Texte und Zeichen

Steffen Kopetzky — Die Harzreise

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Unterwegs in der Zone

Steffen Kopetzky auf den Spuren von Heinrich Heine im Harz 

von Jörg Auberg

In Tho­mas Pyn­chons Roman Gravity’s Rain­bow (1973) – der von Kritiker*innen gern als »exem­pla­ri­scher post­mo­der­ner Text« und als Ulys­ses des spä­ten 20. Jahr­hun­derts klas­si­fi­ziert wird1 – taucht der Ober­harz bei einem Über­flug von See­sen nach Gos­lar Rich­tung Lei­ne und Weser mit einem Ort »Claus­thal-Zel­t­erfeld« auf.2 (In der deut­schen Über­set­zung wur­de der Schreib­feh­ler still­schwei­gend kor­ri­giert.3

Auf dem Weg zum Geisterhaus

Steffen Kopetzky: Die Harzreise: Eine Deutschlanderkundung (Rowohlt Berlin, 2026)
Stef­fen Kopetz­ky: Die Harz­rei­se: Eine Deutsch­lan­d­er­kun­dung (Rowohlt Ber­lin, 2026)

In sei­nem Buch Die Harz­rei­se bewegt sich Stef­fen Kopetz­ky auf den Spu­ren Hein­rich Hei­nes (der als Göt­tin­ger Stu­dent 1824 aus gesund­heit­li­chen Grün­den auf eine »Fuß­rei­se« durch das nörd­lichs­te Mit­tel­ge­bir­ge Deutsch­lands auf­ge­bro­chen war) in dem geo­gra­fi­schen Raum des Har­zes, der bei Pyn­chon als »Zone« (der Schuld und Ver­stri­ckung) bezeich­net wird4) und freut sich – nach sei­nem Auf­bruch in Göt­tin­gen – auf »das mythisch schim­mern­de Claus­thal«.5 Wie sein Vor­gän­ger nimmt der neue Harz­rei­sen­de Quar­tier im Hotel »Gol­de­ne Kro­ne«, das sich aller­dings weni­ger »gol­den« denn etwas »aus­ge­stor­ben« aus­nimmt. Etwas despek­tier­lich nennt es Kopetz­ky ein »fein möblier­tes Geis­ter­haus«.6 In sei­nem Rei­se­be­richt Die Harz­rei­se (1826 in Buch­form im Ham­bur­ger Ver­lag Hoff­mann & Cam­pe erschie­nen) hielt Hei­ne detail­liert sein Mit­tags­mahl in der »Kro­ne« fest: 

 

Heinrich Heine: Die Harzreise (Fischer Klassik, 2010)
Hein­rich Hei­ne: Die Harz­rei­se (Fischer Klas­sik, 2010)

In der »Kro­ne« zu Klaus­thal hielt ich Mit­tag. Ich bekam früh­lings­grü­ne Peter­si­li­en­sup­pe, veil­chen­blau­en Kohl, einen Kalbs­bra­ten, groß wie der Chim­bor­as­so in Minia­tur, so wie auch eine Art geräu­cher­ter Herin­ge, die Bückin­ge hei­ßen, nach dem Namen ihres Erfin­ders, Wil­helm Bücking, der 1447 gestor­ben, und um jener Erfin­dung wil­len von Karl V. so ver­ehrt wur­de, daß der­sel­be anno 1556 von Mid­del­burg nach Bievlied in See­land reis­te, bloß um dort das Grab die­ses gro­ßen Man­nes zu sehen. Wie herr­lich schmeckt doch solch ein Gericht, wenn man die his­to­ri­schen Noti­zen dazu weiß und es selbst ver­zehrt! Nur der Kaf­fee nach Tische wur­de mir ver­lei­det, indem sich ein jun­ger Mensch dis­kur­sie­rend zu mir setz­te und so ent­setz­lich schwa­dro­nier­te, daß die Milch auf dem Tische sau­er wur­de.7 

Briefkopf des Hotels zur »Goldenen Krone« in Clausthal vor 1933
Brief­kopf des Hotels zur »Gol­de­nen Kro­ne« in Claus­thal vor 1933

Bereits in einer Schwarz-Weiß-Repor­ta­ge des NDR aus dem Jah­re 1961, die dem »Emi­gran­ten« und »bit­te­ren Spöt­ter« Hein­rich Hei­ne mit dem Bus­un­ter­neh­men Max Hei­ne bis zur »Zonen­gren­ze« folg­te, ist die Claus­tha­ler »Kro­ne« ein his­to­ri­scher Ort. »Schon vor 1933 kam es zu anti­se­mi­ti­schen Pöbe­lei­en, als jüdi­sche Gäs­te die ›Kro­ne‹ auf­such­ten«, heißt es im Film­kom­men­tar, »und im Drit­ten Reich ver­schwand die Erin­ne­rung an Hei­ne auch vom Brief­kopf des Hotels.«8

Hei­nes aktu­el­ler »Nach­gän­ger« hat in der »Kro­ne« jedoch noch weni­ger Glück mit dem Mit­tag­essen, da im Restau­rant gegen­wär­tig ledig­lich ein »köst­li­ches Früh­stück« ange­bo­ten wird9, sodass Kopetz­ky sei­nen Hun­ger aus­wärts stil­len muss, wo ihm die nächs­te Ent­täu­schung ent­ge­gen­schlägt: »Es gibt kein Claus­tha­ler in Claus­thal-Zel­ler­feld«10. Die Mar­ke »Claus­tha­ler« ist ein alko­hol­frei­es Bier, das 1979 von der Frank­fur­ter Bin­ding-Braue­rei auf den Markt gebracht wur­de, nach­dem sie ein Jahr zuvor die »Städ­ti­sche Braue­rei Claus­thal« über­nom­men und sofort geschlos­sen hat­te. Aus »Pro­test« oder »Ran­kü­ne« wird in Claus­thal-Zel­ler­feld zwar »Alten­au­er«, »Flens­bur­ger« oder »Jever« aus­ge­schenkt – aber kein »Claus­tha­ler«.

Logik des Verfalls

Bei sei­ner Exkur­si­on in die »Unter­stadt« Zel­ler­feld erkun­det er ein ver­rot­ten­des Ter­ri­to­ri­um, als wäre es ein Relikt aus der Zwi­schen­welt von T. S. Eli­ots Was­te Land und Samu­el Becketts End­ga­me – öde, kahl und ver­waist. »Jedes zwei­te Gebäu­de, Wohn­haus oder Geschäft steht leer«, beob­ach­tet Kopetz­ky. »Der Stra­ßen­zug wirkt ein­fach her­un­ter­ge­kom­men, Unkraut wächst, wo es nur kann.«11 Vor dem Auge des Rei­sen­den brei­tet sich der Ort in einem Mias­ma der Schmud­de­lig­keit aus, wie ein Resi­du­um aus einer ver­lo­re­nen und aus­ge­träum­ten Zeit oder eine kli­schee­haf­te Geis­ter­stadt aus einem Kin­topp-Wes­tern. An jeder Ecke könn­te die Zel­lu­loid-Lei­che des alten Berg­manns im Ober­har­zer Berg­werks­mu­se­um aus dem NDR-Retro-Film Hein­rich Hei­ne – Die Harz­rei­se auf­tau­chen und in sei­nem »Claus­tha­ler Säch­sisch« (das Kopetz­ky als his­to­ri­sches Über­bleib­sel der erfah­re­nen Berg­leu­te aus dem säch­si­schen Erz­ge­bir­ge bezeich­net, die als »Ent­wick­lungs­hel­fer« in den Harz kamen12) über die »Vor­fah­ren« schwa­dro­nie­ren, aber nicht über die eige­ne jüngst zurück­lie­gen­de Ver­stri­ckung in die Bar­ba­rei (am Hirsch­ler Brink nahe Claus­thal-Zel­ler­feld wur­den am 6. April 1945 elf KZ-Häft­lin­ge auf dem Todes­marsch durch den Harz erschos­sen)13.

Rolf Denecke: Goethes Harzreisen (Verlag August Lax, 1980)
Rolf Denecke: Goe­thes Harz­rei­sen (Ver­lag August Lax, 1980)

Die Beschrei­bung des Ver­falls kor­re­spon­diert mit einer NDR-Repor­ta­ge, die den bezeich­nen­den Titel Hei­mat Harz: Wer stoppt den Nie­der­gang? trägt: Dar­in beschreibt ein Repor­ter an Bei­spie­len ehe­mals »blü­hen­der« Orte wie Sankt Andre­as­berg oder Herz­berg den Harz (wie Kopetz­ky resü­miert) »als eine ster­ben­de Regi­on ohne Zukunft«.14 Ähn­li­che Beob­ach­tun­gen macht Kopetz­ky auf sei­ner wei­te­ren Wan­dung nach Gos­lar und Bad Harz­burg. Schon Hei­ne war mit gro­ßen Erwar­tun­gen nach Gos­lar auf­ge­bro­chen und ima­gi­nier­te eine »impo­san­te, statt­li­che Stadt«, doch fand er ledig­lich »ein Nest mit meis­tens schma­len, laby­rin­thisch krum­men Stra­ßen« vor, »all­wo mit­ten­durch ein klei­nes Was­ser, wahr­schein­lich die Gose, fließt, ver­fal­len und dump­fig, und ein Pflas­ter, so holp­rig wie Ber­li­ner Hexa­me­ter«.15 Auch Goe­the war von Gos­lar nicht über­mä­ßig begeis­tert. »Die Stadt ver­mo­dert in ihren Pri­vi­le­gi­en«, zitiert ihn der Harz-Exper­te Gün­ter Auberg in sei­nem Gos­la­rer Rou­ten­füh­rer aus dem Jah­re 1980, um hin­zu­zu­fü­gen: »Käme er heu­te noch ein­mal in die­se Stadt, er wür­de sicher einen ganz ande­ren Ein­druck von der Stadt gewin­nen, die sich doch auch in ihrem Alt­stadt­be­reich sehr betrieb­sam zeigt.«16 

 

Das Urteil über Gos­lar wäre bei Hei­ne, »der noch im Grab ein ras­sisch und poli­tisch Ver­folg­ter wur­de« (wie es im Kom­men­tar des NDR-Retro-Films heißt), um eini­ges ver­nich­ten­der aus­ge­fal­len, nach­dem die knapp fünf­zig Gos­la­rer Juden zwi­schen 1938 und 1943 ent­we­der schon in der Pogrom­nacht 1938 oder in den Ver­nich­tungs­la­gern The­re­si­en­stadt oder Ausch­witz ermor­det wor­den waren (den krank in sei­nem Bett lie­gen­den Gos­la­rer Kauf­mann Sel­mar Hoch­berg erschlug ein SA-Trupp in der Nacht zwi­schen dem 9. und 10. Novem­ber 1938 mit einem Schrau­ben­schlüs­sel).17

Wie schon im Ober­harz dia­gnos­ti­ziert Kopetz­ky in der Kur­stadt Bad Harz­burg eine »nost­al­gisch-skur­ri­le« Atmo­sphä­re, in der die »Kri­se des frü­he­ren west­li­chen Zonen­rands« deut­lich erkenn­bar sei, wobei jedoch das Kur­bad­pu­bli­kum im Harz stel­len­wei­se kaum weni­ger unsym­pa­thisch ist als der anti­se­mi­ti­sche Wut­bür­ger Wie­demann in Tho­mas Manns Zau­ber­berg. Die gut situ­ier­ten Gäs­te (in Per­son eines sport­li­chen Grau­barts) echauf­fie­ren sich über Euro­pa und flu­chen sich »durch das gro­ße Alpha­bet der Aus­län­der­feind­lich­keit«, um ihrer Wut mit »Radau an der Radau« (dem Fluss, an dem Bad Harz­burg liegt) Aus­druck zu ver­lei­hen. »Was mich am meis­ten befrem­de­te«, resü­miert Kopetz­ky die­se uner­freu­li­chen Begeg­nun­gen in Bad Harz­burg, »war die abso­lu­te Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der der Grau­bär­ti­ge üble Schimpf­wor­te aus­pack­te, als gehör­ten sie zum nor­ma­len Wort­schatz einer zufäl­li­gen Unter­hal­tung.«18

Der Preis des Fortschritts

Die Stär­ke des Buches liegt – neben der Schil­de­rung von Beschwer­nis­sen auf der Wan­de­rung (wie Erschöp­fung und schmer­zen­de Bla­sen an den Füßen) und Moment­auf­nah­men an den Orten der Rou­te – auch in den kri­ti­schen Bezü­gen zur Geschich­te und Öko­lo­gie der Regi­on. Wäh­rend in his­to­ri­schen Doku­men­ta­tio­nen oft ein sen­ti­men­ta­ler Ton über die Tra­di­ti­ons­pfle­ge der Berg­män­ner über­wiegt19, weist Kopetz­ky dar­auf hin, dass Berg­leu­te mit unge­wöhn­li­chen Pri­vi­le­gi­en aus­ge­stat­tet waren und »als eige­ne sozia­le Klas­se« sich durch die »Berg­frey­heit« von ande­ren Grup­pen wie Bau­ern und Hand­wer­kern ekla­tant unter­schie­den.20 Der Preis für die­se Pri­vi­le­gi­en war eine ver­deck­te mili­tä­risch-hier­ar­chi­sche Orga­ni­sa­ti­on »mit Offi­zie­ren, Unter­of­fi­zie­ren und Fuß­sol­da­ten, die dem strengs­ten Ver­hal­tens­ko­dex unter­wor­fen waren« und eine »Aus­beu­tungs­ge­mein­schaft« bil­de­ten. Die auto­ri­tä­re Durch­drin­gung des Har­zer All­tags­le­bens (»Glas­kla­re Befehls­ket­ten. Gere­gel­te Hoheit. Denn davon hing das Leben aller ab«, fasst Kopetz­ky die kul­tu­rel­le Orga­ni­sa­ti­on in der Berg­bau­re­gi­on zusam­men) erleich­ter­te auch den Tri­umph der NSDAP im Ober­harz: Bei der Reichs­tags­wahl im Juli 1932 erreich­te die Nazi-Par­tei im Kreis Zel­ler­feld einen Stim­men­an­teil von 51,1 Pro­zent (1928 lag er noch bei 2,8 Pro­zent). 21

Zudem brach­te die­ses Sys­tem von Herr­schaft und Hier­ar­chie kom­ple­men­tär eine ruch­lo­se Unter­wer­fung und Aus­beu­tung der Natur her­vor. »Es ist eine her­ge­brach­te Vor­stel­lung, daß in gewis­sen Peri­oden nur vom Raub gelebt ward«, schrieb Hei­nes spä­te­rer Freund Karl Marx in Vor­stu­di­en zum Kapi­tal. »Um aber rau­ben zu kön­nen, muß etwas zu rau­ben da sein, also Pro­duk­ti­on. Und die Art des Raubs ist selbst wie­der durch die Art der Pro­duk­ti­on bestimmt.«22 Wie der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Hein­rich Dete­ring aus­führ­te, kam dem Holz als nach­wach­sen­dem »Roh­stoff für die Ener­gie­ge­win­nung im Berg­bau und den ihm ange­schlos­se­nen Indus­trie­an­la­gen« eine beson­de­re Bedeu­tung zu.23 Aus »Pro­duk­ti­ons­in­ter­es­sen« ent­wi­ckel­te sich im Harz eine Mono­kul­tur aus schnell nach­wach­sen­den Res­sour­cen, wel­che die Land­schaft anfäl­lig für die Destruk­ti­on durch Bor­ken­kä­fer mach­te. »Wegen des unge­heu­ren Bedarfs an Fich­ten­holz war der Harz schon vor Jahr­hun­der­ten lan­ge kein Natur­pa­ra­dies«, schreibt Kopetz­ky, »son­dern von Kahl­schlag und inten­si­ver Nut­zung geprägt. Als Hei­ne sei­ne Rei­se absol­vier­te, lag der Harz in wei­ten Tei­len baum­los und abge­ro­det, die Land­schaft sah dem heu­ti­gen durch Tro­cken­heit und Bor­ken­kä­fer gezeich­ne­ten Gebiet ver­blüf­fend ähn­lich!«24

Heinrich Heine im Harz (Hentrich & Hentrich, 2024)
Hei­ne im Harz (Hentrich & Hentrich, 2024)

Bereits zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts hat­te Fried­rich Gott­schalck (unter dem Pseud­onym »Wil­hem Fer­di­nand Mül­ler«) in sei­nen »Strei­ferey­en in den Harz« (die in dem Begleit­band zur Aus­stel­lung Hei­ne im Harz aus den Jah­ren 2024–25 tran­skri­biert sind) die von »Wurm­trock­niß« heim­ge­such­ten Wal­dun­gen beschrie­ben. »Ueber­all ent­deck­te ich gro­ße ent­blöß­te, ganz nie­der­ge­haue­ne Stri­che«, schrieb er. »Trau­ri­ge Aus­sich­ten für unse­re Nach­kom­men.«25 Die Ver­wen­dung von Che­mi­ka­li­en wie Blei, Arsen und Schwe­fel im Betrieb der Poch­wer­ke und Sil­ber­hüt­ten im Ober­harz erin­ner­te ihn an das Bren­nen von Sodom und Gomor­ra, und über­all nahm er einen »gif­ti­gen Hauch« wahr, der das Gras ver­dor­ren und ver­öden ließ. Auf sei­nem Weg nach Claus­thal war Hei­ne einem Rei­sig suchen­den Jun­gen begeg­net, der über »Albi­nos« im Tal von Ler­bach, »dum­me Kropf­leu­te und wei­ße Moh­ren« sprach, die Gott­schalck bereits zwan­zig Jah­re zuvor mit einer lei­chen­ähn­lich wei­ßen Haut auf­ge­fal­len waren.26 »Wer ein Bild des mensch­li­chen Elends«, schrieb Gott­schalck in sei­nen Strei­ferey­en, »wer es sehen will, was der Mensch für Geld zu thun, zu wagen im Stan­de ist, für wel­chen Preis ihm Gesund­heit und Leben feil sind; der kom­me hier­her und sehe, sehe, wie die Men­schen glei­chen Gespens­tern umher­schlei­chen, wie sie gelähmt, abge­bleicht, ent­markt, mit hoh­len Augen und krumm gezerr­ten Gebei­nen vor dem glü­hen­den Ofen stehn, um sich ihr sie­ches Leben, das mit jedem Tag an Qua­len zunimmt, eini­gen Unter­halt zu ver­schaf­fen.« 27 

Im Land der Eichen und des Stumpfsinns

Am Ende gelingt Kopetz­ky der Auf­stieg auf den Bro­cken, der zwar ein »Fas­zi­no­sum« dar­stellt, aber trotz allem »furcht­bar deutsch« ist. »Der Bro­cken ist ein Deut­scher«, schrieb Hei­ne. »Mit deut­scher Gründ­lich­keit zeigt er uns, klar und deut­lich, wie ein Rie­sen­pan­ora­ma, die vie­len hun­dert Städ­te, Städt­chen und Dör­fer, die meis­tens nörd­lich lie­gen, und rings­um alle Ber­ge, Wäl­der, Flüs­se, Flä­chen, unend­lich weit.«28 Nach dem Abstieg begeg­net Kopetz­ky in der mit mas­si­ven EU-Mit­teln auf­ge­hübsch­ten Stadt Wer­ni­ge­ro­de mur­ren­den AfD-Anhänger*innen in beige­far­be­nen Rent­ner­blou­sons, die ihren Res­sen­ti­ments gegen Flücht­lin­ge und Migrant*innen frei­en Lauf las­sen. »Es war bis­lang alles so wun­der­bar in Wer­ni­ge­ro­de gewe­sen«, resü­miert Kopetz­ky, »aber das ist auch eine Rea­li­tät in die­ser Stadt, im Harz. In Deutsch­land. Ich möch­te weg. Es ist ja auch Zeit.«29 In der NDR-Repor­ta­ge Hei­mat Harz lässt der Repor­ter die Markt­pro­pa­gan­da des Geschäfts­füh­rers der Tou­ris­mus GmbH von Wer­ni­ge­ro­de vom »tou­ris­ti­schen Grund­rau­schen« und von den »gesam­ten Mischun­gen von Wer­ni­ge­ro­de« unkri­tisch ins Mikro­fon bla­sen – Haupt­sa­che, die Geschäf­te sind offen. Alles ist Ver­kauf. »In zehn, fünf­zehn Jah­ren, so viel ist gewiss, wird Deutsch­land«, schluss­fol­gert Kopetz­ky, »ein ande­res Land sein und der Wald im Harz neue Pracht ent­fal­tet, den Kli­ma­wan­del getrotzt haben, viel­leicht mit neu­en ande­ren Baum­ar­ten, sich anpas­sen­den Öko­sys­te­men.«30

Ludwig Marcuse: Heine in Selbstzeugnissen (Rowohlt, 1960)
Lud­wig Mar­cu­se: Hei­ne in Selbst­zeug­nis­sen (Rowohlt, 1960)

Mög­li­cher­wei­se ist die­ses Deutsch­land am Ende noch brau­ner & blau­er als befürch­tet: Will­kom­men in der Zone der »Remi­gra­ti­on«. Oder noch­mals mit Hei­ne gespro­chen: »Alles, was deutsch ist, ist mir zuwi­der … Alles Deut­sche wirkt auf mich wie ein Brech­pul­ver.« Durch das »Land der Eichen und des Stumpf­sinns« wabert »das unse­li­ge Gewä­sche jener Pfen­nings­men­schen, die mit dem Deutsch­tum koket­tie­ren«.31 Die »Hei­mat Harz« ist offen­bar nicht nur baum‑, son­dern auch hirn­los. Der Nie­der­gang ist bereits Geschichte.

Bibliografische Angaben:

Stef­fen Kopetz­ky.
Die Harz­rei­se.
Eine Deutsch­lan­d­er­kun­dung.
Ber­lin: Rowohlt Ber­lin, 2026.
240 Sei­ten, 23 Euro.
ISBN: 978–3‑7371–0256‑8.

Elke-Vera Kotow­ski und Uwe Lag­a­tz (Hgg.).
Hei­ne im Harz:
Ent­de­ckun­gen am Ran­de einer legen­dä­ren Fuß­rei­se.
Ber­lin: Hen­rich & Hentrich, 2024
320 Sei­ten, 245 Abbil­dun­gen, 28 Euro.
ISBN: 978–3‑95565–676‑8.

Medi­en­quel­len
Cover Stef­fen Kopetz­ky: Die Harzreise© Rowohlt Berlin
Cover Hein­rich Hei­ne: Die Harzreise© Fischer Klassik
Film Hein­rich Hei­ne — Die Harzreise© NDR
Brief­kopf Hotel zur »Gol­de­nen Krone«© NDR (Screen­shot aus: Hein­rich Hei­ne — Die Harz­rei­se)
Cover Goe­thes Harzreisen© Ver­lag August Lax
Cover Hei­ne im Harz© Hentrich & Hentrich
Cover Hei­ne in Selbstzeugnissen© Rowohlt

Anmerkungen

  1. Mal­colm Brad­bu­ry und Richard Ruland, From Puri­ta­nism to Post­mo­der­nism: A Histo­ry of Ame­ri­can Lite­ra­tu­re (New York: Pen­gu­in, 1992), S. 391–392
  2. Tho­mas Pyn­chon, Gravity’s Rain­bow (New York: Pen­gu­in, 2006), S. 335; sie­he auch Pyn­chon Wiki, https://gravitys-rainbow.pynchonwiki.com/wiki/index.php?title=Pages_329-336
  3. Tho­mas Pyn­chon, Die Enden der Para­bel, übers. Elfrie­de Jeli­nek und Tho­mas Piltz (Rein­bek: Rowohlt, 2015, eBook-Aus­ga­be), S. 494
  4. Pyn­chon, Gravity’s Rain­bow, S. 434–435. Das Ober­berg­amt Claus­thal-Zel­ler­feld war – bei­spiels­wei­se in Per­son des Ober­ber­grats Her­bert Den­nert – in die Orga­ni­sa­ti­on des KZ Mit­tel­bau-Dora ver­strickt. Zum Hin­ter­grund cf. https://moleskinblues.net/2016/06/25/jens-christian-wagner-produktion-des-todes/; und https://www.goslarsche.de/Nachrichten/Landesamt-bringt-Nazi-Vergangenheit-ans-Licht-526386.html
  5. Stef­fen Kopetz­ky, Die Harz­rei­se: Eine Deutsch­lan­d­er­kun­dung (Ber­lin: Rowohlt Ber­lin, 2026), S. 7
  6. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 57
  7. Hein­rich Hei­ne, Die Harz­rei­se, Fischer Klas­sik Plus, eBook-Aus­ga­be (Frankfurt/Main: Fischer, 2011), S. 12–13
  8. Nino Erné, Hein­rich Hei­ne – Die Harz­rei­se, NDR, 29.06.1961, https://www.ndr.de/geschichte/ndr_retro/Heinrich-Heine-Die-Harzreise,norddeutschegeschichten176.html
  9. https://www.goldenekrone-harz.de/restaurant
  10. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 53
  11. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 58
  12. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 66
  13. »Am Abend des 5. April 1945 traf der Todes­marsch aus dem KZ-Außen­la­ger Bruns­hau­sen in Claus­thal-Zel­ler­feld ein. Die Häft­lin­ge wur­den in der St. Sal­va­to­ris-Kir­che in Zel­ler­feld ein­ge­pfercht. Sie lit­ten unter Durch­fall. Ihnen wur­de ver­bo­ten, die Kir­che zu ver­las­sen. So konn­ten sie ihre Not­durft nur im Gebäu­de ver­rich­ten. Am 6. April zog der Todes­marsch wei­ter in Rich­tung Braun­la­ge. Als Stra­fe für die Ver­schmut­zung der Kir­che ermor­de­ten die Wach­mann­schaf­ten hier am Hirsch­ler Brink elf Gefan­ge­ne. Sie wur­den an die­sem Ort von sowje­ti­schen Zwangs­ar­bei­tern aus dem nahen Werk Tan­ne begra­ben.« Quel­le: https://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/Mediathek/Infotafel_Holzen_Low_Tafel_Hirschler_Brink_2026.pdf; sie­he auch Zwi­schen Harz und Hei­de: Todes­mär­sche und Räu­mungs­trans­por­te im April 1945, hg, Regi­ne Heu­baum und Jens-Chris­ti­an Wag­ner (Göt­tin­gen: Wall­stein, 2015), S. 82)
  14. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 89; https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndrstory/Heimat-Harz-Wer-stoppt-den-Niedergang,sendung1531420.html
  15. Hei­ne, Die Harz­rei­se, S. 20
  16. Gün­ter Auberg, Rund­we­ge Gos­lar (Bam­berg: Baye­ri­sche Ver­lags­an­stalt, 1980), S. 65–66; sie­he auch Rolf Denecke, Goe­thes Harz­rei­sen (Hil­des­heim: Ver­lag August Lax, 1980), S. 38–42, 121–126
  17. Hans Donald Cra­mer, Das Schick­sal der Gos­la­rer Juden 1933–45: Eine Doku­men­ta­ti­on (Gos­lar: Selbst­ver­lag des Geschichts- und Hei­mat­schutz­ver­eins Gos­lar, 1986), S. 62, 91
  18. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 107, 108, 111, 112 
  19. Cf. https://www.ndr.de/geschichte/schauplaetze/goldrausch-im-harz-1521-bergbau-veraendert-die-landschaft,harzbergbau102.html; Ste­fan Radüg, »Wie der Berg­bau den Harz ver­än­der­te«, NDR 2021, https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL25kci5kZS8xNDYxXzIwMjEtMTEtMjAtMTItMDA
  20. Zu den Berg­frei­hei­ten im Ober­harz cf. Rai­mund Wille­cke, »Die Berg­frei­hei­ten des Ober­har­zes und die Ent­ste­hung der sie­ben Berg­städ­te«, https://www.bergbaumuseum.de/fileadmin/forschung/zeitschriften/der-anschnitt/1983/1983–02/anschnitt‑2–1983-willecke-bergfreiheiten.pdf
  21. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 66–68; Clau­dia Küp­per-Eichers, »Vom Mon­tan­re­vier zum Rüs­tungs­stand­ort: Ober­har­zer Per­spek­ti­ven in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts«, https://www.bergbaumuseum.de/fileadmin/forschung/zeitschriften/der-anschnitt/2006/2006–4‑5/anschnitt‑4–5‑2006-kuepper-eichas-montanrevier.pdf, S. 222 
  22. Karl Marx, »Ein­lei­tung [zu den ›Grund­ris­sen der poli­ti­schen Öko­no­mie‹]«, in: MEW, Bd. 42 (Ber­lin: Karl Dietz Ver­lag, ³2015), S. 33
  23. Hein­rich Dete­ring, Die Revol­te der Erde: Karl Marx und die Öko­lo­gie (Göt­tin­gen: Wall­stein, 2025), S. 25
  24. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 64 
  25. Wil­helm Fer­di­nand Mül­ler (d. i. Fried­rich Gott­schalck ), »Mei­ne Strei­ferey­en in den Harz und in eini­ge sei­ner umlie­gen­den Gegen­den«, Tran­skrip­ti­on, in: Hei­ne im Harz: Ent­de­ckun­gen am Ran­de einer legen­dä­ren Fuß­rei­se, hg. Elke-Vera Kotow­ski und Uwe Lag­a­tz (Ber­lin: Hentrich & Hentrich, 2024), S. 205 
  26. Hei­ne, Die Harz­rei­se, S. 12; Wil­helm Fer­di­nand Mül­ler, »Mei­ne Strei­ferey­en in den Harz und in eini­ge sei­ner umlie­gen­den Gegen­den«, S. 208 
  27. Wil­helm Fer­di­nand Mül­ler, »Mei­ne Strei­ferey­en in den Harz und in eini­ge sei­ner umlie­gen­den Gegen­den«, S. 192 
  28. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 137; Hei­ne, Die Harz­rei­se, S. 36
  29. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 185
  30. Kopetz­ky, Die Harz­rei­se, S. 236
  31. Hei­ne, zitiert in: Lud­wig Mar­cu­se, Hei­ne in Selbst­zeug­nis­sen und Bild­do­ku­men­ten (Rein­bek: Rowohlt, 1960), S. 70

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Jörg Auberg - Writer, critic, editor, publisher