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Kristine von Soden: »Ob die Möwen manchmal an mich denken?«

»Pogromluft weht in Deutschland«

 

Kristina von Soden beschreibt in ihrem Buch »Ob die Möwen manchmal an mich denken?« Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee

 

Im Juli 1938 fühl­te sich der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Mag­de­bur­ger Ver­sor­gung AG – laut Selbst­be­schrei­bung ein »alter Natio­nal­so­zia­list« – wäh­rend sei­nes Urlau­bes im Ost­see­bad Pre­row auf der Halb­in­sel Darß von drei »typi­schen Juden­kin­dern« im Strand­korb vor ihm beläs­tigt. In einem maschi­nen­ge­schrie­be­nen Pro­test­brief for­der­te er den Kur­di­rek­tor des See­ba­des auf, die Kin­der samt ihrer weib­li­chen Begleit­per­son schleu­nigst zu ent­fer­nen. Am 25. Juli 1938 muss­ten die jüdi­schen Voll­wai­sen Irma, Mir­jam und Son­ja Son­nen­schein sowie ihre Erzie­he­rin Ger­trud Heß­lein den Ort ver­las­sen. Fünf Jah­re spä­ter wur­den die drei Schwes­tern in Ausch­witz ermor­det.1

 

»Antisemitische Badenester«

 

Kristine von Soden: »Ob die Möwen manchmal an mich denken?« Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee (AvivA Verlag, 2018)

Kris­ti­ne von Soden: »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?« Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see
(Avi­vA Ver­lag, 2018)

In ihrem Buch »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«2 beschreibt Kris­ti­ne von Soden anhand von Brie­fen, Tage­buch­auf­zeich­nun­gen und Erin­ne­run­gen von Zeit­ge­nos­sen und Zeit­ge­nos­sin­nen wie Else Las­ker-Schü­ler, Han­nah Arendt, Mascha Kalé­ko, Eva und Vic­tor Klem­pe­rer, Käthe Koll­witz oder Kurt Tuchol­sky sowie zahl­rei­chen Archiv­do­ku­men­ten den Auf­schwung des Bäder-Tou­ris­mus an der Ost­see wäh­rend des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs wie auch den – nicht nur in Deutsch­land – gras­sie­ren­den »Bäder-Anti­se­mi­tis­mus«.

In den Ost­see­bä­dern auf Hid­den­see, Rügen und Use­dom, an der Bern­st­ein­küs­te von Sam­land oder an der »Pom­mer­schen Rivie­ra« nahm man zwar gern das Geld der jüdi­schen Erho­lungs­gäs­te, doch wur­den sie von den deut­schen Betrei­bern der Pen­sio­nen und Hotels als unlieb­sa­me, wenn nicht feind­li­che »Frem­de« betrach­tet. Vom »Frem­den­ver­kehr« leb­ten die Tou­ris­mus-Beschäf­tig­ten, doch ins­ge­heim ver­ach­te­ten oder hass­ten sie die jüdi­schen »Frem­den«.

»Jüdi­sche Bade­gäs­te wer­den vie­ler­orts mit Belei­di­gun­gen kon­fron­tiert, die einer erfolg­rei­chen Erho­lung ent­ge­gen­wir­ken. Schon allein der Hin­weis etli­cher Quar­tie­re auf den Aus­schluss jüdi­scher Gäs­te dämpf­te jede Hei­ter­keit und Feri­en­lust.«3

 

Rudolf Mosse (ca. 1900)

Rudolf Mos­se (ca. 1900)

Bereits 1904 schrieb der libe­ral-kon­ser­va­ti­ve Ver­le­ger Rudolf Mos­se in einem Leit­ar­ti­kel gegen die »anti­se­mi­ti­schen Bäder und Som­mer­fri­schen« an: »Wir schä­men uns der Anti­se­mi­ten, aber der anti­se­mi­ti­schen Som­mer­fri­schen könn­ten sich selbst die Anti­se­mi­ten schä­men, so gering der von ihnen geblie­be­ne Rest von Scham­ge­fühl auch sein mag. Bis es aber anders gewor­den ist, mei­de jeder Jude die­se anti­se­mi­ti­schen Bade­nes­ter.«4

 

Von der Sommerfrische zum Pogrom

Nach dem ers­ten Welt­krieg agier­ten anti­se­mi­ti­sche Akteu­re in Bädern und Kur­or­ten zuneh­mend aggres­si­ver und bru­ta­ler, wie der His­to­ri­ker Frank Bajohr in sei­ner Stu­die über den Bäder-Anti­se­mi­tis­mus kon­sta­tiert.5 Bei­spiels­wei­se lehn­te das Ost­see­bad Zin­no­witz auf Use­dom »jüdi­schen Besuch« ent­schie­den ab, und das »Zin­no­witz-Lied« (eine Varia­ti­on des berüch­tig­ten anti­se­mi­ti­schen »Bor­kum-Lie­des«) unter­strich, was unter »deut­schem Gefühl« zu ver­ste­hen war: »Wir mögen kei­ne frem­de Rasse/– Fern bleibt der Itz/Von Zin­no­witz.«6 1918 titel­te eine Zei­tung: »Pogrom­luft weht in Deutsch­land«, und in den Fol­ge­jah­ren gewan­nen »Haken­kreuz­ler« auch in den »Oasen« der Som­mer­fri­sche die Ober­hand. Von den Gie­beln mon­dä­ner Strand­ho­tels im See­bad Binz weh­ten Haken­kreuz­fah­nen, und die Insel Rügen wur­de vor allem »völ­ki­schen Besu­chern« emp­foh­len.7

Wie schon von Sodens Vor­gän­ger­buch zur Geschich­te der jüdi­schen Flucht aus Deutsch­land in den 1930er Jah­ren8 besticht auch die­ser Band durch eine exzel­len­te Archiv­re­cher­che und reich­hal­ti­ge Doku­men­ta­ti­on. Vie­le der zahl­rei­chen Abbil­dun­gen gewäh­ren Ein­bli­cke in die Psy­cho­pa­tho­lo­gie einer Bevöl­ke­rung, die ihr Heil in einem völ­ki­schen Natio­na­lis­mus such­te. Bereits 1920 ver­zier­ten Strand­ho­tel-Betrei­ber ihre Wer­be­an­zei­gen mit Haken­kreu­zen, und deut­sche Urlau­ber in den Ost­see­bä­dern Grömitz und Schar­beutz beflagg­ten ihre Strand­bur­gen mit deutsch­na­tio­na­len Fah­nen. In den Zen­tren der anti­se­mi­ti­schen Som­mer­fri­schen wähn­te man sich früh auf dem Weg zum »stein- und juden­frei­en Strand«9. Für Frank Bajohr sind die See­bä­der ein »Weg­be­rei­ter des Aus­gren­zungs­pro­zes­ses«10, der schließ­lich zur völ­li­gen Eli­mi­na­ti­on führ­te, wie sie am Bei­spiel der Geschwis­ter Son­nen­schein voll­zo­gen wur­de.

 

Der »Knoten des Zufälligen«

 

Paul W. Massing: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus (Europäische Verlagsanstalt, Reprint 1986)

Paul W. Mas­sing: Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus (Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, Reprint 1986)

In sei­ner Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus hat­te Paul M. Mas­sing den Auf­stieg des Impe­ria­lis­mus für das zeit­wei­se Abeb­ben anti­jü­di­scher Aktio­nen im wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich aus­ge­macht. Als der Ers­te Welt­krieg den deut­schen Illu­sio­nen von inter­na­tio­na­ler Vor­herr­schaft ein jähes wie demü­ti­gen­des Ende berei­te­te, kehr­te der Anti­se­mi­tis­mus »stär­ker und bös­ar­ti­ger denn je« zurück.11

»Der Anti­se­mi­tis­mus hat sei­ne Basis in objek­ti­ven gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen eben­so wie in Bewußt­sein und Unbe­wußt­sein der Mas­sen«, schrie­ben Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no 1959. »Aber es aktua­li­siert sich als Mit­tel der Poli­tik: als eines der Inte­gra­ti­on aus­ein­an­der­wei­sen­der Grup­pen­in­ter­es­sen; als die kür­zes­te und unge­fähr­lichs­te Art, von einer Lebens­not abzu­len­ken, zu deren Besei­ti­gung ande­re Mit­tel ver­füg­bar wären.«12

Das Ver­dienst Kris­ti­na von Sodens ist es, dass sie Mate­ria­li­en in minu­tiö­ser Klein­ar­beit zusam­men­ge­bracht hat, wel­che die Wir­kungs­wei­se der Aus­gren­zung offen­le­gen. Am Ende die­ses Pro­zes­ses ste­hen Ghet­toi­sie­rung und schließ­lich Aus­mer­zung. Gera­de in Zei­ten wie die­sen trägt die­ses Buch dazu bei, den »Kno­ten des Zufäl­li­gen« zu ent­wir­ren13 (wie es bei Hork­hei­mer und Ador­no hieß). Ob jedoch das neu­er­lich her­auf­däm­mern­de Ver­häng­nis der deut­schen Ver­gan­gen­heit dadurch auf­ge­hal­ten wer­den kann, muss ange­sichts der aktu­el­len Ver­hält­nis­se bezwei­felt wer­den.

 

 

Bibliografische Angaben:

Kris­ti­ne von Soden.
»Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«
Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see.
Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2018.
208 Sei­ten, 20 Euro.
ISBN: 978–3-932338–72-4.

 

Bildquellen



Cover »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?« — © Avi­vA Ver­lag

Foto von Rudolf Mos­se — Wiki­me­dia

Cover Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus — © Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt

© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Kris­ti­ne von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«: Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see (Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2018), S. 129–131
  2. Der Titel des Buches geht auf ein Zitat der däni­schen Schau­spie­le­rin Asta Niel­sen zurück, die häu­fig in Vit­te auf Hid­den­see ihren Urlaub ver­brach­te: »Ob die Möwen in Vit­te manch­mal an mich den­ken?«, frag­te sie in ihren Memoi­ren, nach­dem sie nach 1935 nie mehr nach Hid­den­see zurück­kehr­te. Cf. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 118
  3. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 36
  4. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 38
  5. Frank Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«: Bäder-Anti­se­mi­tis­mus im 19. und 20. Jahr­hun­dert (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 142
  6. Zitiert nach Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«, S. 176
  7. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 49, 64, 98
  8. Kris­ti­ne von Soden, »Und drau­ßen weht ein frem­der Wind …«: Über die Mee­re ins Exil ((Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2016)
  9. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 163
  10. Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«, S. 116
  11. Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, über­setzt und bear­bei­tet von Felix Weil (1959; rpt. Frankfurt/Main: Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, 1986), S.225
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, Vor­wort zu: Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, S. VIII
  13. Hork­hei­mer und Ador­no, Vor­wort zu: Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, S. VII

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Kristine von Soden: »Ob die Möwen manchmal an mich denken?«

»Pogromluft weht in Deutschland«

 

Kristina von Soden beschreibt in ihrem Buch »Ob die Möwen manchmal an mich denken?« Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee

 

Im Juli 1938 fühl­te sich der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Mag­de­bur­ger Ver­sor­gung AG – laut Selbst­be­schrei­bung ein »alter Natio­nal­so­zia­list« – wäh­rend sei­nes Urlau­bes im Ost­see­bad Pre­row auf der Halb­in­sel Darß von drei »typi­schen Juden­kin­dern« im Strand­korb vor ihm beläs­tigt. In einem maschi­nen­ge­schrie­be­nen Pro­test­brief for­der­te er den Kur­di­rek­tor des See­ba­des auf, die Kin­der samt ihrer weib­li­chen Begleit­per­son schleu­nigst zu ent­fer­nen. Am 25. Juli 1938 muss­ten die jüdi­schen Voll­wai­sen Irma, Mir­jam und Son­ja Son­nen­schein sowie ihre Erzie­he­rin Ger­trud Heß­lein den Ort ver­las­sen. Fünf Jah­re spä­ter wur­den die drei Schwes­tern in Ausch­witz ermor­det.1

 

»Antisemitische Badenester«

 

Kristine von Soden: »Ob die Möwen manchmal an mich denken?« Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee (AvivA Verlag, 2018)

Kris­ti­ne von Soden: »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?« Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see
(Avi­vA Ver­lag, 2018)

In ihrem Buch »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«2 beschreibt Kris­ti­ne von Soden anhand von Brie­fen, Tage­buch­auf­zeich­nun­gen und Erin­ne­run­gen von Zeit­ge­nos­sen und Zeit­ge­nos­sin­nen wie Else Las­ker-Schü­ler, Han­nah Arendt, Mascha Kalé­ko, Eva und Vic­tor Klem­pe­rer, Käthe Koll­witz oder Kurt Tuchol­sky sowie zahl­rei­chen Archiv­do­ku­men­ten den Auf­schwung des Bäder-Tou­ris­mus an der Ost­see wäh­rend des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs wie auch den – nicht nur in Deutsch­land – gras­sie­ren­den »Bäder-Anti­se­mi­tis­mus«.

In den Ost­see­bä­dern auf Hid­den­see, Rügen und Use­dom, an der Bern­st­ein­küs­te von Sam­land oder an der »Pom­mer­schen Rivie­ra« nahm man zwar gern das Geld der jüdi­schen Erho­lungs­gäs­te, doch wur­den sie von den deut­schen Betrei­bern der Pen­sio­nen und Hotels als unlieb­sa­me, wenn nicht feind­li­che »Frem­de« betrach­tet. Vom »Frem­den­ver­kehr« leb­ten die Tou­ris­mus-Beschäf­tig­ten, doch ins­ge­heim ver­ach­te­ten oder hass­ten sie die jüdi­schen »Frem­den«.

»Jüdi­sche Bade­gäs­te wer­den vie­ler­orts mit Belei­di­gun­gen kon­fron­tiert, die einer erfolg­rei­chen Erho­lung ent­ge­gen­wir­ken. Schon allein der Hin­weis etli­cher Quar­tie­re auf den Aus­schluss jüdi­scher Gäs­te dämpf­te jede Hei­ter­keit und Feri­en­lust.«3

 

Rudolf Mosse (ca. 1900)

Rudolf Mos­se (ca. 1900)

Bereits 1904 schrieb der libe­ral-kon­ser­va­ti­ve Ver­le­ger Rudolf Mos­se in einem Leit­ar­ti­kel gegen die »anti­se­mi­ti­schen Bäder und Som­mer­fri­schen« an: »Wir schä­men uns der Anti­se­mi­ten, aber der anti­se­mi­ti­schen Som­mer­fri­schen könn­ten sich selbst die Anti­se­mi­ten schä­men, so gering der von ihnen geblie­be­ne Rest von Scham­ge­fühl auch sein mag. Bis es aber anders gewor­den ist, mei­de jeder Jude die­se anti­se­mi­ti­schen Bade­nes­ter.«4

 

Von der Sommerfrische zum Pogrom

Nach dem ers­ten Welt­krieg agier­ten anti­se­mi­ti­sche Akteu­re in Bädern und Kur­or­ten zuneh­mend aggres­si­ver und bru­ta­ler, wie der His­to­ri­ker Frank Bajohr in sei­ner Stu­die über den Bäder-Anti­se­mi­tis­mus kon­sta­tiert.5 Bei­spiels­wei­se lehn­te das Ost­see­bad Zin­no­witz auf Use­dom »jüdi­schen Besuch« ent­schie­den ab, und das »Zin­no­witz-Lied« (eine Varia­ti­on des berüch­tig­ten anti­se­mi­ti­schen »Bor­kum-Lie­des«) unter­strich, was unter »deut­schem Gefühl« zu ver­ste­hen war: »Wir mögen kei­ne frem­de Rasse/– Fern bleibt der Itz/Von Zin­no­witz.«6 1918 titel­te eine Zei­tung: »Pogrom­luft weht in Deutsch­land«, und in den Fol­ge­jah­ren gewan­nen »Haken­kreuz­ler« auch in den »Oasen« der Som­mer­fri­sche die Ober­hand. Von den Gie­beln mon­dä­ner Strand­ho­tels im See­bad Binz weh­ten Haken­kreuz­fah­nen, und die Insel Rügen wur­de vor allem »völ­ki­schen Besu­chern« emp­foh­len.7

Wie schon von Sodens Vor­gän­ger­buch zur Geschich­te der jüdi­schen Flucht aus Deutsch­land in den 1930er Jah­ren8 besticht auch die­ser Band durch eine exzel­len­te Archiv­re­cher­che und reich­hal­ti­ge Doku­men­ta­ti­on. Vie­le der zahl­rei­chen Abbil­dun­gen gewäh­ren Ein­bli­cke in die Psy­cho­pa­tho­lo­gie einer Bevöl­ke­rung, die ihr Heil in einem völ­ki­schen Natio­na­lis­mus such­te. Bereits 1920 ver­zier­ten Strand­ho­tel-Betrei­ber ihre Wer­be­an­zei­gen mit Haken­kreu­zen, und deut­sche Urlau­ber in den Ost­see­bä­dern Grömitz und Schar­beutz beflagg­ten ihre Strand­bur­gen mit deutsch­na­tio­na­len Fah­nen. In den Zen­tren der anti­se­mi­ti­schen Som­mer­fri­schen wähn­te man sich früh auf dem Weg zum »stein- und juden­frei­en Strand«9. Für Frank Bajohr sind die See­bä­der ein »Weg­be­rei­ter des Aus­gren­zungs­pro­zes­ses«10, der schließ­lich zur völ­li­gen Eli­mi­na­ti­on führ­te, wie sie am Bei­spiel der Geschwis­ter Son­nen­schein voll­zo­gen wur­de.

 

Der »Knoten des Zufälligen«

 

Paul W. Massing: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus (Europäische Verlagsanstalt, Reprint 1986)

Paul W. Mas­sing: Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus (Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, Reprint 1986)

In sei­ner Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus hat­te Paul M. Mas­sing den Auf­stieg des Impe­ria­lis­mus für das zeit­wei­se Abeb­ben anti­jü­di­scher Aktio­nen im wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich aus­ge­macht. Als der Ers­te Welt­krieg den deut­schen Illu­sio­nen von inter­na­tio­na­ler Vor­herr­schaft ein jähes wie demü­ti­gen­des Ende berei­te­te, kehr­te der Anti­se­mi­tis­mus »stär­ker und bös­ar­ti­ger denn je« zurück.11

»Der Anti­se­mi­tis­mus hat sei­ne Basis in objek­ti­ven gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen eben­so wie in Bewußt­sein und Unbe­wußt­sein der Mas­sen«, schrie­ben Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no 1959. »Aber es aktua­li­siert sich als Mit­tel der Poli­tik: als eines der Inte­gra­ti­on aus­ein­an­der­wei­sen­der Grup­pen­in­ter­es­sen; als die kür­zes­te und unge­fähr­lichs­te Art, von einer Lebens­not abzu­len­ken, zu deren Besei­ti­gung ande­re Mit­tel ver­füg­bar wären.«12

Das Ver­dienst Kris­ti­na von Sodens ist es, dass sie Mate­ria­li­en in minu­tiö­ser Klein­ar­beit zusam­men­ge­bracht hat, wel­che die Wir­kungs­wei­se der Aus­gren­zung offen­le­gen. Am Ende die­ses Pro­zes­ses ste­hen Ghet­toi­sie­rung und schließ­lich Aus­mer­zung. Gera­de in Zei­ten wie die­sen trägt die­ses Buch dazu bei, den »Kno­ten des Zufäl­li­gen« zu ent­wir­ren13 (wie es bei Hork­hei­mer und Ador­no hieß). Ob jedoch das neu­er­lich her­auf­däm­mern­de Ver­häng­nis der deut­schen Ver­gan­gen­heit dadurch auf­ge­hal­ten wer­den kann, muss ange­sichts der aktu­el­len Ver­hält­nis­se bezwei­felt wer­den.

 

 

Bibliografische Angaben:

Kris­ti­ne von Soden.
»Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«
Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see.
Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2018.
208 Sei­ten, 20 Euro.
ISBN: 978–3-932338–72-4.

 

Bildquellen



Cover »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?« — © Avi­vA Ver­lag

Foto von Rudolf Mos­se — Wiki­me­dia

Cover Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus — © Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt

© Jörg Auberg 2018

Nachweise

  1. Kris­ti­ne von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«: Die Ver­trei­bung jüdi­scher Bade­gäs­te an der Ost­see (Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2018), S. 129–131
  2. Der Titel des Buches geht auf ein Zitat der däni­schen Schau­spie­le­rin Asta Niel­sen zurück, die häu­fig in Vit­te auf Hid­den­see ihren Urlaub ver­brach­te: »Ob die Möwen in Vit­te manch­mal an mich den­ken?«, frag­te sie in ihren Memoi­ren, nach­dem sie nach 1935 nie mehr nach Hid­den­see zurück­kehr­te. Cf. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 118
  3. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 36
  4. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 38
  5. Frank Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«: Bäder-Anti­se­mi­tis­mus im 19. und 20. Jahr­hun­dert (Frankfurt/Main: Fischer, 2003), S. 142
  6. Zitiert nach Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«, S. 176
  7. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 49, 64, 98
  8. Kris­ti­ne von Soden, »Und drau­ßen weht ein frem­der Wind …«: Über die Mee­re ins Exil ((Ber­lin: Avi­vA Ver­lag, 2016)
  9. von Soden, »Ob die Möwen manch­mal an mich den­ken?«, S. 163
  10. Bajohr, »Unser Hotel ist juden­frei«, S. 116
  11. Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, über­setzt und bear­bei­tet von Felix Weil (1959; rpt. Frankfurt/Main: Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, 1986), S.225
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, Vor­wort zu: Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, S. VIII
  13. Hork­hei­mer und Ador­no, Vor­wort zu: Mas­sing, Vor­ge­schich­te des poli­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus, S. VII

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