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Juni 2019 Posts

Nunzio Pernicone und Fraser M. Ottanelli: Assassins Against the Old Order

Früch­te des Zorns

 

In sei­nem post­hum ver­öf­fent­li­chen Werk Assas­sins Against the Old Order erzählt Nun­zio Per­ni­co­ne die Geschich­te anar­chis­ti­scher Atten­tä­ter im Ita­li­en des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts

von Jörg Auberg

 

Nunzio Pernicone - Italian Anarchism, 1864-1892 (AK Press, 2009)

Nun­zio Per­ni­co­ne: Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (AK Press, 2009)

In sei­nem Stan­dard­werk über die Geschich­te des ita­lie­ni­schen Anar­chis­mus Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (1993) ver­trat der US-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Nun­zio Per­ni­co­ne (1940–2013) die Auf­fas­sung, dass die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten in der Zeit zwi­schen dem Risor­gi­men­to und dem Auf­stieg des Faschis­mus den »Haupt­be­stand­teil der ita­lie­ni­schen Lin­ken« reprä­sen­tier­ten. Den­noch war die anar­chis­ti­sche Bewe­gung in all den Jah­ren in einem »Teu­fels­kreis aus Vor­rü­cken und Rück­zug« gefan­gen: Jedes neu­es Auf­bäu­men gegen die Staats­macht wur­de mit einer neu­en Woge der herr­schaft­li­chen Repres­si­on bezahlt. Nach die­sem his­to­ri­schen Mus­ter ver­schwan­den anar­chis­ti­sche Bewe­gun­gen und ihre Prot­ago­nis­ten immer wie­der in Wel­len von Ver­haf­tun­gen, Flucht ins Exil, der Unter­drü­ckung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und der Auf­lö­sung von Grup­pen und Zir­keln, um Jah­re spä­ter in Zyklen der Agi­ta­ti­on erneut auf­zu­tau­chen.1

Doch trotz all die­ser »Zei­ten der Wie­der­kehr« in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten des 19. Jahr­hun­derts ver­moch­ten die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten es nicht, aus ihrer selbst­ver­schul­de­ten Iso­la­ti­on aus­zu­bre­chen. Erri­co Mala­tes­ta (1853–1932), einer der maß­geb­li­chen Akteu­re der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, kri­ti­sier­te 1894 in einem Arti­kel, dass die Anar­chis­ten »viel Pala­ver über die Revo­lu­ti­on« mach­ten, die sich am Ende nicht vom Para­dies der Katho­li­ken unter­schei­de und als »ein Ver­spre­chen für das Jen­seits« erwei­se.2 Die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten wur­den zu Gefan­ge­nen ihrer eige­nen Welt­an­schau­ung, schluss­fol­ger­te Per­ni­co­ne, zu ohn­mäch­tig, um die Bour­geoi­sie und den Staat zu gefähr­den. Iro­ni­scher­wei­se waren sie aber die Haupt­op­fer der bür­ger­li­chen Hys­te­rie und der Staats­macht in den Jah­ren nach der Grün­dung des ita­lie­ni­schen König­rei­ches, deren auto­ri­tä­ren Herr­scher in den sozia­len Unru­hen und Auf­stän­den im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert in ers­ter Linie Ver­schwö­run­gen sinis­trer Anar­chis­ten und Sozia­lis­ten am Wer­ke sahen.3 Abge­kop­pelt von den revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen, ent­lud sich der anar­chis­ti­sche Pro­test gegen die herr­schen­den Ver­hält­nis­se zuvör­derst in indi­vi­du­el­len Atten­ta­ten, die fun­ken­gleich einen revo­lu­tio­nä­ren Brand ent­fa­chen soll­ten. Das Kon­zept die­ser »Pro­pa­gan­da der Tat« ent­wi­ckel­te erst­mals der ita­lie­ni­sche Poli­ti­ker und Gue­ril­la­kämp­fer Car­lo Pisa­ca­ne (1818–1857), ein gefei­er­ter Held des Risor­gi­men­to, der Gewalt als essen­zi­el­le revo­lu­tio­nä­re Trieb­kraft ansah.4 Zwi­schen 1894 und 1900 ver­üb­ten ita­lie­ni­sche Anar­chis­ten in kur­zer Fol­ge Atten­ta­te auf Reprä­sen­tan­ten der Staats­macht, die sie ent­we­der mit dem Leben oder mit lan­ger Ker­ker­haft bezahl­ten, ohne dass die Atten­ta­te wie erhofft zu revo­lu­tio­nä­ren Aktio­nen führ­ten. Statt­des­sen zog der ita­lie­ni­sche Staat die Repres­si­ons­schrau­ben an.

 

Nunzio Pernicone und Fraser M. Ottanelli: Assassins Against the Old Order (University of Illinois Press, 2018)

Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li: Assas­sins Against the Old Order (Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018)

Bereits im Epi­log sei­nes Buches Ita­li­an Anar­chism hat­te Per­ni­co­ne die Geschich­te der ita­lie­ni­schen »atten­ta­to­ri« ange­ris­sen, doch ende­te für ihn damals die Geschich­te des Anar­chis­mus in Ita­li­en mit der Unter­drü­ckung wäh­rend der faschis­ti­schen Herr­schaft, von der sich die liber­tä­re Bewe­gung nie­mals erhol­te.5 In sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren griff Per­ni­co­ne das The­ma der anar­chis­ti­schen Atten­tä­ter noch ein­mal auf, wobei ihn vor allem eine Oppo­si­ti­on zur gän­gi­gen bür­ger­li­chen Geschichts­schrei­bung antrieb, die – anknüp­fend an lite­ra­ri­sche Kli­schees von Roman­ciers wie Joseph Con­rad und Hen­ry James6 – anar­chis­ti­sche Atten­tä­ter vor allem als Erfül­lungs­ge­hil­fen intel­lek­tu­el­ler »Schreib­tisch­tä­ter« beschrieb, wel­che die Idee aus­brü­te­ten, die »nie­de­re« Täter als Instru­men­te des geis­ti­gen Strip­pen­zie­hers in die blu­ti­ge Tat umsetz­ten. His­to­ri­ke­rin­nen wie Bar­ba­ra Tuch­man beschrie­ben die ita­lie­ni­schen Atten­tä­ter als blo­ße »Instru­men­te der Idee«7. In ihrer ste­reo­ty­pen Dar­stel­lung der Anar­chis­ten als noto­ri­sche Gewalt­tä­ter unter­schlu­gen sie jedoch, dass poli­ti­sche Gewalt von allen revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten des Risor­gi­men­to pro­pa­giert wur­de: Giu­sep­pe Gari­bal­di befür­wor­te­te poli­ti­sche Atten­ta­te, um das Ziel der Revo­lu­ti­on zu errei­chen, und gene­rell galt unter bür­ger­li­chen Akti­vis­ten der natio­na­len Eini­gungs­be­we­gung der Tyran­nen­mord als legi­ti­mer Wider­stand gegen die Dik­ta­tur. Iro­ni­scher­wei­se war das Resul­tat des Risor­gi­ment­os ein auto­ri­tä­rer Staat mit libe­ra­ler Fas­sa­de, ein »vir­tu­el­ler Poli­zei­staat für Anar­chis­ten«8

 

Nunzio Pernicone - Carlo Tresca

Nun­zio Per­ni­co­ne: Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel (Pal­gra­ve Mac­mil­lan, 2005)

Zwei­fels­oh­ne lagen Per­ni­co­nes Sym­pa­thi­en bei den Anar­chis­ten, den »Ver­lie­rern der Geschich­te«, die er aus den Erzäh­lun­gen sei­nes ita­lie­ni­schen Vaters kann­te und mit denen er im New Yor­ker Green­wich Vil­la­ge auf­wuchs.9 Doch gera­de sei­ne inti­men Kennt­nis­se der anar­chis­ti­schen Ver­hält­nis­se bewahr­ten ihn davor, die Anar­chis­ten als Hero­en der Frei­heit zu ver­klä­ren: In ihrer Idio­syn­kra­sie gegen Regu­la­ri­en der Orga­ni­sa­ti­on und ihrem Fai­ble für klan­des­ti­ne Geheim­bün­de­lei, die oft in Sek­tie­re­rei ende­te, unter­mi­nier­ten sie nicht allein ihren mög­li­chen Ein­fluss auf gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, son­dern sabo­tier­ten oft auch unfrei­wil­lig den Wider­stand gegen faschis­ti­sche und tota­li­tä­re Kräf­te.10

Trotz allem blieb Per­ni­co­ne dem »anar­chis­ti­schen Pro­jekt« mit »kri­ti­scher Sym­pa­thie« ver­bun­den und war von einer Abnei­gung gegen­über allem, was nach Kom­mu­nis­mus roch, gekenn­zeich­net. Den­noch freun­de­te er sich nach einer aka­de­mi­schen Kon­fe­renz zum The­ma »Faschis­mus und Anti­fa­schis­mus unter Ita­lo-Ame­ri­ka­nern« im Jah­re 2001 mit dem ita­lie­ni­schen Kol­le­gen Fra­ser Otta­nel­li an, der in den 1970er Jah­ren in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens war und eine Stu­die über die US-ame­ri­ka­ni­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in den 1930er Jah­ren ver­öf­fent­licht hat­te.11 Im Lau­fe der Jah­re bil­de­ten sie eine klei­ne »Volks­front« der lin­ken His­to­ri­ker. Als im März 2013 bei Per­ni­co­ne eine unheil­ba­re Krebs­er­kran­kung dia­gnos­ti­ziert wur­de, bat er Otta­nel­li, sein begon­ne­nes Werk über die ita­lie­ni­schen Atten­tä­ter zu voll­enden. 18 Kapi­tel auf 700 Sei­ten kom­pri­mier­te Otta­nel­li zu 11 Kapi­teln auf 270 Sei­ten; zudem steu­er­te er eine Ein­lei­tung und eine Kon­klu­si­on bei und aktua­li­sier­te die Biblio­gra­fie.

Eine zen­tra­le Figur in der repres­si­ven Poli­tik im ita­lie­ni­schen Staat war Fran­ces­co Cris­pi, ein ehe­ma­li­ger Revo­lu­tio­när, der als Pre­mier- und Innen­mi­nis­ter ein auto­ri­tä­res Regime führ­te, sozia­le Unru­hen und Auf­stän­de mit bra­chia­ler Gewalt unter­drück­te und lin­ke Oppo­si­tio­nel­le häu­fig ohne Gerichts­ver­fah­ren ins »domic­i­lio coat­to« in kar­gen Straf­ko­lo­ni­en im Süden Ita­li­ens Ver­bann­te. Für Per­ni­co­ne war Cris­pi »der auto­ri­tärs­te aller Pre­mier­mi­nis­ter Ita­li­ens vor Mus­so­li­ni«12, der die Revol­ten gegen sei­ne Herr­schaft nicht in sei­ner unso­zia­len Poli­tik begrün­det sah, son­dern den umstürz­le­ri­schen Umtrie­ben klan­des­ti­ner Ver­schwö­rer aus der Welt der Anar­chis­ten und Sozia­lis­ten zuschrieb. Als Ant­wort auf die repres­si­ven und pre­kä­ren Ver­hält­nis­se im Land begin­gen zwi­schen den Jah­re 1894 und 1900 eine Rei­he von Anar­chis­ten als »gius­ti­zie­re« Atten­ta­te, die als Akte der Gerech­tig­keit gel­ten soll­ten.

 

Miche­le Angio­lil­los Atten­tat auf den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Cáno­vas in einer zeit­ge­nös­si­schen Illus­tra­ti­on (1897)

Am Bei­spiel von sechs Atten­tä­tern – Pao­lo Lega, San­te Case­rio, Pie­tro Accia­ri­to, Miche­le Angio­lil­lo, Lui­gi Luche­ni und Gaeta­no Bre­sci – schil­dert Per­ni­co­ne einer­seits die poli­ti­schen und his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de der Repres­si­on; zum ande­ren beschreibt er die Ent­wick­lung zumeist ein­fa­cher Hand­wer­ker und Arbei­ter zu »selbst­lo­sen« Atten­tä­ter, die weni­ger als Werk­zeu­ge ruch­lo­ser Intel­lek­tu­el­ler agier­ten denn als selbst­er­mäch­tig­te Voll­stre­cker der Gerech­tig­keit. Als der 25-jäh­ri­ge Zim­mer­mann Pao­lo Lega dem Pre­mier­mi­nis­ter 1894 nach dem Leben trach­te­te, woll­te er mit die­sem Atten­tat einen füh­ren­den Reprä­sen­tan­ten des Staa­tes bestra­fen, der für die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung der sozia­len Pro­tes­te in Sizi­li­en ver­ant­wort­lich war. Eine ähn­li­che Argu­men­ta­ti­on bemüh­ten San­te Case­rio und Miche­le Angio­lil­lo, die den fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Marie François Sadi Car­not (1894) und den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Anto­nio Cáno­vas del Cas­til­lo (1897) ermor­de­ten und dafür mit ihrem Leben bezahl­ten. Angio­lil­lo war, schluss­fol­gert Per­ni­co­ne, »der Inbe­griff des gius­ti­zie­re, der einen klas­si­schen Akt der aus­glei­chen­den anar­chis­ti­schen Gerech­tig­keit began­gen hat­te. Von daher nimmt Angio­lil­lo den höchs­ten Rang im Pan­the­on der anar­chis­ti­schen Mär­ty­rer ein.«13

 

Lui­gi Luche­ni nach sei­ner Ver­haf­tung

Dem­ge­gen­über steht Lui­gi Luche­ni, der Atten­tä­ter der öster­rei­chi­schen Kai­se­rin Eli­sa­beth (1898), auf der nied­rigs­ten Stu­fe. Der selbst­er­nann­te »indi­vi­dua­lis­ti­sche Anar­chist« und Ver­tre­ter der »Prop­gan­da der Tat« woll­te eine »hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­keit« töten, sodass er Berühmt­heit durch die Bericht­erstat­tung in der Pres­se erhielt, wäh­rend Moral und Gerech­tig­keit bei sei­nem Tötungs­akt kei­ner­lei Rol­le spiel­te. Ganz im Gegen­satz dazu stand der Atten­tat Gaeta­no Bre­scis auf den ita­lie­ni­schen König Umber­to I., des­sen Aus­lö­ser die blu­ti­gen Lebens­mit­tel­auf­stän­de in Mai­land im Mai 1898 (bekannt als Fat­ti di Mag­gio oder auch als Bava-Bec­ca­ris-Mas­sa­ker) waren. Gene­ral Fio­ren­zo Bava-Bec­ca­ris ließ auf­stän­di­schen Demons­tran­ten nie­der­schie­ßen, wobei etwa 300 Men­schen umka­men. Dies nahm Bre­sci, der in die USA emi­griert war und in Pater­son (New Jer­sey) als Weber arbei­te­te, zum Anlass, zurück nach Ita­li­en zu rei­sen und den König mit drei Schüs­sen nie­der­zu­stre­cken. In Pater­son war er in der anar­chis­ti­schen Sze­ne aktiv, poli­zei­lich aber nie auf­ge­fal­len, sodass sein stil­ler Ent­schluss, den König zu töten, für vie­le über­ra­schend kam. Für die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten war er ein »edler und heroi­scher Rächer, des­sen Moti­ve rein und selbst­los waren«, schreibt Per­ni­co­ne, und des­sen Opfer als Tyrann voll­kom­men für die Tat der Ver­gel­tung, die er emp­fang, qua­li­fi­ziert war. 14 Zudem zwei­felt Per­ni­co­ne an der offi­zi­el­len Ver­si­on des Selbst­mor­des, die His­to­ri­ke­rin­nen wie Tuch­man unge­prüft über­nah­men, obgleich eine Rei­he von Indi­zi­en eher für eine Mord­the­se spra­chen: Wie konn­te Bre­sci, obwohl er unter per­ma­nen­ter Beob­ach­tung in sei­nem Ker­ker stand, unbe­merkt Selbst­mord bege­hen?

 

San­te Geroni­mo Case­rio in einer Zeich­nung von Frédé­ric Lix (1894)

Auch wenn Per­ni­co­ne in sei­nem bio­gra­fi­schen Ansatz sich auf die his­to­ri­schen Bedingt­hei­ten und Ent­wick­lun­gen die­ser sechs Atten­tä­ter fokus­siert, redu­ziert er die ita­lie­ni­sche anar­chis­ti­sche Gewalt nicht auf eine indi­vi­du­el­le Psy­cho­lo­gie, wie Otta­nel­li in sei­ner Kon­klu­si­on bekräf­tigt. Als His­to­ri­ker bewegt er sich – wie Sieg­fried Kra­cau­er ein­mal tref­fend schrieb – »zwi­schen den Makro- und Mikro-Dimen­sio­nen«15, ana­ly­siert detail­reich die poli­ti­schen Struk­tu­ren des auto­ri­tä­ren bür­ger­li­chen Staa­tes, der mit sei­nen Repres­si­ons­for­men immer neue Gewalt pro­du­zier­te, und reflek­tiert die gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten der atten­ta­to­ri, die am Ende ihres Lebens die unge­min­der­te Bru­ta­li­tät des Staats­ap­pa­ra­tes am eige­nen Kör­per spür­ten. Die Stan­dard-Inter­pre­ta­tio­nen schrei­ben den Haupt­grund für anar­chis­ti­sche Atten­ta­te einer Kom­bi­na­ti­on aus anar­chis­ti­scher Ideo­lo­gie, indi­vi­du­el­len psy­cho­lo­gi­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka und per­sön­li­chen Umstän­den zu. Per­ni­co­ne aber zeigt auf, dass die Atten­tä­ter kei­nes­wegs Instru­men­te eines anar­chis­ti­schen »mas­ter­minds« waren, son­dern zumeist aus mora­li­scher Über­zeu­gung für sich selbst und in Selbst­auf­ga­be für ande­re han­del­ten. »Die Atten­ta­te klan­gen«, schreibt Otta­nel­li, »wie eine Fan­fa­re­ner­in­ne­rung für die poli­ti­sche Klas­se und die Bour­geoi­sie: ›Was ihr sät, wer­det ihr ern­ten‹.«16 Sie waren despe­ra­te Akte des Pro­tes­tes und der Rebel­li­on, die wie ein Hal­te­si­gnal wir­ken soll­ten: Jede Schand­tat muss­te gesühnt wer­den. Dar­über hin­aus zeigt die­se akri­bi­sche wie detail­lier­te Stu­die, dass der auto­ri­tä­re Staat Mus­so­li­nis auf die Pra­xis und die Insti­tu­tio­nen einer nur libe­ral-demo­kra­tisch dra­pier­ten zurück­grei­fen konn­te. Die Hin­rich­tung Miche­le Angio­lil­los durch die Garot­te, wobei dem an einen Holz­pfahl geses­sel­ten Ver­ur­teil­ten die Luft­röh­re zusam­men­ge­presst wur­de, bis der Tod durch lang­sa­mes Ersti­cken ein­trat, ist – in Para­phra­se Max Hork­hei­mers – ein Kom­men­tar zur bür­ger­li­chen Huma­ni­tät. »Ban­k­erott ist der Glau­be dar­an, daß man etwas hin­ter sich hat«17, schrieb Hork­hei­mer. Auch nach Mus­so­li­nis Ende wirk­te sei­ne Herr­schaft fort. Per­ni­co­ne gebührt das Ver­dienst, dass er uner­müd­lich die gewalt­tä­ti­gen Mecha­nis­men der Herr­schaft in ihrer his­to­ri­schen Dimen­si­on beschrieb.

 


Bibliografische Angaben:

Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li.
Assas­sins Against the Old Order.
Ita­li­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe.
Cham­pai­gn, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018.
232 Sei­ten, 30 US-Dol­lar.
ISBN: 978–0‑252–08353‑2.

 

 

Bildquellen



Cover Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 — © AK Press

Cover Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel — © Pal­gra­ve Mac­mil­lan

Cover Old Assas­sins Against the Old Order — © Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press

Illus­tra­ti­on Miche­le Angio­lil­los Atten­tat auf den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Cáno­vasWiki­me­dia Com­mons

Foto Lui­gi Luche­niWiki­me­dia Com­mons

Foto San­te Geroni­mo Case­rio in einer Zeich­nung von Frédé­ric LixWiki­me­dia Com­mons

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Nun­zio Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (1993; rpt. Oak­land, CA: AK Press, 2009), S. 7; Davi­de Tur­ca­to, Making Sen­se of Anar­chism: Erri­co Malatesta’s Expe­ri­ments with Revo­lu­ti­on, 1889–1900 (Oak­land, CA: AK Press, 2015), S. 12
  2. Erri­co Mala­tes­ta, »Let Us Go to the Peop­le« (»Andia­mo fra il popo­lo«), in: The Method of Free­dom: A Erri­co Mala­tes­ta Reader, hg. Davi­de Tur­ca­to, übers. Paul Shar­key (Oak­land, CA: AK Press, 2014), S. 170
  3. Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892, S. 287
  4. Peter Mar­shall, Deman­ding the Impos­si­ble: A Histo­ry of Anar­chism (Oak­land, CA: PM Press, 2010), S. 446
  5. Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892, S. 294
  6. Cf. Irving Howe, Poli­tics and the Novel (1957; rpt. Chi­ca­go: Ivan R. Dee, 2002), S. 76–113, 139–156; Alex Hou­en, Ter­ro­rism and Modern Lite­ra­tu­re: From Joseph Con­rad to Cia­ron Car­son (Oxford: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2002), S. 34–92
  7. Bar­ba­ra Tuch­man, The Proud Tower: A Por­trait of the World Befo­re the War, 1890–1914 (1962; rpt. New York: Ran­dom House, 1994), S. 117
  8. Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order: Ita­li­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe (Cham­pai­gn, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018), S. 44, zitiert nach der EPUB-Ver­si­on
  9. Per­ni­co­ne, Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel (New York: Pal­gra­ve Mac­mil­lan, 2005), S. vii
  10. Cf. Per­ni­co­ne, »War Among the Ita­li­an Anar­chists: The Galleanisti’s Cam­pai­gn Against Car­lo Tre­s­ca«, in: The Lost World of Ita­li­an-Ame­ri­can Radi­ca­lism, hg. Phil­ip Can­nis­tra­ro und Gerald Mey­er (West­port, CN: Pra­e­ger, 2003), S. 77–97
  11. Fra­ser Otta­nel­li, The Com­mu­nist Par­ty of the United Sta­tes: From the Depres­si­on to World War II (New Brunswick, NJ: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 1991)
  12. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 79
  13. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 143
  14. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 208
  15. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 145
  16. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 222
  17. Max Hork­hei­mer, »Auto­ri­tä­rer Staat« (1940/42), in Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S.313

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Aus den Archiven: Paul und Karen Avrich — Sasha and Emma

Die Untergegangenen und die Geretteten

 

In seiner unvollendeten Doppelbiografie Sasha and Emma beschreibt Paul Avrich die verwobenen Leben von Emma Goldman und Alexander Berkman

 

von Jörg Auberg

 

 

»Nur dem Geschichts­schrei­ber wohnt die Gabe bei, im Ver­gan­ge­nen den Fun­ken der Hoff­nung anzu­fa­chen, der davon durch­drun­gen ist: auch die Toten wer­den vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und die­ser Feind hat zu sie­gen nicht auf­ge­hört.«

Wal­ter Ben­ja­min, »Über den Begriff der Geschich­te«

 

Als der His­to­ri­ker Paul Avrich (1931–2006) zu Beginn der 1960er Jah­re mit sei­nen Stu­di­en der anar­chis­ti­schen Geschich­te begann, schalt ihn sein Tutor, er befas­se sich mit jenen, die »ver­lo­ren« hät­ten, was nicht nur in den USA ein defor­mie­ren­der Makel war. Dies konn­te ihn jedoch nicht davon abhal­ten, zunächst die Geschich­te des rus­si­schen Anar­chis­mus und spä­ter die Kom­ple­xi­tät und Diver­si­tät der anar­chis­ti­schen Strö­mun­gen in den USA des spä­ten neun­zehn­ten und frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts grund­le­gend zu erfor­schen. Dass er schließ­lich zum »Doy­en der Anar­chis­mus­for­schung« wur­de (wie ihn sein kürz­lich ver­stor­be­ner Kol­le­ge Nun­zio Per­ni­co­ne ein­mal nann­te), lag zum einen dar­an, dass er aller­größ­ten Wert auf Pri­mär­quel­len leg­te und rigo­ros auf Akku­ra­tes­se insis­tier­te und zum ande­ren sei­nem For­schungs­ge­gen­stand mit Empa­thie und Fair­ness begeg­ne­te, ohne die Unstim­mig­kei­ten und Feh­ler der anar­chis­ti­schen Prot­ago­nis­ten, der »Ver­lie­rer« der Geschich­te (als die sie in der gän­gi­gen Inter­pre­ta­ti­on gel­ten), außer Acht zu las­sen. Zudem gelang es Avrich dank sei­nes epi­schen Ver­mö­gens, aus sei­nen For­schungs­er­geb­nis­sen höchst les­ba­re Erzäh­lun­gen zu gestal­ten, in denen der Roh­stoff der indi­vi­du­el­len Erfah­run­gen der ein­zel­nen his­to­ri­schen Akteu­re zur bewah­ren­den kol­lek­ti­ven Erin­ne­rung wird, die gegen die (mit Theo­dor W. Ador­no gespro­chen) »Anpas­sung ans je Gegen­wär­ti­ge« Ein­spruch erhebt und ein Ein­ge­den­ken dar­stellt. Im his­to­ri­schen Gedächt­nis ist der Gedan­ke ans Ande­re, die Uto­pie eines Bes­se­ren gespei­chert.

Paul und Karen Avrich: Sasha and Emma (Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2014)

Umso tra­gi­scher ist es, dass Avrich am Ende sei­nes Lebens an den Fol­gen einer Alz­hei­mer-Erkran­kung litt, sodass er sein über Jah­re ver­folg­tes Pro­jekt, eine Bio­gra­fie des rus­sisch-ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­ten Alex­an­der Berk­man (1870–1936), nicht voll­enden konn­te. Vor sei­nem Tod bat er sei­ne Toch­ter Karen Avrich, die als Autorin und Redak­teu­rin in New York lebt, die­ses Buch zu voll­enden, das schließ­lich unter dem Titel Sasha and Emma als Dop­pel­bio­gra­fie Berk­mans (der den Spitz­na­men »Sascha« trug) und sei­ner lebens­lan­gen Gefähr­tin Emma Gold­man (1869–1940) erschien. Im Lau­fe der Jah­re hat­te Paul Avrich Noti­zen aus Brie­fen, Pres­se­ar­ti­keln, Archiv­ma­te­ria­li­en und Inter­views mit Zeit­zeu­gen (die teil­wei­se in dem 1995 erschie­ne­nen Oral-Histo­ry-Kom­pen­di­um Anar­chist Voices ver­öf­fent­licht wur­den) zusam­men­ge­tra­gen, die Karen Avrich in Buch­form über­führ­te. Wie in den übri­gen Wer­ken Paul Avrichs steht die »kol­lek­tiv­bio­gra­fi­sche« Erfah­rung im Vor­der­grund, ohne dass der his­to­ri­sche und sozio­öko­no­mi­sche Kon­text außer Acht gelas­sen wird. In der Dop­pel­ge­schich­te der bei­den his­to­ri­schen Akteu­re beschreibt Avrich deren Emi­gra­ti­on aus Russ­land in die USA, wo ihre hoch­flie­gen­den Erwar­tun­gen rasch von den grim­mi­gen Rea­li­tä­ten des herr­schen­den Kapi­ta­lis­mus ent­täuscht wur­den. Sowohl Berk­man als auch Gold­man (die rela­tiv wohl­ha­ben­den Fami­li­en in Russ­land ent­stamm­ten) radi­ka­li­sier­ten sich im euro­pä­isch gepräg­ten anar­chis­ti­schen Milieu New Yorks, das frei­lich durch inter­frak­tio­nel­le Strei­tig­kei­ten und Eifer­süch­te­lei­en in sich zer­ris­sen war.

Alex­an­der Berk­man

Ein zen­tra­les Motiv des Buches ist das Ver­hält­nis der Prot­ago­nis­ten zur Gewalt. Berk­man wur­de in sei­ner revo­lu­tio­nä­ren Ima­gi­na­ti­on stark von den rus­si­schen Ter­ro­ris­ten der »Narod­na­ja Wol­ja« (»Wil­le des Vol­kes«) geprägt, die 1881 Zar Alex­an­der II. mit­tels eines Bom­ben­at­ten­tats töte­ten. Als 1892 in Homes­tead (Penn­syl­va­nia) ein Streik von Stahl­ar­bei­tern durch die Pri­vat­ar­me­en der Car­ne­gie Steel Com­pa­ny bru­tal nie­der­ge­schla­gen wur­de, bean­spruch­te Berk­man für sich die Rol­le des revo­lu­tio­nä­ren Rache­en­gels und woll­te den Ver­ant­wort­li­chen, den Kapi­ta­lis­ten Hen­ry Clay Frick, erschie­ßen, doch traf er ihn nicht töd­lich. Er wur­de über­wäl­tigt und zu vier­zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Stolz nann­te er die­se Tat den »ers­ten ter­ro­ris­ti­schen Akt in Ame­ri­ka«, der jedoch nicht den erhoff­ten »auf­klä­re­ri­schen« Effekt hat­te: Sowohl die Arbei­ter in Homes­tead als auch ein Groß­teil der Anar­chis­ten (zu denen nicht Emma Gold­man gehör­te) distan­zier­ten sich davon, und statt einer revo­lu­tio­nä­ren Erhe­bung folgt staat­li­che Repres­si­on.

»Ter­ro­rist« war für Berk­man ein Ehren­zei­chen. Als der anar­chis­ti­sche Ein­zel­tä­ter Leon Czol­g­osz in Fort­füh­rung der anar­chis­ti­schen Atten­ta­te auf euro­päi­sche Poten­ta­ten in Spa­ni­en und Ita­li­en 1901 den US-Prä­si­den­ten McK­in­ley töte­te, insis­tier­te Berk­man zur Bestür­zung Gold­mans, dass die­ses Atten­tat nicht »ter­ro­ris­tisch« gewe­sen sei, da ihm der »Hin­ter­grund der sozia­len Not­wen­dig­keit« feh­le, denn McK­in­ley sei kein direk­ter und unmit­tel­ba­rer Feind des Vol­kes gewe­sen. Die Schlacht müs­se eher im öko­no­mi­schen denn im poli­ti­schen Feld geführt wer­den. In die­sem Sin­ne betrach­te er das Atten­tat auf Frick bedeut­sa­mer und auf­klä­re­ri­scher als die Tat Czolg­s­oz’, schrieb er in sei­nen Pri­son Memoirs of an Anar­chist (1912; dt. Die Tat): »Es war gegen einen greif­ba­ren, rea­len Unter­drü­cker gerich­tet, den das Volk sich als sol­chen vor­stell­te.« Gold­man dage­gen ver­tei­dig­te Czol­g­osz, denn für sie waren bei­de Taten durch die glei­chen Idea­le und den glei­chen Geist der Selbst­auf­op­fe­rung für ein höhe­res Ziel inspi­riert. Für die ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit stell­te die »rote Emma« das Schreck­ge­spenst des blut­dürs­ti­gen, umstürz­le­ri­schen Anar­chis­mus dar. Zwar war sie stän­dig unter poli­zei­li­cher Beob­ach­tung, doch zugleich brach sie als öffent­li­che Figur des ame­ri­ka­ni­schen Radi­ka­lis­mus aus der Enge der anar­chis­ti­schen Zir­kel aus und wur­de Teil einer kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Moder­ne, wel­che die rück­stän­di­ge ame­ri­ka­ni­sche Gesell­schaft zu trans­for­mie­ren begann.

Emma Gold­man spricht über Gebur­ten­kon­trol­le in New York 1916

Als Berk­man 1906 aus dem Gefäng­nis ent­las­sen wur­de, war er von den lan­gen Jah­ren des Ein­ge­sperrt­seins, die er teil­wei­se in aus­zeh­ren­der Ein­zel­haft ver­brin­gen muss­te, gezeich­net. Die Lie­bes­be­zie­hung, die Berk­man und Gold­man in der Zeit vor dem Atten­tat auf Frick geführt hat­ten, wich einer inten­si­ven, nicht immer span­nungs­frei­en Freund­schaft. Sowohl Gold­man als auch Berk­man hat­ten wech­seln­de Part­ner und arbei­te­ten bis zum Kriegs­ein­tritt der USA an der Her­aus­ga­be der 1906 gegrün­de­ten radi­ka­len Zeit­schrift Mother Earth, die Poli­tik und Kul­tur mit­ein­an­der ver­band. Aller­dings stand auch der ehe­ma­li­ge Atten­tä­ter per­ma­nent unter Gene­ral­ver­dacht, wenn infol­ge von Arbei­ter­un­ru­hen eine Bom­be in Ame­ri­ka hoch­ging.

Emma Gold­man und Alex­an­der Berk­man zwi­schen 1917 und 1919

Nach dem Kriegs­ein­tritt der USA wur­den radi­ka­le Peri­odi­ka vom Post­ver­trieb aus­ge­schlos­sen und »sub­ver­si­ve Ele­men­te« wie Berk­man und Gold­man inhaf­tiert. Für die »rote Emma« war »Ame­ri­ka« längst zur Hei­mat gewor­den. »Unser Patrio­tis­mus ist der eines Man­nes, der eine Frau mit offe­nen Augen liebt«, sag­te sie in ihrem Pro­zess 1917. »Er ist bezau­bert von ihrer Schön­heit und sieht den­noch ihre Feh­ler.« Der US-ame­ri­ka­ni­sche Staat igno­rier­te jedoch ihren eigen­wil­li­gen Patrio­tis­mus und ver­ur­teil­te Gold­man und Berk­man zu zwei Jah­ren Haft. Danach wur­den die bei­den als »uner­wünsch­te Aus­län­der« nach Russ­land depor­tiert, wo sie der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on zunächst sym­pa­thi­sie­rend gegen­über­stan­den, doch die zuneh­men­de Repres­si­on und vor allem die Nie­der­schla­gung des Matro­sen­auf­stan­des in Kron­stadt 1921 bewirk­ten eine rigo­ro­se Des­il­lu­sio­nie­rung, sodass sie Russ­land ver­lie­ßen und fort­an als Flücht­lin­ge durch Euro­pa irr­ten. Da sie auch mit ihrer Kri­tik gegen­über den Bol­sche­wi­ki nicht spar­ten, gerie­ten sie in der inter­na­tio­na­len Lin­ken zuneh­mend in Iso­la­ti­on.

Alex­an­der Berk­man in spä­te­ren Jah­ren

Zunächst mach­ten sie im Ber­li­ner Stadt­teil Char­lot­ten­burg (der auf­grund sei­nes hohen Anteils von Flücht­lin­gen aus Russ­land »Char­lot­ten­grad« genannt wur­de) Sta­ti­on, doch schon bald brach Gold­man nach Frank­reich und Eng­land auf, wo sie eine for­ma­le Ehe mit einem jun­gen Anar­chis­ten ein­ging, um die bri­ti­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit zu erlan­gen. Berk­man dage­gen leb­te seit 1925 als Staa­ten­lo­ser in einem Vor­ort von Paris, wo er eine pre­kä­re Exis­tenz führ­te und sich mit Über­set­zun­gen, Ghost­wri­ting und jour­na­lis­ti­schen Rou­ti­ne­ar­bei­ten über Was­ser hielt. Zu Beginn der 1930er Jah­re wur­de er mehr­fach aus­ge­wie­sen, konn­te jedoch immer wie­der nach Frank­reich zurück­keh­ren. »Wer­de ich aus Frank­reich aus­ge­wie­sen, habe ich kei­nen Ort, wo ich hin­ge­hen könn­te«, schrieb er 1931 vol­ler Ver­zweif­lung an sei­nen Anwalt Mor­ris Hill­quit. »Kein Land ist wil­lens, mir ein Visum zu geben.« Mit dem Her­auf­zie­hen des Nazis­mus ver­düs­ter­te sich der Hori­zont noch wei­ter, und Berk­mans Glau­ben an die eman­zi­pa­to­ri­sche Kraft der »Mas­sen« schwand. Despe­rat fühl­te er, in sei­nem Leben nichts erreicht zu haben und nichts gegen die reak­tio­nä­re Wel­le tun zu kön­nen. »Die Welt ist zu ver­dor­ben, um in ihr zu leben …«, kon­sta­tier­te er 1934. Als Krank­hei­ten sei­ne Exis­tenz noch fra­gi­ler mach­te, ver­such­te er sich im Juni 1936 in St. Tro­pez (wo er mitt­ler­wei­le leb­te) zu erschie­ßen, doch der Schuss war nicht töd­lich. Erst spä­ter erlag er den Fol­gen sei­nes Selbst­mord­ver­suchs. Die Ope­ra­tio­nen hät­ten ihn, sag­te ein Freund Gold­mans spä­ter, von einem star­ken Men­schen in einen tat­te­ri­gen alten Mann ver­wan­delt, und er sei über­zeugt gewe­sen, dass es kei­nen Sinn zum Wei­ter­le­ben gebe. In den Augen Roger Bald­wins, des Mit­be­grün­ders der Bür­ger­rechts­ver­ei­ni­gung Ame­ri­can Civil Liber­ties Uni­on (ACLU) lag die Selbst­aus­lö­schung in Berk­mans Hang zur Ver­zweif­lung begrün­det. »Er gab nie­mals sei­nen Glau­ben an die Gewalt auf, für die ver­zwei­fel­te Men­schen anfäl­lig sind«, sag­te Bald­win 1974. Für ihn war Berk­man offebar ein »destruk­ti­ver Cha­rak­ter«, der an sich selbst schei­ter­te.

Emma Gold­man in den 1910er Jah­ren

Emma Gold­man emp­fand den Tod des lebens­lan­gen Freun­des als uner­mess­li­chen Ver­lust. »Mei­ne Freund­schaft mit Berk­man ist eine, die nichts außer der Tod been­den kann«, hat­te sie 1934 einem Repor­ter erklärt. Gold­man selbst unter­stütz­te im Som­mer 1936 von Lon­don aus noch die CNT-FAI im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg, ehe sie nach Toron­to über­sie­del­te. Am 14. Mai 1940 starb sie an den Fol­gen eines Schlag­an­falls und wur­de im Chi­ca­go­er Wald­heim-Fried­hof an der Sei­te der Hay­mar­ket-Anar­chis­ten begra­ben, mit denen die Geschich­te des moder­nen Anar­chis­mus in den USA 1886 begon­nen hat­te. Sie habe Ame­ri­ka zutiefst geliebt, sag­te der Anwalt Arthur Leo­nard Ross, der sie in den USA juris­tisch ver­tre­ten hat­te, und doch hät­te sie nur im Sarg zurück­keh­ren kön­nen.

Sasha and Emma ist eine viel­schich­ti­ge, span­nen­de Erzäh­lung, die ihre Prot­ago­nis­ten durch die Geschich­te der ame­ri­ka­ni­schen Klas­sen­kämp­fe von der Zeit des spä­ten neun­zehn­ten Jahr­hun­derts bis zu den »tur­bu­len­ten Jah­ren« der Gro­ßen Depres­si­on beglei­tet, als der Anar­chis­mus ins his­to­ri­sche Sei­ten­aus kata­pul­tiert zu sein schien. Auch wenn die Emma-Gold­man-Bio­gra­fi­en Ali­ce Wex­lers und Can­dace Falks psy­cho­lo­gisch nuan­cier­ter sind oder Chris­ti­ne Stan­sell die Ver­bin­dung von revo­lu­tio­nä­rer Ima­gi­na­ti­on und künst­le­ri­scher Sen­si­bi­li­tät in der begin­nen­den ame­ri­ka­ni­schen Moder­ne kla­rer her­aus­stell­te, ist die­se Beschrei­bung einer »anar­chis­ti­schen Odys­see« ein außer­or­dent­li­ches und her­aus­ra­gen­des Buch, das zu kei­nem Zeit­punkt sei­ne fas­zi­nie­ren­de Kraft ver­liert. Über die poli­ti­sche Geschich­te hin­aus ist es auch eine bewe­gen­de Erzäh­lung über eine wun­der­ba­re, ein­zig­ar­ti­ge Freund­schaft, die Gefäng­nis, Depor­ta­ti­on und Unter­drü­ckung über­stand und tat­säch­lich erst durch den Tod ein Ende fand.

Bibliografische Angaben:

Paul und Karen Avrich.
Sasha and Emma.
The Anar­chist Odys­sey of Alex­an­der Berk­man and Emma Gold­man.
Cam­bridge, MA: The Bel­knap Press of Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2014.
528 Sei­ten, 19 Euro.
ISBN: 9780674416734.

 

 

Bildquellen



Cover Sasha and Emma — Har­vard Uni­ver­si­ty Press/The Bel­knap Press

Foto Alex­an­der Berk­man als jun­ger MannWiki­me­dia Com­mons

Foto Emma Gold­man in New York 1916Wiki­me­dia Com­mons

Foto Emma Gold­man und Alex­an­der Berk­man (zwi­schen 1917 und 1919)Wiki­me­dia Com­mons

Foto Alex­an­der Berk­man in spä­te­ren Jah­renWiki­me­dia Com­mons

Foto Emma Gold­man in den 1910er Jah­renWiki­me­dia Com­mons

Zuerst erschie­nen in satt.org, August 2013
© Jörg Auberg 2013/2019

 

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Aus den Archiven: Richard Bach Jensen — The Battle Against Anarchist Terrorism

Die Phantome der Freiheit

In seinem Buch The Battle Against Anarchist Terrorism analysiert Richard Bach Jensen die Geschichte des anarchistischen Terrorismus zwischen 1878 und 1934  

 

von Jörg Auberg

 

Als nach den Anschlä­gen auf das World Tra­de Cen­ter in New York und das Pen­ta­gon in Washing­ton im Sep­tem­ber 2001 der »Krieg gegen den Ter­ror« aus­ge­ru­fen wur­de, besann man sich auf aka­de­mi­scher und publi­zis­ti­scher Sei­te eines glo­ba­len Fein­des aus dem letz­ten Jahr­hun­dert. Das bri­ti­sche Wirt­schafts­blatt The Eco­no­mist stell­te eine simp­le his­to­ri­sche Ana­lo­gie zwi­schen der anar­chis­ti­schen Bedro­hung im aus­ge­hen­den 19. und begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert her, ver­misch­te Anar­chis­ten und Nihi­lis­ten zu einem brei­igen Hotch­potch und pro­ji­zier­te Anar­chis­ten als Vor­läu­fer der Dschi­ha­dis­ten auf die his­to­ri­sche Lein­wand, ohne die fun­da­men­ta­len Unter­schie­de zwi­schen einer poli­tisch-öko­no­misch moti­vier­ten Bewe­gung und reak­tio­när-reli­giö­sen Rackets in Betracht zu zie­hen.1 Ähn­lich – obgleich weni­ger sche­ma­tisch – ging der US-His­to­ri­ker James Gel­vin vor, als er in sei­ner Ana­ly­se des Ter­ro­ris­mus (im Rah­men einer »Ter­roro­lo­gie«) eine Ana­lo­gi­sie­rung von Anar­chis­mus und Al-Qai­da vor­nahm, wobei er vor allem auf medi­al ver­mit­tel­te Ste­reo­ty­pen von Anar­chis­ten und Isla­mis­ten rekur­rier­te. Für Gel­vin ist der Anar­chis­mus ein »epi­sodi­scher Dis­kurs«, der sich im Hang nach tem­po­rä­rer Akti­on und peri­odi­scher Erup­ti­on erschöpft.2 Auch der ehe­ma­li­ge Anar­chist Paul Ber­man, der nach sei­ner Apost­asie als libe­ra­ler »Fal­ke« die Kriegs­zü­ge Geor­ge W. Bushs unter­stütz­te und sich als intel­lek­tu­el­ler Wie­der­gän­ger Albert Camus’ sti­li­siert, stell­te den mili­tan­ten ita­lo-ame­ri­ka­ni­schen Anar­chis­ten Lui­gi Gal­lea­ni in eine Rei­he mit dem »ein­ge­bo­re­nen« US-ame­ri­ka­ni­schen Ter­ro­ris­ten Timo­thy McVeigh und dem ägyp­ti­schen isla­mis­ti­schen Pre­di­ger Sayy­id Qutb. Man müs­se nur »Anar­chie« mit »Scha­ria« und »Anar­chis­mus« mit »Islam« über­set­zen, behaup­te­te Ber­man, und man erhal­te aus den Tex­ten Gal­lea­nis die glei­che inhalt­li­che Essenz wie aus den Wer­ken Qut­bs.3

 

Le Figaro: Le Péril Anarchiste (1894)

Le Figa­ro: Le Péril Anar­chis­te (1894)

Auch wenn die­se his­to­ri­schen Ana­lo­gi­en nicht immer eine Gleich­set­zung von Anar­chis­mus und Isla­mis­mus beinhal­ten, so ist die poli­tisch moti­vier­te Dele­gi­ti­mie­rung jeg­li­cher Kri­tik des Bestehen­den, die den herr­schen­den Kon­sens sprengt, inten­diert. Ohne­hin sind Ver­glei­che »nur zu oft Pro­duk­te von Denk­faul­heit«, kon­sta­tier­te Sieg­fried Kra­cau­er. »Sie die­nen dazu, einen dem Anschein nach ver­trau­ten Gegen­stand durch den zu erset­zen, der als weni­ger ver­traut erach­tet wird; und jene, die ver­glei­chen, stel­len gewöhn­lich ober­fläch­li­che Ähn­lich­kei­ten groß her­aus, um so rasch wie mög­lich in den Hafen heim­zu­keh­ren, aus dem sie aus­fuh­ren.«4 In wil­lent­li­cher Igno­ranz der his­to­ri­schen Rea­li­tä­ten wer­den die ein­falls­lo­sen Ein­töp­fe der »nou­vel­le cui­sine des post­his­toire«5 (wie Lothar Bai­er die­se intel­lek­tu­el­len »Koch­shows« a prio­ri nann­te) auf­ge­wärmt und gro­be Zuta­ten mit dem gro­ßen Pürier­stab zermust, um den faden Geschichts­brei aus dem Reich der ewi­gen Mit­te in gleich­för­mi­gen Dosen zu ver­ab­rei­chen. Die Ana­ly­se der gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge von Auto­ri­tät, Gewalt und Ter­ror steht ange­sichts der ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hung nicht auf der poli­ti­schen Tages­ord­nung; statt­des­sen wird im Namen des anti­to­ta­li­ta­ris­ti­schen Kamp­fes der Bela­ge­rungs­zu­stand aus­ge­ru­fen, in dem Oppo­si­ti­on mit Ver­rat und Kri­tik mit Sabo­ta­ge gleich­be­deu­tend ist. »Wer kri­ti­siert, ver­geht sich gegen das Ein­heits­ta­bu, das auf tota­li­tä­re Orga­ni­sa­ti­on hin­aus­will«, kon­sta­tier­te Theo­dor W. Ador­no weni­ge Mona­te vor sei­nem Tod im Jah­re 1969. »Der Kri­ti­ker wird zum Spal­ter und, mit einer tota­li­tä­ren Phra­se, zum Diver­sio­nis­ten.«6 Im Gewöl­be des libe­ral­kon­ser­va­ti­ven Anti­to­ta­li­ta­ris­mus tobt der huma­ni­tä­re, kon­vul­si­visch an der eige­nen Selig­keit sich berau­schen­de Wüte­rich, den die Gerüch­te über das dis­si­den­te Unwe­sen stets aufs Neue in Wal­lung brin­gen.

 

Richard Bach Jensen - The Battle Against Anarchist Terrorism (Cambridge University Press, 2014)

Richard Bach Jen­sen: The Batt­le Against Anar­chist Ter­ro­rism (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 2014)

Die rea­le Geschich­te des anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus im spä­ten neun­zehn­ten und frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert ent­hüllt der His­to­ri­ker Richard Bach Jen­sen in sei­nem exzel­len­ten Buch The Batt­le Against Anar­chist Ter­ro­rism, in dem er sich vir­tu­os zwi­schen den Makro- und Mikro-Dimen­sio­nen im his­to­ri­schen Raum bewegt. Wie Kra­cau­er unter­strich, ist der His­to­ri­ker häu­fig von einem Gegen­warts­in­ter­es­se gelei­tet, doch erfor­dern gründ­li­che Erkun­dun­gen der Ver­gan­gen­heit die Fähig­keit, sich in die geschicht­li­chen Tex­te ver­sen­ken zu kön­nen. Dies ist Jen­sen, der an der Nor­thwes­tern Sta­te Uni­ver­si­ty in Loui­sia­na Geschich­te lehrt und sich seit 1981 mit die­sem The­ma beschäf­tigt, in beein­dru­cken­der Wei­se gelun­gen. Nicht allein bezieht er Archiv- und For­schungs­ma­te­ria­li­en aus eng­li­schen, fran­zö­si­schen, spa­ni­schen, ita­lie­ni­schen, deut­schen, US-ame­ri­ka­ni­schen und argen­ti­ni­schen Quel­len als Grund­la­ge sei­ner his­to­ri­schen Ana­ly­se ein, son­dern zudem gelingt es ihm, die Resul­ta­te sei­ner For­schun­gen in einer über­aus les­ba­ren Form auf­zu­be­rei­ten und über den »Tat­sa­chen­schutt« (wie Kra­cau­er es nann­te) hin­aus eine ori­gi­nel­le, über­aus nuan­cier­te Ana­ly­se des Phä­no­mens des anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln zu ent­wi­ckeln. Dabei agiert Jen­sen im bes­ten Sin­ne des Wor­tes »unpar­tei­isch«: Weder dämo­ni­siert er die anar­chis­ti­schen Täter noch zeich­net er die Akteu­re auf der staat­li­chen und poli­zei­li­chen Gegen­sei­te als Orga­ne eines glo­ba­len Tota­li­ta­ris­mus. Viel­mehr beschreibt er die ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen eines anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus als Reak­ti­on auf die Ent­wick­lung eines ent­hemm­ten Kapi­ta­lis­mus, der einer­seits die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung von Waf­fen wie Dyna­mit und Nitro­gly­ce­rin oder der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on vor­an­trieb und zugleich mit sei­ner indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­wei­se tra­di­tio­nel­le Sozi­al­ver­bän­de zer­rieb und Ver­elen­dun­gen und Emi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen aus­lös­te.

Anfangs setz­te der Anar­chis­mus nicht auf die Waf­fe des Ter­ro­ris­mus: Sowohl Pierre-Joseph Proud­hon als auch Michail Baku­nin spra­chen sich gegen die »Pro­pa­gan­da der Tat« aus. Für Baku­nin waren pro­le­ta­ri­sche Insur­rek­tio­nen und revo­lu­tio­nä­re Geheim­bün­de erfolg­ver­spre­chen­der. Erst bei zuneh­men­der Repres­si­on durch Poli­zei und staat­li­che Auto­ri­tä­ten wur­de die »Pro­pa­gan­da der Tat« inner­halb der anar­chis­ti­schen Bewe­gun­gen auf den ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten popu­lä­rer. Vor allem im ita­lie­ni­schen Aktio­nis­mus des spä­ten 19. Jahr­hun­derts über­wog die Über­zeu­gung, dass für die Revol­te jeg­li­ches Mit­tel – auch der Ein­satz von ter­ro­ris­ti­scher Gewalt durch Bom­ben – gerecht­fer­tigt sei. Anar­chis­ti­sche Atten­tä­ter ope­rier­ten jedoch nicht auf Befehl oder im Rah­men eines orga­ni­sier­ten Netz­wer­kes. Eher waren sie zumeist Ein­zel­tä­ter, die zwar von klei­ne­ren Grup­pen oder Zir­keln unter­stützt wur­den, jedoch sich als Indi­vi­dua­lis­ten betrach­te­ten, die in einem Auf­schrei der Gewalt gegen das herr­schen­de Unrecht Atten­ta­te auf Poten­ta­ten der ver­hass­ten Regime wie Gene­ral Tre­pow 1878 in St. Peters­burg, auf euro­päi­sche Herr­scher wie Wil­helm I., Alfon­so XII. oder Umber­to I., die öster­rei­chi­sche Kai­se­rin Eli­sa­beth oder den US-Prä­si­den­ten McK­in­ley ver­üb­ten.

 

Auguste Vaillant wirft eine Bombe in die französische Nationalversammlung (9. Dezember 1893)

Augus­te Vail­lant wirft eine Bom­be in die fran­zö­si­sche Natio­nal­ver­samm­lung (9. Dezem­ber 1893)

Wäh­rend die­se despe­ra­ten Ein­zel­ta­ten die herr­schen­den Regime kei­nes­wegs erschüt­ter­ten, lös­ten sie in den jewei­li­gen Bevöl­ke­run­gen Mas­sen­hys­te­rie und Furcht vor anar­chis­ti­schen Ver­schwö­run­gen auf glo­ba­ler Ebe­ne aus. Dabei spiel­ten zum einen die geziel­ten Unter­wan­de­run­gen anar­chis­ti­scher und gewalt­be­rei­ter Zir­kel durch staat­li­che agents pro­vo­ca­teurs, Infor­man­ten und Poli­zei­spit­zel eine wesent­li­che Rol­le, die zum Schü­ren hys­te­ri­scher Ängs­te und zur Mobi­li­sie­rung anti­anar­chis­ti­scher Affek­te bei­tru­gen. Zum ande­ren fiel das Zeit­al­ter des anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus mit der Her­aus­bil­dung des Mas­sen­jour­na­lis­mus zusam­men, der – wie Jen­sen her­aus­stellt – eine ent­schei­den­de Rol­le im Auf­peit­schen der Hys­te­rie bezüg­lich anar­chis­ti­scher Gewalt­ak­te spiel­te. Mit­tels Sim­pli­fi­ka­ti­on und Ste­reo­ty­pen bläh­te die­ser neue Typus eines sen­sa­tio­na­lis­ti­schen Jour­na­lis­mus iso­lier­te Ereig­nis­se zu einer gran­dio­sen Welt­ver­schwö­rung auf. Der Medi­en­ap­pa­rat schuf ein Bild von einem über­mäch­ti­gen Gespenst des anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus, womit er nicht allein die Gewalt­phan­ta­si­en der Herr­schafts­sys­te­me bedien­te, son­dern auch über die dif­fu­se glo­ba­le Bedro­hung des Anar­chis­mus die eige­nen Pro­fi­te stei­ger­te. Die Iro­nie der Geschich­te war frei­lich, dass die anar­chis­ti­sche »Gegen­öf­fent­lich­keit« (die teil­wei­se ver­deckt von staat­li­chen Stel­len finan­ziert wur­de) auf die glei­chen Mecha­nis­men setz­te, Ein­zel­tä­ter als »Mär­ty­rer« glo­ri­fi­zier­te und in der Publi­ka­ti­on von Anlei­tun­gen zur Bom­ben­her­stel­lung einem »medi­en­ge­trie­be­nen Ter­ror« Vor­schub leis­te­te.

 

Explosion im Café Véry (Januar 1892)

Explo­si­on im Café Véry (Janu­ar 1892)

Ein wei­te­rer Aspekt des anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus war der Ver­such, eine mul­ti­la­te­ra­le Anti­ter­ror-Poli­tik zu initi­ie­ren, wobei sich jedoch natio­na­le Inter­es­sen im Wege stan­den. Wäh­rend kon­ser­va­tiv-auto­ri­tä­re Staa­ten wie Deutsch­land und Russ­land eine restrik­ti­ve Poli­tik vor­an­zu­trei­ben ver­such­ten, beharr­ten libe­ra­le Mon­ar­chi­en wie Eng­land – trotz der Mas­sie­rung von anar­chis­ti­schen Emi­gran­ten in Lon­don – auf Ein­hal­tung der demo­kra­ti­schen Grund­rech­te. Die zuneh­men­de Repres­si­on in den neun­zi­ger Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts führ­te schließ­lich zu wei­te­ren anar­chis­ti­schen Aktio­nen der Rache, so dass sich die Gewalt­spi­ra­le immer wei­ter dreh­te. In Ita­li­en ging man zu einer ande­ren Dis­kre­di­tie­rung des sozia­len Pro­tests über: Die Auf­stän­di­schen wur­den als Delin­quen­ten, Psy­cho­pa­then und Kri­mi­nel­le patho­lo­gi­siert, und so wur­de die Revol­te ins Reich der Geis­tes­kran­ken manö­vriert.

Mit die­ser außer­or­dent­li­chen Stu­die legt Richard Bach Jen­sen eine kri­ti­sche Ana­ly­se des anar­chis­ti­schen Ter­ro­ris­mus der Ver­gan­gen­heit vor, wobei er nicht allein eine breit­ge­fä­cher­te, nuan­cier­te Geschich­te der Revol­te und Repres­si­on ent­wi­ckelt, son­dern auch die ent­ste­hen­den Waf­fen- und Medi­en­tech­no­lo­gi­en des sich for­mie­ren­den indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­mus in ori­gi­nel­ler Wei­se in sei­ner Erzäh­lung ein­flie­ßen lässt. Ohne expli­zit die Ver­gan­gen­heit mit der Gegen­wart zu ver­knüp­fen, arti­ku­liert Jen­sen – wie es Wal­ter Ben­ja­min for­mu­lier­te – das Ver­gan­ge­ne nicht, »wie es denn eigent­lich gewe­sen ist«, son­dern ent­hüllt in den ein­zel­nen Bil­dern der Geschich­te die Momen­te der Ver­bin­dung zur Gegen­wart. Dar­in liegt der über­ra­gen­de Wert die­ser Arbeit.

 

Bibliografische Angaben:

Richard Bach Jen­sen.
The Batt­le Against Anar­chist Ter­ro­rism:
An Inter­na­tio­nal Histo­ry, 1878–1934.
Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 2014.
430 Sei­ten, 10 Abbil­dun­gen, 135 US-Dol­lar.
ISBN: 9781107034051.

Bildquellen



Cover Le Figa­roLe Figa­ro [Public domain] via Wiki­me­dia Com­mons

Cover The Batt­le Against Anar­chist Ter­ro­rism — © Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press

Cover Le Petit Jour­nalLe Petit Jour­nal [Public domain] via Wiki­me­dia Com­mons

Cover Le Pro­grès de LyonLe Pro­grès de Lyon [Public domain] via Wiki­me­dia Com­mons

Zuerst erschie­nen in: satt.org, Juli 2014
© Jörg Auberg 2014/2019

Nachweise

  1. »For jiha­dist, read anar­chist«, The Eco­no­mist, 18. August 2005; http://www.economist.com/node/4292760
  2. James Gel­vin, »Al-Qae­da and Anar­chism: A Historian’s Reply to Ter­roro­lo­gy«, Ter­ro­rism and Poli­ti­cal Vio­lence, 20:4 (Okto­ber 2008), S. 563–581
  3. Paul Ber­man, Ter­ror and Libe­ra­lism (New York: W. W. Nor­ton, 2004), S. 96
  4. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 76
  5. Lothar Bai­er, Gleich­heits­zei­chen: Streit­schrif­ten über Abwei­chung und Iden­ti­tät (Ber­lin: Wagen­bach, 1985), S. 31
  6. Theo­dor W. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft II, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 788

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