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Benno Käsmayr: Marotte

Marotten eines Kleinverlegers

Benno Käsmayr legt eine Anthologie aus der Geschichte des Maro-Verlages vor

von Jörg Auberg

Time reflec­ted back a worn out pie­ce of tra­de.
Wil­liam S. Bur­roughs1

Aus den Tie­fen der Zeit taucht eine Fla­schen­post des Maro-Ver­la­ges auf, gespickt mit Tex­ten aus einer vier­zig­jäh­ri­gen Ver­gan­gen­heit. Gegrün­det wur­de der Ver­lag im Jah­re 1969 von Ben­no Käs­mayr und Franz Ber­mei­t­in­ger, doch erst ein Jahr spä­ter begann die Buch­pro­duk­ti­on mit Arbei­ten von Tiny Stri­cker, Jörg Fauser und ande­ren »Underground«-Literaten der frü­hen 1970er Jah­re, die ihren Ort jen­seits des eta­blier­ten Lite­ra­tur­be­triebs such­ten.

Wir müs­sen reka­pi­tu­lie­ren, dass es 1970 vie­le Din­ge nicht gab, die heu­te für jeden selbst­ver­ständ­lich sind: kei­ne Foto­ko­pier­ge­rä­te, kei­nen Com­pu­ter. Das Ein­zi­ge, was es gab, um Tex­te, außer im Hand­satz oder Maschi­nen­satz machen zu las­sen, war eine Schreib­ma­schi­ne von IBM, die Buch­sta­ben­ab­stän­de vari­ie­ren konn­te, wie man es von der Satz­äs­the­tik her gewohnt ist. – Ben­no Käs­mayr (2004)2


Maro, für Käs­mayr bis zur Magis­ter­prü­fung 1974 mehr Hob­by als Beruf, ist bis heu­te eins der weni­gen zu jener Zeit ent­stan­de­nen Pflänz­chen, das wei­ter gedeiht, aller­dings nach wie vor auf voll­kom­men ande­ren Level als die Majors. – Mat­thi­as Pen­zel und Ambros Wai­bel (2004)3

Cover der Anthologie Acid

Cover der Antho­lo­gie Acid

Maro beweg­te sich auf den Spu­ren der legen­dä­ren Acid-Antho­lo­gie, die Rolf Die­ter Brink­mann und Ralf-Rai­ner Rygul­la 1969 im Jörg Schrö­ders März-Ver­lag her­aus­brach­ten und eine frü­he Kar­to­gra­fie der US-ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­ne der 1960er Jah­re in deut­scher Aus­ga­be vor­leg­ten. Damit wan­der­ten Posi­tio­nen einer noch von einem gesell­schafts­kri­ti­schen Impe­tus durch­tränk­ten Post­mo­der­ne in den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Raum ein, wel­che der tra­di­tio­nel­len Lin­ken zumin­dest suspekt waren. Bereits in den spä­ten 1950er Jah­ren unter­stell­te der lin­ke New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le Irving Howe den Autoren der US-ame­ri­ka­ni­schen Gegen­kul­tur (die damals unter der Flag­ge der Beat­niks segel­ten), sie woll­ten sich dem gestalt­lo­sen Alp­traum in Kali­for­ni­en mit einer uto­pi­schen Kom­mu­ne der »Know-Not­hings« ent­zie­hen.4 Ein Jahr­zehnt spä­ter, als die außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on die selbst gestell­te »Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge« mit einer hys­te­ri­sier­ten Mili­tanz oder der Grün­dung neu­er »Arbei­ter­par­tei­en« beant­wor­te­te, lief das lite­ra­ri­sche Pro­gramm des Maro-Ver­lags kon­trär zum »Pro­jekt« einer »sozia­lis­ti­schen Lite­ra­tur«. Auch nach dem Ende der hoch­flie­gen­den Hoff­nun­gen einer wie auch immer gear­te­ten Revo­lu­ti­on, als sich die selbst­er­nann­ten Revo­lu­tio­nä­re in einer »Ten­denz­wen­de« der »neu­en Sen­si­bi­li­tät« zuwand­ten5, ope­rier­te der Maro-Ver­lag jen­seits des eta­blier­ten Lite­ra­tur­be­triebs der Bun­des­re­pu­blik.

Zweite Nummer der Underground-Zeitschrift Gasolin 23

In den frü­hen 1970er Jah­ren ebne­te Maro Autoren wie Tiny Stri­cker oder Jörg Fauser die Bahn, öff­ne­te aber auch die deut­schen lite­ra­ri­schen Schleu­sen für Jan Kerou­ac, Ronald Koert­ge oder Gil­bert Sor­ren­ti­no. Der größ­te Maro-Fang blieb frei­lich Charles Bukow­ski, den gro­ße Ver­la­ge lan­ge Zeit igno­rier­ten, ehe er in den 1970er und 1980er Jah­ren zum Best­sel­ler-Autor in sei­nem Geburts­land wur­de. Die Ver­bin­dung zu Bukow­ski erfolg­te über Carl Weiss­ner, Jörg Fauser und Jür­gen Ploog, die Macher der Under­ground-Zeit­schrift Gaso­lin 23, in der schon frü­he ers­te Über­set­zun­gen Bukow­skis erschie­nen.

Gera­de bran­det Kol­le­ge Charles Bukow­ski mit einem neu­en Sam­mel­bänd­chen mit dem Titel Kaputt in Hol­ly­wood (Maro Ver­lag) her­ein. Ich grau­se mich, lache aber sofort auch vor Ver­gnü­gen, denn Bukow­ski, aus Ander­nach stam­mend, doch gott­lob nur noch ame­ri­ka­nisch schrei­bend (die Über­set­zun­gen von Carl Weiss­ner sind phä­no­me­nal, als habe er nachts mit­ge­trun­ken und mit­ge­jazzt auf der Maschi­ne), ist ein Nach­fah­re von Lou­is Fer­di­nand Céli­ne, dem vehe­men­tes­ten Haß-Dich­ter, den ich ken­ne und der mir genützt hat. Bukow­ski sagt sar­kas­tisch wahr, was wir nicht aus­zu­spre­chen wagen. Er sehnt sich nach Uto­pie, die­ser ver­zwei­fel­te Säu­fer, hat jedoch noch stän­dig mit der Zer­trüm­me­rung zu tun. Sei­ne Leh­re heißt: Die Ame­ri­ka­ner wer­den es nicht schaf­fen, daß die gan­ze west­li­che Welt wie sie wird. Welch küh­ne Ver­hei­ßung! – Gün­ter Her­bur­ger (1977)6

Benno Käsmayr: Marotte (Maro Verlag, 2016)

Ben­no Käs­mayr: Marot­te (Maro Ver­lag, 2016)

In der von Ben­no Käs­mayr her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie Marot­te wird die­se Geschich­te noch ein­mal leben­dig. Eröff­net wird der Band mit einem Text von Jörg Schrö­der und Bar­ba­ra Kalen­der, der an die Zusam­men­ar­beit mit Käs­mayr im Jah­re 1990 erin­nert, als sie einen kom­pe­ten­ten Dru­cker für das work in pro­gress Schrö­der erzählt such­ten. Natür­lich feh­len nicht Arbei­ten von Maro-Cash­cows wie Bukow­ski, Tiny Stri­cker oder Tex­te von US-ame­ri­ka­ni­schen Autoren wie Jim Mor­ri­son, John Fan­te, Gerald Lock­lin oder Gil­bert Sor­ren­ti­no, der in Mul­ligan Stew fik­ti­ve Ableh­nungs­brie­fe für einen fik­ti­ven Roman vor­stellt. In Erin­ne­rung bleibt auch die Remi­nis­zenz Micha­el Schul­tes an einen Besuch bei dem legen­dä­ren Klein­ver­le­ger Vic­tor Otto Stomps in sei­nem Domi­zil im Tau­nus im Jah­re 1965, das vor Büchern, Manu­skrip­ten, Unter­wä­sche, Schnaps­glä­sern, Oran­gen­scha­len und ande­ren Über­res­ten der all­täg­li­chen Exis­tenz über­quoll, wäh­rend Stomps sei­nem Gast stolz erklär­te, er habe am Tag vor­her auf­ge­räumt. »Das bleibt«, schreibt Schul­te, »einer der rät­sel­haf­tes­ten Sät­ze, die ich in mei­nem Leben gehört habe.«7

Glanz­punk­te der Antho­lo­gie sind jedoch zwei Tex­te des viel zu früh ver­stor­be­nen Carl Weiss­ner, der nicht allein Genera­tio­nen von Lesern den lite­ra­ri­schen Kos­mos von Nel­son Algren, Wil­liam S. Bur­roughs und Charles Bukow­ski eröff­ne­te, son­dern selbst ein pro­duk­ti­ver Autor war, der häu­fig jedoch hin­ter dem »Lite­ra­tur­ver­mitt­ler« ver­schwand.8 Im ers­ten Bei­trag, der im Jah­re 2004 im Maga­zin Rol­ling Stone ver­öf­fent­licht wur­de, zeich­net er ein scharf gezeich­ne­tes Por­trät Jörg Fausers. Im zwei­ten Text, der ursprüng­lich das Vor­wort zu Harold Nor­ses Buch Beat Hotel aus dem Jah­re 1975 dar­stell­te, beschreibt er das klei­ne Hotel im Pari­ser Quar­tier Latin, in dem vie­le Autoren der Beat Genera­ti­on und Avant­gar­dis­ten wie Wil­liam Bur­roughs und Bri­on Gysin ihr Quar­tier bezo­gen. Dort ent­stand schließ­lich die Col­la­ge­tech­nik der »Cut-Up-Metho­de«, mit der Bur­roughs in der ers­ten Hälf­te der 1960er Jah­re sei­ne Nova-Tri­lo­gie pro­du­zier­te (The Soft Machi­ne [1960], The Ticket That Explo­ded [1962] und Nova Express [1964]). »Was für ein irr­sin­ni­ger Witz in die­sen Büchern steckt (und was für eine Kno­chen­ar­beit die kon­se­quen­te Anwen­dung der Cut-Up-Metho­de dem Schrei­ber abver­langt)«, schrieb Weiss­ner, »kann man lei­der nur ermes­sen, wenn man die Ori­gi­nal­tex­te liest – die deut­schen Über­set­zun­gen sind der­art grau­en­haft, dass es einem die Löcher in den Socken zusam­men­zieht.«9 Erst als Weiss­ner spä­ter die Bur­roughs-Werk­aus­ga­be bei Zwei­tau­send­eins her­aus­gab, erschien zumin­dest Nova Express in einer kon­ge­nia­len Über­tra­gung, wäh­rend The Soft Machi­ne und The Ticket That Explo­ded kei­ne Neu­über­set­zung erfuh­ren.

maro-verlagsanzeige-1983

Anzei­ge des Maro-Ver­la­ges 1983

Mit den Über­set­zun­gen US-ame­ri­ka­ni­scher Autoren lie­fer­te Maro nicht immer groß­ar­ti­ge Arbeit ab, wie Jörg Fauser in einer zor­ni­gen Rezen­si­on von John Fan­tes Ich, Arturo Ban­di­ni und Ronald Koert­ges Boo­gey­man aus der Maro-Pro­duk­ti­on anpran­ger­te. Die Über­tra­gun­gen mach­ten die Roma­ne »schlicht unles­bar«, schrieb er vol­ler Wut. »Ent­we­der man ist Ver­le­ger, oder man ist kei­ner. Ent­we­der man über­setzt Bücher, oder man läßt es blei­ben. Wenn man es aber macht, dann macht man es so gut, daß die Leu­te, die 20 Mark für ein Buch hin­le­gen, für ihre 20 Mark so gut bedient wer­den, wie sie das ver­lan­gen kön­nen.«10 Lei­der fehlt der Antho­lo­gie eine selbst­kri­ti­sche Refle­xi­on über die Buch­pro­duk­ti­on in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten. Statt­des­sen hält der Auto­di­dakt Käs­mayr starr­köp­fig an den alten Idea­len des Dru­ckers fest, der irgend­wann in die Posi­ti­on des Ver­le­gers rutsch­te. In die Welt der markt­kon­for­men Ver­lags­kon­zer­ne, wie sie sich all­jähr­lich auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se prä­sen­tie­ren, woll­te er nicht abtau­chen.

Es gab dann spä­ter durch­aus Über­nah­me­ver­su­che, da kamen Leu­te, die das Hand­werk gelernt hat­ten und bei mir ein­stei­gen woll­ten. Als die dann aber sahen, wel­che Phi­lo­so­phie ver­tre­ten habe, sind die alle abge­sprun­gen. […]. Die gehen ja davon aus, bei einer Aus­lie­fe­rung ver­ur­sacht jeder Titel jeden Monat so und soviel Lager­kos­ten. Des­halb gibt es ja die­ses Ver­ram­schen, Kaputt­ma­chen, Maku­lie­ren, oder wie die das nen­nen, das habe ich ja nie gemacht. So ticke ich nicht. – Ben­no Käs­mayr (2008)11

Lesezeichen aus Marotte

Lese­zei­chen aus Marot­te

Da Käs­mayr anders als die ande­ren tickt, ist Marot­te nicht ein­fach eine Wie­der­auf­be­rei­tung von exem­pla­ri­schen Tex­ten aus den letz­ten vier Jahr­zehn­ten. Viel­mehr erhält jeder ein­zel­ne Text eine beson­de­re Note dadurch, dass die Gestal­tung in Zusam­men­ar­beit mit Stu­die­ren­den der Hoch­schu­le Augs­burg erfolg­te. So wei­sen die Tex­te auf­grund inter­pre­ta­to­ri­scher Designs über ihre his­to­ri­schen Kon­tex­te hin­aus und stel­len eine Ver­bin­dung zur Gegen­wart her, ohne im nost­al­gi­schen Schlick der Ver­gan­gen­heit zu ver­en­den. Dar­in besteht die außer­or­dent­li­che Leis­tung die­ser Antho­lo­gie.

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

 

Ben­no Käs­meyr (Hg.):
Marot­te
.
Gestal­tung: Stu­die­ren­de der Hoch­schu­le Augs­burg (Tat­ja­na Bur­ke, Jani­na Hell­mig, Paul Christ, Anto­nia Kern, Lisa Krisch­ke, Juli­us Ertelt, Jacky-Lore­en Rasch, Jan Lachen­mair, Fran­zis­ka Bin­zer, Tat­ja­na Jun­ker, Ste­fa­nia Puie, Regi­na Bis­sin­ger, Ali­na Mir­wald, Fran­zis­ka Bin­zer, Julia-Kris­ti­na Szi­ghe­ti, Zeynep Tokde­mir, Mona Kur­land; Betreu­ung: Micha­el Wör­göt­ter).
Augs­burg: Maro Ver­lag, 2016. 208 Sei­ten, 15 Euro.

 

© Jörg Auberg 2016

 

Bildquellen

Nachweise

  1. Wil­liam S. Bur­roughs, »Cob­b­le Stone Gar­dens«, in: The Bur­roughs File (San Fran­cis­co: City Lights Books, 1984). S. 223
  2. Ben­no Käs­mayr, »Auf den Bukow­ski gekom­men«, http://www.bukowski-gesellschaft.de/data/jahrbuch/_bjuk2005_027-033_Benno-Kaesmayr2_.pdf, S. 27 (Ortho­gra­phie ange­passt – JA)
  3. Mat­thi­as Pen­zel und Ambros Wai­bel, Rebell im Cola-Hin­ter­land: Jörg Fauser – eine Bio­gra­fie (Ber­lin: Edi­ti­on Tia­mat, 2004), S. 63
  4. Irving Howe, »Mass Socie­ty and Post­mo­dern Fic­tion«, Par­ti­san Review, 26:3 (1959), S. 435
  5. Cf. Micha­el Schnei­der, Den Kopf ver­kehrt auf­ge­setzt oder Die melan­cho­li­sche Lin­ke: Aspek­te des Kul­turz­er­falls in den sieb­zi­ger Jah­ren (Darm­stadt: Luch­ter­hand, 1981)
  6. Gün­ter Her­bur­ger, »Ich habe gele­sen«, Kon­kret, Nr. (Febru­ar 1977), S. 35
  7. Micha­el Schul­te, »Besuch bei V. O. Stomps«, in: Marot­te, hg. Ben­no Käs­mayr (Augs­burg: Maro, 2016), S. 118–119
  8. Cf. Mat­thi­as Pen­zel, »Biblio­gra­phy of Carl Weiss­ner Trans­la­ti­ons«, http://realitystudio.org/publications/death-in-paris/bibliography-of-carl-weissner-translations/
  9. Carl Weiss­ner, »Beat Hotel«, in: Marot­te, S. 59; die Bur­roughs-Über­set­zun­gen von Peter Beh­rens erschie­nen im Limes-Ver­lag und in der Taschen­buch-Ver­si­on bei Ull­stein
  10. Jörg Fauser, »Eine Art von Zorn« (1982), in: Fauser, Der Strand der Städ­te: Gesam­mel­te jour­na­lis­ti­sche Arbei­ten 1959–1987, hg. Alex­an­der Wewer­ka (Ber­lin: Alex­an­der Ver­lag, 2009), S. 658–659
  11. Frank Schä­fer, »›Ich bin ein Micky-Maus-Heft‹: Inter­view mit Ben­no Käs­mayr«, Zeit Online, 3. April 2008, in: Marot­te, S. 201

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Benno Käsmayr: Marotte

Marotten eines Kleinverlegers

Benno Käsmayr legt eine Anthologie aus der Geschichte des Maro-Verlages vor

von Jörg Auberg

Time reflec­ted back a worn out pie­ce of tra­de.
Wil­liam S. Bur­roughs1

Aus den Tie­fen der Zeit taucht eine Fla­schen­post des Maro-Ver­la­ges auf, gespickt mit Tex­ten aus einer vier­zig­jäh­ri­gen Ver­gan­gen­heit. Gegrün­det wur­de der Ver­lag im Jah­re 1969 von Ben­no Käs­mayr und Franz Ber­mei­t­in­ger, doch erst ein Jahr spä­ter begann die Buch­pro­duk­ti­on mit Arbei­ten von Tiny Stri­cker, Jörg Fauser und ande­ren »Underground«-Literaten der frü­hen 1970er Jah­re, die ihren Ort jen­seits des eta­blier­ten Lite­ra­tur­be­triebs such­ten.

Wir müs­sen reka­pi­tu­lie­ren, dass es 1970 vie­le Din­ge nicht gab, die heu­te für jeden selbst­ver­ständ­lich sind: kei­ne Foto­ko­pier­ge­rä­te, kei­nen Com­pu­ter. Das Ein­zi­ge, was es gab, um Tex­te, außer im Hand­satz oder Maschi­nen­satz machen zu las­sen, war eine Schreib­ma­schi­ne von IBM, die Buch­sta­ben­ab­stän­de vari­ie­ren konn­te, wie man es von der Satz­äs­the­tik her gewohnt ist. – Ben­no Käs­mayr (2004)2


Maro, für Käs­mayr bis zur Magis­ter­prü­fung 1974 mehr Hob­by als Beruf, ist bis heu­te eins der weni­gen zu jener Zeit ent­stan­de­nen Pflänz­chen, das wei­ter gedeiht, aller­dings nach wie vor auf voll­kom­men ande­ren Level als die Majors. – Mat­thi­as Pen­zel und Ambros Wai­bel (2004)3

Cover der Anthologie Acid

Cover der Antho­lo­gie Acid

Maro beweg­te sich auf den Spu­ren der legen­dä­ren Acid-Antho­lo­gie, die Rolf Die­ter Brink­mann und Ralf-Rai­ner Rygul­la 1969 im Jörg Schrö­ders März-Ver­lag her­aus­brach­ten und eine frü­he Kar­to­gra­fie der US-ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­ne der 1960er Jah­re in deut­scher Aus­ga­be vor­leg­ten. Damit wan­der­ten Posi­tio­nen einer noch von einem gesell­schafts­kri­ti­schen Impe­tus durch­tränk­ten Post­mo­der­ne in den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Raum ein, wel­che der tra­di­tio­nel­len Lin­ken zumin­dest suspekt waren. Bereits in den spä­ten 1950er Jah­ren unter­stell­te der lin­ke New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le Irving Howe den Autoren der US-ame­ri­ka­ni­schen Gegen­kul­tur (die damals unter der Flag­ge der Beat­niks segel­ten), sie woll­ten sich dem gestalt­lo­sen Alp­traum in Kali­for­ni­en mit einer uto­pi­schen Kom­mu­ne der »Know-Not­hings« ent­zie­hen.4 Ein Jahr­zehnt spä­ter, als die außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on die selbst gestell­te »Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge« mit einer hys­te­ri­sier­ten Mili­tanz oder der Grün­dung neu­er »Arbei­ter­par­tei­en« beant­wor­te­te, lief das lite­ra­ri­sche Pro­gramm des Maro-Ver­lags kon­trär zum »Pro­jekt« einer »sozia­lis­ti­schen Lite­ra­tur«. Auch nach dem Ende der hoch­flie­gen­den Hoff­nun­gen einer wie auch immer gear­te­ten Revo­lu­ti­on, als sich die selbst­er­nann­ten Revo­lu­tio­nä­re in einer »Ten­denz­wen­de« der »neu­en Sen­si­bi­li­tät« zuwand­ten5, ope­rier­te der Maro-Ver­lag jen­seits des eta­blier­ten Lite­ra­tur­be­triebs der Bun­des­re­pu­blik.

Zweite Nummer der Underground-Zeitschrift Gasolin 23

In den frü­hen 1970er Jah­ren ebne­te Maro Autoren wie Tiny Stri­cker oder Jörg Fauser die Bahn, öff­ne­te aber auch die deut­schen lite­ra­ri­schen Schleu­sen für Jan Kerou­ac, Ronald Koert­ge oder Gil­bert Sor­ren­ti­no. Der größ­te Maro-Fang blieb frei­lich Charles Bukow­ski, den gro­ße Ver­la­ge lan­ge Zeit igno­rier­ten, ehe er in den 1970er und 1980er Jah­ren zum Best­sel­ler-Autor in sei­nem Geburts­land wur­de. Die Ver­bin­dung zu Bukow­ski erfolg­te über Carl Weiss­ner, Jörg Fauser und Jür­gen Ploog, die Macher der Under­ground-Zeit­schrift Gaso­lin 23, in der schon frü­he ers­te Über­set­zun­gen Bukow­skis erschie­nen.

Gera­de bran­det Kol­le­ge Charles Bukow­ski mit einem neu­en Sam­mel­bänd­chen mit dem Titel Kaputt in Hol­ly­wood (Maro Ver­lag) her­ein. Ich grau­se mich, lache aber sofort auch vor Ver­gnü­gen, denn Bukow­ski, aus Ander­nach stam­mend, doch gott­lob nur noch ame­ri­ka­nisch schrei­bend (die Über­set­zun­gen von Carl Weiss­ner sind phä­no­me­nal, als habe er nachts mit­ge­trun­ken und mit­ge­jazzt auf der Maschi­ne), ist ein Nach­fah­re von Lou­is Fer­di­nand Céli­ne, dem vehe­men­tes­ten Haß-Dich­ter, den ich ken­ne und der mir genützt hat. Bukow­ski sagt sar­kas­tisch wahr, was wir nicht aus­zu­spre­chen wagen. Er sehnt sich nach Uto­pie, die­ser ver­zwei­fel­te Säu­fer, hat jedoch noch stän­dig mit der Zer­trüm­me­rung zu tun. Sei­ne Leh­re heißt: Die Ame­ri­ka­ner wer­den es nicht schaf­fen, daß die gan­ze west­li­che Welt wie sie wird. Welch küh­ne Ver­hei­ßung! – Gün­ter Her­bur­ger (1977)6

Benno Käsmayr: Marotte (Maro Verlag, 2016)

Ben­no Käs­mayr: Marot­te (Maro Ver­lag, 2016)

In der von Ben­no Käs­mayr her­aus­ge­ge­be­nen Antho­lo­gie Marot­te wird die­se Geschich­te noch ein­mal leben­dig. Eröff­net wird der Band mit einem Text von Jörg Schrö­der und Bar­ba­ra Kalen­der, der an die Zusam­men­ar­beit mit Käs­mayr im Jah­re 1990 erin­nert, als sie einen kom­pe­ten­ten Dru­cker für das work in pro­gress Schrö­der erzählt such­ten. Natür­lich feh­len nicht Arbei­ten von Maro-Cash­cows wie Bukow­ski, Tiny Stri­cker oder Tex­te von US-ame­ri­ka­ni­schen Autoren wie Jim Mor­ri­son, John Fan­te, Gerald Lock­lin oder Gil­bert Sor­ren­ti­no, der in Mul­ligan Stew fik­ti­ve Ableh­nungs­brie­fe für einen fik­ti­ven Roman vor­stellt. In Erin­ne­rung bleibt auch die Remi­nis­zenz Micha­el Schul­tes an einen Besuch bei dem legen­dä­ren Klein­ver­le­ger Vic­tor Otto Stomps in sei­nem Domi­zil im Tau­nus im Jah­re 1965, das vor Büchern, Manu­skrip­ten, Unter­wä­sche, Schnaps­glä­sern, Oran­gen­scha­len und ande­ren Über­res­ten der all­täg­li­chen Exis­tenz über­quoll, wäh­rend Stomps sei­nem Gast stolz erklär­te, er habe am Tag vor­her auf­ge­räumt. »Das bleibt«, schreibt Schul­te, »einer der rät­sel­haf­tes­ten Sät­ze, die ich in mei­nem Leben gehört habe.«7

Glanz­punk­te der Antho­lo­gie sind jedoch zwei Tex­te des viel zu früh ver­stor­be­nen Carl Weiss­ner, der nicht allein Genera­tio­nen von Lesern den lite­ra­ri­schen Kos­mos von Nel­son Algren, Wil­liam S. Bur­roughs und Charles Bukow­ski eröff­ne­te, son­dern selbst ein pro­duk­ti­ver Autor war, der häu­fig jedoch hin­ter dem »Lite­ra­tur­ver­mitt­ler« ver­schwand.8 Im ers­ten Bei­trag, der im Jah­re 2004 im Maga­zin Rol­ling Stone ver­öf­fent­licht wur­de, zeich­net er ein scharf gezeich­ne­tes Por­trät Jörg Fausers. Im zwei­ten Text, der ursprüng­lich das Vor­wort zu Harold Nor­ses Buch Beat Hotel aus dem Jah­re 1975 dar­stell­te, beschreibt er das klei­ne Hotel im Pari­ser Quar­tier Latin, in dem vie­le Autoren der Beat Genera­ti­on und Avant­gar­dis­ten wie Wil­liam Bur­roughs und Bri­on Gysin ihr Quar­tier bezo­gen. Dort ent­stand schließ­lich die Col­la­ge­tech­nik der »Cut-Up-Metho­de«, mit der Bur­roughs in der ers­ten Hälf­te der 1960er Jah­re sei­ne Nova-Tri­lo­gie pro­du­zier­te (The Soft Machi­ne [1960], The Ticket That Explo­ded [1962] und Nova Express [1964]). »Was für ein irr­sin­ni­ger Witz in die­sen Büchern steckt (und was für eine Kno­chen­ar­beit die kon­se­quen­te Anwen­dung der Cut-Up-Metho­de dem Schrei­ber abver­langt)«, schrieb Weiss­ner, »kann man lei­der nur ermes­sen, wenn man die Ori­gi­nal­tex­te liest – die deut­schen Über­set­zun­gen sind der­art grau­en­haft, dass es einem die Löcher in den Socken zusam­men­zieht.«9 Erst als Weiss­ner spä­ter die Bur­roughs-Werk­aus­ga­be bei Zwei­tau­send­eins her­aus­gab, erschien zumin­dest Nova Express in einer kon­ge­nia­len Über­tra­gung, wäh­rend The Soft Machi­ne und The Ticket That Explo­ded kei­ne Neu­über­set­zung erfuh­ren.

maro-verlagsanzeige-1983

Anzei­ge des Maro-Ver­la­ges 1983

Mit den Über­set­zun­gen US-ame­ri­ka­ni­scher Autoren lie­fer­te Maro nicht immer groß­ar­ti­ge Arbeit ab, wie Jörg Fauser in einer zor­ni­gen Rezen­si­on von John Fan­tes Ich, Arturo Ban­di­ni und Ronald Koert­ges Boo­gey­man aus der Maro-Pro­duk­ti­on anpran­ger­te. Die Über­tra­gun­gen mach­ten die Roma­ne »schlicht unles­bar«, schrieb er vol­ler Wut. »Ent­we­der man ist Ver­le­ger, oder man ist kei­ner. Ent­we­der man über­setzt Bücher, oder man läßt es blei­ben. Wenn man es aber macht, dann macht man es so gut, daß die Leu­te, die 20 Mark für ein Buch hin­le­gen, für ihre 20 Mark so gut bedient wer­den, wie sie das ver­lan­gen kön­nen.«10 Lei­der fehlt der Antho­lo­gie eine selbst­kri­ti­sche Refle­xi­on über die Buch­pro­duk­ti­on in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten. Statt­des­sen hält der Auto­di­dakt Käs­mayr starr­köp­fig an den alten Idea­len des Dru­ckers fest, der irgend­wann in die Posi­ti­on des Ver­le­gers rutsch­te. In die Welt der markt­kon­for­men Ver­lags­kon­zer­ne, wie sie sich all­jähr­lich auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se prä­sen­tie­ren, woll­te er nicht abtau­chen.

Es gab dann spä­ter durch­aus Über­nah­me­ver­su­che, da kamen Leu­te, die das Hand­werk gelernt hat­ten und bei mir ein­stei­gen woll­ten. Als die dann aber sahen, wel­che Phi­lo­so­phie ver­tre­ten habe, sind die alle abge­sprun­gen. […]. Die gehen ja davon aus, bei einer Aus­lie­fe­rung ver­ur­sacht jeder Titel jeden Monat so und soviel Lager­kos­ten. Des­halb gibt es ja die­ses Ver­ram­schen, Kaputt­ma­chen, Maku­lie­ren, oder wie die das nen­nen, das habe ich ja nie gemacht. So ticke ich nicht. – Ben­no Käs­mayr (2008)11

Lesezeichen aus Marotte

Lese­zei­chen aus Marot­te

Da Käs­mayr anders als die ande­ren tickt, ist Marot­te nicht ein­fach eine Wie­der­auf­be­rei­tung von exem­pla­ri­schen Tex­ten aus den letz­ten vier Jahr­zehn­ten. Viel­mehr erhält jeder ein­zel­ne Text eine beson­de­re Note dadurch, dass die Gestal­tung in Zusam­men­ar­beit mit Stu­die­ren­den der Hoch­schu­le Augs­burg erfolg­te. So wei­sen die Tex­te auf­grund inter­pre­ta­to­ri­scher Designs über ihre his­to­ri­schen Kon­tex­te hin­aus und stel­len eine Ver­bin­dung zur Gegen­wart her, ohne im nost­al­gi­schen Schlick der Ver­gan­gen­heit zu ver­en­den. Dar­in besteht die außer­or­dent­li­che Leis­tung die­ser Antho­lo­gie.

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

 

Ben­no Käs­meyr (Hg.):
Marot­te
.
Gestal­tung: Stu­die­ren­de der Hoch­schu­le Augs­burg (Tat­ja­na Bur­ke, Jani­na Hell­mig, Paul Christ, Anto­nia Kern, Lisa Krisch­ke, Juli­us Ertelt, Jacky-Lore­en Rasch, Jan Lachen­mair, Fran­zis­ka Bin­zer, Tat­ja­na Jun­ker, Ste­fa­nia Puie, Regi­na Bis­sin­ger, Ali­na Mir­wald, Fran­zis­ka Bin­zer, Julia-Kris­ti­na Szi­ghe­ti, Zeynep Tokde­mir, Mona Kur­land; Betreu­ung: Micha­el Wör­göt­ter).
Augs­burg: Maro Ver­lag, 2016. 208 Sei­ten, 15 Euro.

 

© Jörg Auberg 2016

 

Bildquellen

Nachweise

  1. Wil­liam S. Bur­roughs, »Cob­b­le Stone Gar­dens«, in: The Bur­roughs File (San Fran­cis­co: City Lights Books, 1984). S. 223
  2. Ben­no Käs­mayr, »Auf den Bukow­ski gekom­men«, http://www.bukowski-gesellschaft.de/data/jahrbuch/_bjuk2005_027-033_Benno-Kaesmayr2_.pdf, S. 27 (Ortho­gra­phie ange­passt – JA)
  3. Mat­thi­as Pen­zel und Ambros Wai­bel, Rebell im Cola-Hin­ter­land: Jörg Fauser – eine Bio­gra­fie (Ber­lin: Edi­ti­on Tia­mat, 2004), S. 63
  4. Irving Howe, »Mass Socie­ty and Post­mo­dern Fic­tion«, Par­ti­san Review, 26:3 (1959), S. 435
  5. Cf. Micha­el Schnei­der, Den Kopf ver­kehrt auf­ge­setzt oder Die melan­cho­li­sche Lin­ke: Aspek­te des Kul­turz­er­falls in den sieb­zi­ger Jah­ren (Darm­stadt: Luch­ter­hand, 1981)
  6. Gün­ter Her­bur­ger, »Ich habe gele­sen«, Kon­kret, Nr. (Febru­ar 1977), S. 35
  7. Micha­el Schul­te, »Besuch bei V. O. Stomps«, in: Marot­te, hg. Ben­no Käs­mayr (Augs­burg: Maro, 2016), S. 118–119
  8. Cf. Mat­thi­as Pen­zel, »Biblio­gra­phy of Carl Weiss­ner Trans­la­ti­ons«, http://realitystudio.org/publications/death-in-paris/bibliography-of-carl-weissner-translations/
  9. Carl Weiss­ner, »Beat Hotel«, in: Marot­te, S. 59; die Bur­roughs-Über­set­zun­gen von Peter Beh­rens erschie­nen im Limes-Ver­lag und in der Taschen­buch-Ver­si­on bei Ull­stein
  10. Jörg Fauser, »Eine Art von Zorn« (1982), in: Fauser, Der Strand der Städ­te: Gesam­mel­te jour­na­lis­ti­sche Arbei­ten 1959–1987, hg. Alex­an­der Wewer­ka (Ber­lin: Alex­an­der Ver­lag, 2009), S. 658–659
  11. Frank Schä­fer, »›Ich bin ein Micky-Maus-Heft‹: Inter­view mit Ben­no Käs­mayr«, Zeit Online, 3. April 2008, in: Marot­te, S. 201

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3 Comments

Rosa Wiegand

3 November , 2016 at 3:34 pm

Die »Marotten« habe ich auch gerne gelesen. Insgesamt ein schöner Scheinwerfer auf gute Texte, die es verdient haben nicht vergessen zu werden. Allerdings habe ich es als literarisches Magazin verstanden, ist es wirklich eine Anthologie? Fehlen dann nicht viele wichtige Texte aus dem Programm?

Jörg Auberg

6 November , 2016 at 1:42 pm

Der Begriff "Literarisches Magazin" impliziert für mich einen periodischen Charakter, der auf Marotte meines Erachtens nicht zutrifft. Zudem würde ich von einem "literarischen Magazin" erwarten, dass dort Texte publiziert werden, die nicht bereits an anderer Stelle erschienen. Das Wesen der Anthologie definiert sich über "Lücken": Die Auswahl der Texte soll einen Querschnitt der Produktion reflektieren, ohne den Anspruch der Vollständigkeit zu erfüllen.

Ernst Lipps

22 November , 2016 at 12:30 pm

Wie es so ist im Leben: Irgendwann stößt man auf einen Begriff, der genau auf den Tag und seiner Stimmung passt: heute war es "Maro". Ein glücklicher "Zufall"? Wohl kaum. Der Pfeil trifft sein Ziel.

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