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April 2019 Posts

Aus den Archiven: Maike Albath — Rom, Träume

Von Mussolini zu Berlusconi

 

In ihrem Buch Rom, Träume schildert Maike Albath die Entwicklung der italienischen Kultur vom Ende des Faschismus zu einer von Medienkonglomeraten beherrschten Gesellschaft.

von Jörg Auberg

 

Nach dem Unter­gang des Faschis­mus in Ita­li­en wes­te das Unheil fort. Cin­ecittà – 1937 von Beni­to Mus­so­li­ni als fil­mi­sche Pro­pa­gan­da­fa­brik unter dem Slo­gan »Das Kino ist die mäch­tigs­te Waf­fe« gegrün­det – wur­de in den 1950er Jah­ren von den Hol­ly­wood-Stu­di­os genutzt, um den euro­päi­schen Markt gleich­zei­tig preis­güns­tig abzu­schöp­fen und mit höchst­mög­li­cher Pro­fi­tra­te zu belie­fern. Neben »San­da­len­fil­men« wie Quo Vadis und Ben Hur wur­den auch Fil­me gedreht, die Rom als zeit­ge­nös­si­sches Ambi­en­te in US-ame­ri­ka­ni­scher Per­spek­ti­ve ver­wen­de­ten. Sym­pto­ma­tisch für den Zeit­geist der 1950er Jah­re ist Wil­liam Wylers roman­ti­sche Komö­die Roman Holi­day (die in Deutsch­land unter dem Titel Ein Herz und eine Kro­ne ver­trie­ben wur­de): Wäh­rend sich Wyler in sei­nem Nach­kriegs­klas­si­ker The Best Years of Our Lives noch einem kri­ti­schen Rea­lis­mus ver­pflich­tet fühl­te, hul­dig­te er nun dem von dem Mus­so­li­ni-Sym­pa­thi­san­ten Hen­ry Luce im Jah­re 1941 ver­kün­de­ten »Ame­ri­can Cen­tu­ry«: Rom wur­de zum Schau­platz einer inter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Medi­en­ge­sell­schaft, in der Ita­lie­ner nur noch (in Gestalt von Haus­meis­tern und ran­da­lie­ren­den latin lovers) für das Lokal­ko­lo­rit zustän­dig waren.

 

Szenenfoto aus Roman Holiday (William Wyler, 1953)

Sze­nen­fo­to aus Roman Holi­day (Wil­liam Wyler, 1953)

Bezeich­nen­der­wei­se über­ar­bei­te­te der Roman­cier Ennio Flaiano zusam­men mit der Dreh­buch­au­torin Suso Cec­chi d’A­mi­co das für Roman Holi­day von Ben Hecht ver­fass­te Ori­gi­nal­dreh­buch, dem nach Wylers Mei­nung das römi­sche Flair fehl­te. Sie­ben Jah­re spä­ter griff Flaiano das The­ma der Bou­le­vard­me­di­en in schär­fe­rer und kri­ti­scher Form für den epo­cha­len Film La dol­ce vita auf, in dem Feder­i­co Fel­li­ni die römi­sche Medi­en­ge­sell­schaft atta­ckier­te. Die Iro­nie des Films lag frei­lich dar­in, dass das »süße Leben« auf der Via Vene­to in Rom eine Erfin­dung Fel­li­nis war, und auf­grund des phä­no­me­na­len Erfolgs des Films wur­de die Stra­ße in den 1960er Jah­ren zum Ziel des kul­tur­in­dus­tri­el­len Per­so­nals. So tru­gen Fel­li­ni und Faiano zum Fort­be­stand von Zustän­den bei, die sie bloß­stel­len und kri­ti­sie­ren woll­ten.

 

Ennio Flaiano, Federico Fellini und Anita Ekberg auf einem Publicity-Foto für La dolce via

Ennio Flaiano, Feder­i­co Fel­li­ni und Ani­ta Ekberg auf einem Publi­ci­ty-Foto für La dol­ce via

»Der iro­ni­sche Titel La dol­ce vita galt bald inter­na­tio­nal als Chif­fre für das gan­ze Land und steht heu­te für ita­lie­ni­sche Lebens­art und Stil­be­wusst­sein«, schreibt die Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mai­ke Albath in ihrem Buch Rom, Träu­me. »Kri­tik wur­de in Affir­ma­ti­on umge­münzt.« Noch Sil­vio Ber­lus­co­ni recht­fer­tig­te sei­ne Taten am Ran­de der Ille­ga­li­tät mit dem Hin­weis, »er lie­be nun ein­mal la dol­ce vita«. Albath möch­te in ihrem Buch ein »Epo­chen­bild« zeich­nen und schil­dert am Bei­spiel ihrer fünf Prot­ago­nis­ten – Alber­to Mora­via (1907–1990), Elsa Moran­te (1912–1985), Pier Pao­lo Paso­li­ni (1922–1975), Car­lo Emi­lio Gad­da (1893–1973) und Ennio Flaiano (1910–1992) – unter­schied­li­che Facet­ten in der kul­tu­rel­len Ent­wick­lung Ita­li­ens vom Ende der faschis­ti­schen Herr­schaft bis zum pro­lon­gier­ten Nie­der­gang des demo­kra­tisch-par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems in den 1970er Jah­ren. In ihrer mehr­schich­ti­gen Erzäh­lung ver­sucht sie den Weg von der ita­lie­ni­schen Kul­tur­land­schaft zur Medi­en­ge­sell­schaft nach­zu­zeich­nen, wobei sie neben Büchern, Essays und Fil­men ihrer Prot­ago­nis­ten auch Zeit­ge­nos­sen und die urba­ne Topo­gra­fie Roms ein­be­zieht.

Maike Albath: Rom, Träume (Berenberg, 2013)

Mai­ke Albath: Rom, Träu­me (Beren­berg, 2013)

In ihrem Vor­gän­ger­buch Der Geist von Turin über den Auf­stieg und Fall des Ver­lags­hau­ses Ein­audi ging Albath nach einem ähn­li­chen Sche­ma vor und ent­warf anhand der Bio­gra­fi­en von Ein­audi-Autoren wie Cesa­re Pave­se, Nata­lia Ginz­burg und Ita­lo Cal­vi­no sowie dem Ein­audi-Ver­le­ger Giu­lio Ein­audi ein kon­zen­trier­tes und stich­hal­ti­ges Por­trät eines kul­tu­rel­len Unter­neh­mens, das schließ­lich auf­grund indi­vi­du­el­ler, gesell­schaft­li­cher und öko­no­mi­scher Fak­to­ren in den Abgrund geris­sen wur­de. In Rom, Träu­me ist nicht nur die Per­spek­ti­ve aus­ge­wei­tet, son­dern auch der Anspruch: Albath möch­te mit ihren fünf Prot­ago­nis­ten eine Ent­wick­lung beschrei­ben, die sich aus indi­vi­du­el­len Blick­win­keln allein nicht stim­mig beschrei­ben lässt. Was bei der Geschich­te Ein­audis auf­grund des klar umgrenz­ten The­mas funk­tio­nier­te, schei­tert in der Beschrei­bung der aus­ge­wei­te­ten Zone der römi­schen Medi­en­ge­sell­schaft: Zum einen fehlt eine theo­re­ti­sche Grund­struk­tur der poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Pro­zes­se, wel­che eine Ana­ly­se der Ent­wick­lung zur Medi­en­ge­sell­schaft, zur »Kul­tur des Spek­ta­kels« jen­seits des Star­kults (den Albath mit ihrer Beschwö­rung des krea­ti­ven Sub­jekts in Zei­ten der Mas­sen­kul­tur betreibt) ermög­lich­te. Zum ande­ren ver­schwen­det sie kei­nen Gedan­ken dar­auf, wie Autoren als Intel­lek­tu­el­le in einer Land­schaft der Rackets ope­rier­ten, wie sie den »Wider­spruch zwi­schen Wahr­heit und Glau­ben« (wie Jean-Paul Sart­re in sei­nem »Plä­doy­er für die Intel­lek­tu­el­len« schrieb) auf­lös­ten. Statt­des­sen ver­harm­lost sie das orga­ni­sier­te Racket­we­sen (das die gesam­te ita­lie­ni­sche Gesell­schaft in ihren poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Strö­mun­gen umgreift) als »Kli­en­te­lis­mus«.

Cha­rak­te­ris­tisch für Albaths apo­li­ti­sche Per­spek­ti­ve ist die Gegen­über­stel­lung der bei­den Autoren Gad­da und Mora­via. Wäh­rend Gad­da früh­zei­tig auf den faschis­ti­schen Zug sprang (bereits 1921 trat er der faschis­ti­schen Par­tei bei), blieb Mora­via dem Regime gegen­über distan­ziert: Auch wenn er kein prak­ti­zie­ren­der Wider­ständ­ler im poli­ti­schen Sin­ne war, kam er nie in die Ver­su­chung, dem Regime als Mit­läu­fer oder Mit­tä­ter zu die­nen. Doch wäh­rend Albath Mora­via in sei­nem Ver­hal­ten in der End­pha­se des faschis­ti­schen Regimes poli­ti­sche Nai­vi­tät unter­stellt, ent­schul­digt sie Gad­das Mit­läu­fer­tum. »Gad­das Bekennt­nis zum Faschis­mus ist ein schwie­ri­ges Kapi­tel, auch weil er selbst sich nicht mehr damit aus­ein­an­der­set­zen woll­te«, resü­miert sie. »Eine sym­pto­ma­ti­sche Hal­tung vie­ler Intel­lek­tu­el­ler.« Da Gad­da in ihren Augen gro­ße Lite­ra­tur pro­du­ziert hat, sind sei­ne faschis­ti­schen Ver­stri­ckun­gen als klei­ne­re Ver­feh­lun­gen zu ent­schul­di­gen.

 

Alberto Moravia (Porträt von Paolo Monti, 1982)

Alber­to Mora­via (Por­trät von Pao­lo Mon­ti, 1982)

Mora­via wabert dage­gen als bête noi­re durch das Buch. Stets schon ist er Töl­pel, Ver­sa­ger, lite­ra­ri­scher Durch­schnitts­pro­du­zent. Er »klim­per­te auf der Schreib­ma­schi­ne wie ein Pia­nist bei Fin­ger­übun­gen«, weiß Albath zu berich­ten. »Ein Auto­ma­tis­mus hat­te sich ein­ge­schlif­fen. Mora­via pro­du­zier­te Lite­ra­tur in Serie.« Wäh­rend Mora­via für Albath im Manie­ris­mus erstarr­te, bewahr­te Gad­da die ita­lie­ni­sche Kul­tur, indem er die sprach­li­chen Aus­prä­gun­gen der ver­schie­de­nen römi­schen Gesell­schafts­schich­ten in der Tra­di­ti­on von François Rabelais und James Joy­ce ver­band. Dage­gen war Mora­via in den Augen Albaths ein Reprä­sen­tant einer Stan­dard­spra­che, der die Mas­sen­kul­tur bedien­te. »Mit einer der­ar­tig grad­li­ni­gen Spra­che ohne Reso­nanz­bo­den konn­te Gad­da nichts anfan­gen. Er woll­te schwel­gen in der Fül­le.«

Gad­da schwelg­te im geschwät­zi­gen Schwei­gen über den Faschis­mus, wäh­rend Mora­via stets beton­te, dass die ita­lie­ni­sche Gesell­schaft trotz aller vor­geb­li­chen liber­tä­ren Ten­den­zen auto­ri­tä­re Ide­en tole­rier­te und mit dem unter­ge­gan­ge­nen faschis­ti­schen Regime Nach­sicht übte. So war der Weg von Mus­so­li­ni zu Ber­lus­co­ni nur fol­ge­rich­tig. Für Albath lau­tet jedoch die Schluss­fol­ge­rung: »Mora­via ist doch sehr zeit­ver­haf­tet. Gad­da wird blei­ben.« Am Ende tri­um­phiert das Alte, das 1922 an die geschicht­li­che Ober­flä­che gespült wur­de. Hoff­nung auf Bes­se­res scheint es nicht zu geben.

 


Bibliografische Angaben:

Mai­ke Albath.
Rom, Träu­me.
Mora­via, Paso­li­ni, Gad­da und die Zeit der Dol­ce Vita.
Ber­lin: Beren­berg Ver­lag, 2013.
304 Sei­ten, 25,00 €.
ISBN: 978–3‑937834–65‑8.

 

Bildquellen



Sze­nen­fo­to Roman Holi­dayWiki­me­dia

Publi­ci­ty-Foto La dol­ce vitaWiki­me­dia

Cover Rom, Träu­me — © Beren­berg Ver­lag

Por­trät von Alber­to Mora­via — Wiki­me­dia

Zuerst erschie­nen in satt.org (Dezem­ber 2013)

© Jörg Auberg 2013/2019

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Aus den Archiven: Maike Albath — Der Geist von Turin

Der Glanz des Hauses Einaudi

 

Maike Albath zeichnet in ihrem Buch Der Geist von Turin den Aufstieg und Fall des Verlagshauses Einaudi nach

 

von Jörg Auberg

Der ita­lie­ni­sche Ver­lag Ein­audi gehört zu den kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen, die zwar noch immer exis­tie­ren und von einem legen­dä­ren Ruf zeh­ren, über die aber die Geschich­te mitt­ler­wei­le mit­leid­los hin­weg­ge­gan­gen ist. 1933 von Giu­lio Ein­audi, dem Sohn des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers und libe­ra­len Sena­tors Lui­gi Ein­audi, zusam­men mit den Schrift­stel­lern Cesa­re Pave­se und Leo­ne Ginz­burg begrün­det, behaup­te­te der Ver­lag eine schwie­ri­ge Exis­tenz wäh­rend des Faschis­mus und wur­de nach der Befrei­ung zu einer hege­mo­nia­len Macht im kul­tu­rel­len Betrieb Ita­li­ens. Seit 1994 gehört der einst ruhm­rei­che Ver­lag gewis­ser­ma­ßen als Beu­te­stück einer unter­ge­gan­ge­nen lin­ken Kul­tur zum Medi­en­im­pe­ri­um Sil­vio Ber­lus­co­nis.

Den Glanz des Hau­ses Ein­audi ruft die mit dem Alfred-Kerr-Preis aus­ge­zeich­ne­te Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mai­ke Albath in ihrem bemer­kens­wer­ten Buch Der Geist von Turin ins Gedächt­nis, das den Auf­stieg und Fall des Ver­la­ges nach­zeich­net und die Geschich­te im Licht der Bio­gra­phi­en der Haupt­prot­ago­nis­ten wie Cesa­re Pave­se, Leo­ne Ginz­burg, Giu­lio Ein­audi, Nata­lia Ginz­burg und Ita­lo Cal­vi­no Revue pas­sie­ren lässt. »Der Geist von Turin ist ein Ver­such, an ein ande­res Ita­li­en zu erin­nern«, schreibt sie in ihrer Ein­lei­tung. »An das stil­le, an ein ande­res Ita­li­en, das im TV-Lärm des Ber­lus­co­ni-Zeit­al­ters unter­zu­ge­hen droht. Ganz ist der Geist noch nicht ver­flo­gen.«

 

Cesare Pavese: Das Handwerk des Lebens (Claassen, 1988)

Cesa­re Pave­se: Das Hand­werk des Lebens (Claas­sen, 1988)

Als Ein­stiegs­punkt in die Geschich­te wählt sie den Selbst­mord Pave­ses im Som­mer 1950, als der maß­geb­li­che Pro­gramm­lei­ter des Ein­audi-Ver­lags, der die ita­lie­ni­sche Lite­ra­tur für aus­län­di­sche, ins­be­son­de­re ame­ri­ka­ni­sche Ein­flüs­se geöff­net hat­te, auf dem Höhe­punkt sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Kar­rie­re mit dem Satz »Ich füh­le mich so wohl wie ein Fisch im Eis« aus dem Leben schied. Anschlie­ßend blickt Albath zurück auf den Auf­stieg des pol­tern­den ehe­ma­li­gen Sozia­lis­ten Mus­so­li­ni zum Füh­rer des faschis­ti­schen Ita­li­ens, der von Reprä­sen­tan­ten der Wirt­schafts­eli­te wie dem Turi­ner Indus­tri­el­len Gio­van­ni Agnel­li unter­stützt wur­de. In gelun­ge­nen Mon­ta­gen, in denen Albath pri­va­te Per­spek­ti­ven ihrer Prot­ago­nis­ten mit Sich­ten auf die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen ver­schränkt, ent­wi­ckelt sie ein kom­ple­xes Bild der Geschich­te, in dem die Ver­strickthei­ten und Anstren­gun­gen der Befrei­ung adäquat zum Aus­druck kom­men, ohne dass ein grob­kör­ni­ger Schwarz­weiß­zeich­ner ein­ge­setzt wird. Kon­tra­punk­tiert wird die Erzäh­lung der weit zurück­rei­chen­den Geschich­te mit Inter­views von Zeit­zeu­gen, die dem erzähl­ten Gesche­hen eine zuwei­len wider­sprüch­li­che Wen­dung geben.

Der Ver­lag und sei­ne Mit­ar­bei­ter ver­such­ten, im Faschis­mus ohne offe­ne Oppo­si­ti­on zu über­le­ben. Schein­bar unter­warf man sich der auto­ri­tä­ren Füh­rer­schaft des Regimes. Um die beruf­li­che Kar­rie­re nicht zu gefähr­den, tra­ten Intel­lek­tu­el­le wie Cesa­re Pave­se und Nober­to Bob­bio der faschis­ti­schen Par­tei bei und übten sich in einer »mas­ken­haf­ten Akzep­tanz« des Regimes. Trotz allem fie­len vie­le Intel­lek­tu­el­le wie Pave­se, Car­lo Levi und der Ein­audi-Lek­tor Leo­ne Ginz­burg wegen ihres anti­na­tio­na­lis­ti­schen Enga­ge­ments in Ungna­de und wur­den in unwirt­li­che Land­stri­che in Kala­bri­en ver­bannt (wie es Car­lo Levi spä­ter in sei­nem berühm­ten Klas­si­ker Chris­tus kam nur bis Ebo­li beschrieb), auch wenn sie nach dem erfolg­rei­chen Abes­si­ni­en-Feld­zug 1936 vom Duce begna­digt wur­den.

1938 wur­den die anti­se­mi­ti­schen »Geset­ze zum Schutz der Ras­se« ver­ab­schie­det, die Juden zu »Aus­län­dern jüdi­scher Ras­se« dekla­rier­ten. Als Fol­ge dar­aus fan­den sich 1940 Leo­ne Ginz­burg und sei­ne Fami­lie als Ver­bann­te in einem klei­nen Berg­dorf in den Abruz­zen wie­der. Anders als Pave­se, der in einer poli­ti­schen Unste­tig­keit mit der Unfä­hig­keit zum Enga­ge­ment ver­harr­te, schloss sich Ginz­burg dem Wider­stand gegen das Regime an, wur­de jedoch bei einer Raz­zia von den Deut­schen ver­haf­tet und im Gefäng­nis schwer gefol­tert. Am 4. Febru­ar 1944 wur­de er tot auf­ge­fun­den.

Nach dem Krieg war der Ver­lag inner­halb der ita­lie­ni­schen Öffent­lich­keit mei­nungs­bil­dend. Neben Pave­se und Ein­audi waren die Schrift­stel­ler Nata­lia Ginz­burg und Ita­lo Cal­vi­no als Lek­to­ren und Pro­gramm­ge­stal­ter für den Ver­lag tätig, sodass Ein­audi ein ein­zig­ar­ti­ges Unter­neh­men wur­de: Schrift­stel­ler belie­fer­ten nicht bloß den Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rat, son­dern präg­ten ihn und bestimm­ten, wel­che Pro­duk­te in wel­cher Form auf den Markt kamen.

Maike Albath: Der Geist von Turin (Berenberg, 2010)

Mai­ke Albath: Der Geist von Turin (Beren­berg, 2010)

Zum fünf­zig­jäh­ri­gen Bestehen des Ver­la­ges im Jah­re 1983 geriet Ein­audi auf­grund pro­gram­ma­ti­scher und unter­neh­me­ri­scher Fehl­ent­schei­dun­gen in eine schwe­re finan­zi­el­le Kri­se, an deren Ende Giu­lio Ein­audi zum Bera­ter im einst­mals eige­nen Hau­se degra­diert wur­de. Am Ende war Ein­audi in sei­nen Struk­tu­ren erstarrt und wur­de ver­kauft. 1994 über­nahm ihn die Ver­lags­grup­pe Mond­ado­ri und über­führ­te ihn so in den Ber­lus­co­ni-Medi­en­kon­zern. In der eins­ti­gen Bas­ti­on der Gesell­schafts­kri­tik war Kri­tik am neu­en auto­ri­tä­ren Füh­rer nicht mehr mög­lich. Jeg­li­che Form des Ein­spruchs wur­de ein­ge­eb­net. Wie ande­re Insti­tu­tio­nen des alten Nach­kriegs­ita­li­ens auch zer­fiel Ein­audi in den 1980er Jah­ren, da man es ver­säumt hat­te, sich auf die Ver­än­de­run­gen ein­zu­stel­len. Auch wenn Ein­audi nun ledig­lich ein Schat­ten, wenn nicht eine Kari­ka­tur frü­he­rer Tage ist, hat Albath mit ihrem Resü­mee recht: »Ein­audi war geleb­te Uto­pie – und ist Uto­pie geblie­ben.«


Bibliografische Angaben:

Mai­ke Albath.
Der Geist von Turin.
Pave­se, Ginz­burg, Ein­audi und die Wie­der­ge­burt Ita­li­ens nach 1943.
Ber­lin: Beren­berg Ver­lag, 2010.
192 Sei­ten, 19,00 €.
ISBN: 978–3‑937834–37‑5.

 

Bildquellen



Cover Das Hand­werk des Lebens — © Clas­sen Ver­lag

Cover Der Geist von Turin — © Beren­berg­Ver­lag

Zuerst erschie­nen in satt.org (Mai 2010)

© Jörg Auberg 2010/2019

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