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Februar 2019 Posts

Richard Fariña: Been Down So Long It Looks Like Up To Me

Live Fast, Die Young

Der Schrift­stel­ler und Musi­ker Richard Fari­ña kehrt aus dem Toten­reich zurück

 

Von Jörg Auberg

 

»Natür­lich war es ein Unfall«, sag­te er. »Das weiß ich.«1

Ernest Heming­way, »Das kur­ze glück­li­che Leben des Fran­cis Macom­ber«

 

Am 30. April 1966 – es war der 21. Geburts­tag sei­ner Frau Mimi Baez – brach Richard Fari­ña mit einem Gast der Geburts­tags­ge­sell­schaft zu einer Motor­rad­fahrt auf der Car­mel Val­ley Road in Kali­for­ni­en auf. In einer schar­fen Kur­ve, die der Fah­rer mit über­höh­ter Geschwin­dig­keit ansteu­er­te, wur­de das Motor­rad von der Stra­ße geschleu­dert. Der Biker kam mit dem Leben davon, doch Fari­ña, der auf dem Sozi­us saß, war sofort tot.

 

Richard Fariña: Been down so long it looks like up to me (Erstausgabe: Random House, 1966)

Richard Fari­ña: Been Down So Long it Looks Like Up to Me (Erst­aus­ga­be: Ran­dom House, 1966)

Weni­ge Tage zuvor war sein ers­ter Roman Been Down So Long It Looks Like Up To Me erschie­nen.2 Die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur­kri­tik nahm ihn wenig gnä­dig auf. In der New York Review of Books cha­rak­te­ri­sier­te Ber­nard Ber­gon­zi das Werk als Hotch­potch aus Hips­ter-pika­res­ken und modi­schen Camp-Stil-Ele­men­ten, den der Kri­ti­ker als nie­der­drü­ckend emp­fand: Es sei ein »hel­les, kal­tes, grau­sa­mes, lee­res Buch«, lau­te­te sein Urteil.3 Auch Ste­phen Dona­dio stell­te den lite­ra­ri­schen Wert des Romans in der Par­ti­san Review in Fra­ge: Allen­falls als Aus­druck einer um sich selbst, am Ran­de der Apa­thie krei­sen­den indi­vi­du­el­len Auto­no­mie ver­die­ne der Roman etwas Auf­merk­sam­keit. Im Gegen­satz zu den ande­ren Roman­ciers des Jah­res 1966 wie Tho­mas Pyn­chon, Wil­liam Gass oder Wal­ker Per­cy sei er von unter­ge­ord­ne­tem Inter­es­se.4

Unge­ach­tet die­ser despek­tier­li­chen zeit­ge­nös­si­schen Kri­ti­ken gewann der Roman in Zir­keln der Gegen­kul­tur der 1960er Jah­re rasch an Repu­ta­ti­on und gilt heu­te zumin­dest als »minor clas­sic«. Für vie­le Akti­vis­ten und Akti­vis­tin­nen der Neu­en Lin­ken war Fari­ñas Roman vor allem eine lite­ra­risch ver­frem­de­te Beschrei­bung einer Revol­te gegen das uni­ver­si­tä­re Estab­lish­ment der spä­ten 1950er Jah­re. In sei­ner Auto­bio­gra­fie Resis­ter (2014) attes­tier­te bei­spiels­wei­se der Anti­kriegs­ak­ti­vist Bruce Dan­cis Fari­ñas Roman, dass er dem stu­den­ti­schen Auf­be­geh­ren vor den Hoch­zei­ten der »Gro­ßen Revol­te« eine »unsterb­li­che« Aura ver­lie­hen habe.5

 

»Etwas ist faul im Staa­te New York«

 

Im Mai 1958 erup­tier­ten an der kon­ser­va­ti­ven Eli­te-Uni­ver­si­tät Cor­nell im Staa­te New York stu­den­ti­sche Pro­tes­te gegen die Bevor­mun­dung der Stu­den­ten und Stu­den­tin­nen durch die Uni­ver­si­täts­lei­tung, die – nach dem Prin­zip »in loco paren­tis« – Auf­sichts­funk­tio­nen an Stel­le der Eltern wahr­nahm. Sei­nen Cam­pus woll­te der Uni­ver­si­täts­prä­si­dent Dea­ne Malott vor Vul­ga­ri­tät und Obszö­ni­tät bewah­ren und führ­te im Sin­ne der US-ame­ri­ka­ni­schen puri­ta­ni­schen Tra­di­ti­on ein stren­ges Regime der Tugend und Sitt­lich­keit. Dazu gehör­te unter ande­rem ein Ver­bot für Stu­den­tin­nen, sich in den Apart­ments männ­li­cher Kom­mi­li­to­nen auf­zu­hal­ten. Vor allem an die­ser rigi­den Pra­xis auto­ri­tä­rer Gän­ge­lung ent­zün­de­te sich der »Auf­ruhr« vom 23. und 24. Mai 1958 in Itha­ca, NY, und anti­zi­pier­te die »free-speech fights« an vie­len Uni­ver­si­tä­ten ein Jahr­zehnt spä­ter.

 

Cornell-Campus

Cor­nell-Cam­pus

»1958 hat natür­lich auf einem ande­ren Pla­ne­ten statt­ge­fun­den«, schreibt Fari­ñas Stu­di­en­kol­le­ge Tho­mas Pyn­chon in sei­nem Vor­wort zu Been Down So Long It Looks Like Up To Me. »Man muss sich das dama­li­ge Aus­maß der sexu­el­len Unter­drü­ckung vor Augen hal­ten. Rock’n’Roll gab es zwar schon seit ein paar Jah­ren, aber die Ver­bin­dung von Sex and Drugs and Rock’n’Roll hat­ten noch nicht all­zu vie­le von uns her­ge­stellt.«6 Die Revol­te gegen die auto­ri­tä­re Admi­nis­tra­ti­on war jedoch nicht eine femi­nis­ti­sche Rebel­li­on gegen die sexu­el­le Unter­drü­ckung, son­dern in ers­ter Linie von männ­li­cher Lust getrie­ben: Wie sich ein Jahr­zehnt spä­ter noch dezi­dier­ter her­aus­stell­te, war die Kam­pa­gne für die »sexu­el­le Revo­lu­ti­on« vor allem ein von männ­li­chen Inter­es­sen »befeu­er­tes« Pro­jekt.7 Von der Auf­he­bung der Sperr­stun­de auf dem Cam­pus pro­fi­tier­ten vor allem die männ­li­chen Stu­den­ten, die »zum Becken­be­reich einer Frau«8 vor­drin­gen woll­ten (wie es in Pyn­chons Remi­nis­zenz heißt).

 

Kirkpatrick Sale (Cornell-Aufruhr 1958)

Kirk­pa­trick Sale (Cor­nell-Auf­ruhr 1958)

Für die Revol­te wur­den Kirk­pa­trick Sale – damals Redak­teur der Cam­pus-Zei­tung Cor­nell Dai­ly Sun und spä­ter Chro­nist der Geschich­te der Stu­dents for a Demo­cra­tic Socie­ty (SDS) in den 1960er Jah­ren9 – und Richard Fari­ña sowie zwei wei­te­re Stu­den­ten wegen Ansta­che­lung zum Auf­ruhr von der Uni­ver­si­tät ver­wie­sen, nach einer inter­nen Unter­su­chung der Vor­komm­nis­se jedoch spä­ter »begna­digt«.

 

Cornell-Aufruhr Mai 1958

Cor­nell-Auf­ruhr Mai 1958

In einer Geschich­te der Cor­nell Uni­ver­si­ty rekur­rie­ren die Autoren Glenn Alt­schuler und Isaac Kram­nick auf Fari­ñas Roman als his­to­ri­sche Erzäh­lung, die den Nach­ge­bo­re­nen ver­mit­telt, »wie es denn eigent­lich gewe­sen ist«. In die­ser Les­art ist Been Down So Long It Looks Like Up To Me in ers­ter Linie ein Schlüs­sel­ro­man der Mai-Ereig­nis­se von 1958. Aus Fari­ñas fik­tio­na­ler Auf­be­rei­tung der Geschich­te schluss­fol­gern sie, dass der »Wider­stand« gegen die Cor­nell-Auto­kra­ten kei­ne spon­ta­ne Erhe­bung war, son­dern eine von »Cam­pus-Anar­chis­ten« und dem Redak­teur der Dai­ly Sun (Kirk­pa­trick Sale) lang geplan­te Akti­on, an deren Ende ein Malott-Pup­pe in der Nacht auf einem Schei­ter­hau­fen ver­brannt wur­de.10 Offen­bar schlug der »Cam­pus-Anar­chis­mus« am Ende in einen reak­tio­nä­ren Ver­nich­tungs­drang über, der in sei­ner Sym­bo­lik an Prak­ti­ken faschis­ti­scher Geheim­bün­de erin­ner­te.

Weder ist Fari­ñas Roman ein his­to­ri­sches Zeug­nis aus der Früh­zeit einer stu­den­ti­schen Revol­te gegen die Auto­ri­tä­ten einer »Erzie­hungs­dik­ta­tur« noch eine spät­mo­der­ne Varia­ti­on der Édu­ca­ti­on sen­ti­men­ta­le. In Fari­ñas Welt exis­tie­ren kei­ne »leben­dig geschau­ten Zusam­men­hän­ge«11 von Gesell­schaft und Geschich­te als his­to­risch-sozia­le Refle­xi­on. 1966 ver­öf­fent­licht, ist der Roman zwar eine Rück­schau auf das stu­den­ti­sche Milieu der spä­ten 1950er Jah­re, doch es gibt nur weni­ge Ver­wei­se auf die sozia­len oder poli­ti­schen Ver­hält­nis­se jener Zeit. Ihren Wider­hall fin­det sie zuvör­derst in der Musik von Künst­lern wie Hud­die Led­bet­ter (bes­ser bekannt als Lead­bel­ly) bis zu John Col­tra­ne oder in den Blit­zen von Atom­tests in der Wüs­te von Neva­da.

 

Frei­heit und Unver­schämt­heit

 

Fari­ña war – in der Beschrei­bung Ste­ve Nathans-Kel­lys – »ein zer­zaus­ter, erstaun­lich cha­ris­ma­ti­scher, halb kuba­ni­scher, halb iri­scher Beat­nik«12. Ein »Hard­core-Beat­nik« war er jedoch nicht. Obgleich ihm eine Out­law-Legen­de ange­dich­tet wird (Fari­ña habe für Fidel Cas­tro Waf­fen geschmug­gelt und für die IRA mit Spreng­stoff ein bri­ti­sches U-Boot in der iri­schen See ver­senkt13, tauch­te er nach der Cor­nell-Revol­te kei­nes­wegs als Unter­grund-Revo­lu­tio­när in dunk­le Sphä­ren ab. In sei­ner Erschei­nung erin­ner­te er an den Möch­te­gern-Hips­ter, wie ihn Wil­liam Bur­roughs im Prä­lu­di­um zu Naked Lunch beschreibt: »A squa­re wants to come on hip.«14 Der Cor­nell-Dro­pout wur­de nicht zum »umher­schwei­fen­den Rebel­len«, der an den Grund­fes­ten der bür­ger­li­chen Ord­nung rüt­tel­te, son­dern ver­folg­te ziel­stre­big eine Kar­rie­re als Künst­ler im US-ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­be­trieb.

 

Richard Fariña als Student

Richard Fari­ña als Stu­dent

In der Figur des Erzäh­lers Gnos­sos Pap­pado­poulis beschreibt Fari­ña einen bramar­ba­sie­ren­den pseu­do-exis­ten­zia­lis­ti­schen Außen­sei­ter in der geschicht­li­chen Grau­zo­ne zwi­schen »Post-Beat­niks« und »Prä-Hip­pies«. Groß­spu­rig führt Gnos­sos sich selbst ein: »Der jun­ge Gnos­sos Pap­pado­poulis, pel­zi­ger Pu-Bär und Hüter der Flam­me, war zurück von den Asphalt­mee­ren des gro­ßen wüs­ten Lan­des […].«15 Wie ein groß­mäu­li­ger Nach­fah­re Ish­ma­els kehrt er zurück in die ame­ri­ka­ni­sche Ein­öde. »Seht mich an mit mei­nen gro­ßen stamp­fen­den Stie­feln, mei­nem Mund von Lügen, mei­nen Kopf vol­ler Plä­ne.«16 Sowohl sein Kopf als auch sei­ne See­le sind von Göt­tern und Dämo­nen ergrif­fen, und ein Ent­kom­men scheint es nicht zu geben. Als Fluch­ten blei­ben nur die Exkur­sio­nen in die von sex- und dro­gen­in­du­zier­ten Refu­gi­en, die am Ende im vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Kuba enden.

Fari­ñas »Underground«-Roman reflek­tiert auf dop­pel­te Wei­se den Zeit­geist der 1960er Jah­re: Gnos­sos ist der Reprä­sen­tant einer männ­lich domi­nier­ten Revol­te gegen die auto­ri­tä­ren Ver­krus­tun­gen der US-ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft; zugleich aber führt die patri­ar­cha­len Tra­di­ti­on der herr­schen­den Ver­hält­nis­se fort. In sei­ner Per­spek­ti­ve sind Frau­en vor allem ver­füg­ba­re Waren im gesell­schaft­li­chen »Ver­kehr«. Am Ende brüs­tet sich der Rebell damit, der Toch­ter eines füh­ren­den US-ame­ri­ka­ni­schen Poli­ti­kers »wahr­schein­lich einen Bra­ten ins Rohr gescho­ben« zu haben. 17 Für den Blog­ger Don Les­ser ist Gnos­sos’ zur Schau gestell­ter Sexis­mus der­art uner­träg­lich, dass er Fari­ñas Roman zu den drei Büchern rech­ne­te, die er nicht noch ein­mal lesen kön­ne (die bei­den ande­ren sind Jack Kerou­acs On the Road und Ernest Heming­ways The Sun Also Rises).18

Die vor­der­grün­di­ge Rebel­li­on gegen den Auto­ri­ta­ris­mus in der Gesell­schaft fin­det auf Kos­ten ande­rer statt, die sich in den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen nicht wie Gnos­sos auf die Frei­heit für eine »non­kon­for­mis­ti­sche« Exis­tenz zu beru­fen ver­mö­gen, da sie ent­we­der klas­sen-, ras­sen- oder geschlechts­spe­zi­fisch kon­no­tiert ist. »Daß in der repres­si­ven Gesell­schaft Frei­heit und Unver­schämt­heit aufs Glei­che hin­aus­lau­fen«, bemerk­te Theo­dor W. Ador­no in den spä­ten 1940er Jah­ren, »bezeu­gen die sorg­lo­sen Ges­ten der Halb­wüch­si­gen, die ›Was kost’ die Welt‹ fra­gen, solan­ge sie ihre Arbeit noch nicht ver­kau­fen.«19

In den Jah­ren zwi­schen 1961 und 1966, in denen Fari­ñas Roman ent­stand, eska­lier­ten die gesell­schaft­li­chen Kon­flik­te: in den urba­nen Ghet­tos und auf den Kriegs­schau­plät­zen in Süd­ost­asi­en. Lang­sam sicker­te die Bedro­hung der wei­ßen Stu­den­ten durch die Dienst­pflicht in der US-Armee auch in die abge­schie­de­nen Cam­pus-Wel­ten ein. Am Ende ist auch für Gnos­sos der Traum unend­li­cher Frei­heit in Form von hero­in­ge­füll­ten Kas­ta­gnet­ten vor­bei, und die Staats­ge­walt nimmt ihn unter ihre Fit­ti­che: »Rums bums rum­pel­di­bums, immer die Trep­pe run­ter«20

 

Tra­di­ti­on wider Zeit­geist

 

Folk Music at Newport

Folk Music at New­port

In der Ent­ste­hungs­zeit sei­nes Roman ver­folg­te Fari­ña eine Musi­ker­kar­rie­re in der Folk-Musik-Sze­ne, hei­ra­te­te Mar­ga­ri­ta »Mimi« Baez (1945–2001), die jün­ge­re Schwes­ter Joan Baez’, und trat mit ihr 1965 auf dem legen­dä­ren New­port Folk Fes­ti­val auf, auf dem Bob Dyl­an wäh­rend sei­nes »elek­tri­schen« Auf­tritts mit der Paul But­ter­field Blues Band vom Publi­kum aus­ge­buht wur­de. Selbst sein Men­tor Pete See­ger zeig­te sich scho­ckiert: »Es war eine der sel­te­nen Gele­gen­hei­ten, dass Pete ›aus­flipp­te‹«, bemerk­te ein Augen- und Ohren­zeu­ge.21 See­ger galt vie­len in der Folk-Sze­ne als »Tra­di­tio­na­list« und Relikt der 1930er Jah­re, von dem sich vie­le der jün­ge­ren Musi­ker und Musi­ke­rin­nen distan­zier­te. Auch Fari­ña warf der tra­di­tio­nel­len Folk-Musik vor, sie zwän­ge die neue Genera­ti­on in »gewis­se Sym­pa­thi­en« und »nost­al­gi­sche Ver­bin­dun­gen mit der soge­nann­ten tra­di­tio­nel­len Ver­gan­gen­heit«. Was hät­te, frag­te er rhe­to­risch, das in der »roten Deka­de« beschwo­re­ne »ande­re Ame­ri­ka« der ver­arm­ten Land­be­völ­ke­rung, der Hobos und Wan­der­ar­bei­ter, der Gewerk­schaf­ter und Indus­trie­ar­bei­ter mit der Gegen­wart zu tun, wäh­rend von Bat­man und Chuck Ber­ry nie­mals die Rede sei? »Wie lan­ge wür­den Men­schen mit einem zeit­ge­nös­si­schen poe­ti­schen Emp­fin­dungs­ver­mö­gen zufrie­den sein, archai­sches Mate­ri­al zu sin­gen.«22

 

Pack Up Your Sorrows (Vanguard Records)

Pack Up Your Sor­rows (Van­guard Records)

Die Alben von Mimi Baez und Richard Fari­ña waren eher am Zeit­geist gefäl­li­ger Folk-Musik im Sti­le des King­s­ton Tri­os und ande­rer For­ma­tio­nen ori­en­tiert, denn an den dezi­diert poli­ti­schen Folk Songs, für die das Label Van­guard der Brü­der May­nard und Sey­mour Solo­mon emble­ma­tisch stand. Der »Van­guard Sound« umfass­te Blues, Folk und Rock und ver­lieh der »1960s Musi­cal Revo­lu­ti­on« eine Viel­stim­mig­keit der »Klar­heit und Ehr­lich­keit« (wie der Van­guard-Pro­du­zent Samu­el Char­ters schrieb).23 Die­se Poly­pho­nie reich­te von »tra­di­tio­nel­len« Musi­kern wie Pete See­ger, Doc Wat­son, Cis­co Hous­ton und Mike See­ger über Blues-Sän­ger wie Big Mama Thorn­ton, Otis Spann, James Cot­ton, Char­lie Mus­sel­white und Bud­dy Guy bis zu Musi­kern der jün­ge­ren Genera­ti­on wie Joan Baez, Bob Dyl­an, Phil Ochs, Buffy Sain­te-Marie, Tom Paxt­on, Jer­ry Jeff Wal­ker und Kin­ky Fried­man.

Im »Van­guard Sound« waren auch Mimi Baez und Richard Fari­ña ver­tre­ten. Songs wie »Reflec­tions in a Crys­tal Wind« oder »Pack Up Your Sor­rows« trans­por­tier­ten den Zeit­geist der Leich­tig­keit. »Ihre spie­le­ri­schen, zärt­li­chen und poe­ti­schen Songs und Dar­bie­tun­gen waren Weg­be­rei­ter der Hip­pie-Bewe­gung gleich um die Ecke […]«24, wie es in der offi­zi­el­len Van­guard-Geschich­te heißt. Das Duo ori­en­tier­te sich eher an der gefäl­li­gen Art des King­s­ton Tri­os, das zwar die »tra­di­tio­nel­le« Art der Folk Music nicht gänz­lich ver­warf, doch in ers­ter Linie sich auf ein jun­ges Pop-Publi­kum fokus­sier­te. Dabei wur­den »tra­di­tio­nel­le« Inhal­te in neu­er Ver­pa­ckung ver­trie­ben. Auch Mimi und Richard Fari­ña kamen nicht ganz ohne das »archai­sche Mate­ri­al« aus: Songs wie »House Un-Ame­ri­can Blues Activi­ty Dream« oder »Sell-Out Agi­ta­ti­on Waltz« (die Baez und Fari­ña auf dem New­port Folk Fes­ti­val dar­bo­ten) grif­fen auf die »Tal­king Blues«-Technik von Woo­dy Guthrie und Pete See­ger aus den 1930er und 1940er Jah­ren zurück.

 

Mimi Baez und Richard Fariña

Mimi Baez und Richard Fari­ña

In sei­nem State­ment gegen das »archai­sche Mate­ri­al« und für das »zeit­ge­nös­si­sche poe­ti­sche Emp­fin­dungs­ver­mö­gen« arti­ku­lier­te Fari­ña das kul­tu­rel­le Ver­ständ­nis der »Cor­nell-Schu­le« der Post­mo­der­ne, wie sie sein Stu­di­en­kol­le­ge Pyn­chon über die Jahr­zehn­te in der Ver­we­bung von Lite­ra­tur, Mas­sen­kul­tur, Iro­nie und schwar­zem Humor per­fek­tio­nier­te.25 Bezeich­nen­der­wei­se berief sich Fari­ña auf Chuck Ber­ry und Bat­man und spar­te jeg­li­chen Hin­weis auf die poli­ti­schen Ereig­nis­se der Gegen­wart aus, die »Men­schen mit einem zeit­ge­nös­si­schen poe­ti­schen Emp­fin­dungs­ver­mö­gen« hät­ten beein­flus­sen kön­nen. Letzt­lich war Fari­ña nur auf sich kon­zen­triert. Im letz­ten Moment ließ ihn die­ser Nar­ziss­mus aus der Kur­ve sei­nes Lebens tra­gen.

 

Geret­te­te Frag­men­te

 

Nach über fünf­zig Jah­ren fand Fari­ñas Roman den Weg nach Deutsch­land. Wie bei nahe­zu allen Über­set­zun­gen (in die­sem Fall von Dirk van Guns­te­ren) lässt sich das Bon­mot Wal­ter Boeh­lichs wie­der­ho­len: »Über­set­zen ist unmög­lich.«26 In der Über­set­zung wird aus »Gnos­sos’ only ear« »Gnos­sos’ inti­mer Bera­ter«27. »Jede Über­set­zung kann nur Bruck­stü­cke des seman­ti­schen Reich­tums des Ori­gi­nals ret­ten«28, kon­sta­tier­te Boeh­lich. Auch in die­ser Über­set­zung blei­ben nur Frag­men­te von der Über­tra­gung ver­schont. Der Fari­ña-Sound lässt sich am bes­ten im Ori­gi­nal nach­voll­zie­hen. Den­noch ist es ein Ver­dienst des Steidl-Ver­la­ges, die­sen »Kult-Klas­si­ker« (wie er allent­hal­ben klas­si­fi­ziert wird) einem deutsch­spra­chi­gen Publi­kum zugäng­lich gemacht zu haben.

 

 

 

 

Biblio- und Diskografie:

 

Richard Fariña: Been Down So Long (Penguin Classics)

Richard Fari­ña.

Been Down So Long It Looks Like Up to Me.

Ein­füh­rung von Tho­mas Pyn­chon.

New York: Pen­gu­in Books, 1996.

330 Sei­ten, 16 US-Dol­lar.

ISBN: 978–0-14–018930-8.

Richard Farina - Been Down So Long It Seems Up to Me

Richard Fari­ña.

Been Down So Long It Looks Like Up to Me.

Vor­wort von Tho­mas Pyn­chon.

Nach­wort von Moritz Sche­per.

Über­setzt von Dirk van Guns­te­ren.

Göt­tin­gen: Steidl Ver­lag, 2018.

392 Sei­ten, 28 Euro.

ISBN: 978–3-95829–428-8.

Dick Farina _ Eric von Schmidt

Richard Fari­ña und Eric Von Schmidt.

Dick Fari­ña & Eric Von Schmidt.

Folk­lo­re Records, 1963.

Mimi und Richard Farina - The Complete Vanguard Recordings

Mimi und Richard Fari­ña.

The Com­ple­te Van­guard Record­ings.

Van­guard Records, 2001

Liner Notes: Todd Ever­ett.

Vanguard Records 1960s Musical Revolution

John Crosby (Hg.).

Make it Your Sound, Make it Your Sce­ne.

Van­guard Records & the 1960s Musi­cal Revo­lu­ti­on.

Van­guard Records, 2012.

Ein­lei­tung von Samu­el Char­ters.


Bildquellen



Cover Been Down So Long It Looks Like Up To Me (1966) — © Ran­dom House

Cover Been Down So Long It Looks Like Up To Me (1996) — © Pen­gu­in Books

Cover Been Down So Long It Looks Like Up To Me (2018) — © Steidl Ver­lag

Foto Cor­nell-Cam­pus — © Cor­nell Dai­ly Sun

Foto Kirk­pa­trick Sale — © Cor­nell Dai­ly Sun

Foto Cor­nell-Auf­ruhr — © Cor­nell Dai­ly Sun

Foto Richard Fari­ña als Stu­dent — © Cor­nell Dai­ly Sun

Cover Folk Music at New­port — © Van­guard Records/AceRecords

Cover Pack Up Your Sor­rows — © Van­guard Records/AceRecords

Foto Mimi Baez und Richard Fari­ña — © Van­guard Records/Daniel Kra­mer

Cover Dick Fari­ña & Eric Von Schmidt — © Folk­lo­re Records

Cover Mimi and Richard Fari­ña: The Com­ple­te Van­guard Record­ings — © Van­guard Records/AceRecords

Cover Make it Your Sound, Make it Your Sce­ne — © Van­guard Records/AceRecords

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Ernest Heming­way, Schnee auf dem Kili­man­dscha­ro: Sto­rys, übers. Wer­ner Schmitz (Rein­bek: Rowohlt, 2016), S. 220
  2. Der Titel spielt auf den Blues-Song »I Will Turn Your Money Green« von Fur­ry Lewis an. Richard Fari­ña und Eric Von Schmidt rein­ter­pre­tier­ten ihn 1963 als »Stick With Me, Baby« (Dick Fari­ña & Eric Von Schmidt, Folk­lo­re Records, 1963)
  3. Ber­nard Ber­gon­zi, »Anything Goes«, New York Review of Books, 7:5 (6. Okto­ber 1966), https://www.nybooks.com/articles/1966/10/06/anything-goes/
  4. Ste­phen Dona­dio, »Ame­ri­ca, Ame­ri­ca«, Par­ti­san Review, 33:3 (Som­mer 1966):449
  5. Bruce Dan­cis, Resis­ter: A Sto­ry of Pro­test and Pri­son During the Viet­nam War (Itha­ca: Cor­nell Uni­ver­si­ty Press, 2014), S. 38
  6. Tho­mas Pyn­chon, Vor­wort zu: Been Down So Long It Looks Like Up To Me, übers. Dirk van Guns­te­ren (Göt­tin­gen: Steidl, 2018), S. 6. Die Bezie­hung zwi­schen den bei­den Cor­nell-Stu­den­ten war nach­hal­tig: Auf sei­nem Album Cele­bra­ti­ons for a Grey Day (1965) prä­sen­tier­te Fari­ña ein Instru­men­tal mit dem Titel V., ein »Ost-West-Traum­lied in der Under­ground­art für Tom Pyn­chon und Ben­ny Pro­fa­ne«, wie Fari­ña in Noti­zen zu die­sem Album schrieb (Book­let zu: Mimi and Richard Fari­ña: The Com­ple­te Van­guard Record­ings, Van­guard Records, 2001, S. 21). Pyn­chon war Fari­ñas Trau­zeu­ge auf des­sen Hoch­zeit mit Mimi Baez im April 1963 und wid­me­te ihm sein Opus Magnum Gravity’s Rain­bow (1973).
  7. Cf. Todd Git­lin, The Six­ties: Years of Hope, Days of Rage (New York: Ban­tam, 1987), Kapi­tel 16: »Women: Revo­lu­ti­on in the Revo­lu­ti­on«, S. 349–362
  8. Pyn­chon, Vor­wort zu: Been Down So Long It Looks Like Up To Me, S. 6
  9. Kirk­pa­trick Sale, SDS (New York: Ran­dom House, 1973). Sale war das Modell für die bei­den Cha­rak­te­re Young­blood und G. Alon­so Oeuf in Fari­ñas Roman.
  10. Glenn Alt­schuler und Isaac Kram­nick, Cor­nell: A Histo­ry, 1940–2015 (Itha­ca: Cor­nell Uni­ver­si­ty Press, 2014); Aus­zug »Cam­pus Con­fron­ta­ti­on, 1958«, in: Cor­nell Alum­ni Maga­zi­ne (Sep­tem­ber-Okto­ber 2014), http://cornellalumnimagazine.com/campus-confrontation-1958/
  11. Georg Lukács, Der his­to­ri­sche Roman, Wer­ke, Bd. 6 (Neu­wied: Luch­ter­hand, 1965), S. 249
  12. Ste­ve Nathans-Kel­ly, »Where’s the Revo­lu­tio­na­ry Punch? Richard Fariña’s Been Down So Long It Looks Like Up to Me at 50«, Pas­te Maga­zi­ne, 28. April 2016, https://www.pastemagazine.com/articles/2016/04/back-to-athene-richard-farinas-been-down-so-long-i.html
  13. David Haj­du, Posi­tively 4th Street:The Lives and Times of Joan Baez, Bob Dyl­an, Mimi Baez Fari­ña and Richard Fari­ña (New York: Pica­dor, 2001), S. 46
  14. Wil­liam S. Bur­roughs, Naked Lunch: The Res­to­red Text, hg. James Grau­er­holz und Bar­ry Miles (New York: Gro­ve Press, 2001), S. 3
  15. Richard Fari­ña, Been Down So Long It Looks Like Up To Me, S. 23
  16. Fari­ña, Been Down So Long It Looks Like Up To Me, S. 23
  17. Fari­ña, Been Down So Long It Looks Like Up To Me, S.314
  18. Don Les­ser, »Three Books I Can No Lon­ger Reread«, http://www.russelnod.com/2015/04/10/three-books-i-can-no-longer-reread/
  19. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 140
  20. Fari­ña, Been Down So Long It Looks Like Up To Me, S. 375
  21. David King Duna­way, How Can I Keep from Sin­ging?: The Bal­lad of Pete See­ger (New York: Vil­lard, 2008), S. 306–308. Spä­ter behaup­te­te See­ger, sein Zorn habe sich nicht gegen Dyl­an, son­dern die über­steu­er­te Ton­tech­nik gerich­tet.
  22. Fari­ña, zitiert in: Duna­way, How Can I Keep from Sin­ging?, S. 309
  23. Samu­el Char­ters, Ein­lei­tung zu: Make it Your Sound, Make it Your Sce­ne: Van­guard Records & The 1960s Musi­cal Revo­lu­ti­on, Book­let, S. 11 (Van­guard Records/Ace Records, 2012)
  24. Book­let zu: Make it Your Sound, Make it Your Sce­ne: Van­guard Records & The 1960s Musi­cal Revo­lu­ti­on, S. 39
  25. Joan­na Free, Tho­mas Pyn­chon and Ame­ri­can Coun­ter­cul­tu­re (New York: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 2014)
  26. Wal­ter Boeh­lich, Die Ant­wort ist das Unglück der Fra­ge: Aus­ge­wähl­te Schrif­ten, hg. Hel­mut Peitsch und Helen Thein (Frankfurt/Main: S. Fischer, 2011), S. 194
  27. Fari­ña, Been Down So Long It Looks Like Up To Me, S. 80
  28. Boeh­lich, Die Ant­wort ist das Unglück der Fra­ge, S. 194

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Tribune: The Relaunch

Aus Ruinen auferstanden

Die wiederbelebte Zeitschrift »Tribune« möchte den Weg für einen neuen demokratischen Sozialismus weisen

 

Von Jörg Auberg

 

In jedem von uns lau­ert ein Abon­nent.1

Fritz Kort­ner

 

 

Wenn Intel­lek­tu­el­le nichts ande­res tun kön­nen, star­ten sie eine Zeit­schrift«2, schrieb Irving Howe, als er auf die Grün­dung sei­ner Zeit­schrift Dis­sent zurück blick­te. Im Grün­dungs­jahr 1954 – auf dem Höhe­punkt des Kal­ten Krie­ges und des Anti­kom­mu­nis­mus – blieb die Hoff­nung auf einen »demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus« auf eine ver­schwin­den­de Mino­ri­tät beschränkt. Zudem fehl­te dem Pro­jekt »demo­kra­ti­scher Sozia­lis­mus« die radi­ka­le, uto­pi­sche Kom­po­nen­te: Anfangs als »drit­ter Weg« zwi­schen Kapi­ta­lis­mus und Kom­mu­nis­mus sowje­ti­scher Prä­gung kon­zi­piert, ende­ten die meis­ten Akteu­re die­ses Pro­jekts als »kri­ti­sche Unter­stüt­zer« der US-ame­ri­ka­ni­schen Außen­po­li­tik, die blan­ke Macht­in­ter­es­sen ver­folg­te und kaum das Ziel inter­na­tio­na­ler Demo­kra­tie im Auge hat­te. So frag­te der Dis­sent-Autor C. Wright Mills mit Berech­ti­gung, wor­in der Dis­sens von Dis­sent bestehe. Für Mills waren Howe und sei­ne (vor­nehm­lich) männ­li­chen Mit­strei­ter vor allem »NATO-Intel­lek­tu­el­le«, die den Sta­tus quo »kri­tisch« unter­stütz­ten und sich in einer woh­li­gen Apa­thie ein­rich­te­ten anstatt für eine his­to­ri­sche Ver­än­de­rung zu kämp­fen.3

 

Aufbruch und Scheitern

Jules Verne: Die Eissphinx (Illustration von George Roux, 1895)

Jules Ver­ne: Die Eis­sphinx (Illus­tra­ti­on von Geor­ge Roux, 1895)

Als 1989 nach der Implo­si­on der Sowjet­uni­on das »sozia­lis­ti­sche Pro­jekt« in Ver­ruf geriet, rief Robin Black­burn aus den Gene­ral­stä­ben der New Left Review zu einer »voll­kom­me­nen Erneue­rung und Reori­en­tie­rung« der Lin­ken auf, um eine »wahr­haft demo­kra­ti­sche Kul­tur und poli­ti­sche Ord­nung« zu schaf­fen und ein »neu­es und lebens­fä­hi­ges sozia­lis­ti­sches Öko­no­mie­mo­dell« als über­zeu­gen­de Alter­na­ti­ve zum schein­bar tri­um­phie­ren­den Kapi­ta­lis­mus (der nun­mehr als »Neo­li­be­ra­lis­mus« kate­go­ri­siert wird) zu ent­wi­ckeln.4 Bis zum heu­ti­gen Tag konn­te jedoch kei­ne nach­hal­ti­ge lin­ke poli­ti­sche Alter­na­ti­ve zu den aktu­el­len Herr­schafts­ver­hält­nis­sen eta­bliert wer­den.

In die­se Zeit der geschei­ter­ten Auf­brü­che fiel auch der schlei­chen­de Nie­der­gang der nun wie­der­be­leb­ten Zeit­schrift Tri­bu­ne in Groß­bri­tan­ni­en. 1937 von Mit­glie­dern des lin­ken Flü­gels der Labour-Par­tei gegrün­det, soll­te sie ein jour­na­lis­ti­sches Forum für den Kampf gegen den Faschis­mus und die herr­schen­den Appease­ment-Poli­tik Nevil­le Cham­ber­lains sein. Zu ihren pro­mi­nen­tes­ten Mit­ar­bei­tern gehör­te der spä­te­re Labour-Vor­sit­zen­de Micha­el Foot, der von 1948 bis 1952 und von 1955 bis 1960 als Her­aus­ge­ber fun­gier­te, und Geor­ge Orwell, der von 1943 bis 1945 die Lite­ra­tur­re­dak­ti­on lei­te­te und danach bis 1947 als Autor der Zeit­schrift ver­pflich­tet blieb. In den 1950er Jah­ren unter­stütz­te die Tri­bu­ne die Kam­pa­gne zur ato­ma­ren Abrüs­tung und ori­en­tier­te sich im poli­ti­schen Spek­trum an der »sanf­ten Lin­ken«, die im Sin­ne des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­tik­ver­ständ­nis­ses schritt­wei­se Ver­bes­se­run­gen für ihr Kli­en­tel im Rah­men der gege­be­nen Ver­hält­nis­se anstreb­te. In sei­nem für Labour typi­schen eta­tis­ti­schen Staats­ver­ständ­nis bezeich­ne­te der Labour-Poli­ti­ker und Tri­bu­ne-Her­aus­ge­ber Nye Bevan den Staat als »Schwert, auf das Herz des Pri­vat­ei­gen­tums gerich­tet«5 Das Pro­jekt des »demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus« ziel­te — wie Hil­ary Wain­w­right ana­ly­siert – auf die Erobe­rung des Staats­ap­pa­rats aus­schließ­lich durch demo­kra­ti­sche Wah­len. Erst Tony Benn als Reprä­sen­tant des lin­ken Flü­gels der Labour-Par­tei, ver­folg­te eine Dop­pel­stra­te­gie: zugleich im Staat zu sein, als auch gegen ihn zu oppo­nie­ren. Wie die bun­des­deut­schen Grü­nen in den 1980er Jah­ren betrach­te­ten sich Benn und sei­ne Mit­strei­te­rin­nen als par­la­men­ta­ri­scher Arm außer­par­la­men­ta­ri­scher sozia­ler Bewe­gun­gen. Die­ser Dop­pel­stra­te­gie fol­gen auch Jere­my Cor­byn und sei­ne Anhän­ge­rin­nen, als deren Sprach­rohr die wie­der­be­leb­te Tri­bu­ne sich begreift.

 

Ausgeträumt träumen

Themenheft von Jacbin zum 50. Jahrestag des Pariser Mai 1968

The­men­heft von Jaco­bin zum 50. Jah­res­tag des Pari­ser Mai 1968

Zuletzt blie­ben von der Tri­bu­ne nur Rui­nen übrig. Ihre Auf­la­ge sta­gnier­te bei 5000 Exem­pla­ren und gehör­te dem als Ver­ge­wal­ti­ger ver­ur­teil­ten dubio­sen Mil­lio­när Owen Oys­ton, der auch für den FC Black­pool als Weg­wei­ser ins Ver­der­ben agier­te. 2016 wur­de die Zeit­schrift von Bhas­kar Sun­k­a­ra, dem Her­aus­ge­ber des US-ame­ri­ka­ni­schen Maga­zins Jaco­bin, gekauft, der sein US-ame­ri­ka­ni­sches Erfolgs­mo­dell eines wie­der­be­leb­ten Sozia­lis­mus in jour­na­lis­ti­scher Form nach Euro­pa trans­por­tie­ren woll­te.6

 

Die erste Tribune-Ausgabe nach dem Relaunch

Die ers­te Tri­bu­ne-Aus­ga­be nach dem Relaunch

Am Ende des Jah­res 2018 erschien schließ­lich die ers­te Aus­ga­be der exhu­mier­ten Tri­bu­ne unter der Ägi­de von Ron­an Bur­ten­shaw. Auf dem Cover prangt der Slo­gan »Britain’s oldest demo­cra­tic socia­list publi­ca­ti­on«, und die Zeit­schrift prä­sen­tiert sich der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit in einem in Rot gehal­te­nen gra­fi­schen Stil, der eine »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät«7 beschwört, wie der Sozio­lo­ge Oli­ver Nacht­wey die nost­al­gi­sche Sehn­sucht nach den vor­geb­lich bes­se­ren Ver­hält­nis­sen der Ver­gan­gen­heit bezeich­net. In sei­nem Edi­to­ri­al unter­streicht Bur­ten­shaw, dass der Relaunch der Tri­bu­ne »der Lin­ken« hel­fen soll, aus dem Irr­gar­ten der Des­ori­en­tie­rung her­aus zu fin­den und die »his­to­ri­sche Gele­gen­heit für den Sozia­lis­mus« zu ergrei­fen«.8 Eine kri­ti­sche Refle­xi­on der eige­nen Geschich­te und Tra­di­ti­on fin­det nicht statt. Statt­des­sen rei­ten die alten Krie­ger auf dem alten Pferd wei­ter über die Step­pe der alten The­men. Offen­bar reiht sich die Redak­ti­on geschlos­sen hin­ter ihrem »Füh­rer« Cor­byn ein, den Chris McLaugh­lin als Opfer einer »feind­se­li­gen Pres­se­kam­pa­gne« ansieht. Gleich­falls betrach­tet McLaugh­lin die anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­le in der Labour-Par­tei oder ihren Man­gel an poli­ti­scher Klar­heit in der Bre­x­it-Fra­ge als Baga­tel­len, die kei­ner Dis­kus­si­on wür­dig sei­en.9

 

Autoritäre Subtexte

Im Gegen­satz zum behaup­te­ten demo­kra­ti­schen Enga­ge­ment zieht sich durch die Tex­te der Tri­bu­ne ein auto­ri­tä­rer Sub­text. Immer wie­der wird eine über­aus frag­wür­di­ge »Füh­rer-Cha­ris­ma­tik« beschwo­ren, in der Cor­byn als sozia­lis­ti­scher Heils­brin­ger auf­tritt, der in der Geschich­te der bri­ti­schen Außen­po­li­tik erst­mals eine »inter­na­tio­na­lis­ti­sche«, »pazi­fis­ti­sche« und »anti­im­pe­ria­lis­ti­sche« Poli­tik ver­trä­te. Unter­schla­gen wird in die­sen Tex­ten, dass in der Ver­gan­gen­heit Reprä­sen­tan­ten der Tri­bu­ne-Linie ihre eins­ti­gen Prin­zi­pi­en ver­rie­ten, sobald sie in Regie­rungs­ver­ant­wor­tung waren.10

 

Tribune Nr. 2 (Winter 2019)

Tri­bu­ne Nr. 2 (Win­ter 2019)

Zu einer Intro­spek­ti­on schei­nen die Tri­bu­ne-Pro­du­zen­ten kaum in der Lage zu sein. Statt­des­sen west in vie­len Tex­ten der Zeit­schrift ein ver­häng­nis­vol­ler Hang zum auto­ri­tä­ren Nar­ziss­mus vor.  »Die am hef­tigs­ten pro­tes­tie­ren«, schrieb Theo­dor W. Ador­no 1969, »glei­chen den auto­ri­täts­ge­bun­den Cha­rak­te­ren in der Abwehr von Intro­spek­ti­on; wo sie sich mit sich beschäf­ti­gen, geschieht es kri­tik­los, rich­tet sich unge­bro­chen, aggrees­siv nach außen.«11  Sym­pto­ma­tisch hier­für ist der ehe­ma­li­ge Tri­bu­ne-Her­aus­ge­ber Mark Sed­don, der in einem lin­ken Voo­doo-Stil die Wich­tig­keit der Zeit­schrift beschwört, ohne eine inhalt­li­che Nach­hal­tig­keit zu begrün­den. Statt­des­sen wirft er der »libe­ra­len Lin­ken« und ihren Orga­nen Guar­di­an, Obser­ver und New Sta­tes­man vor, nicht mehr für »die Lin­ke« oder ihre sozia­len Bewe­gun­gen zu spre­chen, ohne dass er sei­ne Vor­wür­fe inhalt­lich begrün­det.12 Die­se Linie setzt sich in der zwei­ten Num­mer fort, in der dem links­po­pu­lis­ti­schen Tri­bun Jean-Luc Mélen­chon gehul­digt wird, ohne dass des­sen rück­wärts­ge­wand­te, natio­na­lis­ti­schen Stra­te­gi­en auch nur ansatz­wei­se hin­ter­fragt wer­den.

Poli­tisch ist die Tri­bu­ne in den toten Regio­nen der »Mono­to­nie­for­schung« ste­cken­ge­blie­ben, deren »Muf­fig­keit« Sieg­fried Kra­cau­er bereits 1929 in der Ange­stell­ten­kul­tur kon­sta­tiert hat­te.13 Von Öko­lo­gie und Kli­ma­ver­än­de­rung ist kei­ne Rede. Statt­des­sen behar­ren ihre Autoren auf der »Klas­sen­po­li­tik«, die seit mehr als 80 Jah­ren die Sei­ten der Tri­bu­ne gefüllt habe. Dar­in drückt sich eine intel­lek­tu­el­le Arm­se­lig­keit aus. »Für den Ver­fall der Arbei­ter­be­we­gung spricht der offi­zi­el­le Opti­mis­mus ihrer Anhän­ger«, schrieb Ador­no in den 1940er Jah­ren. »Er scheint mit der eiser­nen Kon­so­li­die­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Welt anzu­wach­sen.«14 Die bes­ten Momen­te hat der poli­ti­sche Teil der Tri­bu­ne in den Inter­views mit David Har­vey, der die mar­xis­ti­schen Theo­ri­en von Gebrauchs- und Mehr­wert an den rea­len Situa­tio­nen des Woh­nungs­baus und des öffent­li­chen Diens­tes misst. Hier­bei über­wäl­tigt die Zeit­schrift die eige­ne Nost­al­gie einer ver­gan­ge­nen Epo­che und beschäf­tigt sich mit den gegen­wär­ti­gen sozia­len Erschei­nungs­for­men.

 

Ansätze einer alternativen kritischen Kultur

 

Owen Hatherly: The Chaplin Machine (2016)

Owen Hather­ly: The Chap­lin Machi­ne (2016)

Im Gegen­satz zu den ande­ren Sek­tio­nen der Zeit­schrift sticht der von Owen Hather­ly ver­ant­wor­te­te Kul­tur­teil durch ein Enga­ge­ment mit »gegen­kul­tu­rel­len« Arten des Den­kens und Han­delns. Hather­ly hat mit sei­nem Buch The Chap­lin Machi­ne selbst die kul­tu­rel­le Pro­duk­ti­on im Aus­tausch zwi­schen Avant­gar­de und kapi­ta­lis­ti­scher Tech­nik unter der Herr­schaft post­for­dis­ti­scher Arbeits­pro­zes­se ana­ly­siert. In sei­nem Kul­tur­teil der Tri­bu­ne will er nicht eine Kopie der Lon­don Review of Books oder des Times Litera­ry Sup­ple­ment von der lin­ken Sei­te schaf­fen. In eher kur­zen Bei­trä­gen über den »Tiers-Mon­dis­me«, Ernst Tol­ler, eine mög­li­che sozia­lis­ti­sche Vari­an­te von »Spo­ti­fy«, die Open Uni­ver­si­ty, das letz­te Film­schaf­fen von Agnes Var­da oder das Ver­hält­nis der Arbei­ter­klas­se zum Lesen zeigt er Mög­lich­kei­ten einer alter­na­ti­ven kri­ti­schen Kul­tur auf, ohne ideo­lo­gi­sche Prä­mis­sen vor­zu­ge­ben.

Wäh­rend die Tri­bu­ne als Pro­jekt der einer »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät« ver­haf­tet bleibt und über die ein­fa­chen Erklä­rungs­mo­del­le eines Geor­ge Orwell nicht hin­aus kommt (für den der Anti­se­mi­tis­mus ledig­lich eine Spiel­art des Natio­na­lis­mus war15, ori­en­tiert sich Hather­ly mit sei­nen Autoren und Autorin­nen an den rea­len Situa­tio­nen des gegen­wär­ti­gen Lebens. Dies lässt für die Zukunfts­fä­hig­keit der Tri­bu­ne hof­fen.

 

Bibliografische Angaben:

Tri­bu­ne.

No. 1 (Novem­ber-Dezem­ber 2018)
Gra­fi­sche Gestal­tung: Chris­toph Klein­stück.
98 Sei­ten, £ 6.95.
ISSN: 0041–2821.

No. 2. (Win­ter 2019)
90 Sei­ten, £ 9.95.
Gra­fi­sche Gestal­tung: Maus Bull­horst.
ISSN: 2624–0912.

Web­adres­se: http://www.tribunemag.co.uk/

Abon­ne­ments:
Print-Aus­ga­be Euro­pa: £ 34.95
Digi­tal-Aus­ga­be: £ 19.95

 

Bildquellen



Illus­tra­ti­on Die Eis­sphinxWiki­me­dia

Cover Jaco­bin — © Jaco­bin

Cover Tri­bu­ne — © Tri­bu­ne

Cover The Chap­lin Machi­ne — © Plu­to Press

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Zitiert in Curt Bois, So schlecht war mir noch nie: Aus mei­nem Tage­buch (König­stein: Athe­nä­um, 2001); Jean-Clau­de Kuner, Curt Bois: Auf unbe­stimm­te Zeit ver(g)reist, Pro­duk­ti­on: SFB/DRS 1990, 79 Minu­ten
  2. Irving Howe, Ein­lei­tung zu: Twen­ty-Five Years of Dis­sent: An Ame­ri­can Tra­di­ti­on, hg. Irving Howe (New York: Methu­en, 1979), S. xv
  3. Irving Howe und C. Wright Mills, »Intel­lec­tu­als and Rus­sia«, Dis­sent, 6:3 (Som­mer 1959):295–301; C. Wright Mills, »The New Left« (1960), in: Power, Poli­tics and Peop­le: The Collec­ted Essays of C. Wright Mills, hg. Irving Lou­is Horo­witz (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1963), S. 249
  4. Robin Black­burn, »Fin de Siè­cle: Socia­lism After the Crash«, New Left Review, Nr. 185 (Janu­ar-Febru­ar 1991):5–66
  5. Nye Bevan, zitiert in: Hil­ary Wain­w­right, »Cri­ti­cal Tra­di­ti­on: Tri­bu­ne Then and Now«, Red Pep­per, 23. Dezem­ber 2018, https://www.redpepper.org.uk/critical-tradition-tribune-then-and-now/
  6. »US jour­na­list to revi­ve Labour left maga­zi­ne Tri­bu­ne«, The Guar­di­an, 31. August 2018, https://www.theguardian.com/politics/2018/aug/31/labour-left-magazine-tribune-to-be-revived-by-29-year-old-reporter; cf. Jaco­bin: Die Antho­lo­gie, hg. Loren Bal­horn und Bhas­kar Sun­k­a­ra, übers. Ste­phan Gebau­er (Ber­lin: Suhr­kamp, 2018)
  7. Oli­ver Nacht­wey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 37
  8. Ron­an Bur­ten­shaw, »The Old and the New«, Tri­bu­ne, Nr. 1 (Novem­ber-Dezem­ber 2018):6
  9. Chris Mclaugh­lin, »As I Plea­se«, Tri­bu­ne, Nr. 1 (Novem­ber-Dezem­ber 2018):22–23
  10. Hil­ary Wain­w­right, »Cri­ti­cal Tra­di­ti­on: Tri­bu­ne Then and Now«. Der Weg von der Sozi­al­de­mo­kra­tie zum Faschis­mus oder zu ande­ren auto­ri­tä­ren For­men der Reprä­sen­ta­ti­on ist nicht ein unty­pi­sches Phä­no­men im 20. Jahr­hun­dert: cf. Robert Michels, Mas­se, Füh­rer, Intel­lek­tu­el­le (Frankfurt/Main: Cam­pus, 1987)
  11. Theo­dor W. Ador­no, »Mar­gi­na­li­en zu Theo­rie und Pra­xis«, in: Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 774
  12. Mark Sed­don, »Wel­co­me Back Tri­bu­ne«, Tri­bu­ne, Nr. 1, S. 96
  13. Sieg­fried Kra­cau­er, Die Ange­stell­ten (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1971), S. 33
  14. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 146
  15. Geor­ge Orwell, »Anti­se­mi­tism in Bri­tain«, in: Geor­ge Orwell, Essays (Lon­don: Pen­gu­in, 2000), S. 287

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