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Oktober 2015 Posts

Aus den Archiven : Das Ethos des Kritikers

AchiveZwei Publikationen erinnern an den Intellektuellen Walter Boehlich

 

von Jörg Auberg

 

 

 

Als Kri­ti­ker, Über­set­zer, Her­aus­ge­ber und Ver­lags­lek­tor übte Wal­ter Boeh­lich (1921–2006) einen prä­gen­den Ein­fluss auf die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung der alten Bun­des­re­pu­blik aus. In Bres­lau gebo­ren und wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft auf­grund sei­ner jüdi­schen Her­kunft dis­kri­mi­niert, wur­de er nach einem Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Roma­nis­tik zunächst Assis­tent des Roma­nis­ten Ernst Robert Cur­ti­us, ent­schied sich aber schließ­lich gegen eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re. Durch eine kri­ti­sche Rezen­si­on der Neu­über­set­zung des Wer­kes von Mar­cel Proust wur­de Peter Suhr­kamp auf ihn auf­merk­sam und hol­te ihn 1957 als Lek­tor in den Ver­lag. 1968 ver­such­ten Boeh­lich und eini­ge Kol­le­gen ein Mit­spra­che­recht der Lek­to­ren im Ver­lag durch­zu­set­zen, schei­ter­ten jedoch mit die­sem Unter­fan­gen. Danach gehör­te Boeh­lich zu den Mit­be­grün­dern des Ver­lags der Auto­ren, arbei­te­te als frei­er Autor für ver­schie­de­ne Pres­se- und Rund­funk­or­ga­ne (unter ande­rem war er von 1979 bis 2001 als monat­li­cher Kolum­nist für das Sati­re­ma­ga­zin Tita­nic tätig), über­setz­te Wer­ke aus meh­re­ren Spra­chen und gab die Rei­he Rowohlt Jahr­hun­dert her­aus. Von einer Aus­nah­me – dem 1973 erschie­ne­nen Thea­ter­stück 1848 — abge­se­hen, blieb Boeh­lich, obgleich er von 1948 bis 2001 kon­ti­nu­ier­lich publi­zier­te, ein »buch­lo­ser« Autor und sträub­te sich dage­gen, sei­ne Tex­te in Buch­form zu ver­öf­fent­li­chen, da sie aus­schließ­lich für den Tag geschrie­ben sei­en. Über die­ses »Ver­bot« setz­ten sich Hel­mut Peitsch und Helen Thein hin­weg und brach­ten zum 90. Geburts­tag Boeh­lichs mit dem Buch Die Ant­wort ist das Unglück der Fra­ge eine the­ma­tisch-chro­no­lo­gisch geord­ne­te, mit aus­führ­li­chen edi­to­ri­schen Anmer­kun­gen ver­se­he­ne Aus­wahl von Kri­ti­ken, Ein­füh­run­gen, Essays, Pole­mi­ken, Kolum­nen und Glos­sen her­aus, die »Boeh­lichs Wir­ken in einer mög­lichst gro­ßen Band­brei­te« (wie die Her­aus­ge­ber in ihrem Nach­wort schrei­ben) abbil­den möch­te.

 


Das Geschäft des Kri­ti­kers ist hart und undank­bar, aber es muß getan wer­den.


 

 

Walter BoehlichVor allem die im Abschnitt »Posi­ti­ons­be­stim­mun­gen des Lite­ra­tur­kri­ti­kers« ver­sam­mel­ten Tex­te aus den Jah­ren zwi­schen 1950 und 1996 sind von unge­bro­che­ner Aktua­li­tät. Für Boeh­lich war Kri­tik kei­ne Stand-by-Akti­vi­tät und erfor­der­te pro­fes­sio­nel­les Enga­ge­ment: »Das Geschäft des Kri­ti­kers ist hart und undank­bar«, schrieb er 1953, »aber es muß getan wer­den.« Zum Ethos eines Kri­ti­kers, der die­sen Namen ver­dien­te, gehör­ten in den Augen Boeh­lichs Schär­fe und Rück­sichts­lo­sig­keit, wenn nötig auch Grob­heit, Lei­den­schaft und Gewis­sen­haf­tig­keit, Sach­ver­stand und Prä­zi­si­on der Spra­che, wäh­rend er per­sön­li­che Eitel­kei­ten und Skru­pel, Kon­for­mi­tät und Kor­rup­ti­on für Tod­sün­den hielt. Der idea­le Kri­ti­ker ver­band (wie er in einer Rezen­si­on eines Buches sei­nes bewun­der­ten Leh­rers Cur­ti­us schrieb) »die Lei­den­schaft des Lieb­ha­bers der Lite­ra­tur«, »das fei­ne Unter­schei­dungs­ver­mö­gen des Lite­ra­tur­kri­ti­kers« und »die Aske­se des Gelehr­ten«. Beson­ders in der Kri­tik über­setz­ter Bücher leg­te er eine hohe Elle als Maß­stab an: Der Kri­ti­ker sol­le kei­ne Bücher rezen­sie­ren, deren Ori­gi­nal er nicht ken­ne, pos­tu­lier­te er 1994, müs­se über den Werk­kon­text eines Autors als auch über den Gesamt­zu­sam­men­hang der jewei­li­gen Lite­ra­tur Bescheid wis­sen. Nie­mand wer­de zum Rezen­sie­ren gezwun­gen, aber wer es tun wol­le, müs­se hohen Ansprü­chen genü­gen.

An der Lite­ra­tur­kri­tik in Deutsch­land bemän­gel­te er die Pro­vin­zia­li­tät und man­geln­de Pro­fes­sio­na­li­tät. In den lite­ra­ri­schen Zeit­schrif­ten füh­re sie ein »Aschen­brö­del­da­sein«, schrieb er 1956, und eini­ge Jah­re spä­ter attes­tier­te er der deut­schen Lite­ra­tur­kri­tik, nichts zu haben, »was sich der fran­zö­si­schen und ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur­kri­tik an die Sei­te stel­le lie­ße«, um 1968 schließ­lich in der legen­dä­ren Kurs­buch-Aus­ga­be den Tod der bür­ger­li­chen Kri­tik zu erklä­ren, womit der »unbe­que­me Chef­lek­tor« (wie ihn das Nach­rich­ten­ma­ga­zin Der Spie­gel bezeich­ne­te) für den »lin­ken« Suhr­kamp-Ver­lag untrag­bar wur­de.

Ein Man­ko des Ban­des liegt dar­in, dass die Ent­wick­lung der Posi­tio­nen Boeh­lichs – von einer am New Cri­ti­cism ori­en­tier­ten werk­im­ma­nen­ten zu einer gesell­schaft­lich aus­ge­rich­te­ten Kri­tik – für den Leser stel­len­wei­se nicht nach­voll­zieh­bar ist, da die Aus­wahl der Tex­te sehr beschränkt ist. In einer Kri­tik der 1955 von Theo­dor W. Ador­no her­aus­ge­ge­be­nen Schrif­ten Wal­ter Ben­ja­mins dis­kri­mi­niert Boeh­lich zwi­schen der »undok­tri­nä­ren« und »dok­tri­nä­ren« Pha­se Ben­ja­mins, um zu schluss­fol­gern: »Weder der dia­lek­ti­sche Mate­ria­lis­mus noch der Sprach­ge­brauch der halb­mar­xis­ti­schen Sozio­lo­gen­schu­le, der Ben­ja­min sich ange­schlos­sen hat, haben sei­nem Stil zu Klar­heit oder Ein­zig­keit ver­hol­fen; sie haben ihn ver­dor­ben.« In den edi­to­ri­schen Anmer­kun­gen wei­sen die Her­aus­ge­ber dar­auf­hin, dass sich Boeh­lichs Posi­ti­on in den spä­te­ren Arti­keln zu Ben­ja­min ver­än­dert habe. Da die­se Arti­kel jedoch nicht auf­ge­nom­me­nen wur­den, lässt sich die­se Ver­än­de­rung anhand des vor­lie­gen­den Ban­des nicht über­prü­fen.

Zum ande­ren kommt die poli­ti­sche Dimen­si­on des öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len Boeh­lich in der alten Bun­des­re­pu­blik etwas kurz. Nicht nur in der kri­ti­schen Dis­kus­si­on der Ger­ma­nis­tik und der Lite­ra­tur­kri­tik the­ma­ti­sier­te Boeh­lich die feh­len­den Brü­che in der deut­schen Geschich­te (so hat­ten in sei­nen Augen die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten nicht nur 1933 bei der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me ver­sagt, son­dern auch nach 1945, als vie­le faschis­ti­sche Kar­rie­ris­ten und Mit­läu­fer ihre Kar­rie­ren in den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten bruch­los fort­set­zen konn­ten). Die­ser Aspekt der Geschich­te tritt auch in Boeh­lichs Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ter­ro­ris­mus der 1970er Jah­re her­vor, als Boeh­lich auf die fata­le Kon­ti­nui­tät in der Bun­des­re­pu­blik hin­wies, die von jenen geprägt sei, »die nicht gegen Hit­ler gekämpft haben«. Die herr­schen­de Majo­ri­tät wol­le, so schluss­fol­ger­te Boeh­lich, das Nach­den­ken über den Ter­ro­ris­mus aus­schlie­ßen, »damit die Kon­ti­nui­tät nicht zum Vor­schein kom­me«. Die­se Kon­ti­nui­tät sah Boeh­lich auch 1989 am Wir­ken, als die Bun­des­re­pu­blik die DDR in einer »feind­li­chen Über­nah­me« liqui­dier­te und eine »Säu­be­rungs­men­ta­li­tät« im west­deut­schen Feuil­le­ton Ein­zug hielt. Wäh­rend die Majo­ri­tät der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len und Feuil­le­to­nis­ten sich im Sie­ges­rausch als joh­len­de Staats­die­ner auf­führ­ten, beharr­te Boeh­lich auf sei­ner anti­na­tio­na­lis­ti­schen Mino­ri­tä­ten­po­si­ti­on und warn­te vor einer »Ent­schul­dung der Deut­schen«. Die poli­ti­schen Tex­te neh­men jedoch nur einen klei­nen Teil des Ban­des aus, der vie­le Bei­trä­ge für »Tita­nic«, »Kon­kret«, »Deut­sche Volks­zei­tung« und ande­re Pres­se­or­ga­ne aus­spart. Auch wenn vie­le die­ser Tex­te einen tages­po­li­ti­schen Hin­ter­grund haben, könn­ten sie doch zu einer kri­ti­schen His­to­rio­gra­fie der alten Bun­des­re­pu­blik bei­tra­gen.

Walter Boehlich - KritikerMitt­ler­wei­le ist Boeh­lich zum Gegen­stand aka­de­mi­scher For­schung gewor­den. Nach sei­nem Tod fand sei­ne etwa 14.800 Bücher umfas­sen­de Biblio­thek eine Heim­statt im Moses Men­dels­sohn Zen­trum für euro­pä­isch-jüdi­sche Stu­di­en in Pots­dam, wo im Dezem­ber 2009 auch eine Wal­ter-Boeh­lich-Kon­fe­renz abge­hal­ten wur­de, deren Bei­trä­ge nun in dem von Hel­mut Peitsch und Helen Thein her­aus­ge­ge­be­nen Band »Wal­ter Boeh­lich – Kri­ti­ker« ver­öf­fent­licht wur­den. Ziel die­ser Zusam­men­kunft von Ver­tre­tern ver­schie­de­ner geis­tes- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Dis­zi­pli­nen war es, schrei­ben die Her­aus­ge­ber im Vor­wort, »das öffent­li­che Han­deln Boeh­lichs in wech­seln­den insti­tu­tio­nel­len Zusam­men­hän­gen« zu unter­su­chen, doch ist das Resul­tat ent­täu­schend, da die ein­zel­nen Bei­trä­ge über Juden­tum und Anti­se­mi­tis­mus, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Kri­tik der Ger­ma­nis­tik, Lite­ra­tur­kri­tik, Ver­lags­lek­to­rat und Autor­schaft (wie die ein­zel­nen Abschnit­te über­schrie­ben sind) der ver­eng­ten Per­spek­ti­ve der jewei­li­gen Fach­rich­tung ver­haf­tet blei­ben. Anstatt den öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len im Kon­text einer zuneh­mend ein­ge­eng­ten, kon­for­mis­ti­schen Öffent­lich­keit in der Bun­des­re­pu­blik zu situ­ie­ren, wird Boeh­lich in Ein­zel­tei­le zer­legt, unter dem aka­de­mi­schen Ver­grö­ße­rungs­glas seziert, his­to­ri­siert und depo­li­ti­siert. Aus dem Mit­tel­maß der Fuß­no­ten­ge­ne­rie­rung ragen ein­zig Chris­toph Kapps bio­gra­fi­sche Skiz­ze über Boeh­lichs frü­he Jah­re und Helen The­ins umfang­rei­che Biblio­gra­fie zu den publi­zis­ti­schen Arbei­ten Boeh­lichs her­aus. Die übri­gen Tex­te sind lei­den­schafts­lo­se, von aka­de­mi­scher Träg­heit gezeich­ne­te Fleiß­ar­bei­ten – oder mit Boeh­lich gespro­chen: »Es gibt zu viel Pro­fes­so­ren­pro­sa – unver­dau­lich. Es gibt zu viel Kri­ti­ker­pein.«

 

Bibliografische Angaben:

Wal­ter Boeh­lich. Die Ant­wort ist das Unglück der Fra­ge. Aus­ge­wähl­te Schrif­ten. Her­aus­ge­ge­ben von Hel­mut Peitsch und Helen Thein. Frankfurt/Main : S. Fischer Ver­lag, 2011. 704 Sei­ten, 26,00 EUR.

Hel­mut Peitsch und Helen Thein (Hg.). Wal­ter Boeh­lich – Kri­ti­ker.  Ber­lin: Aka­de­mie Ver­lag, 2011. 400 Sei­ten, 69,80 EUR.

 

 

Zuerst erschie­nen in:  literaturkritik.de (Febru­ar 2012)

© Jörg Auberg

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Aus den Archiven: Ermittlungen gegen eine Legende

AchiveDavid Oels korrigiert die offizielle Rowohlt-Geschichte

 

 

von Jörg Auberg

 

 

In der Nach­kriegs­kul­tur der Bun­des­re­pu­blik spiel­te der Rowohlt-Ver­lag nicht allein eine prä­gnan­te und bewusst­seins­bil­den­de Rol­le, son­dern es umgab ihn auch ein auf­klä­re­ri­scher, anti­fa­schis­ti­scher Mythos. Nach dem Ende der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft ver­sorg­te er die Lese­wil­li­gen in Tri­zo­ne­si­en mit den Wer­ken der euro­päi­schen und US-ame­ri­ka­ni­schen Moder­ne, ver­leg­te Albert Camus, Jean-Paul Sart­re und Simo­ne de Beau­voir, Ernest Heming­way und John Dos Pas­sos, Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne und Hen­ry Mil­ler, beein­fluss­te poli­ti­sche und lite­ra­ri­sche Dis­kur­se mit Buch­rei­hen wie »das neue Buch«, »ro-ro-ro aktu­ell«, »Rowohlt Jahr­hun­dert« oder der Zeit­schrift Lite­ra­tur­ma­ga­zin und mach­te das deut­sche Publi­kum mit Auto­ren wie Tho­mas Pyn­chon oder Paul Aus­ter bekannt.

Vor allem aber die Rol­le des Ver­lags in der Ver­brei­tung des Taschen­buchs nach dem Zwei­ten Welt­krieg wird in Rück­bli­cken immer wie­der her­vor­ge­ho­ben. »Die Idee, gute Lite­ra­tur zu nied­ri­gen Prei­sen für jeder­mann auf den Markt zu brin­gen, ist eng ver­knüpft mit dem Namen Ernst Rowohlt«, kon­sta­tiert bei­spiels­wei­se Vivi­en­ne Schu­ma­cher in einem mit dem Titel »Ernst Rowohlt – ein Leben für die Lite­ra­tur« über­schrie­be­nen NDR-Bei­trag. »Der von ihm gegrün­de­te Ver­lag ist bis heu­te eine der erfolg­reichs­ten Deutsch­lands.« Auch für Richard Sea­ver, den legen­dä­ren ame­ri­ka­ni­schen Ver­le­ger, Lek­tor und Über­set­zer, der in den 1950er und 1960er Jah­ren die Auto­ren der euro­päi­schen Avant­gar­de wie Samu­el Beckett oder Alex­an­der Troc­chi mit ame­ri­ka­ni­schen Avant­gar­dis­ten wie Wil­liam Bur­roughs bei Ver­la­gen wie Gro­ve oder Arca­de ver­band, besaß Rowohlt (vor allem in Per­son von Hein­rich Maria Ledig-Rowohlt) einen »tadel­lo­sen anti-Nazi-Leu­mund« (wie es in sei­nen post­hum publi­zier­ten Memoi­ren The Ten­der Hour of Twi­light aus dem Jah­re 2012 heißt) und ent­wi­ckel­te eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Taschen­buch­rei­he für den Mas­sen­markt, ähn­lich wie es Bar­ney Ros­set mit Gro­ve Press in den USA getan hat­te.

David Oels - Rowohlts RotationsroutineAn der eige­nen Legen­den­bil­dung strick­te der Rowohlt-Ver­lag selbst eif­rig mit, indem er 2008 zu sei­ner zum hun­dert­jäh­ri­gen Bestehen eine opu­len­te, reich bebil­der­te Chro­nik her­aus­gab, in der er sich als »publi­kums­na­her, welt­of­fe­ner Ver­lag« dar­stell­te und sei­ner gro­ßen Ver­gan­gen­heit rühm­te, ohne die dunk­len Fle­cken sei­ner Geschich­te zu the­ma­ti­sie­ren. Eine Kor­rek­tur zur offi­zi­el­len Ver­lags­ge­schich­te prä­sen­tiert David Oels (der bereits 2008 in einem Spie­gel-Arti­kel die Ver­stri­ckun­gen Ernst Rowohlts in die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da offen­leg­te) in sei­ner nun als Buch erschie­ne­nen Dis­ser­ta­ti­on »Rowohlts Rota­ti­ons­rou­ti­ne«. Dar­in beschreibt Oels die Geschich­te des Rowohlt-Ver­la­ges vom Ende der Wei­ma­rer Repu­blik bis in die Ade­nau­er-Ära. Ent­ge­gen der gän­gi­gen His­to­rio­gra­fie zeich­net Oels die Rowohlt-Ent­wick­lung nicht als eine Geschich­te des Wider­stan­des und des Neu­an­fangs, son­dern als eine des Oppor­tu­nis­mus, der Kol­la­bo­ra­ti­on und der Kon­ti­nui­tät. Bereits in der End­pha­se der Wei­ma­rer Repu­blik ver­leg­te Rowohlt nicht allein Auto­ren wie Heming­way, Robert Musil, Erich Maria Remar­que, Wal­ter Ben­ja­min oder Kurt Tuchol­sky, son­dern publi­zier­te auch natio­na­lis­ti­sche Auto­ren wie Ernst von Salo­mon und Arnolt Bron­nen, den Tuchol­sky in der Welt­büh­ne als ver­klei­de­ten Faschis­ten atta­ckier­te. Nach dem Unter­gang des »Drit­ten Rei­ches ließ Rowohlt den deut­schen Natio­na­lis­mus durch die Publi­ka­ti­on der Memoi­ren des ehe­ma­li­gen Reichs­bank­prä­si­den­ten und NS-Minis­ters Hjal­mar Schacht wei­ter­le­ben. Auch die bei­den Best­sel­ler des Ver­la­ges – Göt­ter, Grä­ber, Gelehr­te des ehe­ma­li­gen Wehr­macht-Pro­pa­gan­dis­ten und Rowohlt-Lek­tors Kurt W. Marek (der unter dem Pseud­onym C. W. Ceram publi­zier­te) und Der Fra­ge­bo­gen von Ernst von Salo­mon (der die Ent­na­zi­fi­zie­rung der Alli­ier­ten kri­ti­sier­te) – beweg­ten sich im natio­na­lis­ti­schen Fahr­was­ser. In die­sem Sin­ne schrieb Rowohlt als Autor der intel­lek­tu­el­len Grün­dungs­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik den ver­häng­nis­vol­len deut­schen Text der Ver­gan­gen­heit in der Gegen­wart fort.

Sei­ne Stär­ken hat das Buch zwei­fels­oh­ne in der Auf­de­ckung der ver­deck­ten Kon­ti­nui­tä­ten des deut­schen Ver­lags­we­sens, wobei vor allem das Kapi­tel über die Ent­wick­lung der Ro-Ro-Ro-Taschen­bü­cher im Kon­text der Mas­sen­buch­pro­duk­ti­on her­aus­ragt. In sei­ner his­to­ri­schen Auf­ar­bei­tung kann Oels schlüs­sig dar­le­gen, dass Rowohlts »Rota­ti­ons­ro­ma­ne« im Zei­tungs­for­mat weni­ger eine revo­lu­tio­nä­re Errun­gen­schaft der Nach­kriegs­zeit waren als eine kon­se­quen­te Fort­set­zung des Front­buch­han­dels aus der Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges. Die offen­kun­di­gen Män­gel des Buches lie­gen aber in der Spe­ku­la­ti­ons­be­reit­schaft und der Per­so­na­li­sie­rung his­to­ri­scher und öko­no­mi­scher Pro­zes­se. Der His­to­ri­ker sieht sich mit dem Dilem­ma kon­fron­tiert, dass ein Groß­teil des Rowohlt-Archivs im Jah­re 1970 durch ein Feu­er zer­stört wur­de und vie­le Details ein­zel­ner Geschich­ten sich nicht fak­tisch bele­gen las­sen. Den­noch ver­sucht Oels, die Bio­gra­fie Ernst Rowohlts lücken­los zu rekon­stru­ie­ren, ohne dass er für eine stim­mi­ge Rekon­struk­ti­on mit ent­spre­chen­den Bele­gen auf­war­ten könn­te. 1938 ver­ließ Rowohlt Deutsch­land, kehr­te jedoch schon 1940 in sein Hei­mat­land zurück, um als Wehr­machts­sol­dat in einer Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie in Grie­chen­land und im Kau­ka­sus am Krieg des »Drit­ten Rei­ches« teil­zu­neh­men. Die Grün­de für die­ses Ver­hal­ten blei­ben im Dun­keln.

Feh­len die Doku­men­te zur Rekon­struk­ti­on des Gesche­hens, sucht der for­sche Ermitt­ler im schnei­di­gen Ton­fall Zuflucht in Mut­ma­ßun­gen, Insi­nua­tio­nen und Gerüch­ten, um sei­nen selbst­ge­stell­ten Auf­trag der Legen­den­zer­trüm­me­rung nicht zu gefähr­den, auch wenn dies nicht mit dem wis­sen­schaft­li­chen Ethos der Wahr­heits­fin­dung zu ver­ein­ba­ren ist. »‘Die Rat­ten betre­ten das sin­ken­de Schiff’, soll Erich Käst­ner bemerkt haben …«, raunt der His­to­ri­ker, der für die­se wie für ande­re Behaup­tun­gen kei­ne fak­ti­schen Bele­ge bei­brin­gen kann. Wie schon im Fall des sen­sa­ti­ons­lüs­ter­nen Spie­gel-Arti­kels wird Geschich­te exzes­siv per­so­na­li­siert: Anstatt die Mecha­nis­men und den Pro­zess­cha­rak­ter der kul­tu­rel­len Mas­sen­pro­duk­ti­on mit ihren Aus­wir­kun­gen auf die Her­stel­lung lite­ra­ri­scher Öffent­lich­keit zu durch­leuch­ten (wie es etwa Ken­neth C. Davis in sei­nem immer noch lesens­wer­ten Buch Two-Bit-Cul­tu­re: The Paper­backing of Ame­ri­ca aus dem Jah­re 1984 ver­such­te), kapri­ziert sich Oels auf die Per­so­nen Rowohlt, Marek und Salo­mon und begräbt die Erfor­schung der öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen der mas­sen­kul­tu­rel­len Pro­duk­ti­on in der Bun­des­re­pu­blik unter einem schep­pern­den teu­to­nisch-aka­de­mi­schen Sound­track, der Ket­ten von Block­zi­ta­ten hin­ter sich her­schleppt, ohne dass er die Zel­len der geschicht­li­chen Rea­li­tät auf­schließt. So not­wen­dig eine Kor­rek­tur der offi­zi­el­len Geschichts­schrei­bung des Rowohlt-Ver­la­ges ist, so miss­ra­ten ist die­ser Ver­such durch sei­ne ermitt­lungs­tech­ni­sche, gera­de­zu her­ri­sche Atti­tü­de, mut­maß­li­che Täter zu über­füh­ren und anzu­pran­gern, anstatt his­to­ri­sche Pro­zes­se zu ergrün­den.

 

Bibliografische Angaben:

David Oels. Rowohlts Rota­ti­ons­rou­ti­ne: Markt­er­fol­ge und Moder­ni­sie­rung eines Buch­ver­lags vom Ende der Wei­ma­rer Repu­blik bis in die Fünf­zi­ger Jah­re.
Essen: Klar­text Ver­lag 2013. 439 Sei­ten, 29,95 EUR.

 

 

Zuerst erschie­nen in:  literaturkritik.de (Janu­ar 2014)

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Aus den Archiven: Der gelbrote Zombie

AchiveNach dem mit dem Grim­me­preis prä­mier­ten Film »Die März-Akte« legen Jörg Schrö­der und Bar­ba­ra Kalen­der eine kom­pri­mier­te Geschich­te des März-Ver­la­ges in Buch­form vor.

 

 

von Jörg Auberg

 

 

Bis zum heu­ti­gen Tag ist der März-Ver­lag ein Uni­kum in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Ver­lags­land­schaft. Schon im Okto­ber 1972 räso­nier­te Die­ter E. Zim­mer in der Zeit dar­über, wie wohl ein Ver­lag beschaf­fen sei, »der aus dem Nichts ent­steht, auf der Stel­le sei­ne Linie fin­det, einen gan­zen Hau­fen inter­es­san­ter Bücher publi­ziert, die oft nir­gend­wo anders unter­zu­brin­gen gewe­sen wären, des­sen unver­wech­sel­ba­re Buch­aus­stat­tun­gen — die knall­gel­ben Umschlä­ge mit den roten und schwar­zen Let­tern — von allen mög­li­chen ande­ren Ver­la­gen sofort scham­los kopiert wer­den, der also irgend­wo einen Nerv der Zeit getrof­fen haben muß.« Wenig spä­ter sah sich der März-Ver­le­ger Jörg Schrö­der jedoch genö­tigt, vor­läu­fig die Segel zu strei­chen und Kon­kurs anzu­mel­den, was die Zeit zur etwas vor­schnel­len Kon­do­lenz ani­mier­te: »Ein etwas leicht­fer­ti­ges, aber ins­ge­samt recht ver­dienst­vol­les Ver­lags­un­ter­neh­men ist damit, nach Schrö­ders Wor­ten, end­gül­tig im Eimer.«

Von Unwi­der­ruf­lich­keit konn­te jedoch kei­ne Rede sein: Von 1975 bis 1980 ver­trieb der Post-1968er Buch­ver­sand Zwei­tau­send­eins exklu­siv die Bücher des März-Ver­la­ges, ehe Schrö­der die Zusam­men­ar­beit auf­grund inhalt­li­cher und öko­no­mi­scher Dif­fe­ren­zen auf­kün­dig­te. Wie ein Zom­bie tauch­te der März-Ver­lag immer wie­der auf – zuletzt in einem Pro­jekt »März Rel­oa­ded« des Wetz­la­rer Ver­la­ges »Büch­se der Pan­do­ra«, wobei März nicht nur von sei­nem Mythos als »Zen­tral­pres­se der Revol­te« (wie ihn das Nach­rich­ten­ma­ga­zin Der Spie­gel 2002 lob­hu­del­te) zehrt, son­dern auch von der allent­hal­ben vor­herr­schen­den Retro­ma­nie, in der die Revol­te in einem grob­kör­ni­gen fre­e­ze frame zu einem stän­di­gen wie­der­keh­ren­den Moment der ver­lo­re­nen Zeit gerinnt.

Im bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Kul­tur­be­trieb ist März – nicht zuletzt auf­grund sei­nes ein­zig­ar­ti­gen typo­gra­fi­schen Signets – zu einer außer­or­dent­li­chen Mar­ke gewor­den, die von einem spe­zi­fi­schen Zeit­geist durch­drun­gen ist und vor allem als Pro­jek­ti­ons­flä­che für gesell­schaft­li­che Erin­ne­run­gen fun­giert. Im kul­tu­rel­len Gedächt­nis steht März für das »Unbe­ha­gen« gegen­über einer insti­tu­tio­na­li­sier­ten und schein­bar obso­le­ten Moder­ne und das post­mo­der­ne »Any­thing goes«.

Eine dezi­dier­te poli­ti­sche oder ästhe­ti­sche Linie gab es in Schrö­ders ver­le­ge­ri­schem Pro­gramm nicht: Im März-Uni­ver­sum fan­den sich Auto­ren der ame­ri­ka­ni­schen Sub­kul­tur wie Ken Kesey, Micha­el McClu­re, Gerard Malan­ga oder Robert Crumb, aber auch Ver­tre­ter der tra­di­tio­nel­len Lite­ra­tur wie Ralph Elli­son oder Upt­on Sin­c­lair; der Anar­chist Augus­tin Sou­chy stand neben dem Par­tei­kom­mu­nis­ten Wil­li Mün­zen­berg; aus­ge­wie­se­ne Lin­ke wie Gün­ther Amendt, Her­mann Peter Piwitt, Hein­rich Han­no­ver und Peter Chot­je­witz wur­den eben­so ver­legt wie Bücher über das Okkul­te. Zudem ver­folg­te Schrö­der ein eigen­wil­li­ges Geschäfts­mo­dell: Über einen deut­schen Able­ger der fran­zö­si­schen Olym­pia Press (die nicht allein Auto­ren wie Wil­liam S. Bur­roughs, Samu­el Beckett oder Vla­di­mir Nabo­kov ver­leg­te, son­dern auch die pro­fit­träch­ti­ge por­no­gra­fi­sche Rei­he der »Green­backs« ver­öf­fent­lich­te) woll­te er die por­no­gra­fi­sche Wel­le der Zeit nut­zen, und mit­tels der Gewin­ne aus der deut­schen Olym­pia Press den März-Ver­lag finan­zie­ren. Die­se »Bin­dung« kos­te­te schließ­lich dem ers­ten März-Ver­lag die Exis­tenz, als sich Schrö­der mit dem Ver­le­ger der Olym­pia Press, Mau­rice Giro­di­as, über­warf und Kon­kurs anmel­den muss­te.

Maerz-VerlagAus die­ser Zeit rührt Schrö­ders Eti­ket­tie­rung als »Por­no-Lin­ker« (wie ihn der Kri­ti­ker Mar­tin Lüd­ke 1977 titu­lier­te), als ruch­ba­re Figur im Kul­tur­be­trieb, als noto­ri­scher Que­ru­lant, der per­ma­nent gegen die Usan­cen des Metiers ver­stieß, um am Ende doch nur zu vom Betrieb zu pro­fi­tie­ren. »Auf dem Jahr­markt der Eitel­kei­ten ist Schrö­der sicher einer der lau­tes­ten Pfau­en«, schrieb Jörg Fau­ser (des­sen Roman Topha­ne von Schrö­der ver­schmäht wur­de) 1982 im Ber­li­ner Stadt­ma­ga­zin tip. »In sei­nen Erzäh­lun­gen kommt er uns zwar sati­risch begabt, aber völ­lig humor­los, unfä­hig zur Selbst­iro­nie, zu den lei­sen Tönen, die viel­leicht genau­er tref­fen, eben total dumpf.« Die­ses Urteil, das ver­mut­lich aus dem Res­sen­ti­ment des Zurück­ge­wie­se­nen gebo­ren wur­de, lässt sich nun mit dem Buch Immer radi­kal, nie­mals kon­se­quent: Der März Ver­lag – erwei­ter­tes Ver­le­ger­tum, post­mo­der­ne Lite­ra­tur und Busi­ness Art revi­die­ren, in dem Schrö­der auf knapp 160 Sei­ten die Geschich­te des März-Ver­la­ges erzählt. Ohne sich selbst als Legen­de der Ver­gan­gen­heit zu insze­nie­ren (als den ihn die Apo­lo­ge­ten der Pop­li­te­ra­tur gern zeich­nen, um ihn für sich zu ver­ein­nah­men), wirft Schrö­der einen kri­ti­schen, zuwei­len durch­aus selbst­iro­ni­schen Blick auf die eige­ne Geschich­te und räumt Feh­ler ein.

Die Genia­li­tät Schrö­ders besteht nicht allein dar­in, dass er den Ver­le­ger als Künst­ler (der auch immer Unter­neh­mer ist) ent­wirft, son­dern dass er sich mit trot­zi­ger Beharr­lich­keit dem Unbill der Zeit (der mal als öko­no­mi­scher Zusam­men­bruch, mal als Herz­in­farkt in Erschei­nung trat) ent­ge­gen­stell­te, neue Ide­en und Prak­ti­ken »gene­rier­te« und der Nie­der­la­ge wider­stand. Zudem ver­fügt Schrö­der über eine ein außer­or­dent­li­ches Talent, sei­ne sub­jek­ti­ve Geschich­te der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Kul­tur aus dem Blick­win­kel eines »Out­laws« zu erzäh­len, der über ein pro­fun­des Wis­sen über die Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Betrie­bes ver­fügt (in dem er agiert und den er zur glei­chen Zeit mit gue­ril­la­haf­ten Prak­ti­ken unter­läuft). Dane­ben besticht die von Schrö­der und sei­ner lang­jäh­ri­gen Lebens- und Arbeits­part­ne­rin erstell­ten »Biblio­gra­fie sämt­li­cher März-Aus­ga­ben nach Aut­op­sie«, in der nicht allein die publi­zier­ten März-Titel mit den abge­bil­de­ten Buch­um­schlä­gen auf­ge­nom­men sind, son­dern auch die Pro­jek­te, die auf­grund der Liqui­da­ti­on des Ver­la­ges nicht mehr rea­li­siert wer­den konn­ten, sowie die seit 1990 erschei­nen­den Bän­de der Rei­he »Schrö­der erzählt«.

Lei­der drängt sich zwi­schen Schrö­ders Erzäh­lung und der März-Biblio­gra­fie ein Text des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Jan-Fre­de­rik Ban­del (der den Ver­lag Phi­lo Fine Arts lei­tet) mit dem Titel »Nach­M­ärz oder Eine klei­ne März-Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik«, der für den Leser nach der Lek­tü­re des Schrö­der-Tex­tes zum Kul­tur­schock wird. Wäh­rend Schrö­der das Metier des Erzäh­lens beherrscht, ist Ban­del nicht mehr als eine ideo­lo­gi­sche Text­ma­schi­ne, die neben der Gene­rie­rung von 364 Fuß­no­ten vor allem von Kli­schees und Klas­si­fi­ka­tio­nen durch­drun­ge­nen, von aka­de­mi­scher Zähig­keit mit ver­schla­ge­ner Pat­zig­keit ver­meng­ten Tex­ten pro­du­zie­ren kann. Ban­del weiß von »gut­lin­ken Agit­prop-Stra­te­gi­en der Zeit« oder von den »zen­tra­len Publi­ka­ti­ons­stra­te­gi­en um 1968« zu berich­ten, was letzt­lich in Behaup­tun­gen wie »Raub­dru­cker lie­fer­ten gan­ze Biblio­the­ken für die Stu­den­ten­bu­den« mün­det. Ban­del ver­fügt nicht über die intel­lek­tu­el­len und sprach­li­chen Mit­tel, um die Geschich­te des März-Ver­la­ges im Kon­text der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen der Bun­des­re­pu­blik in den 1970er und 1980er Jah­ren adäquat zu beschrei­ben. Dies macht das Buch zum Ärger­nis, das Jörg Schrö­der und Bar­ba­ra Kalen­der als auch dem Leser hät­te erspart wer­den sol­len. Auch Ver­le­ger kön­nen Bücher rui­nie­ren.

 

 

Bibliografische Angaben:

Jörg Schrö­der, Bar­ba­ra Kalen­der und Jan-Fre­de­rik Ban­del: Immer radi­kal, nie­mals kon­se­quent. Der März Ver­lag – erwei­ter­tes Ver­le­ger­tum, post­mo­der­ne Lite­ra­tur und Busi­ness Art. Ham­burg: Phi­lo Fine Arts, 2011. 331 Sei­ten, 25 Euro.

 

 

Zuerst erschie­nen in:  satt.org  (Okto­ber 2011)

© Jörg Auberg

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Aus den Archiven: Das verlorene Paradies

AchiveAndré Schif­frin und Klaus Wagen­bach bli­cken in ihren unter­schied­li­chen Lebens- und Arbeits­er­in­ne­run­gen auf das Ver­lags­we­sen in den USA und Deutsch­land zurück und las­sen ihre unab­hän­gi­gen Ver­la­ge als Ver­mächt­nis für die Zukunft zurück.

 

von Jörg Auberg

 

 

Zum Hand­werk gehört das Lamen­to. »Alles in allem sieht man, wenn man es genau nimmt«, schrieb Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne grol­lend in sei­nen Gesprä­chen mit Pro­fes­sor Y, »eine gan­ze Men­ge Schrift­stel­ler in der Gos­se enden, ande­rer­seits fin­det man nur sel­ten einen Ver­le­ger unter einer Brü­cke … ist das nicht zum Pie­pen?« Auf der ande­ren Sei­te beklagt der tra­di­tio­nel­le Ver­le­ger, der im Bücher­ma­chen nicht allein ein pro­fit­träch­ti­ges Geschäft sieht, das Aus­ster­ben sei­ner Spe­zi­es, da das Ver­lags­we­sen mitt­ler­wei­le von kra­ken­glei­chen, glo­bal agie­ren­den Medi­en­kon­glo­me­ra­ten beherrscht wird, wel­che die Bran­che und damit die Öffent­lich­keit nach ihren Leit­li­ni­en des strom­li­ni­en­för­mi­gen Mar­ke­tings und der opti­ma­len Pro­fit­ma­xi­mie­rung for­men. Wäh­rend die Schrift­stel­ler als Text­pro­du­zen­ten sich den neu­en Gege­ben­hei­ten anpass­ten und auch mit­hil­fe scha­kal­haf­ter Lite­ra­tur­agen­tu­ren neue Ein­nah­me­quel­len im E-Book-Markt jen­seits der tra­di­tio­nel­len Ver­triebs­we­ge der Ver­la­ge requi­rie­ren, ver­en­det der klas­si­sche Ver­le­ger in den ste­ri­len Räu­men der Groß­kon­zer­ne. So ist nicht ein­mal der Kada­ver eines alten Ver­le­gers unter der Brü­cke zu fin­den, da er bereits vor­her markt­ge­recht ent­sorgt wur­de.

André Schiffrin -  Politische Lehrjahre eines VerlegersDie­se Ent­wick­lung umriss der ame­ri­ka­ni­sche Ver­le­ger André Schif­frin bereits vor zehn Jah­ren in sei­nem BuchVer­la­ge ohne Ver­le­ger, das er nun in sei­nen Memoi­renParis, New York und zurück als »eine Art beruf­li­che Auto­bio­gra­fie über mei­ne Rol­le als Ver­le­ger« bezeich­net. Sei­ne ver­le­ge­ri­sche Kar­rie­re begann Schif­frin Ende der 1950er Jah­re in dem Taschen­buch­ver­lag New Ame­ri­can Libra­ry, ehe er zum Ver­lag Pan­the­on wech­sel­te, der 1942 von den Emi­gran­ten Kurt und Helen Wolff sowie Schif­frins Vater Jac­ques gegrün­det wor­den war und zu einem renom­mier­ten Qua­li­täts­ver­lag in den USA auf­stieg, ehe er zunächst 1960 an Ran­dom Hou­se und spä­ter an Groß­kon­zer­ne wie S. I. New­hou­se und (als bit­te­re Iro­nie der Geschich­te) 1998 an Ber­tels­mann ver­hö­kert wur­de. Im Jah­re 1990 grün­de­te Schif­frin mit The New Press einen unab­hän­gi­gen, nicht-pro­fit­ori­en­tier­ten Ver­lag, der an die kri­ti­sche Tra­di­ti­on von Pan­the­on anknüpft und Auto­ren wie Noam Chom­sky, Studs Ter­kel, Eric Hobs­bawm, Michel Fou­cault und Pierre Bour­dieu publi­ziert.

Im Gegen­satz zu den Schil­de­run­gen der Prak­ti­ken in der Ver­lags­in­dus­trie neh­men sich Schif­frins Lebens­er­in­ne­run­gen, in denen er per­sön­li­che Betrach­tun­gen gänz­lich aus­spart, etwas tro­cken aus, was nicht zuletzt dar­an liegt, dass der Autor selbst in den Schil­de­run­gen sei­ner Kind­heit und Jugend in den 1930er und 1940er Jah­ren sich nie­mals aus der Per­spek­ti­ve des erfah­re­nen Ver­le­gers zu lösen ver­mag. Im Jah­re 1935 als Sohn Jac­ques Schif­frins, des Begrün­ders der legen­dä­renBiblio­t­hèque de la Pléia­de, und Nef­fe des Film­pro­du­zen­ten Simon Schif­frin (der unter ande­rem den Film­klas­si­ker Hafen im Nebel pro­du­zier­te) gebo­ren, wuchs er in Paris in einem Zen­trum der fran­zö­si­schen kul­tu­rel­len Bour­geoi­sie auf und mach­te früh Bekannt­schaft mit intel­lek­tu­el­len Grö­ßen wie André Gide, ehe sein Vater nach der nazis­ti­schen Beset­zung Frank­reichs wegen sei­ner jüdi­schen Her­kunft auf Druck der neu­en Macht­ha­ber in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt aus dem Ver­lag Gal­li­mard gedrängt wur­de und 1941 in die USA emi­grie­ren muss­te. Immer schon, sug­ge­riert Schif­frin im Rück­blick, war ihm eine Kar­rie­re als Ver­le­ger vor­ge­zeich­net. Schon als Kind agiert er wie ein Cou­sin des klei­nen Lords Faunt­leroy, prä­sen­tiert sich alt­klug und früh­reif in der Welt der Erwach­se­nen, lässt sich als Vier­zehn­jäh­ri­ger bei einem Besuch in Frank­reich als geschäfts­rei­sen­der Emis­sär sei­nes Vaters bei Gas­ton Gal­li­mard instru­men­ta­li­sie­ren, mit dem er »ver­trau­li­che Gesprä­che« über die Rück­kehr Jac­ques Schif­frins (der wenig spä­ter an den Fol­gen einer Lun­gen­krank­heit starb) in das Ver­lags­haus führ­te. Bereits im Jah­re 1948 sei für ihn, schreibt Schif­frin, der Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf ein bestim­men­des The­ma gewe­sen. »Poli­tik wur­de für mich das Mit­tel, ethi­sche For­de­run­gen in unse­rer Gesell­schaft umzu­set­zen«, resü­miert er sei­ne Exis­tenz als Jugend­li­cher, der nichts dabei gefun­den habe, »als Drei­zehn­jäh­ri­ger Wahl­ver­samm­lun­gen und Kund­ge­bun­gen zu besu­chen«.

Die Pro­ble­ma­tik besteht dar­in, dass Schif­frin nie der Erfah­rungs­welt und Sinn­lich­keit des Kin­des Raum gibt, son­dern sei­nem Leben die grei­sen­haf­te Sum­me aus der Exis­tenz eines intel­lek­tu­el­len Chefs auf­schlägt. Eine Ent­wick­lung fin­det kaum statt: Immer schon lugt der abge­klär­te Ver­le­ger hin­ter der Ecke vor, der Puber­tät und per­sön­li­che Irrun­gen und Wir­run­gen dank der groß­zü­gi­gen Aus­spa­rung per­sön­li­cher und damit pri­va­ter Ent­wick­lun­gen über­springt. So gera­ten die Lebens­er­in­ne­run­gen zu einer unauf­rich­ti­gen Zur­schau­stel­lung des vor­geb­lich rich­ti­gen Lebens im Fal­schen. Einer­seits geriert sich Schif­frin als Non­kon­for­mist am Ran­de des Main­streams, der die Pri­vi­le­gi­en der Aus­bil­dung an Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten wie Yale und Cam­bridge genoss, ande­rer­seits aber als anti­kom­mu­nis­ti­scher Sozia­list gänz­lich ins Sys­tem inte­griert war. »Wir waren zwar Non­kon­for­mis­ten, doch kei­nes­wegs Extre­mis­ten«, erklärt er, womit er sich von den radi­ka­len Kri­ti­kern der US-ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft distan­ziert. Er fühl­te sich einer mode­ra­ten, sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Lin­ken ver­pflich­tet, die sich in Orga­ni­sa­tio­nen wie der Stu­dent League of Indus­tri­al Demo­cra­cy (SLID) zu arti­ku­lie­ren ver­such­te, aber bei den Stu­den­ten der spä­ten 1950er Jah­re auf wenig Gehör stieß. Obwohl die SLID die orga­ni­sa­to­ri­sche Speer­spit­ze für die spä­te­renStu­dents for a Demo­cra­tic Socie­ty (SDS) dar­stell­te, für die Tom Hay­den 1962 mit dem Port Huron State­ment das »Mani­fest für eine Gene­ra­ti­on« schrieb, waren SLID-Funk­tio­nä­re wie Schif­frin für jün­ge­re Akti­vis­ten wie Hay­den ledig­lich Über­bleib­sel einer toten Ver­gan­gen­heit einer über­kom­me­nen Lin­ken. In sei­nen Memoi­ren ver­sucht sich Schif­frin jedoch in einer frag­wür­di­gen »Ope­ra­ti­on Rewri­te«, indem er sich und sei­ne SLID-Genos­sen nach dem Mot­to »Wer hat’s erfun­den?« als wah­re SDS-Grün­der dar­zu­stel­len ver­sucht.

»Die Jahr­zehn­te, in denen ich gelebt habe, waren poli­tisch gese­hen kei­ne glück­li­chen«, bilan­ziert Schif­frin. Ähn­li­ches trifft auf die Ent­wick­lung der Ver­lags­si­tua­ti­on nach 1960 zu. Nach sei­nem Ein­stieg beim Taschen­buch­ver­lag New Ame­ri­can Libra­ry wur­de er Lek­tor bei Pan­the­on, des­sen Nie­der­gang er kri­tisch beglei­te­te. Nach­dem er im Jah­re 2002 die Ver­ant­wor­tung für den Ver­lag The New Press in jün­ge­re Hän­de leg­te, pen­delt Schif­frin zwi­schen New York und Paris, den kri­ti­schen Kul­tu­ren der bei­den Kon­ti­nen­te, und agiert wei­ter­hin als Lek­tor für sei­nen Ver­lag. »Man lebt unab­hän­gig weit­aus bes­ser und glück­li­cher, als wenn man sich von den Gro­ßen schlu­cken lässt«, lau­tet sein Resü­mee, wobei er die Ver­gan­gen­heit des Ver­lags­we­sens ange­sichts der Vor­herr­schaft gro­ßer, amor­pher Medi­en­kon­zer­ne wie Ber­tels­mann ver­klärt. Betrach­tet man sich die markt­mä­ßi­ge Zurich­tung von Lite­ra­tur, wie sie bei­spiels­wei­se die New Ame­ri­can Libra­ry mit ihrer Mar­ke Signet betrieb, ist die Schif­frins Trau­er um das vor­geb­li­che Gol­de­ne Zeit­al­ter oder das ver­lo­re­ne Para­dies der seriö­sen Lite­ra­tur fehl am Platz. Nicht von unge­fähr monier­te Theo­dor W. Ador­no nach einem Besuch der Frank­fur­ter Buch­mes­se im Jah­re 1959, dass »die Bücher nicht mehr aus­se­hen wie Bücher«.

Klaus Wagenbach - Die Freiheit des VerlegersIm Gegen­satz zu sei­nem Kol­le­gen ver­knüpft Klaus Wagen­bach in sei­ner Text­samm­lung Die Frei­heit des Ver­le­gers das Per­sön­li­che mit dem Poli­ti­schen, und damit gelingt ihm eine weit­aus auf­rich­ti­ge­re Bestands­auf­nah­me des eige­nen Lebens. 1930 in Ber­lin gebo­ren, ver­brach­te Wagen­bach sei­ne Jugend in den tris­ten hes­si­schen Land­schaf­ten, ehe er nach dem Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik als Lek­tor im Ver­lag S. Fischer arbei­te­te. Nach­dem der Holtz­brinck-Kon­zern das Unter­neh­men sich ein­ver­leibt und den Lek­tor aus faden­schei­ni­gen poli­ti­schen Grün­den ent­las­sen hat­te, grün­de­te Wagen­bach in Ber­lin sei­nen eige­nen Ver­lag, der zunächst als gesamt­deut­sche Unter­neh­mung gedacht war, in Fol­ge der Stu­den­ten­be­we­gung jedoch zu einem zen­tra­len Out­let der radi­ka­len Lin­ken mutier­te. In der auf­ge­heiz­ten Stim­mung West­ber­lins geriet Wagen­bach ins Faden­kreuz der West­ber­li­ner Alli­anz von Jus­tiz und Sprin­ger-Pres­se, die den »Baa­der-Mein­hof-Ver­lag« mit Ankla­gen und Pro­zes­sen über­zog, wäh­rend dem klei­nen Unter­neh­men von lin­ker Sei­te mit der Abspal­tung des soge­nann­ten Rot­buch-Kol­lek­tivs 1973 und den Angrif­fen der RAF-Gefan­ge­nen auf Tex­te des unab­hän­gi­gen kri­ti­schen Intel­lek­tu­el­len Peter Brück­ner (der wegen sei­ner angeb­li­chen RAF-Unter­stüt­zung vom Uni­ver­si­täts­dienst sus­pen­diert wur­de) erheb­lich zuge­setzt wur­de. Noch heu­te wird Wagen­bach (aus­ge­rech­net in der ehe­mals links­li­be­ra­len Frank­fur­ter Rund­schau) der res­sen­ti­ment­ge­la­de­ne Vor­wurf gemacht, er habe mit »teil­wei­se extrem lin­ker Lite­ra­tur« sein »Ver­mö­gen« gemacht, wäh­rend ihm von einem Ver­tre­ter einer bramar­ba­sie­ren­den Salon­lin­ken im ver­blogg­ten Frei­tag vor­ge­hal­ten wird, er habe »seit zir­ka 1990« sei­nen Frie­den mit den »deut­schen Ver­hält­nis­sen« gemacht, ohne mit auf die Rech­nung zu neh­men, dass auch die soge­nann­te Lin­ke Teil die­ser deut­schen Ver­hält­nis­se (und somit des Pro­blems, nicht der Lösung) ist.

Ähn­lich wie Schif­frin gibt Wagen­bach in sei­nen Erin­ne­run­gen den zufrie­de­nen Pen­sio­när, der bei­zei­ten die Geschäf­te jün­ge­ren Kräf­ten über­trug, ehe er mit den Schu­hen vor­an aus dem Büro getra­gen wur­de oder bereits begie­ri­ge Nach­lass­ver­wal­ter das Inven­tar in Beschlag nah­men. Er zeigt sich glück­lich, am Ende des Krie­ges 1945 mit dem Leben davon­ge­kom­men zu sein und etwas geschaf­fen zu haben, das trotz allen Unbills der Zeit eine Zukunft in den Hän­den ande­rer jen­seits der gro­ßen Kon­zer­ne zu haben scheint. Wäh­rend Schif­frin von den gesichts­lo­sen Funk­tio­nä­ren eines amor­phen Kon­zerns heim­ge­sucht wird, kann Wagen­bach den eins­ti­gen Weg­ge­nos­sen den Ver­rat nicht ver­zei­hen. Der Lieb­ha­ber der Kar­ni­ckel (deren Leben er in einem legen­dä­ren Inter­view mit dem Ber­li­ner links­al­ter­na­ti­ven Sen­der Radio 100 in den spä­ten 1980er Jah­ren ein­drück­lich beschrieb) dekla­riert sei­ne miss­lie­bi­gen Ex-Genos­sen als »Mies­ni­ckel« – wie etwa Wolf Bier­mann, der mitt­ler­wei­le auf der rech­ten Sei­te der Mau­er her­aus­ge­kom­men ist oder F. C. Deli­us, der eins­ti­ge Vor­zei­ge-Akti­vist des Rot­buch-Kol­lek­tivs, der vor allem das eige­ne Hab und Gut in Sicher­heit brach­te, ehe Rot­buch hava­rier­te.

Das Pro­blem bei­der Erin­ne­rungs­bü­cher ist, dass eine kri­ti­sche Refle­xi­on der Ver­gan­gen­heit fehlt. Schif­frin schließt jeg­li­che Kri­tik hin­sicht­lich des Pro­gram­mes des Ver­la­ges The New Press aus, als wäre es sakro­sankt. Nicht jedes New-Press-Pro­dukt ist ein Bei­spiel her­aus­ra­gen­der Qua­li­tät, und zuwei­len hat das Ver­lags­pro­gramm einen Cha­rak­ter der Belie­big­keit. Gleich­falls schirmt Wagen­bach jeg­li­che Kri­tik an sei­ner Ver­lags­po­li­tik mit dem Hin­weis auf die vor­geb­li­chen Bedürf­nis­se des Publi­kums ab. Wäh­rend in den 1970er Jah­ren die Leser bereit waren, das har­te Brot der Poli­tik zu zer­mah­len, woll­ten sie im dar­auf fol­gen­den Jahr­zehnt nicht mehr die har­te Kost zu sich neh­men. Die Poli­tik-Rei­he, in der kri­ti­sche Auf­satz­samm­lun­gen von Peter Brück­ner wie Über die Gewalt oder Gewalt und Soli­da­ri­tät erschie­nen, wich einem poli­ti­schen Bric-à-Brac, das von dem Frank­fur­ter öko­li­ber­tä­ren Trend­set­ter und heu­ti­gen Ange­stell­ten des Sprin­ger-Kon­zerns Tho­mas Schmid geführt wur­de. An die Stel­le einer poli­tisch durch­dach­ten und intel­lek­tu­ell stim­mi­gen Argu­men­ta­ti­on trat eine erbärm­li­che Schwur­be­lei, wel­che unter dem Deck­man­tel, die Lin­ke neu zu erfin­den, ledig­lich die Bana­li­tät des Über­lau­fens zur Gegen­sei­te kaschie­ren soll­te. Sym­pto­ma­tisch für die New-Wave-Pro­sa der 1980er Jah­re war die schwüls­ti­ge Ein­lei­tung Schmids zu dem Band Die Früch­te der Revol­te: »Es scheint mir zu früh, um grö­ße­re Klar­heit dar­über gewin­nen zu kön­nen, was um 1968 geschah …« All­zu ein­fach mach­te es sich Wagen­bach, indem er sich auf die Tri­ni­tät von Geschichts­be­wusst­sein, Hedo­nis­mus und Anar­chie berief, wäh­rend er links­au­to­nom dra­pier­te Heiß­luftakro­ba­ten in den Ver­lag hol­te, ohne der his­to­ri­schen Anar­chie (die er so an Ita­li­en schätzt) Sub­stanz zu ver­lei­hen. Wie Schif­frin ver­zich­tet auch Wagen­bach auf ein selbst­kri­ti­sches Resü­mee. Am Ende tri­um­phiert der fröh­li­che Pen­sio­när, der mit Stolz auf sein Lebens­werk blickt und gegen­über der digi­ta­len Gegen­wart skep­tisch ist, ohne sie als grol­len­der alter Mann zu dämo­ni­sie­ren. Tat­säch­lich sind Wagen­bach und Schif­frin Ver­tre­ter einer aus­ster­ben­den Spe­zi­es, die trotz allem ein Ver­mächt­nis für die Zukunft hin­ter­las­sen.

 

Bibliografische Angaben:

André Schif­frin: Paris, New York und zurück. Poli­ti­sche Lehr­jah­re eines Ver­le­gers. Über­setzt von Andrea Maren­zel­ler. Ber­lin: Mat­thes & Seitz, 2010. 256 Sei­ten, € 22,90.

Klaus Wagen­bach: Die Frei­heit des Ver­le­gers. Erin­ne­run­gen, Fest­re­den, Sei­ten­hie­be. Her­aus­ge­ge­ben von Susan­ne Schüss­ler. Ber­lin: Ver­lag Klaus Wagen­bach, 2010. 352 Sei­ten, € 19,90

 

Zuerst erschie­nen in:  satt.org  (August 2010)

© Jörg Auberg

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