung aus dem Jah­re 2014 in der Zeit­schrift Sozia­lis­mus poch­te Ste­pha­nie Oden­wald auf die Aktua­li­tät Paso­li­nis und hob her­vor, dass sein exis­ten­zi­el­les The­ma »die dunk­le Sei­te der Moder­ne« gewe­sen sei, »das Ver­sin­ken in die Geschichts­lo­sig­keit, das Aus­lö­schen der Kul­tur der Ver­gan­gen­heit und ihrer Spu­ren, eine bru­ta­le Moder­ni­sie­rung unter dem Dik­tat der öko­no­mi­schen Ver­wer­tung«.27 Dabei ist jedoch im Gedächt­nis zu behal­ten, dass Paso­li­ni mit sei­nem »mythi­schen Mar­xis­mus«, sei­ner Ver­klä­rung des »Vol­kes« oder des »Sub­pro­le­ta­ri­ats«, der »Out­laws«, des »ande­ren Ita­li­ens« der »Armen und Aus­ge­beu­te­ten, der Geschichts­lo­sen und Macht­lo­sen«28 nicht die his­to­ri­sche Rea­li­tät einer anti­bür­ger­li­chen Wider­stän­dig­keit beschrieb, son­dern eine Pro­jek­ti­on vor­stell­te, die der Poe­sie eines eman­zi­pa­to­ri­schen Mythos ent­sprang, ohne dass ein his­to­ri­scher Agent für die Rea­li­sie­rung zur Ver­fü­gung stand. Sym­pto­ma­tisch endet Paso­li­nis gro­ßes Gedicht Gramsci’s Asche mit einer Fra­ge: »Doch ich, mit dem wis­sen­den Herzen/eines, der nur in Geschich­te zu leben vermag,/werde ich nichts mehr aus rei­ner Pas­si­on vollbringen,/da ich weiß, daß zu Ende ist unse­re Geschich­te?«29 Womög­lich liegt in die­ser Fra­ge der Schlüs­sel zu sei­ner Aktua­li­tät.

Bibliografische Angaben:
 

Pier Pao­lo Paso­li­ni. Klei­nes Meer­stück und Romàns. Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maria Fehrin­ger. Mit einem Text zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te von Nico Nal­di­ni und einer Nach­be­mer­kung von Mai­ke Albath. Wien und Bozen: Folio Ver­lag, 2015. 160 Sei­ten, 19,90 Euro.

Pier Pao­lo Paso­li­ni. Rom, Ande­re Stadt: Geschich­ten und Gedich­te. Aus­ge­wählt und über­setzt von Annet­te Kopetz­ki und The­re­sia Pram­mer. Mit Foto­gra­fi­en von Her­bert List und einem Nach­wort von Doro­thea Dieck­mann. Wies­ba­den: Ver­lags­haus Römerweg/Corso, 2015. 112 Sei­ten, 26,90 Euro.

Pier Pao­lo Paso­li­ni. Die lan­ge Stra­ße aus Sand: Ita­li­en zwi­schen Armut und Dol­ce Vita. Aus dem Ita­lie­ni­schen von Chris­ti­ne Grä­be und Annet­te Kopetz­ki. Mit einem Nach­wort von Peter Kam­me­rer und einer Wür­di­gung von Wolf­ram Schüt­te. Wies­ba­den: Ver­lags­haus Römerweg/Corso, 2015. 136 Sei­ten, 28 Euro.  

© Text und Fotos: Jörg Auberg (2016)

Nachweise

  1. Edmund White, The Bur­ning Libra­ry: Essays, hg. David Berg­man (New York: Vin­ta­ge, 1994), S. 144
  2. Richard Hof­stadter, Anti-Intel­lec­tua­lism in Ame­ri­can Life (New York: Vin­ta­ge, 1962), Kind­le-Aus­ga­be
  3. Alan Wald, Ame­ri­can Night: The Litera­ry Left in the Era of the Cold War (Cha­pel Hill: Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 2012), S. 117–149. Sie­he auch Gre­go­ry Woods, Hom­in­tern: How Gay Cul­tu­re Libe­ra­ted the Modern World (New Haven und Lon­don: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2016), S. 1–30; zu Paso­li­ni, cf. ibid., S. 230–234
  4. Alber­to Mora­via, »Mein Freund Paso­li­ni«, in: Pier Pao­lo Paso­li­ni, Wer ich bin, übers. Peter Kam­me­rer und Bet­ti­na Kien­lech­ner (Ber­lin: Wagen­bach, 1995), S. 64
  5. Paso­li­ni, Wer ich bin, S. 16
  6. Pier Pao­lo Paso­li­ni, Gramsci’s Asche: Gedich­te italienisch/deutsch, übers. Toni und Sabi­ne Kien­lech­ner (Mün­chen: Piper, 1984), S. 137
  7. Enzo Sici­lia­no, Paso­li­ni: Leben und Werk, übers. Chris­tel Gal­lia­ni (1980; rpt. Wein­heim: Bel­tz Qua­dri­ga, 1994), S. 223
  8. Kars­ten Wit­te, Die Kör­per des Ket­zers: Pier Pao­lo Paso­li­ni (Ber­lin: Vor­werk 8, 1998) S. 17–18
  9. Peter Kam­me­rer, »Der Traum vom Volk: Paso­li­nis mythi­scher Mar­xis­mus«, in: Pier Pao­lo Paso­li­ni, Rei­he Film 12, hg. Peter W. Jan­sen und Wolf­ram Schüt­te (Mün­chen: Han­ser, 1985), S.13–34
  10. Simo­na Bonda­val­li, Fic­tions of Youth: Pier Pao­lo Paso­li­ni, Ado­le­scence, Fascisms (Toron­to: Uni­ver­si­ty of Toron­to Press, 2015), Kind­le-Aus­ga­be
  11. Karl Marx, Brief an Arnold Ruge, Sep­tem­ber 1843, in: Marx-Engels, Wer­ke, Bd. 1 (Ber­lin: Dietz, 2006), S. 346
  12. Hans Sche­rer, »Feuil­le­to­nist aus dem Fri­aul«, Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, 1. Okto­ber 1996, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-feuilletonist-aus-dem-friaul-11305234.html
  13. Pier Pao­lo Paso­li­ni, Klei­nes Meer­stück und Romàns, übers. Maria Fehrin­ger (Wien und Bozen: Folio Ver­lag, 2015), S. 60
  14. Paso­li­ni, Klei­nes Meer­stück und Romàns, S. 122
  15. Paso­li­ni, Klei­nes Meer­stück und Romàns, S. 85
  16. Paso­li­ni, Klei­nes Meer­stück und Romàns, S. 138
  17. Paso­li­ni, Klei­nes Meer­stück und Romàns, S. 99
  18. Sici­lia­no, Paso­li­ni: Leben und Werk, S. 182
  19. Sici­lia­no, Paso­li­ni: Leben und Werk, S. 184
  20. Alber­to Mora­via, »Der Dich­ter und das Sub­pro­le­ta­ri­at«, in: Pier Pao­lo Paso­li­ni, Rei­he Film 12, S. 7–8
  21. Pier Pao­lo Paso­li­ni, Rom, Ande­re Stadt: Geschich­ten und Gedich­te, übers. Annet­te Kopetz­ki und The­re­sia Pram­mer (Wies­ba­den: Ver­lags­haus Römerweg/Corso, 2015), S. 33
  22. Paso­li­ni, Rom, Ande­re Stadt, S. 83
  23. cf. James Roy Mac­Be­an, Film and Revo­lu­ti­on (Bloo­m­ing­ton: India­na Uni­ver­si­ty Press, 1975), S. 15
  24. Mur­ray Book­chin, Die Ago­nie der Stadt: Städ­te ohne Bür­ger oder Auf­stieg und Nie­der­gang des frei­en Bür­gers. übers. Hel­mut Rich­ter (Gra­fen­au: Trotz­dem-Ver­lag, 1996), S. 66
  25. List war das Vor­bild des Joa­chim in Ste­phen Spen­ders halb­au­to­bio­gra­fi­schen Roman The Temp­le (1988). Zu Lists Bio­gra­fie und Foto­gra­fie cf. Robert Ald­rich, The Seduc­tion of the Medi­ter­ra­ne­an: Wri­ting, Art and Homo­se­xu­al Fan­ta­sy (Lon­don: Rout­ledge, 1993), S. 155–159
  26. Pier Pao­lo Paso­li­ni, Die lan­ge Stra­ße aus Sand: Ita­li­en zwi­schen Armut und Dol­ce Vita (Wies­ba­den: Ver­lags­haus Römerweg/Corso, 2015), S. 102
  27. Ste­pha­nie Oden­wald, »Der Traum von einer Sache«, Sozia­lis­mus, 25. Okto­ber 2014, http://www.sozialismus.de/detail/artikel/pasolini-der-traum-von-einer-sache/
  28. Kam­me­rer, »Der Traum vom Volk«, S. 23
  29. Paso­li­ni, Gramsci’s Asche, S. 107

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