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Nunzio Pernicone und Fraser M. Ottanelli: Assassins Against the Old Order

Früch­te des Zorns

 

In sei­nem post­hum ver­öf­fent­li­chen Werk Assas­sins Against the Old Order erzählt Nun­zio Per­ni­co­ne die Geschich­te anar­chis­ti­scher Atten­tä­ter im Ita­li­en des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts

von Jörg Auberg

 

Nunzio Pernicone - Italian Anarchism, 1864-1892 (AK Press, 2009)

Nun­zio Per­ni­co­ne: Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (AK Press, 2009)

In sei­nem Stan­dard­werk über die Geschich­te des ita­lie­ni­schen Anar­chis­mus Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (1993) ver­trat der US-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Nun­zio Per­ni­co­ne (1940–2013) die Auf­fas­sung, dass die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten in der Zeit zwi­schen dem Risor­gi­men­to und dem Auf­stieg des Faschis­mus den »Haupt­be­stand­teil der ita­lie­ni­schen Lin­ken« reprä­sen­tier­ten. Den­noch war die anar­chis­ti­sche Bewe­gung in all den Jah­ren in einem »Teu­fels­kreis aus Vor­rü­cken und Rück­zug« gefan­gen: Jedes neu­es Auf­bäu­men gegen die Staats­macht wur­de mit einer neu­en Woge der herr­schaft­li­chen Repres­si­on bezahlt. Nach die­sem his­to­ri­schen Mus­ter ver­schwan­den anar­chis­ti­sche Bewe­gun­gen und ihre Prot­ago­nis­ten immer wie­der in Wel­len von Ver­haf­tun­gen, Flucht ins Exil, der Unter­drü­ckung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und der Auf­lö­sung von Grup­pen und Zir­keln, um Jah­re spä­ter in Zyklen der Agi­ta­ti­on erneut auf­zu­tau­chen.1

Doch trotz all die­ser »Zei­ten der Wie­der­kehr« in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten des 19. Jahr­hun­derts ver­moch­ten die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten es nicht, aus ihrer selbst­ver­schul­de­ten Iso­la­ti­on aus­zu­bre­chen. Erri­co Mala­tes­ta (1853–1932), einer der maß­geb­li­chen Akteu­re der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, kri­ti­sier­te 1894 in einem Arti­kel, dass die Anar­chis­ten »viel Pala­ver über die Revo­lu­ti­on« mach­ten, die sich am Ende nicht vom Para­dies der Katho­li­ken unter­schei­de und als »ein Ver­spre­chen für das Jen­seits« erwei­se.2 Die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten wur­den zu Gefan­ge­nen ihrer eige­nen Welt­an­schau­ung, schluss­fol­ger­te Per­ni­co­ne, zu ohn­mäch­tig, um die Bour­geoi­sie und den Staat zu gefähr­den. Iro­ni­scher­wei­se waren sie aber die Haupt­op­fer der bür­ger­li­chen Hys­te­rie und der Staats­macht in den Jah­ren nach der Grün­dung des ita­lie­ni­schen König­rei­ches, deren auto­ri­tä­ren Herr­scher in den sozia­len Unru­hen und Auf­stän­den im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert in ers­ter Linie Ver­schwö­run­gen sinis­trer Anar­chis­ten und Sozia­lis­ten am Wer­ke sahen.3 Abge­kop­pelt von den revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen, ent­lud sich der anar­chis­ti­sche Pro­test gegen die herr­schen­den Ver­hält­nis­se zuvör­derst in indi­vi­du­el­len Atten­ta­ten, die fun­ken­gleich einen revo­lu­tio­nä­ren Brand ent­fa­chen soll­ten. Das Kon­zept die­ser »Pro­pa­gan­da der Tat« ent­wi­ckel­te erst­mals der ita­lie­ni­sche Poli­ti­ker und Gue­ril­la­kämp­fer Car­lo Pisa­ca­ne (1818–1857), ein gefei­er­ter Held des Risor­gi­men­to, der Gewalt als essen­zi­el­le revo­lu­tio­nä­re Trieb­kraft ansah.4 Zwi­schen 1894 und 1900 ver­üb­ten ita­lie­ni­sche Anar­chis­ten in kur­zer Fol­ge Atten­ta­te auf Reprä­sen­tan­ten der Staats­macht, die sie ent­we­der mit dem Leben oder mit lan­ger Ker­ker­haft bezahl­ten, ohne dass die Atten­ta­te wie erhofft zu revo­lu­tio­nä­ren Aktio­nen führ­ten. Statt­des­sen zog der ita­lie­ni­sche Staat die Repres­si­ons­schrau­ben an.

 

Nunzio Pernicone und Fraser M. Ottanelli: Assassins Against the Old Order (University of Illinois Press, 2018)

Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li: Assas­sins Against the Old Order (Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018)

Bereits im Epi­log sei­nes Buches Ita­li­an Anar­chism hat­te Per­ni­co­ne die Geschich­te der ita­lie­ni­schen »atten­ta­to­ri« ange­ris­sen, doch ende­te für ihn damals die Geschich­te des Anar­chis­mus in Ita­li­en mit der Unter­drü­ckung wäh­rend der faschis­ti­schen Herr­schaft, von der sich die liber­tä­re Bewe­gung nie­mals erhol­te.5 In sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren griff Per­ni­co­ne das The­ma der anar­chis­ti­schen Atten­tä­ter noch ein­mal auf, wobei ihn vor allem eine Oppo­si­ti­on zur gän­gi­gen bür­ger­li­chen Geschichts­schrei­bung antrieb, die – anknüp­fend an lite­ra­ri­sche Kli­schees von Roman­ciers wie Joseph Con­rad und Hen­ry James6 – anar­chis­ti­sche Atten­tä­ter vor allem als Erfül­lungs­ge­hil­fen intel­lek­tu­el­ler »Schreib­tisch­tä­ter« beschrieb, wel­che die Idee aus­brü­te­ten, die »nie­de­re« Täter als Instru­men­te des geis­ti­gen Strip­pen­zie­hers in die blu­ti­ge Tat umsetz­ten. His­to­ri­ke­rin­nen wie Bar­ba­ra Tuch­man beschrie­ben die ita­lie­ni­schen Atten­tä­ter als blo­ße »Instru­men­te der Idee«7. In ihrer ste­reo­ty­pen Dar­stel­lung der Anar­chis­ten als noto­ri­sche Gewalt­tä­ter unter­schlu­gen sie jedoch, dass poli­ti­sche Gewalt von allen revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten des Risor­gi­men­to pro­pa­giert wur­de: Giu­sep­pe Gari­bal­di befür­wor­te­te poli­ti­sche Atten­ta­te, um das Ziel der Revo­lu­ti­on zu errei­chen, und gene­rell galt unter bür­ger­li­chen Akti­vis­ten der natio­na­len Eini­gungs­be­we­gung der Tyran­nen­mord als legi­ti­mer Wider­stand gegen die Dik­ta­tur. Iro­ni­scher­wei­se war das Resul­tat des Risor­gi­ment­os ein auto­ri­tä­rer Staat mit libe­ra­ler Fas­sa­de, ein »vir­tu­el­ler Poli­zei­staat für Anar­chis­ten«8

 

Nunzio Pernicone - Carlo Tresca

Nun­zio Per­ni­co­ne: Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel (Pal­gra­ve Mac­mil­lan, 2005)

Zwei­fels­oh­ne lagen Per­ni­co­nes Sym­pa­thi­en bei den Anar­chis­ten, den »Ver­lie­rern der Geschich­te«, die er aus den Erzäh­lun­gen sei­nes ita­lie­ni­schen Vaters kann­te und mit denen er im New Yor­ker Green­wich Vil­la­ge auf­wuchs.9 Doch gera­de sei­ne inti­men Kennt­nis­se der anar­chis­ti­schen Ver­hält­nis­se bewahr­ten ihn davor, die Anar­chis­ten als Hero­en der Frei­heit zu ver­klä­ren: In ihrer Idio­syn­kra­sie gegen Regu­la­ri­en der Orga­ni­sa­ti­on und ihrem Fai­ble für klan­des­ti­ne Geheim­bün­de­lei, die oft in Sek­tie­re­rei ende­te, unter­mi­nier­ten sie nicht allein ihren mög­li­chen Ein­fluss auf gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, son­dern sabo­tier­ten oft auch unfrei­wil­lig den Wider­stand gegen faschis­ti­sche und tota­li­tä­re Kräf­te.10

Trotz allem blieb Per­ni­co­ne dem »anar­chis­ti­schen Pro­jekt« mit »kri­ti­scher Sym­pa­thie« ver­bun­den und war von einer Abnei­gung gegen­über allem, was nach Kom­mu­nis­mus roch, gekenn­zeich­net. Den­noch freun­de­te er sich nach einer aka­de­mi­schen Kon­fe­renz zum The­ma »Faschis­mus und Anti­fa­schis­mus unter Ita­lo-Ame­ri­ka­nern« im Jah­re 2001 mit dem ita­lie­ni­schen Kol­le­gen Fra­ser Otta­nel­li an, der in den 1970er Jah­ren in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens war und eine Stu­die über die US-ame­ri­ka­ni­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in den 1930er Jah­ren ver­öf­fent­licht hat­te.11 Im Lau­fe der Jah­re bil­de­ten sie eine klei­ne »Volks­front« der lin­ken His­to­ri­ker. Als im März 2013 bei Per­ni­co­ne eine unheil­ba­re Krebs­er­kran­kung dia­gnos­ti­ziert wur­de, bat er Otta­nel­li, sein begon­ne­nes Werk über die ita­lie­ni­schen Atten­tä­ter zu voll­enden. 18 Kapi­tel auf 700 Sei­ten kom­pri­mier­te Otta­nel­li zu 11 Kapi­teln auf 270 Sei­ten; zudem steu­er­te er eine Ein­lei­tung und eine Kon­klu­si­on bei und aktua­li­sier­te die Biblio­gra­fie.

Eine zen­tra­le Figur in der repres­si­ven Poli­tik im ita­lie­ni­schen Staat war Fran­ces­co Cris­pi, ein ehe­ma­li­ger Revo­lu­tio­när, der als Pre­mier- und Innen­mi­nis­ter ein auto­ri­tä­res Regime führ­te, sozia­le Unru­hen und Auf­stän­de mit bra­chia­ler Gewalt unter­drück­te und lin­ke Oppo­si­tio­nel­le häu­fig ohne Gerichts­ver­fah­ren ins »domic­i­lio coat­to« in kar­gen Straf­ko­lo­ni­en im Süden Ita­li­ens Ver­bann­te. Für Per­ni­co­ne war Cris­pi »der auto­ri­tärs­te aller Pre­mier­mi­nis­ter Ita­li­ens vor Mus­so­li­ni«12, der die Revol­ten gegen sei­ne Herr­schaft nicht in sei­ner unso­zia­len Poli­tik begrün­det sah, son­dern den umstürz­le­ri­schen Umtrie­ben klan­des­ti­ner Ver­schwö­rer aus der Welt der Anar­chis­ten und Sozia­lis­ten zuschrieb. Als Ant­wort auf die repres­si­ven und pre­kä­ren Ver­hält­nis­se im Land begin­gen zwi­schen den Jah­re 1894 und 1900 eine Rei­he von Anar­chis­ten als »gius­ti­zie­re« Atten­ta­te, die als Akte der Gerech­tig­keit gel­ten soll­ten.

 

Miche­le Angio­lil­los Atten­tat auf den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Cáno­vas in einer zeit­ge­nös­si­schen Illus­tra­ti­on (1897)

Am Bei­spiel von sechs Atten­tä­tern – Pao­lo Lega, San­te Case­rio, Pie­tro Accia­ri­to, Miche­le Angio­lil­lo, Lui­gi Luche­ni und Gaeta­no Bre­sci – schil­dert Per­ni­co­ne einer­seits die poli­ti­schen und his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de der Repres­si­on; zum ande­ren beschreibt er die Ent­wick­lung zumeist ein­fa­cher Hand­wer­ker und Arbei­ter zu »selbst­lo­sen« Atten­tä­ter, die weni­ger als Werk­zeu­ge ruch­lo­ser Intel­lek­tu­el­ler agier­ten denn als selbst­er­mäch­tig­te Voll­stre­cker der Gerech­tig­keit. Als der 25-jäh­ri­ge Zim­mer­mann Pao­lo Lega dem Pre­mier­mi­nis­ter 1894 nach dem Leben trach­te­te, woll­te er mit die­sem Atten­tat einen füh­ren­den Reprä­sen­tan­ten des Staa­tes bestra­fen, der für die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung der sozia­len Pro­tes­te in Sizi­li­en ver­ant­wort­lich war. Eine ähn­li­che Argu­men­ta­ti­on bemüh­ten San­te Case­rio und Miche­le Angio­lil­lo, die den fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Marie François Sadi Car­not (1894) und den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Anto­nio Cáno­vas del Cas­til­lo (1897) ermor­de­ten und dafür mit ihrem Leben bezahl­ten. Angio­lil­lo war, schluss­fol­gert Per­ni­co­ne, »der Inbe­griff des gius­ti­zie­re, der einen klas­si­schen Akt der aus­glei­chen­den anar­chis­ti­schen Gerech­tig­keit began­gen hat­te. Von daher nimmt Angio­lil­lo den höchs­ten Rang im Pan­the­on der anar­chis­ti­schen Mär­ty­rer ein.«13

 

Lui­gi Luche­ni nach sei­ner Ver­haf­tung

Dem­ge­gen­über steht Lui­gi Luche­ni, der Atten­tä­ter der öster­rei­chi­schen Kai­se­rin Eli­sa­beth (1898), auf der nied­rigs­ten Stu­fe. Der selbst­er­nann­te »indi­vi­dua­lis­ti­sche Anar­chist« und Ver­tre­ter der »Prop­gan­da der Tat« woll­te eine »hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­keit« töten, sodass er Berühmt­heit durch die Bericht­erstat­tung in der Pres­se erhielt, wäh­rend Moral und Gerech­tig­keit bei sei­nem Tötungs­akt kei­ner­lei Rol­le spiel­te. Ganz im Gegen­satz dazu stand der Atten­tat Gaeta­no Bre­scis auf den ita­lie­ni­schen König Umber­to I., des­sen Aus­lö­ser die blu­ti­gen Lebens­mit­tel­auf­stän­de in Mai­land im Mai 1898 (bekannt als Fat­ti di Mag­gio oder auch als Bava-Bec­ca­ris-Mas­sa­ker) waren. Gene­ral Fio­ren­zo Bava-Bec­ca­ris ließ auf­stän­di­schen Demons­tran­ten nie­der­schie­ßen, wobei etwa 300 Men­schen umka­men. Dies nahm Bre­sci, der in die USA emi­griert war und in Pater­son (New Jer­sey) als Weber arbei­te­te, zum Anlass, zurück nach Ita­li­en zu rei­sen und den König mit drei Schüs­sen nie­der­zu­stre­cken. In Pater­son war er in der anar­chis­ti­schen Sze­ne aktiv, poli­zei­lich aber nie auf­ge­fal­len, sodass sein stil­ler Ent­schluss, den König zu töten, für vie­le über­ra­schend kam. Für die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten war er ein »edler und heroi­scher Rächer, des­sen Moti­ve rein und selbst­los waren«, schreibt Per­ni­co­ne, und des­sen Opfer als Tyrann voll­kom­men für die Tat der Ver­gel­tung, die er emp­fang, qua­li­fi­ziert war. 14 Zudem zwei­felt Per­ni­co­ne an der offi­zi­el­len Ver­si­on des Selbst­mor­des, die His­to­ri­ke­rin­nen wie Tuch­man unge­prüft über­nah­men, obgleich eine Rei­he von Indi­zi­en eher für eine Mord­the­se spra­chen: Wie konn­te Bre­sci, obwohl er unter per­ma­nen­ter Beob­ach­tung in sei­nem Ker­ker stand, unbe­merkt Selbst­mord bege­hen?

 

San­te Geroni­mo Case­rio in einer Zeich­nung von Frédé­ric Lix (1894)

Auch wenn Per­ni­co­ne in sei­nem bio­gra­fi­schen Ansatz sich auf die his­to­ri­schen Bedingt­hei­ten und Ent­wick­lun­gen die­ser sechs Atten­tä­ter fokus­siert, redu­ziert er die ita­lie­ni­sche anar­chis­ti­sche Gewalt nicht auf eine indi­vi­du­el­le Psy­cho­lo­gie, wie Otta­nel­li in sei­ner Kon­klu­si­on bekräf­tigt. Als His­to­ri­ker bewegt er sich – wie Sieg­fried Kra­cau­er ein­mal tref­fend schrieb – »zwi­schen den Makro- und Mikro-Dimen­sio­nen«15, ana­ly­siert detail­reich die poli­ti­schen Struk­tu­ren des auto­ri­tä­ren bür­ger­li­chen Staa­tes, der mit sei­nen Repres­si­ons­for­men immer neue Gewalt pro­du­zier­te, und reflek­tiert die gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten der atten­ta­to­ri, die am Ende ihres Lebens die unge­min­der­te Bru­ta­li­tät des Staats­ap­pa­ra­tes am eige­nen Kör­per spür­ten. Die Stan­dard-Inter­pre­ta­tio­nen schrei­ben den Haupt­grund für anar­chis­ti­sche Atten­ta­te einer Kom­bi­na­ti­on aus anar­chis­ti­scher Ideo­lo­gie, indi­vi­du­el­len psy­cho­lo­gi­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka und per­sön­li­chen Umstän­den zu. Per­ni­co­ne aber zeigt auf, dass die Atten­tä­ter kei­nes­wegs Instru­men­te eines anar­chis­ti­schen »mas­ter­minds« waren, son­dern zumeist aus mora­li­scher Über­zeu­gung für sich selbst und in Selbst­auf­ga­be für ande­re han­del­ten. »Die Atten­ta­te klan­gen«, schreibt Otta­nel­li, »wie eine Fan­fa­re­ner­in­ne­rung für die poli­ti­sche Klas­se und die Bour­geoi­sie: ›Was ihr sät, wer­det ihr ern­ten‹.«16 Sie waren despe­ra­te Akte des Pro­tes­tes und der Rebel­li­on, die wie ein Hal­te­si­gnal wir­ken soll­ten: Jede Schand­tat muss­te gesühnt wer­den. Dar­über hin­aus zeigt die­se akri­bi­sche wie detail­lier­te Stu­die, dass der auto­ri­tä­re Staat Mus­so­li­nis auf die Pra­xis und die Insti­tu­tio­nen einer nur libe­ral-demo­kra­tisch dra­pier­ten zurück­grei­fen konn­te. Die Hin­rich­tung Miche­le Angio­lil­los durch die Garot­te, wobei dem an einen Holz­pfahl geses­sel­ten Ver­ur­teil­ten die Luft­röh­re zusam­men­ge­presst wur­de, bis der Tod durch lang­sa­mes Ersti­cken ein­trat, ist – in Para­phra­se Max Hork­hei­mers – ein Kom­men­tar zur bür­ger­li­chen Huma­ni­tät. »Ban­k­erott ist der Glau­be dar­an, daß man etwas hin­ter sich hat«17, schrieb Hork­hei­mer. Auch nach Mus­so­li­nis Ende wirk­te sei­ne Herr­schaft fort. Per­ni­co­ne gebührt das Ver­dienst, dass er uner­müd­lich die gewalt­tä­ti­gen Mecha­nis­men der Herr­schaft in ihrer his­to­ri­schen Dimen­si­on beschrieb.

 


Bibliografische Angaben:

Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li.
Assas­sins Against the Old Order.
Ita­li­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe.
Cham­pai­gn, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018.
232 Sei­ten, 30 US-Dol­lar.
ISBN: 978–0-252–08353-2.

 

 

Bildquellen



Cover Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 — © AK Press

Cover Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel — © Pal­gra­ve Mac­mil­lan

Cover Old Assas­sins Against the Old Order — © Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press

Illus­tra­ti­on Miche­le Angio­lil­los Atten­tat auf den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Cáno­vasWiki­me­dia Com­mons

Foto Lui­gi Luche­niWiki­me­dia Com­mons

Foto San­te Geroni­mo Case­rio in einer Zeich­nung von Frédé­ric LixWiki­me­dia Com­mons

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Nun­zio Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (1993; rpt. Oak­land, CA: AK Press, 2009), S. 7; Davi­de Tur­ca­to, Making Sen­se of Anar­chism: Erri­co Malatesta’s Expe­ri­ments with Revo­lu­ti­on, 1889–1900 (Oak­land, CA: AK Press, 2015), S. 12
  2. Erri­co Mala­tes­ta, »Let Us Go to the Peop­le« (»Andia­mo fra il popo­lo«), in: The Method of Free­dom: A Erri­co Mala­tes­ta Reader, hg. Davi­de Tur­ca­to, übers. Paul Shar­key (Oak­land, CA: AK Press, 2014), S. 170
  3. Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892, S. 287
  4. Peter Mar­shall, Deman­ding the Impos­si­ble: A Histo­ry of Anar­chism (Oak­land, CA: PM Press, 2010), S. 446
  5. Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892, S. 294
  6. Cf. Irving Howe, Poli­tics and the Novel (1957; rpt. Chi­ca­go: Ivan R. Dee, 2002), S. 76–113, 139–156; Alex Hou­en, Ter­ro­rism and Modern Lite­ra­tu­re: From Joseph Con­rad to Cia­ron Car­son (Oxford: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2002), S. 34–92
  7. Bar­ba­ra Tuch­man, The Proud Tower: A Por­trait of the World Befo­re the War, 1890–1914 (1962; rpt. New York: Ran­dom House, 1994), S. 117
  8. Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order: Ita­li­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe (Cham­pai­gn, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018), S. 44, zitiert nach der EPUB-Ver­si­on
  9. Per­ni­co­ne, Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel (New York: Pal­gra­ve Mac­mil­lan, 2005), S. vii
  10. Cf. Per­ni­co­ne, »War Among the Ita­li­an Anar­chists: The Galleanisti’s Cam­pai­gn Against Car­lo Tre­s­ca«, in: The Lost World of Ita­li­an-Ame­ri­can Radi­ca­lism, hg. Phil­ip Can­nis­tra­ro und Gerald Mey­er (West­port, CN: Pra­e­ger, 2003), S. 77–97
  11. Fra­ser Otta­nel­li, The Com­mu­nist Par­ty of the United Sta­tes: From the Depres­si­on to World War II (New Brunswick, NJ: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 1991)
  12. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 79
  13. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 143
  14. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 208
  15. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 145
  16. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 222
  17. Max Hork­hei­mer, »Auto­ri­tä­rer Staat« (1940/42), in Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S.313

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Nunzio Pernicone und Fraser M. Ottanelli: Assassins Against the Old Order

Früch­te des Zorns

 

In sei­nem post­hum ver­öf­fent­li­chen Werk Assas­sins Against the Old Order erzählt Nun­zio Per­ni­co­ne die Geschich­te anar­chis­ti­scher Atten­tä­ter im Ita­li­en des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts

von Jörg Auberg

 

Nunzio Pernicone - Italian Anarchism, 1864-1892 (AK Press, 2009)

Nun­zio Per­ni­co­ne: Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (AK Press, 2009)

In sei­nem Stan­dard­werk über die Geschich­te des ita­lie­ni­schen Anar­chis­mus Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (1993) ver­trat der US-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Nun­zio Per­ni­co­ne (1940–2013) die Auf­fas­sung, dass die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten in der Zeit zwi­schen dem Risor­gi­men­to und dem Auf­stieg des Faschis­mus den »Haupt­be­stand­teil der ita­lie­ni­schen Lin­ken« reprä­sen­tier­ten. Den­noch war die anar­chis­ti­sche Bewe­gung in all den Jah­ren in einem »Teu­fels­kreis aus Vor­rü­cken und Rück­zug« gefan­gen: Jedes neu­es Auf­bäu­men gegen die Staats­macht wur­de mit einer neu­en Woge der herr­schaft­li­chen Repres­si­on bezahlt. Nach die­sem his­to­ri­schen Mus­ter ver­schwan­den anar­chis­ti­sche Bewe­gun­gen und ihre Prot­ago­nis­ten immer wie­der in Wel­len von Ver­haf­tun­gen, Flucht ins Exil, der Unter­drü­ckung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und der Auf­lö­sung von Grup­pen und Zir­keln, um Jah­re spä­ter in Zyklen der Agi­ta­ti­on erneut auf­zu­tau­chen.1

Doch trotz all die­ser »Zei­ten der Wie­der­kehr« in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten des 19. Jahr­hun­derts ver­moch­ten die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten es nicht, aus ihrer selbst­ver­schul­de­ten Iso­la­ti­on aus­zu­bre­chen. Erri­co Mala­tes­ta (1853–1932), einer der maß­geb­li­chen Akteu­re der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, kri­ti­sier­te 1894 in einem Arti­kel, dass die Anar­chis­ten »viel Pala­ver über die Revo­lu­ti­on« mach­ten, die sich am Ende nicht vom Para­dies der Katho­li­ken unter­schei­de und als »ein Ver­spre­chen für das Jen­seits« erwei­se.2 Die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten wur­den zu Gefan­ge­nen ihrer eige­nen Welt­an­schau­ung, schluss­fol­ger­te Per­ni­co­ne, zu ohn­mäch­tig, um die Bour­geoi­sie und den Staat zu gefähr­den. Iro­ni­scher­wei­se waren sie aber die Haupt­op­fer der bür­ger­li­chen Hys­te­rie und der Staats­macht in den Jah­ren nach der Grün­dung des ita­lie­ni­schen König­rei­ches, deren auto­ri­tä­ren Herr­scher in den sozia­len Unru­hen und Auf­stän­den im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert in ers­ter Linie Ver­schwö­run­gen sinis­trer Anar­chis­ten und Sozia­lis­ten am Wer­ke sahen.3 Abge­kop­pelt von den revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen, ent­lud sich der anar­chis­ti­sche Pro­test gegen die herr­schen­den Ver­hält­nis­se zuvör­derst in indi­vi­du­el­len Atten­ta­ten, die fun­ken­gleich einen revo­lu­tio­nä­ren Brand ent­fa­chen soll­ten. Das Kon­zept die­ser »Pro­pa­gan­da der Tat« ent­wi­ckel­te erst­mals der ita­lie­ni­sche Poli­ti­ker und Gue­ril­la­kämp­fer Car­lo Pisa­ca­ne (1818–1857), ein gefei­er­ter Held des Risor­gi­men­to, der Gewalt als essen­zi­el­le revo­lu­tio­nä­re Trieb­kraft ansah.4 Zwi­schen 1894 und 1900 ver­üb­ten ita­lie­ni­sche Anar­chis­ten in kur­zer Fol­ge Atten­ta­te auf Reprä­sen­tan­ten der Staats­macht, die sie ent­we­der mit dem Leben oder mit lan­ger Ker­ker­haft bezahl­ten, ohne dass die Atten­ta­te wie erhofft zu revo­lu­tio­nä­ren Aktio­nen führ­ten. Statt­des­sen zog der ita­lie­ni­sche Staat die Repres­si­ons­schrau­ben an.

 

Nunzio Pernicone und Fraser M. Ottanelli: Assassins Against the Old Order (University of Illinois Press, 2018)

Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li: Assas­sins Against the Old Order (Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018)

Bereits im Epi­log sei­nes Buches Ita­li­an Anar­chism hat­te Per­ni­co­ne die Geschich­te der ita­lie­ni­schen »atten­ta­to­ri« ange­ris­sen, doch ende­te für ihn damals die Geschich­te des Anar­chis­mus in Ita­li­en mit der Unter­drü­ckung wäh­rend der faschis­ti­schen Herr­schaft, von der sich die liber­tä­re Bewe­gung nie­mals erhol­te.5 In sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren griff Per­ni­co­ne das The­ma der anar­chis­ti­schen Atten­tä­ter noch ein­mal auf, wobei ihn vor allem eine Oppo­si­ti­on zur gän­gi­gen bür­ger­li­chen Geschichts­schrei­bung antrieb, die – anknüp­fend an lite­ra­ri­sche Kli­schees von Roman­ciers wie Joseph Con­rad und Hen­ry James6 – anar­chis­ti­sche Atten­tä­ter vor allem als Erfül­lungs­ge­hil­fen intel­lek­tu­el­ler »Schreib­tisch­tä­ter« beschrieb, wel­che die Idee aus­brü­te­ten, die »nie­de­re« Täter als Instru­men­te des geis­ti­gen Strip­pen­zie­hers in die blu­ti­ge Tat umsetz­ten. His­to­ri­ke­rin­nen wie Bar­ba­ra Tuch­man beschrie­ben die ita­lie­ni­schen Atten­tä­ter als blo­ße »Instru­men­te der Idee«7. In ihrer ste­reo­ty­pen Dar­stel­lung der Anar­chis­ten als noto­ri­sche Gewalt­tä­ter unter­schlu­gen sie jedoch, dass poli­ti­sche Gewalt von allen revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­ten des Risor­gi­men­to pro­pa­giert wur­de: Giu­sep­pe Gari­bal­di befür­wor­te­te poli­ti­sche Atten­ta­te, um das Ziel der Revo­lu­ti­on zu errei­chen, und gene­rell galt unter bür­ger­li­chen Akti­vis­ten der natio­na­len Eini­gungs­be­we­gung der Tyran­nen­mord als legi­ti­mer Wider­stand gegen die Dik­ta­tur. Iro­ni­scher­wei­se war das Resul­tat des Risor­gi­ment­os ein auto­ri­tä­rer Staat mit libe­ra­ler Fas­sa­de, ein »vir­tu­el­ler Poli­zei­staat für Anar­chis­ten«8

 

Nunzio Pernicone - Carlo Tresca

Nun­zio Per­ni­co­ne: Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel (Pal­gra­ve Mac­mil­lan, 2005)

Zwei­fels­oh­ne lagen Per­ni­co­nes Sym­pa­thi­en bei den Anar­chis­ten, den »Ver­lie­rern der Geschich­te«, die er aus den Erzäh­lun­gen sei­nes ita­lie­ni­schen Vaters kann­te und mit denen er im New Yor­ker Green­wich Vil­la­ge auf­wuchs.9 Doch gera­de sei­ne inti­men Kennt­nis­se der anar­chis­ti­schen Ver­hält­nis­se bewahr­ten ihn davor, die Anar­chis­ten als Hero­en der Frei­heit zu ver­klä­ren: In ihrer Idio­syn­kra­sie gegen Regu­la­ri­en der Orga­ni­sa­ti­on und ihrem Fai­ble für klan­des­ti­ne Geheim­bün­de­lei, die oft in Sek­tie­re­rei ende­te, unter­mi­nier­ten sie nicht allein ihren mög­li­chen Ein­fluss auf gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, son­dern sabo­tier­ten oft auch unfrei­wil­lig den Wider­stand gegen faschis­ti­sche und tota­li­tä­re Kräf­te.10

Trotz allem blieb Per­ni­co­ne dem »anar­chis­ti­schen Pro­jekt« mit »kri­ti­scher Sym­pa­thie« ver­bun­den und war von einer Abnei­gung gegen­über allem, was nach Kom­mu­nis­mus roch, gekenn­zeich­net. Den­noch freun­de­te er sich nach einer aka­de­mi­schen Kon­fe­renz zum The­ma »Faschis­mus und Anti­fa­schis­mus unter Ita­lo-Ame­ri­ka­nern« im Jah­re 2001 mit dem ita­lie­ni­schen Kol­le­gen Fra­ser Otta­nel­li an, der in den 1970er Jah­ren in der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens war und eine Stu­die über die US-ame­ri­ka­ni­sche Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in den 1930er Jah­ren ver­öf­fent­licht hat­te.11 Im Lau­fe der Jah­re bil­de­ten sie eine klei­ne »Volks­front« der lin­ken His­to­ri­ker. Als im März 2013 bei Per­ni­co­ne eine unheil­ba­re Krebs­er­kran­kung dia­gnos­ti­ziert wur­de, bat er Otta­nel­li, sein begon­ne­nes Werk über die ita­lie­ni­schen Atten­tä­ter zu voll­enden. 18 Kapi­tel auf 700 Sei­ten kom­pri­mier­te Otta­nel­li zu 11 Kapi­teln auf 270 Sei­ten; zudem steu­er­te er eine Ein­lei­tung und eine Kon­klu­si­on bei und aktua­li­sier­te die Biblio­gra­fie.

Eine zen­tra­le Figur in der repres­si­ven Poli­tik im ita­lie­ni­schen Staat war Fran­ces­co Cris­pi, ein ehe­ma­li­ger Revo­lu­tio­när, der als Pre­mier- und Innen­mi­nis­ter ein auto­ri­tä­res Regime führ­te, sozia­le Unru­hen und Auf­stän­de mit bra­chia­ler Gewalt unter­drück­te und lin­ke Oppo­si­tio­nel­le häu­fig ohne Gerichts­ver­fah­ren ins »domic­i­lio coat­to« in kar­gen Straf­ko­lo­ni­en im Süden Ita­li­ens Ver­bann­te. Für Per­ni­co­ne war Cris­pi »der auto­ri­tärs­te aller Pre­mier­mi­nis­ter Ita­li­ens vor Mus­so­li­ni«12, der die Revol­ten gegen sei­ne Herr­schaft nicht in sei­ner unso­zia­len Poli­tik begrün­det sah, son­dern den umstürz­le­ri­schen Umtrie­ben klan­des­ti­ner Ver­schwö­rer aus der Welt der Anar­chis­ten und Sozia­lis­ten zuschrieb. Als Ant­wort auf die repres­si­ven und pre­kä­ren Ver­hält­nis­se im Land begin­gen zwi­schen den Jah­re 1894 und 1900 eine Rei­he von Anar­chis­ten als »gius­ti­zie­re« Atten­ta­te, die als Akte der Gerech­tig­keit gel­ten soll­ten.

 

Miche­le Angio­lil­los Atten­tat auf den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Cáno­vas in einer zeit­ge­nös­si­schen Illus­tra­ti­on (1897)

Am Bei­spiel von sechs Atten­tä­tern – Pao­lo Lega, San­te Case­rio, Pie­tro Accia­ri­to, Miche­le Angio­lil­lo, Lui­gi Luche­ni und Gaeta­no Bre­sci – schil­dert Per­ni­co­ne einer­seits die poli­ti­schen und his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de der Repres­si­on; zum ande­ren beschreibt er die Ent­wick­lung zumeist ein­fa­cher Hand­wer­ker und Arbei­ter zu »selbst­lo­sen« Atten­tä­ter, die weni­ger als Werk­zeu­ge ruch­lo­ser Intel­lek­tu­el­ler agier­ten denn als selbst­er­mäch­tig­te Voll­stre­cker der Gerech­tig­keit. Als der 25-jäh­ri­ge Zim­mer­mann Pao­lo Lega dem Pre­mier­mi­nis­ter 1894 nach dem Leben trach­te­te, woll­te er mit die­sem Atten­tat einen füh­ren­den Reprä­sen­tan­ten des Staa­tes bestra­fen, der für die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung der sozia­len Pro­tes­te in Sizi­li­en ver­ant­wort­lich war. Eine ähn­li­che Argu­men­ta­ti­on bemüh­ten San­te Case­rio und Miche­le Angio­lil­lo, die den fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Marie François Sadi Car­not (1894) und den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Anto­nio Cáno­vas del Cas­til­lo (1897) ermor­de­ten und dafür mit ihrem Leben bezahl­ten. Angio­lil­lo war, schluss­fol­gert Per­ni­co­ne, »der Inbe­griff des gius­ti­zie­re, der einen klas­si­schen Akt der aus­glei­chen­den anar­chis­ti­schen Gerech­tig­keit began­gen hat­te. Von daher nimmt Angio­lil­lo den höchs­ten Rang im Pan­the­on der anar­chis­ti­schen Mär­ty­rer ein.«13

 

Lui­gi Luche­ni nach sei­ner Ver­haf­tung

Dem­ge­gen­über steht Lui­gi Luche­ni, der Atten­tä­ter der öster­rei­chi­schen Kai­se­rin Eli­sa­beth (1898), auf der nied­rigs­ten Stu­fe. Der selbst­er­nann­te »indi­vi­dua­lis­ti­sche Anar­chist« und Ver­tre­ter der »Prop­gan­da der Tat« woll­te eine »hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­keit« töten, sodass er Berühmt­heit durch die Bericht­erstat­tung in der Pres­se erhielt, wäh­rend Moral und Gerech­tig­keit bei sei­nem Tötungs­akt kei­ner­lei Rol­le spiel­te. Ganz im Gegen­satz dazu stand der Atten­tat Gaeta­no Bre­scis auf den ita­lie­ni­schen König Umber­to I., des­sen Aus­lö­ser die blu­ti­gen Lebens­mit­tel­auf­stän­de in Mai­land im Mai 1898 (bekannt als Fat­ti di Mag­gio oder auch als Bava-Bec­ca­ris-Mas­sa­ker) waren. Gene­ral Fio­ren­zo Bava-Bec­ca­ris ließ auf­stän­di­schen Demons­tran­ten nie­der­schie­ßen, wobei etwa 300 Men­schen umka­men. Dies nahm Bre­sci, der in die USA emi­griert war und in Pater­son (New Jer­sey) als Weber arbei­te­te, zum Anlass, zurück nach Ita­li­en zu rei­sen und den König mit drei Schüs­sen nie­der­zu­stre­cken. In Pater­son war er in der anar­chis­ti­schen Sze­ne aktiv, poli­zei­lich aber nie auf­ge­fal­len, sodass sein stil­ler Ent­schluss, den König zu töten, für vie­le über­ra­schend kam. Für die ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten war er ein »edler und heroi­scher Rächer, des­sen Moti­ve rein und selbst­los waren«, schreibt Per­ni­co­ne, und des­sen Opfer als Tyrann voll­kom­men für die Tat der Ver­gel­tung, die er emp­fang, qua­li­fi­ziert war. 14 Zudem zwei­felt Per­ni­co­ne an der offi­zi­el­len Ver­si­on des Selbst­mor­des, die His­to­ri­ke­rin­nen wie Tuch­man unge­prüft über­nah­men, obgleich eine Rei­he von Indi­zi­en eher für eine Mord­the­se spra­chen: Wie konn­te Bre­sci, obwohl er unter per­ma­nen­ter Beob­ach­tung in sei­nem Ker­ker stand, unbe­merkt Selbst­mord bege­hen?

 

San­te Geroni­mo Case­rio in einer Zeich­nung von Frédé­ric Lix (1894)

Auch wenn Per­ni­co­ne in sei­nem bio­gra­fi­schen Ansatz sich auf die his­to­ri­schen Bedingt­hei­ten und Ent­wick­lun­gen die­ser sechs Atten­tä­ter fokus­siert, redu­ziert er die ita­lie­ni­sche anar­chis­ti­sche Gewalt nicht auf eine indi­vi­du­el­le Psy­cho­lo­gie, wie Otta­nel­li in sei­ner Kon­klu­si­on bekräf­tigt. Als His­to­ri­ker bewegt er sich – wie Sieg­fried Kra­cau­er ein­mal tref­fend schrieb – »zwi­schen den Makro- und Mikro-Dimen­sio­nen«15, ana­ly­siert detail­reich die poli­ti­schen Struk­tu­ren des auto­ri­tä­ren bür­ger­li­chen Staa­tes, der mit sei­nen Repres­si­ons­for­men immer neue Gewalt pro­du­zier­te, und reflek­tiert die gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten der atten­ta­to­ri, die am Ende ihres Lebens die unge­min­der­te Bru­ta­li­tät des Staats­ap­pa­ra­tes am eige­nen Kör­per spür­ten. Die Stan­dard-Inter­pre­ta­tio­nen schrei­ben den Haupt­grund für anar­chis­ti­sche Atten­ta­te einer Kom­bi­na­ti­on aus anar­chis­ti­scher Ideo­lo­gie, indi­vi­du­el­len psy­cho­lo­gi­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka und per­sön­li­chen Umstän­den zu. Per­ni­co­ne aber zeigt auf, dass die Atten­tä­ter kei­nes­wegs Instru­men­te eines anar­chis­ti­schen »mas­ter­minds« waren, son­dern zumeist aus mora­li­scher Über­zeu­gung für sich selbst und in Selbst­auf­ga­be für ande­re han­del­ten. »Die Atten­ta­te klan­gen«, schreibt Otta­nel­li, »wie eine Fan­fa­re­ner­in­ne­rung für die poli­ti­sche Klas­se und die Bour­geoi­sie: ›Was ihr sät, wer­det ihr ern­ten‹.«16 Sie waren despe­ra­te Akte des Pro­tes­tes und der Rebel­li­on, die wie ein Hal­te­si­gnal wir­ken soll­ten: Jede Schand­tat muss­te gesühnt wer­den. Dar­über hin­aus zeigt die­se akri­bi­sche wie detail­lier­te Stu­die, dass der auto­ri­tä­re Staat Mus­so­li­nis auf die Pra­xis und die Insti­tu­tio­nen einer nur libe­ral-demo­kra­tisch dra­pier­ten zurück­grei­fen konn­te. Die Hin­rich­tung Miche­le Angio­lil­los durch die Garot­te, wobei dem an einen Holz­pfahl geses­sel­ten Ver­ur­teil­ten die Luft­röh­re zusam­men­ge­presst wur­de, bis der Tod durch lang­sa­mes Ersti­cken ein­trat, ist – in Para­phra­se Max Hork­hei­mers – ein Kom­men­tar zur bür­ger­li­chen Huma­ni­tät. »Ban­k­erott ist der Glau­be dar­an, daß man etwas hin­ter sich hat«17, schrieb Hork­hei­mer. Auch nach Mus­so­li­nis Ende wirk­te sei­ne Herr­schaft fort. Per­ni­co­ne gebührt das Ver­dienst, dass er uner­müd­lich die gewalt­tä­ti­gen Mecha­nis­men der Herr­schaft in ihrer his­to­ri­schen Dimen­si­on beschrieb.

 


Bibliografische Angaben:

Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li.
Assas­sins Against the Old Order.
Ita­li­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe.
Cham­pai­gn, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018.
232 Sei­ten, 30 US-Dol­lar.
ISBN: 978–0-252–08353-2.

 

 

Bildquellen



Cover Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 — © AK Press

Cover Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel — © Pal­gra­ve Mac­mil­lan

Cover Old Assas­sins Against the Old Order — © Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press

Illus­tra­ti­on Miche­le Angio­lil­los Atten­tat auf den spa­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter Cáno­vasWiki­me­dia Com­mons

Foto Lui­gi Luche­niWiki­me­dia Com­mons

Foto San­te Geroni­mo Case­rio in einer Zeich­nung von Frédé­ric LixWiki­me­dia Com­mons

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Nun­zio Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892 (1993; rpt. Oak­land, CA: AK Press, 2009), S. 7; Davi­de Tur­ca­to, Making Sen­se of Anar­chism: Erri­co Malatesta’s Expe­ri­ments with Revo­lu­ti­on, 1889–1900 (Oak­land, CA: AK Press, 2015), S. 12
  2. Erri­co Mala­tes­ta, »Let Us Go to the Peop­le« (»Andia­mo fra il popo­lo«), in: The Method of Free­dom: A Erri­co Mala­tes­ta Reader, hg. Davi­de Tur­ca­to, übers. Paul Shar­key (Oak­land, CA: AK Press, 2014), S. 170
  3. Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892, S. 287
  4. Peter Mar­shall, Deman­ding the Impos­si­ble: A Histo­ry of Anar­chism (Oak­land, CA: PM Press, 2010), S. 446
  5. Per­ni­co­ne, Ita­li­an Anar­chism, 1864–1892, S. 294
  6. Cf. Irving Howe, Poli­tics and the Novel (1957; rpt. Chi­ca­go: Ivan R. Dee, 2002), S. 76–113, 139–156; Alex Hou­en, Ter­ro­rism and Modern Lite­ra­tu­re: From Joseph Con­rad to Cia­ron Car­son (Oxford: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2002), S. 34–92
  7. Bar­ba­ra Tuch­man, The Proud Tower: A Por­trait of the World Befo­re the War, 1890–1914 (1962; rpt. New York: Ran­dom House, 1994), S. 117
  8. Nun­zio Per­ni­co­ne und Fra­ser M. Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order: Ita­li­an Anar­chist Vio­lence in Fin de Siè­cle Euro­pe (Cham­pai­gn, IL: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 2018), S. 44, zitiert nach der EPUB-Ver­si­on
  9. Per­ni­co­ne, Car­lo Tre­s­ca: Por­trait of a Rebel (New York: Pal­gra­ve Mac­mil­lan, 2005), S. vii
  10. Cf. Per­ni­co­ne, »War Among the Ita­li­an Anar­chists: The Galleanisti’s Cam­pai­gn Against Car­lo Tre­s­ca«, in: The Lost World of Ita­li­an-Ame­ri­can Radi­ca­lism, hg. Phil­ip Can­nis­tra­ro und Gerald Mey­er (West­port, CN: Pra­e­ger, 2003), S. 77–97
  11. Fra­ser Otta­nel­li, The Com­mu­nist Par­ty of the United Sta­tes: From the Depres­si­on to World War II (New Brunswick, NJ: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 1991)
  12. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 79
  13. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 143
  14. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 208
  15. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 145
  16. Per­ni­co­ne und Otta­nel­li, Assas­sins Against the Old Order, S. 222
  17. Max Hork­hei­mer, »Auto­ri­tä­rer Staat« (1940/42), in Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S.313

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