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Aus den Archiven: Maike Albath — Der Geist von Turin

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Der Glanz des Hauses Einaudi

Maike Albath zeichnet in ihrem Buch Der Geist von Turin den Aufstieg und Fall des Verlagshauses Einaudi nach 

von Jörg Auberg

Der ita­lie­ni­sche Ver­lag Ein­au­di gehört zu den kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen, die zwar noch immer exis­tie­ren und von einem legen­dä­ren Ruf zeh­ren, über die aber die Geschich­te mitt­ler­wei­le mit­leid­los hin­weg­ge­gan­gen ist. 1933 von Giu­lio Ein­au­di, dem Sohn des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers und libe­ra­len Sena­tors Lui­gi Ein­au­di, zusam­men mit den Schrift­stel­lern Cesa­re Pave­se und Leo­ne Ginz­burg begrün­det, behaup­te­te der Ver­lag eine schwie­ri­ge Exis­tenz wäh­rend des Faschis­mus und wur­de nach der Befrei­ung zu einer hege­mo­nia­len Macht im kul­tu­rel­len Betrieb Ita­li­ens. Seit 1994 gehört der einst ruhm­rei­che Ver­lag gewis­ser­ma­ßen als Beu­te­stück einer unter­ge­gan­ge­nen lin­ken Kul­tur zum Medi­en­im­pe­ri­um Sil­vio Berlusconis.

Den Glanz des Hau­ses Ein­au­di ruft die mit dem Alfred-Kerr-Preis aus­ge­zeich­ne­te Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mai­ke Albath in ihrem bemer­kens­wer­ten Buch Der Geist von Turin ins Gedächt­nis, das den Auf­stieg und Fall des Ver­la­ges nach­zeich­net und die Geschich­te im Licht der Bio­gra­phien der Haupt­prot­ago­nis­ten wie Cesa­re Pave­se, Leo­ne Ginz­burg, Giu­lio Ein­au­di, Nata­lia Ginz­burg und Italo Cal­vi­no Revue pas­sie­ren lässt. »Der Geist von Turin ist ein Ver­such, an ein ande­res Ita­li­en zu erin­nern«, schreibt sie in ihrer Ein­lei­tung. »An das stil­le, an ein ande­res Ita­li­en, das im TV-Lärm des Ber­lus­co­ni-Zeit­al­ters unter­zu­ge­hen droht. Ganz ist der Geist noch nicht verflogen.«

Cesare Pavese: Das Handwerk des Lebens (Claassen, 1988)
Cesa­re Pave­se: Das Hand­werk des Lebens (Cla­as­sen, 1988)

Als Ein­stiegs­punkt in die Geschich­te wählt sie den Selbst­mord Pave­ses im Som­mer 1950, als der maß­geb­li­che Pro­gramm­lei­ter des Ein­au­di-Ver­lags, der die ita­lie­ni­sche Lite­ra­tur für aus­län­di­sche, ins­be­son­de­re ame­ri­ka­ni­sche Ein­flüs­se geöff­net hat­te, auf dem Höhe­punkt sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Kar­rie­re mit dem Satz »Ich füh­le mich so wohl wie ein Fisch im Eis« aus dem Leben schied. Anschlie­ßend blickt Albath zurück auf den Auf­stieg des pol­tern­den ehe­ma­li­gen Sozia­lis­ten Mus­so­li­ni zum Füh­rer des faschis­ti­schen Ita­li­ens, der von Reprä­sen­tan­ten der Wirt­schafts­eli­te wie dem Turi­ner Indus­tri­el­len Gio­van­ni Agnel­li unter­stützt wur­de. In gelun­ge­nen Mon­ta­gen, in denen Albath pri­va­te Per­spek­ti­ven ihrer Prot­ago­nis­ten mit Sich­ten auf die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen ver­schränkt, ent­wi­ckelt sie ein kom­ple­xes Bild der Geschich­te, in dem die Ver­strickt­hei­ten und Anstren­gun­gen der Befrei­ung adäquat zum Aus­druck kom­men, ohne dass ein grob­kör­ni­ger Schwarz­weiß­zeich­ner ein­ge­setzt wird. Kon­tra­punk­tiert wird die Erzäh­lung der weit zurück­rei­chen­den Geschich­te mit Inter­views von Zeit­zeu­gen, die dem erzähl­ten Gesche­hen eine zuwei­len wider­sprüch­li­che Wen­dung geben.

Der Ver­lag und sei­ne Mit­ar­bei­ter ver­such­ten, im Faschis­mus ohne offe­ne Oppo­si­ti­on zu über­le­ben. Schein­bar unter­warf man sich der auto­ri­tä­ren Füh­rer­schaft des Regimes. Um die beruf­li­che Kar­rie­re nicht zu gefähr­den, tra­ten Intel­lek­tu­el­le wie Cesa­re Pave­se und Nober­to Bob­bio der faschis­ti­schen Par­tei bei und übten sich in einer »mas­ken­haf­ten Akzep­tanz« des Regimes. Trotz allem fie­len vie­le Intel­lek­tu­el­le wie Pave­se, Car­lo Levi und der Ein­au­di-Lek­tor Leo­ne Ginz­burg wegen ihres anti­na­tio­na­lis­ti­schen Enga­ge­ments in Ungna­de und wur­den in unwirt­li­che Land­stri­che in Kala­bri­en ver­bannt (wie es Car­lo Levi spä­ter in sei­nem berühm­ten Klas­si­ker Chris­tus kam nur bis Ebo­li beschrieb), auch wenn sie nach dem erfolg­rei­chen Abes­si­ni­en-Feld­zug 1936 vom Duce begna­digt wurden. 

1938 wur­den die anti­se­mi­ti­schen »Geset­ze zum Schutz der Ras­se« ver­ab­schie­det, die Juden zu »Aus­län­dern jüdi­scher Ras­se« dekla­rier­ten. Als Fol­ge dar­aus fan­den sich 1940 Leo­ne Ginz­burg und sei­ne Fami­lie als Ver­bann­te in einem klei­nen Berg­dorf in den Abruz­zen wie­der. Anders als Pave­se, der in einer poli­ti­schen Unste­tig­keit mit der Unfä­hig­keit zum Enga­ge­ment ver­harr­te, schloss sich Ginz­burg dem Wider­stand gegen das Regime an, wur­de jedoch bei einer Raz­zia von den Deut­schen ver­haf­tet und im Gefäng­nis schwer gefol­tert. Am 4. Febru­ar 1944 wur­de er tot aufgefunden.

Nach dem Krieg war der Ver­lag inner­halb der ita­lie­ni­schen Öffent­lich­keit mei­nungs­bil­dend. Neben Pave­se und Ein­au­di waren die Schrift­stel­ler Nata­lia Ginz­burg und Italo Cal­vi­no als Lek­to­ren und Pro­gramm­ge­stal­ter für den Ver­lag tätig, sodass Ein­au­di ein ein­zig­ar­ti­ges Unter­neh­men wur­de: Schrift­stel­ler belie­fer­ten nicht bloß den Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rat, son­dern präg­ten ihn und bestimm­ten, wel­che Pro­duk­te in wel­cher Form auf den Markt kamen.

Maike Albath: Der Geist von Turin (Berenberg, 2010)
Mai­ke Albath: Der Geist von Turin (Beren­berg, 2010)

Zum fünf­zig­jäh­ri­gen Bestehen des Ver­la­ges im Jah­re 1983 geriet Ein­au­di auf­grund pro­gram­ma­ti­scher und unter­neh­me­ri­scher Fehl­ent­schei­dun­gen in eine schwe­re finan­zi­el­le Kri­se, an deren Ende Giu­lio Ein­au­di zum Bera­ter im einst­mals eige­nen Hau­se degra­diert wur­de. Am Ende war Ein­au­di in sei­nen Struk­tu­ren erstarrt und wur­de ver­kauft. 1994 über­nahm ihn die Ver­lags­grup­pe Mond­ado­ri und über­führ­te ihn so in den Ber­lus­co­ni-Medi­en­kon­zern. In der eins­ti­gen Bas­ti­on der Gesell­schafts­kri­tik war Kri­tik am neu­en auto­ri­tä­ren Füh­rer nicht mehr mög­lich. Jeg­li­che Form des Ein­spruchs wur­de ein­ge­eb­net. Wie ande­re Insti­tu­tio­nen des alten Nach­kriegs­ita­li­ens auch zer­fiel Ein­au­di in den 1980er Jah­ren, da man es ver­säumt hat­te, sich auf die Ver­än­de­run­gen ein­zu­stel­len. Auch wenn Ein­au­di nun ledig­lich ein Schat­ten, wenn nicht eine Kari­ka­tur frü­he­rer Tage ist, hat Albath mit ihrem Resü­mee recht: »Ein­au­di war geleb­te Uto­pie – und ist Uto­pie geblieben.« 

Bibliografische Angaben:

Mai­ke Albath.
Der Geist von Turin.
Pave­se, Ginz­burg, Ein­au­di und die Wie­der­ge­burt Ita­li­ens nach 1943.
Ber­lin: Beren­berg Ver­lag, 2010.
192 Sei­ten, 19,00 €.
ISBN: 978–3‑937834–37‑5.

 

Bild­quel­len (Copy­rights)
Cover Das Hand­werk des Lebens © Clas­sen Verlag
Cover Der Geist von Turin © Beren­berg­Ver­lag

Zuerst erschie­nen in satt.org (Mai 2010)
© Jörg Auberg 2010/2019

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