Dwight Macdonald: Atrocities of the Mind (University of Chicago Press, 2026)
Der Fluch der Gewalt
Dwight Macdonalds politische Essays
von Jörg Auberg
Zeit seines Lebens wurde der New Yorker Intellektuelle Dwight Macdonald (1906–1982) hinsichtlich seiner politischen Einschätzungen und intellektuellen Fähigkeiten äußerst kontrovers beurteilt. Er sei, ließ beispielsweise Leo Trotzki kurz vor seinem Tod einen revolutionären Genossen in den USA wissen, »ein bisschen dumm«: Es fehle ihm an Originalität und intellektuellem Standvermögen. Auch der sich zeitweilig im trotzkistischen Fahrwasser bewegende Schriftsteller James T. Farrell beklagte, dass Macdonald fortwährend seine Meinung ändere, während der Anarchist Holley Cantine abschätzig meinte, Macdonald verfüge ungefähr über so viel philosophische Konsistenz wie ein Kaninchen. Hannah Arendt dagegen lobte seine »intellektuelle Unbeständigkeit« als Tugend eines kritischen Suchenden, während er für Paul Goodman schlicht »unser bester Journalist« war, obgleich er ihm ein mangelndes geistiges Durchhaltevermögen und eine Unlust, Probleme bis ins letzte Detail zu durchdenken, attestierte.1
Dwight Macdonald: Masscult and Midcult (New York Review Books, 2011)
In erster Linie ist Macdonald als Kritiker der Massenkultur in Erinnerung – eher in der Tradition von T. S. Eliot denn der »Kritischen Theorie«, wie sie von der »Horkheimer-Gruppe« mit ihrem marxistischen Werkzeugkasten praktiziert wurde.2 Bereits vor fünfzehn Jahren hatte der Historiker John Summers in einem schmalen Band (Masscult and Midcult: Essays Against the American Grain, 2011) späte Texte Macdonalds zur Kritik der Massenkultur neu herausgegeben (während frühere Kultur- und Filmkritiken aus den 1930er- und 1940er-Jahren außen vor blieben). In der Aussparung von Macdonalds Analysen der stalinistischen Unterdrückung sowjetischer Filmkünstler wie Eisenstein und Pudowkin (die für ihn – laut Alexander Bloom – ähnlich verbrecherisch wie die politische Elimination Trotzkis im Zuge der Verfolgung der »Generallinie« war) als auch der Veränderung der Massenkulturkritik über die 1940er- und 1950er-Jahre kappte Summers die historische Entwicklung von intellektuellen Prozessen ab und präsentierte schließlich nur die »Endfassung« einer kritischen, letztlich politisch-ideologisch verhärteten Position, mit der Macdonald ins Grab gegangen ist.3
Auch in der neuen Macdonald-Anthologie Atrocities of the Mind, die sich auf die politischen Aufsätze hauptsächlich aus den 1940er-Jahren fokussiert4, in denen Macdonald in Opposition zur vorherrschenden politischen und intellektuellen Meinung seine anarcho-pazifistische Zeitschrift Politics herausgab, blendet der Herausgeber Summers viele Aspekte des selbst gewählten Themenkomplexes Gewalt & Politik aus. Zentral sind die Kritik der Kollektivschuldthese (wie sie Macdonald in seinem Essay »The Responsibility of Peoples« 1945 formulierte) oder der Funktionalität der Kriegsmaschinerie mit ihrer Psychologie des Tötens, wobei vor allem Weltkriegshelden wie die Generäle George S. Patton oder William F. (»Bull«) Halsey als menschenverachtende, rassistische Anstifter zum massenhaften Töten »hervorstechen«. Vor aufmarschierten Bataillonen des US-amerikanischen Militärs verbreiteten sie »Gräueltaten des Geistes« (atrocities of the mind). Für Macdonald, der in den späten 1930er-Jahren den »New Deal« schon als Programm der Kriegsertüchtigung (»War Deal«) kritisiert hatte, führte die permanente Kriegsökonomie zur wirtschaftlichen Rekonvaleszenz des US-Staatskapitalismus letztlich in eine zivilisatorische Abwärtsspirale. Für ihn war der Zweite Weltkrieg kein »guter Krieg« (weder moralisch noch politisch), und der Einsatz der Atombomben reduziere die Befehlshabenden »auf das moralische Niveau der Bestien von Majdanek«.5
Simone Weil: War and the Iliad (New York Review Books, 2005)
Ein zentrales Thema der Zeitschrift Politics war die Gewalt, wie sie am eindringlichsten Simone Weil in ihrem Essay Die Ilias oder das Poem der Gewalt (entstanden 1938/39) beschrieb: »Die Gewalt, die von den Menschen ausgeübt wird, die Gewalt, der die Menschen ausgesetzt sind, die Gewalt, vor der die Menschen zusammenzucken.« 6 Zwar weist Summers in seiner Einleitung auf die Bedeutung des Faschismus in Europa und den USA für die »Psychopathologie« in den 1940er-Jahren hin7, doch in der Zusammenstellung der Texte über Gewalt & Politik fehlt die »Vorgeschichte« (auch in der intellektuellen »Textbiografie« Macdonalds) gänzlich: Sie setzt 1945 mit dem Ende ein – der Diskussion der Verantwortlichkeit der Völker (den Begriff hatte Macdonald von seinem Freund Nicola Chiaromonte übernommen, einem italienischen Anarchisten, der im New Yorker Exil lebte).
Neben Analysen des Nationalsozialismus und des »bürokratischen Kollektivismus« (wie der Stalinismus in trotzkistischen Zirkeln diskutiert wurde) beschäftigte sich Macdonald auch mit dem »heimischen Faschismus«, dessen Vertreter*innen nicht in braunen Hemden auftraten, sondern unter dem »Banner von ›Freiheit‹ und selbst ›Demokratie‹« marschierten: Der Faschismus verbarg sich hinter Etiketten wie »Antifaschismus« oder »wahrer Amerikanismus« und konnte bei Bedarf vom Großkapital aktiviert werden.8 In seinen Analysen bezog sich Macdonald vor allem auf Studien »abtrünniger« Linke wie Daniel Guérin und Ignazio Silone und zog sich den Zorn Trotzkis zu, der 1940 zu Protokoll gab, dass seine Faschismustheorie lediglich eine »armselige Kompilation von Plagiaten« aus der trotzkistischen Theoriefabrik sei.9
Dwight Macdonald: Politics Past — vormals Memoirs of a Revolutionist (Viking, 1970)
Innerhalb weniger Jahre durchlief Macdonald einen Prozess, in dessen Verlauf er vom Liberalismus zum Marxismus, Anarchismus und Pazifismus und schließlich zum liberalen Antikommunismus des Kalten Krieges wechselte. In den späten 1940er-Jahren fühlte er sich ausgelaugt, müde und demoralisiert10, sodass er seine Zeitschrift 1949 schließlich einstellte. In einem programmatischen Statement (»I Choose the West«) erklärte Macdonald 1952, er unterstütze »kritisch« den politischen, ökonomischen und militärischen Kampf des Westens (der USA und ihrer Verbündeten) gegen den Osten (die Sowjetunion, ihre Satellitenstaaten und China) und verabschiedete sich vom Pazifismus, der in seinen Augen »keine vernünftige Chance« besitze, »gegen einen totalitären Feind« effektiv zu sein.11 1938 hatte Macdonald noch Mutmaßungen angestellt, ob und wann die US-amerikanische Großbourgeoisie den Faschismus auf die Tagesordnung setzen würde, und ein Jahrzehnt später reihte er sich in die Scharen hinter der Großbourgeoisie ein, der er einst unterstellt hatte, sie werde faschistische Strukturen nutzen, um ihre Profite und das eigene Überleben jenseits der alten bürgerlich-demokratischen Regierungsform zu sichern.12 Allerdings wechselte er nicht – wie zahlreiche Ex-Trotzkisten oder New Yorker Intellektuelle – ins Lager des Westens als »Renegat« (wie Enzo Traverso unterstreicht), sondern als »Ketzer«, der trotz allem – auch den USA und vor allem ihrer Kulturindustrie gegenüber – kritisch blieb, wie an dem Essay »America! America!« aus dem Jahre 1958 abzulesen ist. 13
»Dieser Intellektuelle«, kommentiert Traverso, »gehört zu den ganz wenigen Menschen angelsächsisch-protestantischer Herkunft, die im Milieu der (weitgehend vom jüdischen Element dominierten) New Yorker Intelligenzija lebten und Anfang 1945 Auschwitz als einen Zivilisationsbruch begriffen.«14 Die Gewalt, die sich in den Vernichtungslagern und auf den Schlachtfeldern ereignete, war auch Resultat einer auf technologischer Rationalität beruhenden Destruktion und Annihilation, welche die gesamte Zivilisation (einschließlich der Aufklärung und der »kritischen Theorie« des Marxismus) in den Untergang zu ziehen drohte. Diese existenzielle Krise versuchte Macdonald (unter Einfluss seines anarchistischen Freundes Chiaromonte) in dem Essay »The Root is Man« (1946) zu thematisieren, der seltsamerweise in dieser Anthologie fehlt.15
Dwight Macdonald: Atrocities of the Mind (University of Chicago Press, 2026)
Stattdessen sind in der Anthologie eher zweitrangige Texte wie eine Rezension von Erwin Leisers Dokumentarfilm Mein Kampf (1960) aufgenommen, den Macdonald mit Nuit et brouillard (1956) von Alain Resnais und Jean Cayrol vergleicht, um zu dem Urteil zu kommen, dass Resnais’ Film bei ihm einen »stärkeren Eindruck« hinterlassen habe. Nicht allein diese Gegenüberstellung zweier grundsätzlich verschiedener Filme ist fragwürdig, sondern auch die ungeprüfte Übernahme von Falschschreibungen von Namen (die NS-Regisseurin Leni Riefenstahl wird zu »Leni Reifenstahl«) und Fehlinformationen über Erwin Leiser (er war kein »schwedischer Regisseur«, sondern wurde als deutscher Jude 1923 in Berlin geboren und musste 1938 nach Schweden fliehen).16
In einer Rezension von Macdonalds Memoirs of a Revolutionist im Jahre 1958 konstatierte der Literaturkritiker Alfred Kazin, dass Politics eine konkrete Anstrengung signalisierte und ermutigte, sich seinen eigenen Weg zurück zum Humanismus, Experimentalismus und Universalismus von vor- und antimarxistischen Sozialismen zu denken. 17 Für dieses Projekt bedarf es jedoch einer kritischen Ausgabe der Texte Dwight Macdonalds, die über die bloße Wiederauflage bereits erschienener Essays und Artikel in den zurückliegenden Jahrzehnten hinausgeht.
Dwight Macdonald. Atrocities of the Mind. Essays on Violence and Politics in the American Century. Ausgewählt und herausgegeben von John Summers. Vorwort von Andrew J. Bacevich. Chicago: University of Chicago Press, 2026. 352 Seiten, 25 US-Dollar. ISBN: 9780226847993.
Leo Trotzki, »Réponses à des questions concernant les États-Unis« (August 1940), in: Trotzki, Œuvres, Bd. 24, hg. Pierre Broué (Paris: Publications de l’Institut Léon Trotsky, 1987), S. 291; Hannah Arendt, »He’s all Dwight« (1968), in: Arendt, Thinking Without a Bannister: Essays in Understanding, 1953–1975, hg. Jerome Kohn (New York: Schocken, 2018), S. 397; Holley R. Cantine, »Reviews: Politics«, Retort 3, Nr. 4 (Frühjahr 1947): 40; Paul Goodman, »Our Best Journalist«, Dissent 5, Nr. 1 (Winter 1958): 82
Dwight Macdonald, Masscult and Midcult: Essays Against the American Grain, hg. John Summers (New York: New York Review Books, 2011); Alexander Bloom, Prodigal Sons: The New York Intellectuals and Their World (New York: Oxford University Press, 1986), S. 111; zu Macdonalds Analyse des sowjetischen Kinos cf. Dwight Macdonald, On Movies (New York: DaCapo, 1981), S. 181–265
Die ausgewählten Texte erschienen in den früheren Aufsatzsammlungen Memoirs of a Revolutionist (1957, 1971 unter dem Titel Politics Past neu herausgegeben), Discriminations (1972) und On Movies (1969; rpt. 1981)
Politics 2, Nr. 8 (August 1945):225; Enzo Traverso, Im Bann der Gewalt: Der europäische Bürgerkrieg, 1914–1945, übers. Michael Bayer (München: Siedler, 2008), S. 158
Simone Weil, »Die Ilias oder das Poem der Gewalt«, übers. Thomas Laugstien, in: Weil, Krieg und Gewalt: Essays und Aufzeichnungen (Zürich: Diaphanes, 2025), S. 161; Simone Weil, War and the Iliad, übers. Mary McCarthy (New York: New York Review Books, 2005), S. 3, zuerst erschienen in Politics, November 1945
John Summers, »Introduction: The Last of the Free Individuals«, in: Dwight Macdonald, Atrocities of the Mind: Essays on Violence and Politics in the American Century, hg. John Summers (Chicago: University of Chicago Press, 2026), S. 4–5
Dwight Macdonald, »Fascism and the American Scene« (New York: Pioneer Publishers, 1938), https://libcom.org/article/fascism-and-american-scene-dwight-macdonald, PDF-Datei, S. 3–29; Michael Joseph Roberto, The Coming of the American Behemoth: The Origins of Fascism in the United States, 1920–1940 (New York: Monthly Review Press, 2018), S. 13–14
Dwight Macdonald, »What is the Fascist State?«, New International 7, Nr. 2 (Februar 1941): 22–27; Macdonald, »Fascism – A New Social Order«, New International 7, Nr. 4 (Mai 1941): 82–85; Daniel Guérin, Sur le fascisme: La peste brune. Fascisme et grand capital (Paris: La Découverte, 2001); Ignazio Silone, Der Fascismus (Zürich: Europa-Verlag, 1934; rpt. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik, 1984); Trotzki, Brief an Albert Goldman, 9. August 1940, in: Trotzki, Œuvres, Bd. 24, S. 292
Macdonald, »A Report to the Readers«, Politics 5, Nr. 1 (Winter 1948): 58
Dwight Macdonald, »I Choose the West«, in: Macdonald, Atrocities of the Mind, S. 132
Macdonald, »Fascism and the American Scene«, S. 28
Enzo Traverso, Auschwitz denken: Die Intellektuellen und die Shoah, übers. Helmut Dahmer (Hamburg: Hamburger Edition, 2000), S. 304; Dwight Macdonald, »America! America!«, in: Macdonald, Atrocities of the Mind, S. 191–205
Traverso, Auschwitz denken, S. 326
Dwight Macdonald, »The Root is Man«, Politics 3, Nr. 4 (April 1946): 97–115, und Politics 3, Nr. 6 (Juli 1946): 194–214; in einer bearbeiteten Form online verfügbar: https://theanarchistlibrary.org/library/dwight-macdonald-the-root-is-man; zur Diskussion des Essays siehe Jörg Auberg, New Yorker Intellektuelle: Eine politisch-kulturelle Geschichte von Aufstieg und Niedergang, 1930–2020 (Bielefeld: transcript, 2022), S. 163–171
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