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Hans Magnus Enzensberger Posts

Michael Sontheimer und Peter Wensierski: Berlin — Stadt der Revolte

Die Revolte als Anekdotenreigen

In »Berlin – Stadt der Revolte« wird die Geschichte der »Revolte« gegen die Autoritäten in Berlin seit 1965 auf eine bloße Aneinanderreihung von Anekdoten reduziert

 

von Jörg Auberg

 

In ihrem Buch Ber­lin – Stadt der Revol­te unter­neh­men die Spie­gel-Jour­na­lis­ten Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski den Ver­such, die »jün­ge­re Geschich­te einer auf­säs­si­gen Metro­po­le« (wie die Ver­lags­wer­bung das The­ma auf dem Cover para­phra­siert) zu erzäh­len. In 56 kur­zen Kapi­teln wer­den Sta­tio­nen von Revol­ten im urba­nen Raum Ber­lins in der Zeit zwi­schen 1965 und den frü­hen 1990er Jah­ren beschrie­ben, wobei die Autoren bei­de Hälf­ten der geteil­ten Stadt – West­ber­lin und Ost­ber­lin – im Auge haben.

 

Michael Sontheimer und Peter Wensierski: Berlin – Stadt der Revolte (Ch. Links Verlag, 2018)

Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski:
Ber­lin – Stadt der Revol­te (Ch. Links Ver­lag, 2018)

»Das Revol­te-Gen ver­band die bei­den Hälf­ten der geteil­ten Stadt«1, heißt es im Vor­wort, das die ahis­to­ri­sche Marsch­rich­tung des Buches vor­gibt. Auch wenn Neo­li­be­ra­lis­mus, Kor­rup­ti­on und Rackets die urba­nen Ter­ri­to­ri­en Ber­lins im letz­ten hal­ben Jahr­hun­dert in Besitz genom­men haben, beschwö­ren Sont­hei­mer und Wen­sier­ski den »Ber­li­ner Geist der Revol­te«2 und frö­nen einem pro­vin­zi­el­len Lokal­pa­trio­tis­mus, der auf der vol­len Distanz des Buches in Ber­lin-Tüme­lei umschlägt.

 

Par­al­lel dazu gesellt sich eine anek­do­ten­haf­te Zurich­tung der Geschich­te. Gegen das Unter­fan­gen, ein »Netz der Erin­ne­rung« auf Basis kon­kre­ter Orte zu knüp­fen und eine »Topo­gra­fie der Revol­te« zu skiz­zie­ren3, ist nichts ein­zu­wen­den. Rea­li­ter ver­lie­ren sich Sont­hei­mer und Wen­sier­ski jedoch in einer Anein­an­der­rei­hung von Ein­zel­hei­ten, wel­che die gän­gi­ge His­to­rio­gra­fie der »Ber­li­ner Lin­ken« von den Haschre­bel­len und der außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on in West­ber­lin in den 1960er Jah­ren über die klan­des­ti­ne Oppo­si­ti­on in »Berlin/DDR« bis zur Alter­na­tiv- und Haus­be­set­zer­be­we­gung in den 1980er Jah­ren in klei­ne Por­tio­nen zer­stü­ckelt. Neue Erkennt­nis­se oder kri­ti­sche Refle­xio­nen ver­mö­gen die bei­den Autoren nicht zu lie­fern. Tat­säch­lich sind die 56 Kapi­tel zu einem Groß­teil eine Zweit­ver­wer­tung von Bei­trä­gen zur Spie­gel Online-Rubrik »Eines Tages«, in der his­to­ri­sche Ereig­nis­se in leicht kon­su­mier­ba­ren Anek­do­ten auf­be­rei­tet wer­den.

So lie­fert das Buch in ers­ter Linie Anschau­ungs­ma­te­ri­al für die Gül­tig­keit von Hans Magnus Enzens­ber­ger Ana­ly­se der »Spra­che des Spie­gel« aus dem Jah­re 1957. Geschich­te wird zur bio­gra­fisch auf­ge­pepp­ten Sto­ry-Samm­lung, in der gesell­schaft­li­che, öko­no­mi­sche oder kul­tu­rel­le Zusam­men­hän­ge kei­ne Rol­le spie­len. Mit ihren »Sto­ries aus Fleisch und Blut«4 (Enzens­ber­ger) prä­sen­tie­ren die Spie­gel-Autoren belie­bi­ge Indi­vi­du­en unter­schied­li­cher »Revol­ten«, die sich am Ende als rest­los Inte­grier­te erwei­sen und zum Gas­sen­hau­er »Schön war die Zeit« para­die­ren.

 

Auf der his­to­ri­schen Ber­li­ner Guck­kas­ten­büh­ne insze­niert sich das Autoren­duo als »all­ge­gen­wär­ti­ger Dämon«5 (Enzens­ber­ger), der dem Publi­kum das Auf­blit­zen der Geschich­te als grif­fi­ge »Sto­ry« im Duk­tus all­wis­sen­der Erzäh­ler ver­hö­kert. Bei jedem Nar­ra­ti­ons­par­ti­kel prä­ten­die­ren sie zu wis­sen, »wie es denn eigent­lich gewe­sen« sei, und repro­du­zie­ren mit ihrer medi­en­in­dus­tri­ell gepräg­ten Anek­do­ten­form auto­ri­tä­re Struk­tu­ren. Stän­dig repe­tie­ren die Autoren die Mär vom »Men­schen in der Revol­te« (Sont­hei­mer erin­nert sich weh­mü­tig an sei­ne »wil­de« Zeit als Gitar­rist in einer Punk-Band auf einer Haus­be­set­zer­büh­ne), doch ver­mö­gen sie den Begriff der Revol­te nie­mals selbst­kri­tisch zu reflek­tie­ren: Wäh­rend sie der »Auf­säs­sig­keit« ein Lob­lied sin­gen, sind ihre Tex­te von der »Lüge der Dar­stel­lung«6 (Theo­dor W. Ador­no) gezeich­net.

 

Szenenfoto aus: ... und wenn wir nicht wollen? Oder: wer saniert hier wen? (Udo Radek und Lothar Woite, 1981)

Sze­nen­fo­to aus: … und wenn wir nicht wol­len? Oder: wer saniert hier wen? (Udo Radek und Lothar Woi­te, 1981)

»Revol­ten enden in Nie­der­la­gen, sonst wären sie Revo­lu­tio­nen«7, zitie­ren die Autoren am Ende ihrer Spie­gel-Antho­lo­gie Johan­nes Agno­li, der sich gegen die­se Ver­ein­nah­mung nicht weh­ren kann. Das Buch Ber­lin – Stadt der Revol­te wirkt wie eine Spie­gel­fech­te­rei in der fal­schen Kulis­sen­welt der Ufa-Fabrik mit den als Clowns auf­tre­ten­den Hoch­stap­lern, die mitt­ler­wei­le zu den Rackets gehö­ren. Dass eine kri­ti­sche His­to­rio­gra­fie auch in Ber­lin mög­lich ist, hat die Ber­li­ner Geschichts­werk­statt mit ihrer kri­ti­schen Auf­ar­bei­tung der Geschich­te des Schö­ne­ber­ger Stadt­teils »Rote Insel« im Jah­re 1987 bewie­sen. Anhand einer kon­kre­ten Topo­gra­fie die­ses Arbei­ter­vier­tels prä­sen­tier­ten die Autorin­nen und Autoren ein­drucks­voll die unter­schied­li­chen Facet­ten des loka­len Wider­stands über die Jahr­zehn­te – von den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen preu­ßi­schem Mili­tär und sozia­lis­ti­scher Arbei­ter­be­we­gung oder vom Wider­stand gegen den Natio­na­lis­mus bis zum Auf­be­geh­ren gegen den inner­städ­ti­schen Auto­bahn­bau.8 Die Viel­schich­tig­keit, die in die­sem Band zum Aus­druck kommt, sucht man bei Sont­hei­mer und Wen­sier­ski ver­geb­lich. In Erin­ne­rung bleibt nur die Lee­re einer fal­schen Kon­struk­ti­on.

 

Bibliografische Angaben:

Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski:
Ber­lin – Stadt der Revol­te.
Ber­lin: Ch. Links Ver­lag, 2018.
445 Sei­ten, 25,00 Euro.
ISBN-13: 9783861539889

Bildquellen



Cover Ber­lin — Stadt der Revol­te — Ch. Links Ver­lag

Sze­nen­fo­to … und wenn wir nicht wol­len? Oder: wer saniert hier wen? — Quel­le: Wil­helm Roth: Der Doku­men­tar­film seit 1960 (Mün­chen: Ver­lag C. J. Bucher, 1982)

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 7 (Juli 2018)
© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Micha­el Sont­hei­mer und Peter Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te (Ber­lin: Ch. Links Ver­lag, 2018), S. 14
  2. Sont­hei­mer und Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te, S. 410
  3. Sont­hei­mer und Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te, S. 16
  4. Hans Magnus Enzens­ber­ger, »Die Spra­che des Spie­gel«, in: Enzens­ber­ger, Ein­zel­hei­ten I: Bewußt­seins-Indus­trie (1962; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 86
  5. Enzens­ber­ger, »Die Spra­che des Spie­gel«, S. 89
  6. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 45
  7. Sont­hei­mer und Wen­sier­ski, Ber­lin – Stadt der Revol­te, S. 407
  8. Ber­li­ner Geschichts­werk­statt, Die Rote Insel: Ber­lin-Schö­ne­berg – Bruch­stü­cke zur Stadt­ge­schich­te (1987/89; rpt. Ber­lin: Ber­li­ner Geschichts­werk­statt, 2008)

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Fausto Buttà: Living Like Nomads

Spuren des italienischen Anarchismus (I):

Der Anarchist als Nomade

Fausto Buttà spürt der Geschichte der italienischen Anarchisten in Mailand nach

 

Von Jörg Auberg

 

Nunzio Pernicone - Italian Anarchism, 1864-1892 (AK Press, 2009)

Nun­zio Per­ni­co­ne — Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (AK Press, 2009)

Die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten waren, schreibt Nun­zio Per­ni­co­ne in sei­ner grund­le­gen­den Geschich­te des ita­lie­ni­schen Anar­chis­mus im spä­ten 19. Jahr­hun­dert, »eine fas­zi­nie­ren­de und wich­ti­ge Grup­pe von Revo­lu­tio­nä­ren«. In den Jahr­zehn­ten zwi­schen dem Risor­gi­men­to und dem Auf­stieg des Faschis­mus reprä­sen­tier­ten sie eine Haupt­kom­po­nen­te der ita­lie­ni­schen Lin­ken. »Der Anar­chis­mus, nicht der Mar­xis­mus, war der ideo­lo­gi­sche Strom, der die ita­lie­ni­sche sozia­lis­ti­sche Bewe­gung in ihren ers­ten fünf­zehn Jah­ren ihrer Ent­wick­lung domi­nier­te und größ­ten­teils bestimm­te«, unter­streicht Per­ni­co­ne.1 Den­noch konn­te der Anar­chis­mus der ita­lie­ni­schen Lin­ken nicht dau­er­haft sei­nen Stem­pel auf­drü­cken. Einen Grund hier­für sieht der kana­di­sche Schrift­stel­ler Geor­ge Wood­cock in der Ten­denz anar­chis­ti­scher Bewe­gun­gen, sich eher auf regio­na­le Gege­ben­hei­ten zu kon­zen­trie­ren, als sich lan­des­weit zu orga­ni­sie­ren und auf natio­na­ler Ebe­ne zu agie­ren.2

 

Mailand als Ort des Übergangs

Die­se regio­na­le Aus­rich­tung ist The­ma des Buches Living Like Nomads, in dem Faus­to But­tà, ein in Mai­land auf­ge­wach­se­ner und an der Uni­ver­si­ty of Wes­tern Aus­tra­lia leh­ren­der His­to­ri­ker, die Geschich­te der Mai­län­der Anar­chis­ten­be­we­gung bis zur faschis­ti­schen Macht­über­nah­me in den 1920er Jah­ren beschreibt. Auf Grund der Indus­tria­li­sie­rung zog die Stadt Migran­ten aus den länd­li­chen Regio­nen Ita­li­ens an und ent­wi­ckel­te sich zu einer frü­hen Hoch­burg der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung. Mai­land war ein Schmelz­tie­gel, schreibt But­tà, eine »dyna­mi­sche Stadt« und ein »Ort des Über­gangs«, der »noma­di­sche Geschöp­fe« aus der anar­chis­ti­schen Bewe­gung anzog, aber auch wie­der abstieß. Anar­chis­ten im 19. und im frü­hen 20. Jahr­hun­dert »leb­ten wie Noma­den«, argu­men­tiert But­tà – in ers­ter Linie auf Grund der staat­li­chen Repres­si­on, doch ent­sprach die­ses Noma­den­da­sein auch ihrer »inne­ren Ten­denz«, umher­zu­zie­hen, zu emi­grie­ren, zurück­zu­keh­ren, unter­zu­tau­chen und erneut auf­zu­bre­chen. Mit ihrer Mobi­li­tät ent­flo­hen sie der Unter­drü­ckung und Inhaf­tie­rung durch die staat­li­chen Auto­ri­tä­ten; zugleich beton­ten sie damit ihre Lust aufs Neue und unter­stri­chen ihre Moder­ni­tät.

 

Fausto Buttà - Living Like Nomads (Cambridge Scholars Publishing, 2015)

Faus­to But­tà — Living Like Nomads (Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing, 2015)

Ein Resul­tat die­ser Mobi­li­tät war ein stän­di­ges Kom­men und Gehen, sodass der anar­chis­ti­schen Bewe­gung Sta­bi­li­tät und Kon­stanz fehl­ten. Zudem zeich­ne­te sie ein über­aus hete­ro­ge­ner, wenn nicht gegen­sätz­li­cher Cha­rak­ter aus: Orga­ni­sa­ti­ons­feind­li­che Indi­vi­dua­lis­ten gehör­ten zu die­sem Zir­kel eben­so wie auf Orga­ni­sa­ti­on drin­gen­de Anar­cho­kom­mu­nis­ten, liber­tä­re Päd­ago­gen, Anti­mi­li­ta­ris­ten und revo­lu­tio­nä­re Anar­cho­syn­di­ka­lis­ten. Die Diver­si­tät der anar­chis­ti­schen Bewe­gung in Mai­land schil­dert But­tà in meh­re­ren Kapi­teln über das Ver­hält­nis der Anar­chis­ten zur liber­tä­ren Päd­ago­gik, zur Arbei­ter­be­we­gung, zum Anti­mi­li­ta­ris­mus und zum anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand. Obgleich sie Alter­na­ti­ven zu den real exis­tie­ren­den, oft dys­funk­tio­na­len For­men der Poli­tik anbo­ten, ver­moch­ten sie es nicht, die his­to­ri­schen Ver­hält­nis­se nach ihren Model­len zu prä­gen.

»In Mai­land waren anar­chis­ti­sche Theo­ri­en und sozia­le anar­chis­ti­sche Prak­ti­ken kom­ple­men­tär«, schreibt But­tà; »sie beein­fluss­ten sich gegen­sei­tig, waren mit­ein­an­der ver­floch­ten und inein­an­der inte­griert.« Dass sich die ver­schie­de­nen Kon­sti­tu­en­ten der »Bewe­gung« sich aber tat­säch­lich in einer radi­ka­len Har­mo­nie, in einem Vor­griff auf eine idea­le Gesell­schaft »mul­t­i­so­zia­ler« und »mul­ti­kul­tu­rel­ler« Pra­xis beweg­ten, erscheint ange­sichts der star­ken Dif­fe­ren­zen in der Geschich­te des Anar­chis­mus frag­wür­dig. Anders als bei­spiels­wei­se Paul Avrich, der die diver­gie­ren­den Facet­ten des Anar­chis­mus im Kon­text des Modern School Move­ment in den USA zwi­schen 1910 und 1960 beschrieb3, erschöpft sich But­tà in Behaup­tun­gen, ohne sie his­to­risch zu bele­gen. »Wie Orpheus muß der His­to­ri­ker in die Unter­welt hin­ab­stei­gen, um die Toten ins Leben zurück­zu­brin­gen«4, schrieb Sieg­fried Kra­cau­er. Die­ser Auf­ga­be des His­to­ri­kers wird But­tà jedoch nicht gerecht, da er mehr als Ideo­lo­ge denn als His­to­ri­ker agiert. Sei­ne Geschich­te prä­sen­tiert er – trotz aller akri­bisch auf­ge­lis­te­ten Quel­len – als Ver­klä­rung der his­to­ri­schen Rea­li­tät, die er mit stark geglät­te­ter Ober­flä­che dar­stellt, ohne die Brü­che im Unter­grund sicht­bar zu machen.

 

Anarchisten als Nomaden

 

Leda Rafanelli

Leda Rafanel­li

But­tàs Ori­gi­na­li­tät liegt in der Her­aus­ar­bei­tung des Noma­den-Motivs, das er von Indi­vi­du­al­an­ar­chis­tin­nen wie Leda Rafanel­li über­nimmt, die Anar­chis­ten als »noma­di­sches Volk« beschrieb: Anar­chis­ten »fol­gen nicht einem bestimm­ten Pfad, son­dern ihrem eige­nen Weg«, schrieb sie, »gemäß ihrer Natur, ihrer Denk­wei­se und gleich­falls ihrem Tem­pe­ra­ment«. Die­se noma­di­sche Lebens­wei­se ist jedoch zwei­schnei­dig, vor allem vor dem Hin­ter­grund des auf­kom­men­den Faschis­mus. In sei­nem prä­fa­schis­ti­schen Best­sel­ler Der Unter­gang des Abend­lan­des (1923) hat­te Oswald Speng­ler den moder­nen Städ­te­be­woh­ner als »zwei­ten Noma­den« beschrie­ben, der in Ato­mi­sie­rung und Regres­si­on zur kon­ti­nu­ier­li­chen Zeit­er­fah­rung nicht mehr fähig sei. In sei­ner Idea­li­sie­rung der anar­chis­ti­schen Bewe­gung nimmt But­tà zu kei­nem Zeit­punkt die urba­nen und kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren oder die »Stra­ßen­eth­no­gra­phie« und ihre »Tro­glo­dy­ten« (wie die Situa­tio­nis­ten den urba­nis­ti­schen Raum beschrie­ben5 wahr; eben­so wenig hat er ein Auge für die his­to­ri­schen Kon­stel­la­tio­nen, in denen sich die Mai­län­der Anar­chis­ten beweg­ten. Der Noma­de ist einer­seits ein Gegen­ent­wurf zur bür­ger­li­chen Exis­tenz der »Sess­haf­tig­keit« und »Boden­haf­tig­keit« (wie sie in der faschis­ti­schen Ideo­lo­gie von »Blut und Boden« im Extre­men zum Aus­druck kam). Ande­rer­seits arti­ku­liert sich in der Figur des Noma­den die Ten­denz zur Sprung­haf­tig­keit, zur Flucht oder zu einem wohl­fei­len Eska­pis­mus. »Ich hin­ter­las­se nichts wei­ter als eine Legen­de …«, heißt es in  Hans Magnus Enzen­ber­gers Gedicht »Der Flie­gen­de Robert«.6

 

Furie des Verschwindens

Irgend­wann ver­flüch­tigt sich in But­tàs Erzäh­lung der Anar­chis­mus als eine »Furie des Ver­schwin­dens«, ohne dass der Autor zu kon­kre­ti­sie­ren ver­mag, an wel­chem Punkt sein Akteur aus wel­chem Grund von der Geschich­te an die Außen­li­nie kata­pul­tiert wur­de. Dem Buch man­gelt es an einer nar­ra­ti­ven Kon­struk­ti­on. In den ers­ten Kapi­teln gelingt es But­tà noch, Theo­ri­en und gesell­schaft­li­che Bedin­gun­gen der anar­chis­ti­schen Bewe­gung in Mai­land zu por­trä­tie­ren. Danach ver­liert sich jedoch die nar­ra­ti­ve Span­nung in immer kür­zer wer­den­den Kapi­teln im Abriss von The­men wie liber­tä­re Päd­ago­gik, Arbei­ter­be­we­gung, Anti­mi­li­ta­ris­mus oder Anti­fa­schis­mus, als wäre eine To-Do-Lis­te rasch abzu­ar­bei­ten.

In der blo­ßen Anein­an­der­rei­hung von Fak­ten ver­mag es But­tà nicht, die von ihm behaup­te­te Rele­vanz des Anar­chis­mus für die Gegen­wart zu unter­stü­zen. Rea­li­ter betreibt er eine Musea­li­sie­rung der anar­chis­ti­schen Geschich­te, die mit ihren Vor­stel­lun­gen von Urba­ni­tät und Dyna­mik im his­to­ri­schen Pro­zess aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein getilgt wur­de. In der Zeit der faschis­ti­schen Herr­schaft wur­den alle Orga­ni­sa­ti­ons­for­men des Anar­chis­mus in Ita­li­en eli­mi­niert. Nach 1945 ver­sprach die Föde­ra­ti­on der ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten »schwe­re Jah­re des Kamp­fes und har­ter Arbeit« mit dem Anspruch der indi­vi­du­el­len Auto­no­mie.7 Die­se »har­te Arbeit« woll­ten jedoch nur weni­ge auf sich neh­men.

Ursa­chen für das Schei­tern des anar­chis­ti­schen Pro­jekts ver­mag But­tà nicht zu lie­fern, da sich sein Buch im blo­ßen Beschrei­ben der Geschich­te erschöpft. »Die Geschich­te ist Gegen­stand einer Kon­struk­ti­on, deren Ort nicht die homo­ge­ne und lee­re Zeit son­dern die von Jetzt­zeit erfüll­te bil­det«8, schrieb Wal­ter Ben­ja­min. Die­se Kon­struk­ti­on ver­mag But­tà mit sei­nem Buch nicht zu leis­ten.

 

 

Bibliografische Angaben:

Faus­to But­tà.
Living Like Nomads: The Mila­ne­se Anar­chist Move­ment Befo­re Fascism.
New­cast­le upon Tyne: Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing, 2015.
299 Sei­ten, £ 47,99.
ISBN: 978–1‑4438–7823‑4.

 

© Jörg Auberg 2017

Bildquellen



Cover Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892AK Press 2009

Cover Living Like Nomads — Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing 2015

Por­trät Leda Rafanel­liAK Press 2014

Nachweise

  1. Nun­zio Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (Oak­land: AK Press, 2009), S. 3
  2. Geor­ge Wood­cock, Anar­chism: A Histo­ry of Liber­ta­ri­an Ide­as and Move­ments (Har­monds­worth: Pen­gu­in, 1986), S. 274
  3. Paul Avrich, The Modern School Move­ment: Anar­chism and Edu­ca­ti­on in the United Sta­tes (1980; rpt. Oak­land: AK Press, 2006)
  4. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 97
  5. McKen­zie Wark, The Beach Bene­ath the Street: The Ever­y­day Life and Glo­rious Times of the Situa­tio­nist Inter­na­tio­nal (Lon­don: Ver­so, 2011), S. 8
  6. Hans Magnus Enzens­ber­ger, »Der Flie­gen­de Robert«, in: Enzens­ber­ger, Gedich­te, 1950–2015 (Ber­lin: Suhr­kamp, 2015), Kind­le-Aus­ga­be
  7. Ita­li­an Anar­chist Fede­ra­ti­on (FAI), »Act for Your­sel­ves« (1945), in: Anar­chism: A Docu­men­ta­ry Histo­ry of Liber­ta­ri­an Ide­as, Volu­me Two: The Emer­gence of the New Anar­chism (1939–1977), hg. Robert Gra­ham (Mont­re­al: Black Rose Books, 2009), S. 26
  8. Wal­ter Ben­ja­min, »Über den Begriff der Geschich­te«, in: Ben­ja­min, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band I:2, hg. Rolf Tie­de­mann und Her­mann Schwep­pen­häu­ser (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1991), S. 701

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