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Yves Allégret: Une si jolie petite plage

Y

Noir on the Beach

Resignation und Verzweiflung in Yves Allégrets Film »Une si Jolie petite plage«

von Jörg Auberg

 

A
m 17. Juni 1944 rück­te die 9. US-Infan­te­rie­di­vi­si­on an der West­küs­te der Nor­man­die auf den Ort Bar­ne­ville-sur-Mer in der Man­che an, den sie in den Mor­gen­stun­den gegen fünf Uhr erreich­te. »Eini­ge deut­sche Sol­da­ten der Mili­tär­po­li­zei  wur­den gefan­gen genom­men, und das Dorf war schnell unter Kon­trol­le. In den frü­hen Mor­gen­stun­den   kam es zu meh­re­ren Zusam­men­stö­ßen mit dem Geg­ner: Es han­del­te sich um iso­lier­te Ein­hei­ten, die nicht damit gerech­net hat­ten, die Ame­ri­ka­ner bereits in der Gegend vor­zu­fin­den.«1

Vier Jah­re spä­ter war Bar­ne­ville der Dreh­ort für Yves Allé­g­rets von Regen und Tris­tesse durch­tränk­tes Film­dra­ma Une si jolie peti­te pla­ge, das häu­fig als retro­ma­ni­sche Repri­se des Vor­kriegs­klas­si­kers Quai des Bru­mes (Hafen im Nebel, 1938) von Mar­cel Car­né und Jac­ques Pré­vert klas­si­fi­ziert wird.2 Für die bei­den deut­schen Film­his­to­ri­ker Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as war der Film Inbe­griff der »Rück­ent­wick­lung zur Tra­di­ti­on«, eine Melan­ge vom »poe­ti­schen Rea­lis­mus« der Vor­kriegs­zeit und modi­schen »film noir« der spä­ten 1940er-Jah­re, ohne die The­men, »die sich eigent­lich auf­drän­gen muß­ten«, in Betracht zu zie­hen. Nach Auf­fas­sung von Gre­gor und Pata­l­as setz­te Allé­g­ret nach 1945 das fort, was Car­né vor dem Krieg begrün­det hat­te: »die Linie des düs­ter-pes­si­mis­ti­schen, ›schwar­zen‹ Films; nur gaben sich sei­ne Wer­ke äußer­lich rea­lis­ti­scher als die poe­ti­schen Stu­dio­fil­me Car­nés; um so mehr aber ver­rie­ten sie die Zeit­be­zo­gen­heit des Gen­res«.3

Eine ähn­li­che Kri­tik äußer­te der fran­zö­si­sche Film­his­to­ri­ker Geor­ges Sadoul in einem Arti­kel für die eng­li­sche Film­zeit­schrift Sight & Sound, in dem er Allé­g­ret vor­warf, ohne grö­ße­re Varia­ti­on die fran­zö­si­schen Vor­kriegs­er­fol­ge wie Pépé le Moko (1937) und Quai des Bru­mes zu repe­tie­ren, in denen lite­ra­ri­sche Kunst­fi­gu­ren abseits des Rea­lis­mus in einem atmo­sphä­ri­schen Nebel und einem »kon­ven­tio­nel­len und ober­fläch­li­chen Pes­si­mis­mus« in die töd­li­che Ver­zweif­lung abglit­ten.4 Allé­g­rets Melo­dra­ma sei, schrieb die kali­for­ni­sche Film­jour­na­lis­tin Pam Gra­dy in einer Remi­nis­zenz an den Film, »ein Tri­umph der Stim­mung« 5, ähn­lich wie bei den Noir-Fil­men Robert Siod­maks wie The Kil­lers (1946) oder Criss Cross (1949), in denen das Gesche­hen im Gegen­satz zu den übli­chen Noir-Erzäh­lun­gen aus dem dunk­len Moloch der Groß­stadt an tris­te Orte auf dem Land ver­legt wur­de. Es ist »Noir on the Beach«, um einen tref­fen­den Aus­druck der New Yor­ker Autorin Imo­gen Sara Smith zu ver­wen­den.6

 

Wie Fran­çois Truf­f­aut in sei­nem pro­gram­ma­ti­schen Essay »Une cer­taine ten­dance du ciné­ma fran­çais« (1954 in den Cahiers du Ciné­ma erschie­nen) schrieb, schuf Allé­g­ret mit sei­nem Dreh­buch­au­tor Jac­ques Sigurd eini­ge der »schwär­zes­ten Meis­ter­wer­ke« des fran­zö­si­schen Kinos mit dem Eti­kett »psy­cho­lo­gi­scher Rea­lis­mus« in Abgren­zung zum »poe­ti­schen Rea­lis­mus« der Vor­kriegs­zeit, wobei Truf­f­aut den Wer­ken sowohl die Psy­cho­lo­gie als auch den Rea­lis­mus absprach und die lite­ra­risch domi­nier­te »Qua­li­tät der Tra­di­ti­on« ver­höhn­te.7 Truf­f­auts Kri­tik rich­te­te sich nicht allein gegen eine über­kom­me­ne Tra­di­ti­on des fran­zö­si­schen Kinos, son­dern unter­schwel­lig gegen die »lin­ke« Ten­denz des Vor­kriegs­ki­nos, die in Fil­men von Car­né & Pré­vert zum Aus­druck kam. Wie der Film­wis­sen­schaft­ler J. Dud­ley Andrew schrieb, offen­bar­te der Angriff auf Pré­vert und die »lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on« einen reak­tio­nä­ren Ansatz, wenn nicht gar den Ver­such einer »Revo­lu­ti­on der kul­tu­rel­len Rech­ten«.8

In Truf­f­auts poli­ti­schem Koor­di­na­ten­sys­tem fun­gier­te Allé­g­ret ähn­lich wie Pré­vert als ein Ver­tre­ter der »lin­ken Ten­denz« im fran­zö­si­schen Kino, denn schließ­lich beweg­te er sich in den 1930er-Jah­ren im Orbit der Trotz­kis­ten und Sur­rea­lis­ten und gehör­te bis Febru­ar 1939 zum Füh­rungs­ko­mi­tee der »Fédé­ra­ti­on inter­na­tio­na­le pour un art révo­lu­ti­on­n­aire indé­pen­dant« (FIARI).9 Von den rea­len his­to­ri­schen Erfah­run­gen der zurück­lie­gen­den zehn Jah­re – vom Krieg, von der Zer­ris­sen­heit, vom Schei­tern von Hoff­nun­gen und von Zer­stö­run­gen von Lebens­ent­wür­fen – sind im Film kaum Spu­ren zu finden. 

 

Im Zen­trum des Gesche­hens steht Pierre, ein von Gérard Phili­pe gespiel­ter jun­ger Mann im Trench­coat, dem Depres­si­on, Hoff­nungs­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung von Beginn an ins Gesicht geschrie­ben sind. Wie der von Burt Lan­cas­ter gespiel­te Ex-Boxer »Der Schwe­de« in der Heming­way-Ver­fil­mung The Kil­lers ist Pierre bereits am Anfang »fer­tig«, gezeich­net vom Pathos einer von der Gesell­schaft zum Opfer gemach­ten Figur, die auf das Ende war­tet (wie Robert G. Porf­irio in einem rich­tungs­wei­sen­den Essay über den »film noir« schrieb).10 In der Eröff­nungs­se­quenz quält sich der Auto­bus durch eine düs­te­re, vom Regen gepeitsch­te Küs­ten­land­schaft, und Pierre nimmt im ein­zi­gen geöff­ne­ten Hotel ein Zim­mer, in dem er nicht ganz fremd zu sein scheint. Nach­dem er sei­nen Kof­fer geöff­net hat, steckt er eine Pis­to­le in sei­ne Man­tel­ta­sche. In ellip­ti­scher Erzähl­wei­se ent­hül­len Allé­g­ret & Sigurd, dass Pierre in sei­ner Jugend als Für­sor­ge­zög­ling in die­sem Hotel als bil­li­ge Arbeits­kraft aus­ge­beu­tet wur­de, ehe er von einer älte­ren Sän­ge­rin als jun­ger Lieb­ha­ber in Beschlag genom­men wur­de. Nach und nach wird deut­lich, dass er die­se Sän­ge­rin getö­tet hat und auf der Flucht ist. In einer letz­ten Bewe­gung kehrt er zum trost­lo­sen Strand sei­ner ver­lo­re­nen Jugend zurück, und als Aus­weg bleibt nur der Tod. 

 

Dem Film wird mit Recht ein Schwel­gen in Düs­ter­keit und Despe­rat­heit, Regen und Regel vor­ge­hal­ten. »Allé­g­ret mal­te ein Pan­ora­ma der Hoff­nungs­lo­sig­keit«, resü­mier­ten Gre­gor & Pata­l­as, »das sich aus lau­ter cha­rak­te­ris­ti­schen Details zusam­men­setz­te – der depri­mie­ren­den Kulis­se einer ver­kom­me­nen Gast­wirt­schaft, einer quiet­schen­den Pum­pe, einem im Win­de klap­pern­den Fens­ter­flü­gel, den gehäs­si­gen Bemer­kun­gen der Wir­tin.« 11 Unge­ach­tet der über­zeich­ne­ten Sti­li­sie­rung und feh­len­den poli­ti­schen Grun­die­rung in der Zeit hob Geor­ges Sadoul die Leis­tung Gérard Philipes als tra­gi­sche Figur her­vor, ohne die unter­schwel­li­ge sexu­el­le und öko­no­mi­sche Aus­beu­tung und Trau­ma­ti­sie­rung des Jugend­li­chen zu the­ma­ti­sie­ren. »Gérard Phili­pe ver­kör­per­te einen durch Gele­gen­heit zum Ver­bre­cher gewor­de­nen jun­gen Mann, der an die in Nebel und Regen gehüll­te Stät­te sei­ner trau­ri­gen Jugend zurück­kehrt, um sich hier schwei­gend sei­ner Ver­zweif­lung hin­zu­ge­ben, bis zum Selbst­mord. Es war dies einer der sel­te­nen Fäl­le, daß er auf der Lein­wand starb, den der Tod so früh erei­len soll­te …« 12

 

Das Por­tal Film­dienst urteilt schließ­lich: »Ein atmo­sphä­risch sehr dich­ter, von Resi­gna­ti­on und Trost­lo­sig­keit gepräg­ter Film in der Tra­di­ti­on des ›poe­ti­schen Rea­lis­mus‹. Er beschränkt sich frei­lich mehr auf das Zele­brie­ren von Stim­mun­gen und blen­det dabei eine Beschrei­bung der sozia­len Hin­ter­grün­de rigo­ros aus.« 13 Trotz aller Ein­wän­de bleibt Une si jolie peti­te pla­ge als ein außer­ge­wöhn­li­cher Film in Erinnerung.

© Jörg Auberg 2026

 

Anmerkungen

  1. D‑Day Over­lord: Ency­clo­paed­ia of the D‑Day Landings and the Batt­le of Nor­man­dy, https://www.dday-overlord.com/en/battle-of-normandy/cities/barneville-carteret
  2. Oli­vi­er Bar­rot, L’Ami post­hu­me: Gérard Phili­pe, 1922–1959 (Paris: Gras­set, 2008), S. 80
  3. Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as, Geschich­te des Films, Bd. 2: 1940–1960 (Rein­bek: Rowohlt, 1976), S. 293
  4. Geor­ges Sadoul, »The French Cine­ma 1948–49«, Sight and Sound, 18, Nr. 69 (Früh­jahr 1949), S. 58
  5. Pam Bra­dy, »I Wake Up Dre­a­ming 2012 Review: Une Si Jolie Peti­te Pla­ge«, https://cinezinekane.com/2012/05/10/une-si-jolie-petite-plage/; abge­ru­fen 06.05.2026
  6. Imo­gen Sara Smith, In Lonely Places: Film Noir Bey­ond the City (Jef­fer­son, NC: McFar­land, 2011), S. 214–216
  7. Fran­çois Truf­f­aut, »A Cer­tain Ten­den­cy of the French Cine­ma«, https://adferoafferro.wordpress.com/2009/03/10/film-essay-truffault-a-certain-tendency-of-the-french-cinema/, PDF-Datei, S. 14–15
  8. Dud­ley Andrew, »On Cer­tain Ten­den­ci­es of the French Cine­ma«, in: A New Histo­ry of French Lite­ra­tu­re, hg. Denis Hol­lier (Cam­bridge, Mass.: Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 1994), S. 997
  9. Micha­el Löwy, »Leo Trotz­ki und die revo­lu­tio­nä­re Kunst«, 7. Novem­ber 2020, https://intersoz.org/leo-trotzki-und-die-revolutionaere-kunst/, abge­ru­fen: 08.05.2026
  10. Robert G. Porf­irio, »No Way Out: Exis­ten­ti­al Motifs in the Film Noir«, Sight and Sound, 45, Nr. 4 (Herbst 1976), S. 215
  11. Ulrich Gre­gor und Enno Pata­l­as, Geschich­te des Films, Bd. 2: 1940–1960, S. 294
  12. Geor­ges Sadoul, Gérard Phili­pe (Berlin/DDR: Hen­schel­ver­lag, 1962), S. 9–10
  13. https://www.filmdienst.de/film/details/34400/ein-hubscher-kleiner-strand

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Jörg Auberg - Writer, critic, editor, publisher