Paul Auster: White Spaces

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Auster Vor Auster

Rückblick auf Paul Austers frühe Poetische Versuche

Von Jörg Auberg

Paul Auster: Hand to Mouth (Faber & Faber, 1997)
Paul Aus­ter: Hand to Mouth (Faber & Faber, 1997)

Ehe Paul Aus­ter in der Mit­te der 1980er Jah­re mit sei­ner New Yor­ker Tri­lo­gie zu einem »Shoo­ting Star« der US-ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­ne auf­stieg, durch­leb­te er im Jahr­zehnt davor eine Exis­tenz als dich­ten­der Hun­ger­künst­ler. In einem sei­ner rück­bli­cken­den auto­bio­gra­fi­schen Tex­te – Hand to Mouth aus dem Jah­re 1996 (den er nun wie­der in sei­nem Band Ground­work auf­nahm) – beschrieb er sei­ne dama­li­ge Exis­tenz als rest­lo­ses Schei­tern: Sei­ne Ehe ging in die Brü­che; er schlug sich mit per­ma­nen­ten Geld­pro­ble­men her­um; und vor allem quäl­ten ihn geschei­ter­te Schreib­pro­jek­te, die sei­ne pro­jek­tier­te Schrift­stel­ler­kar­rie­re an den Mau­ern der gro­ßen Ver­lags­häu­ser und Medi­en­kon­zer­ne zer­schel­len ließ.1

Paul Auster - Faber Editions
Paul Aus­ter — Faber Edi­ti­ons

Wie Mel­vil­le schei­ter­te Aus­ter schon in den Anfän­gen an den gro­ßen Wel­len des Kom­mer­zes, an der gro­ßen wei­ßen Mas­se des Publi­kums­ge­schmacks. »Hier­zu­lan­de gibt es kei­nen Unter­schied zwi­schen dem wirt­schaft­li­chen Schick­sal und den Men­schen selbst«, beob­ach­te­ten Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no im kapi­ta­lis­ti­schen »Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten« in den 1940er Jah­ren. »Kei­ner ist etwas ande­res als sein Ver­mö­gen, sein Ein­kom­men, sei­ne Stel­lung, sei­ne Chan­cen« Der Wert eines Men­schen (der auf dem kapi­ta­lis­ti­schen Umschlag­platz als Ich-AG fun­gier­te) bemaß sich am Umsatz, an Addi­ti­on und Sub­trak­ti­on – alles ande­re war Kon­ver­sa­ti­on, wie der mar­xis­ti­sche Schrift­stel­ler Abra­ham Polon­sky den Box-Pro­mo­ter Roberts in dem Film Body and Soul (1947) sagen ließ. Bei Hork­hei­mer und Ador­no redu­zier­te sich die US-ame­ri­ka­ni­sche Erfah­rung des wirt­schaft­li­chen Ver­sa­gens auf den Spruch. »I am a fail­u­re, sagt der Ame­ri­ka­ner. – And that is that.«2

Paul Auster - Groundwork: Autobiophical Writings, 1979-2012 (New York: Picador/Henry Holt, 2020)
Paul Aus­ter — Ground­work:
Auto­bio­gra­phi­cal Wri­tings, 1979–2012
(New York: Picador/Henry Holt, 2020)

In den auto­bio­gra­fi­schen Rück­bli­cken, die Aus­ter in dem Band Ground­work ver­sam­melt, zeich­net er sich als dar­ben­den Künst­ler, der für sei­ne artis­ti­sche Exis­tenz, ähn­lich wie der jun­ge erfolg­lo­se Schrift­stel­ler in Knut Ham­suns Roman Hun­ger (1890) oder Jack Lon­dons auto­bio­gra­fisch gepräg­te Figur Mar­tin Eden im gleich­na­mi­gen Roman (1909), alles – selbst das eige­ne Leben – aufs Spiel setzt, um zu sei­nem Ziel zu gelan­gen. Aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen in New Jer­sey kom­mend, stu­dier­te er in den spä­ten 1960er Jah­ren an der Colum­bia-Uni­ver­si­tät in New York, arbei­te­te auf einem Öltan­ker, ehe er mit einem Sti­pen­di­um nach Paris ging, wo er sich als Über­set­zer über Was­ser hielt. Zusam­men mit sei­ner ers­ten Frau Lydia Davis gab er ein »litt­le maga­zi­ne« namens Litt­le Hand her­aus und ver­such­te, einen klei­nen Ver­lag glei­chen Namens zu eta­blie­ren. 1972 debü­tier­te er im US-ame­ri­ka­ni­schen Buch­ge­schäft mit einer Samm­lung über­setz­ter sur­rea­lis­ti­scher Gedich­te und kehr­te zwei Jah­re spä­ter nach New York zurück. Nach erfolg­lo­sen Unter­neh­mun­gen in den 1970er Jah­ren reüs­sier­te er 1982 mit einer Mischung aus Erin­ne­rung und Refle­xi­on über sei­nen ver­stor­be­nen Vater mit dem Titel The Inven­ti­on of Soli­tu­de. Mit sei­ner inno­va­ti­ven New Yor­ker Tri­lo­gie in der Mit­te der 1980er Jah­re schließ­lich hör­te er auf, ein »Ver­sa­ger« zu sein, und erklomm als erfolg­rei­cher Schrift­stel­ler immer neue Höhen, die ihn – den eins­ti­gen »Hun­ger­künst­ler« – für zwei Amts­zei­ten in den Jah­ren zwi­schen 2005 und 2007 in die obe­ren Funk­tio­närs­re­gio­nen des Ame­ri­can PEN Cen­ter führ­te.3

Paul Auster: White Spaces (New York: New Directions, 2020)
Paul Aus­ter: White Spaces (New York: New Direc­tions, 2020)

Im Band White Spaces fin­den sich die poe­ti­schen Spu­ren Aus­ters aus den Jah­ren zwi­schen 1970 und 1979, ehe er zum gefei­er­ten Pro­sa­au­tor der US-ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­ne »mutier­te«. Die ers­ten Gedich­te haben die Mate­ria­li­en der Schöp­fung und der Ver­gäng­lich­keit zum The­ma: Was­ser, Stein, Fels und Asche. In den kur­zen Gedich­ten herr­schen Momen­te der Dun­kel­heit, des Schmer­zes, der Ver­lo­ren­heit und der exis­ten­zi­el­len Unbe­haust­heit vor: »God escapes through the inter­val«, heißt es an einer Stel­le, und immer wie­der ver­liert sich die Spra­che in der Klan­des­t­ini­tät oder in den Lügen an der Ober­flä­che der mensch­li­chen Exis­tenz. Der Sün­den­fall wird mit Babel asso­zi­iert, und trotz aller Mani­pu­la­tio­nen mit­tels der Spra­che (wie sie sich 1972 in der Wahl des noto­ri­schen Lüg­ners Richard Mill­house Nixon mani­fes­tie­ren) bleibt für Aus­ter immer nur die Erret­tung durch das Schrei­ben: »the short, human fuse of resis­tance«. Die Mög­lich­kei­ten des Wider­stan­des blie­ben begrenzt – sowohl für den im »Unter­grund« leben­den Dich­ter der 1970er Jah­re als auch für den vom Schrift­stel­ler zum Ter­ro­ris­ten mutie­ren­den Ben­ja­min Sachs, den Aus­ter in sei­nem Roman Levia­than aus dem Jah­re 1992 beschrieb.

In sei­nen Gedich­ten domi­niert ein Ton düs­te­rer Ver­zweif­lung. Aus­ter erin­nert an Paul Celan, der vor dem Ertrin­ken eine Fla­schen­post ins Was­ser warf; das Echo der eige­nen Stim­me kehrt als Arti­ku­la­ti­on eines Frem­den zurück, und am Ende zählt nur das Schwei­gen.4 Auch in sei­ner Text­samm­lung aus den Jah­ren 1967 bis 2017, Tal­king to Stran­gers, herrscht eine dunk­le Stim­mung vor: Knut Ham­sun, Geor­ges Batail­le, Paul Celan, Franz Kaf­ka und Samu­el Beckett sind sei­ne Beglei­ter: »Er ver­liert alles – selbst sich selbst«, heißt es dort.5 Am Ende erfand sich Aus­ter jedoch mit der New Yor­ker Tri­lo­gie neu und fand einen Weg aus der Düs­ter­nis.

© Jörg Auberg 2020

Bibliografische Angaben:

Paul Aus­ter.
White Spaces: Selec­ted Poems and Ear­ly Pro­se.
New York: New Direc­tions, 2020.
NDP 1475.
135 Sei­ten, $ 15,95.
ISBN: 978–0‑8112–2943‑2.

Paul Aus­ter.
Tal­king to Stran­gers: Selec­ted Essays, Pre­faces, and Other Wri­tings, 1967–2017.
New York: Picador/Henry Holt, 2019.
390 Sei­ten, $ 20.
ISBN: 978–1‑250–20629‑9.

Paul Aus­ter.
Ground­work: Auto­bio­gra­phi­cal Wri­tings, 1979–2012.
New York: Picador/Henry Holt, 2020.
641 Sei­ten, $ 20.
ISBN: 978–1‑250–24580‑9.

 

Bild­quel­len (Copy­rights)
Cover Hand to Mouth © Faber & Faber
Foto Aus­ter-Bücher © Jörg Auberg
Cover Ground­work © Pica­dor
Cover White Spaces
© New Direc­tions

Nachweise

  1. Paul Aus­ter, Ground­work: Auto­bio­gra­phi­cal Wri­tings, 1979–2012 (New York: Pica­dor, 2020), S. 243
  2. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 241
  3. Paul Aus­ter, »The Art of Fic­tion«, Paris Review, Nr. 167 (Herbst 2003), https://www.theparisreview.org/interviews/121/the-art-of-fiction-no-178-paul-auster
  4. Paul Aus­ter, White Spaces (New York: New Direc­tions, 2020), S. 5, 6, 22, 45, 62, 131
  5. Paul Aus­ter, Tal­king to Stran­gers: Selec­ted Essays, Pre­faces, and Other Wri­tings, 1967–2017  (New York: Pica­dor, 2019), S. 15

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