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Andrej Platonow: Die Baugrube

Die Schwermut der Vergeblichkeit

Andrej Platonows Roman Die Baugrube liegt in einer deutschen Neuübersetzung vor

Von Jörg Auberg

 

Szene aus Dziga Vertovs Donbass-Sinfonie (1930)

Sze­ne aus Dzi­ga Ver­tovs Don­bass-Sin­fo­nie (1930)

Als die Gro­ße Depres­si­on die west­li­che Welt ergriff, galt vie­len das »sowje­ti­sche Expe­ri­ment« als Gegen­ent­wurf zur kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft. In der west­li­chen Ima­gi­na­ti­on war dort die Uto­pie einer ande­ren, bes­se­ren Gesell­schaft am Werk. Die Bil­der des »sozia­lis­ti­schen Auf­baus« ver­mit­tel­ten sich in Fil­men wie Dzi­ga Ver­tovs Enthu­si­as­mus (1930; dt. Die Don­bass-Sin­fo­nie), der noch heu­te als Meis­ter­werk des frü­hen Ton­films gilt. Mit sei­ner Mon­ta­ge von Fabrik­lärm, Pfeif­tö­nen von Loko­mo­ti­ven und Arbei­ter­lie­dern sowie sei­ner Ästhe­ti­sie­rung der Arbeit im Sin­ne der »sowje­ti­schen Uto­pie« ver­herr­lich­te er die Indus­tria­li­sie­rung eines rück­stän­di­gen Agrar­staa­tes und die abso­lu­te Unter­wer­fung der Natur unter die rigo­ro­se Herr­schaft einer »neu­en Mensch­heit«, die letzt­lich mit einer auf die blo­ße öko­no­mi­sche Not­wen­dig­keit redu­zier­ten Blind­heit gegen­über dem »Sechs­tel der Erde« (wie die Sowjet­uni­on in einem frü­he­ren Ver­tov-Film titu­liert wur­de) geschla­gen war.

Szene aus Dziga Vertovs Donbass-Sinfonie (1930)

Sze­ne aus Dzi­ga Ver­tovs Don­bass-Sin­fo­nie (1930)

In einer Sze­ne von Enthu­si­as­mus wird die »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on« pro­pa­giert: Wäh­rend eine Kir­che als Sinn­bild der alten Welt zer­stört wird, zeich­net sich am Hori­zont sche­men­haft das Neue ab. Die »Schat­ten der Ver­gan­gen­heit« wer­den, schrieb Ver­tov, in einem »revo­lu­tio­nä­ren Sprung« aus der Gegen­wart gesprengt und müs­sen den Akteu­ren der »neu­en Zeit« wei­chen, den »Pio­nie­ren«, »Kom­so­mol­zen« und »Funk­ama­teu­ren«, die »im Radio den Marsch ›Letz­ter Sams­tag‹ hören«.1 Der revo­lu­tio­nä­re Fünf­jah­res­plan ent­lädt sich im dunk­len Qualm der Fabrik­schlo­te, und im »Rhyth­mus des sozia­lis­ti­schen Auf­baus« (wie es Owen Hather­ley in sei­nem Buch The Chap­lin Machi­ne nennt) wer­den alle Unter­wor­fe­nen zu blo­ßen Ele­men­ten tay­lo­ris­ti­scher Übun­gen. Im Monu­men­tal­pro­jekt der sowje­ti­schen Moder­ni­sie­rung wan­dert der Kapi­ta­lis­mus in Form for­dis­ti­scher Tech­nik durch die Hin­ter­tür in den uto­pi­schen Raum ein und zer­stört den Traum einer bes­se­ren Gesell­schaft.2

 

Eine ande­re Sicht­wei­se auf die sowje­ti­sche Rea­li­tät jener Jah­re bie­tet Andrej Pla­to­nows im Jah­re 1930 ent­stan­de­ner Roman Die Bau­gru­be, der in der Sowjet­uni­on erst 1987 in der End­pha­se der Pere­stroi­ka erschei­nen konn­te und nun in einer von Gabrie­le Leu­pold erstell­ten Neu­über­set­zung auch auf Deutsch vor­liegt. Im Zen­trum des Romans steht der Bau eines gigan­ti­schen Tur­mes, eines »gemein­pro­le­ta­ri­schen Hau­ses«, »in dem sich zur lebens­lan­gen glück­li­chen Ansied­lung die Werk­tä­ti­gen des gesam­ten Erd­balls nie­der­las­sen wer­den«.3 In sei­ner mega­lo­ma­ni­schen Dimen­si­on ist die­ses uto­pi­sche Pro­jekt jedoch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Zugleich ist es ver­wo­ben mit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der Bau­ern, die sich am Rand der Bau­gru­be ein­fin­den, um ihre Sär­ge ein­zu­for­dern, in denen sie ihr Leben beschlie­ßen wol­len, da ihnen die Exis­tenz­grund­la­ge genom­men wur­de.

Haupt­fi­gur des Romans ist der Melan­cho­li­ker Woscht­schew, der wegen des Nach­den­kens über den »Plan des Lebens« ent­las­sen wur­de und als Arbei­ter an der Bau­stel­le anfängt, wo er uner­müd­lich gräbt, ohne dass er auf den »Sinn des Lebens« stößt. Wie Pla­to­now selbst ist er zwi­schen Uto­pie und Skep­sis gegen­über dem Pro­jekt zer­ris­sen: Einer­seits ist er von »Hin­fäl­lig­keit einer über­leb­ten Welt« über­zeugt, ande­rer­seits wür­gen ihn der »Grütz­brei des Kom­mu­nis­mus« oder die »Feuch­tig­keit des lee­ren Ortes«.4

Im tota­len, durch­aus wohl­mei­nen­den Sys­tem der Mensch­heits­be­glü­ckung wer­den auch die neu­en Tech­no­lo­gi­en wie Radio und Film als »sozia­le Medi­en« begrif­fen (»Ich möch­te mei­ne Erfah­rung tei­len«, beti­tel­te Ver­tov einen sei­ner Auf­sät­ze aus dem Jah­re 1934). Pla­to­now jedoch sieht den Ein­satz der »neu­en Medi­en« kri­tisch: Im Bau­pro­jekt kommt ein Radiotrich­ter zur stän­di­gen Beschal­lung der Arbei­ter zum Ein­satz, der »immer­fort wie ein Schnee­sturm« arbei­tet. Ähn­lich wie Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no blieb Pla­to­now gegen­über den »Mas­sen­me­di­en« skep­tisch. »Emp­feh­lung wird zum Befehl«, und das Wort geht über in Kom­man­do und Dik­tat. Am Ende steht schließ­lich die blan­ke Herr­schaft.5

Andrej Platonow: Die Baugrube (Suhrkamp, 2016)

Andrej Pla­to­now: Die Bau­gru­be (Suhr­kamp, 2016)

In der Viel­schich­tig­keit des Tex­tes bleibt die Geschich­te Kon­struk­ti­on und wider­setzt sich einer ein­fa­chen Dar­stel­lung. In der End­fas­sung ist nur ein Sieb­tel des ursprüng­li­chen Tex­tes ent­hal­ten, schreibt die Über­set­ze­rin Gabrie­le Leu­pold in ihrem Nach­wort. »Nie darf man klein­lich sein beim Strei­chen«6, riet Theo­dor W. Ador­no. Bei Pla­to­now wird der Text bis zur Kennt­lich­keit ver­knappt: »so gräbt man Grä­ber, kei­ne Häu­ser«7, heißt es an einer Stel­le, wobei die Häu­ser zu Grä­bern wer­den. An einer ande­ren, par­odis­tisch kon­no­tier­ten Stel­le kon­tras­tiert er die herr­schaft­li­che »Gene­ral­li­nie« mit der Absur­di­tät des »links­ra­di­ka­len Sumpf[es] des rech­ten Oppor­tu­nis­mus«.8

Zu Recht hebt Leu­pold her­vor, dass die Spra­che »der eigent­li­che Akteur im Roman – und eine Her­aus­for­de­rung für die Leser« sei.9 Bereits der Anfang des Romans beschwört  in sei­ner sprach­li­chen »Eigen­tüm­lich­keit« die Beson­der­heit der his­to­ri­schen Situa­ti­on. »Am drei­ßigs­ten Jah­res­tag sei­nes per­sön­li­chen Lebens gab man Woscht­schew die Abrech­nung von der klei­nen Maschi­nen­fa­brik, wo er die Mit­tel für sei­ne Exis­tenz beschaff­te.«10 Im schein­bar uto­pi­schen Raum des »sowje­ti­schen Expe­ri­ments« müs­sen die Indi­vi­du­en, die kei­ne Indi­vi­du­en mehr sein dür­fen, den Nach­weis erbrin­gen, ob sie nütz­lich für die Welt sein könn­ten oder ob die­se »glück­lich« ohne sie aus­kä­me. In sei­ner rest­los büro­kra­ti­schen Ver­si­on käme der Sozia­lis­mus ohne sie aus, und sie wür­den »kre­pie­ren«, geben die offi­zi­el­len Ver­tre­ter des Sys­tems zu Pro­to­koll. Dass sie damit die gesam­te Idee einer bes­se­ren und gerech­te­ren Gesell­schaft ad absur­dum füh­ren, ist ihnen nicht bewusst, da sie das Den­ken im Sin­ne einer gedan­ken­lo­sen Ideo­lo­gie längst auf­ge­ge­ben haben. Der Melan­cho­li­ker Woscht­schew ver­wahrt zwar im Geheim­fach sei­nes Sackes »alle mög­li­chen Unglücks- und Ver­ges­sen­heits­din­ge«11, doch hilft ihm dies auch nicht, gegen das tri­um­phie­ren­de Sys­tem anzu­kom­men. Es domi­nie­ren »die all­ge­mei­ne Trau­rig­keit des Lebens und die Schwer­mut der Ver­geb­lich­keit«12.

Lei­der rui­niert der Ver­lag die­se ver­dienst­vol­le Neu­über­set­zung, zu der Gabrie­le Leu­pold  aus­führ­li­che Anmer­kun­gen zum his­to­ri­schen Ver­ständ­nis des Tex­tes bei­steu­ert, mit einem über­flüs­si­gen Nach­wort der Suhr­kamp-Haus­au­torin Sibyl­le Lewit­schar­off, die sich vor allem mit nar­ziss­ti­schen Bekennt­nis­sen in den Vor­der­grund rückt – »Ich wur­de mit dem Roman bekannt, als …« oder »Ich ken­ne kei­nen ande­ren Roman …« –, ohne dass sie in der Lage wäre, auch nur einen ori­gi­nä­ren Gedan­ken zu pro­du­zie­ren. Statt­des­sen trak­tiert sie die Leser mit For­mu­lie­run­gen wie »Ent­schul­di­gungs­ge­mur­mel«, »ver­filz­te Komik« oder »Hei­ter­keits­frö­sche«.13

 

Hans Günther:  Andrej Platonow (Suhrkamp 2016)

Hans Gün­ther: Andrej Pla­to­now (Suhr­kamp 2016)

Dage­gen bie­tet die kon­zi­se und fun­dier­te Pla­to­now-Mono­gra­fie des Sla­wis­ten Hans Gün­ther eine nütz­li­che Ein­füh­rung zum Werk Pla­t­a­nows. Im ers­ten Teil lie­fert er einen bio­gra­fi­schen Abriss, wäh­rend er im zwei­ten Teil detail­reich das pro­sai­sche und dra­ma­ti­sche Werk Pla­to­nows vor­stellt. Ein Über­blick über die Wir­kung des Wer­kes Pla­t­a­nows nach sei­nem frü­hen Tod im Jah­re 1951 und eine aus­führ­li­che Biblio­gra­fie run­den die­sen über­aus nütz­li­chen Band ab. Obwohl Pla­to­now sich nie vom »sowje­ti­schen Pro­jekt« distan­zier­te, kata­pul­tier­te ihn den­noch sei­ne kri­ti­sche Stand­fes­tig­keit in ein »Leben im Schat­ten«14, wie Gün­ther schreibt. Am Ende führ­te er eine nur noch am Ran­de der sowje­ti­schen Lite­ra­tur gedul­de­te Exis­tenz. Den­noch über­dau­er­te er die Zeit als einer der wich­tigs­ten Autoren die­ser Epo­che.

 

 

 Bibliografische Angaben:

Andrej Pla­to­now.
Die Bau­gru­be.
Aus dem Rus­si­schen über­setzt, mit Kom­men­ta­ren und einem Nach­wort ver­se­hen von Gabrie­le Leu­pold.   
Mit einem Essay von Sibyl­le Lewit­schar­off.
Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag, 2016.
240 Sei­ten, 24,00 EUR.

Hans Gün­ther.
Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung.
Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2016.
148 Sei­ten, 14,00 EUR.

 

Bildquellen



Sze­nen­fo­tos Dzi­ga Ver­tov: Die Don­bass-Sin­fo­nie — Archiv des Autors

Cover Andrej Pla­to­now: Die Bau­gru­be — Suhr­kamp 2016

Cover Hans Gün­ther: Andrej Pla­to­now — Suhr­kamp 2016

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 3 (März 2017)
© Jörg Auberg 2017

 

Nachweise

  1. Dzi­ga Ver­tov, zitiert in: Die Don­baß-Sin­fo­nie (Enthu­si­as­mus), Inter­na­tio­na­les Forum des jun­gen Films, Ber­li­na­le 1972, hg. Freun­de der deut­schen Kine­ma­thek
  2. Owen Hather­ly, The Chap­lin Machi­ne: Slap­stick, For­dism and the Com­mu­nist Avant-Gar­de (Lon­don: Plu­to Press, 2016), S. 144–154
  3. Andrej Pla­to­now, Die Bau­gru­be, übers. Gabrie­le Leu­pold (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 28
  4. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 58, 65, 91
  5. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 64; Kino-Eye: The Wri­tings of Dzi­ga Ver­tov, hg. Annet­te Michel­son (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1984), S. 119–123; Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 187
  6. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 105
  7. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 23
  8. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 157
  9. Gabrie­le Leu­pold, »Am Pro­le­ta­ri­at herrscht heu­te ein Man­ko oder Wie die Bau­gru­be gemacht ist«, in: Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 226
  10. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 7
  11. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 11
  12. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 19
  13. Sibyl­le Lewit­schar­off, »Gefähr­li­che Lek­tü­re«, in: Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 232, 233, 238
  14. Hans Gün­ther, Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 46

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Andrej Platonow: Die Baugrube

Die Schwermut der Vergeblichkeit

Andrej Platonows Roman Die Baugrube liegt in einer deutschen Neuübersetzung vor

Von Jörg Auberg

 

Szene aus Dziga Vertovs Donbass-Sinfonie (1930)

Sze­ne aus Dzi­ga Ver­tovs Don­bass-Sin­fo­nie (1930)

Als die Gro­ße Depres­si­on die west­li­che Welt ergriff, galt vie­len das »sowje­ti­sche Expe­ri­ment« als Gegen­ent­wurf zur kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft. In der west­li­chen Ima­gi­na­ti­on war dort die Uto­pie einer ande­ren, bes­se­ren Gesell­schaft am Werk. Die Bil­der des »sozia­lis­ti­schen Auf­baus« ver­mit­tel­ten sich in Fil­men wie Dzi­ga Ver­tovs Enthu­si­as­mus (1930; dt. Die Don­bass-Sin­fo­nie), der noch heu­te als Meis­ter­werk des frü­hen Ton­films gilt. Mit sei­ner Mon­ta­ge von Fabrik­lärm, Pfeif­tö­nen von Loko­mo­ti­ven und Arbei­ter­lie­dern sowie sei­ner Ästhe­ti­sie­rung der Arbeit im Sin­ne der »sowje­ti­schen Uto­pie« ver­herr­lich­te er die Indus­tria­li­sie­rung eines rück­stän­di­gen Agrar­staa­tes und die abso­lu­te Unter­wer­fung der Natur unter die rigo­ro­se Herr­schaft einer »neu­en Mensch­heit«, die letzt­lich mit einer auf die blo­ße öko­no­mi­sche Not­wen­dig­keit redu­zier­ten Blind­heit gegen­über dem »Sechs­tel der Erde« (wie die Sowjet­uni­on in einem frü­he­ren Ver­tov-Film titu­liert wur­de) geschla­gen war.

Szene aus Dziga Vertovs Donbass-Sinfonie (1930)

Sze­ne aus Dzi­ga Ver­tovs Don­bass-Sin­fo­nie (1930)

In einer Sze­ne von Enthu­si­as­mus wird die »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on« pro­pa­giert: Wäh­rend eine Kir­che als Sinn­bild der alten Welt zer­stört wird, zeich­net sich am Hori­zont sche­men­haft das Neue ab. Die »Schat­ten der Ver­gan­gen­heit« wer­den, schrieb Ver­tov, in einem »revo­lu­tio­nä­ren Sprung« aus der Gegen­wart gesprengt und müs­sen den Akteu­ren der »neu­en Zeit« wei­chen, den »Pio­nie­ren«, »Kom­so­mol­zen« und »Funk­ama­teu­ren«, die »im Radio den Marsch ›Letz­ter Sams­tag‹ hören«.1 Der revo­lu­tio­nä­re Fünf­jah­res­plan ent­lädt sich im dunk­len Qualm der Fabrik­schlo­te, und im »Rhyth­mus des sozia­lis­ti­schen Auf­baus« (wie es Owen Hather­ley in sei­nem Buch The Chap­lin Machi­ne nennt) wer­den alle Unter­wor­fe­nen zu blo­ßen Ele­men­ten tay­lo­ris­ti­scher Übun­gen. Im Monu­men­tal­pro­jekt der sowje­ti­schen Moder­ni­sie­rung wan­dert der Kapi­ta­lis­mus in Form for­dis­ti­scher Tech­nik durch die Hin­ter­tür in den uto­pi­schen Raum ein und zer­stört den Traum einer bes­se­ren Gesell­schaft.2

 

Eine ande­re Sicht­wei­se auf die sowje­ti­sche Rea­li­tät jener Jah­re bie­tet Andrej Pla­to­nows im Jah­re 1930 ent­stan­de­ner Roman Die Bau­gru­be, der in der Sowjet­uni­on erst 1987 in der End­pha­se der Pere­stroi­ka erschei­nen konn­te und nun in einer von Gabrie­le Leu­pold erstell­ten Neu­über­set­zung auch auf Deutsch vor­liegt. Im Zen­trum des Romans steht der Bau eines gigan­ti­schen Tur­mes, eines »gemein­pro­le­ta­ri­schen Hau­ses«, »in dem sich zur lebens­lan­gen glück­li­chen Ansied­lung die Werk­tä­ti­gen des gesam­ten Erd­balls nie­der­las­sen wer­den«.3 In sei­ner mega­lo­ma­ni­schen Dimen­si­on ist die­ses uto­pi­sche Pro­jekt jedoch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Zugleich ist es ver­wo­ben mit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der Bau­ern, die sich am Rand der Bau­gru­be ein­fin­den, um ihre Sär­ge ein­zu­for­dern, in denen sie ihr Leben beschlie­ßen wol­len, da ihnen die Exis­tenz­grund­la­ge genom­men wur­de.

Haupt­fi­gur des Romans ist der Melan­cho­li­ker Woscht­schew, der wegen des Nach­den­kens über den »Plan des Lebens« ent­las­sen wur­de und als Arbei­ter an der Bau­stel­le anfängt, wo er uner­müd­lich gräbt, ohne dass er auf den »Sinn des Lebens« stößt. Wie Pla­to­now selbst ist er zwi­schen Uto­pie und Skep­sis gegen­über dem Pro­jekt zer­ris­sen: Einer­seits ist er von »Hin­fäl­lig­keit einer über­leb­ten Welt« über­zeugt, ande­rer­seits wür­gen ihn der »Grütz­brei des Kom­mu­nis­mus« oder die »Feuch­tig­keit des lee­ren Ortes«.4

Im tota­len, durch­aus wohl­mei­nen­den Sys­tem der Mensch­heits­be­glü­ckung wer­den auch die neu­en Tech­no­lo­gi­en wie Radio und Film als »sozia­le Medi­en« begrif­fen (»Ich möch­te mei­ne Erfah­rung tei­len«, beti­tel­te Ver­tov einen sei­ner Auf­sät­ze aus dem Jah­re 1934). Pla­to­now jedoch sieht den Ein­satz der »neu­en Medi­en« kri­tisch: Im Bau­pro­jekt kommt ein Radiotrich­ter zur stän­di­gen Beschal­lung der Arbei­ter zum Ein­satz, der »immer­fort wie ein Schnee­sturm« arbei­tet. Ähn­lich wie Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no blieb Pla­to­now gegen­über den »Mas­sen­me­di­en« skep­tisch. »Emp­feh­lung wird zum Befehl«, und das Wort geht über in Kom­man­do und Dik­tat. Am Ende steht schließ­lich die blan­ke Herr­schaft.5

Andrej Platonow: Die Baugrube (Suhrkamp, 2016)

Andrej Pla­to­now: Die Bau­gru­be (Suhr­kamp, 2016)

In der Viel­schich­tig­keit des Tex­tes bleibt die Geschich­te Kon­struk­ti­on und wider­setzt sich einer ein­fa­chen Dar­stel­lung. In der End­fas­sung ist nur ein Sieb­tel des ursprüng­li­chen Tex­tes ent­hal­ten, schreibt die Über­set­ze­rin Gabrie­le Leu­pold in ihrem Nach­wort. »Nie darf man klein­lich sein beim Strei­chen«6, riet Theo­dor W. Ador­no. Bei Pla­to­now wird der Text bis zur Kennt­lich­keit ver­knappt: »so gräbt man Grä­ber, kei­ne Häu­ser«7, heißt es an einer Stel­le, wobei die Häu­ser zu Grä­bern wer­den. An einer ande­ren, par­odis­tisch kon­no­tier­ten Stel­le kon­tras­tiert er die herr­schaft­li­che »Gene­ral­li­nie« mit der Absur­di­tät des »links­ra­di­ka­len Sumpf[es] des rech­ten Oppor­tu­nis­mus«.8

Zu Recht hebt Leu­pold her­vor, dass die Spra­che »der eigent­li­che Akteur im Roman – und eine Her­aus­for­de­rung für die Leser« sei.9 Bereits der Anfang des Romans beschwört  in sei­ner sprach­li­chen »Eigen­tüm­lich­keit« die Beson­der­heit der his­to­ri­schen Situa­ti­on. »Am drei­ßigs­ten Jah­res­tag sei­nes per­sön­li­chen Lebens gab man Woscht­schew die Abrech­nung von der klei­nen Maschi­nen­fa­brik, wo er die Mit­tel für sei­ne Exis­tenz beschaff­te.«10 Im schein­bar uto­pi­schen Raum des »sowje­ti­schen Expe­ri­ments« müs­sen die Indi­vi­du­en, die kei­ne Indi­vi­du­en mehr sein dür­fen, den Nach­weis erbrin­gen, ob sie nütz­lich für die Welt sein könn­ten oder ob die­se »glück­lich« ohne sie aus­kä­me. In sei­ner rest­los büro­kra­ti­schen Ver­si­on käme der Sozia­lis­mus ohne sie aus, und sie wür­den »kre­pie­ren«, geben die offi­zi­el­len Ver­tre­ter des Sys­tems zu Pro­to­koll. Dass sie damit die gesam­te Idee einer bes­se­ren und gerech­te­ren Gesell­schaft ad absur­dum füh­ren, ist ihnen nicht bewusst, da sie das Den­ken im Sin­ne einer gedan­ken­lo­sen Ideo­lo­gie längst auf­ge­ge­ben haben. Der Melan­cho­li­ker Woscht­schew ver­wahrt zwar im Geheim­fach sei­nes Sackes »alle mög­li­chen Unglücks- und Ver­ges­sen­heits­din­ge«11, doch hilft ihm dies auch nicht, gegen das tri­um­phie­ren­de Sys­tem anzu­kom­men. Es domi­nie­ren »die all­ge­mei­ne Trau­rig­keit des Lebens und die Schwer­mut der Ver­geb­lich­keit«12.

Lei­der rui­niert der Ver­lag die­se ver­dienst­vol­le Neu­über­set­zung, zu der Gabrie­le Leu­pold  aus­führ­li­che Anmer­kun­gen zum his­to­ri­schen Ver­ständ­nis des Tex­tes bei­steu­ert, mit einem über­flüs­si­gen Nach­wort der Suhr­kamp-Haus­au­torin Sibyl­le Lewit­schar­off, die sich vor allem mit nar­ziss­ti­schen Bekennt­nis­sen in den Vor­der­grund rückt – »Ich wur­de mit dem Roman bekannt, als …« oder »Ich ken­ne kei­nen ande­ren Roman …« –, ohne dass sie in der Lage wäre, auch nur einen ori­gi­nä­ren Gedan­ken zu pro­du­zie­ren. Statt­des­sen trak­tiert sie die Leser mit For­mu­lie­run­gen wie »Ent­schul­di­gungs­ge­mur­mel«, »ver­filz­te Komik« oder »Hei­ter­keits­frö­sche«.13

 

Hans Günther:  Andrej Platonow (Suhrkamp 2016)

Hans Gün­ther: Andrej Pla­to­now (Suhr­kamp 2016)

Dage­gen bie­tet die kon­zi­se und fun­dier­te Pla­to­now-Mono­gra­fie des Sla­wis­ten Hans Gün­ther eine nütz­li­che Ein­füh­rung zum Werk Pla­t­a­nows. Im ers­ten Teil lie­fert er einen bio­gra­fi­schen Abriss, wäh­rend er im zwei­ten Teil detail­reich das pro­sai­sche und dra­ma­ti­sche Werk Pla­to­nows vor­stellt. Ein Über­blick über die Wir­kung des Wer­kes Pla­t­a­nows nach sei­nem frü­hen Tod im Jah­re 1951 und eine aus­führ­li­che Biblio­gra­fie run­den die­sen über­aus nütz­li­chen Band ab. Obwohl Pla­to­now sich nie vom »sowje­ti­schen Pro­jekt« distan­zier­te, kata­pul­tier­te ihn den­noch sei­ne kri­ti­sche Stand­fes­tig­keit in ein »Leben im Schat­ten«14, wie Gün­ther schreibt. Am Ende führ­te er eine nur noch am Ran­de der sowje­ti­schen Lite­ra­tur gedul­de­te Exis­tenz. Den­noch über­dau­er­te er die Zeit als einer der wich­tigs­ten Autoren die­ser Epo­che.

 

 

 Bibliografische Angaben:

Andrej Pla­to­now.
Die Bau­gru­be.
Aus dem Rus­si­schen über­setzt, mit Kom­men­ta­ren und einem Nach­wort ver­se­hen von Gabrie­le Leu­pold.   
Mit einem Essay von Sibyl­le Lewit­schar­off.
Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag, 2016.
240 Sei­ten, 24,00 EUR.

Hans Gün­ther.
Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung.
Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2016.
148 Sei­ten, 14,00 EUR.

 

Bildquellen



Sze­nen­fo­tos Dzi­ga Ver­tov: Die Don­bass-Sin­fo­nie — Archiv des Autors

Cover Andrej Pla­to­now: Die Bau­gru­be — Suhr­kamp 2016

Cover Hans Gün­ther: Andrej Pla­to­now — Suhr­kamp 2016

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 3 (März 2017)
© Jörg Auberg 2017

 

Nachweise

  1. Dzi­ga Ver­tov, zitiert in: Die Don­baß-Sin­fo­nie (Enthu­si­as­mus), Inter­na­tio­na­les Forum des jun­gen Films, Ber­li­na­le 1972, hg. Freun­de der deut­schen Kine­ma­thek
  2. Owen Hather­ly, The Chap­lin Machi­ne: Slap­stick, For­dism and the Com­mu­nist Avant-Gar­de (Lon­don: Plu­to Press, 2016), S. 144–154
  3. Andrej Pla­to­now, Die Bau­gru­be, übers. Gabrie­le Leu­pold (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 28
  4. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 58, 65, 91
  5. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 64; Kino-Eye: The Wri­tings of Dzi­ga Ver­tov, hg. Annet­te Michel­son (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1984), S. 119–123; Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 187
  6. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 105
  7. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 23
  8. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 157
  9. Gabrie­le Leu­pold, »Am Pro­le­ta­ri­at herrscht heu­te ein Man­ko oder Wie die Bau­gru­be gemacht ist«, in: Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 226
  10. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 7
  11. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 11
  12. Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 19
  13. Sibyl­le Lewit­schar­off, »Gefähr­li­che Lek­tü­re«, in: Pla­to­now, Die Bau­gru­be, S. 232, 233, 238
  14. Hans Gün­ther, Andrej Pla­to­now: Leben – Werk – Wir­kung (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 46

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