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Juli 2016 Posts

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände

Zwei Bür­ger im Lan­de der Pari­as

 

Gust­ave Flau­bert und Maxi­me Du Camp rei­sen durch die Bre­ta­gne

von Jörg Auberg

 

 

Château Turpaud in Quiberon

Châ­teau Tur­paud in Qui­be­ron

Wie vie­le Fran­zo­sen sei­ner Zeit hat­te Gust­ave Flau­bert von den Bre­to­nen kei­ne gro­ße Mei­nung. In einem Brief an Geor­ge Sand im Sep­tem­ber 1866 bezeich­ne­te er sie als »absto­ßen­de Wesen«1. Im 19. Jahr­hun­dert gal­ten die Bre­to­nen in der Wahr­neh­mung des fran­zö­si­schen Bür­ger­tums als Reprä­sen­tan­ten eines reak­tio­nä­ren und igno­ran­ten Pro­vin­zia­lis­mus und waren in der Öffent­lich­keit zumeist Ziel­schei­be des Spotts, der sich bei­spiels­wei­se in der Figur der tum­ben Bre­to­nin Bécas­si­ne aus­drück­te. Als in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts eine brei­te Migra­ti­ons­wel­le von Bre­to­nen nach Paris ein­setz­te, waren die Neu­an­kömm­lin­ge in der Metro­po­le schlecht gelit­ten. Sie gal­ten als Inbe­griff eines von Igno­ranz, Alko­ho­lis­mus und Ent­wur­ze­lung gepräg­ten Pre­ka­ri­ats, das sich auf der nied­rigs­ten Stu­fe der fran­zö­si­schen Gesell­schaft und Kul­tur befand. Nur als Hand­lan­ger und Domes­ti­ken wur­den die­se »Pari­as« in den Nie­de­run­gen der fran­zö­si­schen Bür­ger­ge­sell­schaft gedul­det.2

Als Flau­bert mit sei­nem Freund Maxi­me du Camp am 1. Mai 1847 zu einer drei­mo­na­ti­gen Rei­se durch die Bre­ta­gne auf­brach, floh er vor dem Der­an­ge­ment sei­ner bür­ger­li­chen Exis­tenz. Ein Jahr zuvor war sein Vater gestor­ben; sei­ne Schwes­ter Caro­li­ne hat­te ihr Leben in Fol­ge eines Kind­bett­fie­bers ver­lo­ren; sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Kar­rie­re kam nicht vor­an, und sei­ne Liai­son mit Loui­se Colet war in einer Kri­se. Die Rei­se durch die Bre­ta­gne, die Flau­bert minu­ti­ös vor­be­rei­te­te, war auch eine Flucht in raue Land­schaf­ten, wel­che die fran­zö­si­sche Zivi­li­sa­ti­on bis­lang nicht durch­drun­gen hat­te. Dar­über hin­aus war es eine Art Deser­ti­on, mit der Flau­bert zumin­dest zeit­wei­se sei­ne Bezie­hung zu Loui­se Colet dis­pen­sier­te. Für den Flau­bert-Bio­gra­fen Michel Winock ist es kei­nes­wegs nur eine Rei­se zwei­er Schrift­stel­ler­freun­de, son­dern eine Exkur­si­on in homo­ero­ti­sche Sphä­ren, wie angeb­lich Loui­se Colet eifer­süch­tig mut­maß­te.3

 

Gustave Flaubert - Voyage en Bretagne

Gust­ave Flau­bert: Voya­ge en Bre­ta­gne (Édi­ti­ons Com­ple­xe)

Die Rei­se führ­te die bei­den Freun­de zunächst durch das Tal der Loire (»dem fran­zö­sischs­ten der fran­zö­si­schen Flüs­se«4, wie Flau­bert in einem über­schwäng­li­chen Natio­na­lis­mus exkla­mier­te), ehe sie die Küs­te der Bre­ta­gne vor­bei an Van­nes, Locma­ria­quer, Car­nac, Qui­be­ron, Auray, Lori­ent, Brest und Saint-Malo durch­quer­ten, um schließ­lich nach drei Mona­ten wie­der nach Rou­en, Flau­berts Hei­mat­stadt, zurück­zu­keh­ren. Größ­ten­teils leg­ten sie ihren Weg zu Fuß zurück; hin und wie­der bedien­ten sie sich moder­ner Trans­port­mit­tel wie einer Kut­sche, eines Fischer­boo­tes oder einer Fäh­re, um auf ent­le­ge­ne Orte wie die Bel­le-Île zu gelan­gen. Nach ihrer Rück­kehr schrie­ben sie ein gemein­sa­mes Buch über ihre Rei­se, zu dem Flau­bert die Kapi­tel mit den unge­ra­den Kapi­tel­num­mern und Du Camp jene mit den gera­den bei­steu­er­te, ohne dass zu Leb­zei­ten der bei­den Autoren die­ses Werk ver­öf­fent­licht wur­de. Nach Flau­berts Tod wur­den aus­schließ­lich sei­ne Kapi­tel unter dem Titel Par les Champs et par les Grè­ves ver­öf­fent­licht.5

 

Penmarc’h - Phare d'Eckmuhl

Penmarc’h- Pha­re d’Eckmuhl

Von Beginn an sind die Refle­xio­nen über die Rei­se von einer kon­ser­va­ti­ven Kul­tur­kri­tik geprägt. »Wenn man sich frü­her von einem Ort zum ande­ren begab«, heißt es in Flau­berts ers­tem Kapi­tel, »sei es im Wagen oder mit dem Schiff, hat­te man Zeit, etwas zu sehen, und Aben­teu­er zu erle­ben: Eine Rei­se von Paris nach Rou­en konn­te ein Buch erge­ben.«6 Die Beschleu­ni­gung durch den tech­ni­schen Fort­schritt in Form von Eisen­bahn und Dampf­schiff zer­stör­ten in den Augen Flau­berts die schö­nen Momen­te des Rei­sens und die tra­di­tio­nel­le fran­zö­si­sche Land­schaft selbst. »Die Beschleu­ni­gung, ursprüng­lich als Hil­fe bei der Anstren­gung gedacht, die Geschich­te selbst in die Hand zu neh­men, ist der Auf­klä­rung ent­glit­ten«, kon­sta­tier­te Lothar Bai­er in sei­nem gro­ßen Essay Kei­ne Zeit, »und hat sich am Ende mit Tech­nik und Öko­no­mie zu einer nicht mehr steu­er­ba­ren Gewalt ver­bun­den.«7 Die Gewalt des Fort­schritts grub sich als Zei­chen der Zivi­li­sa­ti­on in die fran­zö­si­sche Land­schaft ein, wäh­rend sie die Bre­ta­gne noch nicht erreicht hat­te.

 

Ironi­scher­wei­se flo­hen Flau­bert und Du Camp in die bre­to­ni­sche Wild­nis, wo sie – mit den Wor­ten des Flau­bert-Bio­gra­fen Her­bert Lott­man – als »Bot­schaf­ter der Zivi­li­sa­ti­on«8 auf­tra­ten. »Du Camp gibt uns … einen Ein­blick in die Wild­heit der west­li­chen Bre­ta­gne mit ihren holp­ri­gen Stra­ßen«, schreibt Lott­mann, »der fremd­ar­ti­gen Spra­che, ihrer unter­ent­wi­ckel­ten Land­wirt­schaft, ihren arm­se­li­gen Dör­fern, schmut­zi­gen Häu­sern, ihrem Aber­glau­ben und Elend …«9. Her­ab­las­send nimmt Du Camp die Bre­to­nen wahr: Bei einem Auf­ent­halt ler­nen sie einen jun­gen Zollan­ge­stell­ten ken­nen, der in der Trost­lo­sig­keit sei­nes Daseins in den dunk­len Land­schaf­ten fest­ge­wach­sen zu sein scheint. Beim Abschied schaue er die Rei­sen­den vol­ler Neid an, weiß Du Camp zu berich­ten, »denn wir besit­zen das höchs­te Gut, das er nicht kennt und nie ken­nen­ler­nen wird: die Frei­heit.«10

 

Leuchtturm auf der Belle-Îsle

Leucht­turm auf der Bel­le-Îsle

Ohne­hin haben die bei­den Rei­sen­den nicht viel Respekt gegen­über den bre­to­ni­schen »Ein­ge­bo­re­nen« und ihren Orten. Bei einem Abste­cher auf die Bel­le-Île erscheint Flau­bert die Haupt­stadt der Insel, Le Palais, als »eine ziem­lich dum­me Stadt«, der »die Lan­ge­wei­le einer Gar­ni­son aus allen Poren dringt«.11 Zur Stra­fe ihrer Hoch­nä­sig­keit ver­lau­fen sich die bei­den fran­zö­si­schen Tou­ris­ten beim Ver­such, die Insel in ihrer Brei­te zu durch­que­ren, und keh­ren erst nach vier­zehn Stun­den nach Le Palais zurück.

»Gleich­wohl, selbst in einer häss­li­chen Gegend ist es immer eine Freu­de, zu zweit quer­feld­ein zu wan­dern und dabei über Gras zu lau­fen, Hecken zu über­win­den, über Grä­ben zu sprin­gen, mit dem Stock die Dis­teln abzumä­hen, mit den Hän­den Blät­ter und Dor­nen abzu­rei­ßen, aufs Gera­te­wohl dahin­zu­spa­zie­ren, wie es einem ein­fällt, wie die Füße einen tra­gen, sin­gend, pfei­fend, plau­dernd, träu­mend, ohne ein Ohr, das einen belauscht, ohne das Geräusch von Schrit­ten hin­ter den eige­nen, frei wie in der Wüs­te!«.12

 

Touristenausgabe von Gustave Flauberts Eindrücken von der Belle-Îsle

Tou­ris­ten­aus­ga­be von Gust­ave Flau­berts Ein­drü­cken von der Bel­le-Îsle (Coop Breizh)

Für die Rei­sen­den bleibt die Bre­ta­gne eine ver­schlos­se­ne Land­schaft der Ein­öde. »Denn hier zu leben ist der Mensch nicht geschaf­fen«, resü­miert Du Camp: »für sei­ne Schwach­heit ist die Natur hier zu stark.«13 Die Bre­ta­gne ist für ihn der Inbe­griff der Bar­ba­rei, wobei auch sei­ne »Axio­me«, die er in sei­nen Rei­se­be­schrei­bun­gen zum Bes­ten gibt, von einer außer­or­dent­li­chen reak­tio­nä­ren Welt­an­schau­ung geprägt sind. »Stra­ßen sind wie Frau­en«, exkla­miert er an einer Stel­le: »ihr Unter­halt ist teu­er«.14 Erst in Quim­per­lé erschei­nen ihm kei­ne typi­schen »bre­to­ni­sche Bre­to­nen«, son­dern »zivi­li­sier­te Leu­te«15. Am Ende zeich­nen Flau­bert und Du Camp ein wenig erfreu­li­ches Bild der Bre­ta­gne, wobei ihnen ihre Arro­ganz und Bla­siert­heit den frei­en Blick auf die Land­schaft und ihre Bewoh­ner ver­stellt. So moniert Natha­lie Couill­oud mit Recht, dass der Leser die­ses Rei­se­be­rich­tes über die Bre­ta­gne an zahl­rei­chen Stel­len zu einem mit­lei­di­gen Lächeln über die Urtei­le der Autoren ver­führt wird.16

 

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände

Gust­ave Flau­bert und Maxi­me Du Camp: Über Fel­der und Strän­de

Die neue im Züri­cher Ver­lag Dör­le­mann erschie­ne­ne Über­set­zung basiert auf dem voll­stän­di­gen Text bei­der Autoren, die 2013 im Rah­men der Flau­bert-Werk­aus­ga­be in der Biblio­t­hèque de la Pléia­de erschien, und wur­de von der ver­sier­ten Über­set­ze­rin Cor­ne­lia Has­ting kon­ge­ni­al ins Deut­sche über­tra­gen. Obwohl das Buch in einer auf­wän­di­gen Lei­nen­aus­ga­be mit Lese­bänd­chen den Leser umschmei­chelt, fehlt lei­der ein Nach­wort, das über die Hin­ter­grün­de der Rei­se und und die Bio­gra­fi­en der bei­den Autoren Auf­schluss gibt. Trotz allem aber ist es ein außer­or­dent­li­cher Schatz aus einer unter­ge­gan­ge­nen Zeit.

 

 

 

Bibliografische Angaben:

Gust­ave Flau­bert und Maxi­me du Camp. Über Fel­der und Strän­de: Eine Rei­se durch die Bre­ta­gne. Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Cor­ne­lia Has­ting. Zürich: Dör­le­mann, 2016. 480 Sei­ten, 35,00 Euro.

 

  © Text und Fotos: Jörg Auberg (2016)

 

 

 

Nachweise

  1. Gust­ave Flau­bert, Brie­fe, hg. und übers. Hel­mut Schef­fel (Zürich: Dio­ge­nes, 1977), S. 496
  2. Cf. Les­lie Page Moch, The Pariahs of Yes­ter­day: Bre­ton Migrants in Paris (Durham und Lon­don: Duke Uni­ver­si­ty Press, 2012), S. 1–30
  3. Michel Winock, Flau­bert (Paris: Gal­li­mard, 2013), S. 137; Juli­an Bar­nes, Flaubert’s Par­rot (Lon­don: Vin­ta­ge, 2009), S. 140–141
  4. Gust­ave Flau­bert und Maxi­me Du Camp, Über Fel­der und Strän­de: Eine Rei­se durch die Bre­ta­gne, übers. Cor­ne­lia Has­ting (Zürich: Dör­le­mann, 2016), S. 20
  5. Gust­ave Flau­bert, Voya­ge en Bre­ta­gne: Par les champs et par les grè­ves, hg. Mau­rice Nadeau (Brüs­sel: Édi­ti­ons Com­ple­xe, 2001). Die Aus­ga­be ent­hält einen Aus­zug aus den Sou­ve­nirs lit­tér­ai­res von Maxi­me Du Camp.
  6. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 9
  7. Lothar Bai­er, Kei­ne Zeit: 18 Ver­su­che über die Beschleu­ni­gung (Mün­chen: Ver­lag Ant­je Kunst­mann, 2000), S. 25
  8. Her­bert Lott­man, Flau­bert: Eine Bio­gra­phie, übers. Joa­chim Schultz (Frankfurt/Main: Insel, 1992), S. 112
  9. Ibid., S. 112 (Aus­las­sun­gen im Ori­gi­nal)
  10. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 110
  11. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 147
  12. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 152
  13. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 152
  14. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 152
  15. Flau­bert und Du Camp, Über Fel­der und Strän­de, S. 324
  16. Natha­lie Couill­oud, Pro­me­na­des lit­tér­ai­res en Finis­tè­re (Spé­zet: Coop Breizh, 2009), S. 23

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