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November 2015 Posts

Streifzug durch ein Paralleluniversum

             

Bookfair - OutsideNachlese zur Frankfurter Buchmesse

 von Jörg Auberg

Schon zu ihren Anfän­gen war die Frank­fur­ter Buch­mes­se offen­bar ein etwas selt­sa­mer Ort. »Da quol­len die ange­mie­te­ten Lager­ge­wöl­be rund 120 grö­ße­rer Ver­le­ger des In- und Aus­lan­des über von Novi­tä­ten, die in aller Hast noch recht­zei­tig fer­tig­ge­wor­den waren, aber auch von gän­gi­ger älte­rer Ware«, schreibt Rein­hard Witt­mann in sei­ner Geschich­te des deut­schen Buch­han­dels. »Die Buch­händ­ler, Dru­cker und auch der eine oder ande­re Buch­bin­der such­ten ein­an­der in ihren Gewöl­ben auf, mus­ter­ten die Neu­ig­kei­ten, gaben die im ver­gan­ge­nen Halb­jahr abge­lau­fe­nen Bestel­lun­gen wei­ter und oft genug auch sons­ti­ge Post und Besor­gun­gen von Gelehr­ten, die jahr­hun­der­te­lang unter­ein­an­der ger­ne so preis­wert und zuver­läs­sig wie lang­sam ›durch Buch­händ­ler­ge­lehrt­heit‹ kor­re­spon­dier­ten, sie boten ihre eige­nen Pro­duk­te an und rech­ne­ten vor allem ab.«1

Ehe ich in die Gewöl­be des Jah­res 2015 ein­tau­chen kann, muss ich zunächst Taschen­kon­trol­le über mich erge­hen las­sen und danach die tech­no­lo­gi­sche Schran­ke am Ein­gang über­win­den. Wäh­rend ich mich auf der siche­ren Sei­te wäh­ne und mei­ne Pres­se­kar­te in digi­ta­ler Form im »Pass­Wal­let« mei­nes Smart­pho­nes vor­wei­sen möch­te, schei­te­re ich damit bei der schwarz­ge­klei­de­ten Tür­hü­te­rin. Ihr Scan­ner schei­tert beim Ein­le­sen des Bar­codes, doch die Schuld wird bei mir abge­la­den. Das Dis­play des Smart­pho­nes sei zu dun­kel, erklärt die Tür­hü­te­rin mit stra­fen­dem Blick. »Sol­che Schwie­rig­kei­ten hat der Mann vom Lan­de nicht erwar­tet …«2 Im letz­ten Augen­blick zücke ich mein Old-School-Ticket in Papier­form, das mir den Zugang zum Bücher­uni­ver­sum ver­schafft.

Wylie - WorkZunächst such­te ich die inter­na­tio­na­len Aus­stel­ler in der sechs­ten Hal­le auf. In den klei­nen Zel­len herrscht ein reges Trei­ben der Agen­ten, die ihr Geschäft mit Lizen­zen und Rech­ten betrei­ben und stets so tun, als gehör­ten sie zu der gro­ßen inter­na­tio­na­len Gemein­schaft der Bücher­freun­de, wäh­rend sie ihre Gegen­über über den Tisch zie­hen wol­len und immer nur auf gewinn­träch­ti­ge Abschlüs­se aus sind. Mit sol­chen Pea­nuts gibt sich Andrew Wylie (in der Bran­che als »Der Scha­kal« bekannt) nicht ab. The Wylie Agen­cy ope­riert nicht in klei­nen Dil­bert-Zel­len, son­dern agiert auf einem reprä­sen­ta­ti­ven Aus­stel­lungs­ge­län­de, wo sie die Ange­stell­ten der Buch­in­dus­trie emp­fängt und ver­mark­tet.
Längst haben Kon­glo­me­ra­te  wie Har­per­Col­lins, Hachet­te oder Pen­gu­in Ran­dom (lei­der konn­ten sich die Kon­zer­ne Ber­tels­mann und Pear­son bei ihrem Zusam­men­schluss ihrer Buch­fa­bri­ken 2013 nicht zu dem Namen »Ran­dom Pen­gu­in« durch­rin­gen) die Ter­ri­to­ri­en unter sich auf­ge­teilt (was auch in den Aus­ma­ßen der besetz­ten Aus­stel­lungs­flä­che deut­lich wird). Es ist die pla­ka­ti­ve Zur­schau­stel­lung des­sen, was André Schif­frin vor Jah­ren als »Ver­la­ge ohne Ver­le­ger« beschrieb. Für klei­ne­re Unter­neh­men wie die inter­na­tio­na­len Uni­ver­si­täts­ver­la­ge, Ver­so Books, Plu­to Press oder The New Press blei­ben ledig­lich die Bro­sa­men. Im Fal­le der New Inter­na­tio­na­list Press ist es noch schlim­mer: Der ein­zi­ge Mensch am Stand muss sich mit den eige­nen Pro­duk­ten beschäf­ti­gen, da sich sonst nie­mand für sie zu inter­es­sie­ren scheint.

SquirlAnders als in frü­he­ren Jah­ren ist das E-Book-The­ma weit weni­ger prä­sent. Die unzäh­li­gen Work­shops, in denen Her­stel­ler soge­nann­ter E-Book-Reader ihr Publi­kum such­ten oder chi­ne­si­sche Pro­du­zen­ten das Lesen von Büchern auf klei­nen Han­dy-Dis­plays dem stau­nen­den wie skep­ti­schen Publi­kum vor­führ­ten, haben das Zeit­li­che geseg­net. Mitt­ler­wei­le ist der Markt gesät­tigt. Inno­va­tio­nen fin­den kaum noch statt. Wäh­rend sich Kind­le und Toli­no als »Markt­füh­rer« eta­bliert haben, zogen sich Sony und klei­ne­re Her­stel­ler resi­gniert aus dem Geschäft zurück. Auch beim Publi­kum hat sich der »Hype« um die »elek­tro­ni­sche Biblio­thek« gelegt, denn dem Besu­cher der Buch­mes­se geht es wie den Biblio­phi­len (oder Biblio­ma­nen) von einst um das Blät­tern und Befüh­len des Papiers, die Begut­ach­tung des Schrift­typs und des Ein­ban­des, um die sinn­li­che Erfah­rung, die beim »Wischen« oder Drü­cken von Schalt­flä­chen nicht vor­han­den ist, zumal das Buch als blo­ße Datei in der »unend­li­chen« digi­ta­len Biblio­thek in einem Wust aus Nul­len und Ein­sen unter­zu­ge­hen droht wie jede nich­ti­ge Release-Notes-Datei.

Ohne­hin haben längst Migran­ten aus Ner­di­stan, die zumeist mit Bär­ten und Woll­müt­zen aus dem Seri­en­han­del auf­tre­ten, ihre Nischen in den Kata­kom­ben des Buch­han­dels für sich ent­deckt und lie­fern über Bild­schir­me aus­ge­strahl­te Live-Auf­zeich­nun­gen Rede­bei­trä­ge ab, als wären sie  aus einem Roman Dave Eggers’ abge­schrie­ben: Es geht nicht mehr um Bücher, son­dern ein­zig um »Con­tent«, der selbst­ver­ständ­lich »soci­al« sein muss. Immer schon steht die »smar­te Tech­no­lo­gie« im Vor­der­grund, mit der die »Benut­zer« die gesuch­ten Stel­len im »Con­tent« auf­fin­den kön­nen. Zwar wäh­nen sich schlau­er als die Eich­hörn­chen im Wald, doch ob sie tat­säch­lich Bücher (haben sie jemals wel­che gele­sen?) im digi­ta­len Dickicht auf­stö­bern kön­nen, bleibt abzu­war­ten.

Alfred Kazin - Writing Was EverythingAuf dem Weg zu den Aus­stel­lungs­hal­len der deutsch­spra­chi­gen Ver­la­gen sto­ße ich immer wie­der auf Mes­se­be­su­cher, die gro­ße blaue Plas­tik­ta­schen einer noch grö­ße­ren öffent­lich-recht­li­chen Medi­en­an­stalt mit dem Kon­ter­fei des haupt­amt­li­chen Lite­ra­tur­rich­ters mit sich her­um­tra­gen. »Denis the Menace« ver­strömt eine mora­lisch-rosa Aura des »Book-Man« im Buch­be­trieb von Babel. In sei­ner schran­ken­lo­sen Umtrie­big­keit scheut er nicht ein­mal davor zurück, bei der Eröff­nung einer im spie­ßig-klein­bür­ger­li­chen Design aus­staf­fier­ten Buch­hand­lung in der nie­der­rhei­ni­schen Pro­vinz als Lite­ra­tur-Con­fé­ren­cier auf­zu­tre­ten. »Denis the Book-Man« gefällt sich in sei­nem auf­ge­bla­se­nen Ego und sei­ner zur Schau gestell­ten Feis­tig­keit, die nichts mehr gemein hat mit der öffent­lich-recht­li­chen Beschei­den­heit, wie sie vor Jahr­zehn­ten Vor­gän­ger wie Jür­gen Tomm im »Autor-Scoo­ter« oder Die­ter Zil­li­gen im »Bücher­jour­nal« demons­trier­ten. In der ego­ma­ni­schen Selbst­dar­stel­lung wer­den Lite­ra­tur, Buch und Autor zur Neben­sa­che. Des Effekts wegen trifft sich »Denis the Book-Man« mit Sal­man Rush­die zum Tisch­ten­nis-Duell, wäh­rend die kri­ti­sche Argu­men­ta­ti­on, die Ela­bo­ra­ti­on im Schrei­ben selbst (die bei­spiels­wei­se ein Kri­ti­ker aus der media­len Vor­zeit wie Alfred Kazin als Essenz der Kri­ti­kerexis­tenz beschrieb) zur Baga­tel­le degra­diert wird. »Denis the Book-Man« ist der bramar­ba­sie­ren­de Wie­der­gän­ger Fat­ty Arbuck­les, der gern einen lüs­tern-vor­sich­ti­gen Blick ins deka­den­te Ambi­en­te des  kul­tur­in­dus­tri­el­len Betrie­bes wirft, aber sich nicht all­zu weit vor­wagt. Statt­des­sen betreibt er das Geschäft des öffent­lich-recht­li­chen Mau­rer­meis­ters, der – mit einem Wort Theo­dor W. Ador­nos – »Stei­ne zu der Mau­er« hin­zu­fügt, »wel­che die Erkennt­nis von der wirt­schaft­li­chen Bru­ta­li­tät absperrt«.3

Dage­gen erscheint Ulrich Wickert, der am Vor­wärts-Stand sei­nen sieb­ten Kri­mi­nal­ro­man vor­stellt, fast schon demü­tig. Wenig ist von der Groß­spu­rig­keit des ehe­ma­li­gen Kom­pi­la­tors übrig­ge­blie­ben, der sich beim Zusam­men­stü­ckeln des »Buches der Tugen­den« in die Rol­le des Mora­lis­ten der Repu­blik manö­vrier­te, auch wenn sein intel­lek­tu­el­ler Bei­trag zum The­ma kaum von Ori­gi­na­li­tät gekenn­zeich­net war. Nun, da die Jah­re ins Land gezo­gen sind und auch Spu­ren beim eins­ti­gen Son­ny­boy der öffent­lich-recht­li­chen Ver­laut­ba­rung hin­ter­las­sen haben, ist der selbst­er­nann­te Mon­tai­gne von Eppen­dorf klein­lau­ter gewor­den. Auf dem Podi­um sitzt er in blau­en Jeans, einem leguan­grü­nen Jackett, einem hell­blau­en Pul­lun­der und einem lachs­far­be­nen Hemd und sin­niert über die fran­zö­si­sche Poli­tik und Gesell­schaft, wäh­rend er über sei­nen Kri­mi­nal­ro­man nicht all­zu viel sagen möch­te, um den Plot nicht zu ver­ra­ten, was den Ver­kaufs­er­folg sei­ner Ware gefähr­den könn­te.

Über­all trieft die Geschäfts­gier aus den Kata­kom­ben. Aus diver­sen Ecken lau­ern schwarz berock­te oder bean­zug­te Wege­la­ge­rer, die Abon­ne­ments für Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten oder Maga­zi­ne auf­drän­gen wol­len. An einem Stand wird für Web­prä­sen­ta­tio­nen für Autoren mit Online-Shops für bis zu fünf Bücher gewor­ben. Als ich mir das gel­be Wer­be­pla­kat anschaue, stürzt sich sofort ein Weiß­kopf­ad­ler auf mich. Die Fra­ge »Sind Sie Autor?« ver­nei­ne ich.

Aus den Tie­fen der Zeit begeg­net mir mehr­mals beim Strei­fen durch die Gän­ge ein älte­rer Schau­spie­ler und Autor, der einer bekann­ten Künst­ler­dy­nas­tie ent­stammt und in den blei­er­nen Jah­ren in ter­ro­ris­ti­sche Unter­neh­mun­gen abtauch­te, ehe er sich in sei­ner Haft dem Schrei­ben zuwand­te. Am Stand des Ver­la­ges zu Klam­pen trifft er auf einen sei­ner Ver­le­ger und möch­te wis­sen, was der Buch­pro­du­zent so trei­be. Irgend­wo lugt der Geist Céli­nes hin­ter den Rega­len vor und ver­gällt mit sei­nem Rau­nen über die Klas­sen­ver­hält­nis­se die sekt­se­li­gen Buch­mes­sen­par­tys. »Alles in allem sieht man, wenn man es genau nimmt, eine gan­ze Men­ge Schrift­stel­ler in der Gos­se enden, ande­rer­seits fin­det man nur sel­ten einen Ver­le­ger unter einer Brü­cke … ist das nicht zum Pie­pen?« 4

Bookfair - PublicOhne­hin gehört die­ser spät­be­ru­fe­ne Autor, der im Mot­to für sein ers­ten Buch im Sin­ne Wal­ter Ben­ja­mins das Laby­rinth als die »Hei­mat des Zögern­den«5 beschwor, wohl eher zu der Gat­tung, die Erman­no Cavaz­zo­ni als die »nutz­lo­sen Schrift­stel­ler« in Zei­ten der »Skrip­tu­ral­hy­per­tro­phie« beschrieb. »In man­chen Epo­chen der Geschich­ten der Gesell­schaft wer­den die Schrift­stel­ler immer mehr, bis sie schließ­lich die Gesamt­heit der Bevöl­ke­rung aus­ma­chen; die zivi­li­sier­te Gesell­schaft stirbt oder sucht erbit­tert Zuflucht jen­seits des Oze­ans oder ver­kommt zu arm­se­li­gen mensch­li­chen Res­ten, die nicht wis­sen, wor­an sie sich hal­ten sol­len.«6 Nicht nur sind obsku­re und dubio­se Dienst­leis­tungs­agen­tu­ren auf der Jagd nach will­fäh­ri­gen Skrip­tu­ral­hy­per­tro­phi­kern, die nach Wegen der Ver­öf­fent­li­chung suchen. Auch kul­tur­in­dus­tri­el­le Pro­dukt­ty­pen wie die geschäfts­tüch­ti­ge Blon­di­ne oder der lang­na­si­ge Pro­vinz­ko­mi­ker agie­ren auf den Podi­en soge­nann­ter Publi­kums­ver­la­ge oder öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk­an­stal­ten als angeb­li­che Schreib­süch­ti­ge, wäh­rend sie doch nur als zyni­sche, repro­ji­zier­te Par­odi­en ihrer Kund­schaft agie­ren und ihre Schreibagen­ten im Ver­bor­ge­nen dar­ben.

»Beim Besuch einer Buch­mes­se ergriff mich eine beson­de­re Beklem­mung«, notier­te Theo­dor W. Ador­no Ende der 1950er Jah­re. »Als ich such­te zu ver­ste­hen, was sie mir anmel­den woll­te, ward ich des­sen inne, daß die Bücher nicht mehr aus­se­hen wie Bücher. Die Anpas­sung an das, was man zu Recht oder Unrecht für die Bedürf­nis­se der Kon­su­men­ten hält, hat ihre Erschei­nung ver­än­dert.«7 Um von kapi­ta­lis­ti­schen Zurich­tung der Ware Buch abzu­len­ken, gibt es auf der Buch­mes­se jedes Jahr eine Aus­stel­lung der hand­werk­li­chen schöns­ten Bücher, wobei von der Tat­sa­che, dass jedes Buch – in Anleh­nung an Wal­ter Ben­ja­min – »nie­mals ein Doku­ment der Kul­tur« ist, »ohne ein sol­ches der Bar­ba­rei zu sein«.8 Jedes Buch trägt die Schuld an der öko­lo­gi­schen Zer­stö­rung in sich.

The World is ReadingAuch die Buch­hand­lun­gen sehen längst nicht mehr wie Buch­hand­lun­gen aus. »Klei­ne Auf­merk­sam­kei­ten für eine gro­ße Wir­kung – im klas­si­schen Buch­ge­schäft ist das soge­nann­te Non­book-Ange­bot nicht mehr weg­zu­den­ken«, heißt es im PR-Text der Mes­se für den »Non-Book-Bereich«in Hal­le 3.1, wo Lust auf ein »Ambi­en­te zum Buch« gemacht wer­den soll. Mit aller­lei Krims­krams oder über­flüs­si­gen Din­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ma­schi­ne­rie wer­den Buch­hand­lun­gen bestückt – mit Tas­sen, Stoff­tie­ren und Hand­tü­chern, wäh­rend Bücher aus Klein­ver­la­gen kaum noch an augen­fäl­li­ger Stel­le posi­tio­niert wer­den. Die vor­geb­li­che »Kun­den­ori­en­tie­rung« erweist sich als Stra­te­gie für den Mas­sen­ab­satz. Wer »sei­ne Buch­hand­lung, ähn­lich einem Kaf­fee­ge­schäft, nun zur belie­bi­gen Alles-Hand­lung aus­baut – von der Unter­wä­sche bis zu Rei­sen – hat im Grun­de selbst schon auf­ge­ge­ben«, schreibt Gerald Grü­ne­klee, der Betrei­ber des inzwi­schen auf­ge­lös­ten Ana­res-Buch­ver­trie­bes, in sei­nem lesens­wer­ten Zie­gel­bren­ner-Blog9.

»Abschlie­ßend scheint es, als sei die geis­ti­ge Tätig­keit des Lesens in hohem Maße unge­sund und füh­re zu einer rasche­ren Ver­we­sung der Kör­per« 10, schreibt Cavaz­zo­ni und beschwört den »Abschied vom Buch«, das aber den­noch unter dem Kopf bleibt und »einem Gesell­schaft leis­tet«. Also heißt es ver­mut­lich auch im nächs­ten Jahr: Auf zur Buch­mes­se. Il faut con­ti­nu­er.

 

© Jörg Auberg — 2015 (Text und Fotos)

  1. Rein­hard Witt­mann, Geschich­te des deut­schen Buch­han­dels (Mün­chen: C. H. Beck, 2011), S. 63–64  
  2. Franz Kaf­ka, »Vor dem Gesetz«, in: Kaf­ka, Die Erzäh­lun­gen und ande­re aus­ge­wähl­te Pro­sa, hg. Roger Her­mes (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1996), S. 162  
  3. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 173  
  4. Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne, Gesprä­che mit Pro­fes­sor Y (Frankfurt/Main: Luch­ter­hand, 1989), S. 9  
  5. Chris­tof Wacker­na­gel, Nad­ja: Erzäh­lun­gen und Frag­men­te (Frankfurt/Main: Stroemfeld/Roter Stern, 1984), S. 7  
  6. Erman­no Cavaz­zo­ni, Die nutz­lo­sen Schrift­stel­ler, übers. Mari­an­ne Schnei­der (Ber­lin: Wagen­bach, 2003), S. 174  
  7. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 345  
  8. Wal­ter Ben­ja­min, »Über den Begriff der Geschich­te«, in: Ben­ja­min, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band I:2, hg. Rolf Tie­de­mann und Her­mann Schwep­pen­häu­ser, (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1991), S. 696  
  9. Gerald Grü­ne­klee, »Zwölf­ter Ein­wurf des Zie­gel­bren­ners«, http://www.ziegelbrenner.com/60541–2/#more-6054  
  10. Cavaz­zo­ni, Die nutz­lo­sen Schrift­stel­ler, S. 183  

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Aus den Archiven: Der Algorithmus der Sucht

AchiveSiva Vaid­hya­nathan über­prüft in sei­nem Buch »The Googli­za­ti­on of Ever­ything« Anspruch und Wirk­lich­keit der »Goog­le-Kul­tur« und weist auf Gefah­ren der »Wis­sen­s­pri­va­ti­sie­rung« hin.

 

 von Jörg Auberg

 

 

 

In den Jah­ren vor dem Zwei­ten Welt­krieg ent­warf H. G. Wells, der Autor von Sci­ence-Fic­tion-Roma­nen wie Die Zeit­ma­schi­ne (1895) oder Der Krieg der Wel­ten (1898), die Uto­pie einer »per­ma­nen­ten Wel­ten­zy­klo­pä­die«, in der das Wis­sen, die Ide­en und Leis­tun­gen der Mensch­heit erfasst, kata­lo­gi­siert und für alle Men­schen auf der Welt zugäng­lich wäre. Die Tech­no­lo­gie des Mikro­films kön­ne genutzt wer­den, hoff­te Wells 1937, um das Wis­sen zu repro­du­zie­ren und in der Welt zu ver­tei­len. Auf die­se Wei­se soll­ten ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis und die Vor­stel­lung eines gemein­sa­men Ziels und All­ge­mein­wohls auf glo­ba­ler Ebe­ne ent­wi­ckelt wer­den, um den aktu­el­len Kon­flik­ten ein Ende zu berei­ten. Jahr­zehn­te spä­ter griff der Sci­ence-Fic­tion-Autor Arthur C. Clar­ke, der die Vor­la­ge für Stan­ley Kubricks Film 2001: Odys­see im Welt­raum (1968) lie­fer­te, die­se Idee noch ein­mal auf und ima­gi­nier­te einen Super­com­pu­ter, der – mit künst­li­cher Intel­li­genz aus­ge­stat­tet – als »Welt­hirn« die Men­schen befä­hig­te, statt in Kon­flikt gegen­ein­an­der in Koope­ra­ti­on mit­ein­an­der auf dem Pla­ne­ten zu leben.

Die­ses Ver­trau­en in die Ratio­na­li­tät einer wert­frei­en Tech­no­lo­gie bestimmt auch den welt­weit ope­rie­ren­den Kon­zern Goog­le, der die uto­pi­sche Ima­gi­na­ti­on eines »Welt­hirns« mit den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der Gegen­wart in die Rea­li­tät trans­fe­rier­te. Wäh­rend Wells und Clar­ke die Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie für eine gesell­schafts­ver­än­dern­de Pra­xis ein­set­zen woll­ten, stand für die Goog­le-Grün­der Ser­gej Brin und Lar­ry Page die prag­ma­ti­sche Geschäfts­idee im Vor­der­grund. Im Jah­re 1999 stell­te das World Wide Web ein unüber­sicht­li­ches Infor­ma­ti­ons­ter­rain dar, in dem Unmen­gen von Daten ver­bor­gen lagen, die aber kaum effi­zi­ent aus­ge­schöpft wer­den konn­ten. Metho­den des Inde­xie­rens und Web-Craw­lings erwie­sen sich ange­sichts der wach­sen­den Mas­sen von Daten und der zuneh­mend kom­mer­zi­el­len Nut­zung des Inter­nets als inef­fek­tiv. In die­se Lücke spran­gen die Stan­ford-Stu­den­ten Brin und Page mit ihrem Page­Rank-Algo­rith­mus, der die ver­link­ten Doku­men­te auf­grund ihrer »Link­po­pu­la­ri­tät« bewer­tet und gewich­tet. Je öfter ein Doku­ment in den Web­struk­tu­ren ver­linkt wird, umso höher steigt es in der Gewich­tung. Inhal­te spie­len bei die­ser Tech­no­lo­gie kei­ne Rol­le – wohl aber kom­mer­zi­el­le Inter­es­sen, die das Surf­ver­hal­ten von Inter­net-Anwen­dern steu­ern.

Googlization of EverythingIm Gegen­satz zu ande­ren welt­um­span­nen­den Unter­neh­men des Sili­con Val­ley (wie Apple oder Micro­soft) stellt sich Goog­le nicht als pro­fit­ori­en­tier­ter Kon­zern dar, son­dern nimmt für sich – in still­schwei­gen­der Anleh­nung an Wells’ »Welt­hirn« — altru­is­ti­sche Moti­ve für sich in Anspruch. Der aka­de­mi­schen Welt ent­sprun­gen, scheint Goog­le wie ein öffent­lich-recht­li­cher Dienst­leis­ter zu agie­ren, der nicht allein die Suche im kaum durch­schau­ba­ren Inter­net orga­ni­siert, son­dern auch elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, Bild­ver­ar­bei­tung, Über­set­zung und vie­le ande­re kos­ten­lo­se Diens­te sei­nen Kun­den anbie­tet, als wäre Goog­le ein rie­si­ger pla­ne­ta­ri­scher Cam­pus. Hin­ter der Aura des Guten aber lau­ert die Daten­kra­ke, die jede Regung kata­lo­gi­siert und an der nächs­ten Stra­ßen­ecke ver­hö­kert. Wie bei Wil­liam Bur­roughs oder Her­bert Huncke wird der Goog­le-Kun­de zum Jun­kie, zum Pro­dukt des Sys­tems, das sich auf Addi­ti­on und Sub­trak­ti­on redu­ziert und Ver­än­de­rung nur als Stei­ge­rung oder Absin­ken der Pro­fi­tra­te wahr­nimmt. Stand am Anfang von Goog­le tat­säch­lich das Bedürf­nis, Ord­nung in das digi­ta­le Cha­os zu brin­gen, sind die Urhe­ber des kom­mer­zi­ell-genia­li­schen Algo­rith­mus selbst zu »Kon­troll­süch­ti­gen« (Bur­roughs) gewor­den, denen die pri­va­te Sphä­re der ande­ren nichts bedeu­tet. Für sie ist die­ser Bereich – pro­gram­mier­tech­nisch gese­hen – ledig­lich eine n-fach zu beset­zen­de Leer­stel­le.

Die Gefah­ren, die ein pri­va­ter Kon­zern, der sich als öffent­lich-recht­li­cher Dienst­leis­ter mas­kiert, benennt der an der Uni­ver­si­tät von Vir­gi­nia leh­ren­de Medi­en­wis­sen­schaft­ler Siva Vaid­hya­nathan in sei­nem Buch The Googli­za­ti­on of Ever­ything (And Why We Should Worry). Nach sei­ner Mei­nung stieß Goog­le in die Lücke, als nie­mand fähig oder wil­lens war, das Inter­net »sta­bil, nutz­bar und ver­trau­ens­wür­dig« zu machen. Aller­dings ist Vaid­hya­nathan nicht mit der domi­nan­ten Rol­le Goo­g­les auf dem Inter­net-Markt ein­ver­stan­den. Vor allem die Digi­ta­li­sie­rung des Wis­sens unter der Ägi­de eines pri­vat­ka­pi­ta­lis­ti­schen Unter­neh­mens berei­tet ihm Sor­ge. In sei­nen Augen könn­te schließ­lich der Tech­no-Fun­da­men­ta­lis­mus, der in der per­ma­nen­ten Anwen­dung fort­ge­schrit­te­ner Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en die Lösung nahe­zu aller mensch­li­cher Pro­ble­me sehe, tri­um­phie­ren, der letzt­lich eine demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit aus­schal­te. Die gro­ße Bedro­hung bestehe dar­in, argu­men­tiert Vaid­hya­nathan, dass der Zugriff auf das mensch­li­che Wis­sen in Zukunft von einem Unter­neh­men gesteu­ert wird, das sich zum Welt­herr­scher – unter der Mas­ke des Altru­is­mus – auf­schwin­gen möch­te.

Die Gefahr ist real, doch ist Vaid­hya­nathans Gegen­ent­wurf eines glo­ba­len Pro­jekts zur Bewah­rung und Dis­se­mi­na­ti­on des mensch­li­chen Wis­sens (das im Grun­de ein öffent­lich-recht­li­ches Goog­le beschwört, ohne die tech­no­lo­gi­sche Herr­schaft infra­ge zu stel­len) wenig über­zeu­gend, zumal er die Uni­ver­si­tät als Ver­tre­te­rin einer nicht-kom­mer­zi­el­len Ver­nunft und Sach­wal­te­rin des mensch­li­chen Wis­sens prä­sen­tie­ren möch­te, obgleich sie in der rea­len Welt auch nichts ande­res als ein Kapi­tal­un­ter­neh­men ist. Letzt­lich bleibt sein Pro­jekt einer »vita­len glo­ba­len Öffent­lich­keit« auf hal­bem Wege ste­cken: Weder ana­ly­siert er den öko­no­mi­schen und gesell­schaft­li­chen Kon­text, in den sich die »Erfolgs­ge­schich­te« des Goog­le-Kon­zerns ein­bet­tet, noch ist er zu einer kri­ti­schen Distanz zum kom­mer­zi­ell-aka­de­mi­schen Betrieb fähig, der letzt­lich den Djinn Goog­le aus der Fla­sche ließ. Obwohl Vaid­hya­nathan durch­aus wich­ti­ge Fra­gen bezüg­lich des Umgangs mit dem Inter­net stellt, der von Unter­neh­men wie Goog­le maß­geb­lich beein­flusst wird, bleibt sein »Human Know­ledge Pro­ject« vage und abs­trakt. Es ist nicht mehr als ein wohl­fei­les Kon­strukt nach dem Design Potem­kin­scher Dör­fer, das auf aka­de­mi­schen Kon­fe­ren­zen und Kon­gres­sen sein Publi­kum fin­den wird, jedoch nie­mals den Herr­schafts­ap­pa­rat Goog­le her­aus­for­dern wird.

 

Bibliografische Angaben:

Siva Vaid­hya­nathan: The Googli­za­ti­on of Ever­ything (And Why We Should Worry). Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2011. 266 Sei­ten, 26.95 Dol­lar.

 

Zuerst erschie­nen in:  satt.org  (Sep­tem­ber 2011)

© Jörg Auberg

 

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