Markus Schmidt — Verlassene Orte Niederrhein

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Der Fluchtpunkt in den Tod Aller

Markus Schmidt ergötzt sich an der Morbidität des Verfalls

Von Jörg Auberg

»Das Leben lebt nicht!«1

Fried­rich Kürn­ber­ger, Der Ame­ri­ka-Müde

In den letz­ten Jah­ren hat sich das foto­gra­fi­sche Gen­re der »Urban Explo­ra­ti­on« eta­bliert: Dabei erkun­den Foto­gra­fen ver­las­se­ne Orten (in einem Pseu­do­an­gli­zis­mus als »Lost Pla­ces« dekla­riert, obwohl die­se Ort weni­ger ver­lo­ren oder ver­ges­sen denn auf­ge­ge­ben sind), um eine »unge­schön­te Ver­gan­gen­heit« zu doku­men­tie­ren, wie es in einem Arti­kel der Süd­deut­schen Zei­tung hieß.2 Die »unge­schön­te Ver­gan­gen­heit« wird jedoch durch eine »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät« gefil­tert, um einen Begriff des Sozio­lo­gen Oli­ver Nachtw­ey zu bemü­hen, der das nost­al­gi­sche Flair des frei­flu­ten­den Gefühls »Frü­her war alles bes­ser« zu defi­nie­ren ver­sucht.3

Duisburg. Verwunschene Villa (© Markus Schmidt, Sutton 2019)
Duis­burg. Ver­wun­sche­ne Vil­la (© Mar­kus Schmidt, Sut­ton 2019)

Die­ses Gefühl der Melan­cho­lie und Nost­al­gie ver­brei­tet auch der Band Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein des »Urban Explo­rers« Mar­kus Schmidt, der in sti­li­sier­ten Foto­gra­fien einen still­ge­leg­ten Güter­bahn­hof, eine »ver­wun­sche­ne Vil­la«, das ehe­ma­li­ge Aus­bes­se­rungs­werk der Rhei­ni­schen Eisen­bahn­ge­sell­schaft, auf­ge­ge­be­ne Arma­tu­ren­wer­ke, ver­fal­le­ne Häu­ser, Hotels, Bor­del­le, von Unkraut und ver­rot­ten­den Auto­wracks über­wu­cher­ten Geis­ter­dör­fern in der Regi­on zwi­schen Duis­burg und Düs­sel­dorf und im Umkreis von Wesel, Kle­ve, Kre­feld und Kal­kar. Eine kon­kre­te Defi­ni­ti­on für den »Nie­der­rhein« hält Schmidt nicht parat und ver­harrt im Vagen: Der »Nie­der­rhein« sei die Regi­on zwi­schen »Rhein­land und Müns­ter­land, den Nie­der­lan­den und dem Ruhr­ge­biet«, in der sich »in zahl­rei­chen ver­ges­se­nen Gemäu­ern und ver­las­se­nen Orten ver­bor­ge­ne Wel­ten eröff­nen«.4 Schmidt zieht sich auf die angeb­li­che Nicht-Defi­nier­bar­keit der nie­der­rhei­ni­schen Regi­on zurück, obwohl eine kla­re Defi­ni­ti­on mög­lich wäre: »Der lin­ke Nie­der­rhein«, heißt es in der Ein­lei­tung zu dem Band Der Nie­der­rhein in frü­hen Foto­gra­fien, »umfasst die links­rhei­ni­schen Tei­le des nie­der­rhei­ni­schen Tief­lan­des und der Nie­der­rhei­ni­schen Bucht. Im Nord­os­ten wird er durch den Rhein, im Wes­ten durch die poli­ti­sche Gren­ze zu den Nie­der­lan­den und im Süden durch die anstei­gen­de Eifel begrenzt.«5

Duisburg. Stillgelegter Güterbahnhof (© Markus Schmidt, Sutton 2019)
Duis­burg. Still­ge­leg­ter Güter­bahn­hof (© Mar­kus Schmidt, Sut­ton 2019)

Zwar gelingt es Schmidt, die unter­ge­gan­ge­ne Welt des nie­der­rhei­ni­schen Kapi­ta­lis­mus in aus­drucks­star­ken, von Mor­bi­di­tät und Nost­al­gie über­quel­len­den Foto­gra­fien zu sti­li­sie­ren, doch die Tex­te, die Rui­nen, Geheim­nis und Aben­teu­er beschwö­ren, blei­ben flach. Selbst das eige­ne Ziel, »die Schön­heit im Ver­fal­le­nen zu suchen«6, ver­mö­gen sie nicht ein­zu­lö­sen. Dies liegt vor allem dar­an, dass Schmidt es nicht ver­mag, die Orte, die er foto­gra­fiert, in einen geschicht­li­chen Kon­text ein­zu­ord­nen. So kom­men­tiert er bei­spiels­wei­se sei­ne Foto­gra­fie des still­ge­leg­ten Aus­bes­se­rungs­wer­kes in Duis­burg-Wedau mit den Wor­ten: »Im Zwei­ten Welt­krieg errich­te­te man [sic!] zudem zwei Hoch­bun­ker zum Schutz vor Bom­ben. Zum Glück, denn das Gelän­de wur­de Ziel zahl­rei­cher Angrif­fe.« 7 Dass die Eisen­bahn­stre­cken aus dem Ruhr­ge­biet in die Ver­nich­tungs­la­ger der Nazis eine beson­de­re mili­tä­ri­sche Bedeu­tung hat­ten, ver­mag Schmidt nicht zu beden­ken.

Wesel. Alte Eisenbahnbrücke
Wesel: Alte Eisen­bahn­brü­cke (© Mar­kus Schmidt, Sut­ton 2019)

Eben­so ver­klärt er mit sei­nen sti­li­sier­ten Bild­kom­po­si­tio­nen die Kup­fer- und Kühl­ele­men­te sowie Blas­for­men für Hoch­öfen in einer ver­rot­ten­den Arma­tu­ren­fa­brik in Duis­burg, ohne dass er die öko­lo­gi­schen Fol­gen der schwer­indus­tri­el­len Ver­ge­wal­ti­gung der Natur jemals in Betracht zieht. Als »Urban Explo­rer« erkun­det Schmidt die bizar­ren Orte der Ver­gan­gen­heit, beschreibt in sei­nen kur­zen Tex­ten von Laub bedeck­te oder durchs Gestrüpp Schie­nen, ver­wahr­los­te Hal­len, in denen Über­bleib­sel ros­ti­ger Werk­zeu­ge zurück­ge­blie­ben sind oder Wag­gons auf einem still­ge­leg­ten Schie­nen­netz, doch ist er unfä­hig, die his­to­ri­schen Zusam­men­hän­ge jen­seits des nost­al­gi­schen Schlei­ers zu ver­mit­teln. So ist für ihn die Rui­ne der alten Wese­ler Eisen­bahn­brü­cke, die im 19. Jahr­hun­dert ein­mal die Ver­bin­dung zwi­schen Nord­deutsch­land und den Nie­der­lan­den reprä­sen­tier­te, nur ein Signum der »Erobe­rung anglo-ame­ri­ka­ni­scher-kana­di­scher Trup­pe« 8, ohne auch nur einen hal­ben Gedan­ken auf den Grund der Zer­stö­rung – näm­lich die vor­an­ge­gan­ge­ne Ver­wüs­tung des euro­päi­schen Kon­ti­nents durch deut­sche Trup­pen – zu ver­schwen­den.

Autor Markus Schmidt (© Markus Schmidt, Sutton 2019)
Autor Mar­kus Schmidt (© Mar­kus Schmidt, Sut­ton 2019)

So zeich­net sich der »Urban Explo­rer« weni­ger durch einen Blick auf eine »unge­schön­te Ver­gan­gen­heit« denn durch eine Geschichts­ver­ges­sen­heit aus. Nicht zufäl­lig rekur­riert der Unter­ti­tel des Ban­des auf den »Charme des Ver­falls«, womit er die nost­al­gi­sche Ideo­lo­gie des selbst ernann­ten »Hei­mat­sen­ders« WDR ansprach und deren »Hei­mat­fun­ker« auf den Plan rief. »Längst ver­las­se­ne Gebäu­de, auf­ge­lös­te Werks­hal­len, vom Ver­fall gezeich­ne­te Fabri­ken: Sie alle sind Zeu­gen einer Ver­gan­gen­heit, die den Nie­der­rhein und das Leben der Men­schen dort präg­te«, heißt es im PR-Text des WDR-Kul­tur­ma­ga­zins West­art. »Der jun­ge Foto­graf und Autor Mar­kus Schmidt hat sich auf die Suche nach der ver­blass­ten Schön­heit gemacht und ihren mor­bi­den Charme mit sei­ner Kame­ra fest­ge­hal­ten.«9 Die WDR-Kul­tur­re­dak­ti­on schwärmt vom »Reiz des Ver­falls«, ohne die »Logik der Zer­falls« in Rech­nung zu stel­len. »Nach dem Zwei­ten Krieg ist alles, auch die auf­er­stan­de­ne Kul­tur zer­stört, ohne es zu wis­sen«, schrieb Theo­dor W. Ador­no 1961; »die Mensch­heit vege­tiert krie­chend fort nach Vor­gän­gen, wel­che eigent­lich auch die Über­le­ben­den nicht über­le­ben kön­nen, auf einem Trüm­mer­hau­fen, dem es noch die Selbst­be­stim­mung auf die eige­ne Zer­schla­gen­heit ver­schla­gen hat.«10 Weder Schmidt noch sei­ne PR-Agen­ten im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk ver­mö­gen die »Kon­struk­ti­on der Geschich­te als Ver­falls­ge­schich­te«11 zu begrei­fen. In sei­ner fal­schen, nost­al­gisch ver­klär­ten Sti­li­sie­rung des Ver­gan­ge­nen agiert Schmidt als Agent der Anti-Auf­klä­rung. »Ein Ding als schön emp­fin­den heißt: es not­wen­dig falsch emp­fin­den«12, zitier­te Sus­an Son­tag Fried­rich Nietz­sche in ihrem Buch über Foto­gra­fie.

Verlassene Orte Niederrhein (Cover)
Mar­kus Schmidt: Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein (Sut­ton, 2019)

In der foto­gra­fi­schen Welt der »Urban Explo­rer« wird der pro­le­ta­ri­sche Gegen­ent­wurf zur kapi­ta­lis­ti­schen Welt als »Kri­tik der mensch­li­chen Geo­gra­phie« in der däm­mern­den Welt, in der der Raum unter der Zeit begra­ben wird13, von einer insze­nier­ten Mor­bi­di­tät ein­kas­siert, die jeg­li­che kri­ti­sche Refle­xi­on unter­mi­niert. Oder mit Ador­no gespro­chen: Der Flucht­punkt liegt im Tod aller.14 Der »Charme des Ver­falls« über­tüncht die »ver­mumm­te Herr­schaft« 15 und legt einen ver­klä­ren­den Schlei­er über eine Land­schaft, die für vie­le auch ein­mal Straf­ko­lo­nie war. Vor eini­gen Jah­ren war­fen Jörg Schrö­der und Bar­ba­ra Kalen­der einen »frem­den Blick« auf die von der Herr­schaft der Indus­trie gemo­del­te Land­schaft, in der sich »Indus­trie­ka­pi­tä­ne« ihre Prunk­vil­len auf das Werk­ge­län­de stel­len lie­ßen, »um ihren klei­nen Skla­ven­staat stän­dig über­wa­chen zu kön­nen«.16 Zu die­sem »frem­den Blick« durch das Objek­tiv einer Kame­ra ist Schmidt offen­bar nicht fähig oder gewillt.

© Jörg Auberg 2020

Bibliografische Angaben:

Mar­kus Schmidt.
Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein: Der Charme des Ver­falls.
Erfurt: Sut­ton, 2019.
168 Sei­ten, 140 Abbil­dun­gen, 29,99 Euro.
ISBN: 9783963031403.

 

Bild­quel­len (Copy­rights)
Alle Fotos © Sut­ton Ver­lag

Nachweise

  1. Fried­rich Kürn­ber­ger, Der Ame­ri­ka-Müde (1855), http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/kuernberger_amerikamuede_1855?p=390
  2. Felix Ste­phan, »Fens­ter zur unge­schön­ten Ver­gan­gen­heit«, Süd­deut­sche Zei­tung, 15. Mai 2012, https://www.sueddeutsche.de/kultur/urban-explorer-steigen-in-verlassene-gebaeude-ein-fenster-zur-ungeschoenten-vergangenheit‑1.1355456–0#seite‑2
  3. Oli­ver Nachtw­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 37
  4. Mar­kus Schmidt, Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein: Der Charme des Ver­falls (Erfurt: Sut­ton, 2019), S. 4
  5. Alo­is Döring, »Leben am Nie­der­rhein«, in: Der Nie­der­rhein in frü­hen Foto­gra­fien, hg. Alo­is Döring (Rhein­bach: Regio­na­lia Ver­lag, 2014), S. 11
  6. Schmidt, Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein, S. 4
  7. Schmidt, Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein, S. 50
  8. Schmidt, Ver­las­se­ne Orte Nie­der­rhein, S. 70
  9. https://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/verlassene-orte-niederrhein-100.html
  10. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 285
  11. W. Mar­tin Lüd­ke, Anmer­kun­gen zu einer »Logik des Zer­falls«: Ador­no-Beckett (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 93
  12. Sus­an Son­tag, Über Foto­gra­fie, übers. Mark W. Rien und Ger­trud Barch (Frankfurt/Main: Fischer, 1980), S. 174
  13. Guy Debord, Die Gesell­schaft des Spek­ta­kels, übers. Jean-Jac­ques Ras­paud (Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat, 1996), S. 152
  14. Theo­dor W. Ador­no, Nega­ti­ve Dia­lek­tik (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1975), S. 314
  15. Ador­no, Pris­men: Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 269
  16. Jörg Auberg, »Letz­te Aus­fahrt Ruhr­ge­biet«, literaturkritik.de, Nr. 12 (Dezem­ber 2011)

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