Die Masken des Genies

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Die Masken des Genies

Thomas Manns Exiljahre in Princeton und Kalifornien

von Jörg Auberg

In sei­ner Apho­ris­men­samm­lung Mini­ma Mora­lia insis­tier­te Theo­dor W. Ador­no, dass jeder Intel­lek­tu­el­le in der Emi­gra­ti­on aus­nahms­los beschä­digt sei und sich per­ma­nent die­ser Beschä­di­gung bewusst sein müs­se. »Er lebt in einer Umwelt, die ihm unver­ständ­lich blei­ben muß, auch wenn er sich in den Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen oder dem Auto­ver­kehr noch so gut aus­kennt; immer­zu ist er in der Irre.«1 In der neu­en Umge­bung hat­te der Emi­grant (wie Gün­ther Anders schrieb) »sein Lebens­mi­ni­mum zu erja­gen, als da sind: ein Bett, Arbeits­er­laub­nis, Geld, Essens­kar­ten, Schwarz­ar­beit, vor allem aber sei­ne (›Auf­ent­halts­er­laub­nis‹ genann­te) Lebens­er­laub­nis.«2

Der Autor als Flüchtling

Auch Tho­mas Mann gehör­te zu den Emi­gran­ten, den »Flücht­lin­gen«, dem »Club der Hit­ler-Ver­folg­ten«, wie Han­nah Are­ndt 1943 die zehn Jah­re zuvor aus Deutsch­land nach dem nazis­ti­schen »Take­over« Geflo­he­nen zu klas­si­fi­zie­ren such­te. »Von nun an sind ›Flücht­lin­ge‹ Men­schen, die das Pech hat­ten, mit­tel­los in einem neu­en Land anzu­kom­men und auf die Hil­fe der Flücht­lings­ko­mi­tees ange­wie­sen zu sein.«3 Der berühm­te, vom natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land ver­fem­te und ver­folg­te Autor der Bud­den­brooks und des Zau­ber­bergs muss­te nicht sein Lebens­mi­ni­mum erja­gen, son­dern wur­de als Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger von den kul­tu­rel­len Eli­ten hofiert. Zwi­schen den Jah­ren 1938 und 1940 finan­zier­te ihm die Rocke­fel­ler-Stif­tung einen Auf­ent­halt an der Eli­te-Uni­ver­si­tät Prince­ton, obgleich Mann in Deutsch­land es nicht ein­mal bis zum Abitur gebracht hat­te. Wäh­rend ande­re Emi­gran­ten am Ran­de des Exis­tenz­mi­ni­mums ihr Dasein fris­te­ten und sich in der »Gefäl­lig­keits­öko­no­mie« in den »wirt­schaft­lich extra­ter­ri­to­ria­len Ver­hält­nis­sen der Emi­gra­ti­on«4 (wie Ador­no die Exil­si­tua­ti­on beschrieb) ver­ding­ten, beweg­te sich Tho­mas Mann in einem eli­tä­ren Emi­gran­ten­zir­kel in Prince­ton (der Albert Ein­stein, Erich Kah­ler und Her­mann Broch ein­schloss), in dem sich die lite­ra­ri­sche Zele­bri­tät über das ste­ti­ge Über­le­ben in der frem­den Land­schaft (die für die meis­ten Emi­gran­ten – beob­ach­te­te Ador­no – nur den Hun­ger­tod oder den Wahn­sinn bereit hielt 5) kei­ne Gedan­ken machen musste.

In den Augen von US-ame­ri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len, die sich weder im »libe­ra­len« noch im »kom­mu­nis­ti­schen« Lager ver­or­ten las­sen woll­ten, reprä­sen­tier­te Tho­mas Mann im Zeit­al­ter des glo­ba­len Faschis­mus den moder­nen, anti­fa­schis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len jen­seits des orga­ni­sier­ten poli­ti­schen Anti­fa­schis­mus und sei­ner Slo­gan-Fabri­ka­tio­nen und ver­kör­per­te den euro­päi­schen »Huma­nis­mus im Exil«. Den Kräf­ten der Bar­ba­rei stel­le Tho­mas Mann den Künst­ler, den »Arche­typ des euro­päi­schen Men­schen, den Trä­ger der höchs­ten Tra­di­tio­nen und Leis­tun­gen der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on« ent­ge­gen, schrieb Wil­liam Phil­lips im Früh­jahr 1938 in der Zeit­schrift Par­ti­san Review.6 Para­do­xer­wei­se betrach­te Mann Kunst als Krank­heit: Die Patho­lo­gie der Kunst schlie­ße einen Glau­ben an die essen­zi­el­le Bar­ba­rei des Men­schen ein. Indem Mann die sozia­le Wis­sen­schaft in sei­nem Bild der euro­päi­schen Psy­che aus­blen­de und sich auf den Mythos zurück­zie­he, habe er sich von der moder­nen Exis­tenz abge­schnit­ten. In die­sem Sin­ne sei er eher ein meta­phy­si­scher denn ein geschicht­li­cher Zeit­ge­nos­se, resü­mier­te Phil­lips. Moral ohne Geschich­te, Kunst ohne Wis­sen­schaft, Kunst ohne Poli­tik zu ver­tei­di­gen, füh­re zu einer Ago­nie des indi­vi­du­el­len Gewis­sens, aber nicht zu einer gesell­schaft­li­chen Akti­on gegen die Usur­pa­ti­on der Bar­ba­rei. Wie ande­re Groß­meis­ter der Moder­ne (etwa James Joy­ce und Paul Valé­ry) habe Tho­mas Mann, argu­men­tier­te Wil­liam Troy in spä­te­ren Aus­ga­ben der Par­ti­san Review, den Mythos als Medi­um der lite­ra­ri­schen Ima­gi­na­ti­on instru­men­ta­li­siert, wäh­rend eine his­to­ri­sche Ana­ly­se der herr­schen­den Ver­hält­nis­se zuguns­ten eines sen­ti­men­ta­len Huma­nis­mus dis­pen­siert wird.7

Der Geist im Exil

Stanley Corngold: The Mind in Exile (Princeton University Press, 2022)
Stan­ley Corn­gold: The Mind in Exi­le (Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2022)

Dem Auf­ent­halt Tho­mas Manns in Prince­ton wid­met der eme­ri­tier­te Prince­ton-Ger­ma­nist Stan­ley Corn­gold sei­ne Mono­gra­fie The Mind in Exi­le. Als Quel­len die­nen ihm dabei neben den Tex­ten Tho­mas Manns vor allem die Aus­stel­lung Tho­mas Mann in Ame­ri­ka des Mar­ba­cher Lite­ra­tur­ar­chivs aus dem Jah­re 20188 sowie Hans Rudolf Vagets Stu­die Tho­mas Mann, der Ame­ri­ka­ner und Klaus Har­p­rechts groß ange­leg­te Tho­mas-Mann-Bio­gra­fie9. Das Buch bie­tet nicht neue Erkennt­nis­se, son­dern wen­det sich in ers­ter Linie an ein eng­lisch­spra­chi­ges Publi­kum, dem Manns Auf­sät­ze und Reden im Kon­text des anti­fa­schis­ti­schen Kamp­fes zu Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges in Über­set­zun­gen nahe gebracht wer­den sol­len, wobei jedoch vor einer ein­deu­ti­gen Über­tra­gung zurück­ge­schreckt wird und Alter­na­tiv­über­set­zun­gen in Paren­the­se hin­zu­ge­fügt wer­den. Zen­tra­le Bestand­tei­le von Corn­golds Dis­kus­si­on der Posi­ti­on des Intel­lek­tu­el­len Tho­mas Mann in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime in Deutsch­land sind die Auf­sät­ze »Lei­den an Deutsch­land«, »Maß und Wert«, »Bru­der Hit­ler«, »Ich bin Ame­ri­ka­ner«, »An die gesit­te­te Welt« und »Lob Ame­ri­kas«, in denen sich Manns poli­ti­sche Ent­wick­lung und Über­zeu­gun­gen im anti­fa­schis­ti­schen Kampf mani­fes­tier­ten.10

Die Pro­ble­ma­tik die­ser Mono­gra­fie liegt in ihrer unent­schie­de­nen »phi­lo­lo­gi­schen« Metho­dik: Ist der Anspruch, Manns poli­ti­sche Posi­tio­nen in Form sei­ner Auf­sät­ze und Reden aus den Jah­ren 1938 bis 1940 zu doku­men­tie­ren, oder sol­len sei­ne »Inter­ven­tio­nen« im his­to­ri­schen Kon­text der Aus­ein­an­der­set­zung demo­kra­ti­scher Struk­tu­ren mit auto­ri­tä­ren Herr­schafts­for­men dar­ge­stellt wer­den? Der Man­gel an Kri­tik lässt sich an der Dis­kus­si­on über Rol­le des pri­vi­le­gier­ten bür­ger­li­chen Intel­lek­tu­el­len fest­ma­chen, der Rat­schlä­ge zum rich­ti­gen poli­ti­schen Ver­hal­ten lie­fern möch­te, doch sei­ne eige­nen Posi­tio­nen (auch der Ver­gan­gen­heit) nie selbst­kri­tisch reflek­tier­te. In sei­ner »ame­ri­ka­ni­schen« Peri­ode pro­pa­gier­te Mann die Demo­kra­tie als Lebens­form und zehr­te – wie Vaget schrieb – von sei­ner »Repu­ta­ti­on als tadel­lo­ser Demo­krat und Hit­ler-Geg­ner«11, schwieg sich jedoch über sei­ne mili­ta­ris­ti­sche Pro­pa­gan­da zu Zei­ten des Ers­ten Welt­krie­ges aus. In die­sem Kon­text war es nicht ganz abwe­gig, dass der Autor der Studs Lonig­an-Tri­lo­gie, der Schrift­stel­ler James T. Far­rell (der bei Vaget als »beken­nen­der Trotz­kist« fir­miert, wäh­rend ihn Har­precht als den Typus eines »kon­ser­va­ti­ven Man­nes iri­scher Her­kunft« klas­si­fi­zier­te12) es ablehn­te, den von Mann ver­fass­ten anti­fa­schis­ti­schen Auf­ruf »An die gesit­te­te Welt« zu unter­schrei­ben unter Hin­weis auf des­sen Ver­gan­gen­heit als Geg­ner der Demo­kra­tie.13 Dar­über hin­aus argu­men­tier­te Far­rell, dass der Faschis­mus nicht durch den »Geist« besiegt wer­den kön­ne, son­dern allein durch mate­ri­el­le Gewalt: Er sei, gab Far­rell zu Pro­to­koll, kein reli­giö­ser oder mys­ti­scher Mensch und kön­ne kein Mani­fest unter­zeich­nen, das sich an Gott und den Geist wen­de.14

Einen Groß­teil des Buches (nahe­zu 120 Sei­ten) nimmt das mit »Reflec­tions of a Poli­ti­cal Man« über­schrie­be­ne Kapi­tel ein, mit dem Corn­gold auf Tho­mas Manns poli­ti­sche Gegen­ent­wick­lung in Bezug auf sei­nen Essay »Betrach­tun­gen eines Unpo­li­ti­schen« the­ma­ti­siert, der in der Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges ent­stand und spä­ter von deutsch­na­tio­na­len und anti­de­mo­kra­ti­schen Kräf­ten in der frü­hen Wei­ma­rer Repu­blik gefei­ert wur­de. In den Augen Georg Lukàcs’ voll­zog Mann nach dem Krieg nicht allein »sei­ne wirk­li­che Wen­dung in demo­kra­ti­scher Rich­tung«, son­dern über­nahm »sei­ne Skep­sis der west­li­chen bür­ger­li­chen Demo­kra­tie gegen­über« in sein krea­ti­ves Schaf­fen, bei­spiels­wei­se in die »dia­lek­ti­schen Strei­tig­kei­ten Naphtha’s und Settembrini’s«15 im Roman Der Zau­ber­berg. Ent­ge­gen der simp­len Wahr­neh­mung Far­rells hob Lukàcs »die iro­ni­sche Kri­tik der typi­schen Bor­niert­heit der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie, ihrer völ­li­gen Unfä­hig­keit, die grund­le­gen­den, die sozia­len Fra­gen der moder­nen Gesell­schaft« in Manns Roman her­vor, in dem die gemä­ßig­te Pro­gres­si­vi­tät Settem­bri­nis sich im Wett­streit mit Naph­tas mys­ti­fi­zie­ren Prä­fa­schis­mus und Hans Cas­torps apo­li­ti­scher Träg­heit befand.16

In sei­nen Reden und Auf­sät­zen ent­warf Tho­mas Mann ein Bild von der Demo­kra­tie als Lebens­form und Anti­dot gegen die toxi­schen Kräf­te von Faschis­mus, Auto­ri­ta­ris­mus und Anti­se­mi­tis­mus. Dabei ver­klär­te er »Ame­ri­ka« zur mythi­schen Heim­statt der Demo­kra­tie und Eman­zi­pa­ti­on. »Die Demo­kra­tie kann und wird tri­um­phie­ren«, war er sich 1940 sicher. »Es bestün­de kei­ne Hoff­nung für Euro­pa, wenn es als Ergeb­nis die­ses Krie­ges nicht zu einer Demo­kra­tie der frei­en Völ­ker käme, die ein jedes dem ande­ren ver­ant­wort­lich sind – einer euro­päi­schen Föde­ra­ti­on.« In einer ver­las­se­nen und ver­wahr­los­ten Welt sah Mann die Auf­ga­be »Ame­ri­kas«, sich als »Bewah­rer eines Glau­bens, der sich als gesund und zuver­läs­sig und abso­lut not­wen­dig für das mensch­li­che Leben und den Glau­ben an Güte, Frei­heit und Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Frei­heit« erwie­sen habe, ein­zu­set­zen. »Nur so besteht Hoff­nung für die Welt.«17

Nicht nur Tho­mas Manns Wort­wahl in die­sen Tex­ten mutet frag­wür­dig an, wenn er auf Sitt­lich­keit, Glau­ben und Güte, Gesin­nung und Prak­ti­zis­mus rekur­riert und durch­weg posi­tiv die puri­ta­ni­sche His­to­rie der Ent­wick­lung der USA als Fun­da­ment für den »prak­ti­schen Tat­sa­chen­geist« und den »ame­ri­ka­ni­schen Cha­rak­ter« beschreibt.18 Vor allem berück­sich­tig­te er nicht die anti­de­mo­kra­ti­schen Ten­den­zen in der US-ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te und Gesell­schaft, die kei­nes­wegs durch den »Glau­ben an Güte, Frei­heit und Wahr­heit, Gerech­tig­keit und Frei­heit« geprägt waren. In den 1930er Jah­ren hat­te in den USA immer noch Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus einen hohen Stel­len­wert und präg­ten das all­täg­li­che Leben (an Eli­te­uni­ver­si­tä­ten wie der Colum­bia Uni­ver­si­ty in New York wur­den jüdi­sche Stu­den­ten bis zum Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges nicht zuge­las­sen, und christ­li­che Agi­ta­to­ren ver­brei­te­ten über den Rund­funk ihre faschis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Hass­ti­ra­den).19 In den USA ver­brei­te­te sich der Faschis­mus nicht in den Auf­mär­schen von Braun­hem­den, son­dern unter dem Deck­man­tel des »wah­ren Ame­ri­ka­nis­mus«: Der Auto­ri­ta­ris­mus rekla­mier­te für sich »Frei­heit« und »Demo­kra­tie«, um sie ulti­ma­tiv abzu­schaf­fen.20

Vom akademischen ins künstlerische Exil

In Prince­ton fühl­te sich Tho­mas Mann nie wohl. »Die­se aka­de­mi­sche Situa­ti­on hat ihn befrem­det – dass er da immer im schwar­zen Talar auf­tre­ten muss­te«, sag­te sein Enkel Fri­do Mann. »Er war kein Aka­de­mi­ker, er war Künst­ler.«21 Im März 1941 ver­lie­ßen die Manns Prince­ton, um nach Paci­fic Pali­sa­des in Kali­for­ni­en zu zie­hen, wo Tho­mas Mann sein gro­ßes Roman­pro­jekt Dok­tor Faus­tus aus­zu­ar­bei­ten begann, in dem sich die Ent­fes­se­lung eines künst­le­ri­schen Genies und die Apo­ka­lyp­se eines Vol­kes ver­schränk­ten. Manns Oppo­si­ti­on gegen die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Herr­schaft mani­fes­tier­te sich nicht an ihrer Ver­an­ke­rung in den Struk­tu­ren des Groß­ka­pi­tals. Der in der eli­mi­na­to­ri­schen Ver­fol­gung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung: Noch im Mai 1933 äußer­te er im Rah­men eines bür­ger­li­chen Ras­sis­mus Ver­ständ­nis für den »Auf­stand gegen das jüdi­sche Ele­ment«, das Kon­trol­le über das »deut­sche Ele­ment« aus­übe.22

Thomas Mann: Doktor Faustus (Erstausgabe 1947)
Tho­mas Mann: Dok­tor Faus­tus (Erst­aus­ga­be 1947)

Auch mehr als ein Jahr­zehnt spä­ter sprach sich der schrei­ben­de Künst­ler frei von Schuld. »Aber Deutsch­land ist, nach dem Wil­len jener Böse­wich­te, so bis in den Grund zer­stört«, heißt es am Ende von Dok­tor Faus­tus, »daß man nicht zu hof­fen wagt, es möch­te zu irgend­wel­cher kul­tu­rel­len Akti­vi­tät, zur Her­stel­lung eines Buches auch nur, so bald wie­der fähig sein, und tat­säch­lich habe ich dann und wann schon auf Mit­tel und Wege geson­nen, die­se Blät­ter nach Ame­ri­ka gelan­gen zu las­sen, damit sie vor­erst ein­mal der dor­ti­gen Mensch­heit in eng­li­scher Über­set­zung vor­ge­legt wer­den.«23 Der Flücht­ling aus dem dunk­len, von »Böse­wich­ten« in Schutt und Asche geleg­ten Deutsch­land ver­klär­te »Ame­ri­ka« zur »Hei­mat der frei­heit­li­chen Prin­zi­pi­en«, zum neu­en Ort der Erret­tung vor den apo­ka­lyp­ti­schen Dämo­nen, zum ede­ni­schen Gar­ten des Her­ren, in dem die »Mischung aus christ­li­cher Gesin­nung und prak­ti­scher Macht« als Erbe der star­ken puri­ta­ni­schen Ursprün­ge die Mensch­heit vor dem Unter­gang bewahrt wer­de.24 wie Tobi­as Boes bemerkt, ver­söhn­te Dok­tor Faus­tus zwei essen­zi­ell getrenn­te Lebens­strän­ge in der Exis­tenz Tho­mas Manns: den des abge­ho­be­nen Autors einer for­dern­den Lite­ra­tur, die schein­bar kei­nen Bezug zu den poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Gegen­wart auf­wies, und den des »mili­tan­ten« öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len in Ame­ri­ka, der dezi­diert Stel­lung im Kampf gegen den Faschis­mus bezog.25

Die kalifornische Ideologie

Der Ort, an dem Dok­tor Faus­tus in den Jah­ren zwi­schen 1943 und 1947 ent­stand, war ein Ort am »vor­läu­fi­gen Rand der Din­ge«26 (wie Ror Wolf die Ter­ri­to­ri­en jen­seits der offen­sicht­li­chen gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät nann­te). Das »Tho­mas-Mann-Haus« am San Nemo Dri­ve 1550 im »Rivie­ra-Distrikt« Paci­fic Pali­sa­des in Los Ange­les wur­de zwi­schen Janu­ar 1941 und Febru­ar 1942 für 30.000 US-Dol­lar erbaut, die Tho­mas Mann über sei­ne Posi­ti­on als »Con­sul­tant in Ger­ma­nic Lite­ra­tu­re« an der Libra­ry of Con­gress, sei­ne lukra­ti­ve Vor­trags­tä­tig­keit und die Unter­stüt­zung sei­ner Gön­ne­rin und Mit­in­ha­be­rin der Washing­ton Post, Agnes E. Mey­er, finan­zier­te.27 Für vie­le Schrift­stel­ler jener Zeit (wie Wil­liam Faul­k­ner, F. Scott Fitz­ge­rald, Natha­na­el West, Ray­mond Chand­ler oder John Fan­te) war Los Ange­les mit sei­ner Film­me­tro­po­le Hol­ly­wood ein »Honey­pot«, der zahl­lo­se Talen­te anlock­te und zumeist im Ver­der­ben enden ließ.28.

Erstausgabe von Carey McWilliams' Southern California Country
Erst­aus­ga­be von Carey McWil­liams’ Sou­thern Cali­for­nia Country

In einer frü­hen Stu­die der Stadt schrieb Carey McWil­liams, der spä­te­re Her­aus­ge­ber der links­li­be­ra­len New Yor­ker Wochen­zeit­schrift The Nati­on: »Los Ange­les ist die Haupt­stadt aller Ter­mi­ten in Ame­ri­ka, ein Ort, wo die gie­ri­gen, lär­men­den klei­nen Mons­ter end­los die fau­len­den Ver­zim­me­run­gen bil­lig und schä­big gebau­ter Häu­ser ver­zeh­ren.«29 Die Stadt chan­gier­te – wie Mike Davis in sei­ner Stu­die City of Quartz schrieb – zwi­schen Son­nen­schein und Dun­kel­heit, war eine »Gobi der Vor­or­te« und zugleich die »Kris­tall­ku­gel der Zukunft des Kapi­ta­lis­mus« im Ange­sicht der Ago­nie der euro­päi­schen Auf­klä­rung.30 McWil­liams, den sein Bio­graf Peter Richard­son als »ame­ri­ka­ni­schen Pro­phe­ten« titu­lier­te31 beschrieb in sei­nem Por­trät Süd­ka­li­for­ni­ens die Dia­lek­tik von Uto­pie und Dys­to­pie des »halb­tro­pi­schen« Ter­ri­to­ri­ums im Wes­ten, in dem nicht allein durch die Geschich­te sozia­le und eth­ni­sche Kon­flik­te immer wie­der erup­tier­ten, son­dern auch Vor­stel­lun­gen eines neu­en gelob­ten Lan­des vor­herrsch­ten, wobei die bestehen­den natür­li­chen Ver­hält­nis­se im Inter­es­se der »Usur­pa­to­ren« umge­stal­tet wer­den muss­ten, vor allem im Bereich der Was­ser- und Ener­gie­ver­sor­gung. In einem Kapi­tel wies McWil­liams auf die kli­ma­to­lo­gi­sche Pro­ble­ma­tik der kali­for­ni­schen Lebens­wei­se hin, die Pflan­zen ohne Geruch und Vögel ohne Gesang pro­du­zier­te, um eine unge­stör­te Exis­tenz unter der Son­ne füh­ren zu kön­nen.32 Sym­pto­ma­tisch beschrieb der dahin­sie­chen­de Gene­ral Stern­wood im mor­bi­den Kli­ma Kali­for­ni­ens in Ray­mond Chand­lers The Big Sleep den Geruch von Orchi­deen mit der »fau­li­gen Süße« von Pro­sti­tu­ier­ten.33

Die »kali­for­ni­sche Ideo­lo­gie« war – wie McKen­zie Wark bemerk­te – der kapi­ta­lis­ti­sche Gegen­ent­wurf zur sowje­ti­schen Uto­pie jener Zeit.34 »Kom­mu­nis­mus ist«, pos­tu­lier­te Andrej Pla­to­now 1924, »die Umset­zung kon­kre­ter Plä­ne: der Elek­tri­fi­zie­rung und der all­ge­mei­nen Indus­tria­li­sie­rung der Pro­duk­ti­on und der Land­wirt­schaft sowie der Über­win­dung der Wüs­te durch Bewäs­se­rung. Der Kampf gegen die Dür­re ist Teil der Über­win­dung der Wüs­te.«35 Die »kali­for­ni­sche Ideo­lo­gie« ver­folg­te ein ähn­li­ches Ziel, wie McWil­liams in sei­nem Buch über Süd­ka­li­for­ni­en dar­leg­te und spä­ter der von McWil­liams inspi­rier­te Neo-Noir-Klas­si­ker Chi­na­town (1974) in einer ein­drucks­vol­len Erzäh­lung ins kol­lek­ti­ve Gedächt­nis schrieb: Los Ange­les war eine per­ma­nen­te Boom­town ohne Geschich­te, in der alles im Fluss war, nichts Bestand hat­te, ein ubi­qui­tä­rer Waren­um­schlag­platz war, in der Men­schen, Struk­tu­ren, Pro­duk­te und Umwelt in einem destruk­ti­ven Aus­tausch­pro­zess der Belie­big­keit und dem Ver­ges­sen über­ant­wor­tet wur­den.36

»Goethe in Hollywood«

Als sich Tho­mas Mann mit sei­ner Fami­lie in Los Ange­les nie­der­ließ, wid­me­te ihm die Jour­na­lis­tin Janet Flan­ner in den vor­weih­nacht­li­chen Aus­ga­ben des New Yor­ker des Jah­res 1941 ein groß­an­ge­leg­tes Por­trät unter dem iro­nisch kon­no­tier­ten Titel »Goe­the in Hol­ly­wood«, wobei sie wie Far­rell den Fin­ger in die Wun­de der Ver­gan­gen­heit leg­te. Die Tat­sa­che, dass Tho­mas Mann heu­te ein poli­ti­scher Flücht­ling sei und er »in unse­rer Demo­kra­tie« im Exil lebe, stel­le ein erhel­len­des Para­dox in die­sem Krieg dar, habe er doch noch 1918 als »Elfen­bein-Ästhet« die Demo­kra­tie und das poli­ti­sche Enga­ge­ment ver­ach­tet. Nun lei­de er als »Emi­grant« unter den Fol­gen des deut­schen Mili­ta­ris­mus, den er in Zei­ten des Ers­ten Welt­krie­ges und danach gut­ge­hei­ßen habe. Er habe »exakt« 23 Jah­re für sei­ne »ideo­lo­gi­sche Meta­mor­pho­se« gebraucht, um der »mili­tan­te Libe­ra­le und abgrund­tie­fe Has­ser der deut­schen Vor­stel­lung der ras­si­schen Vor­herr­schaft« zu wer­den, der er nun sei. Obgleich Hol­ly­wood gegen­wär­tig das Zen­trum der deut­schen Emi­gran­ten dar­stel­le, habe sich Mann nicht aus gesell­schaft­li­chen Beweg­grün­den für die­sen Ort ent­schie­den. Offen­bar hat­te er – schrieb Flan­ner – mit der Idee gespielt, einen Hol­ly­wood-Roman in Ana­lo­gie zum Zau­ber­berg zu schrei­ben, und dar­auf gehofft, sei­ne Tri­lo­gie Joseph und sei­ne Brü­der an ein Hol­ly­wood-Stu­dio ver­kau­fen zu kön­nen. Dies zer­schlug sich jedoch, weil die Stu­dio­ver­ant­wort­li­chen der Mei­nung waren, dass allein ein D. W. Grif­fith auf dem Höhe­punkt sei­ner Schaf­fens­kraft solch ein Pro­jekt hät­te umset­zen kön­nen. Trotz allem neh­me Tho­mas Mann eine ein­zig­ar­ti­ge, nahe­zu legen­dä­re Posi­ti­on ein, die ihn über alle ande­ren deut­schen Emi­gran­ten und Emi­gran­tin­nen erhe­be und ihm eine sym­bo­li­sche Emi­nenz in den gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen siche­re.37

Thomas Mann's Los Angeles (Angel City Press, 2022)
Tho­mas Mann’s Los Ange­les (Angel City Press, 2022)

In dem von Niko­lai Blau­mer und Ben­no Herz her­aus­ge­ge­be­nen Band Tho­mas Mann’s Los Ange­les rekur­riert Blau­mer in sei­nem Vor­wort »The Mann Fami­ly and Their Path to Cali­for­nia« (das iro­nisch auf John Stein­becks Roman The Gra­pes of Wrath und den Exodus der von den Ver­wer­fun­gen der »Gro­ßen Depres­si­on« aus ihrer Hei­mat im von Dür­re und Finanz­ka­pi­tal heim­ge­such­ten Okla­ho­ma ver­trie­be­nen Fami­lie Joad ins vor­geb­lich gelob­te Land Kali­for­ni­en anspielt) auf den Flan­ner-Text, in dem Tho­mas Mann als »lite­ra­ri­scher Groß­meis­ter« vor­ge­führt wird, der sich an der US-ame­ri­ka­ni­schen Pazi­fik­küs­te an den deut­schen Lebens­stil klam­me­re.38 Auch wenn Flan­ner Tho­mas Mann als spä­te Inkar­na­ti­on Goe­thes im Zen­trum der moder­nen Mas­sen­kul­tur beschrieb, war der deut­sche Nobel­preis­trä­ger zwar noch der stei­fe Reprä­sen­tant einer »teu­to­ni­schen Gene­ra­ti­on«, aber trotz aller Pro­mi­nenz in der deut­schen Emi­gran­ten­kul­tur weni­ger ein »Geis­tes­fürst« denn des­sen »Ersatz«: ein »Groß­schrift­stel­ler« (wie Robert Musil in sei­nem Roman Der Mann ohne Eigen­schaf­ten schrieb): »Er ist eine beson­de­re Form der Ver­bin­dung des Geis­tes mit gro­ßen Din­gen.«39

Thomas Mann und seine Familie am Strand (© Thomas-Mann-Archiv/ETH-Bibliothek Zürich)
Tho­mas Mann und sei­ne Fami­lie am Strand (© Tho­mas-Mann-Archi­v/ETH-Biblio­thek Zürich)

Anhand von Stadt­plä­nen zeich­net der Band eine struk­tu­rel­le und intel­lek­tu­ell-künst­le­ri­sche Geo­gra­fie der deut­schen Emi­gran­ten­ge­mein­de in Los Ange­les – von der Fami­lie der Manns als Fokus der »öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len« im Kampf gegen den deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus (den Klaus und Eri­ka Mann früh in den 1930er Jah­ren for­ciert hat­ten und zu dem sich ihr Vater erst spät über­wand) über Kanä­le des Exils und der Unter­stüt­zung unter den Emi­gran­ten und Emi­gran­tin­nen wie dem »Euro­pean Film Fund« und das exi­lier­te Frank­fur­ter Insti­tut für Sozi­al­for­schung, die laby­rin­thi­schen Unter­neh­mun­gen in fil­mi­schen, künst­le­ri­schen und musi­ka­li­schen Berei­chen. Dar­über hin­aus rich­ten die Her­aus­ge­ber den Blick auf einen sich rasch ver­än­dern­den urba­nen Kon­text, in dem sich Los Ange­les mit sei­ner Stadt­pla­nung räum­lich und ästhe­tisch auf die »spät-« oder »post­mo­der­nen« Erfor­der­nis­se der glo­ba­li­sier­ten Nach­kriegs­ge­sell­schaft ein­zu­rich­ten ver­such­te, wie es Fred­ric Jame­son – in Anleh­nung an die Kri­ti­sche Theo­rie – in sei­nem Klas­si­ker Post­mo­der­nism or The Cul­tu­ral Logic of Late Capi­ta­lism (1984) sezier­te.40

Wie vie­le in der »com­mu­ni­ty« der deut­schen Emi­gran­ten und Emi­gran­tin­nen präg­te auch Tho­mas Mann nicht der Gemein­sinn, son­dern eher die Vor­stel­lung des Ein­zi­gen und sei­nes Eigen­tums im Sin­ne Max Stir­ners. Wie David Jene­mann in sei­nem Bei­trag über Tho­mas Manns Nach­bar Max Hork­hei­mer fest­stellt, war Mann kei­nes­wegs dank­bar, dass Hork­hei­mer den Kon­takt zu sei­nem Mit­ar­bei­ter Theo­dor W. Ador­no her­stell­te, der einen ent­schei­den­den Bei­trag zur Ent­ste­hung des Dok­tor Faus­tus lie­fer­te.41 Schon im März 1940 in Prince­ton notier­te Mann: »Lek­tü­re in Hork­hei­mers arro­gan­ter Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung«42. In Kali­for­ni­en stei­ger­te sich die Aver­si­on gegen den »Chef« der »Frank­fur­ter«, als Mann sich bei einem Sturz auf einer locke­ren Trep­pen­stu­fe des Nach­bar­hau­ses das Schlüs­sel­bein brach. Wäh­rend die Welt auf den Abgrund zusteu­er­te, erreg­te sich der gestürz­te »Groß­schrift­stel­ler« im Exil über den Unbill des All­täg­li­chen.43

Thomas Blubacher: Weimar unter Palmen - Pacific Palisades (Piper, 2022)
Tho­mas Blub­a­cher: Wei­mar unter Pal­men — Paci­fic Pali­sa­des (Piper, 2022)

Wäh­rend sich der Band Tho­mas Mann’s Los Ange­les durch sei­ne mul­ti­per­spek­ti­vi­schen und viel­schich­ti­gen Sicht­wei­sen sei­ner Autoren und Autorin­nen aus­zeich­net, wählt der Schwei­zer Autor Tho­mas Blub­a­cher in sei­nem Buch Wei­mar unter Pal­men – Paci­fic Pali­sa­des das Mus­ter einer tra­di­tio­nel­len Erzähl­wei­se, mit der er die Geschich­te des Stadt­vier­tels Paci­fic Pali­sa­des von einer Enkla­ve der auf­kom­men­den Film­in­dus­trie zu einer »gated com­mu­ni­ty« der Pri­vi­le­gier­ten der Kul­tur­in­dus­trie beschreibt. Neben den frü­hen euro­päi­schen, in der neu­en US-ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­me­tro­po­le reüs­sie­ren­den »Exi­lan­ten« wie Ernst Lubit­sch, F. W. Mur­nau oder Erich von Stro­heim kamen nach dem Tri­umph des Natio­nal­so­zia­lis­mus auch Autoren wie Tho­mas Mann und Lion Feucht­wan­ger nach Los Ange­les. In Blub­a­chers Erzäh­lung »erwies sich Mann ein­mal mehr als hoch­se­ni­bler, anspruchs­vol­ler und leicht zu krän­ken­der Schön­geist«.44 In sei­nem Buch zeich­net Blub­a­cher die öko­no­mi­schen und gesell­schaft­li­chen Front­ver­läu­fe zwi­schen den ver­schie­de­nen Emi­gran­ten­struk­tu­ren – von Auf- und Abstei­gern in der US-ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­in­dus­trie – als auch die Ver­wer­fun­gen unter den deut­schen Emi­gran­ten (wie Ber­tolt Brecht, Lion Feucht­wan­ger und Tho­mas Mann) nach, die sich mit Klatsch und Tratsch auf poli­ti­scher Betriebs­tem­pe­ra­tur hiel­ten, ehe die anti­kom­mu­nis­ti­schen Ver­hält­nis­se im Ame­ri­ka des Kal­ten Krie­ges sie zurück nach Euro­pa trieben.

Inszenierung und Erkenntnis

Thomas Mann: Ein Schriftsteller setzt sich in Szene (wbg Theiss, 2021)
Tho­mas Mann: Ein Schrift­stel­ler setzt sich in Sze­ne (wbg Theiss, 2021)

Sieben Jah­re nach dem Tod Tho­mas Manns schrieb Theo­dor W. Ador­no 1962 in der Zeit­schrift Neue Rund­schau über Manns Pra­xis und Auf­he­bung der »Ver­stel­lung« des »Bür­gers« als Künst­ler und Genie: »Scham über die Selbst­set­zung des Künst­lers, des Genies, als das er sich dra­piert, nötigt den Künst­ler, der eines Rests von Dra­pe­rie nie ganz ledig wird, so gut es geht sich zu ver­ste­cken. Weil der Geni­us zur Mas­ke gewor­den ist, muß der Geni­us sich mas­kie­ren.«45 Wäh­rend sich Mar­cel Proust und Franz Kaf­ka als Ope­ret­ten­dan­dy oder Ver­si­che­rungs­an­ge­stell­ter insze­nier­ten, wähl­te Mann die Mas­ke des Groß­schrift­stel­lers, in deren Pose der Autor den Teil sei­ner Per­son posi­tio­nier­te, den er der Öffent­lich­keit zugäng­lich machen woll­te. Wie Rüdi­ger Gör­ner und Kal­tëri­na Lati­fi in ihrem opu­len­ten Band Tho­mas Mann: Ein Schrift­stel­ler setzt sich in Sze­ne unter­strei­chen, war »Tho­mas Mann« ein Kon­strukt: »die­ses durch und durch nar­ziss­tisch ver­an­lag­te Phä­no­men unter den Welt­au­to­ren der Moder­ne«46, der im insze­nier­ten Auf­tre­ten bür­ger­li­che Serio­si­tät und Ent­schie­den­heit für das Enga­ge­ment im Kampf gegen den Faschis­mus mit distin­gu­ier­ter Ele­ganz des Autors im Biblio­theks­am­bi­en­te mit Glo­bus und Cin­za­no (zuzüg­lich Zigar­re) ver­knüpf­te. Trotz aller Vor­wür­fe der »Ver­stel­lung« und der »Deka­denz« nahm Ador­no Tho­mas Mann gegen die Anwür­fe der Expo­nen­ten der »inne­ren Emi­gra­ti­on« wie Frank Thiess in Schutz, nach deren Wor­ten Emi­gran­ten die »deut­sche Tra­gö­die« von den »Logen und Par­terre­plät­zen des Aus­lands« ange­schaut hät­ten.47 »Im Nach­bild der Erin­ne­rung gewinnt sein eige­nes Gesicht etwas Pier­rot­haf­tes«, schrieb Ador­no in Bezug auf Tho­mas Manns Arbeits­zim­mer in Paci­fic Pali­sa­des, wo ein Bild der jun­gen Eri­ka Mann im Bajaz­zo-Kos­tüm auf dem Regal stand48 »Sei­ne Koket­te­rie war wohl nichts ande­res als ein Stück unver­mit­tel­ten und unbe­zwing­li­chen mime­ti­schen Ver­mö­gens.«49 Mime­sis war eine zen­tra­le Kate­go­rie in Ador­nos Spät­werk Ästhe­ti­sche Theo­rie und bezeich­ne­te die »nega­tiv reflek­tie­ren­de Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der rea­len Nega­ti­vi­tät des gesell­schaft­li­chen Zustands«50. Am Ende gab sich Tho­mas Mann nicht der Deka­denz hin, son­dern enga­gier­te sich für eine reflek­tier­te Huma­ni­tät, wel­che die deut­schen Reprä­sen­tan­ten der »inne­ren Emi­gra­ti­on« nie verstanden.

© Jörg Auberg 2022

Bibliografische Angaben:

Stan­ley Corngold.
The Mind in Exile:
Tho­mas Mann in Princeton.
Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2022.
280 Sei­ten, 35 US-$.
ISBN: 978–0‑69120–164‑1.

Tho­mas Mann’s Los Angeles:
Sto­ries from Exi­le 1940–1952.
Her­aus­ge­ge­ben von Niko­lai Blau­mer and Ben­no Herz.
Illus­tra­tio­nen von Jon Stich.
Los Ange­les: Angel City Press, 2022.
208 Sei­ten, 175 Abbil­dun­gen, 40 US-$.
ISBN: 978–1‑62640–112‑9.

Tho­mas Blubacher.
Wei­mar unter Pal­men – Paci­fic Palisades:
Die Erfin­dung Hol­ly­woods und das Erbe des Exils.
Mün­chen: Piper, 2022.
272 Sei­ten, 24 Euro.
ISBN: 978–3‑492–07207‑6.

Tho­mas Mann: Ein Schrift­stel­ler setzt sich in Szene.
Her­aus­ge­ge­ben von Rüdi­ger Gör­ner und Kal­tëri­na Latifi.
Darm­stadt: wbg Theiss, 2021.
272 Sei­ten, 200 Abbil­dun­gen, 60 Euro.
ISBN: 978–3‑8062–4247‑8.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Cover The Mind in Exile © Prince­ton Uni­ver­si­ty Press
Cover Dok­tor Faustus © Ber­mann-Fischer Verlag/Foto © H.-P. Haack/Wikipedia
Cover Sou­thern Cali­for­nia Country
© Ame­ri­can Folkways
Cover Tho­mas Mann’s Los Angeles
© Angel City Press
Foto Fami­lie Mann am Strand
© Tho­mas-Mann-Archi­v/ETH-Biblio­thek Zürich
Cover Wei­mar unter Pal­men – Paci­fic Palisades
© Piper Verlag
Cover Tho­mas Mann: Ein Schrift­stel­ler setzt sich in Szene
© wbg Theiss
 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 
 
 

 

Nachweise

  1. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 32
  2. Gün­ther Anders, Der Emi­grant (1962; rpt. Mün­chen: C. H. Beck, 2021), S. 37
  3. Han­nah Are­ndt, »Wir Flücht­lin­ge« (1943); rpt. Han­nah Are­ndt, Wir Juden: Schrif­ten 1932 bis 1966, hg. Marie Lui­se Knott und Ursu­la Ludz (Mün­chen: Piper, 2019), S. 37
  4. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 33
  5. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 34
  6. Wil­liam Phil­lips, »Tho­mas Mann: Huma­nism in Exi­le«, Par­ti­san Review, 4, Nr. 6 (Mai 1938):5
  7. Phil­lips, »Tho­mas Mann: Huma­nism in Exi­le«, S. 8, 10; Wil­liam Troy, »Tho­mas Mann: Myth and Reason«, zuerst erschie­nen in Par­ti­san Review, 5, Nr. 1 und Nr. 2 (1938), rpt. in: Wil­liam Troy, Sel­ec­ted Essays, hg. Stan­ley Edgar Hyman (New Bruns­wick, NJ: Rut­gers Uni­ver­si­ty Press, 1967), S. 213–247; sie­he auch zur Dis­kus­si­on um Tho­mas Mann in der Par­ti­san Review: Ter­ry A. Coo­ney, The Rise of the New York Intellec­tu­als: Par­ti­san Review and Its Cir­cle, 1934–1945 (Madi­son: Uni­ver­si­ty of Wis­con­sin Press, 1986), S. 153–160
  8. Tho­mas Mann in Ame­ri­ka, hg. Ulrich Raulff und Ellen Stritt­mat­ter, Mar­ba­cher Maga­zin, Nr. 163–164 (Mar­bach: Deut­sche Schil­ler­ge­sell­schaft, 2018)
  9. Hans Rudolf Vaget, Tho­mas Mann, der Ame­ri­ka­ner: Leben und Werk im ame­ri­ka­ni­schen Exil, 1938–1952 (Frankfurt/Main: Fischer, 2011), und Klaus Har­precht, Tho­mas Mann: Eine Bio­gra­phie, 2 Bän­de (Rein­bek: Rowohlt, 1996)
  10. Cf. Tho­mas Mann, An die gesit­te­te Welt: Poli­ti­sche Schrif­ten und Reden im Exil, hg. Han­no Helb­ling (Frankfurt/Main: Fischer, 1986)
  11. Vaget, Tho­mas Mann, der Ame­ri­ka­ner, S. 309
  12. Vaget, Tho­mas Mann, der Ame­ri­ka­ner, S. 309; Har­precht, Tho­mas Mann: Eine Bio­gra­phie, S. 1046
  13. Vaget, Tho­mas Mann, der Ame­ri­ka­ner, S. 387
  14. Stan­ley Corn­gold, The Mind in Exi­le: Tho­mas Mann in Prince­ton (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2022), S. 62
  15. Tho­mas Mann, Tage­bü­cher 1940–1943, hg. Peter de Men­dels­sohn (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 64
  16. Georg Lukàcs, Die Zer­stö­rung der Ver­nunft (Bie­le­feld: Ais­the­sis Ver­lag, 2022), S. 66; Corn­gold, The Mind in Exi­le, S. xiii
  17. Tho­mas Mann, »Ich bin Ame­ri­ka­ner«, in: Mann, An die gesit­te­te Welt, S. 393
  18. Tho­mas Mann, »Ich bin Ame­ri­ka­ner«, S. 392
  19. Cf. Leo Löwen­thal und Nor­bert Guter­man, Pro­phe­ts of Deceit: A Stu­dy in the Tech­ni­ques of the Ame­ri­can Agi­ta­tor (1949; rpt. Lon­don: Ver­so, 2021)
  20. Micha­el Joseph Rober­to, The Coming of the Ame­ri­can Behe­mo­th: The Ori­g­ins of Fascism in the United Sta­tes, 1920–1940 (New York: Month­ly Review Press, 2018), S. 13–14
  21. Jan Bür­ger, »›Er war kein Aka­de­mi­ker, er war Künst­ler‹: Ein Gespräch mit dem Schrift­stel­ler Fri­do Mann über sei­ne Groß­el­tern und ihr Leben am Pazi­fik«, in: Tho­mas Mann in Ame­ri­ka, S. 19
  22. Robert Schwartz­wald, Ein­lei­tung zu: Dani­el Gué­rin, The Brown Pla­gue: Tra­vels in Late Wei­mar and Ear­ly Nazi Ger­ma­ny (Dur­ham: Duke Uni­ver­si­ty Press, 1994), S. 29–30; sie­he auch Dani­el Gué­rin, Sur le Fascis­me: La peste bru­ne – Fascis­me et grand capi­tal (Paris: La Décou­ver­te, 2001)
  23. Tho­mas Mann, Dok­tor Faus­tus: Das Leben des deut­schen Ton­set­zers Adri­an Lever­kühn erzählt von einem Freun­de (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1974), S. 668
  24. Sacvan Ber­co­vitch, The Ame­ri­can Jere­mi­ad (Madi­son: Uni­ver­si­ty of Wis­con­sin Press, 1978), S. 111–113; Tho­mas Mann, »Ich bin Ame­ri­ka­ner«, S. 392
  25. Tobi­as Boes, Tho­mas Mann’s War: Lite­ra­tu­re, Poli­tics, and the World Repu­blic of Let­ters (Itha­ca: Cor­nell Uni­ver­si­ty press, 2019), S. 238
  26. Ror Wolf, Aus­flug an den vor­läu­fi­gen Rand der Din­ge: Pro­sa 1957–1976 (Darm­stadt: Luch­ter­hand, 1988)
  27. Vaget, Tho­mas Mann, der Ame­ri­ka­ner, S. 170
  28. Cf. Chip Rho­des, Poli­tics, Desi­re, and the Hol­ly­wood Novel (Iowa City: Uni­ver­si­ty of Iowa Press, 2008)
  29. Carey McWil­liams, Sou­thern Cali­for­nia: An Island on the Land (1946; rpt. Lay­ton, Utah: Gibbs Smith, 2010), S. 230
  30. Mike Davis, City of Quartz: Excavating the Future in Los Ange­les (New York: Vin­ta­ge, 1992), S. 47–48
  31. Peter Richard­son, Ame­ri­can Pro­phet: The Life and Work of Carey McWil­liams (Ann Arbor: Uni­ver­si­ty of Michi­gan Press, 2005)
  32. McWil­liams, Sou­thern Cali­for­nia: An Island on the Land, S. 108
  33. Ray­mond Chand­ler, The Big Sleep – Fare­well, My Love­ley – The High Win­dow (New York: Everyman’s Libra­ry, 2002), S. 8
  34. McKen­zie Wark, Mole­cu­lar Red: Theo­ry for the Anthro­po­ce­ne (Lon­don: Ver­so, 2016), S. 117
  35. Andrej Pla­to­now, Frü­he Schrif­ten zur Pro­le­ta­ri­sie­rung, 1919–1927, übers. Maria Rajer, hg. Kon­stan­tin Kamin­s­kij und Roman Wid­der (Wien: Turia + Kant, 2019), S. 164
  36. Sam Was­son, The Big Good­bye: Chi­na­town and the Last Days of Hol­ly­wood (Lon­don: Faber & Faber, 2020), S. 68
  37. Janet Flan­ner, »Goe­the in Hol­ly­wood«, The New Yor­ker, 17:44 (13. Dezem­ber 1941):31–42, und 17:45 (20. Dezem­ber 1941):22–35
  38. Niko­lai Blau­mer, »The Mann Fami­ly and Their Path to Cali­for­nia«, in: Tho­mas Mann’s Los Ange­les: Sto­ries from Exi­le 1940–1952, hg. Niko­lai Blau­mer and Ben­no Herz (Los Ange­les: Angel City Press, 2022), S. 10
  39. Robert Musil, Der Mann ohne Eigen­schaf­ten, hg. Adolf Fri­sé (Rein­bek: Rowohlt, 1978), S. 429
  40. Fred­ric Jame­son, Post­mo­der­nism or The Cul­tu­ral Logic of Late Capi­ta­lism (Lon­don: Ver­so, 1991); sie­he auch Jame­sons Betrach­tun­gen zu Der Zau­ber­berg und Dok­tor Faus­tus unter der Prä­mis­se des Moder­nis­mus in Jame­son, The Moder­nist Papers (Lon­don: Ver­so, 2016), S. 55–94, 113–132
  41. Alex Ross, »Theo­dor W. Ador­no«, in: Tho­mas Mann’s Los Ange­les, S. 136–137; zu Ador­nos Anteil­schaft an der Autor­schaft und den spä­te­ren »Ver­leum­dun­gen« durch den Mann-Clan sie­he Her­mann Kurz­ke, Tho­mas Mann: Das Leben als Kunst­werk (Frankfurt/Main: Fischer, 2001), S. 504–507
  42. Tho­mas Mann, Tage­bü­cher 1940–1943, S. 41
  43. David Jene­mann, »Max Hork­hei­mer«, in: Tho­mas Mann’s Los Ange­les, S. 67
  44. Tho­mas Blub­a­cher, Wei­mar unter Pal­men – Paci­fic Pali­sa­des: Die Erfin­dung Hol­ly­woods und das Erbe des Exils (Mün­chen: Piper, 2022), S. 138
  45. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 337
  46. Tho­mas Mann: Ein Schrift­stel­ler setzt sich in Sze­ne, hg. Rüdi­ger Gör­ner und Kal­tëri­na Lati­fi (Darm­stadt: wbg Theiss, 2021), S. 28
  47. Blub­a­cher, Wei­mar unter Pal­men – Paci­fic Pali­sa­des, S. 207
  48. Tho­mas Mann: Ein Schrift­stel­ler setzt sich in Sze­ne, S. 198–199
  49. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, S. 343
  50. Theo­dor W. Ador­no, Ästhe­ti­sche Theo­rie, hg. Gre­tel Ador­no und Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 38–39

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