Sylvia Beach, Shakespeare and Company (Faber & Faber, 1960)
Im Dezember 1941 suchte ein deutscher Besatzungsoffizier Sylvia Beachs Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue de l’Odéon in Paris auf und wollte ein Exemplar von James Joyces Finnegans Wake kaufen. Beach (1887–1962) verweigerte ihm, ihr letztes Exemplar zu verkaufen. Zwei Wochen später tauchte der Offizier wieder auf und drohte alle »Waren« der Buchhandlung zu konfiszieren. Daraufhin beschloss Beach, ihr Geschäft zu schließen. In ihren Memoiren beschrieb sie das plötzliche Verschwinden ihres Buchladens, in der die »haute volée« der zeitgenössischen Avantgarde wie James Joyce, Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald oder Gertrude Stein verkehrt hatte, wie den Abbau einer Theaterkulisse. Mit Erlaubnis ihrer Vermieterin konnte sie ihr Inventar und ihre Möbel in einer leer stehenden Wohnung im dritten Stock unterstellen. Nachdem ein Maler das Schaufenster überstrichen hatte, existierte keine Spur mehr von Shakespeare and Company im besetzten Paris.1
Die feminine Seite des Pariser Buchhandels
Die Geschichte von Shakespeare and Company sowie ihrer »Partnerbuchhandlung« La Maison des Amis des Livres von Sylvia Beachs langjähriger Lebensgefährtin Adrienne Monnier (1892–1955) beschreibt der Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr in seinem Buch Die Buchhandlung der Exilanten, dessen Titel und Untertitel etwas irreführend sind: Tatsächlich ist es eine detaillierte Doppelbiografie der beiden Buchhandlungen, die nicht allein die Zeit der deutschen Okkupation im Fokus, sondern auch die Vor- und Nachkriegszeiten. Darüber hinaus waren die beiden Buchhandlungen nicht allein intellektuelle »Umschlagplätze« für europäische und amerikanische Exilanten, sondern auch für französische Autoren wie Paul Valéry, André Gide, Jean-Paul Sartre, Louis Aragon oder Jean Prévost, der als Widerstandskämpfer in einem Hinterhalt von deutschen Besatzungssoldaten getötet wurde.
Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten (C. H. Beck, 2026)
»In jenen Tagen gab es kein Geld, um Bücher zu kaufen«, schrieb Hemingway in den Memoiren über seine Pariser Zeit in den 1920er-Jahren. »Bücher lieh man sich aus der Leihbücherei von Shakespeare and Company, das die Bücherei und der Buchladen von Sylvia Beach in der Rue de l’Odéon Nr. 12 war.«2 Beach stundete ihm nicht allein die Gebühren für die Ausleihe, sondern »verwöhnte Hemingway«, weiß Neumahr zu berichten, »lieh ihm Geld und pries seine Arbeit bei Verlegern an«.3 Ohnehin betrachteten sowohl Sylvia Beach als auch Adrienne Monnier das Geschäft der Buchhändlerin weniger als Profession zur Kapitalvermehrung denn als intellektuell-künstlerischen Beruf mit dem Anspruch, ihrem Quartier eine »literarische Färbung« zu geben, wie Éric Hazan in seinem Buch Die Erfindung von Paris schrieb.4 Ehe ein Buch im Regal oder in der Schaufensterauslage platziert wurde, musste es Monniers »Qualitätsprüfung« passieren: »Was in ihren Augen minderwertig war oder alt, mied sie.«5
Begünstigt wurde der weibliche Einstieg in den Pariser Buchhandel durch den Ersten Weltkrieg: »Da Krieg herrschte, gab es in dem vornehmen Universitätsviertel, dem mein Sehnen galt«, schrieb Adrienne Monnier, »Läden zu erschwinglinglichen Preisen. Die Konkurrenz konnte micht nicht schrecken, waren doch die meisten Buchhändler zu den Waffen gerufen.« Zudem war die Lage der Buchhandlung am linken Seine-Ufer ein guter Ort für ein florierendes Geschäft. »Das Haus der Bücherfreunde sollte«, schreibt Neumahr in einer gestelzten Diktion, »ein kulturelles Zentrum werden, in dem die papierenen Produkte schriftstellerischen Bemühens ebenso zusammenkamen wie ihre Urheber und Leser.«6
Das Genie und der Geschäftsmann
Im Falle von James Joyce war Shakespeare and Company weitaus mehr als eine Buchhandlung: Sie wurde für ihn zur Bank, bei der er sich über Sylvia Beach Geld leihen konnte und sich die Subskriptionszahlungen abholte, nachdem Joyces Roman Ulysses nach Zensurschwierigkeiten wegen Vorwürfen der Obszönität und Pornografie in einer Privatedition bei Shakespeare and Company herausgekommen war und teilweise über Subskription verkauft wurde. »Vor dem Erfolg des Ulysses war James Joyce stets knapp bei Kasse gewesen und hatte von seinen geringen Einkünften als Sprachlehrer gelebt«, kommentiert Neumahr. »Nun führte er ein Leben auf großem Fuß«. 7
Anstatt seiner Gönnerin dankbar zu sein, habe Joyce (»ein Mann, den man nach heutigen Maßstäben als Alkoholiker bezeichnen würde«8) »Sylvia« (der Autor pflegt seine Protagonistinnen primär mit dem Vornamen anzusprechen, als wären sie seine Freundinnen im Geiste) dazu drängen wollen, eine Kooperation mit Jack Kahane , der in seinem Verlag Obelisk Press »auch anzüglich-pornografische Literatur veröffentlichte«, wie Neumahr voller Abscheu zu berichten weiß, wobei er unterschlägt, dass dort auch Henry Miller, Anaïs Nin, Lawrence Durrell und James Hanley publizierten. Beach unterstellte Kahane – wahrscheinlich nicht zu Unrecht – ein eher kommerzielles denn literarisches Interesse an Joyce: Der britische Pornograf fetischisierte alles, was neu war – also auch den anrüchigen »Modernismus«. 9 Privat beklagte sie sich über »den großen liebenswerten, aber gnadenlosen Mann«, dessen »einseitige Geschäftsmethoden« die am wenigsten bewundernswerte Seite seines Charakters gewesen seien, während sie öffentlich sich jeglicher Kritik an Joyce enthielt.10
In der Schilderung der Auseinandersetzung zwischen dem Autor und der Buchhändlerin offenbart sich die Schwäche des Buches: Neumahr wahrt nicht die kritische Distanz zu seinen Protagonistinnen (vor allem Adrienne Monnier möchte er ein Denkmal setzen – »nicht zuletzt wegen ihres bemerkenswerten humanitären Einsatzes während der deutschen Besetzung«11) und depolitisiert die Geschichte durch die beliebige Aneinanderreihung von Anekdoten, während die historischen, ökonomischen und politischen Machtverhältnisse hinter den Fassaden der Buchläden verschwinden. In Neumahrs historischer Kulisse verschwindet Joyce als kleinlicher Geschäftemacher, während (wie Terry Eagleton jüngst hervorhob) seine herausragende Rolle als einer der größten Autoren der Moderne, dessen »Glaube an Toleranz, Gleichheit, Demokratie, Fortschritt und Kostbarkeit des Alltäglichen« ihn von anderen Repräsentanten der literarischen Avantgarde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts abhob, keiner Rede wert ist.12
Frank Callanan: James Joyce: A Political Life (Princeton University Press, 2026)
»Die Politik des Modernismus ist ambivalent«, merkt Eagleton an. »Ein Aspekt ist elitär, rassistisch, archaisch, gewalttätig und hierarchisch, während ein eher untergeordneter Strang progressiv, demokratisch und egalitär ist.« 13 Während Ezra Pound und T. S. Eliot die Wege zu Faschismus, Konservatismus und Antisemitismus verfolgten, blieb Joyce als irischer Außenseiter dem politischen Nonkonformismus verhaftet und machte den Juden Leopold Bloom zu einer Hauptfigur von Ulysses, der gegen den Rassismus irischer Bürger opponiert. In seinem unvollendeten Werk James Joyce: A Political Life kartografiert der Historiker Frank Callanan (1956–2021) im Detail (und manchmal sehr ausufernd) die Verbindung Joyces zum irischen Nationalismus, repräsentiert durch Charles Stewart Parnell, den Vorsitzenden der »Irish Parliamentary Party«, der wegen einer außerehelichen Beziehung von seinem Amt zurücktreten musste. Trotz seiner Sympathie für die irischen Nationalisten lehnte Joyce deren Klerikalismus und Chauvinismus ab.
Nachdem er 1905 in sein selbst gewähltes Exil in Triest gegangen war, setzte sich Joyce mit dem revolutionären Syndikalismus und Anarchismus mediterraner Prägung auseinander, der in der damaligen historischen Situation eine progressive Alternative zum Staats- und Parteisozialismus in Mittel- oder Osteuropa darstellte. Obwohl Joyce klassische anarchistische Autoren wie Michail Bakunin, Pjotr Kropotkin, Errico Malatesta und Johann Most gelesen hatte, interessierten ihn am ehesten Individualanarchisten wie Benjamin Tucker und Max Stirner. Einen direkten Niederschlag dieser Lektüren in seiner literarischen Arbeit ist nach Callanan nicht nachzuweisen. »Joyce charakterisierte sich niemals selbst Anarchist«, konstatiert Callanan, aber ein aktives, auch wenn flüchtiges, Interesse am Anarchismus überdauerte sein Interesse am zeitgenössischen Sozialismus.«14
Nach 1907 vollzog sich bei Joyce ein »De-Engagement« hinsichtlich seiner sozialistischen und anarchistischen Überzeugungen, aber dennoch war Ulysses, schreibt Callanan, »eine strategisch durchdachte Anklage des Antisemitismus«, als dieser in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Europa entflammte. In diesem Sinne maximierte Joyce das, konstatiert Callanan, »was durch einen Roman politisch erreicht werden konnte«.15 Durch seine Aufenthalte in Triest und Zürich hatte Joyce ein Bewusstsein für vorurteilsbeladene Auseinandersetzungen zwischen Juden und Nicht-Juden (die auch Antisemiten sein konnten) entwickelt. Mit dem Protagonisten Bloom entwickelte er (beispielsweise in der Konfrontation mit dem irischen »Bürger«) eine immanente politische Auseinandersetzung mit dem Problem des Antisemitismus, ohne es plakativ zu behandeln. Bloom als assimilierter Jude muss sich trotz seiner Entfremdung von der Vergangenheit seines Vaters als Jude in Ungarn immer wieder mit dem Judentum auseinandersetzen und sich gegen Anfeindungen im irischen Alltag zur Wehr setzen. 16
Der Perlentaucher in den Bergen
In Neumahrs bibliophiler Kalikowelt ist wenig Platz für den historischen Kontext von Faschismus und Antisemitismus, dafür umso mehr für Anekdoten im Edelkitsch-Design. »7, Rue de l’Odéon – die helle Bücherwelt war meine Zuflucht während der langen Emigrationsjahre in Paris (das selber mir eine Heimat war)«, schrieb Siegfried Kracauer später in einer Erinnerung. »Mitten in der Helle waltete Adrienne Monnier, meist in Grau gekleidet und kaum dunkler als ihr Reich. Ich kam zu allen Tagesstunden; am liebsten nachmittags, bevor esdraußen zu dämmern begann. Sie sprach mit mir oder auch nicht.« 17 Bei Neumahr liest sich Kracauers Begegnung folgendermaßen: »Eines Tages betrat Kracauer eher zufällig La Maison des Amis des Livres – und es wurde Liebe auf den ersten Blick«18, wobei sich die Frage stellt, warum sich auf einem Warenumschlagplatz, den auch eine Buchhandlung darstellt, Liebe auf den ersten Blick einstellen sollte – es sei denn, Fetisch und Bibliomanie wären die vornehmlichen Triebfedern des Aufsuchens eines solchen Etablissements.
Ohnehin beschränkt sich Neumahrs zweiter Teil der Geschichte deutsch-jüdischer Exilanten in Paris auf eine Wiederaufbereitung bekannter »Narrative«, die Autoren wie Martin Jay, Howard Eiland & Michael W. Jennings, Miriam Hansen, Philipp Lenhard und Jörg Später über Protagonisten wie Walter Benjamin und Siegfried Kracauer (auch in der konfliktreichen Beziehung zum exilierten Frankfurter Institut für Sozialforschung in den Jahren 1938–1940) detailliert beschrieben. Während Kracauer nach der Internierung als »feindlicher Ausländer« in Marseille auf seine Ausreise in die USA wartete und die »tote Zeit« mit Notizen für seine spätere Theorie des Films (1960) verbrachte, entschied sich Benjamin für den beschwerlichen Weg über die Pyrenäen.19
Peter E. Gordon: Walter Benjamin: The Pearl Diver (Yale University Press, 2026)
In seiner konzisen Biografie Walter Benjamin: The Pearl Diver (im Rahmen der Buchreihe Jewish Lives) beschreibt der Gesellschaftstheoretiker und Philosoph Peter E. Gordon Benjamins Leben vom Ende her. Der Marsch über die Pyrenäen sollte ihn nach Spanien bringen, um von dort die Flucht aus einem vom Faschismus umschlossenen Europa in die USA zu bewerkstelligen. Dem Flüchtling in Frankreich waren nicht allein frühere Einnahmequellen zerronnen (Zeitungen wie Die Literarische Welt oder die Frankfurter Zeitung zahlten nichts mehr), sondern auch sein früheres Prestige als Literaturkritiker und Essayist war zerstoben. In Frankreich waren »Ausländer« schlecht gelitten: »Les émigrés sont pires que les boches« (»Die Immigranten sind schlimmer als die Deutschen«), war eine gängige Redewendung, und überall waren Jüd*innen unerwünscht. 20 Zudem gab es zwischen Adorno, Kracauer und Benjamin Differenzen und Spannungen hinsichtlich der Mitarbeit an der Zeitschrift für Sozialforschung, wobei sich für Benjamin die Ablehnung seines richtungsweisenden Aufsatzes »Das Paris des Second Empire bei Baudelaire« wie ein Schlag ins Kontor anfühlte. Obwohl er nicht einmal ein Mann von fünfzig Jahren war, bezeichnete ihn seine Weggefährtin Lisa Fittko als »alten Benjamin«, der sich selbst in den Pyrenäen – trotz schwindender Kräfte – an seine schwarze Aktentasche klammerte. Darin bewahrte er – nach seinen Worten – ein Manuskript auf, das wichtiger als er sei. 21
Am 26. September 1940 setzte Benjamin in Port-Bou an der spanisch-französischen Grenze seinem Leben mit einer Morphium-Dosis ein Ende, »um sich vor den deutschen Folterknechten ein für allemal in Sicherheit zu bringen«22 (wie Rolf Tiedemann einmal schrieb). Nur an diesem Tag war die Grenze gesperrt; einen Tag früher wären die Flüchtlinge durchgekommen. »Nur an diesem Tag war die Katastrophe möglich«, schrieb Hannah Arendt.23 In Gordons Imagination hätte Benjamin in den Katakomben einer Bibliothek weiterleben können, als Perlentaucher auf der Suche nach halbvergessenen Schätzen.24
Die lange Hoffnung
Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien: Der große Kampf der Literatur 1936–1939 (C. H. Beck, 2026)
In den Jahren zwischen 1936 und 1939 war Spanien der Ort einer hoffnungsvollen Utopie, die sich jedoch zerschlug. »Auf den Schlacht- und Mordfeldern des spanischen Bürgerkrieges wurde zum letzten Male um Freiheit, Solidarität, Menschlichkeit in revolutionärem Sinne gekämpft …«, schrieb Herbert Marcuse rückblickend. »Hier war das Ende einer geschichtlichen Periode, und der Schrecken der kommenden kündigte sich an in der Gleichzeitigkeit des Bürgerkriegs in Spanien und der Prozesse in Moskau.«25 In seiner anekdotischen Kompilation Entscheidung in Spanien reduziert der langjährige Spanien-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Paul Ingendaay den Bürgerkrieg auf den »großen Kampf der Literatur« und kapriziert sich auf die »Big Names« der »Geschichte« wie Ernest Hemingway, George Orwell, Martha Gellhorn, Robert Capa oder Pablo Picasso. »Eine internationale Solidarität wie damals hatte es in der Geschichte noch nie gegeben – nachzulesen nicht nur bei Orwell und Hemingway, sondern auch bei Egon Erwin Kisch, Simone Weil, bei Heinrich und Thomas Mann«, heißt es in Ingendaays »Vorspann«. »Ihre politischen Spuren sind bis heute sichtbar.«26
Im penetranten Präsens des journalistischen Schreibers, der mit seiner Schreibweise in der »Lüge der Darstellung«27 (Adorno) Authentizität und Erklärungsautorität vorgaukelt, repetiert Ingendaay Tagebucheinträge, Notizen, Aufsätze oder Erinnerungen von Zelebritäten des Kulturbetriebs wie Thomas Mann, Luis Buñuel, Hemingway, Gellhorn, Capa und Picasso, dessen Werk Guernica im Ingendaay-Argot sich auf »die Bebilderung des verheerenden Bombenangriffs der Legion Condor auf ein baskisches Städtchen« reduziert, während Capa das »berühmteste Kriegsfoto des 20. Jahrhunderts« gemacht habe (als hätte es die Kriegsfotografie im Vietnamkrieg nicht gegeben).28
So treibt das feuilletonistische Schwemmholz durch den trägen »Fluß der abgestandenen Sprache« 29 (Adorno): Ingendaay schwadroniert über den »sagenumwobenen« Anarchisten Buenaventura Durruti, die »Brillenträgerin an der Front« Simone Weil oder das »Aufsehen erregende blonde Haar« und die »schlanken Beine« von Martha Gellhorn. In stetigen Akten übergriffiger Aneignung geriert sich der Schreiber als unsichtbarer Begleiter von Klaus und Erika Mann auf ihrer Reise im Auftrag der Pariser Tageszeitung im Juni 1938 nach Spanien (»Auf dem Weg nach Barcelona wechseln sich Bilder der Zerstörung und verblüffender Normalität ab.«) oder spaziert durch Hemingways Kopf (»Aber dann setzt er sich in Bewegung, und seine Vorfreude ist groß.«) 30
Anekdoten im Strom des Immergleichen
Der Schriftsteller Alvah Bessie als Mitglied der Abraham Lincoln Brigade in Spanien, April 1938 (abgebildet auf dem Buchcover: Alan M. Wald, Trinity of Passion, 2007)
In seiner Kompilation vermag Ingendaay keine neuen Erkenntnisse bezüglich des Verhältnisses von Literatur und Politik zu ergründen. Bereits in den 1960er-Jahren hatten Autoren wie Allen Guttman (The Wound in the Heart, 1962), Frederick R. Benson (Writers in Arms, 1967) und Stanley Weintraub (The Last Great Cause, 1968) die Rolle von Schriftsteller*innen und Intellektuelle im Spanischen Bürgerkrieg detaillierter und reflektierter analysiert als in einem vorgeblich großen Kampf »der Literatur«.31 Indem sich Ingendaay allein auf die »Big Names« kapriziert, bleibt auch nur die Vorführung des Dokumentarfilms Spanish Earth (1937) von Joris Ivens (unter Mitarbeit von Ernest Hemingway) im Weißen Haus, und Igendaay zitiert einen britischen Schriftsteller namens Anthony Powell, der seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass dieser Film »keine Kinogeschichte schreiben« werde.32 All die anderen Dokumentarfilme über den Spanischen Bürgerkrieg aus den Jahren 1936 bis 1939 sind Ingendaay keiner Rede wert, denn Leo T. Hurwitz oder Ben Maddow sind keine »Big Names« im Lingo des FAZ-Neo-Journalismus.33
Darüber hinaus nimmt es Ingendaay mit den historischen Fakten (wie an Fall von John Dos Passos deutlich wird). »Als der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos um den 8. April 1937 Valencia erreicht, seit fünf Monaten der Sitz der republikanischen Regierung, stolpert er geradezu in den Skandal, der seine Einstellung zum Kommunismus für immer verändern: Sein spanischer Freund José Robles Pazos ist verschwunden.« 34 Politische Entwicklungen werden auf private Ereignisse reduziert, während historische Prozesse und auch die Vorgeschichte ausgeblendet werden: Dos Passos’ »Einstellung zum Kommunismus« war seit den 1920-er Jahren illusionslos und kritisch, auch wenn er zeitweilig sich aus der Distanz im Orbit der US-amerikanischen Kommunistischen Partei und ihren kulturellen Organen wie New Masses und Partisan Review bewegte. Bereits vor seiner Rückkehr nach Spanien 1937 (er hatte bereits als junger Mann 1916–1917 einige Zeit in Spanien verbracht) hatte er sich von der kommunistischen Partei entfernt (nachdem er 1932 noch zu jenen Intellektuellen gehört hatte, die zur Wahl des kommunistischen Präsidentschaftskandidaten William Z. Foster aufgerufen hatten).35
Schatten des Betriebes
Ingendaay geriert sich als großer Erklärer der Geschichte und bietet leicht konsumierbare, den Publikumsgeschmack bedienende Geschichten in Anekdotenform feil – ob das Beschriebene von historischer Zuverlässigkeit abgedeckt ist, spielt eine untergeordnete Rolle: Jedem Wort ist der Warencharakter des Schreiber-Urteils implementiert, und der Wert der Schreibersprache misst sich an der Zahl der lobhudelnden Pressestimmen, die der Verlag wie Jagdtrophäen aus einer schlechten Hemingway-Verfilmung auf seiner Homepage präsentiert.36 Dos Passos’ »Ablehnung des Kapitalismus, die seiner großen Romantrilogie U.S.A. abzulesen ist, äußert sich zwangsläufig«, schreibt Ingendaay, »im Protest gegen die Hinrichtung der beiden Anarchisten Ferdinando Sacco und Bartolomeo Vanzetti und führt einige Jahre darauf zu tiefer Sympathie für den iberischen Anarchismus, der besonders in der katalanischen Arbeiterbewegung Wurzeln geschlagen hat.«37
Sacco wurde zwar als Ferdinando getauft, doch seit 1917 nannte er sich Nicola, mit dem er (auch international) bekannt wurde.38 Den angeblich zwangsläufigen Zusammenhang zwischen der »Ablehnung des Kapitalismus« und dem Protest gegen die Exekution von Sacco & Vanzetti vermeidet Ingendaay zu belegen – er behauptet ihn lediglich. Realiter war Dos Passos’ Engagement für Sacco & Vanzetti aus ihrem Außenseiterstatus als Immigranten in der US-amerikanischen Gesellschaft begründet: In seinem Pamphlet Facing the Chair aus dem Jahre 1927 beschrieb er ihre Biografien ironisch als »Geschichte der Amerikanisierung von zwei im Ausland geborenen Arbeitern« und versuchte den Anarchismus als eine Politik der Hoffnung als Gegenpol zur dominanten Herrschaft von Reaktion und Angst darzustellen.39 Das Interesse für Spanien und den Anarchismus bei Dos Passos rührte aus seiner schon frühen individualistischen Revolte, und in mehreren Aufenthalten in Spanien seit 1916 beschäftigte er sich mit der »klassischen Heimat der Anarchisten«. Dem Protest gegen die Verfolgung von Sacco & Vanzetti schloss er sich dagegen erst zehn Jahre später an. 40
Die lange Hoffnung, Begleitbuch zum gleichnamigen Dokumentarfilm der Medienwerkstatt Freiburg (Trotzdem Verlag, 1985)
Bemerkenswert ist, dass Ingendaay zwar einen Abschnitt »Fälschung oder Wirklichkeit?« in seine Kompilation aufnimmt, aber selbst zu keiner kritischen Selbstreflexion fähig ist. Seine Schreibweise ist im besten Fall plump und geschwätzig; sie ist vom Duktus des Gleichgültigen geprägt, denn es gibt nirgendwo in diesem Text das Bemühen, die politischen Spuren des Vergangenen mit neuen »Funken der Hoffnung« zu entfachen. Auch »die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein«, schrieb Walter Benjamin kurz vor seinem Tod. »Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.«41
Uwe Neumahr. Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 — Zuflucht und Widerstand. München: C. H. Beck, 2026. 320 Seiten, 25 Abbildungen, 26 Euro. ISBN: 978–3‑406–84494‑2.
Paul Ingendaay. Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur, 1936–1939. München: C. H. Beck, 2026. 352 Seiten, 23 Abbildungen, 28 Euro. ISBN: 978–3‑406–84363‑1.
Frank Callanan. James Joyce: A Political Life. Princeton: Princeton University Press, 2026. 944 Seiten, 18 Abbildungen, 45 US-Dollar. ISBN: 978–0‑691–22797‑9.
Peter E. Gordon. Walter Benjamin: The Pearl Diver. New Haven, NJ: Yale University Press, 2026. 224 Seiten, 8 Abbildungen, 28 US-Dollar. ISBN: 978–0‑300–21686‑8.
Ernest Hemingway, A Moveable Feast: The Restored Text, hg. Seán Hemingway (New York: Scribner, 2009), S. 31
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 56
Éric Hazan, Die Erfindung von Paris, übers. Michael Müller und Karin Uttendörfer (Berlin: Matthes & Seitz, 2020), S. 134
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 20
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 34–35
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 89
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 89
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 91; Neil Pearson, Obelisk: A History of Jack Kahane and the Obelisk Press (Liverpool: Liverpool University Press, 2007), S. 414
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 104
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 289
Terry Eagleton, »Starveling Rabblement«, London Review of Books, 48, Nr. 13 (23. Juli 2026): 46
Terry Eagleton, »Starveling Rabblement«, S. 46
Frank Callanan, James Joyce: A Political Life (Princeton: Princeton University Press, 2026), S. S. 478, 512; Zitat: S. 539
Callanan, James Joyce: A Political Life, S. 788
Callanan, James Joyce: A Political Life, S. 808–809
Neumahr, Die Buchhandlung der Exilanten, S. 165
Jörg Später, Siegfried Kracauer: Eine Biographie (Berlin: Suhrkamp, 2016), S. 394–408; Miriam Bratu Hansen, Cinema and Experience: Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, and Theodor W. Adorno (Berkeley: University of California Press, 2012), S. 253–266
Peter E. Gordon, Walter Benjamin: The Pearl Diver (New Haven, NJ: Yale University Press, 2026), S. 117, 138
Gordon, Walter Benjamin: The Pearl Diver, S. 156
Rolf Tiedemann, Adorno und Benjamin noch einmal: Erinnerungen, Begleitworte, Polemiken (München: edition text + kritik, 2011), S. 310
Hannah Arendt, Menschen in finsteren Zeiten, hg, Ursula Ludz (München: Piper, 2012), S. 221
Gordon, Walter Benjamin: The Pearl Diver, S. 161
Herbert Marcuse, Vorwort zu: Marcuse, Kultur und Gesellschaft I (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1965), S. 11
Paul Ingendaay, Entscheidung in Spanien: Der große Kampf der Literatur, 1936–1939 (München: C. H. Beck, 2026), S. 8
Theodor W. Adorno, Noten zur Literatur, hg. Rolf Tiedemann (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981), S. 45
Ingendaay, Entscheidung in Spanien, S. 11, 77
Theodor W. Adorno, Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987), S. 106
Ingendaay, Entscheidung in Spanien, S. 45, 63, 136, 10, 167; zu Klaus Manns Spanien-Reportagen cf. Klaus Mann, Das Wunder von Madrid: Aufsätze, Reden, Kritiken 1936–1938, hg. Uwe Naumann und Michael Töteberg (Reinbek: Rowohlt, 1993), S. 396–424; und Frederic Spotts, Cursed Legacy: The Tragic Life of Klaus Mann (New Haven, NJ: Yale University Press, 2016), S. 131–133
Allen Guttman, The Wound in the Heart: America in the Spanish Civil War (New York: The Free Press, 1962); Frederick R. Benson, Writers in Arms: The Literary Impact of the Spanish Civil War (New York: New York University Press, 1967); Stanley Weintraub, The Last Great Cause: The Intellectuals and the Spanish Civil War (New York: Weybright & Talley, 1968); siehe auch Daniel Aaron, »Ethics and Politics«, New York Times, 18. Februar 1968, und Stephen Spender, »Writers and Revolutionaries: The Spanish War«, New York Review of Books, 13, Nr. 5 (25. September 1969), https://www.nybooks.com/articles/1969/09/25/writers-and-revolutionaries-the-spanish-war/
Ingendaay, Entscheidung in Spanien, S. 228
Zur Geschichte des Films im Spanischen Bürgerkrieg siehe Peter Nau, »Spanischer Bürgerkrieg und Film«, Filmkritik 18, Nr. 10 (Oktober 1974): 441–488; Russell Campbell, Cinema Strikes Back: Radical Filmmaking in the United States, 1930–1942 (Ann Arbor, MI: UMI Research Press, 1982), S. 165–192; Jörg Auberg, »Die Projektion des Falschen: Medien, Realität und der Spanische Bürgerkrieg«, Tranvia, Nr. 19 (Dezember 1990): 78–83
Ingendaay, Entscheidung in Spanien, S. 178
Zu Dos Passos’ politischer Entwicklung während des Spanischen Bürgerkrieges cf. Robert C. Rosen, John Dos Passos: Politics and the Writer (Lincoln: University of Nebraska Press, 1981), S. 93–96; und die Artikel in: John Dos Passos: The Major Nonfictional Prose, hg. Donald Pizer (Detroit: Wayne State University Press, 1988), S. 183–195
Paul Avrich, Sacco and Vanzetti: The Anarchist Background (Princeton, NJ: Princeton University Press, 1991), S. 10
Rosen, John Dos Passos: Politics and the Writer, S. 52–56
Jörg Auberg, »Das Ende der Straße: John Dos Passos und die spanische Utopie«, Tranvia, Nr. 23 (Dezember 1991): 5–7; Auberg, »Anatomie einer Metamorphose: John Dos Passos’ Odyssee durch das 20. Jahrhundert«, Moleskin Blues, veröffentlicht 17. Oktober 2020, https://moleskinblues.net/2020/10/17/john-dos-passos-anatomie-einer-metamorphose/
Walter Benjamin, »Über den Begriff der Geschichte«, in: Gesammelte Schriften, Bd. I:2, hg. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991), S. 695
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