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Oktober 2017 Posts

Frankfurter Buchmesse 2017

Es geht nicht um das Buch

Marginalien zur Frankfurter Buchmesse 2017

Von Jörg Auberg

 

Kurt Wolff Stiftung - Es geht um das Buch (Katalog der unabhängigen Verlage 2017/18)

Kurt Wolff Stif­tung — Es geht um das Buch (Kata­log der unab­hän­gi­gen Ver­la­ge 2017/18)

»Beim Besuch einer Buch­mes­se ergriff mich eine son­der­ba­re Beklem­mung«1, notier­te Theo­dor W. Ador­no im Okto­ber 1959. Im Jah­re 2017 erin­ner­te die Frank­fur­ter Buch­mes­se an jene Ereig­nis­se vor fünf­zig Jah­ren, die Roman Brod­mann unter dem Titel Der Poli­zei­staats­be­such – Beob­ach­tun­gen unter deut­schen Gast­ge­bern doku­men­tiert hat­te. Bereits seit Jah­ren war das Buch auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se zur ver­nach­läs­sig­ba­ren Neben­sa­che gewor­den, seit der Mar­ke­ting-Exper­te Juer­gen Boos 2005 das Direk­to­rat der Frank­fur­ter Buch­mes­se über­nahm und deren »Moder­ni­sie­rung« im Sin­ne des neo­li­be­ra­len Zeit­geis­tes betrieb. Die »Moder­ni­sie­rung« bestand vor allem in der För­de­rung des Cross­me­dia- und Trans­me­dia-Publi­shings sowie der Digi­ta­li­sie­rung, um den Pro­du­zen­ten von »Con­tent« neue Büh­nen zur Selbst­dar­stel­lung und Ver­mark­tung zu bie­ten.

Books & Magic

Books & Magic

In die­sem »Kon­text« erscheint der Kata­log der Kurt Wolff Stif­tung mit dem fast schon despe­ra­ten Titel Es geht um das Buch als Mar­gi­na­lie auf dem Jahr­markt des Kom­mer­zes und der Eitel­kei­ten. Für »Bücher, die mit gro­ßer Sorg­falt, hohem Qua­li­täts­an­spruch und Lie­be zum Detail ver­legt wer­den«2 inter­es­siert sich rea­li­ter ledig­lich eine Mino­ri­tät. Was zählt, sind prall gefüll­te Auf­trags­bü­cher und der inter­na­tio­na­le Aus­tausch von Lizen­zen.

 

Hysterie und Dialog

»Es ist gar nicht so schlimm« - Von der Gegenöffentlichtkeit zur Bagatelle

»Es ist gar nicht so schlimm« — Von der Gegen­öf­fent­licht­keit zur Baga­tel­le

Neben dem übli­chen Geschäft des Kom­mer­zes und der Zur­schau­stel­lung der ana­lo­gen und digi­ta­len Waren aus dem Port­fo­lio der Publi­shing- und Medi­en­in­dus­trie wur­de die Frank­fur­ter Buch­mes­se 2017 auch von poli­ti­schen »Tumul­ten« gekenn­zeich­net. Bereits im Vor­feld des media­len Auf­triebs wur­de die Ent­schei­dung der Lei­tung der Buch­mes­se kri­ti­siert, neo­fa­schis­ti­schen Ver­la­gen wie Antai­os oder der rechts­ex­tre­men Wochen­zei­tung Jun­ge Frei­heit an expo­nier­ter Stel­le Büh­nen für ihren »Kul­tur­kampf« gegen eine libe­ra­le Gesell­schaft zu bie­ten. Zugleich beschwich­tig­ten Medi­en wie die Ber­li­ner tages­zei­tung (die sich bei ande­ren Gele­gen­hei­ten in einer auf­ge­heiz­ten Kra­wall­pu­bli­zis­tik gefällt), dass der »Tru­bel« um den Auf­marsch rech­ter Ver­la­ge nicht mehr als »Hys­te­rie« sei.3 Die Ver­brei­tung neo­fa­schis­ti­scher Ide­en und der damit aus­ge­üb­ten Gewalt in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit erklär­ten »abge­klär­te« Redak­teu­re wie Arno Frank zur »Nor­ma­li­tät« in der demo­kra­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung.

 

Margot Käßmann als Covergirl der neofaschistischen Wochenzeitung Junge Freiheit

Mar­got Käß­mann als Cover­girl der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Wochen­zei­tung Jun­ge Frei­heit

Ins glei­che Horn stieß die ehe­ma­li­ge EKD-Rats­vor­sit­zen­de Mar­got Käß­mann, die sich als Cover-Girl der Jun­gen Frei­heit ver­ding­te und – ob aus Dumm­heit oder Gel­tungs­sucht – sich »bereit für die Debat­te« erklär­te. Wer sie für den Dia­log mit den Neo­fa­schis­ten auf­ge­for­dert hat­te oder in wel­cher Funk­ti­on sie sich auf der Büh­ne der Neo­fa­schis­ten anbie­der­te, blieb frei­lich unge­klärt.

 

»Die Toten sterben beim Jagen« (Robert Desnos)

»Die Toten ster­ben beim Jagen« (Robert Des­nos)

Neofaschistische Tumulte

Die Ein­la­dung zum Dia­log nutz­ten die Neo­fa­schis­ten auf ihre Wei­se. Als Achim Berg­mann, der 74-jäh­ri­ge Ver­le­ger des Tri­kont-Ver­la­ges, beim Vor­bei­ge­hen am Stand der Jun­gen Frei­heit einen nega­ti­ven Kom­men­tar rief, stürz­te ein Schlä­ger aus dem Pulk der Neo­fa­schis­ten und schlug Berg­mann mit der Faust ins Gesicht, den das Opfer als »Mör­der­schlag« emp­fand.4 Der Täter lief nicht davon, son­dern stell­te sich mit einem Selbst­be­wusst­sein zur Schau, das mit bru­ta­ler Gewalt sei­ne Opfer ver­höhnt. Auch beim Auf­tritt neo­fa­schis­ti­scher Racket­häupt­lin­ge am Stand des Antai­os-Ver­la­ges nah­men die Rechts­ex­tre­men unter Füh­rung des Ideo­lo­gen Götz Kubit­schek das Heft der Gewalt in die Hand, ohne dass die Lei­tung der Buch­mes­se in der Lage gewe­sen wäre, den Exzes­sen Ein­halt zu bie­ten.

Boos betritt weni­ge Sekun­den nach Kubit­scheks Ansa­ge die Büh­ne, ein Mega­fon in der Hand. Sein Ver­such, die wüten­de Zuhö­rer­schaft in Hal­le 4.2 anzu­spre­chen, geht in »Heuch­ler, Heuchler«-Schreien unter. Als Boos den­noch das Mega­fon zum Mund führt, drückt Kubit­schek es weg. Der von AfD-Anhän­gern, Iden­ti­tä­rer Bewe­gung und bei­na­he der gesam­ten Rech­ten in Deutsch­land ver­göt­ter­te Autor und Vor­den­ker macht deut­lich, wer an die­sem frü­hen Sams­tag­abend das Sagen hat. Kubit­schek hat sich ein Stück jenes öffent­li­chen Raums erobert, der ihm und den Sei­nen dem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis nach zusteht. Und er gibt ihn nicht wie­der her. — Frank­fur­ter Rund­schau, 16. Okto­ber 20175

 

Im Bericht der Frank­fur­ter Poli­zei sind die Frank­fur­ter Mes­se­hal­len bereits Teil der »trumpi­fi­zier­ten Umge­bun­gen«, in denen die Ver­ant­wor­tung für die Ereig­nis­se »volks­ge­mein­schaft­lich« bei bei­den Sei­ten des poli­ti­schen Spek­trums abge­la­den wird.

Frank­furt (ots) — (le, kie, ka) Am Sams­tag­nach­mit­tag, gegen 17 Uhr, kam es zu einem Tumult bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on in der Hal­le 4.2 an dem Stand C96 der Frank­fur­ter Buch­mes­se, dies war jedoch nicht das ers­te Vor­komm­nis. In den Tagen zuvor kam es bereits zu ver­ein­zel­ten Pro­vo­ka­tio­nen zwi­schen »poli­tisch links« und »poli­tisch rechts« gerich­te­ten Besu­che­rin­nen und Besu­chern und Stand­be­trei­bern. In einem Fall ende­te die Pro­vo­ka­ti­on in einer tät­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung.6


Die­ser staat­lich vor­ge­ge­be­nen Argu­men­ta­ti­ons­li­nie folg­te schließ­lich die Lei­tung der Buch­mes­se.

Wäh­rend der letz­ten Tage gab es auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se geziel­te Pro­vo­ka­tio­nen, Sach­be­schä­di­gun­gen und tät­li­che Über­grif­fe zwi­schen lin­ken und rech­ten Grup­pie­run­gen. Bei Ver­an­stal­tun­gen von Ver­la­gen der Neu­en Rech­ten kam es zu Hand­greif­lich­kei­ten, die von der Poli­zei auf­ge­löst wur­den. Wir ver­ur­tei­len jede Form der Gewalt. Sie ver­hin­dert den Aus­tausch von poli­ti­schen Posi­tio­nen. Wir wer­den sie als Mit­tel der Aus­ein­an­der­set­zung nicht zulas­sen.7


 

Juergen ohne Land

Juergen Boos im Interview mit dem Kultursender 3Sat

Juer­gen Boos im Inter­view mit dem Kul­tur­sen­der 3Sat

Obgleich Boos als Direk­tor der Frank­fur­ter Buch­mes­se von den neo­fa­schis­ti­schen Rackets vor­ge­führt wur­de, bleibt er uner­schüt­ter­lich in sei­nem Kom­man­do­st­and und gibt wei­ter Direk­ti­ven an sei­nen Gene­ral­stab aus. »Das wich­tigs­te Gut der Frank­fur­ter Buch­mes­se ist seit 500 Jah­ren die Mei­nungs­frei­heit«8, gibt er als Bon­mot in einem Inter­view mit dem Kul­tur­sen­der 3Sat zum Bes­ten. Unter­schla­gen wird dabei, dass Boos per­sön­lich im Jah­re 2009, als Chi­na Gast­land der Frank­fur­ter Buch­mes­se war, chi­ne­si­sche Dis­si­den­ten aus­lud. Ver­schwie­gen wird auch das »Anemp­fin­den an die Macht«, das seit je den Bör­sen­ver­ein der Deut­schen Buch­händ­ler aus­zeich­ne­te. Im April 1933 hat­te er sich in »der Juden­fra­ge« dem »Sofort­pro­gramm« der neu­en Reichs­re­gie­rung unter­ge­ord­net. Mit die­sem »oppor­tu­nis­ti­schen Anpas­sungs­ver­hal­ten«9 (wie Jan-Pie­ter Bar­bi­an es tref­fend beschreibt) geht auch Boos  kon­form.

»Für Bewe­gun­gen, die nach­weis­lich aggres­si­ve oder destruk­ti­ve Zie­le ver­fol­gen (zer­stö­re­risch für die Aus­sicht auf Frie­den, Gerech­tig­keit und Frei­heit für alle), soll­te die Tole­ranz ein­ge­schränkt wer­den.« — Her­bert Mar­cu­se10

 

Zerstörerische Toleranz

»Auf dem maritimen Meer verlieren sich die Verlorenen« (Robert Desnos)

»Auf dem mari­ti­men Meer ver­lie­ren sich die Ver­lo­re­nen« (Robert Des­nos)

Mit der Öff­nung für neo­fa­schis­ti­sche Posi­tio­nen (die medi­al unter dem Ban­ner »Rechts­po­pu­lis­mus« segeln) haben poli­ti­sche Par­tei­en, Medi­en und berufs­stän­di­sche Orga­ni­sa­tio­nen Tore geöff­net, über die reak­tio­nä­re Hor­den in den öffent­li­chen Raum strö­men. Anders als die zwi­schen Kra­wall­pu­bli­zi­si­tik und Baga­tel­li­sie­rung lavie­ren­de tages­zei­tung hat die Frank­fur­ter Rund­schau auf der Buch­mes­se Dis­kus­sio­nen zu »rech­ten Mythen« ver­an­stal­tet und die Erin­ne­rung an den »Wider­stand gegen die Rech­te« im Bewusst­sein gehal­ten, eine Erin­ne­rung, die sich aus den Erfah­run­gen der Revol­te von 1968 speist, ohne deren Feh­ler aus dem Gedächt­nis zu ver­lie­ren. »Vor der Welt, wie sie ist, kann man sich gar nicht genug fürch­ten«11, resü­mier­te Ador­no in sei­nen »Mar­gi­na­li­en zu Theo­rie und Pra­xis« im Jah­re 1969. Ange­sichts der jet­zi­gen Zustän­de gibt es kei­nen Grund, die­ses Resü­mee zu revi­die­ren.

 

 

 

Bildquellen



Cover Es geht um das Buch — © Kurt Wolff Stif­tung

Buch­mes­sen­fo­tos — © Jörg Auberg

© Jörg Auberg 2017

Nachweise

  1. Theo­dor W. Ador­no, »Biblio­gra­phi­sche Gril­len«, in: Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 345
  2. Kurt Wolff Stif­tung, Es geht um das Buch (Leip­zig: Kurt Wolff Stif­tung, 2017), ohne Pagi­nie­rung
  3. Arno Frank, »Kei­ne Inva­si­on von rechts«, taz, 9. Okto­ber 2017, https://www.taz.de/!5453196/. Im Mai 2017 ver­glich der taz-Kolum­nist Uli Han­ne­mann die Kir­chen­tags­be­su­cher in Ber­lin mit deut­schen Besat­zungs­sol­da­ten von Paris.
  4. https://trikont.de/themen/die-trikont-story/nachrichten-aus-dem-trikont-universum/achim-bergmann-ueber-die-attacke-auf-der-buchmesse/
  5. Dani­jel Majic, »Ver­such einer Land­nah­me«, Frank­fur­ter Rund­schau, 16. Okto­ber 2017, S. 26
  6. Frank­fur­ter Poli­zei, »POL-F: 171015 — 1104 Frank­furt-Westend: Tumult auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se«, http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4970/3761226
  7. Frank­fur­ter Buch­mes­se, Pres­se­mit­tei­lung, 14. Okto­ber 2017
  8. Juer­gen Boos, Inter­view in der Sen­dung Kul­tur­zeit, 3Sat, 16. Okto­ber 2017
  9. Jan-Pie­ter Bar­bi­an, Die voll­ende­te Ohne­macht? Schrift­stel­ler, Ver­le­ger und Buch­händ­ler im NS-Staat (Essen: Klar­text, 2008), S. 40
  10. Her­bert Mar­cu­se, »Repres­si­ve Tole­aranz«, in: Mar­cu­se, Schrif­ten, Bd. 8 (Sprin­ge: Klam­pen, 2004), S. 164
  11. Ador­no, »Mar­gi­na­li­en zu Theo­rie und Pra­xis«, in: Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 778

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Fausto Buttà: Living Like Nomads

Spuren des italienischen Anarchismus (I):

Der Anarchist als Nomade

Fausto Buttà spürt der Geschichte der italienischen Anarchisten in Mailand nach

 

Von Jörg Auberg

 

Nunzio Pernicone - Italian Anarchism, 1864-1892 (AK Press, 2009)

Nun­zio Per­ni­co­ne — Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (AK Press, 2009)

Die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten waren, schreibt Nun­zio Per­ni­co­ne in sei­ner grund­le­gen­den Geschich­te des ita­lie­ni­schen Anar­chis­mus im spä­ten 19. Jahr­hun­dert, »eine fas­zi­nie­ren­de und wich­ti­ge Grup­pe von Revo­lu­tio­nä­ren«. In den Jahr­zehn­ten zwi­schen dem Risor­gi­men­to und dem Auf­stieg des Faschis­mus reprä­sen­tier­ten sie eine Haupt­kom­po­nen­te der ita­lie­ni­schen Lin­ken. »Der Anar­chis­mus, nicht der Mar­xis­mus, war der ideo­lo­gi­sche Strom, der die ita­lie­ni­sche sozia­lis­ti­sche Bewe­gung in ihren ers­ten fünf­zehn Jah­ren ihrer Ent­wick­lung domi­nier­te und größ­ten­teils bestimm­te«, unter­streicht Per­ni­co­ne.1 Den­noch konn­te der Anar­chis­mus der ita­lie­ni­schen Lin­ken nicht dau­er­haft sei­nen Stem­pel auf­drü­cken. Einen Grund hier­für sieht der kana­di­sche Schrift­stel­ler Geor­ge Wood­cock in der Ten­denz anar­chis­ti­scher Bewe­gun­gen, sich eher auf regio­na­le Gege­ben­hei­ten zu kon­zen­trie­ren, als sich lan­des­weit zu orga­ni­sie­ren und auf natio­na­ler Ebe­ne zu agie­ren.2

 

Mailand als Ort des Übergangs

Die­se regio­na­le Aus­rich­tung ist The­ma des Buches Living Like Nomads, in dem Faus­to But­tà, ein in Mai­land auf­ge­wach­se­ner und an der Uni­ver­si­ty of Wes­tern Aus­tra­lia leh­ren­der His­to­ri­ker, die Geschich­te der Mai­län­der Anar­chis­ten­be­we­gung bis zur faschis­ti­schen Macht­über­nah­me in den 1920er Jah­ren beschreibt. Auf Grund der Indus­tria­li­sie­rung zog die Stadt Migran­ten aus den länd­li­chen Regio­nen Ita­li­ens an und ent­wi­ckel­te sich zu einer frü­hen Hoch­burg der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung. Mai­land war ein Schmelz­tie­gel, schreibt But­tà, eine »dyna­mi­sche Stadt« und ein »Ort des Über­gangs«, der »noma­di­sche Geschöp­fe« aus der anar­chis­ti­schen Bewe­gung anzog, aber auch wie­der abstieß. Anar­chis­ten im 19. und im frü­hen 20. Jahr­hun­dert »leb­ten wie Noma­den«, argu­men­tiert But­tà – in ers­ter Linie auf Grund der staat­li­chen Repres­si­on, doch ent­sprach die­ses Noma­den­da­sein auch ihrer »inne­ren Ten­denz«, umher­zu­zie­hen, zu emi­grie­ren, zurück­zu­keh­ren, unter­zu­tau­chen und erneut auf­zu­bre­chen. Mit ihrer Mobi­li­tät ent­flo­hen sie der Unter­drü­ckung und Inhaf­tie­rung durch die staat­li­chen Auto­ri­tä­ten; zugleich beton­ten sie damit ihre Lust aufs Neue und unter­stri­chen ihre Moder­ni­tät.

 

Fausto Buttà - Living Like Nomads (Cambridge Scholars Publishing, 2015)

Faus­to But­tà — Living Like Nomads (Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing, 2015)

Ein Resul­tat die­ser Mobi­li­tät war ein stän­di­ges Kom­men und Gehen, sodass der anar­chis­ti­schen Bewe­gung Sta­bi­li­tät und Kon­stanz fehl­ten. Zudem zeich­ne­te sie ein über­aus hete­ro­ge­ner, wenn nicht gegen­sätz­li­cher Cha­rak­ter aus: Orga­ni­sa­ti­ons­feind­li­che Indi­vi­dua­lis­ten gehör­ten zu die­sem Zir­kel eben­so wie auf Orga­ni­sa­ti­on drin­gen­de Anar­cho­kom­mu­nis­ten, liber­tä­re Päd­ago­gen, Anti­mi­li­ta­ris­ten und revo­lu­tio­nä­re Anar­cho­syn­di­ka­lis­ten. Die Diver­si­tät der anar­chis­ti­schen Bewe­gung in Mai­land schil­dert But­tà in meh­re­ren Kapi­teln über das Ver­hält­nis der Anar­chis­ten zur liber­tä­ren Päd­ago­gik, zur Arbei­ter­be­we­gung, zum Anti­mi­li­ta­ris­mus und zum anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand. Obgleich sie Alter­na­ti­ven zu den real exis­tie­ren­den, oft dys­funk­tio­na­len For­men der Poli­tik anbo­ten, ver­moch­ten sie es nicht, die his­to­ri­schen Ver­hält­nis­se nach ihren Model­len zu prä­gen.

»In Mai­land waren anar­chis­ti­sche Theo­ri­en und sozia­le anar­chis­ti­sche Prak­ti­ken kom­ple­men­tär«, schreibt But­tà; »sie beein­fluss­ten sich gegen­sei­tig, waren mit­ein­an­der ver­floch­ten und inein­an­der inte­griert.« Dass sich die ver­schie­de­nen Kon­sti­tu­en­ten der »Bewe­gung« sich aber tat­säch­lich in einer radi­ka­len Har­mo­nie, in einem Vor­griff auf eine idea­le Gesell­schaft »mul­t­i­so­zia­ler« und »mul­ti­kul­tu­rel­ler« Pra­xis beweg­ten, erscheint ange­sichts der star­ken Dif­fe­ren­zen in der Geschich­te des Anar­chis­mus frag­wür­dig. Anders als bei­spiels­wei­se Paul Avrich, der die diver­gie­ren­den Facet­ten des Anar­chis­mus im Kon­text des Modern School Move­ment in den USA zwi­schen 1910 und 1960 beschrieb3, erschöpft sich But­tà in Behaup­tun­gen, ohne sie his­to­risch zu bele­gen. »Wie Orpheus muß der His­to­ri­ker in die Unter­welt hin­ab­stei­gen, um die Toten ins Leben zurück­zu­brin­gen«4, schrieb Sieg­fried Kra­cau­er. Die­ser Auf­ga­be des His­to­ri­kers wird But­tà jedoch nicht gerecht, da er mehr als Ideo­lo­ge denn als His­to­ri­ker agiert. Sei­ne Geschich­te prä­sen­tiert er – trotz aller akri­bisch auf­ge­lis­te­ten Quel­len – als Ver­klä­rung der his­to­ri­schen Rea­li­tät, die er mit stark geglät­te­ter Ober­flä­che dar­stellt, ohne die Brü­che im Unter­grund sicht­bar zu machen.

 

Anarchisten als Nomaden

 

Leda Rafanelli

Leda Rafanel­li

But­tàs Ori­gi­na­li­tät liegt in der Her­aus­ar­bei­tung des Noma­den-Motivs, das er von Indi­vi­du­al­an­ar­chis­tin­nen wie Leda Rafanel­li über­nimmt, die Anar­chis­ten als »noma­di­sches Volk« beschrieb: Anar­chis­ten »fol­gen nicht einem bestimm­ten Pfad, son­dern ihrem eige­nen Weg«, schrieb sie, »gemäß ihrer Natur, ihrer Denk­wei­se und gleich­falls ihrem Tem­pe­ra­ment«. Die­se noma­di­sche Lebens­wei­se ist jedoch zwei­schnei­dig, vor allem vor dem Hin­ter­grund des auf­kom­men­den Faschis­mus. In sei­nem prä­fa­schis­ti­schen Best­sel­ler Der Unter­gang des Abend­lan­des (1923) hat­te Oswald Speng­ler den moder­nen Städ­te­be­woh­ner als »zwei­ten Noma­den« beschrie­ben, der in Ato­mi­sie­rung und Regres­si­on zur kon­ti­nu­ier­li­chen Zeit­er­fah­rung nicht mehr fähig sei. In sei­ner Idea­li­sie­rung der anar­chis­ti­schen Bewe­gung nimmt But­tà zu kei­nem Zeit­punkt die urba­nen und kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren oder die »Stra­ßen­eth­no­gra­phie« und ihre »Tro­glo­dy­ten« (wie die Situa­tio­nis­ten den urba­nis­ti­schen Raum beschrie­ben5 wahr; eben­so wenig hat er ein Auge für die his­to­ri­schen Kon­stel­la­tio­nen, in denen sich die Mai­län­der Anar­chis­ten beweg­ten. Der Noma­de ist einer­seits ein Gegen­ent­wurf zur bür­ger­li­chen Exis­tenz der »Sess­haf­tig­keit« und »Boden­haf­tig­keit« (wie sie in der faschis­ti­schen Ideo­lo­gie von »Blut und Boden« im Extre­men zum Aus­druck kam). Ande­rer­seits arti­ku­liert sich in der Figur des Noma­den die Ten­denz zur Sprung­haf­tig­keit, zur Flucht oder zu einem wohl­fei­len Eska­pis­mus. »Ich hin­ter­las­se nichts wei­ter als eine Legen­de …«, heißt es in  Hans Magnus Enzen­ber­gers Gedicht »Der Flie­gen­de Robert«.6

 

Furie des Verschwindens

Irgend­wann ver­flüch­tigt sich in But­tàs Erzäh­lung der Anar­chis­mus als eine »Furie des Ver­schwin­dens«, ohne dass der Autor zu kon­kre­ti­sie­ren ver­mag, an wel­chem Punkt sein Akteur aus wel­chem Grund von der Geschich­te an die Außen­li­nie kata­pul­tiert wur­de. Dem Buch man­gelt es an einer nar­ra­ti­ven Kon­struk­ti­on. In den ers­ten Kapi­teln gelingt es But­tà noch, Theo­ri­en und gesell­schaft­li­che Bedin­gun­gen der anar­chis­ti­schen Bewe­gung in Mai­land zu por­trä­tie­ren. Danach ver­liert sich jedoch die nar­ra­ti­ve Span­nung in immer kür­zer wer­den­den Kapi­teln im Abriss von The­men wie liber­tä­re Päd­ago­gik, Arbei­ter­be­we­gung, Anti­mi­li­ta­ris­mus oder Anti­fa­schis­mus, als wäre eine To-Do-Lis­te rasch abzu­ar­bei­ten.

In der blo­ßen Anein­an­der­rei­hung von Fak­ten ver­mag es But­tà nicht, die von ihm behaup­te­te Rele­vanz des Anar­chis­mus für die Gegen­wart zu unter­stü­zen. Rea­li­ter betreibt er eine Musea­li­sie­rung der anar­chis­ti­schen Geschich­te, die mit ihren Vor­stel­lun­gen von Urba­ni­tät und Dyna­mik im his­to­ri­schen Pro­zess aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein getilgt wur­de. In der Zeit der faschis­ti­schen Herr­schaft wur­den alle Orga­ni­sa­ti­ons­for­men des Anar­chis­mus in Ita­li­en eli­mi­niert. Nach 1945 ver­sprach die Föde­ra­ti­on der ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten »schwe­re Jah­re des Kamp­fes und har­ter Arbeit« mit dem Anspruch der indi­vi­du­el­len Auto­no­mie.7 Die­se »har­te Arbeit« woll­ten jedoch nur weni­ge auf sich neh­men.

Ursa­chen für das Schei­tern des anar­chis­ti­schen Pro­jekts ver­mag But­tà nicht zu lie­fern, da sich sein Buch im blo­ßen Beschrei­ben der Geschich­te erschöpft. »Die Geschich­te ist Gegen­stand einer Kon­struk­ti­on, deren Ort nicht die homo­ge­ne und lee­re Zeit son­dern die von Jetzt­zeit erfüll­te bil­det«8, schrieb Wal­ter Ben­ja­min. Die­se Kon­struk­ti­on ver­mag But­tà mit sei­nem Buch nicht zu leis­ten.

 

 

Bibliografische Angaben:

Faus­to But­tà.
Living Like Nomads: The Mila­ne­se Anar­chist Move­ment Befo­re Fascism.
New­cast­le upon Tyne: Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing, 2015.
299 Sei­ten, £ 47,99.
ISBN: 978–1-4438–7823-4.

 

© Jörg Auberg 2017

Bildquellen



Cover Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892AK Press 2009

Cover Living Like Nomads — Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing 2015

Por­trät Leda Rafanel­liAK Press 2014

Nachweise

  1. Nun­zio Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (Oak­land: AK Press, 2009), S. 3
  2. Geor­ge Wood­cock, Anar­chism: A Histo­ry of Liber­ta­ri­an Ide­as and Move­ments (Har­monds­worth: Pen­gu­in, 1986), S. 274
  3. Paul Avrich, The Modern School Move­ment: Anar­chism and Edu­ca­ti­on in the United Sta­tes (1980; rpt. Oak­land: AK Press, 2006)
  4. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 97
  5. McKen­zie Wark, The Beach Bene­ath the Street: The Ever­y­day Life and Glo­rious Times of the Situa­tio­nist Inter­na­tio­nal (Lon­don: Ver­so, 2011), S. 8
  6. Hans Magnus Enzens­ber­ger, »Der Flie­gen­de Robert«, in: Enzens­ber­ger, Gedich­te, 1950–2015 (Ber­lin: Suhr­kamp, 2015), Kind­le-Aus­ga­be
  7. Ita­li­an Anar­chist Fede­ra­ti­on (FAI), »Act for Your­sel­ves« (1945), in: Anar­chism: A Docu­men­ta­ry Histo­ry of Liber­ta­ri­an Ide­as, Volu­me Two: The Emer­gence of the New Anar­chism (1939–1977), hg. Robert Gra­ham (Mont­re­al: Black Rose Books, 2009), S. 26
  8. Wal­ter Ben­ja­min, »Über den Begriff der Geschich­te«, in: Ben­ja­min, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band I:2, hg. Rolf Tie­de­mann und Her­mann Schwep­pen­häu­ser (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1991), S. 701

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