Kristine von Soden: »Ob die Möwen manchmal an mich denken?«

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»Pogromluft weht in Deutschland«

 

Kristina von Soden beschreibt in ihrem Buch »Ob die Möwen manchmal an mich denken?« Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee

 

Im Juli 1938 fühl­te sich der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Mag­de­bur­ger Ver­sor­gung AG – laut Selbst­be­schrei­bung ein »alter Natio­nal­so­zia­list« – wäh­rend sei­nes Urlau­bes im Ost­see­bad Pre­row auf der Halb­in­sel Darß von drei »typi­schen Juden­kin­dern« im Strand­korb vor ihm beläs­tigt. In einem maschi­nen­ge­schrie­be­nen Pro­test­brief for­der­te er den Kur­di­rek­tor des See­ba­des auf, die Kin­der samt ihrer weib­li­chen Begleit­per­son schleu­nigst zu ent­fer­nen. Am 25. Juli 1938 muss­ten die jüdi­schen Voll­wai­sen Irma, Mir­jam und Son­ja Son­nen­schein sowie ihre Erzie­he­rin Ger­trud Heß­lein den Ort ver­las­sen. Fünf Jah­re spä­ter wur­den die drei Schwes­tern in Ausch­witz ermor­det.1

 

»Antisemitische Badenester«

 

Kristine von Soden: »Ob die Möwen manchmal an mich denken?« Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee (AvivA Verlag, 2018)
Kris­ti­ne von Soden: »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?« Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see
(Avi­vA Ver­lag, 2018)

In ihrem Buch »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«2 beschreibt Kris­ti­ne von Soden anhand von Brie­fen, Tage­buch­auf­zeich­nun­gen und Erin­ne­run­gen von Zeit­ge­nos­sen und Zeit­ge­nos­sin­nen wie Else Las­ker-Schü­ler, Han­nah Arendt, Mascha Kalé­ko, Eva und Vic­tor Klem­pe­rer, Käthe Koll­witz oder Kurt Tuchol­sky sowie zahl­rei­chen Archiv­do­ku­men­ten den Auf­schwung des Bäder-Tou­ris­mus an der Ost­see wäh­rend des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs wie auch den – nicht nur in Deutsch­land – gras­sie­ren­den »Bäder-Anti­se­mi­tis­mus«.

In den Ost­see­bä­dern auf Hid­den­see, Rügen und Use­dom, an der Bern­st­ein­küs­te von Sam­land oder an der »Pom­mer­schen Rivie­ra« nahm man zwar gern das Geld der jüdi­schen Erho­lungs­gäs­te, doch wur­den sie von den deut­schen Betrei­bern der Pen­sio­nen und Hotels als unlieb­sa­me, wenn nicht feind­li­che »Frem­de« betrach­tet. Vom »Frem­den­ver­kehr« leb­ten die Tou­ris­mus-Beschäf­tig­ten, doch ins­ge­heim ver­ach­te­ten oder hass­ten sie die jüdi­schen »Frem­den«.

[otw_shortcode_quote border_style=“bordered” background_pattern=“otw-pattern‑1”]»Jüdische Bade­gäs­te wer­den vie­ler­orts mit Belei­di­gun­gen kon­fron­tiert, die einer erfolg­rei­chen Erho­lung ent­ge­gen­wir­ken. Schon allein der Hin­weis etli­cher Quar­tie­re auf den Aus­schluss jüdi­scher Gäs­te dämpf­te jede Hei­ter­keit und Feri­en­lust.«3[/otw_shortcode_quote]

 

Rudolf Mosse (ca. 1900)
Rudolf Mos­se (ca. 1900)

Bereits 1904 schrieb der libe­ral-kon­ser­va­ti­ve Ver­le­ger Rudolf Mos­se in einem Leit­ar­ti­kel gegen die »anti­se­mi­ti­schen Bäder und Som­mer­fri­schen« an: »Wir schä­men uns der Anti­se­mi­ten, aber der anti­se­mi­ti­schen Som­mer­fri­schen könn­ten sich selbst die Anti­se­mi­ten schä­men, so gering der von ihnen geblie­be­ne Rest von Scham­ge­fühl auch sein mag. Bis es aber anders gewor­den ist, mei­de jeder Jude die­se anti­se­mi­ti­schen Bade­nes­ter.«4

 

Von der Sommerfrische zum Pogrom

Nach dem ers­ten Welt­krieg agier­ten anti­se­mi­ti­sche Akteu­re in Bädern und Kur­or­ten zuneh­mend aggres­si­ver und bru­ta­ler, wie der His­to­ri­ker Frank Bajohr in sei­ner Stu­die über den Bäder-Anti­se­mi­tis­mus kon­sta­tiert.5 Bei­spiels­wei­se lehn­te das Ost­see­bad Zin­no­witz auf Use­dom »jüdi­schen Besuch« ent­schie­den ab, und das »Zin­no­witz-Lied« (eine Varia­ti­on des berüch­tig­ten anti­se­mi­ti­schen »Bor­kum-Lie­des«) unter­strich, was unter »deut­schem Gefühl« zu ver­ste­hen war: »Wir mögen kei­ne frem­de Rasse/– Fern bleibt der Itz/Von Zin­no­witz.«6 1918 titel­te eine Zei­tung: »Pogrom­luft weht in Deutsch­land«, und in den Fol­ge­jah­ren gewan­nen »Haken­kreuz­ler« auch in den »Oasen« der Som­mer­fri­sche die Ober­hand. Von den Gie­beln mon­dä­ner Strand­ho­tels im See­bad Binz weh­ten Haken­kreuz­fah­nen, und die Insel Rügen wur­de vor allem »völ­ki­schen Besu­chern« emp­foh­len.7

Wie schon von Sodens Vor­gän­ger­buch zur Geschich­te der jüdi­schen Flucht aus Deutsch­land in den 1930er Jah­ren8 besticht auch die­ser Band durch eine exzel­len­te Archiv­re­cher­che und reich­hal­ti­ge Doku­men­ta­ti­on. Vie­le der zahl­rei­chen Abbil­dun­gen gewäh­ren Ein­bli­cke in die Psy­cho­pa­tho­lo­gie einer Bevöl­ke­rung, die ihr Heil in einem völ­ki­schen Natio­na­lis­mus such­te. Bereits 1920 ver­zier­ten Strand­ho­tel-Betrei­ber ihre Wer­be­an­zei­gen mit Haken­kreu­zen, und deut­sche Urlau­ber in den Ost­see­bä­dern Grömitz und Schar­beutz beflagg­ten ihre Strand­bur­gen mit deutsch­na­tio­na­len Fah­nen. In den Zen­tren der anti­se­mi­ti­schen Som­mer­fri­schen wähn­te man sich früh auf dem Weg zum »stein- und juden­frei­en Strand«9. Für Frank Bajohr sind die See­bä­der ein »Weg­be­rei­ter des Aus­gren­zungs­pro­zes­ses«10, der schließ­lich zur völ­li­gen Eli­mi­na­ti­on führ­te, wie sie am Bei­spiel der Geschwis­ter Son­nen­schein voll­zo­gen wur­de.

 

Der »Knoten des Zufälligen«

 

Paul W. Massing: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus (Europäische Verlagsanstalt, Reprint 1986)
Paul W. Mas­sing: Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus (Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, Reprint 1986)

In sei­ner Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus hat­te Paul M. Mas­sing den Auf­stieg des Impe­ria­lis­mus für das zeit­wei­se Abeb­ben anti­jü­di­scher Aktio­nen im wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich aus­ge­macht. Als der Ers­te Welt­krieg den deut­schen Illu­sio­nen von inter­na­tio­na­ler Vor­herr­schaft ein jähes wie demü­ti­gen­des Ende berei­te­te, kehr­te der Anti­se­mi­tis­mus »stär­ker und bös­ar­ti­ger denn je« zurück.11

»Der Anti­se­mi­tis­mus hat sei­ne Basis in objek­ti­ven gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen eben­so wie in Bewußt­sein und Unbe­wußt­sein der Mas­sen«, schrie­ben Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no 1959. »Aber es aktua­li­siert sich als Mit­tel der Poli­tik: als eines der Inte­gra­ti­on aus­ein­an­der­wei­sen­der Grup­pen­in­ter­es­sen; als die kür­zes­te und unge­fähr­lichs­te Art, von einer Lebens­not abzu­len­ken, zu deren Besei­ti­gung ande­re Mit­tel ver­füg­bar wären.«12

Das Ver­dienst Kris­ti­na von Sodens ist es, dass sie Mate­ria­li­en in minu­tiö­ser Klein­ar­beit zusam­men­ge­bracht hat, wel­che die Wir­kungs­wei­se der Aus­gren­zung offen­le­gen. Am Ende die­ses Pro­zes­ses ste­hen Ghet­toi­sie­rung und schließ­lich Aus­mer­zung. Gera­de in Zei­ten wie die­sen trägt die­ses Buch dazu bei, den »Kno­ten des Zufäl­li­gen« zu ent­wir­ren13 (wie es bei Hork­hei­mer und Ador­no hieß). Ob jedoch das neu­er­lich her­auf­däm­mern­de Ver­häng­nis der deut­schen Ver­gan­gen­heit dadurch auf­ge­hal­ten wer­den kann, muss ange­sichts der aktu­el­len Ver­hält­nis­se bezwei­felt wer­den.

 

 

Bibliografische Angaben:

Kris­ti­ne von Soden.
»Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«
Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see.
Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2018.
208 Sei­ten, 20 Euro.
ISBN: 978–3‑932338–72‑4.

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[otw_shortcode_content_box title=“Bildquellen” title_style=“otw-regular-title” content_pattern=“otw-pattern‑2” icon_type=“general found­icon-glo­be”] Cover »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?« — © Avi­vA Ver­lag
Foto von Rudolf Mos­se — Wiki­me­dia
Cover Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus — © Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt
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© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Kris­ti­ne von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«: Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see (Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2018), S. 129–131
  2. Der Titel des Buches geht auf ein Zitat der däni­schen Schau­spie­le­rin Asta Niel­sen zurück, die häu­fig in Vit­te auf Hid­den­see ihren Urlaub ver­brach­te: »Ob die Möwen in Vit­te manch­mal an mich den­ken?«, frag­te sie in ihren Memoi­ren, nach­dem sie nach 1935 nie mehr nach Hid­den­see zurück­kehr­te. Cf. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 118
  3. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 36
  4. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 38
  5. Frank Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«: Bäder-Anti­se­mi­tis­mus im 19. und 20. Jahr­hun­dert (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 142
  6. Zitiert nach Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«, S. 176
  7. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 49, 64, 98
  8. Kris­ti­ne von Soden, »Und drau­ßen weht ein frem­der Wind …«: Über die Mee­re ins Exil ((Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2016)
  9. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 163
  10. Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«, S. 116
  11. Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, über­setzt und bear­bei­tet von Felix Weil (1959; rpt. Frankfurt/Main: Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, 1986), S.225
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, Vor­wort zu: Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, S. VIII
  13. Hork­hei­mer und Ador­no, Vor­wort zu: Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, S. VII

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