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August 2016 Posts

Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf

Der biblio­phi­le Maul­wurf

Uwe Son­nen­berg erzählt die Geschich­te des lin­ken Buch­han­dels in den 1970er Jah­ren

 

Von Jörg Auberg

Zu Pfings­ten 1983 pil­ger­te eine Schar lin­ker Buch­händ­le­rin­nen und Buch­händ­ler aus ver­schie­de­nen west­deut­schen Städ­ten über die Schwei­zer Gren­ze. Auf einem Wochen­end­se­mi­nar in einem selbst­ver­wal­te­ten Bil­dungs­zen­trum in Grau­bün­den woll­te sie sich mit der »Kri­se im lin­ken Buch­han­del« aus­ein­an­der­set­zen. Ver­blüfft muss­te sie zur Kennt­nis neh­men, dass für Theo Pin­kus (1909–1991), den legen­dä­ren Anti­quar der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung, die Epo­che des orga­ni­sier­ten lin­ken Buch­han­dels in West­deutsch­land vor­über sei. Nun gel­te es, »die mitt­ler­wei­le in rau­en Men­gen zum Ver­ram­schen frei­ge­ge­be­ne gesell­schafts­kri­ti­sche Lite­ra­tur« für die Nach­welt zu bewah­ren, pos­tu­lier­te Pin­kus.1  Das »Pin­kus-Pro­jekt« hät­te auf sei­ne Wei­se der »Aus­lö­schung der Geschich­te« vor­ge­beugt, vor der Leo Löwen­thal als Resul­tat einer Bücher­ver­nich­tung (die nicht immer eine Form der Ver­bren­nung anneh­men muss) gewarnt hat­te.2

Rosa Luxmburg: Schriften zur Theorie der Spontaneität (1970) in der von Ernesto Grassi herausgegebenen Reihe Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft

Rosa Luxm­burg: Schrif­ten zur Theo­rie der Spon­ta­nei­tät (1970) in der von Ernes­to Gras­si her­aus­ge­ge­be­nen Rei­he Rowohlts Klas­si­ker der Lite­ra­tur und Wis­sen­schaft

Mit die­ser Anek­do­te beginnt der His­to­ri­ker Uwe Son­nen­berg sei­ne umfang­rei­che Geschich­te des lin­ken Buch­han­dels in der Bun­des­re­pu­blik der 1970er Jah­re unter dem Titel Von Marx zum Maul­wurf. Auch wenn Son­nen­berg in sei­ner Stu­die vie­le bekann­ten Geschich­ten wie die His­to­ri­en der Ver­la­ge Wagen­bach und März oder die Ent­wick­lung des Kurs­bu­ches noch ein­mal erzählt und in der Beschrei­bung der Vor­ge­schich­te der »Gegen­pu­bli­ka­ti­on« in den 1960er Jah­ren etwas weit­schwei­fig daher­kommt, lie­fert er den­noch einen ori­gi­nä­ren und über­aus lesens­wer­ten Bei­trag zur »Kul­tur­ge­schich­te der alten Bun­des­re­pu­blik« (wie es in der Ver­lags­wer­bung heißt). Neben den gän­gi­gen Geschich­ten zu den Kon­fron­ta­tio­nen auf den Frank­fur­ter Buch­mes­sen zwi­schen den Jah­ren 1967 und 1970 sowie in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Ver­le­gern und Auto­ren respek­ti­ve Lek­to­ren um Mit­be­stim­mung und Demo­kra­ti­sie­rung des Ver­lags­ge­wer­bes reka­pi­tu­liert Son­nen­berg auch die Ent­wick­lung von »Bewe­gungs­ver­la­gen« wie Neue Kri­tik, Tri­kont oder Ober­baum­ver­lag. Dane­ben hat er auch die Buch­pro­duk­ti­on von eta­blier­ten Ver­la­gen wie Suhr­kamp, Rowohlt, Luch­ter­hand und die Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt (EVA) im Auge, die sich an den lin­ken Zeit­geist häng­ten und zuneh­mend Bücher zur lin­ken Dis­kus­si­on publi­zier­ten.

Dar­über hin­aus spiel­te vor allem der Wagen­bach-Ver­lag als Mitt­ler zwi­schen revol­tie­ren­den Lite­ra­tur­pro­du­zen­ten und eta­blier­ten Bran­chen­struk­tu­ren eine beson­de­re Rol­le. Anders als Sieg­fried Unseld oder Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt war Klaus Wagen­bach bereit, auf die Rol­le des auto­ri­tär-patri­ar­cha­len Ver­le­gers zu ver­zich­ten, wobei zukünf­tig das Ver­lags­ge­schäft von einem Kol­lek­tiv bestimmt wer­den soll­te. Doch gegen sei­ne völ­li­ge Ent­mach­tung, wie sie Lek­to­ren und Auto­ren unter ihrem Wort­füh­rer F. C. Deli­us for­der­ten, setz­te sich der Ver­lags­grün­der zur Wehr. Die Fol­ge war die Abspal­tung und die Grün­dung des Rot­buch-Ver­la­ges, die sich mit tie­fen Ver­let­zun­gen voll­zog. Noch in sei­nen Memoi­ren mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel Die Frei­heit des Ver­le­gers (2010) bezeich­ne­te Wagen­bach Deli­us als »Mies­ni­ckel« und sein Ver­hal­ten als »Pfaf­fen­tum in Höchst­form«.3

 

Peter Brückner: Ulrike Marie Meinhof und die deutschen Verhältnisse (Wagenbach, 1976)

Peter Brück­ner: Ulri­ke Marie Mein­hof und die deut­schen Ver­hält­nis­se (Wagen­bach 1976)

Im Zuge des Zer­falls­pro­zes­ses der Neu­en Lin­ken zu Beginn der 1970er Jah­re (den Son­nen­berg im sozio­lo­gi­schen New­speak als »Aus­dif­fe­ren­zie­rung« dekla­riert) bil­de­te sich 1970 der Ver­band des lin­ken Buch­han­dels (VLB). Mit der Bün­de­lung von Buch­la­den­kol­lek­ti­ven und der Kata­lo­gi­sie­rung ver­füg­ba­rer gesell­schafts­kri­ti­scher Lite­ra­tur such­te er eine Regu­lie­rung des lin­ken Publi­ka­ti­ons­we­sens außer­halb des bür­ger­li­chen Buch­han­dels zu unter­neh­men. Anfangs publi­zier­ten Raub­dru­cker aus der lin­ken Sze­ne nicht ver­füg­ba­re Klas­si­ker (das legen­dä­re Bei­spiel ist die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung von Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, die 1947 im Ams­ter­da­mer Exil­ver­lag Quer­i­do erschien und danach als »Fla­schen­post« in der Geschich­te ver­schwand). Im Lau­fe der Zeit ver­lor die Raub­dru­cke­rei jedoch ihren »sub­ver­si­ven« Cha­rak­ter und war am Ende nur noch Geschäf­te­ma­che­rei, wobei Bil­lig­ex­em­pla­re exis­tie­ren­der Bücher auf den Markt gewor­fen und die Auto­ren um ihre Hono­ra­re und Tan­tie­men geprellt wur­den.

Roter Stern Werbung

Pro­spekt des Ver­la­ges Roter Stern (Archiv des Autors)

Eine gemein­sa­me Linie im lin­ken Buch­han­del gab es nicht, da sich auch dort die »Aus­dif­fe­ren­zie­rung« fort­setz­te. Orga­ni­sa­tio­nen wie der Kom­mu­nis­ti­sche Bund West­deutsch­lands (KBW) und die Deut­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei (DKP) zogen eige­ne Buch­han­dels­ket­ten auf, in denen aus­schließ­lich Publi­ka­tio­nen ihres poli­ti­schen Spek­trums ange­bo­ten wur­den. Ver­la­ge wie Roter Stern (der spä­ter – nach der Insol­venz im wei­te­ren Sin­ne – als Stro­em­feld fort­exis­tier­te) impor­tier­te Schrif­ten Kim Il-Sungs aus Nord­ko­rea und trug zur Bil­dung eines pseu­do­re­vo­lu­tio­nä­ren Par­al­lel­uni­ver­sums bei, in dem es kaum Kon­takt mit der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen All­tags­rea­li­tät gab. Selbst die »undog­ma­ti­sche« Lin­ke ver­lor sich nach der anfäng­li­chen Frei­le­gung ver­ges­se­ner Tex­te in biblio­ma­ni­schen Kos­tüm­fes­ten, in denen revo­lu­tio­nä­re Erhe­bun­gen und Milieus des 19. Jahr­hun­derts und der 1920er Jah­re beschwo­ren wur­den, ohne einen intel­lek­tu­el­len Kon­takt zur Gegen­wart her­zu­stel­len.

 

In sei­ner viel­schich­ti­gen Rekon­struk­ti­on der Geschich­te, die auf zahl­rei­che Archiv­ma­te­ria­li­en, Peri­odi­ka, Inter­views, Audio- und Videobei­trä­ge zurück­greift, gelingt Son­nen­berg eine dif­fe­ren­zier­te His­to­rio­gra­fie: Das Schei­tern des lin­ken Pro­jekts im Buch­han­del war nicht allein der staat­li­chen Repres­si­on im Zuge der Ter­ro­ris­mus-Bekämp­fung und der Rekon­sti­tu­ti­on des »star­ken Staa­tes« unter sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Ägi­de zuzu­schrei­ben, son­dern auch inter­nen Regle­men­tie­rungs­ver­su­chen, die Rei­hen geschlos­sen zu hal­ten. Sym­pto­ma­tisch war dies bei dem von Peter Brück­ner ver­fass­ten Wagen­bach-Band Ulri­ke Marie Mein­hof und die deut­schen Ver­hält­nis­se (1976), auf des­sen Publi­ka­ti­on »Sym­pa­thi­san­ten« wie Klaus Crois­sant beträcht­li­chen, gera­de­zu zen­so­ri­schen Ein­fluss zu neh­men ver­such­ten.

 

Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf (Wallstein 2016)

Uwe Son­nen­berg: Von Marx zum Maul­wurf (Wall­stein 2016)

Die Stär­ke von Son­nen­bergs Stu­die liegt zwei­fel­los in der Aus­leuch­tung bis­lang kaum durch­drun­ge­ner Archiv­gän­ge der lin­ken Bücher­schäch­te. Mit dem Enga­ge­ment eines uner­müd­li­chen Maul­wurfs hat er zur his­to­ri­schen »Boden­auf­lo­cke­rung« bei­ge­tra­gen und an ein Kapi­tel einer weit­ge­hend ver­schol­le­nen Geschich­te erin­nert. Wo in den 1970er Jah­ren und selbst noch ein Jahr­zehnt danach Buch­lä­den mas­siert vor­han­den waren (wie etwa am Savi­gny­p­latz in Ber­lin-Char­lot­ten­burg), befin­den sich heu­te Mode­bou­ti­quen, Schuh­sa­lons und Piz­ze­ri­en. Doch nicht alles haben die Flu­ten der Zeit weg­ge­spült. Relik­te wie der Buch­la­den Rote Stra­ße in Göt­tin­gen oder die Buch­hand­lung Roter Stern in Mar­burg haben trotz aller Wid­rig­kei­ten die Zeit­läuf­te über­lebt.

 

»Polizeistaatsbesuch«: Szene vor dem Buchladen Rote Straße in Göttingen (© Buchladen Rote Straße, Göttingen)

»Poli­zei­staats­be­such«: Sze­ne vor dem Buch­la­den Rote Stra­ße in Göt­tin­gen (© Buch­la­den Rote Stra­ße, Göt­tin­gen)

Für eine wei­te­re Erkun­dung des weit­ge­hend ver­schüt­te­ten Baus bedarf es (wie bei Kaf­ka) einer »lüs­ter­nen Schnau­ze«4, die über die Gän­ge ins Inne­re vor­stie­ße. Son­nen­berg bricht bei der blo­ßen Beschrei­bung ab, ohne die zuwei­len patho­lo­gi­schen Aus­for­mun­gen der deut­schen lin­ken Biblio­ma­nie zu hin­ter­fra­gen. In gewis­ser Wei­se erin­nert das Pro­jekt des lin­ken Buch­han­dels an die biblio­gra­fi­sche Ima­gi­na­ti­on der Roman­tik, wie sie Andrew Piper in sei­nem Buch Drea­ming in Books (2009) ana­ly­sier­te.5 In einem bei­na­he hyper­plas­ti­schen Roman­ti­zis­mus wur­de das Buch als Fetisch über alles gestellt, auch den Men­schen selbst, wobei die ver­schie­de­nen Pro­zes­se – Ver­net­zung, Kopie­ren, Ver­ar­bei­ten, Tei­len und Adap­tie­ren – letzt­lich nicht zu einer Befrei­ung vom »geis­ti­gen Bann« der Unfrei­heit und Auto­ri­tät führ­te (wie Ador­no 1949 schrieb) führ­te.6 Anstatt den Kopf für die Uto­pie einer bes­se­ren Gesell­schaft frei zu bekom­men, mani­fes­tier­te sich die »Star­re des Geis­tes« in der Fort­füh­rung auto­ri­tä­rer und ver­här­te­ter Pro­zes­se. So war die Geschich­te des lin­ken Buch­han­dels nicht nur eine Epi­so­de des Auf­be­geh­rens gegen die bür­ger­li­che Gesell­schaft, son­dern trug auch eine fata­le deut­sche Tra­di­ti­on in sich.

 

 

Biblio­gra­phi­sche Anga­ben:

Uwe Son­nen­berg. Von Marx zum Maul­wurf: Lin­ker Buch­han­del in West­deutsch­land in den 1970er Jah­ren. Göt­tin­gen: Wall­stein Ver­lag, 2016. 568 Sei­ten, 37 Abbil­dun­gen, 44,00 EUR.

 

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 7 (Juli 2016)

Ich dan­ke dem Buch­la­den Rote Stra­ße in Göt­tin­gen für die
Geneh­mi­gung  der Ver­wen­dung eines Fotos aus der Geschich­te des Buch­la­dens.

© Jörg Auberg 2016

Nachweise

  1. Uwe Son­nen­berg, Von Marx zum Maul­wurf: Lin­ker Buch­han­del in West­deutsch­land in den 1970er Jah­ren (Göt­tin­gen: Wall­stein Ver­lag, 2016), S. 9
  2. Leo Löwen­thal, »Calibans Erbe«, in: Löwen­thal, Schrif­ten, Band 4, hg. Hel­mut Dubiel (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1990), S. 140
  3. Klaus Wagen­bach, Die Frei­heit des Ver­le­gers: Erin­ne­run­gen, Fest­re­den, Sei­ten­hie­be (Ber­lin: Wagen­bach, 2010), S. 245
  4. Franz Kaf­ka, Die Erzäh­lun­gen, hg. Roger Her­mes (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1999), S. 465
  5. Andrew Piper, Drea­ming in Books: The Making of the Biblio­gra­phic Ima­gi­na­ti­on in the Roman­tic Age (Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 2009)
  6. Theo­dor W. Ador­no, »Die auf­er­stan­de­ne Kul­tur« (1949), in: Ador­no, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 20, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 457

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Aus den Archiven: Depeschen aus dem Untergrund

AchiveDepe­schen aus dem Unter­grund

 
In Smo­king Typewri­ters reka­pi­tu­liert John McMil­li­an den Auf­stieg und Fall der ame­ri­ka­ni­schen Unter­grund­pres­se in den 1960er Jah­ren und erin­nert an ihr uto­pi­sches Poten­zi­al.

 

von Jörg Auberg

 

Als im Früh­jahr 1968 Stu­den­ten der Colum­bia-Uni­ver­si­tät aus Pro­test gegen den Viet­nam­krieg die Uni­ver­si­tät besetz­ten und gegen die Ver­wick­lung des aka­de­mi­schen Appa­ra­tes in den tech­nisch-mili­tä­ri­schen Kom­plex der US-Admi­nis­tra­ti­on auf­be­gehr­ten, schlug sich die New York Times in ihrer Bericht­erstat­tung auf die Sei­te der Uni­ver­si­täts­ad­mi­nis­tra­ti­on und der Poli­zei – nicht zuletzt, weil der Her­aus­ge­ber der Times im Auf­sichts­rat der Uni­ver­si­tät saß. Die­ses Ver­hal­ten war typisch für die Medi­en des »Esta­blish­ments«, wel­che die Oppo­si­ti­on im eige­nen Land (die sich nicht allein gegen den Krieg, son­dern gegen ver­krus­te­te Gesell­schafts­struk­tu­ren rich­te­te) zumeist als außer Rand und Band gera­te­ne »Chao­ten« dar­stell­te. Als Gegen­in­sti­tu­ti­on hat­ten sich seit Mit­te der 1960er Jah­re loka­le »Unter­grund­zei­tun­gen« gebil­det, die nicht allein der poli­ti­schen Oppo­si­ti­on der Stu­den­ten eine Stim­me gaben, son­dern auch den kul­tu­rel­len Zeit­geist jener Jah­re arti­ku­lier­te.

William S. Burroughs - Electronic Revolution (Expanded Media Editions, 1979)

Wil­liam S. Bur­roughs - Elec­tro­nic Revo­lu­ti­on (Expan­ded Media Edi­ti­ons, 1979)

»Die Unter­grund­pres­se ist das ein­zi­ge wirk­sa­me Gegen­mit­tel gegen die wach­sen­de Macht und die immer raf­fi­nier­te­ren Tech­ni­ken, die von den eta­blier­ten Mas­sen­me­di­en ein­ge­setzt wer­den«, schrieb Wil­liam S. Bur­roughs noch vol­ler Opti­mis­mus in sei­nem Essay­band The Elec­tro­nic Revo­lu­ti­on aus dem Jah­re 1971, »um Infor­ma­tio­nen, Bücher und Ent­de­ckun­gen, die den Inter­es­sen des Esta­blish­ments abträg­lich sein könn­ten, zu ver­fäl­schen, zu ver­dre­hen, aus dem Zusam­men­hang zu rei­ßen, rund­her­aus lächer­lich zu machen oder ganz ein­fach zu igno­rie­ren und unter den Tep­pich zu keh­ren.« Im Lau­fe der frü­hen 1970er Jah­re ver­schwand die Unter­grund­pres­se jedoch so schnell von der Bild­flä­che, wie sie auf­ge­taucht war.

 

Die Grün­de für das rasche Erblü­hen und Ver­schwin­den der Unter­grund­pres­se ver­sucht der His­to­ri­ker John McMil­li­an in sei­nem Buch Smo­king Typewri­ters auf­zu­de­cken. Am Beginn sei­ner Geschich­te der US-ame­ri­ka­ni­schen »under­ground press« steht das auf einem Ver­viel­fäl­ti­gungs­ap­pa­rat her­ge­stell­te Dis­kus­si­ons­bul­le­tin der Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on Stu­dents for a Demo­cra­tic Socie­ty (SDS), das spä­ter in der Zeit­schrift New Left Notes auf­ging, mit der SDS die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen der Zen­tra­le und den loka­len Ver­bän­den an den Uni­ver­si­tä­ten orga­ni­sier­te.  Obwohl es bereits in den 1950er Jah­ren Ansät­ze gab, über die klei­nen Zir­kel der zer­split­ter­ten Lin­ken hin­aus »alter­na­ti­ve« Zeit­schrif­ten wie die von Nor­man Mai­ler mit­be­grün­de­te New Yor­ker Vil­la­ge Voice zu eta­blie­ren, ent­wi­ckel­te sich erst ab 1965 eine brei­te­re Bewe­gung, die mit loka­len Zei­tun­gen wie Los Ange­les Free Press (kurz Freep genannt), East Vil­la­ge Other, The Gre­at Speck­led Bird, Ber­ke­ley Barb, Rag und vie­len ande­ren ihre eige­ne kul­tu­rel­le »Com­mu­ni­ty« begrün­de­te. Sie stell­ten nicht allein eine Gegen­öf­fent­lich­keit her, son­dern begrün­de­te in ihrer kol­lek­ti­ven, oft ama­teur­haft wir­ken­den Pra­xis einen Gegen­ent­wurf zum jour­na­lis­ti­schen Pro­fes­sio­na­lis­mus der Main­stream-Medi­en, wel­che die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät von Poli­tik und Kul­tur, wie sie die nach­wach­sen­de Gene­ra­ti­on wahr­nahm, igno­rier­ten. Begüns­tigt wur­de das Erblü­hen hun­der­ter sol­cher klei­ner »Revol­ver­blät­ter« durch die »Off­set-Revo­lu­ti­on«, die es ermög­lich­te, eine beträcht­li­che Anzahl von Druckerzeug­nis­sen mit rela­tiv spär­li­chen Mit­teln schnell und ohne grö­ße­re hand­werk­li­che Kennt­nis­se zu pro­du­zie­ren. 

Old Mole (Cover 1968)

Old Mole (Cover 1968)

Neben die­sen aus­schließ­lich lokal agie­ren­den Unter­neh­men bil­de­te sich 1966 das Under­ground Press Syn­di­ca­te (UPS), ein Netz­werk von zunächst fünf Unter­grund­zei­tun­gen, dem sich in der Fol­ge­zeit zahl­rei­che ande­re anschlos­sen. Die­ser Ver­bund ermög­lich­te eine natio­na­le Ver­brei­tung von Arti­keln aus den loka­len Blät­tern, sodass die Vor­tei­le einer dezen­tra­li­sier­ten, loka­len Bericht­erstat­tung von ande­ren Zei­tun­gen genutzt wer­den konn­ten. Zum ande­ren dien­te das UPS als Frame­work gegen Zen­sur und Ein­schüch­te­rung. Die US-Admi­nis­tra­ti­on und das FBI sahen in der Unter­grund­pres­se einen gefähr­li­chen Staats­feind am Wer­ke und ver­such­ten, mit­tels juris­ti­scher Ankla­gen, Ein­schüch­te­rung von Ver­mie­tern und Wer­be­kun­den, Denun­zia­ti­on, Infil­tra­ti­on und geziel­ter Des­in­for­ma­ti­on den Zei­tun­gen den Gar­aus zu machen. Die­se Zer­mür­bungs­pra­xis im Rah­men des Coun­ter Intel­li­gence Pro­grams (COINTELPRO), das zwi­schen 1956 und 1971 zur Dis­kre­di­tie­rung poli­ti­scher Geg­ner ein­ge­setzt wur­de, trug beträcht­lich zum Nie­der­gang der Unter­grund­pres­se bei.

1967 grün­de­ten Ray Mungo und Mar­shall Bloom den alter­na­ti­ven Nach­rich­ten­dienst Libe­ra­ti­on News Ser­vice (LNS), der Berich­te aus ers­ter Hand über die Revol­te an der Colum­bia-Uni­ver­si­tät oder Demons­tra­tio­nen pro­du­zier­te und die Gren­ze zwi­schen Beob­ach­ter und Teil­neh­mer auf­lös­te, wäh­rend Main­stream-Medi­en oft nur die offi­zi­el­len Ver­laut­ba­run­gen der staat­li­chen Insti­tu­tio­nen ver­brei­te­ten. Aller­dings bestand der Schwach­punkt des LNS in sei­ner brü­chi­gen Struk­tur. An der Spit­ze stand die Grün­der »Bloo­Mungo«, wel­che die Gunst der Stun­de genutzt hat­ten, ein media­les Instru­ment ins Leben zu rufen, wäh­rend das Kol­lek­tiv, das mit sei­ner Arbeit den LNS am Leben erhielt, demo­kra­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on und Ega­li­tät in den Ent­schei­dungs­pro­zes­sen ein­for­der­te. Der Kon­flikt kul­mi­nier­te schließ­lich in der Ent­wen­dung der Dru­cker­pres­se durch Bloo­Mungo, die jedoch von den Mit­glie­dern des Kol­lek­tivs auf­ge­spürt wur­den und den Kampf um die Pro­duk­ti­ons­mit­tel und somit um die Macht im alter­na­ti­ven Medi­en­ap­pa­rat ver­lo­ren. Nicht allein die staat­li­che Repres­si­on, son­dern auch sol­che inter­nen Riva­li­tä­ten und Macht­kämp­fe been­de­ten schließ­lich in den frü­hen 1970er Jah­re das Expe­ri­ment einer demo­kra­ti­schen Gegen­öf­fent­lich­keit. Die meis­ten Unter­grund­zei­tun­gen wur­den ein­ge­stellt oder von dubio­sen Unter­neh­mern auf­ge­kauft (die Freep wur­de bei­spiels­wei­se von Hust­ler-Chef Lar­ry Flynt über­nom­men, ehe sie 1978 ein­ge­stellt wur­de). An ihre Stel­le tra­ten die »alt-wee­klies«, alter­na­ti­ve Stadt­zei­tun­gen, wel­che rasch in pro­fes­sio­nell geführ­te und kom­mer­zi­ell aus­ge­rich­te­te Unter­neh­men ver­wan­delt wur­den. Das UPS wur­de vom Alter­na­ti­ve Press Syn­di­ca­te abge­löst, und der LNS stell­te sei­ne Arbeit auf­grund feh­len­der Abon­nen­ten 1981 ein.

 

John McMillian - Smoking Typewriters (Oxford University Press, 2011)

John McMil­li­an - Smo­king Typewri­ters (Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2011)

Der Vor­zug an Smo­king Typewri­ters ist, dass McMil­li­an nicht ledig­lich die Geschich­te der Unter­grund­pres­se noch ein­mal reka­pi­tu­liert, son­dern sie in den poli­ti­schen Kon­text der Neu­en Lin­ken stellt. Wur­de die sie in frü­he­ren Geschich­ten häu­fig als kul­tu­rel­les Sub­phä­no­men behan­delt, so ver­sucht McMil­li­an ihr eine zen­tra­le Rol­le in der poli­ti­schen Ent­wick­lung der 1960er Jah­re zuzu­schrei­ben. In sei­nen Augen hat die Unter­grund­pres­se als poli­ti­scher Orga­ni­sa­tor dazu bei­ge­tra­gen, radi­ka­le Akti­vis­ten zu »elek­tri­sie­ren«, zu poli­ti­sie­ren und sie zur Bil­dung radi­ka­ler »Com­mu­nities« als Gegen­ent­wurf zur kon­ser­va­ti­ven Main­stream-Gesell­schaft anzu­re­gen. Dabei ver­harrt McMil­li­an nicht allein im Nach­er­zäh­len his­to­ri­scher Epi­so­den und Anek­do­ten, son­dern streicht auch die Bedeu­tung der par­ti­zi­pa­to­ri­schen Demo­kra­tie in der Medi­en­pra­xis der Unter­grund­pres­se her­aus: Da die Zei­tun­gen oft als Organ ihrer jewei­li­gen »Com­mu­ni­ty« begrif­fen wur­den, hat­te jeder Zugang zu ihr, konn­te Bei­trä­ge lie­fern, die auch bei man­geln­der Qua­li­tät kaum redi­giert wur­den. Auch mit den rea­len Tat­sa­chen nah­men es die Ama­teur­jour­na­lis­ten nicht so genau: Wenn es »der Sache« dien­te, wur­den auch Gerüch­te als Fak­ten ver­kauft. In ihrer Aver­si­on gegen Pro­fes­sio­na­li­tät, Eli­tis­mus und Objek­ti­vi­tät hul­dig­te die Unter­grund­pres­se unkri­tisch einer alles über­hö­hen­den Authen­ti­zi­tät und Spon­ta­nei­tät. Die Demo­kra­ti­sie­rung der Medi­en­pra­xis wur­de so mit einem nivel­lie­ren­den Mei­nungs­jour­na­lis­mus erkauft, bei dem es nicht auf Wis­sen, Argu­men­ta­ti­on und Begrün­dung, son­dern ledig­lich auf sub­jek­ti­ve Befind­lich­kei­ten ankam. Zu Recht sieht McMil­li­an die Unter­grund­pres­se als Vor­läu­fer der Blo­go­sphä­re, die frei­lich nicht über das uto­pi­sche Poten­zi­al der kurz­le­bi­gen ame­ri­ka­ni­schen »Unter­grund­lin­ge« ver­fügt. Trotz aller Män­gel und Unzu­läng­lich­kei­ten hat­ten sie die Visi­on einer ande­ren Gesell­schaft, wäh­rend die blog­gen­den Mona­den die Welt mit ihren anschwel­len­den Mei­nungs­strö­men beglü­cken wol­len.

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

John McMil­li­an: Smo­king Typewri­ters, The Sixi­ties Under­ground Press and the Rise of Alter­na­ti­ve Media in Ame­ri­ca. New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2011. 277 Sei­ten, 27,95 Dol­lar.

 

Zuerst erschie­nen in:  satt.org  (Juli 2011)

© Jörg Auberg

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Tho­mas Waugh blickt zurück auf die Geschich­te des Doku­men­tar­films

von Jörg Auberg

 

 

Als der Fil­me­ma­cher Dzi­ga Ver­tov zu Beginn der 1920er Jah­re mit dem Kino­zug durch Russ­land fuhr, um die Bevöl­ke­rung im Sin­ne der neu­en Macht­ha­ber »auf­zu­klä­ren«, woll­te – so will es die Legen­de – das Publi­kum in den Land­stri­chen der ent­ste­hen­den Sowjet­uni­on nicht län­ger mit »Kino-Wod­ka« (thea­tra­li­schen Fil­men aus der Illu­si­ons­fa­brik) belie­fert wer­den, son­dern im Kino die »unge­schmink­te Rea­li­tät« sehen. In einem Dorf sag­te ein kol­lek­ti­ves Ich zu den Film­leu­ten: »Wir ken­nen das Leben nicht. Wir haben das Leben nicht gese­hen. Wir ken­nen unser Bau­ern­dorf und die zehn Werst umher. Zeigt uns das Leben.« Für Tho­mas Waugh, der als Pro­fes­sor für Film­wis­sen­schaft und inter­dis­zi­pli­nä­re Sexu­al­wis­sen­schaft an der Con­cordia Uni­ver­si­ty in Mont­re­al lehrt, ist dies die Ursze­ne des »sozi­al enga­gier­ten« Doku­men­tar­films des 20. Jahr­hun­derts: Die fil­mi­sche Durch­drin­gung der mate­ri­el­len Rea­li­tät trägt zu einer Ver­än­de­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se und Struk­tu­ren bei. 

Kino Eye

Ein­stel­lung aus Dzi­ga Ver­tovs Film Der Mann mit der Kame­ra (1929)

In sei­nem Buch The Right to Play Oneself, in der zehn Essays aus der Zeit zwi­schen 1975 und 2008 ver­sam­melt sind, wirft Waugh einen zwei­ten Blick auf die Geschich­te des Doku­men­tar­films, wobei es ihm – anknüp­fend an die Arbei­ten Wal­ter Ben­ja­mins und Jor­is Ivens’ in den 1930er Jah­ren – um die Inter­ak­ti­on von Dar­stel­lung und Mise-en-scè­ne in der fil­mi­schen Pra­xis geht. »Jeder heu­ti­ge Mensch kann einen Anspruch vor­brin­gen, gefilmt zu wer­den«, schrieb Ben­ja­min 1936 vol­ler Opti­mis­mus und sah im sowje­ti­schen Film die Men­schen als »Dar­stel­ler« im Arbeits­pro­zess, wäh­rend in West­eu­ro­pa »dem legi­ti­men Anspruch, den der heu­ti­ge Mensch auf sein Repro­du­ziert­wer­den hat«, die Berück­sich­ti­gung ver­wehrt wer­de. Der klas­si­sche Doku­men­tar­film, begin­nend mit Robert Fla­her­tys Nanook of the North (1922), gab vor, ledig­lich beob­ach­tend das Gesche­hen zu doku­men­tie­ren, und um den Schein der Authen­ti­zi­tät zu wah­ren, hiel­ten Regis­seu­re ihre Akteu­re stets dazu an, nicht in die Kame­ra zu bli­cken. Wäh­rend tra­di­tio­nel­le Schu­len des Doku­men­tar­films wie die von John Grier­son gepräg­te bri­ti­sche Doku­men­tar­film­be­we­gung in den 1930er Jah­ren oder die Ciné­ma Vérité/Direct Cine­ma-Rich­tung in den 1960er Jah­ren die Anwe­sen­heit der Kame­ra und ihren Ein­fluss auf das Gesche­hen ver­schlei­er­ten oder abstrit­ten, nutz­te der nie­der­län­di­sche Fil­me­ma­cher Jor­is Ivens die »Per­so­na­li­sie­rung« als Stra­te­gie, um mit Hil­fe von indi­vi­du­el­len »Dar­stel­lern« einen geschicht­li­chen Pro­zess für die Zuschau­er erfahr­bar zu machen. Die­se Hin­wen­dung zu Dra­ma­ti­sie­rung und Insze­nie­rung war jedoch nicht unpro­ble­ma­tisch, wie spä­te­re Ent­wick­lun­gen im Doku­men­tar­film zeig­ten.

Emile de Antonio - A Reader

Emi­le de Anto­nio: A Reader (Uni­ver­si­ty of Min­ne­so­ta Press, 2000)

Herz- und Glanz­stück des Buches ist der lan­ge, drei­tei­li­ge Essay über den ame­ri­ka­ni­schen Fil­me­ma­cher Emi­le de Anto­nio, in dem Waugh die Geschich­te des Doku­men­tar­films anhand der poli­ti­schen Pra­xis de Anto­ni­os kri­tisch reflek­tiert. Wäh­rend die Adep­ten des Direct Cine­ma wie Richard Leacock oder Donn Alan Pen­ne­baker in den 1960er Jah­ren den klein­bür­ger­li­chen All­tag in den USA oder die Spek­ta­kel der Pop­kul­tur abfilm­ten, arbei­te­te de Anto­nio an der poli­ti­schen Geschich­te des Kal­ten Krie­ges, ana­ly­sier­te in Point of Order (1963) und Mill­hou­se: A White Come­dy (1971) die Mecha­nis­men von Medi­en und Herr­schaft, zeich­ne­te in In the Year of the Pig (1969) die Gene­se des Viet­nam­krie­ges nach oder begab sich in Under­ground (1976) auf die Spu­ren der damals noch klan­des­tin agie­ren­den »Wea­ther Under­ground Orga­ni­za­ti­on«. Zuletzt arbei­te­te er in dem auto­bio­gra­fi­schen Film Mr. Hoo­ver and I (1989) die eige­ne Geschich­te (die jahr­zehn­te­lan­ge Über­wa­chung durch das FBI) auf, wobei die an Micha­el Moo­res effekt­ha­sche­ri­sche Selbst­in­sze­nie­rung erin­nern­de Dar­stel­lung nicht über­zeu­gend gelang. Die Ent­ste­hung die­ses Essays (in sei­ner jet­zi­gen Form) zog sich über Jah­re hin (die ers­ten bei­den Abschnit­te wur­den bereits 1976/77 in der Zeit­schrift Jump Cut ver­öf­fent­licht, wäh­rend der Schluss­teil zwi­schen 2006 und 2008 ent­stand), und Waugh stellt ihm einen län­ge­ren Kom­men­tar vor­an, in dem er Kri­tik an eini­gen Posi­tio­nen übt, die er vor drei­ßig Jah­ren ver­trat, ohne sich von dem Text zu distan­zie­ren oder ihn gar zu wider­ru­fen.

Neben die­sen drei Grö­ßen aus dem Pan­the­on des Doku­men­tar­films dis­ku­tiert Waugh auch Fil­me jen­seits des Kanons, wie etwa indi­sche Doku­men­tar­fil­me, in denen nicht ein­zel­ne Per­so­nen als Akteu­re im sozia­len Gesche­hen reden, son­dern Grup­pen, die vor der Kame­ra ein »kol­lek­ti­ves Inter­view« füh­ren. In der Dis­kus­si­on von les­bi­schen und schwu­len Doku­men­tar­fil­men wei­tet Waugh den Begriff des Doku­men­ta­ri­schen aus und schließt bei­spiels­wei­se Fil­me wie Frank Ripp­lohs Taxi zum Klo (1980) ein, der zwar auf rea­len Erfah­run­gen des Regis­seurs basiert, aber doch ein gänz­lich fik­tio­na­ler Film ist. In Waughs Augen stel­len die ver­schie­de­nen Stra­te­gi­en zur Reprä­sen­ta­ti­on der Rea­li­tät wie Doku-Fik­ti­on oder »Per­for­mance« eine Auf­fä­che­rung des Spek­trums des Doku­men­tar­films dar, der sich auf die­se Wei­se vie­le Mög­lich­kei­ten schaf­fe, um in die Rea­li­tät ver­än­dernd ein­zu­grei­fen, doch ver­wei­gert Waugh den Blick über den Rand des Doku­men­tar­films hin­aus: Die Auf­wei­chung der Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on, die von Adep­ten des Gen­res mit auf­klä­re­ri­schem Impe­tus vor­an­ge­trie­ben wur­de, die Beto­nung der Sub­jek­ti­vi­tät von Akteu­ren im sozia­len Raum, die Inter­ak­ti­on zwi­schen Autor und Akteur führ­ten auch zu den bizar­ren Spek­ta­keln des Rea­li­ty-TV, das wie eine hohn­la­chen­de Par­odie auf Ver­tovs Traum eines revo­lu­tio­nä­ren Fern­se­hens erscheint.

 

Thomas Waugh - The Right to Play Oneself (University of Minnesota Press, 2011)

Tho­mas Waugh — The Right to Play Oneself (Uni­ver­si­ty of Min­ne­so­ta Press, 2011)

Lei­der reflek­tiert Waugh den Begriff des »sozi­al enga­gier­ten« Doku­men­tar­films nicht kri­tisch, son­dern begreift ihn in ers­ter Linie als Motor gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung. In Bezug auf Ver­tov und Ivens ist er von einer sen­ti­men­tal-nost­al­gisch gepräg­ten Empa­thie gegen­über den »heroi­schen Zei­ten« über­wäl­tigt und blockt eine Dis­kus­si­on der poli­ti­schen Frag­wür­dig­kei­ten die­ser Auto­ren ab. Ivens’ Film über den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg – Spa­nish Earth (1937) – bewegt sich im ideo­lo­gi­schen Orbit der kom­mu­nis­tisch domi­nier­ten Volks­front, ohne dies dem unbe­darf­ten Zuschau­er zu erken­nen zu geben. Die Rea­li­tät des Films reflek­tier­te nicht die Rea­li­tät des Spa­ni­schen Bür­ger­krie­ges (in dem auch eine anar­chis­ti­sche Revo­lu­ti­on statt­ge­fun­den hat­te, die im Film jedoch aus­ge­blen­det blieb), son­dern ver­hüll­te sie zu einem Groß­teil hin­ter einem ideo­lo­gi­schen Schlei­er. Zum ande­ren fei­ert Waugh Ver­tovs Film Drei Lie­der über Lenin (1934), ohne ein kri­ti­sches Wort über die Ido­li­sie­rung eines auto­ri­tä­ren Füh­rers zu ver­lie­ren, der für die Eta­blie­rung eines umfas­sen­den Unter­drü­ckungs­ap­pa­rats und die Aus­mer­zung der sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Oppo­si­ti­on ver­ant­wort­lich war. Trotz die­ser Unzu­läng­lich­kei­ten ist die­ses Buch ein gelun­ge­nes und viel­schich­ti­ges Resü­mee der Geschich­te des Doku­men­tar­films.     

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Tho­mas Waugh: The Right to Play Oneself. Loo­king Back on Docu­men­ta­ry Film. Min­nea­po­lis: Uni­ver­si­ty of Min­ne­so­ta Press, 2011. 314 Sei­ten, 27,50 US-Dol­lar (Paper­back), 82,50 US-Dol­lar (gebun­den).

 

Zuerst erschie­nen in:  satt.org  (Janu­ar 2012)

© Jörg Auberg

 

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