Menu

Mai 2017 Posts

Aus den Archiven: Miriam Bratu Hansen — Cinema and Experience

In den Kriegszonen der Modernisierung

Miriam Bratu Hansen reflektiert die Beziehung von kritischer Theorie und Kino im digitalen Zeitalter

von Jörg Auberg

 

Kurz bevor sie ihren lan­gen Kampf gegen den Krebs ver­lor, konn­te die Film­his­to­ri­ke­rin Miri­am Bra­tu Han­sen ihr Buch Cine­ma and Expe­ri­ence über das Ver­hält­nis von kri­ti­scher Theo­rie und dem Medi­um Film, mit dem sie sich zeit ihres Lebens beschäf­tigt hat­te, fer­tig­stel­len. 1949 in eine Fami­lie jüdi­scher Über­le­ben­der des Holo­causts in Offen­bach gebo­ren, stu­dier­te sie an der Goe­the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt am Main, wo sie mit einer Arbeit über Ezra Pound pro­mo­vier­te, ehe sie in die USA über­sie­del­te. Dort lehr­te sie an meh­re­ren renom­mier­ten Uni­ver­si­tä­ten und beschäf­tig­te sich in ihrem Buch Babel and Baby­lon (1991) mit dem Kino­pu­bli­kum in der Zeit des Stumm­films.

Miriam Hansen - Cinema and Experience (University of California Press, 2012)

Miri­am Han­sen - Cine­ma and Expe­ri­ence (Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2012)

Cine­ma and Expe­ri­ence, das Magnum Opus ihrer wis­sen­schaft­li­chen Kar­rie­re, beschrieb sie als Ver­such der Zwie­spra­che oder Kon­ver­sa­ti­on mit drei Haupt­ver­tre­tern der »klas­si­schen« Kri­ti­schen Theo­rie – Sieg­fried Kra­cau­er, Wal­ter Ben­ja­min und Theo­dor W. Ador­no – in ihrer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kino, das nicht allein aus künst­le­ri­schen Grün­den einen domi­nan­ten Platz in der Kunst des 20. Jahr­hun­derts ein­nimmt. Im ers­ten Teil ihres Buches folgt sie den Spu­ren Sieg­fried Kra­cau­ers in den 1920er Jah­ren, als die Aus­bil­dung einer ame­ri­ka­nisch gepräg­ten Mas­sen­kul­tur die Ober­flä­chen­welt der Wei­ma­rer Repu­blik mit ihren »Licht­spiel­pa­läs­ten« bestimm­te, der »Kult der Zer­streu­ung« die Auf­lö­sung einer umfas­sen­den Erfah­rung und eine zuneh­men­de Unwirk­lich­keit der gegen­wär­ti­gen Wirk­lich­keit bewirk­te und die mons­trö­se Mas­sen­or­na­men­ta­lik auto­ri­tä­re Ten­den­zen in der deut­schen Gesell­schaft ver­stärk­te. Für Kra­cau­er war der Film ein »mate­ri­el­ler Aus­druck« einer spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Erfah­rung im Rah­men einer von for­dis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­sen bestimm­ten zer­stü­ckel­ten Struk­tu­rie­rung der Rea­li­tät, in der die Indi­vi­du­en »ein Leben in den Kriegs­zo­nen der Moder­ni­sie­rung« führ­ten, wie es Han­sen umschreibt. Kra­cau­er ver­ur­teil­te die Bil­der­flut und den Drang nach Zer­streu­ung kei­nes­wegs aus einer kul­tur­kon­ser­va­ti­ven Per­spek­ti­ve noch erlag er einem unkri­ti­schen tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts­op­ti­mis­mus. Viel­mehr betrach­te­te er es als Auf­ga­be des Intel­lek­tu­el­len, die Ober­flä­che als Denk­flä­che zu erfas­sen, die arbi­trär zusam­men­ge­wür­fel­ten Din­ge der Mas­sen­kul­tur zu sam­meln, zu regis­trie­ren und zu archi­vie­ren, als »Lum­pen­samm­ler« zu agie­ren, um schließ­lich eine Demo­kra­ti­sie­rung des gesell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Lebens in Form einer indi­vi­du­el­len Selbst­be­stim­mung zu ermög­li­chen. Zugleich nahm er die Gefahr der Faschi­sie­rung der Gesell­schaft wahr, in der das neue Heer der Ange­stell­ten zur will­fäh­ri­gen Beu­te der Voll­stre­cker des neu­en auto­ri­tä­ren Regimes wur­de.

Im zwei­ten Teil wen­det sich Han­sen dem uto­pi­schen Moment zu, den das Kino in den 1930er Jah­ren zu reprä­sen­tie­ren schien, als Wal­ter Ben­ja­min in sei­nem bahn­bre­chen­den Auf­satz »Das Kunst­werk im Zeit­al­ter sei­ner tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit« den Film als das fort­ge­schrit­tens­te tech­no­lo­gi­sche Medi­um der Zeit dar­stell­te und die Her­aus­bil­dung einer kol­lek­ti­ven Sub­jek­ti­vi­tät her­auf­be­schwor, obgleich sein eklek­ti­sches Film­wis­sen sich in ers­ter auf die fil­mi­sche Avant­gar­de der 1920er Jah­re bezog. Die his­to­ri­sche Erfah­rung, die er in Künst­lern wie Dzi­ga Ver­tov oder Joris Ivens am Wir­ken sah, war zu die­ser Zeit durch den Sta­li­nis­mus abge­schnit­ten, und Han­sen streicht die Frag­wür­dig­keit der Poli­ti­sie­rung der Kunst her­aus, die Ben­ja­min als anti­fa­schis­ti­sches Pro­gramm ver­stand. Zugleich weist sie auf die Bedeu­tung der Micky-Maus für Ben­ja­min hin. Wäh­rend in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da die­se Dis­ney­fi­gur für die »Ver­nig­ge­rung« der deut­schen Volks­kul­tur stand, besaß sie für Ben­ja­min sub­ver­si­ve Züge. »Mickey Mou­se sprach Ben­ja­min als eine kos­mi­sche, trans­na­tio­na­le, post­hu­ma­ne (oder post­hu­ma­nis­ti­sche) und viel­leicht trans­se­xu­el­le Fan­ta­sie an«, unter­streicht Han­sen. Den­noch ist die­se Figur in der End­fas­sung des Repro­duk­ti­ons­auf­sat­zes gänz­lich ver­schwun­den.

Für Ador­no waren die Figu­ren aus der kapi­ta­lis­ti­schen Dis­ney-Fabrik in ers­ter Linie Mit­tel, um sado­ma­so­chis­ti­sche Mecha­nis­men der Mas­sen­kul­tur zu ver­stär­ken. Damit knüpf­te er zum einen Kra­cau­er an, der eine regres­si­ve Bewe­gung von der Rebel­li­on zur Unter­wer­fung beschrieb; zum ande­ren reflek­tier­te er Ben­ja­mins Den­ken in anti­the­ti­schen Posi­tio­nen, wobei ihm die Wider­sprü­che in der Mas­sen­kul­tur (die bis heu­te in die digi­ta­le Medi­en­kul­tur hin­ein­wir­ken) nicht ver­bor­gen blie­ben.  Lei­der ist der drit­te Teil über Ador­no der schwächs­te Teil in Han­sens Ver­such der Kon­ver­sa­ti­on, denn hier wie­der­holt sie ledig­lich Dis­kus­sio­nen, die in den 1980er Jah­ren in Zeit­schrif­ten wie Telos oder New Ger­man Cri­tique geführt wur­den und sich als frucht­los erwie­sen. »Aus jedem Besuch des Kinos kom­me ich bei aller Wach­sam­keit düm­mer und schlech­ter wie­der her­aus«, notier­te Ador­no in sei­nen »Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben« (Mini­ma Mora­lia, 1951). Auch wenn sei­ne Auf­fas­sung zum Film kaum so ein­di­men­sio­nal, wie ihm sei­ne Geg­ner gern nach­sa­gen, hat­te er den­noch nicht viel für die­ses Medi­um übrig. Der Ver­such Han­sens, aus ver­streu­ten Stel­len in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, der Ästhe­ti­schen Theo­rie und ein­zel­nen Essays der 1960er Jah­re eine kohä­ren­te Film­äs­the­tik Ador­nos zu kon­stru­ie­ren, ist zwar aller Ehren wert, doch ver­sucht die­se Art der »Kon­ver­sa­ti­on« dem Kri­ti­ker ein Den­ken über­zu­stül­pen, gegen das er sich wohl selbst ver­wahrt hät­te.  Schon Leo Löwen­thal hat­te sich in der Ver­tei­di­gung sei­nes Freun­des Ador­no gegen den zudring­li­chen »Cha­rak­ter tal­mu­di­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen« gewen­det, mit der sich ehe­ma­li­ge Schü­ler dem Werk des Leh­rers näher­ten.

Im letz­ten Teil ihres Buches beschäf­tigt sich Han­sen schließ­lich mit »Kra­cau­er im Exil«, wobei sie des­sen Werk Theo­rie des Films (1960) aus der Ent­ste­hungs­per­spek­ti­ve beschreibt. Als Kra­cau­er in Mar­seil­le auf sei­ne Pas­sa­ge in die USA war­te­te, über­brück­te er die War­te­zeit mit sei­nem »Film­pro­jekt« im Ange­sicht des Todes. Anders als Wal­ter Ben­ja­min konn­te Kra­cau­er dem Unter­gang ent­flie­hen, bezahl­te aber sein Pro­jekt zur Erret­tung der Wirk­lich­keit mit dem Spott der Kri­ti­ker wie Pau­li­ne Kael, die ihn ob sei­ner »ger­ma­ni­schen Pedan­te­rie« ver­höhn­te, wäh­rend ihm Film­wis­sen­schaft­ler wie Dud­ley Nichols einen nai­ven Rea­lis­mus vor­war­fen. Etwas abrupt endet Han­sens Buch mit der – aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve – his­to­risch wir­ken­den Theo­rie des Films, wobei sie auch nicht die Ver­än­de­rung in Kra­cau­ers Schreib­wei­se – vom offe­nen, kri­ti­schen Ton der Feuil­le­ton­tex­te zur geschlos­sen, aka­de­misch wir­ken­den Form der Spät­wer­ke – the­ma­ti­siert. Zudem schien sie der Bedeu­tungs­tie­fe der eng­li­schen Spra­che zu miss­trau­en: Oft ver­wen­det sie die ursprüng­li­chen deut­schen Begrif­fe, um schließ­lich nach einer adäqua­ten eng­li­schen Bedeu­tung zu suchen. Bei­spiels­wei­se wird in den Über­tra­gun­gen der deut­sche Begriff »Steh­kra­gen-Pro­le­ta­ri­er« mit dem eng­li­schen Aus­druck »white-col­lar worker« über­setzt, wobei jedoch das auto­ri­tä­re Moment des deut­schen Exem­plars ver­lo­ren geht. So ist das Buch auch in sei­ner sprach­li­chen Refle­xi­on – trotz eini­ger Abstri­che – ein her­aus­ra­gen­der Bei­trag zur kri­ti­schen Theo­rie im digi­ta­len Zeit­al­ter.

 

Zuerst erschie­nen in: satt.org (März 2012)

© Jörg Auberg 2017

 

 


Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Miri­am Bra­tu Han­sen.

Cine­ma and Expe­ri­ence:

Sieg­fried Kra­cau­er, Wal­ter Ben­ja­min, and Theo­dor W. Ador­no.

Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2012.

380 Sei­ten, Hard­co­ver 70 US-Dol­lar, Paper­back 29,95 US-Dol­lar.

 

 

 

© Jörg Auberg 2017

Flattr this!

Read More

Aus den Archiven: Walter Benjamin — A Critical Life

Tod in den Pyrenäen

In ihrer meis­ter­haf­ten Bio­gra­fie erzäh­len Howard Eiland und Micha­el W. Jen­nings das kom­ple­xe Leben Wal­ter Ben­ja­mins und wer­fen einen pano­ro­ma­ti­schen intel­lek­tu­el­len Blick auf das unter­ge­gan­ge­ne Euro­pa, das vom deut­schen Grö­ßen­wahn zer­stört wur­de.

von Jörg Auberg

 

»Jeder Intel­lek­tu­el­le in der Emi­gra­ti­on, ohne alle Aus­nah­me, ist beschä­digt und tut gut dar­an, es sel­ber zu erken­nen, wenn er nicht hin­ter den dicht geschlos­se­nen Türen sei­ner Selbst­ach­tung grau­sam dar­über belehrt wer­den will.«

Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia

 

Als Wal­ter Ben­ja­mins Flucht vor den Deut­schen, die mit sei­nem Selbst­mord in den Pyre­nä­en ende­te, im Jah­re 1965 erin­nert wur­de, beschrieb ihn sein lebens­lan­ger Freund Gers­hom Scholem als eine Figur aus der völ­li­gen Ver­ges­sen­heit. Sein Name gehör­te zu »den ver­schol­lens­ten in der geis­ti­gen Welt«. Jah­re spä­ter ent­brann­te bei der Her­aus­ga­be der gesam­mel­ten Schrif­ten Ben­ja­mins ein ideo­lo­gi­scher Gra­ben­kampf, bei dem Ben­ja­min als Kron­zeu­ge gegen die über­le­ben­den Reprä­sen­tan­ten der Kri­ti­schen Theo­rie wie Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no in in Beschlag genom­men wur­de. Der »Frank­fur­ter Schu­le« wur­den nicht allein Kon­ver­tie­rung zum Kon­ser­va­tis­mus, Aus­ver­kauf und Pra­xis­fer­ne vor­ge­wor­fen, son­dern auch die Drang­sa­lie­rung Ben­ja­mins zu des­sen Leb­zei­ten und Ver­stüm­me­lung sei­ner Tex­te in der von dem Ador­no-Schü­ler Rolf Tie­de­mann maß­geb­lich ver­ant­wor­te­ten ers­ten Edi­ti­on der Ben­ja­min-Schrif­ten. Im Zuge der Stu­den­ten­re­vol­te 1968 wur­de Ben­ja­min, dem eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re in Deutsch­land ver­wehrt blieb, schließ­lich in einer bit­te­ren Iro­nie der Geschich­te zu einem aka­de­mi­schen Pop­star, des­sen Schrif­ten die Grund­la­ge für zahl­lo­se Kar­rie­ren von der Geschich­te aus­ge­mus­ter­ter Berufs­re­vo­lu­tio­nä­re in den Agen­tu­ren der Bil­dungs- und Wis­sens­in­dus­trie bil­de­te. Wäh­rend sie sich eine gesi­cher­te Exis­tenz in den Insti­tu­tio­nen erkauf­ten, ent­schlu­gen sie sich der Intel­lek­tua­li­tät, wie sie Leo Löwen­thal in einem Essay über Wal­ter Ben­ja­min beschrieb: als »Unab­hän­gig­keit im selbst­ge­wähl­ten Exil«. So blie­ben die selbst­er­nann­ten Ben­ja­min-Schü­ler der nach­wach­sen­den Genera­tio­nen in ihrem Epi­go­nen­tum in den aka­de­mi­schen Hier­ar­chi­en ste­cken und wid­me­ten sich unab­läs­si­gen exege­ti­schen Exer­zi­ti­en, ohne selbst einen ori­gi­nä­ren Bei­trag zur Kri­tik der herr­schen­den Ver­hält­nis­se lie­fern zu kön­nen oder zu wol­len.

 

Howard Eiland und Michael W. Jennings: Walter Benjamin - A Critical Life (Harvard University Press/Belknap Press, 2014)

Howard Eiland und Micha­el W. Jen­nings: Wal­ter Ben­ja­min — A Cri­ti­cal Life (Har­vard Uni­ver­si­ty Press/Belknap Press, 2014)

Mit ihrer volu­mi­nö­sen Bio­gra­fie Wal­ter Ben­ja­min: A Cri­ti­cal Life legen Howard Eiland und Micha­el W. Jen­nings eine kri­ti­sche Stu­die vor, die Ben­ja­min aus dem Bann der ideo­lo­gi­schen Über­hö­hung der Ver­gan­gen­heit und des aka­de­mi­schen Göt­zen­tums reißt und ihn in sei­ner bio­gra­fi­schen und intel­lek­tu­el­len Ent­wick­lung im Kon­text der his­to­ri­schen Ereig­nis­se beglei­tet. Eiland und Jen­nings sind aus­ge­wie­se­ne Ken­ner des Benjamin’schen Œuvres: Für den Ver­lag Har­vard Uni­ver­si­ty Press fun­gier­ten sie über Jah­re als Her­aus­ge­ber und Über­set­zer der Schrif­ten Ben­ja­mins und auch des Pas­sa­gen­werks (an dem Ben­ja­min seit Mit­te der 1920er Jah­re bis zu sei­nem Tod gear­bei­tet hat­te, ohne es voll­enden zu kön­nen). Ihnen gelingt mit ihrem Buch das sel­te­ne Meis­ter­stück, sowohl den Intel­lek­tu­el­len Ben­ja­min auf sei­nen Wan­de­run­gen durch die his­to­ri­schen Land­schaf­ten des unter­ge­hen­den Euro­pas mit sei­ner kom­ple­xen Tie­fe zu beleuch­ten als auch den Men­schen Ben­ja­min zu por­trä­tie­ren, der hin­ter den gän­gi­gen hagio­gra­fi­schen Por­träts des ein­sa­men Gelehr­ten in dunk­len Zei­ten ver­schwand. Eiland und Jen­nings erzäh­len ihre Geschich­te nicht in grob­kör­ni­gen Schwarz­weiß­bil­dern, son­dern ver­we­ben ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven und ent­wi­ckeln auf die­se Wei­se ein viel­schich­ti­ges Bild Ben­ja­mins, ohne je ihren Prot­ago­nis­ten zu des­avou­ie­ren.

Obwohl Ben­ja­min 1892 in eine jüdi­sche Groß­bür­ger­fa­mi­lie in Ber­lin gebo­ren wur­de,  hat­te er kei­nes­wegs einen leich­ten Lebens­weg. Schon zu Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges nah­men sich Freun­de das Leben, und seit­dem blieb für Ben­ja­min der Sui­zid stets ein Motiv in sei­ner Bio­gra­fie, auch wenn es in depres­si­ven Momen­ten sei­nes Lebens zunächst nur im Bereich der Fan­ta­sie blieb. Mit der finan­zi­el­len Unter­stüt­zung sei­ner Fami­lie konn­te er zunächst eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re ver­fol­gen, doch schließ­lich konn­te er in kei­ner Uni­ver­si­tät Fuß fas­sen, da sei­ne Dis­ser­ta­ti­on »Der Begriff der Kunst­kri­tik in der deut­schen Roman­tik« als zu unver­ständ­lich begrif­fen wur­de. Statt­des­sen for­cier­te Ben­ja­min sei­ne Posi­ti­on als unab­hän­gi­ger Kri­ti­ker und Publi­zist, wobei er jedoch nie die pre­kä­re Exis­tenz des Intel­lek­tu­el­len abstrei­fen konn­te.  

Zugleich war Ben­ja­min von den deutsch­na­tio­na­len und faschis­ti­schen Strö­mun­gen umge­ben, wel­che die Wei­ma­rer Repu­blik seit ihrer Grün­dung maß­geb­lich beein­fluss­ten. Wie Lion Feucht­wan­ger im ers­ten Teil sei­ner »War­te­saal-Tri­lo­gie« (die den iro­ni­schen Titel Erfolg trug) schrieb, pro­ji­zier­ten die »Wahr­haft Deut­schen« die Schuld für das eige­ne Unver­mö­gen auf »die Juden«. Bereits in den 1920er Jah­ren erwog Ben­ja­min, Euro­pa zu ver­las­sen und nach Paläs­ti­na aus­zu­wan­dern, doch sein Freund Scholem riet ihm davon ent­schie­den ab, denn Jeru­sa­lem bie­te sich als intel­lek­tu­el­ler Ort nur jenen an, die sich mit dem Land und dem Juden­tum vor­be­halt­los iden­ti­fi­zier­ten. Ange­sichts von Ben­ja­mins Wen­dung zum Mar­xis­mus und zur poli­ti­schen Lin­ken hielt ihn Scholem für eine Emi­gra­ti­on nach Paläs­ti­na für unge­eig­net. Nach dem Schei­tern sei­ner aka­de­mi­schen Ambi­tio­nen konn­te Ben­ja­min durch sei­ne Publi­ka­tio­nen und sei­ne publi­zis­ti­sche Tätig­keit für die Frank­fur­ter Zei­tung und die Lite­ra­ri­sche Welt zwar als maß­geb­li­cher Intel­lek­tu­el­ler der Wei­ma­rer Repu­blik reüs­sie­ren, doch lie­ßen sich vie­le Pro­jek­te wie etwa die Zeit­schrift Kri­sis und Kri­tik auf­grund der insta­bi­len poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Lage in Deutsch­land nicht rea­li­sie­ren.

 

Walter Benjamins Ausweis für die Bibliothèque nationale de France

Wal­ter Ben­ja­mins Aus­weis für die Biblio­t­hèque natio­na­le de Fran­ce

Nach der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me ver­lor Ben­ja­min nicht allein sei­ne umfang­rei­che Biblio­thek, son­dern sah sich im fran­zö­si­schen Exil auf eine pre­kä­re Exis­tenz zurück­ge­wor­fen. Bis zu sei­nem Lebens­en­de war er auf Zuwen­dun­gen ande­rer ange­wie­sen, wor­aus sich Abhän­gig­kei­ten erga­ben. Das von Max Hork­hei­mer gelei­te­te Frank­fur­ter Insti­tut für Sozi­al­for­schung, des­sen Haupt­sitz 1934 nach New York ver­legt wor­den war, gewähr­te Ben­ja­min eine Art Sti­pen­di­um, das in ers­ter Linie dazu dien­te, sei­ne For­schun­gen zum Pari­ser Pas­sa­gen­werk zu finan­zie­ren. Dar­aus ent­stan­de­ne Stu­di­en wie der Essay »Das Kunst­werk im Zeit­al­ter sei­ner tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit« oder »Charles Bau­de­lai­re: Ein Lyri­ker im Zeit­al­ter des Hoch­ka­pi­ta­lis­mus« wur­den jedoch – wie Eiland und Jen­nings in ihrer Erzäh­lung nach­drück­lich her­aus­stel­len – in ihrer ver­öf­fent­lich­ten Form ent­we­der ob ihres expli­zit poli­ti­schen Cha­rak­ters gekürzt (um nicht zu sagen: zen­siert) oder wur­den selbst von Ben­ja­mins Freund Ador­no scharf kri­ti­siert, da sie nicht die vom Insti­tut gewünsch­ten Ergeb­nis­se zei­tig­ten. Zudem miss­bil­lig­ten die »Frank­fur­ter« Ben­ja­mins Freund­schaft mit Ber­tolt Brecht, des­sen »plum­pes Den­ken« sie ver­ach­te­ten, oder Ben­ja­mins Hin­wen­dung zur popu­lä­ren Kul­tur (er hat­te – wie Eiland und Jen­nings bemer­ken – ein Fai­ble für die Kri­mi­nal­ro­ma­ne Geor­ges Sime­nons und die Schau­spie­le­rin Kathe­ri­ne Hepburn).

Zugleich aber war Ben­ja­min kei­nes­wegs frei von den Eifer­süch­te­lei­en unter Emi­gran­ten. Als Sieg­fried Kra­cau­er, mit dem ihm aus der Zeit gemein­sa­mer Arbeit für die Frank­fur­ter Zei­tung eine enge Freund­schaft ver­band, im Pari­ser Exil sei­ne Popu­lär­bio­gra­fie Jac­ques Offen­bach und das Paris sei­ner Zeit ver­öf­fent­lich­te, fie­len sowohl Ador­no als auch Ben­ja­min über ihn her, denn ihrer Mei­nung nach wil­der­te Kra­cau­er in ihren ange­stamm­ten Gebie­ten und bie­der­te sich dem Markt an. Kei­nes­wegs war das Leben im Exil vom Hero­is­mus gekenn­zeich­net, und selbst die schlim­men Ver­hält­nis­se, die Feucht­wan­ger in sei­nem gro­ßen Roman Exil beschrieb, waren in der Rea­li­tät noch grau­en­vol­ler (der ehe­ma­li­ge Groß­bür­ger Ben­ja­min ver­füg­te lan­ge Zeit nicht ein­mal über ein eige­nes Zim­mer im Exil). Das Milieu der deut­schen Exi­lan­ten war, notie­ren Eiland und Jen­nings, erfüllt von Span­nung und Riva­li­tät, vom Kampf um die weni­gen Mög­lich­kei­ten und Res­sour­cen, die ein Wei­ter­le­ben ermög­lich­ten. Unter den Bedin­gun­gen des Exils, das intel­lek­tu­el­le Hei­mat­lo­sig­keit, finan­zi­el­le Ver­zweif­lung und sozia­le Insta­bi­li­tät her­vor­rief, wur­de das Leben selbst defor­miert und jeg­li­che Freund­schaft in trost­lo­sen Ter­ri­to­ri­en zer­stört.

 

Walter Benjamin - Fragments

Wal­ter Ben­ja­min — Frag­ments

Trotz allen Unbills der pre­kä­ren Exis­tenz ist es bemer­kens­wert, dass Ben­ja­min unab­läs­sig an sei­nem gro­ßen Pas­sa­gen­werk und ande­ren Pro­jek­ten schrieb. Selbst als er nach der deut­schen Okku­pa­ti­on zeit­wei­lig inter­niert war, ließ er vom Schrei­ben nicht ab. Einer sei­ner ein­fluss­reichs­ten Essays »Über den Begriff der Geschich­te« ent­stand noch kur­ze Zeit vor sei­nem tra­gi­schen Ende auf der Flucht über die Pyre­nä­en. Noch in den letz­ten Momen­ten trug er – hieß es – ein unver­öf­fent­lich­tes Manu­skript in einer Akten­ta­sche mit sich, ehe er sei­nem Leben in Port Bou ein Ende setz­te.

Über mehr als sie­ben­hun­dert Sei­ten ver­ste­hen es Eiland und Jen­nings meis­ter­haft, das kom­ple­xe Leben Ben­ja­mins ein­zu­fan­gen und in all sei­nen Wider­sprü­chen – gera­de­zu span­nend bis zum letz­ten Atem­zug – zu erzäh­len, einer­seits die unter­ge­gan­ge­ne Welt des frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts her­auf­zu­be­schwö­ren und zugleich den Aus­blick in eine mög­li­che Zukunft ins Auge zu fas­sen. So gelingt den bei­den Autoren ein außer­or­dent­li­ches wie gran­dio­ses Werk, das über die Figur eines her­aus­ra­gen­den Intel­lek­tu­el­len die Geschich­te der Ver­nich­tung und Aus­lö­schung auf euro­päi­schem Boden in Erin­ne­rung ruft.

 

Anmer­kung des Autors (13. Mai 2017):

Im Jah­re 2017 erschien eine Bio­gra­fie Wal­ter Ben­ja­mins unter dem Titel Wal­ter Ben­ja­min: Das Leben eines Unvoll­ende­ten im Rowohlt Ver­lag. Der Autor die­ser Bio­gra­fie, der kon­ser­va­ti­ve FAZ-Feuil­le­to­nist Lorenz Jäger, hat­te sich bereits Jah­re frü­her an Ador­no ver­gan­gen. Nun voll­zieht er – mit den Wor­ten Micha Brum­liks – »eine pos­tu­me Aus­bür­ge­rung Ben­ja­mins als eines bol­sche­wis­tisch-jüdi­schen Teil­neh­mers am Welt­bür­ger­krieg« (taz, 11./12. März 2017). So bleibt die Bio­gra­fie von Eiland und Jen­nings noch immer ein uner­reich­ter Höhe­punkt der Ben­ja­min-For­schung.

 

Zuerst erschie­nen in:  satt.org  (April 2015)

© Jörg Auberg 2015/2017

 

 


Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Howard Eiland und Micha­el W. Jen­nings.
Wal­ter Ben­ja­min – A Cri­ti­cal Life.
Cam­bridge (MA): The Bel­knap Press of Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2014.
755 Sei­ten, $ 39,99.

 

Bildquellen



Cover Wal­ter Ben­ja­min: A Cri­ti­cal Life — Har­vard Uni­ver­si­ty Press

Biblio­theks­aus­weis von Wal­ter Ben­ja­min — Wiki­me­dia Com­mons

Wal­ter Ben­ja­min — Frag­ments — Wiki­me­dia Com­mons

© Jörg Auberg 2017

Flattr this!

Read More

David Cesarani: Final Solution

Mörderische Gier

David Cesara­nis gros­se Stu­die zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Poli­tik der Ver­nich­tung der Juden

 

Von Jörg Auberg

 

 

»Die Hoff­nung der Juden, die sich an den zwei­ten Welt­krieg hef­tet, ist arm­se­lig. Wie er auch enden mag, die lücken­lo­se Mili­ta­ri­sie­rung führt die Welt wei­ter in auto­ri­tär-kol­lek­ti­vis­ti­sche Lebens­for­men hin­ein.«1

Max Hork­hei­mer, »Die Juden und Euro­pa« (1939)

 

 

In der frei flu­ten­den Ima­gi­na­ti­on ihres Wahns nah­men die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Täter Juden ledig­lich als Unge­zie­fer wahr. So betrach­te­ten sie denn auch ihren anti­se­mi­ti­schen Ver­nich­tungs­feld­zug als Dienst an der Mensch­heit. »Juden sind ja kei­ne Men­schen«, kon­sta­tier­te Robert Ley, der Füh­rer der Deut­schen Arbeits­front, im Jah­re 1942. »Jeder müß­te sich all­mäh­lich abge­wöhnt haben, sie als sol­che zu sehen. Daß wir ein Insekt tot­schla­gen, das uns pie­sackt, ist uns allen etwas ganz Natür­li­ches. Nichts ande­res bedeu­tet es, wenn wir uns eines Juden ent­le­di­gen.«2 Wel­che Rol­le der Anti­se­mi­tis­mus in die­sem Ver­such einer glo­ba­len »Ent­ju­dung« spiel­te, ist in der Holo­caust-For­schung strit­tig. In sei­ner frü­hen Stu­die des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu Beginn der 1940er Jah­re, Behe­moth (1942; erw. 1944), hat­te Franz Neu­mann die zen­tra­le Ver­ant­wor­tung büro­kra­ti­scher Appa­ra­te und Orga­ni­sa­tio­nen her­vor­ge­ho­ben, wäh­rend er den Anti­se­mi­tis­mus als Antrieb für die Ver­nich­tungs­po­li­tik mar­gi­nal ein­schätz­te.

»Der spon­ta­ne Anti­se­mi­tis­mus des Vol­kes selbst ist in Deutsch­land nach wie vor schwach«, schrieb Neu­mann. »Die­se Behaup­tung läßt sich nicht direkt bewei­sen, aber es ist bezeich­nend, daß es trotz der unauf­hör­li­chen Pro­pa­gan­da, der das deut­sche Volk seit vie­len Jah­ren aus­ge­setzt ist, kei­ne ein­zi­ge nach­weis­ba­re spon­ta­ne anti­jü­di­sche Akti­on von Per­so­nen, die nicht der NSDAP ange­hö­ren, gege­ben hat. Nach mei­ner per­sön­li­chen Über­zeu­gung ist das deut­sche Volk, so para­dox das auch schei­nen mag, noch das am wenigs­ten anti­se­mi­ti­sche.«3

Eine ähn­li­che Argu­men­ta­ti­ons­li­nie ver­folg­te auch der Neu­mann-Schü­ler Raul Hil­berg in sei­nem Stan­dard­werk Die Ver­nich­tung der euro­päi­schen Juden (1961), das bezeich­nen­der­wei­se erst über zwan­zig Jah­re nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung in den USA in dem klei­nen Ber­li­ner Ver­lag Olle & Wol­ter erschien, ehe es spä­ter in der ver­dienst­vol­len, von Wal­ter Peh­le ver­ant­wor­te­ten »Schwar­ze Rei­he« im Fischer-Ver­lag einen ange­mes­se­nen Platz der Ver­brei­tung fand. Für Hil­berg lagen die Grün­de für die »Erfol­ge« der Ver­nich­tungs­po­li­tik weni­ger in anti­se­mi­ti­schen Res­sen­ti­ments der deut­schen Mehr­heits­be­völ­ke­rung denn in der büro­kra­ti­schen Umset­zung der Anni­hi­la­ti­on. »Im Grun­de wur­de die Aus­lö­schung des Juden­tums«, schrieb Hil­berg in einem spä­te­ren Auf­satz, »von einem Heer von Funk­ti­ons­trä­gern in staat­li­chen Behör­den und pri­va­ten Unter­neh­men umge­setzt, die Maß­nah­men ein­lei­te­ten, eine nach der ander ande­ren, die größ­ten­teils büro­kra­ti­scher Natur waren und auf Gewohn­heit, Rou­ti­ne und Tra­di­ti­on beruh­ten.«4 Eine zen­tra­le Rol­le in der Ver­nich­tung nah­men in Hil­bergs Dar­stel­lung büro­kra­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen wie die Reichs­bahn und die Ord­nungs­po­li­zei ein. In spä­te­ren Argu­men­ta­tio­nen – wie in Zyg­munt Bau­mans Moder­ni­ty and the Holo­caust (1989) – blieb der Anti­se­mi­tis­mus gänz­lich außen vor: Dort lief die nazis­ti­sche Mord­ma­schi­ne ledig­lich im Kon­text der indus­tri­el­len Moder­ne in einem »Autopilot«-Modus, bei dem die Beson­der­heit des Holo­caust – die Exter­mi­na­ti­on aller Juden in Euro­pa – in einer gene­ra­li­sier­ten Geschich­te von Ras­sis­mus und Aus­lö­schung getilgt wur­de.5

 

David Cesarani - Final Solution: The Fate of the Jews 1933-49 (Macmillan, 2016)

David Cesara­ni — Final Solu­ti­on: The Fate of the Jews 1933–49 (Mac­mil­lan, 2016)

Die­ser Argu­men­ta­ti­on wider­spricht der eng­li­sche His­to­ri­ker David Cesara­ni (1956–2015) in sei­nem post­hum ver­öf­fent­lich­ten Magnum opus Final Solu­ti­on: The Fate of the Jews 1933–49 (dt. »End­lö­sung«: Das Schick­sal der Juden 1933–1948). Für ihn ist der Holo­caust kei­nes­wegs pri­mär ein büro­kra­ti­sches, indus­tri­el­les und tech­no­lo­gi­sches Unter­neh­men, son­dern beruh­te in ers­ter Linie auf bru­ta­ler Gewalt, die von Gier und Hass ange­trie­ben wur­de und sich in Demü­ti­gun­gen, Miss­hand­lun­gen, Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Mas­sen­er­schie­ßun­gen aus­drück­te. Cesara­ni, der in den 1990er Jah­ren die Lon­do­ner Wie­ner Libra­ry, eine der renom­mier­tes­ten Ein­rich­tun­gen der inter­na­tio­na­len Holo­caust-For­schung, lei­te­te, trieb ein Unbe­ha­gen mit der vor­herr­schen­den Gedenk­kul­tur an. »Es ist zum Glau­bens­satz gewor­den«, heißt es in sei­ner Ein­lei­tung, »dass der sys­te­ma­ti­sche Ein­satz staat­li­cher Macht, moder­ne büro­kra­ti­sche Ver­fah­ren, wis­sen­schaft­li­ches Den­ken sowie nach dem Vor­bild indus­tri­el­ler Pro­duk­ti­ons­sys­te­me gestal­te­te Tötungs­me­tho­den den Holo­caust kenn­zeich­nen.«6 Dem hält er ent­ge­gen, dass nicht eine ziel­stre­bi­ge Poli­tik des Anti­se­mi­tis­mus in den Holo­caust führ­te. Viel­mehr sei­en Gier und Hab­gier wesent­li­che Antriebs­kräf­te der »Ent­ju­dung« zunächst in Deutsch­land und spä­ter auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent gewe­sen, wobei die »gewöhn­li­chen Män­ner und Frau­en« als Pro­fi­teu­re des anti­se­mi­ti­schen Sys­tems zuvör­derst am größt­mög­li­chen Anteil der Beu­te inter­es­siert waren, der erst bei der Ver­trei­bung und spä­ter der Ver­nich­tung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung für sie abfiel.

 

Der jüdische Anwalt Dr. Michael Siegel wird im März 1933 von SA-Schergen über den Münchner Stachus getrieben (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R99542, via Wikimedia Commons )

Der jüdi­sche Anwalt Dr. Micha­el Sie­gel wird im März 1933 von SA-Scher­gen über den Münch­ner Sta­chus getrie­ben (Quel­le: Bun­des­ar­chiv, Bild 183-R99542, via Wiki­me­dia Com­mons )

In sei­ner Erzäh­lung des Unsag­ba­ren und Unvor­stell­ba­ren bleibt Cesara­ni stets klar und ernst, »die Stim­me des klas­si­schen Rea­lis­mus«7, wie Nicho­las Star­gadt in der New York Times bemerk­te. Trotz der Mil­lio­nen von Opfern ver­liert er nie die Empa­thie für die jüdi­schen Indi­vi­du­en, die von Ein­zel­tä­tern ermor­det wur­den. Indem er über die lan­ge Stre­cke der Erzäh­lung von der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten bis zur voll­kom­me­nen Zer­stö­rung des euro­päi­schen Kon­ti­nents zahl­lo­se Quel­len und Zeug­nis­se der Ermor­de­ten ein­be­zieht, hält er die Erin­ne­rung an jeden Ein­zel­nen wach, der auf die­se Wei­se nicht in der Mas­se der Toten ver­schwin­det.

Beson­ders ein­drück­lich schil­dert Cesara­ni die Ereig­nis­se in Wien nach dem »Anschluss« Öster­reichs an das Deut­sche Reich im Jah­re 1938, als unter dem Hohn­ge­läch­ter der Wie­ner Bür­ger Juden mit Bürs­ten die Geh­stei­ge schrub­ben muss­ten. Die dama­li­gen Ereig­nis­se sind für Cesara­ni ein Beleg dafür, dass die anti­jü­di­sche Poli­tik kei­nes­wegs einem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gene­ral­plan folg­te, son­dern dass vie­le Aktio­nen kon­fus, wider­sprüch­lich und unaus­ge­go­ren waren. Die ritu­el­len Demü­ti­gun­gen und Ernied­ri­gun­gen, denen Juden nach dem Ein­marsch der Deut­schen aus­ge­setzt waren, wur­den nach Cesara­nis Auf­fas­sung nicht von lan­ger Hand geplant; viel­mehr hat­ten sei­ner Ansicht nach die Deut­schen die Lage nicht im Griff.

Ähn­lich stellt sich für Cesara­ni die »Reichs­po­grom­nacht« vom 9. Novem­ber 1938 nach dem Atten­tat auf den deut­schen Diplo­ma­ten Ernst vom Rath in Paris dar. Auch die­se anti­jü­di­schen Aktio­nen waren in sei­nen Augen weit davon ent­fernt, plan­voll und »exe­ku­to­risch« im Sin­ne des Regimes gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung vor­zu­ge­hen. Aller­dings erscheint der Ver­such der Erklä­rung der Ereig­nis­se in die­sem Fall etwas selt­sam. So zitiert er kom­men­tar­los Geor­ge Ogil­vie-For­bes, den damals amtie­ren­den Geschäfts­trä­ger der bri­ti­schen Bot­schaft in Ber­lin mit den Wor­ten: »Die Erklä­rung für die­sen Aus­bruch sadis­ti­scher Grau­sam­keit mag sein, dass sexu­el­le Per­ver­sio­nen, ins­be­son­de­re Homo­se­xua­li­tät, in Deutsch­land weit ver­brei­tet sind. Mir scheint, dass mas­sen­haf­te sexu­el­le Per­ver­si­tät eine Erklä­rung für die­sen ansons­ten uner­klär­li­chen Aus­bruch bie­ten könn­te.«8 Die­se Asso­zia­ti­on von Homo­se­xua­li­tät und Per­ver­si­on, die heu­te zum Reper­toire der »Neu­en Rech­ten« gehört, fin­det sich auch in zeit­ge­nös­si­schen kri­ti­schen Tex­ten: Bei­spiels­wei­se blen­de­te Sieg­fried Kra­cau­er in sei­ner Geschich­te des Films der Wei­ma­rer Repu­blik Homo­se­xua­li­tät und Per­ver­si­on inein­an­der über und setz­te die sexu­el­le Devia­ti­on mit »Abnor­mi­tät« und »Ver­kom­men­heit« gleich.9 Für das kon­ser­va­ti­ve Bür­ger­tum war Ber­lin, die Haupt­stadt der Wei­ma­rer Repu­blik, vor allem ein »Sün­den­pfuhl«, in der neue Frei­hei­ten einer Sexua­li­tät als bedroh­lich emp­fun­den wur­den. Die Eman­zi­pa­ti­on sexu­el­ler Min­der­hei­ten in der Wei­ma­rer Repu­blik, die spä­ter selbst der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­po­li­tik zum Opfer fie­len, als »Per­ver­si­on« zu denun­zie­ren, wäh­rend die Ver­ant­wor­tung der Mehr­heits­be­völ­ke­rung für die herr­schen­den Zustän­de ver­schwie­gen wur­de, zeugt von einer äußerst ver­zerr­ten Wahr­neh­mung.10

 

Ermordung von jüdischen Zivilisten in der Ukraine 1942 (Wikimedia Commons)

Ermor­dung von jüdi­schen Zivi­lis­ten in der Ukrai­ne 1942 (Wiki­me­dia Com­mons)

Mit dem Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges ver­schlech­ter­te sich die Lage der jüdi­schen Bevöl­ke­rung zuneh­mend: Wie sich auch die Ver­hält­nis­se änder­ten – stets gehör­ten die Juden zu den Ver­lie­rern: »Wenn der Krieg für Deutsch­land gut lief, muss­ten die Juden als ver­meint­li­che Anstif­ter mit Ver­gel­tung rech­nen«, resü­miert Cesara­ni; »lief er schlecht, wür­de man sie für das Leid der Deut­schen bezah­len las­sen.«11 Im Krieg selbst tob­te sich eine Bru­ta­li­sie­rung gegen­über dem »jüdi­schen Feind« aus, die sich aus jah­re­lan­ger ras­sis­ti­scher Indok­tri­na­ti­on nähr­te. Juden erschie­nen den deut­schen Sol­da­ten als »Bes­ti­en in Men­schen­ge­stalt« mit »teuf­li­schen Frat­zen«, wobei die­se Dämo­ni­sie­rung die »ari­schen Hel­den« nicht davon abhielt, jüdi­sche Frau­en zu ver­ge­wal­ti­gen.12 Mit sei­ner detail­lier­ten Beschrei­bung des mas­sen­haf­ten sexu­el­len Miss­brauchs in den besetz­ten Gebie­ten Ost­eu­ro­pas demys­ti­fi­ziert er die deut­sche Wehr­macht, die nach 1945 ihre Betei­li­gung an Kriegs­ver­bre­chen zu kaschie­ren ver­such­te. Gleich­falls ent­schlei­ert er die Jäm­mer­lich­keit der deut­schen Zivil­be­völ­ke­rung, die bei­spiels­wei­se 1943 in Nürn­berg die Ver­trei­bung der Juden bedau­er­te: Hät­te man sie als Gei­seln behal­ten, lau­te­te die Argu­men­ta­ti­on, ver­füg­te man über ein wirk­sa­mes Faust­pfand.13

Nicht weni­ger unbarm­her­zig sind die Ost­eu­ro­pä­er in Cesara­nis Erzäh­lung: Nach dem Auf­stand im War­schau­er Ghet­to sah der Kom­men­ta­tor einer katho­li­schen Unter­grund­zei­tung die Tra­gö­die als Chan­ce der Juden zur Kon­ver­si­on: »Sie kön­nen im Ange­sicht der Zer­stö­rung durch die Tau­fe und den wah­ren Glau­ben geret­tet wer­den.«14 Auch auf den Trans­por­ten in die Ver­nich­tungs­la­ger konn­ten die Depor­tier­ten kaum auf Unter­stüt­zung hof­fen: »Die Mehr­heit der Polen und Ukrai­ner nahm Juden nicht als Men­schen in Not wahr, son­dern betrach­te­te sie als Han­dels­wa­re oder Ein­nah­me­quel­le.«15 Auf der Sei­te der Alli­ier­ten hat­te das Schick­sal der Juden kei­ne Prio­ri­tät, sodass zwar mili­tä­ri­sche Zie­le bom­bar­diert wur­den, aber nicht die Eisen­bahn­we­ge, die zu den Ver­nich­tungs­la­gern führ­ten. »Hät­te man der Ret­tung von Juden die­sel­be Prio­ri­tät wie der Kriegs­füh­rung gewährt«, kri­ti­siert Cesara­ni, hät­ten Ein­wän­de bezüg­lich »der zu erwar­ten­den Ver­lus­te und der erfor­der­li­chen Kräf­te, die den vor­ran­gi­gen Kampf­ein­sät­zen ent­zo­gen wor­den wären«, kei­ne Wir­kung gehabt.16

 

David Cesarani - »Endlösung«: Das Schicksal der Juden 1933-1948 (Propyläen, 2016)

David Cesara­ni — »End­lö­sung«: Das Schick­sal der Juden 1933–1948 (Pro­py­lä­en, 2016)

In sei­nem Resü­mee hebt Cesara­ni die enge Ver­zah­nung von Ver­nich­tungs- und Kriegs­po­li­tik des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes her­vor. »Das Schick­sal der euro­päi­schen Juden zwi­schen 1933 und 1948 wur­zel­te im Anti­se­mi­tis­mus, wur­de aber vom Krieg geformt«, kon­sta­tiert er. »Abnei­gung gegen Juden und Juden­hass waren vor 1914 in Euro­pa weit­ver­brei­tet, doch der Ers­te Welt­krieg schuf die Bedin­gun­gen, unter denen die­se Feind­se­lig­keit über­hit­zen konn­te.«17 Lei­der bestehen die­se Bedin­gun­gen wei­ter fort, sodass Cesara­nis Buch, das der an Krebs erkrank­te Autor dem Tod abrang, ein Ver­mächt­nis im Kampf gegen den Anti­se­mi­tis­mus dar­stellt. Lei­der hat die deut­sche Über­set­zung auf die Fotos der Wie­ner Libra­ry ver­zich­tet, die der eng­li­schen Ori­gi­nal­aus­ga­be eine beson­de­re Note der Ein­dring­lich­keit ver­lie­hen. Den­noch bleibt zu hof­fen, dass Cesara­nis Werk ein brei­tes Publi­kum fin­den wird.

 


Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

David Cesara­ni.
Final Solu­ti­on: The Fate of the Jews 1933–49.
Lon­don: Mac­mil­lan, 2016.
45 Abbil­dun­gen, 3 Kar­ten.
1056 Sei­ten, £ 30,00.

David Cesara­ni.
»End­lö­sung«: Das Schick­sal der Juden 1933–1948.
Über­setzt von Klaus-Die­ter Schmidt.
Ber­lin: Pro­py­lä­en Ver­lag, 2016.
1104 Sei­ten, € 42,00.

 

Bildquellen



Cover Final Solu­ti­on — Mac­mil­lan

Juden­ver­fol­gung Micha­el Sie­gel — Bun­des­ar­chiv via Wiki­me­dia Com­mons

Erschie­ßun­gen in der Ukrai­ne — Wiki­me­dia Com­mons

Cover »End­lö­sung« — Pro­py­lä­en Ver­lag

© Jörg Auberg 2017

Nachweise

  1. Max Hork­hei­mer, »Die Juden und Euro­pa«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 4, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: Fischer, 1988), S. 327
  2. Robert Ley, zitiert in: Ernst Klee, Das Per­so­nen­le­xi­kon zum Drit­ten Reich: Wer war was vor und nach 1945 (Frankfurt/Main: Fischer, 2005), S. 370
  3. Franz Neu­mann, Behe­moth: Struk­tur und Pra­xis des Natio­nal­so­zia­lis­mus, 1933–1944, hg. Gert Schä­fer, übers. Hed­da Wag­ner und Gert Schä­fer (Frankfurt/Main: Fischer, 1984), S. 159
  4. Raul Hil­berg, Ana­to­mie des Holo­caust: Essays und Erin­ne­run­gen, hg. Wal­ter H. Peh­le und René Schlott, übers. Petra Post und Andrea von Struve (Frankfurt/Main: Fischer, 2016), S. 71
  5. Zyg­munt Bau­mann, Moder­ni­ty and the Holo­caust (Cam­bridge: Poli­ty Press, 1989), S. 104–106
  6. David Cesara­ni. »End­lö­sung«: Das Schick­sal der Juden 1933–1948, übers. Klaus-Die­ter Schmidt (Ber­lin: Pro­py­lä­en Ver­lag, 2016), S. 15
  7. Nico­laus Star­gardt, »Two New Books Look at the Holo­caust in Civic and Mili­ta­ry Terms«, New York Times, 3. Janu­ar 2017, https://www.nytimes.com/2017/01/03/books/review/final-solution-david-cesarini-why-explaining-holocaust-peter-hayes.html?_r=0
  8. Geor­ge Ogil­vie-For­bes, zitiert in: Cesara­ni. »End­lö­sung«, S. 252–253
  9. Sieg­fried Kra­cau­er, »Von Cali­ga­ri zu Hit­ler«, in: Schrif­ten, Band 2.1, hg. Sabi­ne Biebl (Ber­lin: Suhr­kamp, 2012), S. 46, 57, 102
  10. Cf. Mel Gor­don, Volup­tuous Panic: The Ero­tic World of Wei­mar Ber­lin (Los Ange­les: Feral House, 2006); Lau­rie Marhoefer, Sex and the Wei­mar Repu­blic: Ger­man Homo­se­xu­al Eman­ci­pa­ti­on and the Rise of the Nazis (Toron­to: Uni­ver­si­ty of Toron­to Press, 2015); Robert Beachy, Gay Ber­lin: Birth­place of a Modern Iden­ti­ty (New York: Alfred A. Knopf, 2014)
  11. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 301
  12. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 312, 346
  13. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 707
  14. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 737
  15. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 773
  16. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 886
  17. Cesara­ni, »End­lö­sung«, S. 941

Flattr this!

Read More