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Aus den Archiven: Paul und Karen Avrich — Sasha and Emma

Die Untergegangenen und die Geretteten

 

In seiner unvollendeten Doppelbiografie Sasha and Emma beschreibt Paul Avrich die verwobenen Leben von Emma Goldman und Alexander Berkman

 

von Jörg Auberg

 

 

»Nur dem Geschichts­schrei­ber wohnt die Gabe bei, im Ver­gan­ge­nen den Fun­ken der Hoff­nung anzu­fa­chen, der davon durch­drun­gen ist: auch die Toten wer­den vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und die­ser Feind hat zu sie­gen nicht auf­ge­hört.«

Wal­ter Ben­ja­min, »Über den Begriff der Geschich­te«

 

Als der His­to­ri­ker Paul Avrich (1931–2006) zu Beginn der 1960er Jah­re mit sei­nen Stu­di­en der anar­chis­ti­schen Geschich­te begann, schalt ihn sein Tutor, er befas­se sich mit jenen, die »ver­lo­ren« hät­ten, was nicht nur in den USA ein defor­mie­ren­der Makel war. Dies konn­te ihn jedoch nicht davon abhal­ten, zunächst die Geschich­te des rus­si­schen Anar­chis­mus und spä­ter die Kom­ple­xi­tät und Diver­si­tät der anar­chis­ti­schen Strö­mun­gen in den USA des spä­ten neun­zehn­ten und frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts grund­le­gend zu erfor­schen. Dass er schließ­lich zum »Doy­en der Anar­chis­mus­for­schung« wur­de (wie ihn sein kürz­lich ver­stor­be­ner Kol­le­ge Nun­zio Per­ni­co­ne ein­mal nann­te), lag zum einen dar­an, dass er aller­größ­ten Wert auf Pri­mär­quel­len leg­te und rigo­ros auf Akku­ra­tes­se insis­tier­te und zum ande­ren sei­nem For­schungs­ge­gen­stand mit Empa­thie und Fair­ness begeg­ne­te, ohne die Unstim­mig­kei­ten und Feh­ler der anar­chis­ti­schen Prot­ago­nis­ten, der »Ver­lie­rer« der Geschich­te (als die sie in der gän­gi­gen Inter­pre­ta­ti­on gel­ten), außer Acht zu las­sen. Zudem gelang es Avrich dank sei­nes epi­schen Ver­mö­gens, aus sei­nen For­schungs­er­geb­nis­sen höchst les­ba­re Erzäh­lun­gen zu gestal­ten, in denen der Roh­stoff der indi­vi­du­el­len Erfah­run­gen der ein­zel­nen his­to­ri­schen Akteu­re zur bewah­ren­den kol­lek­ti­ven Erin­ne­rung wird, die gegen die (mit Theo­dor W. Ador­no gespro­chen) »Anpas­sung ans je Gegen­wär­ti­ge« Ein­spruch erhebt und ein Ein­ge­den­ken dar­stellt. Im his­to­ri­schen Gedächt­nis ist der Gedan­ke ans Ande­re, die Uto­pie eines Bes­se­ren gespei­chert.

Paul und Karen Avrich: Sasha and Emma (Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2014)

Umso tra­gi­scher ist es, dass Avrich am Ende sei­nes Lebens an den Fol­gen einer Alz­hei­mer-Erkran­kung litt, sodass er sein über Jah­re ver­folg­tes Pro­jekt, eine Bio­gra­fie des rus­sisch-ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­ten Alex­an­der Berk­man (1870–1936), nicht voll­enden konn­te. Vor sei­nem Tod bat er sei­ne Toch­ter Karen Avrich, die als Autorin und Redak­teu­rin in New York lebt, die­ses Buch zu voll­enden, das schließ­lich unter dem Titel Sasha and Emma als Dop­pel­bio­gra­fie Berk­mans (der den Spitz­na­men »Sascha« trug) und sei­ner lebens­lan­gen Gefähr­tin Emma Gold­man (1869–1940) erschien. Im Lau­fe der Jah­re hat­te Paul Avrich Noti­zen aus Brie­fen, Pres­se­ar­ti­keln, Archiv­ma­te­ria­li­en und Inter­views mit Zeit­zeu­gen (die teil­wei­se in dem 1995 erschie­ne­nen Oral-Histo­ry-Kom­pen­di­um Anar­chist Voices ver­öf­fent­licht wur­den) zusam­men­ge­tra­gen, die Karen Avrich in Buch­form über­führ­te. Wie in den übri­gen Wer­ken Paul Avrichs steht die »kol­lek­tiv­bio­gra­fi­sche« Erfah­rung im Vor­der­grund, ohne dass der his­to­ri­sche und sozio­öko­no­mi­sche Kon­text außer Acht gelas­sen wird. In der Dop­pel­ge­schich­te der bei­den his­to­ri­schen Akteu­re beschreibt Avrich deren Emi­gra­ti­on aus Russ­land in die USA, wo ihre hoch­flie­gen­den Erwar­tun­gen rasch von den grim­mi­gen Rea­li­tä­ten des herr­schen­den Kapi­ta­lis­mus ent­täuscht wur­den. Sowohl Berk­man als auch Gold­man (die rela­tiv wohl­ha­ben­den Fami­li­en in Russ­land ent­stamm­ten) radi­ka­li­sier­ten sich im euro­pä­isch gepräg­ten anar­chis­ti­schen Milieu New Yorks, das frei­lich durch inter­frak­tio­nel­le Strei­tig­kei­ten und Eifer­süch­te­lei­en in sich zer­ris­sen war.

Alex­an­der Berk­man

Ein zen­tra­les Motiv des Buches ist das Ver­hält­nis der Prot­ago­nis­ten zur Gewalt. Berk­man wur­de in sei­ner revo­lu­tio­nä­ren Ima­gi­na­ti­on stark von den rus­si­schen Ter­ro­ris­ten der »Narod­na­ja Wol­ja« (»Wil­le des Vol­kes«) geprägt, die 1881 Zar Alex­an­der II. mit­tels eines Bom­ben­at­ten­tats töte­ten. Als 1892 in Homes­tead (Penn­syl­va­nia) ein Streik von Stahl­ar­bei­tern durch die Pri­vat­ar­me­en der Car­ne­gie Steel Com­pa­ny bru­tal nie­der­ge­schla­gen wur­de, bean­spruch­te Berk­man für sich die Rol­le des revo­lu­tio­nä­ren Rache­en­gels und woll­te den Ver­ant­wort­li­chen, den Kapi­ta­lis­ten Hen­ry Clay Frick, erschie­ßen, doch traf er ihn nicht töd­lich. Er wur­de über­wäl­tigt und zu vier­zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Stolz nann­te er die­se Tat den »ers­ten ter­ro­ris­ti­schen Akt in Ame­ri­ka«, der jedoch nicht den erhoff­ten »auf­klä­re­ri­schen« Effekt hat­te: Sowohl die Arbei­ter in Homes­tead als auch ein Groß­teil der Anar­chis­ten (zu denen nicht Emma Gold­man gehör­te) distan­zier­ten sich davon, und statt einer revo­lu­tio­nä­ren Erhe­bung folgt staat­li­che Repres­si­on.

»Ter­ro­rist« war für Berk­man ein Ehren­zei­chen. Als der anar­chis­ti­sche Ein­zel­tä­ter Leon Czol­g­osz in Fort­füh­rung der anar­chis­ti­schen Atten­ta­te auf euro­päi­sche Poten­ta­ten in Spa­ni­en und Ita­li­en 1901 den US-Prä­si­den­ten McK­in­ley töte­te, insis­tier­te Berk­man zur Bestür­zung Gold­mans, dass die­ses Atten­tat nicht »ter­ro­ris­tisch« gewe­sen sei, da ihm der »Hin­ter­grund der sozia­len Not­wen­dig­keit« feh­le, denn McK­in­ley sei kein direk­ter und unmit­tel­ba­rer Feind des Vol­kes gewe­sen. Die Schlacht müs­se eher im öko­no­mi­schen denn im poli­ti­schen Feld geführt wer­den. In die­sem Sin­ne betrach­te er das Atten­tat auf Frick bedeut­sa­mer und auf­klä­re­ri­scher als die Tat Czolg­s­oz’, schrieb er in sei­nen Pri­son Memoirs of an Anar­chist (1912; dt. Die Tat): »Es war gegen einen greif­ba­ren, rea­len Unter­drü­cker gerich­tet, den das Volk sich als sol­chen vor­stell­te.« Gold­man dage­gen ver­tei­dig­te Czol­g­osz, denn für sie waren bei­de Taten durch die glei­chen Idea­le und den glei­chen Geist der Selbst­auf­op­fe­rung für ein höhe­res Ziel inspi­riert. Für die ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit stell­te die »rote Emma« das Schreck­ge­spenst des blut­dürs­ti­gen, umstürz­le­ri­schen Anar­chis­mus dar. Zwar war sie stän­dig unter poli­zei­li­cher Beob­ach­tung, doch zugleich brach sie als öffent­li­che Figur des ame­ri­ka­ni­schen Radi­ka­lis­mus aus der Enge der anar­chis­ti­schen Zir­kel aus und wur­de Teil einer kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Moder­ne, wel­che die rück­stän­di­ge ame­ri­ka­ni­sche Gesell­schaft zu trans­for­mie­ren begann.

Emma Gold­man spricht über Gebur­ten­kon­trol­le in New York 1916

Als Berk­man 1906 aus dem Gefäng­nis ent­las­sen wur­de, war er von den lan­gen Jah­ren des Ein­ge­sperrt­seins, die er teil­wei­se in aus­zeh­ren­der Ein­zel­haft ver­brin­gen muss­te, gezeich­net. Die Lie­bes­be­zie­hung, die Berk­man und Gold­man in der Zeit vor dem Atten­tat auf Frick geführt hat­ten, wich einer inten­si­ven, nicht immer span­nungs­frei­en Freund­schaft. Sowohl Gold­man als auch Berk­man hat­ten wech­seln­de Part­ner und arbei­te­ten bis zum Kriegs­ein­tritt der USA an der Her­aus­ga­be der 1906 gegrün­de­ten radi­ka­len Zeit­schrift Mother Earth, die Poli­tik und Kul­tur mit­ein­an­der ver­band. Aller­dings stand auch der ehe­ma­li­ge Atten­tä­ter per­ma­nent unter Gene­ral­ver­dacht, wenn infol­ge von Arbei­ter­un­ru­hen eine Bom­be in Ame­ri­ka hoch­ging.

Emma Gold­man und Alex­an­der Berk­man zwi­schen 1917 und 1919

Nach dem Kriegs­ein­tritt der USA wur­den radi­ka­le Peri­odi­ka vom Post­ver­trieb aus­ge­schlos­sen und »sub­ver­si­ve Ele­men­te« wie Berk­man und Gold­man inhaf­tiert. Für die »rote Emma« war »Ame­ri­ka« längst zur Hei­mat gewor­den. »Unser Patrio­tis­mus ist der eines Man­nes, der eine Frau mit offe­nen Augen liebt«, sag­te sie in ihrem Pro­zess 1917. »Er ist bezau­bert von ihrer Schön­heit und sieht den­noch ihre Feh­ler.« Der US-ame­ri­ka­ni­sche Staat igno­rier­te jedoch ihren eigen­wil­li­gen Patrio­tis­mus und ver­ur­teil­te Gold­man und Berk­man zu zwei Jah­ren Haft. Danach wur­den die bei­den als »uner­wünsch­te Aus­län­der« nach Russ­land depor­tiert, wo sie der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on zunächst sym­pa­thi­sie­rend gegen­über­stan­den, doch die zuneh­men­de Repres­si­on und vor allem die Nie­der­schla­gung des Matro­sen­auf­stan­des in Kron­stadt 1921 bewirk­ten eine rigo­ro­se Des­il­lu­sio­nie­rung, sodass sie Russ­land ver­lie­ßen und fort­an als Flücht­lin­ge durch Euro­pa irr­ten. Da sie auch mit ihrer Kri­tik gegen­über den Bol­sche­wi­ki nicht spar­ten, gerie­ten sie in der inter­na­tio­na­len Lin­ken zuneh­mend in Iso­la­ti­on.

Alex­an­der Berk­man in spä­te­ren Jah­ren

Zunächst mach­ten sie im Ber­li­ner Stadt­teil Char­lot­ten­burg (der auf­grund sei­nes hohen Anteils von Flücht­lin­gen aus Russ­land »Char­lot­ten­grad« genannt wur­de) Sta­ti­on, doch schon bald brach Gold­man nach Frank­reich und Eng­land auf, wo sie eine for­ma­le Ehe mit einem jun­gen Anar­chis­ten ein­ging, um die bri­ti­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit zu erlan­gen. Berk­man dage­gen leb­te seit 1925 als Staa­ten­lo­ser in einem Vor­ort von Paris, wo er eine pre­kä­re Exis­tenz führ­te und sich mit Über­set­zun­gen, Ghost­wri­ting und jour­na­lis­ti­schen Rou­ti­ne­ar­bei­ten über Was­ser hielt. Zu Beginn der 1930er Jah­re wur­de er mehr­fach aus­ge­wie­sen, konn­te jedoch immer wie­der nach Frank­reich zurück­keh­ren. »Wer­de ich aus Frank­reich aus­ge­wie­sen, habe ich kei­nen Ort, wo ich hin­ge­hen könn­te«, schrieb er 1931 vol­ler Ver­zweif­lung an sei­nen Anwalt Mor­ris Hill­quit. »Kein Land ist wil­lens, mir ein Visum zu geben.« Mit dem Her­auf­zie­hen des Nazis­mus ver­düs­ter­te sich der Hori­zont noch wei­ter, und Berk­mans Glau­ben an die eman­zi­pa­to­ri­sche Kraft der »Mas­sen« schwand. Despe­rat fühl­te er, in sei­nem Leben nichts erreicht zu haben und nichts gegen die reak­tio­nä­re Wel­le tun zu kön­nen. »Die Welt ist zu ver­dor­ben, um in ihr zu leben …«, kon­sta­tier­te er 1934. Als Krank­hei­ten sei­ne Exis­tenz noch fra­gi­ler mach­te, ver­such­te er sich im Juni 1936 in St. Tro­pez (wo er mitt­ler­wei­le leb­te) zu erschie­ßen, doch der Schuss war nicht töd­lich. Erst spä­ter erlag er den Fol­gen sei­nes Selbst­mord­ver­suchs. Die Ope­ra­tio­nen hät­ten ihn, sag­te ein Freund Gold­mans spä­ter, von einem star­ken Men­schen in einen tat­te­ri­gen alten Mann ver­wan­delt, und er sei über­zeugt gewe­sen, dass es kei­nen Sinn zum Wei­ter­le­ben gebe. In den Augen Roger Bald­wins, des Mit­be­grün­ders der Bür­ger­rechts­ver­ei­ni­gung Ame­ri­can Civil Liber­ties Uni­on (ACLU) lag die Selbst­aus­lö­schung in Berk­mans Hang zur Ver­zweif­lung begrün­det. »Er gab nie­mals sei­nen Glau­ben an die Gewalt auf, für die ver­zwei­fel­te Men­schen anfäl­lig sind«, sag­te Bald­win 1974. Für ihn war Berk­man offebar ein »destruk­ti­ver Cha­rak­ter«, der an sich selbst schei­ter­te.

Emma Gold­man in den 1910er Jah­ren

Emma Gold­man emp­fand den Tod des lebens­lan­gen Freun­des als uner­mess­li­chen Ver­lust. »Mei­ne Freund­schaft mit Berk­man ist eine, die nichts außer der Tod been­den kann«, hat­te sie 1934 einem Repor­ter erklärt. Gold­man selbst unter­stütz­te im Som­mer 1936 von Lon­don aus noch die CNT-FAI im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg, ehe sie nach Toron­to über­sie­del­te. Am 14. Mai 1940 starb sie an den Fol­gen eines Schlag­an­falls und wur­de im Chi­ca­go­er Wald­heim-Fried­hof an der Sei­te der Hay­mar­ket-Anar­chis­ten begra­ben, mit denen die Geschich­te des moder­nen Anar­chis­mus in den USA 1886 begon­nen hat­te. Sie habe Ame­ri­ka zutiefst geliebt, sag­te der Anwalt Arthur Leo­nard Ross, der sie in den USA juris­tisch ver­tre­ten hat­te, und doch hät­te sie nur im Sarg zurück­keh­ren kön­nen.

Sasha and Emma ist eine viel­schich­ti­ge, span­nen­de Erzäh­lung, die ihre Prot­ago­nis­ten durch die Geschich­te der ame­ri­ka­ni­schen Klas­sen­kämp­fe von der Zeit des spä­ten neun­zehn­ten Jahr­hun­derts bis zu den »tur­bu­len­ten Jah­ren« der Gro­ßen Depres­si­on beglei­tet, als der Anar­chis­mus ins his­to­ri­sche Sei­ten­aus kata­pul­tiert zu sein schien. Auch wenn die Emma-Gold­man-Bio­gra­fi­en Ali­ce Wex­lers und Can­dace Falks psy­cho­lo­gisch nuan­cier­ter sind oder Chris­ti­ne Stan­sell die Ver­bin­dung von revo­lu­tio­nä­rer Ima­gi­na­ti­on und künst­le­ri­scher Sen­si­bi­li­tät in der begin­nen­den ame­ri­ka­ni­schen Moder­ne kla­rer her­aus­stell­te, ist die­se Beschrei­bung einer »anar­chis­ti­schen Odys­see« ein außer­or­dent­li­ches und her­aus­ra­gen­des Buch, das zu kei­nem Zeit­punkt sei­ne fas­zi­nie­ren­de Kraft ver­liert. Über die poli­ti­sche Geschich­te hin­aus ist es auch eine bewe­gen­de Erzäh­lung über eine wun­der­ba­re, ein­zig­ar­ti­ge Freund­schaft, die Gefäng­nis, Depor­ta­ti­on und Unter­drü­ckung über­stand und tat­säch­lich erst durch den Tod ein Ende fand.

Bibliografische Angaben:

Paul und Karen Avrich.
Sasha and Emma.
The Anar­chist Odys­sey of Alex­an­der Berk­man and Emma Gold­man.
Cam­bridge, MA: The Bel­knap Press of Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2014.
528 Sei­ten, 19 Euro.
ISBN: 9780674416734.

 

 

Bildquellen



Cover Sasha and Emma — Har­vard Uni­ver­si­ty Press/The Bel­knap Press

Foto Alex­an­der Berk­man als jun­ger MannWiki­me­dia Com­mons

Foto Emma Gold­man in New York 1916Wiki­me­dia Com­mons

Foto Emma Gold­man und Alex­an­der Berk­man (zwi­schen 1917 und 1919)Wiki­me­dia Com­mons

Foto Alex­an­der Berk­man in spä­te­ren Jah­renWiki­me­dia Com­mons

Foto Emma Gold­man in den 1910er Jah­renWiki­me­dia Com­mons

Zuerst erschie­nen in satt.org, August 2013
© Jörg Auberg 2013/2019

 

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Sigismund Krzyżanowski: Münchhausens Rückkehr

Genosse Münchhausen

Sigismund Krzyżanowskis Roman Münchhausens Rückkehr liegt erstmals in einer deutschen Übersetzung vor

 

Von Jörg Auberg

 

Baron Münchhausen entsteigt dem Buch - Szenenfoto aus Münchhausens Abenteuer (1929)

Baron Münch­hau­sen ent­steigt dem Buch — Sze­nen­fo­to aus Münch­hau­sens Aben­teu­er (1929)

In dem kur­zen sowje­ti­schen Ani­ma­ti­ons­film Münch­hau­sens Aben­teu­er1 aus dem Jah­re 1929 taucht Baron Münch­hau­sen aus einem Buch auf, um augen­zwin­kernd zu erklä­ren, dass er Lüg­ner und Auf­schnei­der nicht ertra­gen kön­ne. Am Ende wird er ins Buch zurück­ge­schleu­dert, weil ande­re sei­ne »Lügen­ge­schich­ten« nicht län­ger ertra­gen kön­nen.

Auch in Sigis­mund Krzyża­now­skis in den Jah­ren 1927 zwi­schen 1927 und 1928 ent­stan­de­nen Roman Münch­hau­sens Rück­kehr ent­steigt Baron Münch­hau­sen einem Buch, in das er am Ende wie­der abtaucht. Krzyża­now­ski lässt ihn im Ber­lin der frü­hen 1920er Jah­re auf­er­ste­hen, in dem Zei­tungs­jun­gen Schlag­zei­len vom Auf­stand der Matro­sen in Kron­stadt auf den Alex­an­der­platz hin­aus­schrei­en. Dort resi­diert der Baron in einer mon­dä­nen Woh­nung, in der ihn der Dich­ter Ernst Unding auf­sucht, um den Erzäh­lun­gen des Buch­we­sens, das als Zitat sei­ner selbst durch die Gegen­wart geis­tert und die Gren­zen zwi­schen Wahr­heit und Lügen, Fak­ten und Fik­ti­on unter­läuft. Im Gegen­satz zu den her­kömm­li­chen Cha­rak­te­ri­sie­run­gen Münch­hau­sens als prah­le­ri­scher Auf­schnei­der und über­mü­ti­ger Aben­teu­rer ist Krzyża­now­skis Prot­ago­nist ein in der Phi­lo­so­phie von Hegel, Kant, Dide­rot und Marx bewan­der­ter Fein­geist, der trotz aller Refle­xi­on von einem nar­ziss­ti­schen Wesen geprägt ist. Auf sei­ner Visi­ten­kar­te bezeich­net er sich als »Lie­fe­rant für Phan­tas­men und Sen­sa­tio­nen«, der »nicht den Welt­maß­stab« scheue – und dies seit 1720. »Einen nütz­li­che­ren Men­schen als mich wer­den Sie nicht fin­den«, lässt er Unding in sei­ner ihm eige­nen Beschei­den­heit wis­sen.2

Im diplo­ma­ti­schen Geheim­auf­trag der bri­ti­schen Regie­rung bricht Münch­hau­sen zu einer neu­er­li­chen Rei­se nach Russ­land auf, doch rei­tet er dies­mal nicht auf einer Kano­nen­ku­gel, son­dern muss sich dem tech­ni­schen Fort­schritt unter­ord­nen und eine Gra­na­te als Fort­be­we­gungs­mit­tel neh­men. »Eine moder­ne Gra­na­te lässt sich nicht«, weiß er zu berich­ten, »so ein­fach bestei­gen wie die schwer­fäl­li­gen guss­ei­ser­nen Bom­ben von frü­her.«3 Als er sich in einer wei­ten, sump­fi­gen Land­schaft wie­der­fin­det, setzt er sei­ne dres­sier­te Jagd­stie­fel in Gang, die gleich einem Hund den Weg zu einem Dorf suchen.

 

Baron Münchhausen unterwegs in Russland auf einem halbierten Pferd - Szenenfoto aus Münchhausens Abenteuer (1929)

Baron Münch­hau­sen unter­wegs in Russ­land auf einem hal­bier­ten Pferd — Sze­nen­fo­to aus Münch­hau­sens Aben­teu­er (1929)

Die Sowjet­uni­on ist für den Geheim­di­plo­ma­ten kei­nes­wegs das auf­re­gen­de Labo­ra­to­ri­um einer neu­en Gesell­schaft und »wahr­haft mensch­li­chen Kul­tur«, in der sich der »durch­schnitt­li­che Mensch bis zum Niveau eines Aris­to­te­les, Goe­the oder Marx« eines Tages erhe­ben wer­den (wie Leo Trotz­ki ima­gi­nier­te4), son­dern ein Land, das von Hun­ger, krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, Man­gel­wirt­schaft, Infla­ti­on und staat­li­cher Gewalt gezeich­net war. Im Bür­ger­krieg kamen vie­le Pfer­de ums Leben, sodass nicht genug Tie­re in den Dör­fern vor­han­den waren, um die Fuhr­wer­ke und Pflü­ge zu zie­hen. Kur­zer­hand lässt Münch­hau­sen die ver­blie­be­nen Pfer­de in zwei Hälf­ten zer­sä­gen, »wodurch sich ihre Men­ge ver­dop­pel­te«. Die Vor­der­bei­ne wer­den vor die Fuhr­wer­ke, die Hin­ter­bei­ne vor die Pflü­ge gespannt, und schon ist das Pro­blem beho­ben. Wenn die sowje­ti­sche Regie­rung »mei­nen Stand­punkt [in der Volks­wirt­schaft] ein­ge­nom­men, hät­te sie die Jah­re von Ver­fall und Ver­ar­mung ver­mei­den kön­nen«, gibt Münch­hau­sen in einem Vor­trag vor eng­li­schem Publi­kum zum Bes­ten.5

 

Genosse Münchhausen unterwegs in der Sowjetunion - Szenenfoto aus Genosse Münchhausen (Wolfgang Neuss, 1962)

Genos­se Münch­hau­sen unter­wegs in der Sowjet­uni­on — Sze­nen­fo­to aus Genos­se Münch­hau­sen (Wolf­gang Neuss, 1962)

Auf sei­ner beschwer­li­chen Rei­se kommt sein Zug immer wie­der ins Sto­cken. Die Loko­mo­ti­ve wird mit Büchern gefüt­tert, doch der Maschi­nist ist ein Pro­fes­sor, der jedes Buch gele­sen haben muss, ehe er es dem Feu­er über­ant­wor­tet. Wenn »er es von einer Schwel­le bis zur ande­ren nicht durch­ge­le­sen hat«, bemerkt jemand, »wirft er es noch nicht in die Feue­rung, nein, nein. So fah­ren wir von einem Holz­scheit zum ande­ren, das heißt von einem Buch zum ande­ren […].«6 In der neu­en Zeit, in der Lenin das Kino zur wich­tigs­ten Kunst des 20. Jahr­hun­derts erklär­te7, gel­ten Bücher als nutz­lo­se Din­ge. In ers­ter Linie geht es dar­um, die Mas­sen in den Städ­ten und auf dem Land mit­tels kom­mu­nis­ti­scher Pro­pa­gan­da zu erzie­hen, und dies soll­te mit­tels einer fil­mi­schen »Fabrik der Fak­ten« bewerk­stel­ligt wer­den. Der Doku­men­tar­fil­mer Dzi­ga Ver­tov träum­te im Sin­ne der »leni­nis­ti­schen Film-Wahr­heit« von »Orka­nen von Fak­ten«, die über das Land feg­ten und im Sturm die neu­en Men­schen zum Leben erweck­ten.8 Die­se Kino-Fabrik der Fak­ten lie­fer­te jedoch weni­ger eine Refle­xi­on der Wirk­lich­keit, son­dern trug eher zu einer Mytho­lo­gi­sie­rung des sozia­lis­ti­schen Auf­baus in der Sowjet­uni­on bei und betrieb (mit den Wor­ten der Film­kri­ti­ke­rin Annet­te Michel­son) »eine kom­mu­nis­ti­sche Deko­die­rung der Welt als sozia­len Text«9.

 

Sigismund Krzyzanowski: Münchhausens Rückkehr (Dörlemann, 2018)

Sigis­mund Krzyża­now­ski: Münch­hau­sens Rück­kehr (Dör­le­mann, 2018)

Schließ­lich ist der »Lie­fe­rant von Phan­tas­men und Sen­sa­tio­nen« selbst von den rea­len Ver­hält­nis­sen über­rollt, in denen Fak­ten sich in Phan­tas­men ver­wan­delt hat­ten und »das gan­ze Spiel auf den Kopf« gestellt war, und aus Baron Münch­hau­sen war »Genos­se Münch­hau­sen« gewor­den, der in einem »gren­zen­lo­sen Land der Phan­ta­sie« leb­te. »All mei­ne Phat­an­si­en sind ver­spielt«, resü­miert er und ver­schwin­det als Buch­we­sen in einer Welt­flucht wie­der im Buch.10 Den­noch sind die »Phan­tas­men« (bei Marx hie­ßen sie »Spuk«11) in der »post-fak­ti­schen« Welt längst domi­nant. Der Geist lässt sich nicht ins Buch ver­ban­nen.

 

Sigismund Krzyzanowski

Sigis­mund Krzyża­now­ski

Münch­hau­sens Rück­kehr konn­te wie das gesam­te erzäh­le­ri­sche Werk Krzyża­now­skis zu Leb­zei­ten des Autors nicht erschei­nen. Bereits in den Jah­ren zwi­schen 1924 und 1928 wur­de – wie Chi­na Mié­vil­le in sei­ner Geschich­te der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on schreibt – die Atmo­sphä­re in Russ­land zuneh­mend gif­ti­ger12, und in den Jah­ren danach blie­ben non­kon­for­mis­ti­sche Autoren vom Lite­ra­tur­be­trieb aus­ge­schlos­sen, wenn sie nicht gar den sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen zum Opfer fie­len. Sei­ne Stel­le bei der Gro­ßen Sowje­ti­schen Enzy­klo­pä­die kün­dig­te Krzyża­now­ski mit dem iro­ni­schen Hin­weis auf sei­ne miss­lun­ge­ne »Umwand­lung aus einem Men­schen in einen Beam­ten« und wid­me­te sich auf engem Raum dem Schrei­ben und dem Alko­hol.13 Den an Anspie­lun­gen rei­chen Roman hat Doro­thea Trot­ten­berg zeit­ge­mäß ins Deut­sche über­tra­gen und mit erläu­tern­den Anmer­kun­gen ver­se­hen. »Mein gan­zes schwie­ri­ges Leben lang war ich eine lite­ra­ri­sche Unper­son, die red­lich dar­auf­hin arbei­te­te, exis­tent zu sein«14, sag­te Krzyża­now­ski. All­mäh­lich tritt er aber auch im deutsch­spra­chi­gen Raum aus dem Schat­ten der lite­ra­ri­schen Nicht­exis­tenz her­aus.

 

Bibliografische Angaben:

Sigis­mund Krzyża­now­ski.
Münch­hau­sens Rück­kehr.
Aus dem Rus­si­schen über­setzt von Doro­thea Trot­ten­berg.
Nach­wort von Tho­mas Grob.
Zürich: Dör­le­mann Ver­lag, 2018.
240 Sei­ten, 22 Euro.
ISBN: 9783038200598.

Bildquellen



Sze­nen­fo­tos aus Münch­hau­sens Aben­teu­er — © Meschrab­pom

Sze­nen­fo­to aus Genos­se Münch­hau­sen — © CineGraph/Bundesarchiv/absolut MEDIEN GmbH

Cover Münch­hau­sens Rück­kehr — © Dör­le­mann Ver­lag

Por­trät­fo­to von Sigis­mund Krzyża­now­ski — © Dör­le­mann Ver­lag

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Pok­hozh­deni­ya Myunkhgau­se­na, UdSSR 1929, Lauf­zeit: 18 Minu­ten, Regie: Daniil Cher­kes, Ani­ma­ti­on: Daniil Cher­kes, Ivan Iva­nov-Vano, Vla­di­mir Sutey­ev, Vera Vale­rina­no­va
  2. Sigis­mund Krzyża­now­ski, Münch­hau­sens Rück­kehr, übers. Doro­thea Trot­ten­berg (Zürich: Dör­le­mann, 2018), S. 20–21
  3. Krzyża­now­ski, Münch­hau­sens Rück­kehr, S. 78
  4. Leo Trotz­ki, »Lite­ra­tur und Revo­lu­ti­on« (1924), in: Trotz­ki, Denk­zet­tel: Poli­ti­sche Erfah­run­gen im Zeit­al­ter der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on, hg. Isaac Deut­scher, Geor­ge Novack und Hel­mut Dah­mer, übers. Har­ry Maòr (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 365, 371
  5. Krzyża­now­ski, Münch­hau­sens Rück­kehr, S. 84
  6. Krzyża­now­ski, Münch­hau­sens Rück­kehr, S. 90
  7. V. I. Lenin, »Direc­tives on the Film Busi­ness«, https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1922/jan/17.htm
  8. Dzi­ga Ver­tov, »The Fac­to­ry of Fac­ts« (1926), in: Kino-Eye: The Wri­tings of Dzi­ga Ver­tov, hg. Annet­te Michel­son, übers. Kevin O’Bri­en (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1984), S. 56–58
  9. Annet­te Michel­son, Ein­lei­tung zu Kino-Eye, S. xiv
  10. Krzyża­now­ski, Münch­hau­sens Rück­kehr, S. 193, 195, 198, 199
  11. Karl Marx und Fried­rich Engels, »Die deut­sche Ideo­lo­gie«, MEW, Bd. 3 (Berlin/DDR: Dietz, 1983), S. 38
  12. Chi­na Mié­vil­le, Octo­ber: The Histo­ry of the Rus­si­an Revo­lu­ti­on (Lon­don: Ver­so, 2017), S. 314
  13. Wadim Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, in: Krzyża­now­ski, Lebens­lauf eines Gedan­kens, hg. Wadim Per­el­mu­ter, übers. Ire­ne Stro­bel (Leip­zig: Gus­tav Kie­pen­heu­er Ver­lag, 1991), S. 394
  14. Per­el­mu­ter, »Vom Nach­teil, begabt zu sein«, S. 410

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Andrej Platonow: Tschewengur

Die Utopie in den Augen toter Fische

 

Andrej Platonows jahrzehntelang verbotener Roman Tschewengur liegt in einer überarbeiteten Neuausgabe vor

 

Von Jörg Auberg

 

Filmplakat Oktober (Sergej M. Eisenstein, 1927)

Film­pla­kat Okto­ber (Ser­gej M. Eisen­stein, 1927)

Im Jah­re 1927 fei­er­ten die sowje­ti­schen Macht­ha­ber ihr »Oktober«-Jubiläum mit einer Heroi­sie­rung ihrer zehn­jäh­ri­gen Herr­schaft. In Fil­men wie Okto­ber (Ser­gej M. Eisen­stein), Das Ende von Sankt Peters­burg (Wse­wo­lod Podow­kin), Der Fall der Dynas­tie Roma­now und Der Gro­ße Weg (bei­de Esther Schub) erleb­te nicht nur der sowje­ti­sche »Mon­ta­ge­film« sei­nen Höhe­punkt, son­dern es war auch der Abge­sang auf die Uto­pi­en der Revo­lu­ti­on. »Revo­lu­ti­on und Klas­sen­krieg waren die epi­schen The­men des gro­ßen Stumm­films«, resü­mier­te Dwight Mac­do­nald 1938 in einem Rück­blick auf die »Glanz­zei­ten« des sowje­ti­schen Kinos. »Die Ein­füh­rung des ers­ten Fünf­jah­res­pla­nes 1928 rief nach neu­en The­men – Indus­tria­li­sie­rung und Kol­lek­ti­vie­rung –, die schwer zu dra­ma­ti­sie­ren waren.«1

An die­ser Bruch­stel­le – zwi­schen 1926 und 1929 – ent­stand Andrej Pla­to­nows Roman Tsche­wen­gur, der eben­falls die Geschich­te der Sowjet­uni­on von der Revo­lu­ti­on über den Bür­ger­krieg bis zur »Neu­en Öko­no­mi­schen Poli­tik« the­ma­ti­sier­te, jedoch an den zuneh­mend auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren der sowje­ti­schen Büro­kra­tie schei­ter­te. Als Pla­to­now bei der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Romans auf Wider­stän­de der staat­li­chen Zen­sur stieß, such­te er Unter­stüt­zung bei Maxim Gor­ki, doch die­ser fühl­te sich von der »anar­chis­ti­schen Ten­denz« des Romans abge­sto­ßen. Die Prot­ago­nis­ten erschie­nen ihm wie »komi­sche Käu­ze« oder »Halb­ver­rück­te«, wel­che die Revo­lu­ti­on in Ver­ruf brach­ten. Zwar konn­te Pla­to­now Tei­le des Romans in Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­li­chen, doch ver­schwand das Werk in der Sowjet­uni­on bis 1988 in den Kata­kom­ben des »Unles­ba­ren«.2

 

Utopie und Gewalt


Plato­nows Roman beschreibt ein­drück­lich das Jahr­zehnt vom Sturz des zaris­ti­schen Regimes bis zum Auf­stieg der sta­li­nis­ti­schen Herr­schaft in Zyklen von »Uto­pie und Gewalt«, wie die Zeit­schrift Ost­eu­ro­pa 2016 ihre Pla­to­now-Spe­zi­al­num­mer pro­gram­ma­tisch für das Schrei­ben die­ses Autors in der »revo­lu­tio­nä­ren Moder­ne« der 1920er Jah­re beti­tel­te.3 Der »Auf­bau des Sozia­lis­mus« in der Sowjet­uni­on war von Anbe­ginn von einem »Gewal­t­rausch« an Mensch und Natur gekenn­zeich­net. Im rück­stän­di­gen Russ­land fehl­ten die Vor­aus­set­zun­gen für die his­to­ri­sche Rea­li­sie­rung eines sozia­lis­ti­schen Pro­jekts. »Sozia­lis­mus setzt Kapi­ta­lis­mus vor­aus – oder zumin­dest die Errun­gen­schaf­ten des Kapi­ta­lis­mus«, merk­te Her­bert Mar­cu­se in sei­ner Stu­die Die Gesell­schafts­leh­re des sowje­ti­schen Mar­xis­mus (1958) an, »näm­lich einen hohen Grad an Indus­tria­li­sie­rung, eine hohe Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät, aus­ge­bil­de­te und dis­zi­pli­nier­te Arbeits­kräf­te.«4 In den vom Kapi­ta­lis­mus unbe­rühr­ten Land­schaf­ten konn­ten die Vor­aus­set­zun­gen des Sozia­lis­mus aus­schließ­lich mit bra­chia­ler Gewalt her­ge­stellt wer­den, womit das huma­ni­tä­re Ziel des Sozia­lis­mus – die Ver­bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen der Indi­vi­du­en – auf den Kopf gestellt und schließ­lich ad absur­dum geführt wur­de.

 

Utopie und Gewalt - Andrej Platonow: Die Utopie schreiben (Spezialnummer der Zeitschrift Osteuropa, 2016)

Uto­pie und Gewalt — Andrej Pla­to­now: Die Uto­pie schrei­ben (Spe­zi­al­num­mer der Zeit­schrift Ost­eu­ro­pa, 2016)

Wäh­rend des Bür­ger­krie­ges zwi­schen 1918 und 1921 arbei­te­te Pla­to­now als Inge­nieur für die Eisen­bahn, um den Nach­schub für die Rote Armee im Kampf gegen die »Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re« – »Weiß­gar­dis­ten«, Anar­chis­ten oder Ban­di­ten – auf­recht zu erhal­ten. In der leni­nis­ti­schen Ratio sym­bo­li­sier­te die Loko­mo­ti­ve den unauf­halt­sa­men Fort­schritt der Geschich­te, der sich – unge­ach­tet der herr­schen­den Wid­rig­kei­ten und Fähr­nis­se – sei­ne Bahn such­te. Für Pla­to­now war die Maschi­nen­tech­no­lo­gie das Mit­tel zur völ­li­gen Umge­stal­tung der Ver­hält­nis­se auf dem Pla­ne­ten. In sei­ner Uto­pie ima­gi­nier­te er – blind für die Fol­ge­schä­den – ein Pro­jekt der »revo­lu­tio­nä­ren Erd­er­wär­mung«, ein »Sibi­ri­en ohne Eis«, einen gro­ßen Ansturm auf die Geschich­te und die Natur, der rea­li­ter auf eine Ver­ge­wal­ti­gung der bis­he­ri­gen Gege­ben­hei­ten hin­aus­lief. »Wir müs­sen dafür sor­gen«, schrieb er in den Jah­ren zwi­schen 1923 und 1926, »dass die Mensch­heit sich über den gan­zen Erd­ball aus­brei­tet, indem wir die­sen von den Polen bis zu den Tro­pen gleich­wer­tig und ange­nehm gestal­ten. Der Mensch ist nicht nur Kolum­bus, er ist auch Mecha­ni­ker sei­nes Pla­ne­ten.«5 Ohne Rück­sicht auf Nach­hal­tig­keit über­nahm Pla­to­now Lenins Glau­ben »an den expe­ri­men­tel­len und vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter der rus­si­schen Revo­lu­ti­on« (den Mar­cu­se als Vor­bo­ten der sta­li­nis­ti­schen Poli­tik cha­rak­te­ri­sier­te) und über­ant­wor­te­te sich und sein Werk der sowje­ti­schen »Gene­ral­li­nie«, obgleich die herr­schen­de Kul­tur­bü­ro­kra­tie ihn bis zu sei­nem Tod als »Unper­son« klas­si­fi­zier­te.

 

Technik als Befreiung von der Arbeit


Auf die rück­schritt­li­chen Land­schaf­ten Russ­lands pro­ji­zier­te Pla­to­now eine »tech­ni­fi­zier­te« Befrei­ung der Arbei­ter und Bau­ern von der Müh­sal der täg­li­chen Arbeit. »Die Elek­tri­fi­zie­rung der Welt ist ein Schritt zu unse­rem Erwa­chen aus dem Schlaf der Arbeit – der Beginn der Befrei­ung von der Arbeit«, schrieb er 1920, »die Über­tra­gung der Pro­duk­ti­on auf die Maschi­ne, der Beginn einer wahr­haft neu­en, alle Vor­stel­lun­gen spren­gen­den Lebens­form. […] Die Elek­tri­fi­zie­rung ist die Ver­wirk­li­chung des Kom­mu­nis­mus in der Mate­rie – in Stein, Metall und Feu­er.«6

 

Andrej Platonow: Tschewengur (Suhrkamp, 2018)

Andrej Pla­to­now: Tsche­wen­gur (Suhr­kamp, 2018)

In sei­nem Roman Tsche­wen­gur domi­niert zunächst nicht die Uto­pie eines bes­se­ren Lebens, son­dern die Schwer­kraft des Bestehen­den. In der süd­rus­si­schen Step­pe sind ihre Bewoh­ner von den Gege­ben­hei­ten ihres Daseins über­wäl­tigt, da sie es nicht ver­mö­gen, einen Ein­klang mit der Natur her­zu­stel­len. Stets schon sind die Step­pen­be­woh­ner »zer­mürbt von der Not«7 oder heim­ge­sucht von der Dür­re, die sich in der Fri­gi­di­tät der Repro­duk­ti­ons­fä­hig­keit ankün­digt. In der archai­schen Vor­stel­lungs­welt ist das »Brach­lie­gen« des weib­li­chen Kör­pers ein über­sinn­li­cher Hin­weis auf den kom­men­den Hun­ger, ohne dass sich die Step­pen­be­woh­ner jemals über die eige­ne Wahr­neh­mung als Opfer der über­mäch­ti­gen Ver­hält­nis­se der Natur hin­aus bewe­gen noch dass sie eine Ver­ant­wor­tung für ihr Dasein in den Land­schaf­ten über­neh­men.


In der Figur des Sascha Dwanow lie­fert Pla­to­now selbst einen auto­bio­gra­fi­schen Blick auf die schein­bar aus­sichts­lo­se Lage der länd­li­chen Bevöl­ke­rung in der Step­pe. Dwanows Vater, ein Fischer, ertränkt sich selbst und über­lässt sei­nen Sohn einem unge­wis­sen Schick­sal. »Der Fischer beob­ach­te­te jah­re­lang den See und dach­te immer nur über eines nach – über das Rät­sel des Todes.«8 Die­ses Rät­sel schien sich in den stum­men, aus­drucks­lo­sen Augen toter Fische auf­zu­lö­sen. Sascha kommt zunächst in einer kin­der­rei­chen Fami­lie unter, doch schließ­lich wird er als »über­flüs­si­ger Esser«9 in die Step­pe ver­trie­ben.

 

Lokomotive des Zuges, mit dem Lenin am 3. April 1917 in St. Petersburg ankam

Loko­mo­ti­ve des Zuges, mit dem Lenin am 3. April 1917 in St. Peters­burg ankam

In der Zeit der Revo­lu­ti­on und des Bür­ger­krie­ges arbei­tet Sascha bei der Eisen­bahn. Die Loko­mo­ti­ve ver­liert zuneh­mend ihre Antriebs­kraft, wird lang­sam, stockt im Betrieb. »Der sowje­ti­sche Ver­kehr ist das Gleis für die Loko­mo­ti­ve der Geschich­te«10, zitiert Pla­to­now den Spruch eines Pro­pa­gan­da­pla­ka­tes. Die­ses Gleis führt ins Nir­gend­wo der kom­mu­nis­ti­schen Stadt Tsche­wen­gur, in der eine klei­ne bol­sche­wis­ti­sche Avant­gar­de die Rea­li­sie­rung des Kom­mu­nis­mus für sich in Anspruch nimmt. Zusam­men mit dem qui­jo­ti­schen Rei­ter Kop­jen­kin, der auf einer Rosi­nan­te-Nach­fol­ge­rin namens »Pro­le­ta­ri­sche Kraft« unter­wegs ist und Rosa Luxem­burg als eine Dul­ci­nea von Tobo­so im revo­lu­tio­nä­ren Zeit­al­ter ver­klärt, nimmt Dwanow den uto­pi­schen Ort in Augen­schein: »Hier ist Kom­mu­nis­mus und umge­kehrt«.11
Die Uto­pie äußert sich in der tota­len Gewalt, denn die Satra­pen der bol­sche­wis­ti­schen Herr­schaft mer­zen die »Burs­huis«, die Ver­tre­ter der Bour­geoi­sie und des Klein­bür­ger­tums, gna­den­los aus, ohne jedoch zum Ziel der uto­pi­schen Glück­se­lig­keit zu gelan­gen. Die Geschich­te endet mit einem neu­er­li­chen Gemet­zel: Kosa­ken drin­gen in die Stadt ein, und in der Schlacht kommt Kop­jen­kin um. Auf des­sen Pferd rei­tet Dwanow davon, um mit ihm in den See zu rei­ten, in dem schon sein Vater »in Todes­neu­gier gegan­gen war«.12

 

Destruktion und Vernichtung


In Pla­to­nows Roman ist die Uto­pie das Resul­tat der tota­len Zer­stö­rung: Bour­geoi­sie und Klein­bür­ger­tum fal­len der Exter­mi­na­ti­on zum Opfer; das erträum­te Ende der Geschich­te ist nicht mehr als eine Erstar­rung jeg­li­cher Krea­ti­vi­tät und Schrei­ben wird als Tech­nik der Unter­drü­ckung der illi­te­ra­ten Mas­sen dia­bo­li­siert – am Ende war­tet nur der Tod.


Für Joseph Brods­ky stand Pla­t­a­now in einer Rei­he mit Franz Kaf­ka und Samu­el Beckett als Autor einer Lite­ra­tur des Absur­den. Der eng­li­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ker John Bay­ley kri­ti­sier­te jedoch an Tsche­wen­gur (als der Roman erst­mals ins Eng­li­sche über­tra­gen wur­de) einen »Man­gel an Form«. In sei­nen Augen blieb Pla­to­now ein Autor, des­sen Ein­fluss auf ande­re wich­ti­ger war als sein eige­ner künst­le­ri­scher Sta­tus.13 Die­ses Urteil wird Pla­to­now jedoch nicht gerecht. Tref­fen­der ist die Kri­tik Pier Pao­lo Paso­li­nis, der Pla­to­now eine unver­gess­li­che Poe­tik attes­tier­te. »Nur schwer­lich gibt es eine Sei­te«, schrieb Paso­li­ni 1972 in einer Rezen­si­on der ita­lie­ni­schen Über­set­zung des Romans, »auf der man nicht leben­dig und gegen­wär­tig – in kur­zen, über­rei­chen Bemer­kun­gen, die das Bes­te sind – die Erzäh­ler­stim­me jenes wun­der­ba­ren Dich­ters ver­näh­me, der Pla­to­now ist.«14 Die­sem Urteil ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.

 


Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Andrej Pla­to­now.
Tsche­wen­gur. Die Wan­de­rung mit offe­nem Her­zen.
Roman.
Über­setzt aus dem Rus­si­schen von Rena­te Reschke.
Nach­wort von Hans Gün­ther.
Dia­lo­gi­scher Essay von Ingo Schul­ze und Dže­vad Karaha­san.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2018.
581 Sei­ten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783518428030.

 

Bildquellen



Film­pla­kat Okto­ber — Unbe­kann­ter Autor [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons

Foto Lenins Loko­mo­ti­ve (1916) — James G. How­es [Attri­bu­ti­on], via Wiki­me­dia Com­mons

Cover Uto­pie und Gewalt — © Zeit­schrift Ost­eu­ro­pa

Cover Tsche­wen­gur — © Suhr­kamp Ver­lag

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 8 (August 2018)
© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Dwight Mac­do­nald, On Movies (1969; rpt. New York: DaCa­po Press, 1981), S. 201
  2. Hans Gün­ther, Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S.67
  3. Man­fred Sap­per und Vol­ker Weich­sel, »Uto­pie und Gewalt: Andrej Pla­to­nov lesen«, in: Ost­eu­ro­pa, 66:8–10 (2016), S. 5–6
  4. Her­bert Mar­cu­se, Die Gesell­schafts­leh­re des sowje­ti­schen Mar­xis­mus (Schrif­ten, Bd. 6) (Sprin­ge: zu Klam­pen, 2004), S. 58
  5. Andrej Pla­to­now, »Über die Ver­bes­se­rung des Kli­mas«, in: Ost­eu­ro­pa, 66:8–10, S. 9
  6. Andrej Pla­to­now, »Die Elek­tri­fi­zie­rung (All­ge­mei­ne Begrif­fe)«, in: Ost­eu­ro­pa, 66:8–10, S. 242
  7. Andrej Pla­to­now, Tsche­wen­gur, übers. Rena­te Reschke (Ber­lin: Suhr­kamp, 2018), S. 28
  8. Pla­to­now, Tsche­wen­gur, S. 13
  9. Pla­to­now, Tsche­wen­gur, S. 39
  10. Pla­to­now, Tsche­wen­gur, S. 133
  11. Pla­to­now, Tsche­wen­gur, S. 275
  12. Pla­to­now, Tsche­wen­gur, S. 535
  13. John Baley, »The Bro­ken Spi­ne«, New York Review of Books, 3. Mai 1979, https://www.nybooks.com/articles/1979/05/03/the-broken-spine/)
  14. Pier Pao­lo Paso­li­ni, »Unver­gess­li­che Poe­tik: Andrej Pla­to­novs Čeven­gur«, in: Ost­eu­ro­pa, 66:8–10, S. 408

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Andrej Platonow: Die Baugrube

Die Schwermut der Vergeblichkeit

Andrej Platonows Roman Die Baugrube liegt in einer deutschen Neuübersetzung vor

Von Jörg Auberg

 

Szene aus Dziga Vertovs Donbass-Sinfonie (1930)

Sze­ne aus Dzi­ga Ver­tovs Don­bass-Sin­fo­nie (1930)

Als die Gro­ße Depres­si­on die west­li­che Welt ergriff, galt vie­len das »sowje­ti­sche Expe­ri­ment« als Gegen­ent­wurf zur kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft. In der west­li­chen Ima­gi­na­ti­on war dort die Uto­pie einer ande­ren, bes­se­ren Gesell­schaft am Werk. Die Bil­der des »sozia­lis­ti­schen Auf­baus« ver­mit­tel­ten sich in Fil­men wie Dzi­ga Ver­tovs Enthu­si­as­mus (1930; dt. Die Don­bass-Sin­fo­nie), der noch heu­te als Meis­ter­werk des frü­hen Ton­films gilt. Mit sei­ner Mon­ta­ge von Fabrik­lärm, Pfeif­tö­nen von Loko­mo­ti­ven und Arbei­ter­lie­dern sowie sei­ner Ästhe­ti­sie­rung der Arbeit im Sin­ne der »sowje­ti­schen Uto­pie« ver­herr­lich­te er die Indus­tria­li­sie­rung eines rück­stän­di­gen Agrar­staa­tes und die abso­lu­te Unter­wer­fung der Natur unter die rigo­ro­se Herr­schaft einer »neu­en Mensch­heit«, die letzt­lich mit einer auf die blo­ße öko­no­mi­sche Not­wen­dig­keit redu­zier­ten Blind­heit gegen­über dem »Sechs­tel der Erde« (wie die Sowjet­uni­on in einem frü­he­ren Ver­tov-Film titu­liert wur­de) geschla­gen war.

Szene aus Dziga Vertovs Donbass-Sinfonie (1930)

Sze­ne aus Dzi­ga Ver­tovs Don­bass-Sin­fo­nie (1930)

In einer Sze­ne von Enthu­si­as­mus wird die »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on« pro­pa­giert: Wäh­rend eine Kir­che als Sinn­bild der alten Welt zer­stört wird, zeich­net sich am Hori­zont sche­men­haft das Neue ab. Die »Schat­ten der Ver­gan­gen­heit« wer­den, schrieb Ver­tov, in einem »revo­lu­tio­nä­ren Sprung« aus der Gegen­wart gesprengt und müs­sen den Akteu­ren der »neu­en Zeit« wei­chen, den »Pio­nie­ren«, »Kom­so­mol­zen« und »Funk­ama­teu­ren«, die »im Radio den Marsch ›Letz­ter Sams­tag‹ hören«.1 Der revo­lu­tio­nä­re Fünf­jah­res­plan ent­lädt sich im dunk­len Qualm der Fabrik­schlo­te, und im »Rhyth­mus des sozia­lis­ti­schen Auf­baus« (wie es Owen Hather­ley in sei­nem Buch The Chap­lin Machi­ne nennt) wer­den alle Unter­wor­fe­nen zu blo­ßen Ele­men­ten tay­lo­ris­ti­scher Übun­gen. Im Monu­men­tal­pro­jekt der sowje­ti­schen Moder­ni­sie­rung wan­dert der Kapi­ta­lis­mus in Form for­dis­ti­scher Tech­nik durch die Hin­ter­tür in den uto­pi­schen Raum ein und zer­stört den Traum einer bes­se­ren Gesell­schaft.2

 

Eine ande­re Sicht­wei­se auf die sowje­ti­sche Rea­li­tät jener Jah­re bie­tet Andrej Pla­to­nows im Jah­re 1930 ent­stan­de­ner Roman Die Bau­gru­be, der in der Sowjet­uni­on erst 1987 in der End­pha­se der Pere­stroi­ka erschei­nen konn­te und nun in einer von Gabrie­le Leu­pold erstell­ten Neu­über­set­zung auch auf Deutsch vor­liegt. Im Zen­trum des Romans steht der Bau eines gigan­ti­schen Tur­mes, eines »gemein­pro­le­ta­ri­schen Hau­ses«, »in dem sich zur lebens­lan­gen glück­li­chen Ansied­lung die Werk­tä­ti­gen des gesam­ten Erd­balls nie­der­las­sen wer­den«.3 In sei­ner mega­lo­ma­ni­schen Dimen­si­on ist die­ses uto­pi­sche Pro­jekt jedoch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Zugleich ist es ver­wo­ben mit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der Bau­ern, die sich am Rand der Bau­gru­be ein­fin­den, um ihre Sär­ge ein­zu­for­dern, in denen sie ihr Leben beschlie­ßen wol­len, da ihnen die Exis­tenz­grund­la­ge genom­men wur­de.

Haupt­fi­gur des Romans ist der Melan­cho­li­ker Woscht­schew, der wegen des Nach­den­kens über den »Plan des Lebens« ent­las­sen wur­de und als Arbei­ter an der Bau­stel­le anfängt, wo er uner­müd­lich gräbt, ohne dass er auf den »Sinn des Lebens« stößt. Wie Pla­to­now selbst ist er zwi­schen Uto­pie und Skep­sis gegen­über dem Pro­jekt zer­ris­sen: Einer­seits ist er von »Hin­fäl­lig­keit einer über­leb­ten Welt« über­zeugt, ande­rer­seits wür­gen ihn der »Grütz­brei des Kom­mu­nis­mus« oder die »Feuch­tig­keit des lee­ren Ortes«.4

Im tota­len, durch­aus wohl­mei­nen­den Sys­tem der Mensch­heits­be­glü­ckung wer­den auch die neu­en Tech­no­lo­gi­en wie Radio und Film als »sozia­le Medi­en« begrif­fen (»Ich möch­te mei­ne Erfah­rung tei­len«, beti­tel­te Ver­tov einen sei­ner Auf­sät­ze aus dem Jah­re 1934). Pla­to­now jedoch sieht den Ein­satz der »neu­en Medi­en« kri­tisch: Im Bau­pro­jekt kommt ein Radiotrich­ter zur stän­di­gen Beschal­lung der Arbei­ter zum Ein­satz, der »immer­fort wie ein Schnee­sturm« arbei­tet. Ähn­lich wie Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no blieb Pla­to­now gegen­über den »Mas­sen­me­di­en« skep­tisch. »Emp­feh­lung wird zum Befehl«, und das Wort geht über in Kom­man­do und Dik­tat. Am Ende steht schließ­lich die blan­ke Herr­schaft.5

Andrej Platonow: Die Baugrube (Suhrkamp, 2016)

Andrej Pla­to­now: Die Bau­gru­be (Suhr­kamp, 2016)

In der Viel­schich­tig­keit des Tex­tes bleibt die Geschich­te Kon­struk­ti­on und wider­setzt sich einer ein­fa­chen Dar­stel­lung. In der End­fas­sung ist nur ein Sieb­tel des ursprüng­li­chen Tex­tes ent­hal­ten, schreibt die Über­set­ze­rin Gabrie­le Leu­pold in ihrem Nach­wort. »Nie darf man klein­lich sein beim Strei­chen«6, riet Theo­dor W. Ador­no. Bei Pla­to­now wird der Text bis zur Kennt­lich­keit ver­knappt: »so gräbt man Grä­ber, kei­ne Häu­ser«7, heißt es an einer Stel­le, wobei die Häu­ser zu Grä­bern wer­den. An einer ande­ren, par­odis­tisch kon­no­tier­ten Stel­le kon­tras­tiert er die herr­schaft­li­che »Gene­ral­li­nie« mit der Absur­di­tät des »links­ra­di­ka­len Sumpf[es] des rech­ten Oppor­tu­nis­mus«.8

Zu Recht hebt Leu­pold her­vor, dass die Spra­che »der eigent­li­che Akteur im Roman – und eine Her­aus­for­de­rung für die Leser« sei.9 Bereits der Anfang des Romans beschwört  in sei­ner sprach­li­chen »Eigen­tüm­lich­keit« die Beson­der­heit der his­to­ri­schen Situa­ti­on. »Am drei­ßigs­ten Jah­res­tag sei­nes per­sön­li­chen Lebens gab man Woscht­schew die Abrech­nung von der klei­nen Maschi­nen­fa­brik, wo er die Mit­tel für sei­ne Exis­tenz beschaff­te.«10 Im schein­bar uto­pi­schen Raum des »sowje­ti­schen Expe­ri­ments« müs­sen die Indi­vi­du­en, die kei­ne Indi­vi­du­en mehr sein dür­fen, den Nach­weis erbrin­gen, ob sie nütz­lich für die Welt sein könn­ten oder ob die­se »glück­lich« ohne sie aus­kä­me. In sei­ner rest­los büro­kra­ti­schen Ver­si­on käme der Sozia­lis­mus ohne sie aus, und sie wür­den »kre­pie­ren«, geben die offi­zi­el­len Ver­tre­ter des Sys­tems zu Pro­to­koll. Dass sie damit die gesam­te Idee einer bes­se­ren und gerech­te­ren Gesell­schaft ad absur­dum füh­ren, ist ihnen nicht bewusst, da sie das Den­ken im Sin­ne einer gedan­ken­lo­sen Ideo­lo­gie längst auf­ge­ge­ben haben. Der Melan­cho­li­ker Woscht­schew ver­wahrt zwar im Geheim­fach sei­nes Sackes »alle mög­li­chen Unglücks- und Ver­ges­sen­heits­din­ge«11, doch hilft ihm dies auch nicht, gegen das tri­um­phie­ren­de Sys­tem anzu­kom­men. Es domi­nie­ren »die all­ge­mei­ne Trau­rig­keit des Lebens und die Schwer­mut der Ver­geb­lich­keit«12.

Lei­der rui­niert der Ver­lag die­se ver­dienst­vol­le Neu­über­set­zung, zu der Gabrie­le Leu­pold  aus­führ­li­che Anmer­kun­gen zum his­to­ri­schen Ver­ständ­nis des Tex­tes bei­steu­ert, mit einem über­flüs­si­gen Nach­wort der Suhr­kamp-Haus­au­torin Sibyl­le Lewit­schar­off, die sich vor allem mit nar­ziss­ti­schen Bekennt­nis­sen in den Vor­der­grund rückt – »Ich wur­de mit dem Roman bekannt, als …« oder »Ich ken­ne kei­nen ande­ren Roman …« –, ohne dass sie in der Lage wäre, auch nur einen ori­gi­nä­ren Gedan­ken zu pro­du­zie­ren. Statt­des­sen trak­tiert sie die Leser mit For­mu­lie­run­gen wie »Ent­schul­di­gungs­ge­mur­mel«, »ver­filz­te Komik« oder »Hei­ter­keits­frö­sche«.13

 

Hans Günther:  Andrej Platonow (Suhrkamp 2016)

Hans Gün­ther: Andrej Pla­to­now (Suhr­kamp 2016)

Dage­gen bie­tet die kon­zi­se und fun­dier­te Pla­to­now-Mono­gra­fie des Sla­wis­ten Hans Gün­ther eine nütz­li­che Ein­füh­rung zum Werk Pla­t­a­nows. Im ers­ten Teil lie­fert er einen bio­gra­fi­schen Abriss, wäh­rend er im zwei­ten Teil detail­reich das pro­sai­sche und dra­ma­ti­sche Werk Pla­to­nows vor­stellt. Ein Über­blick über die Wir­kung des Wer­kes Pla­t­a­nows nach sei­nem frü­hen Tod im Jah­re 1951 und eine aus­führ­li­che Biblio­gra­fie run­den die­sen über­aus nütz­li­chen Band ab. Obwohl Pla­to­now sich nie vom »sowje­ti­schen Pro­jekt« distan­zier­te, kata­pul­tier­te ihn den­noch sei­ne kri­ti­sche Stand­fes­tig­keit in ein »Leben im Schat­ten«14, wie Gün­ther schreibt. Am Ende führ­te er eine nur noch am Ran­de der sowje­ti­schen Lite­ra­tur gedul­de­te Exis­tenz. Den­noch über­dau­er­te er die Zeit als einer der wich­tigs­ten Autoren die­ser Epo­che.

 

 

 Bibliografische Angaben:

Andrej Pla­to­now.
Die Bau­gru­be.
Aus dem Rus­si­schen über­setzt, mit Kom­men­ta­ren und einem Nach­wort ver­se­hen von Gabrie­le Leu­pold.   
Mit einem Essay von Sibyl­le Lewit­schar­off.
Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag, 2016.
240 Sei­ten, 24,00 EUR.

Hans Gün­ther.
Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung.
Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2016.
148 Sei­ten, 14,00 EUR.

 

Bildquellen



Sze­nen­fo­tos Dzi­ga Ver­tov: Die Don­bass-Sin­fo­nie — Archiv des Autors

Cover Andrej Pla­to­now: Die Bau­gru­be — Suhr­kamp 2016

Cover Hans Gün­ther: Andrej Pla­to­now — Suhr­kamp 2016

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 3 (März 2017)
© Jörg Auberg 2017

 

Nachweise

  1. Dzi­ga Ver­tov, zitiert in: Die Don­baß-Sin­fo­nie (Enthu­si­as­mus), Inter­na­tio­na­les Forum des jun­gen Films, Ber­li­na­le 1972, hg. Freun­de der deut­schen Kine­ma­thek
  2. Owen Hather­ly, The Chap­lin Machi­ne: Slap­stick, For­dism and the Com­mu­nist Avant-Gar­de (Lon­don: Plu­to Press, 2016), S. 144–154
  3. Andrej Pla­to­now, Die Bau­gru­be, übers. Gabrie­le Leu­pold (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 28
  4. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 58, 65, 91
  5. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 64; Kino-Eye: The Wri­tings of Dzi­ga Ver­tov, hg. Annet­te Michel­son (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1984), S. 119–123; Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 187
  6. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 105
  7. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 23
  8. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 157
  9. Gabrie­le Leu­pold, »Am Pro­le­ta­ri­at herrscht heu­te ein Man­ko oder Wie die Bau­gru­be gemacht ist«, in: Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 226
  10. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 7
  11. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 11
  12. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 19
  13. Sibyl­le Lewit­schar­off, »Gefähr­li­che Lek­tü­re«, in: Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 232, 233, 238
  14. Hans Gün­ther, Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 46

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