In memoriam Tom Hayden (1939–2016)

I
Tom Hayden im April 2016 (Quelle: Jay Godwin/Wikimedia.org)
Tom Hay­den im April 2016 (Quel­le: Jay Godwin/Wikimedia.org)

Tom Hay­den (1939–2016) sicher­te sich mit sei­ner maß­geb­li­chen Rol­le in der Grün­dungs­pha­se der Neu­en Lin­ken in den USA zu Beginn der 1960er Jah­re einen Platz in der jün­ge­ren Geschich­te. Vor allem sei­ne Autoren­schaft für das Port Huron State­ment, das viel­fach als »Mani­fest einer Genera­ti­on« bezeich­net wird, mach­te ihn berühmt. In den tur­bu­len­ten »Six­ties« gehör­te er zu den »Pro­mi­nen­zen des Pro­tests« in den Bür­ger­rechts- und Anti­kriegs­be­we­gun­gen. In spä­te­ren Jah­ren wech­sel­te er als Par­tei­gän­ger der Demo­kra­ten in die Main­stream-Poli­tik. Zu Beginn der letz­ten Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten­kam­pa­gne stand er anfäng­lich auf Sei­ten Ber­nie San­ders‘, wen­de­te sich spä­ter jedoch dem Clin­ton-Lager zu, da ihm das San­ders-Pro­gramm in der Rea­li­tät nicht umsetz­bar erschien. Nach län­ge­rer Krank­heit starb er am 23. Okto­ber 2016.

Der fol­gen­de Text über Hay­dens Essay zum Werk C. Wright Mills‘ erschien erst­mals im Janu­ar 2007. Recht­schreib­feh­ler wur­den still­schwei­gend kor­ri­giert.

 

 

 

Noma­den und Out­laws

C. Wright Mills, Tom Hay­den und die Neue Lin­ke

Von Jörg Auberg

 

Drifter’s Escape

»Die Auf­er­ste­hung der Toten müß­te auf dem Auto­fried­hof statt­fin­den«, schrieb Theo­dor W. Ador­no in sei­nen »Auf­zeich­nun­gen zu Kaf­ka«. Heu­te jedoch redu­ziert sich die Auf­er­ste­hung banal auf die Exhu­mie­rung, und die­se fin­det auf dem Cam­pus statt. So wur­de im Janu­ar 2006 die US-ame­ri­ka­ni­sche Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ton SDS (Stu­dents for a Demo­cra­tic Socie­ty), die in den »Roa­ring Six­ties« eini­ge Zeit für Furo­re sorg­te, unter Mit­ar­beit ehe­ma­li­ger Sech­zi­ger-Akti­vis­ten aus dem Grab geholt, um der gegen­wär­ti­gen Stu­den­ten­ge­nera­ti­on eine über­grei­fen­de poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on zu geben. Iro­ni­scher­wei­se fand zur glei­chen Zeit an der New Yor­ker Colum­bia Uni­ver­si­ty ein Work­shop zum The­ma »Radi­cal Poli­tics and the Ethics of Life« statt, der ehe­ma­li­gen Mit­glie­dern der Stadt­gue­ril­la-Grup­pe Wea­ther­man ein Forum bot, die 1969 der ori­gi­na­len SDS-Orga­ni­sa­ti­on mit einem in einen sym­bo­li­schen Gewal­t­rausch abge­tauch­ten »Kriegs­rat« in Flint (Michi­gan) den Gar­aus berei­te­te. Mit Recht kri­ti­sier­te Jes­se Lemisch, ein ehe­ma­li­ges SDS-Mit­glied in den Jah­ren 1964 bis 1969 und mitt­ler­wei­le ein eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der Geschich­te, in der lin­ken Zeit­schrift New Poli­tics, dass zwi­schen Neo-SDS und alten Wea­ther­man-Akti­vis­ten wie Ber­nar­di­ne Dohrn ein unkri­ti­sches, ahis­to­ri­sches Ver­hält­nis auf­ge­baut wur­de, in dem die »alten Kon­tro­ver­sen« der Ver­gan­gen­heit unter den Tisch gekehrt wur­den und selbst­er­nann­te »Anar­chis­ten« des Neo-SDS vor der mili­tan­ten Ver­gan­gen­heit der Wea­ther-Akti­vis­ten in ser­vi­ler Ehr­furcht erstarr­ten. Ein­sich­tig moniert Lemisch, dass eine lin­ke Orga­ni­sa­ti­on, wel­che inter­nes poli­ti­sches Strei­ten ledig­lich als »sek­tie­re­ri­sche Ver­leum­dung« begreift, unter einem schlech­ten Stern steht. Vor allem scheint ihr das Wis­sen um die Ver­gan­gen­heit zu feh­len.

 

Deso­la­ti­on Row

 

Tom Hayden: Radical Nomad (Paradigm, 2006)
Tom Hay­den: Radi­cal Nomad (Para­digm, 2006)

Um die Geschich­te vor den spek­ta­ku­lä­ren Ereig­nis­sen der spä­ten sech­zi­ger Jah­re und den Beginn der Hoff­nun­gen einer »Neu­en Lin­ken« noch ein­mal ins Gedächt­nis zu rufen, lohnt ein Blick in Tom Hay­dens Magis­ter­ar­beit Radi­cal Nomad über C. Wright Mills, die er 1963 abschloss, nach­dem er ein Jahr zuvor mit dem »Port Huron State­ment« das Grün­dungs­ma­ni­fest der ame­ri­ka­ni­schen »New Left« ver­fasst hat­te. Die­ser Text ist nicht allein aus his­to­ri­schen Grün­den inter­es­sant: Er ähnelt kaum heu­ti­gen aka­de­mi­schen Fleiß­ar­bei­ten mit über­bor­den­den Fuß­no­ten-und Biblio­gra­fie­ap­pa­ra­ten, in denen mehr refe­riert denn argu­men­tiert wird, son­dern stellt eher einen empha­tisch-kri­ti­schen, luzi­de geschrie­be­nen Essay über die intel­lek­tu­el­le Kar­rie­re Mills’ dar, der zwar kei­nes­wegs alle Aspek­te beleuch­tet, jedoch klar die Stär­ken und Schwä­chen die­ses Aus­nah­me-Sozio­lo­gen her­aus­stellt. Dar­über hin­aus beschränkt sich die­se Neu­ver­öf­fent­li­chung nicht allein auf den his­to­ri­schen Text, son­dern bet­tet ihn in die poli­ti­sche und sozia­le Erfah­rung der Lin­ken in den zurück­lie­gen­den vier­zig Jah­ren ein, die fort­wäh­rend regres­si­ven Schü­ben unter­lag. Der ehe­ma­li­ge SDS-Akti­vist Richard Flacks insis­tiert zu Recht, dass die Gesell­schafts­theo­rie häu­fig an der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät schei­ter­te. Die­ses Schei­tern muss jedoch nicht in Resi­gna­ti­on und Unter­wer­fung enden, son­dern kann zu einem Bewusst­sein füh­ren, dass Wis­sen sich immer neu an den Ver­hält­nis­sen abar­bei­ten muss und ein­fa­che, abrup­te Lösun­gen nicht ver­füg­bar sind.

Mills war in den frü­hen sech­zi­ger Jah­ren ein Bin­de­glied zwi­schen der tra­di­tio­nel­len Lin­ken und den neu­en Akti­vis­ten der auf­kei­men­den Bür­ger­rechts- und Stu­den­ten­be­we­gung, »ein ein­sa­mer und pro­phe­ti­scher Arbei­ter«, wie Tom Hay­den schrieb, »ein radi­ka­ler Noma­de«. Sowohl als Sozio­lo­gie­pro­fes­sor an der pres­ti­giö­sen Colum­bia-Uni­ver­si­tät als auch im Zir­kel der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len blieb er ein Außen­sei­ter, der den jewei­li­gen Sta­tus quo nicht akzep­tie­ren und mit der intel­lek­tu­el­len »Ein­bet­tung« in die Maschi­ne­rie des Kal­ten Krie­ges, die sei­ne ehe­ma­li­gen Weg­ge­fähr­ten Dwight Mac­do­nald und Irving Howe akzep­tier­ten, nicht sich abfin­den woll­te, jedoch nicht an den Grund­fes­ten der bür­ger­li­chen Insti­tu­tio­nen rüt­tel­te. Trotz aller Wider­sprüch­lich­kei­ten war Mills kei­nes­wegs – wie ihm Ange­hö­ri­ge des aka­de­mi­schen Estab­lish­ments vor­war­fen – ein heuch­le­ri­scher Poseur, der sich über die Büro­kra­ti­sie­rung des kul­tu­rel­len Appa­rats, den Kon­for­mis­mus inte­grier­ter Links­in­tel­lek­tu­el­ler und die Ver­wand­lung der öffent­li­chen Sphä­re in blo­ße Medi­en­märk­te auf­reg­te, wäh­rend er als Colum­bia-Pro­fes­sor von den Vor­zü­gen einer Eli­te­in­sti­tu­ti­on pro­fi­tier­te. Immer wie­der setz­te er sei­ne Repu­ta­ti­on als Sozio­lo­ge aufs Spiel, um als schrei­ben­der Intel­lek­tu­el­ler mit radi­ka­ler Gesell­schafts­kri­tik »aus dem sti­cki­gen Treib­haus des aka­de­mi­schen Lebens aus­zu­bre­chen« (wie John Dos Pas­sos in sei­ner Roman­tri­lo­gie USA über Mills’ Vor­gän­ger Thor­stein Veblen schrieb).

Mills beschränk­te sich nicht auf die Funk­ti­on des sozio­lo­gi­schen For­schungs­tech­ni­kers, der die gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen aus den Augen ver­lor, sich im Gemäu­er der Exper­ten und Spe­zia­lis­ten ver­schanz­te und den Jar­gon der ver­schwo­re­nen aka­de­mi­schen Gemein­schaft (den Mills — in Anleh­nung an Geor­ge Orwells »New­speak« – »Soc­speak« nann­te) plap­per­te, son­dern war Grenz­ver­let­zer. Mut­wil­lig über­schritt er sei­ne Kom­pe­tenz als Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, als er die ame­ri­ka­ni­sche Außen­po­li­tik der Ken­ne­dy-Admi­nis­tra­ti­on harsch kri­ti­sier­te und die kri­ti­sche Intel­li­genz für ein poli­ti­sches Pro­jekt unter dem Code­na­men »Neue Lin­ke« zu begeis­tern such­te, und unter­strich durch die­se »anma­ßen­de« Inter­ven­ti­on sei­ne Rol­le als Intel­lek­tu­el­ler, wie ihn Jean-Paul Sart­re defi­nier­te: Er über­schritt die Demar­ka­ti­ons­li­nie, »miss­brauch­te« sei­nen fach­li­chen Ruhm, den er sich als Autor sozio­lo­gi­scher Stan­dard­wer­ke erwor­ben hat­te, zur radi­ka­len Kri­tik der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft. Damit setz­te sich Mills nicht allein in Wider­spruch zur herr­schen­den Macht, son­dern auch zu ihren kri­ti­schen Erfül­lungs­ge­hil­fen, die Sart­re »fal­sche Intel­lek­tu­el­le« nann­te, da sie zwar vor­der­grün­dig die herr­schen­de Ideo­lo­gie in Fra­ge stell­ten, zugleich aber die radi­ka­le Kri­tik als Hil­fe­stel­lung für die feind­li­che Macht denun­zier­ten und zu intel­lek­tu­el­ler Beson­nen­heit auf­rie­fen. Mills wand­te sich sowohl gegen die »NATO-Intel­lek­tu­el­len«, die sich um den CIA-finan­zier­ten »Kon­gress für kul­tu­rel­le Frei­heit« schar­ten und die Ideo­lo­gie vom Ende der Ideo­lo­gie pro­pa­gier­ten, als auch gegen ortho­do­xe Mar­xis­ten mit ihrer Meta­phy­sik der Arbei­ter­klas­se in einem von der Geschich­te über­hol­ten Sze­na­rio des Staats­so­zia­lis­mus, obgleich er die kuba­ni­sche Revo­lu­ti­on gegen die US-ame­ri­ka­ni­sche Außen­po­li­tik ver­tei­dig­te.

Allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz ließ sich Mills sei­ne kri­ti­sche Fan­ta­sie nicht abkau­fen. Sei­ne »ame­ri­ka­ni­sche Tri­lo­gie« über die staat­lich inte­grier­te Arbei­ter­schaft, die Ange­stell­ten aus der Mit­tel­klas­se und die Macht­eli­ten in Öko­no­mie, Poli­tik und Mili­tär – The New Men of Power (1948), White Col­lar (1952) und The Power Eli­te (1956) – erin­ne­re ent­fernt, mein­te Chris­to­pher Lasch, an Dos Pas­sos’ USA-Tri­lo­gie: Auch Mills’ Werk war der Ver­such eines pan­or­ami­schen Poems, das unter die Ober­flä­che purer Daten und Fak­ten drang; eine ame­ri­ka­ni­sche Kri­tik Ame­ri­kas, der Kul­tur­in­dus­trie und der Macht­ap­pa­ra­te; die Suche nach dem Sub­jekt in der blind funk­tio­nie­ren­den sozia­len Maschi­ne­rie; das schwie­ri­ge Unter­fan­gen, einen ori­gi­nä­ren ame­ri­ka­ni­schen Radi­ka­lis­mus zu defi­nie­ren und zu begrün­den. Mills war – beob­ach­te­te Dan Wake­field – eine Art intel­lek­tu­el­ler Gats­by, der aus der texa­ni­schen Pro­vinz nach New York, in die Zita­del­le des Erfolgs, gekom­men war, wo er im grau­en, deso­la­ten Ter­rain auf die Aschen­res­te des »Deba­kels« der Lin­ken aus den 1930er Jah­ren stieß; aber er glaub­te auch an das grü­ne Licht der neu­en Welt, der orgi­as­ti­schen Zukunft, das immer wie­der ver­schwand und von Neu­em auf­tauch­te.

New Left Review - Nr. 5 (September-Oktober 1960)
New Left Review — Nr. 5 (Sep­tem­ber-Okto­ber 1960)

Auch in Zei­ten gesell­schaft­li­cher und geis­ti­ger Lethar­gie rück­te Mills nie von sei­ner Vor­stel­lung ab, dass der Intel­lek­tu­el­le ledig­lich an Stel­le der Ohn­mäch­ti­gen agier­te, dass er weder Die­ner der Macht noch Embryo einer neu­en Klas­se war, die sich zur neu­en Herr­schaft auf­schwang. Für Mills lief die Beschäf­ti­gung mit dem kul­tu­rel­len Appa­rat und den Intel­lek­tu­el­len auf die Rekon­struk­ti­on der demo­kra­ti­schen Öffent­lich­keit hin­aus: Die »jun­ge Intel­li­genz« der spä­ten 1950er Jah­re begriff er als ein­zi­ge radi­kal den­ken­de und han­deln­de Kraft, wäh­rend frü­he­re Bünd­nis­part­ner der lin­ken Intel­lek­tu­el­len – die Arbei­ter – zur Arriè­re­gar­de über­ge­lau­fen waren. Über die Gefah­ren und Unwäg­bar­kei­ten einer intel­lek­tu­el­len Avant­gar­de reflek­tier­te Mills kaum: In einer Zeit der oppo­si­tio­nel­len Apa­thie und der Ago­nie der Lin­ken ging es ihm dar­um, Anstö­ße für das Pro­jekt einer »Neu­en Lin­ken« zu geben, die apa­thi­schen Intel­lek­tu­el­len auf­zu­rüt­teln und die jun­gen Radi­ka­len zur neu­en Bewe­gung zu ermun­tern. Was danach kom­men könn­te, schien in wei­te Zukunft gerückt. »Das Zeit­al­ter der Selbst­ge­fäl­lig­keit geht zu Ende«, kon­sta­tier­te er 1960 in sei­nem Brief an die Neue Lin­ke in der Lon­do­ner Zeit­schrift New Left Review. »Lasst die alten Wei­ber sich klu­ge­wei­se über das ›Ende der Ideo­lo­gie‹ bekla­gen. Wir fan­gen an, uns neu zu bewe­gen.«

Zwar ana­ly­sier­te Mills die Mas­sen­ge­sell­schaft, Apa­thie und Kon­for­mi­tät scharf und sehn­te eine neue Lin­ke her­bei, doch zugleich blen­de­te er, moniert Hay­den mit Recht, die ent­ste­hen­de Bür­ger­rechts­be­we­gung, die zuneh­men­de Armut (wie sie der Sozia­list Micha­el Har­ring­ton 1962 in sei­nem Best­sel­ler The Other Ame­ri­ca beschrieb) und die Aus­wir­kun­gen des McCar­thy­is­mus aus sei­nen Über­le­gun­gen weit­ge­hend aus. Trotz aller Schwä­chen präg­te er wie kaum ein ande­rer Intel­lek­tu­el­ler die Grün­der­ge­nera­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Neu­en Lin­ken, die aus sei­ner Inspi­ra­ti­on her­aus zu »Kul­tur­ar­bei­tern« wur­den, die zu Beginn der 1960er in den Süden des Lan­des gin­gen und sich an den Aktio­nen der Bür­ger­rechts­be­we­gung betei­lig­ten oder all­mäh­lich eine Wider­stands­be­we­gung gegen den Krieg in Süd­ost­asi­en for­mier­ten. Mills war, schreibt Richard Flacks, »roman­tisch opti­mis­tisch bezüg­lich des Auf­stiegs einer neu­en Genera­ti­on radi­ka­ler Intel­lek­tu­el­ler und Akti­vis­ten«. Die Hoff­nung, dass sich eine neue Lin­ke dau­er­haft in der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft eta­blie­ren kön­ne, schei­ter­te an den Rea­li­tä­ten: sowohl an jenen der herr­schen­den Rackets als auch an den Unzu­läng­lich­kei­ten der oppo­si­tio­nel­len For­ma­tio­nen und indi­vi­du­el­len Akteu­re.

 

Like a Rol­ling Stone

 

Frei­lich greift es auch zu kurz, die »Roa­ring Six­ties« in eine Peri­ode der gro­ßen Hoff­nun­gen und in eine der gewalt­tä­ti­gen Ver­zweif­lung und Zer­stö­rung zu unter­tei­len, wie es Todd Git­lin, der ehe­ma­li­ge SDS-Vor­sit­zen­de der Sai­son 1963–64 und mitt­ler­wei­le ein Sozio­lo­gie­pro­fes­sor an der Colum­bia-Uni­ver­si­tät, in sei­nem auto­bio­gra­fisch-his­to­ri­schen Buch The Six­ties: Years of Hope, Days of Rage (1987) stil­bil­dend vor­führ­te. Zur his­to­ri­schen Rea­li­tät gehört die Erkennt­nis, dass SDS nicht über das insti­tu­tio­nel­le Frame­work ver­füg­te, um einer­seits eine par­ti­zi­pa­to­ri­sche Demo­kra­tie inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on zu ermög­li­chen und ande­rer­seits die Mani­pu­la­ti­on des exis­tie­ren­den Appa­ra­tes durch pro­fes­sio­nel­le Kader zu ver­hin­dern. »Die Pro­mi­nen­zen des Pro­tes­tes sind Vir­tuo­sen der Geschäfts­ord­nun­gen und for­ma­len Pro­ze­du­ren«, bemerk­te Ador­no, und dies traf in den End­sech­zi­gern auf alle Appa­ra­te des west­li­chen neu­en Lin­ken zu.

In den USA ver­such­te der stu­den­ti­sche Able­ger der mao­is­ti­schen Par­tei Pro­gres­si­ve Labor mit einer pro­le­ta­ri­schen Aus­rich­tung Zugriff auf die Stu­den­ten­be­we­gung zu ergat­tern, wäh­rend sich die Gegen­kraft als (im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes) schlag­kräf­ti­ger Agent der revo­lu­tio­nä­ren Jugend­be­we­gung unter dem Namen RYM (Revo­lu­tio­na­ry Youth Move­ment) zu eta­blie­ren such­te. Im Kampf um das vor­geb­lich rich­ti­ge Akti­ons­pro­gramm ging schließ­lich die mili­tan­te Grup­pe »Wea­ther­man« (deren Name aus Bob Dyl­ans »Sub­ter­ra­ne­an Home­sick Blues« ent­wen­det wur­de) als Sie­ge­rin her­vor: Sie besetz­te die Schalt­stel­len des SDS-Appa­ra­tes, um im Zuge zuneh­men­der Gewalt sowohl auf Sei­ten der staat­li­chen Orga­ne als auch der stu­den­ti­schen Mili­tan­ten die Orga­ni­sa­ti­on SDS zu zer­schla­gen, um in Gue­ril­la-Aktio­nen das Sys­tem ver­deckt anzu­grei­fen. Als bei einer ver­un­glück­ten Bom­ben­her­stel­lung in New York 1970 drei Wea­ther­man-Akti­vis­ten in den Tod gesprengt wur­den, ging die Grup­pe in den Unter­grund und bil­de­te bis Ende des Jahr­zehnts die Wea­ther Under­ground Orga­niz­a­ti­on (WUO), deren Akti­vi­tät sich auf sym­bo­li­sche Bom­ben­at­ten­ta­te als “Pro­pa­gan­da der Tat” und der Her­aus­ga­be revo­lu­tio­nä­rer Schrif­ten beschränk­te und die kei­ne Blut­spur wie ähn­li­che Unter­grund­or­ga­ni­sa­tio­nen in West­eu­ro­pa hin­ter­lie­ßen. Erst im Jah­re 1981, als eine Rei­he von WUO-Mit­glie­der auf­ge­taucht und sich den Behör­den gestellt hat­ten, betei­lig­ten sich Kathy Bou­din und David Gil­bert, die ihre poli­ti­sche Kar­rie­re in der Bür­ger­rechts­be­we­gung begon­nen hat­ten, zusam­men mit Akti­vis­ten der Black Libe­ra­ti­on Army an einem Über­fall auf einen Geld­trans­por­ter in Nyack (New York), bei dem drei Men­schen getö­tet wur­den. Wäh­rend Bou­din 2003 begna­digt wur­de, wird Gil­bert (obwohl ihm kei­ne akti­ve Betei­li­gung an den Tötun­gen nach­ge­wie­sen wer­den konn­te) bis zu sei­nem Lebens­en­de ein­ge­ker­kert blei­ben, da frü­hes­tens im Jah­re 2058 eine Haft­ent­las­sung bean­tragt wer­den kann.

 

The Times They Are A‑Changin’

 

Die Ereig­nis­se von Nyack koin­zi­dier­ten mit dem Tri­umph der kon­ser­va­ti­ven Rea­gan-Herr­schaft über das Ver­mächt­nis der anti­au­to­ri­tä­ren Revol­te der 1960er. Sym­pto­ma­tisch über­schrieb die neo­kon­ser­va­ti­ve Publi­zis­tin Midge Dec­ter in der Zeit­schrift Com­men­ta­ry ihren abgrund­tie­fen Ver­riss der Wea­ther­man-His­to­rie mit einem sym­bol­träch­ti­gen Dos­to­jew­ski-Titel (»Notes from the Ame­ri­can Under­ground«), womit nicht allein eine Linie vom Port-Huron-Mani­fest zur selbst­er­nann­ten Gue­ril­la gezo­gen, son­dern gene­rell die Lin­ke, zu der in frü­he­ren Deka­den auch ein­mal die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len zähl­ten, in den Orkus ver­ab­schie­det wur­de. In der Defen­si­ve ver­such­ten ehe­ma­li­ge, mitt­ler­wei­le ins aka­de­mi­sche Estab­lish­ment inte­grier­te Akti­vis­ten der Neu­en Lin­ken, das Strand­gut der Revol­te in Sicher­heit zu brin­gen, wäh­rend Wea­ther­man nicht allein als »bogey­man« und Inkar­na­ti­on der »loo­ny left« öffent­lich ange­pran­gert, son­dern als Ver­ant­wort­li­cher für das Schei­tern der ame­ri­ka­ni­schen Neu­en Lin­ken dämo­ni­siert wur­de. So attes­tier­te der His­to­ri­ker und lang­jäh­ri­ge Her­aus­ge­ber der lin­ken Wochen­zei­tung In The­se Times James Wein­stein (1926–2005) in sei­nem Buch The Long Detour: The Histo­ry and Future of the Ame­ri­can Left (2003) den »Wea­ther­peop­le« einen Erfolg in der Zer­stö­rung der Hoff­nung auf eine demo­kra­ti­sche Lin­ke in den USA.

Auf der ande­ren Sei­te begann im Lau­fe der Jah­re eine Roman­ti­sie­rung der Unter­grund-Lin­ken, wobei zwei­fel­haf­te Kar­rie­ren und Prak­ti­ken inein­an­der grei­fen. In sei­nen Memoi­ren Fugi­ti­ve Days (2001) rekur­rier­te Bill Ayers, ein ehe­ma­li­ges WUO-Füh­rungs­mit­glied und inzwi­schen Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go, vor allem auf den machis­ti­schen und sexis­ti­schen Aktio­nis­mus der Revol­te, als die Ver­bren­nung von Büs­ten­hal­tern als Aus­druck eines poli­ti­schen Bewusst­seins galt. Lite­ra­risch in die Post­mo­der­ne ein­ge­wan­dert, erleb­ten depra­vier­te und dis­lo­zier­te Wea­ther­man-Inkar­na­tio­nen in Paul Aus­ters Levia­than (1992) mit sym­bo­li­schen Bom­ben­at­ten­ta­ten ihre Ein­wan­de­rung in den kul­tu­rel­len Main­stream.

Dan Berger: Outlaws of America (AK Press, 2006)
Dan Ber­ger: Out­laws of Ame­ri­ca (AK Press, 2006)

Dage­gen ver­sucht Dan Ber­ger in sei­nem Buch Out­laws of Ame­ri­ca die Geschich­te der Wea­ther­men von Beginn an neu zu erzäh­len, wobei der Titel irre­füh­rend ist. Er erin­nert an ein­schlä­gi­ge ame­ri­ka­ni­sche Geschich­ten wie Fritz Langs You live Only Once (1936) und zeigt an dem heim­li­chen Prot­ago­nis­ten Davild Gil­bert auf, wel­chen Weg ein lei­den­schaft­li­cher Revo­lu­tio­när — ohne je zuvor in kri­mi­nel­le Machen­schaf­ten ver­strickt zu sein – in den Ker­ker neh­men kann. Frei­lich ist Ber­ger – laut Ver­lags­aus­kunft ein »Autor, Akti­vist und Dok­to­rand« – kaum in der Lage, die his­to­ri­schen Debat­ten — etwa jene der »Theo­rie der neu­en Arbei­ter­klas­se« — in ihren grund­le­gen­den The­sen zu refe­rie­ren, noch ver­mag er zu erklä­ren, war­um Akti­vis­ten der Bür­ger­rechts­be­we­gung immer wei­ter den Weg in die Gewalt beschrit­ten. Anders als Todd Git­lin in sei­ner Stu­die der gegen­sei­ti­gen Beein­flus­sung von Mas­sen­me­di­en und der Neu­en Lin­ken (The Who­le World is Watching, 1980) nimmt Ber­ger nie­mals Bezug auf die dama­li­ge Kul­tur der Gewalt. Gene­rell schließt er grö­ße­re poli­ti­sche Frame­works aus und fokus­siert sei­ne Auf­merk­sam­keit auf die jewei­li­gen Per­so­nen sei­ner Wider­stands­ge­schich­te, wobei sei­ne Sym­pa­thien aus­ge­prägt bei Davild Gil­bert lie­gen. Dies ist der Belang des Autors, der – im Gegen­satz zu einer erwart­ba­ren Pro­fes­sio­na­li­tät – das Hohe­lied auf ein selbst­er­nann­tes Racket von »Berufs­re­vo­lu­tio­nä­ren« anstimmt, das mit sei­nem Pri­mat der mili­tan­ten Pra­xis wesent­lich zur intel­lek­tu­el­len Regres­si­on der Neu­en Lin­ken bei­trug. Iro­ni­scher­wei­se ende­te die Orga­ni­sa­ti­on in den spä­ten 1970er in jener Posi­ti­on, die sie in den End­sech­zi­gern atta­ckiert hat­te: Nun­mehr ent­deck­ten die Mili­tan­ten die mul­ti­na­tio­na­le Arbei­ter­klas­se und die Not­wen­dig­keit einer kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Die Iro­nie ent­geht Ber­ger frei­lich in sei­nem unin­spi­rier­ten Zusam­men­stop­peln von Inter­view- und Archiv­ma­te­ri­al.

Zu Recht wirft Lemisch Ber­ger vor, ein »zutiefst apo­lo­ge­ti­sches Werk« pro­du­ziert zu haben, das sich an der Gren­ze der Hagio­gra­fie bewegt. Obwohl mitt­ler­wei­le bereits eine klei­ne Biblio­thek der »Wea­ther­ma­no­lo­gy« exis­tiert, steht das Buch, das eine adäqua­te Inter­pre­ta­ti­on die­ser geschicht­li­chen Epi­so­de jen­seits von Dämo­ni­sie­rung und Ido­la­trie leis­te­te, noch aus. »Die Lin­ke ist wie­der tot«, kon­sta­tiert Hay­den; »die Lin­ke ist wie­der gebo­ren.« Aller­dings bedarf es eines kri­ti­schen Wis­sens um die ver­gan­ge­ne Geschich­te, damit die Lin­ke nicht wie­der so wie in der Ver­gan­gen­heit endet und ver­en­det.

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Tom Hay­den.
Radi­cal Nomad:
C. Wright Mills and his Times.

Mit Bei­trä­gen von Richard Flacks, Stan­ley Aro­no­witz und Charles Lemert.
Boul­der, CO: Para­digm Publis­hers, 2006.
226 Sei­ten, £ 28,99.

Dan Ber­ger.
Out­laws of Ame­ri­ca:
The Wea­ther Under­ground and the Poli­tics of Soli­da­ri­ty.

Oak­land, CA: AK Press, 2006.
432 Sei­ten, $ 20.

 

Zuerst erschie­nen in:  literaturkritik.de, 9:1 (Janu­ar 2007)

© Jörg Auberg

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