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Michael Sontheimer und Peter Wensierski: Berlin — Stadt der Revolte

Die Revolte als Anekdotenreigen

In »Berlin – Stadt der Revolte« wird die Geschichte der »Revolte« gegen die Autoritäten in Berlin seit 1965 auf eine bloße Aneinanderreihung von Anekdoten reduziert

 

von Jörg Auberg

 

In ihrem Buch Ber­lin – Stadt der Revol­te unter­neh­men die Spie­gel-Jour­na­lis­ten Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski den Ver­such, die »jün­ge­re Geschich­te einer auf­säs­si­gen Metro­po­le« (wie die Ver­lags­wer­bung das The­ma auf dem Cover para­phra­siert) zu erzäh­len. In 56 kur­zen Kapi­teln wer­den Sta­tio­nen von Revol­ten im urba­nen Raum Ber­lins in der Zeit zwi­schen 1965 und den frü­hen 1990er Jah­ren beschrie­ben, wobei die Autoren bei­de Hälf­ten der geteil­ten Stadt – West­ber­lin und Ost­ber­lin – im Auge haben.

 

Michael Sontheimer und Peter Wensierski: Berlin – Stadt der Revolte (Ch. Links Verlag, 2018)

Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski:
Ber­lin – Stadt der Revol­te (Ch. Links Ver­lag, 2018)

»Das Revol­te-Gen ver­band die bei­den Hälf­ten der geteil­ten Stadt«1, heißt es im Vor­wort, das die ahis­to­ri­sche Marsch­rich­tung des Buches vor­gibt. Auch wenn Neo­li­be­ra­lis­mus, Kor­rup­ti­on und Rackets die urba­nen Ter­ri­to­ri­en Ber­lins im letz­ten hal­ben Jahr­hun­dert in Besitz genom­men haben, beschwö­ren Sont­hei­mer und Wen­sier­ski den »Ber­li­ner Geist der Revol­te«2 und frö­nen einem pro­vin­zi­el­len Lokal­pa­trio­tis­mus, der auf der vol­len Distanz des Buches in Ber­lin-Tüme­lei umschlägt.

 

Par­al­lel dazu gesellt sich eine anek­do­ten­haf­te Zurich­tung der Geschich­te. Gegen das Unter­fan­gen, ein »Netz der Erin­ne­rung« auf Basis kon­kre­ter Orte zu knüp­fen und eine »Topo­gra­fie der Revol­te« zu skiz­zie­ren3, ist nichts ein­zu­wen­den. Rea­li­ter ver­lie­ren sich Sont­hei­mer und Wen­sier­ski jedoch in einer Anein­an­der­rei­hung von Ein­zel­hei­ten, wel­che die gän­gi­ge His­to­rio­gra­fie der »Ber­li­ner Lin­ken« von den Haschre­bel­len und der außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on in West­ber­lin in den 1960er Jah­ren über die klan­des­ti­ne Oppo­si­ti­on in »Berlin/DDR« bis zur Alter­na­tiv- und Haus­be­set­zer­be­we­gung in den 1980er Jah­ren in klei­ne Por­tio­nen zer­stü­ckelt. Neue Erkennt­nis­se oder kri­ti­sche Refle­xio­nen ver­mö­gen die bei­den Autoren nicht zu lie­fern. Tat­säch­lich sind die 56 Kapi­tel zu einem Groß­teil eine Zweit­ver­wer­tung von Bei­trä­gen zur Spie­gel Online-Rubrik »Eines Tages«, in der his­to­ri­sche Ereig­nis­se in leicht kon­su­mier­ba­ren Anek­do­ten auf­be­rei­tet wer­den.

So lie­fert das Buch in ers­ter Linie Anschau­ungs­ma­te­ri­al für die Gül­tig­keit von Hans Magnus Enzens­ber­ger Ana­ly­se der »Spra­che des Spie­gel« aus dem Jah­re 1957. Geschich­te wird zur bio­gra­fisch auf­ge­pepp­ten Sto­ry-Samm­lung, in der gesell­schaft­li­che, öko­no­mi­sche oder kul­tu­rel­le Zusam­men­hän­ge kei­ne Rol­le spie­len. Mit ihren »Sto­ries aus Fleisch und Blut«4 (Enzens­ber­ger) prä­sen­tie­ren die Spie­gel-Autoren belie­bi­ge Indi­vi­du­en unter­schied­li­cher »Revol­ten«, die sich am Ende als rest­los Inte­grier­te erwei­sen und zum Gas­sen­hau­er »Schön war die Zeit« para­die­ren.

 

Auf der his­to­ri­schen Ber­li­ner Guck­kas­ten­büh­ne insze­niert sich das Autoren­duo als »all­ge­gen­wär­ti­ger Dämon«5 (Enzens­ber­ger), der dem Publi­kum das Auf­blit­zen der Geschich­te als grif­fi­ge »Sto­ry« im Duk­tus all­wis­sen­der Erzäh­ler ver­hö­kert. Bei jedem Nar­ra­ti­ons­par­ti­kel prä­ten­die­ren sie zu wis­sen, »wie es denn eigent­lich gewe­sen« sei, und repro­du­zie­ren mit ihrer medi­en­in­dus­tri­ell gepräg­ten Anek­do­ten­form auto­ri­tä­re Struk­tu­ren. Stän­dig repe­tie­ren die Autoren die Mär vom »Men­schen in der Revol­te« (Sont­hei­mer erin­nert sich weh­mü­tig an sei­ne »wil­de« Zeit als Gitar­rist in einer Punk-Band auf einer Haus­be­set­zer­büh­ne), doch ver­mö­gen sie den Begriff der Revol­te nie­mals selbst­kri­tisch zu reflek­tie­ren: Wäh­rend sie der »Auf­säs­sig­keit« ein Lob­lied sin­gen, sind ihre Tex­te von der »Lüge der Dar­stel­lung«6 (Theo­dor W. Ador­no) gezeich­net.

 

Szenenfoto aus: ... und wenn wir nicht wollen? Oder: wer saniert hier wen? (Udo Radek und Lothar Woite, 1981)

Sze­nen­fo­to aus: … und wenn wir nicht wol­len? Oder: wer saniert hier wen? (Udo Radek und Lothar Woi­te, 1981)

»Revol­ten enden in Nie­der­la­gen, sonst wären sie Revo­lu­tio­nen«7, zitie­ren die Autoren am Ende ihrer Spie­gel-Antho­lo­gie Johan­nes Agno­li, der sich gegen die­se Ver­ein­nah­mung nicht weh­ren kann. Das Buch Ber­lin – Stadt der Revol­te wirkt wie eine Spie­gel­fech­te­rei in der fal­schen Kulis­sen­welt der Ufa-Fabrik mit den als Clowns auf­tre­ten­den Hoch­stap­lern, die mitt­ler­wei­le zu den Rackets gehö­ren. Dass eine kri­ti­sche His­to­rio­gra­fie auch in Ber­lin mög­lich ist, hat die Ber­li­ner Geschichts­werk­statt mit ihrer kri­ti­schen Auf­ar­bei­tung der Geschich­te des Schö­ne­ber­ger Stadt­teils »Rote Insel« im Jah­re 1987 bewie­sen. Anhand einer kon­kre­ten Topo­gra­fie die­ses Arbei­ter­vier­tels prä­sen­tier­ten die Autorin­nen und Autoren ein­drucks­voll die unter­schied­li­chen Facet­ten des loka­len Wider­stands über die Jahr­zehn­te – von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen preu­ßi­schem Mili­tär und sozia­lis­ti­scher Arbei­ter­be­we­gung oder vom Wider­stand gegen den Natio­na­lis­mus bis zum Auf­be­geh­ren gegen den inner­städ­ti­schen Auto­bahn­bau.8 Die Viel­schich­tig­keit, die in die­sem Band zum Aus­druck kommt, sucht man bei Sont­hei­mer und Wen­sier­ski ver­geb­lich. In Erin­ne­rung bleibt nur die Lee­re einer fal­schen Kon­struk­ti­on.

 

Bibliografische Angaben:

Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski:
Ber­lin – Stadt der Revol­te.
Ber­lin: Ch. Links Ver­lag, 2018.
445 Sei­ten, 25,00 Euro.
ISBN-13: 9783861539889

Bildquellen



Cover Ber­lin — Stadt der Revol­te — Ch. Links Ver­lag

Sze­nen­fo­to … und wenn wir nicht wol­len? Oder: wer saniert hier wen? — Quel­le: Wil­helm Roth: Der Doku­men­tar­film seit 1960 (Mün­chen: Ver­lag C. J. Bucher, 1982)

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 7 (Juli 2018)
© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te (Ber­lin: Ch. Links Ver­lag, 2018), S. 14
  2. Sont­hei­mer und Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te, S. 410
  3. Sont­hei­mer und Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te, S. 16
  4. Hans Magnus Enzens­ber­ger, »Die Spra­che des Spie­gel«, in: Enzens­ber­ger, Ein­zel­hei­ten I: Bewußt­seins-Indus­trie (1962; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 86
  5. Enzens­ber­ger, »Die Spra­che des Spie­gel«, S. 89
  6. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 45
  7. Sont­hei­mer und Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te, S. 407
  8. Ber­li­ner Geschichts­werk­statt, Die Rote Insel: Ber­lin-Schö­ne­berg – Bruch­stü­cke zur Stadt­ge­schich­te (1987/89; rpt. Ber­lin: Ber­li­ner Geschichts­werk­statt, 2008)

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Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger: Das Jahr der Revolte

Doppelte Enttäuschungen

 

Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger beschreiben das Jahr 1968 aus einer Frankfurter Perpektive 

Von Jörg Auberg

 

Die Zeit ist die Kom­pli­zin der Ent­frem­dung und beläßt als Trost nur die Erin­ne­rung an die Illu­si­on der Jugend.1

Erich Köh­ler

 

 Am Ende von Gust­ave Flau­berts Roman L’É­du­ca­ti­on sen­ti­men­ta­le ste­hen die Freun­de Frédé­ric Moreau und Charles Des­lau­ri­ers vor den Trüm­mern ihrer Hoff­nun­gen und müs­sen sich ihr Schei­tern ein­ge­ste­hen. Schließ­lich bleibt nur die Erin­ne­rung an einen miss­glück­ten Bor­dell­be­such: »Das ist doch das Bes­te, was wir erlebt haben!«2 lau­tet das Resü­mee. Die­ses Ende, das auf die Zeit vor dem Beginn der Erzäh­lung ver­weist, wur­de von der zeit­ge­nös­si­schen Kri­tik als »zynisch« emp­fun­den und Aus­druck von Flau­berts »Bour­geoi­s­pho­bie« gedeu­tet. Der Roman sei die künst­le­ri­sche Ant­wort, argu­men­tiert der Lite­ra­tur­his­to­ri­ker Peter Brooks, auf die »ver­lo­re­nen Illu­sio­nen« der Revo­lu­ti­on von 1848 und stel­le die »Moral­ge­schich­te« von Flau­berts Genera­ti­on dar. Für Eric J. Hobs­bawm the­ma­ti­sier­te Flau­bert eine »dop­pel­te Ent­täu­schung«: In der nach­fol­gen­den kapi­ta­lis­ti­schen Restau­ra­ti­on Euro­pas ver­riet die bür­ger­li­che Klas­se nicht nur die Idea­le ihrer Revo­lu­ti­on, son­dern zer­stör­te in der Errich­tung des zwei­ten Kai­ser­reichs alle ein­mal geheg­ten Träu­me.3

Die Kuchen­schlacht ums Café Lau­mer

 

Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger: Das Jahr der Revolte (Schöffling, 2017)

Claus-Jür­gen Göp­fert und Bernd Mes­sin­ger: Das Jahr der Revol­te (Schöff­ling, 2017)

120 Jah­re nach den bür­ger­li­chen Revo­lu­tio­nen in Euro­pa par­odier­ten die Frank­fur­ter Stu­den­ten die Auf­stän­de aus der alten Zeit in neu­en Kos­tü­men. Wie Claus-Jür­gen Göp­fert und Bernd Mes­sin­ger in ihrer Lokal­ge­schich­te Das Jahr der Revol­te: Frank­furt 1968 iro­nisch beschrei­ben, such­ten sich die stu­den­ti­schen Revo­lu­tio­nä­re im Sep­tem­ber 1968 das ehr­wür­di­ge Café Lau­mer in der Bocken­hei­mer Land­stra­ße 67 als Ort der gesell­schaft­li­chen Revol­te aus: Wo Pro­fes­sor Ador­no mor­gens früh­stück­te, soll­te mit dem aus Ber­lin impor­tier­ten Gue­ril­la-Clown Fritz Teu­fel der »Gilb« ver­trie­ben wer­den. Die »Kuchen­schlacht ums Café Lau­mer«, zu der Teu­fel und eini­ge loka­le Mit­strei­ter mit »Moh­ren­köp­fen« und Kuchen­stü­cken ange­tre­ten waren, ende­te jedoch ähn­lich kläg­lich wie der Bor­dell­be­such der bei­den jugend­li­chen Freun­de in Flau­berts Roman: Es war »das schöns­te Getüm­mel im Gan­ge«, und Teu­fel posier­te für die Foto­gra­fen mit einem Tor­ten­stück vor dem Café. Es war eines die­ses »glän­zen­den Erin­ne­rungs­stü­cke«, das der Nach­welt über­ant­wor­tet wur­de.4

In ihrem Buch wer­fen Göp­fert – ein lang­jäh­ri­ger Lokal­re­dak­teur der Frank­fur­ter Rund­schau – und Mes­sin­ger – der über vie­le Jah­re für die hes­si­schen Grü­nen tätig war – einen »Frank­fur­ter« Blick auf die Ereig­nis­se von 1968. Im Vor­der­grund steht dabei ein jour­na­lis­tisch-auf­klä­re­ri­scher Anspruch: Die Autoren möch­ten vor allem den Nach­ge­bo­re­nen einen Hauch von Mythos und Magie ver­mit­teln, den »1968« als Chif­fre einer weit zurück­lie­gen­den Erfah­rung ver­strömt, und die gesell­schafts­kri­ti­sche Revol­te gegen den neu­en rech­ten anti­de­mo­kra­ti­schen Zeit­geist ver­tei­di­gen, wie er von Akteu­ren des Neo­fa­schis­mus und rechts­kon­ser­va­ti­ven Poli­ti­kern mit agi­ta­to­ri­schen Mit­teln von »1968« in Stel­lung gebracht wird. Nicht zufäl­lig bezeich­net der rech­te Publi­zist Ulf Pos­ch­ardt den CSU-Poli­ti­ker Alex­an­der Dob­rindt, der mit­tels des reak­tio­nä­ren Kampf­be­grif­fes »kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« gegen die Libe­ra­li­sie­rung der Gesell­schaft der letz­ten vier­zig Jah­re agi­tiert, im Front­blatt der Sprin­ger-Pres­se Die Welt als den »Fritz Teu­fel unse­rer Zeit«.5

Ein loka­ler Blick auf »1968«

Der gelun­gens­te Teil des Buches ist die gründ­lich recher­chier­te und gut les­ba­re Chro­nik des Jah­res 1968 in Frank­furt, in der die Autoren die stu­den­ti­schen Akteu­re mit kri­ti­scher Empa­thie durch die urba­nen Kulis­sen der hes­si­schen Metro­po­le beglei­ten. Der Reiz des Buches liegt in der Ver­knüp­fung von Stu­den­ten­re­vol­te und Stadt­po­li­tik, der Evo­ka­ti­on der Revol­te in Poli­tik und Kul­tur und den Rück­bli­cken von Zeit­zeu­gen wie Micha Brum­lik, Peter Härt­ling, Har­ry Ober­län­der, Rupert von Plott­nitz, Arno Wid­mann und ande­ren. Zwar scheint immer wie­der eine kon­ven­tio­nel­le His­to­rio­gra­fie von »1968« auf, doch im loka­len Blick auf die Frank­fur­ter Geschich­te rin­gen die Autoren dem The­ma »1968« neue Sei­ten ab, indem sie regio­na­le Spe­zi­fi­ka wie den Club Vol­taire, die Frank­fur­ter Ver­lags­sze­ne jener Zeit oder die sich eta­blie­ren­de Gegen­kul­tur her­vor­he­ben.

Zugleich tritt im Buch ein pene­tran­ter Frank­fur­ter Lokal­pa­trio­tis­mus zuta­ge, der jeg­li­che Kri­tik an den »Frank­fur­ter Ver­hält­nis­sen« abschmet­tert. Stets schon wird Frank­furt als »poli­ti­sches Labor« für die Bun­des­re­pu­blik oder als »Stütz­punkt der US-ame­ri­ka­ni­schen Hip­pie-Bewe­gung«6 ver­klärt. Nega­ti­ve Aspek­te in der poli­ti­schen Ent­wick­lung Frank­furts wer­den von den Autoren kaum the­ma­ti­siert.

 

Hans-Jürgen Krahl

Hans-Jür­gen Krahl

Dies äußert sich vor allem in den Por­träts von Hans-Jür­gen Krahl, Dani­el Cohn-Ben­dit und KD Wolff wie auch in der Beschrei­bung der poli­ti­schen Ent­wick­lung ehe­ma­li­ger »68er« in den Jah­ren nach der Revol­te. Weder kön­nen sich Göp­fert und Mes­sin­ger dazu auf­raf­fen, einen kri­ti­schen Blick auf die Frank­fur­ter Lokal­grö­ßen zu wer­fen, noch hin­ter­fra­gen sie die vor­herr­schen­de Geschichts­schrei­bung der Frank­fur­ter His­to­rio­gra­fen Wolf­gang Kraus­haar und Gerd Koe­nen. In der Por­trä­tie­rung des SDS-Lea­ders Hans-Jür­gen Krahl, den die Autoren als »Robes­pierre aus Bocken­heim«7 bezeich­nen, las­sen sie des­sen Ver­gan­gen­heit aus dem rech­ten länd­li­chen Milieu in der nie­der­säch­si­schen Step­pe außen vor und brin­gen auch des­sen Fremd­heit in Frank­furt – abge­se­hen von sei­nem eher unty­pi­schen Musik­ge­schmack und sei­ner rea­len oder gemut­maß­ten Homo­se­xua­li­tät – kaum zur Spra­che. Statt­des­sen rekur­rie­ren sie auf die gän­gi­ge His­to­rio­gra­fie des ehe­ma­li­gen lang­jäh­ri­gen KBW-Mit­glieds Gerd Koe­nen (den der lin­ke Publi­zist Her­mann L. Grem­li­za als »Ple­ch­a­now von Bocken­heim«8 ver­höhn­te) und adeln ihn als Erklä­rer der »lin­ken Frank­fur­ter Geschich­te«.

Die Legen­de der Frank­fur­ter Boy Gang

Auch in den Por­träts Dani­el Cohn-Ben­dits und KD Wolffs bleibt Kri­tik eine im Hin­ter­grund ver­schwim­men­de Mar­gi­na­lie. Aus­ge­rech­net der ehe­ma­li­ge SDS-Vor­sit­zen­de Wolff kann sich als »zor­ni­ger alter Mann« prä­sen­tie­ren, der alles bes­ser weiß, jedoch nichts zu ändern ver­mag. Getilgt sind die Spu­ren von Anti­zio­nis­mus und Anti­ame­ri­ka­nis­mus, die Wolff mit sei­nem »Ver­lag Roter Stern« zu einem explo­si­ven Gemisch für den »spe­zi­el­len Ter­ro­ris­mus made in Frank­furt«9 ver­meng­te, oder sei­ne Pro­pa­gan­da für einen phan­tom­haf­ten Pro­let­kult. In ihrem Buch schrei­ben Göp­fert und Mes­sin­ger die gän­gi­ge Frank­fur­ter Geschich­te der »lin­ken« Boy Gang um Dani­el Cohn-Ben­dit, Josch­ka Fischer und Tom Koenigs und ihren bud­dies im kul­tu­rel­len Milieu wie John­ny Klin­ke und Mat­thi­as Beltz fort, wäh­rend die bad boys wie die ehe­ma­li­gen Roter-Stern-Mit­ar­bei­ter Johan­nes Wein­rich und Win­fried Böse, die nicht den Absprung in die Insti­tu­tio­nen von Poli­tik und Kul­tur schaff­ten und im Ter­ror oder Gefäng­nis ende­ten, außen vor blei­ben.

Erziehung und Klassenkampf (Verlag Roter Stern, 1974)

Erzie­hung und Klas­sen­kampf (Ver­lag Roter Stern, 1974)

KD Wolff tritt in der Rol­le des Geläu­ter­ten auf, der trotz allem sei­ne schein­ba­re Unver­söhn­bar­keit mit den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen zur Schau trägt, »der geach­te­te Frank­fur­ter Bil­dungs­bür­ger, der aller­lei Jugend­sün­den beging, heu­te aber dank Höl­der­lin wie­der in den Schoß der bür­ger­li­chen Fami­lie zurück­ge­kehrt ist«10, wie Gun­nar Hink in sei­ner kri­ti­schen Geschich­te der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Lin­ken der 1970er Jah­re schreibt. Auch der Neu­auf­marsch der Rech­ten bewe­ge ihn nicht, beob­ach­ten Göp­fert und Mes­sin­ger, neue »Kampf­bro­schü­ren« zu machen (eine Neu­auf­la­ge der Tex­te vom Kim Il Sung, die er in den 1970er Jah­ren unter das Volk zu brin­gen such­te, wären ver­mut­lich eher kon­tra­pro­duk­tiv). Statt­des­sen rühmt er sich damit, »gute Bücher« (ein Kri­te­ri­um dafür lie­fert er nicht) zu machen. An der »schöns­ten Höl­der­lin-Aus­ga­be der Welt« (die sein Roter-Stern-Nach­fol­ger Stro­em­feld her­aus­gibt) schließ­lich sol­len sich »die Leu­te« berau­schen.

Dumm­heit des Gescheitseins

Bereits der von den SDS-Pra­xis­fe­ti­schis­ten geschol­te­ne Theo­dor W. Ador­no hat­te kurz vor sei­nem Tod im August 1969 fest­ge­stellt, dass »in den Anti-Auto­ri­tä­ren Auto­ri­tät fort­west« und die »Unter­drü­ckungs­ten­denz« sich gegen »Gedan­ken als sol­chen« rich­te.11 Die »Anti-Auto­ri­tä­ren« von einst haben die klei­nen Buch­lä­den ver­las­sen und sit­zen heu­te in den Auf­sichts­rä­ten von Indus­trie­un­ter­neh­men. Am Ende tri­um­phiert die »Dumm­heit des Gescheitseins« (wie es in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung heißt); im Tausch bekommt jeder das Sei­ne, wobei am Ende das sozia­le Unrecht per­p­etu­iert wird. Für Flau­bert war das wirk­li­che Ver­bre­chen der Geschich­te, schreibt Peter Brooks, der »Sieg der Idio­tie über die Intel­li­genz«.12 Den »68ern« ist nicht das Auf­be­geh­ren gegen die ver­krus­te­ten Ver­hält­nis­se in Deutsch­land, son­dern der Rück­sturz in die Stu­pi­di­tät des Alten anzu­krei­den. Daher war­tet der auf­klä­re­ri­sche und eman­zi­pa­to­ri­sche Ansatz der Revol­te immer noch auf ihre gesell­schaft­li­che Rea­li­sie­rung.

Bibliografische Angaben:

Claus-Jür­gen Göp­fert und Bernd Mes­sin­ger.
Das Jahr der Revol­te: Frank­furt 1968.
Frank­furt: Schöff­ling & Co., 2017.
304 Sei­ten, 42 Abbil­dun­gen, 22,70 EUR.
ISBN: 978–3‑89561–665‑5.

 

Bildquellen



Cover Das Jahr der Revol­te — Schöff­ling & Co.

Foto Hans-Jür­gen Krahl — Biblio­the­ca Augusta­na

Cover Erzie­hung und Klas­sen­kampf (Ver­lag Roter Stern, 1974) — Archiv des Autors

© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Erich Köh­ler, »Zum Ver­ständ­nis des Werks«, in: Gust­ave Flau­bert, Lehr­jah­re des Gefühls, übers. Paul Wieg­ler (Frankfurt/Main: Insel, 1977), S. 509
  2. Gust­ave Flau­bert, Die Erzie­hung der Gefüh­le, übers. Cor­ne­lia Has­ting (Frankfurt/Main: Fischer, 2010), S. 513
  3. Peter Brooks, Flau­bert in the Ruins of Paris: The Sto­ry of a Fri­endship, a Novel, and a Ter­ri­ble Year (New York: Basic Books, 2017), S. 14, 42; Eric J. Hobs­bawm, The Age of Capi­tal: 1848–1875 (Lon­don: Aba­cus, 1997), S. 348
  4. Claus-Jür­gen Göp­fert und Bernd Mes­sin­ger, Das Jahr der Revol­te: Frank­furt 1968 (Frankfurt/Main: Schöff­ling, 2017), S. 117–118
  5. Ulf Pos­ch­ardt, »Erst die Kri­tik macht Dob­rindt wirk­lich gut«, Die Welt, 5. Janu­ar 2018, https://www.welt.de/debatte/kommentare/article172208493/Buergerliche-Wende-Erst-die-Kritik-macht-Alexander-Dobrindt-wirklich-gut.html
  6. Göp­fert und Mes­sin­ger, Das Jahr der Revol­te, S. 17
  7. Göp­fert und Mes­sin­ger, Das Jahr der Revol­te, S. 153
  8. Her­mann L. Grem­li­za, »Grem­li­zas Express«, Kon­kret, Nr. 10 (Okto­ber 2003), S. 66
  9. Gun­nar Hinck, Wir waren wie Maschi­nen: Die bun­des­deut­sche Lin­ke der sieb­zi­ger Jah­re (Ber­lin: Rot­buch, 2012), S. 249
  10. Hinck, Wir waren wie Maschi­nen, S. 248
  11. Theo­dor W. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 774, 799
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Max Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 240; Brooks, Flau­bert in the Ruins of Paris, S. 16

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