Texte und Zeichen

Iwan Heilbut — Zugvögel

I

Der Vergessene

Die Errettung von Iwan Heilbuts Exilroman »Zugvögel«

von Jörg Auberg

 

 

Im Mar­ba­cher Lite­ra­tur­mu­se­um der Moder­ne ent­deck­te Hans Magnus Enzens­ber­ger 2016 »den ver­ges­se­nen deut­schen Dich­ter Iwan Heil­but«, der 1898 in Ham­burg gebo­ren wur­de und in der Wei­ma­rer Repu­blik mit weni­ger ambi­tio­nier­ten denn mone­ta­ri­sier­ba­ren Roma­nen reüssierte.1 Nach der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me wur­de er kurz­zei­tig inhaf­tiert und emi­grier­te nach einem Umweg über Prag nach Paris. Mit jour­na­lis­ti­schen Arbei­ten in der Pari­ser Exil­pres­se hielt er sich über Was­ser. 1937 erschien im Züri­cher Euro­pa-Ver­lag sein poli­ti­scher Essay Die öffent­li­chen Ver­leum­der: die »Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion« und ihre Anwen­dung in der heu­ti­gen Weltpolitik.2

Falscher Pass für Charlotte und Iwan Heilbut, NL Iwan Heilbut, Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der DNB
Fal­scher Pass für Char­lot­te und Iwan Heil­but, NL Iwan Heil­but, Deut­sches Exil­ar­chiv 1933–1945 der DNB

Nach dem Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges wur­de Heil­but als »feind­li­cher Aus­län­der« mehr­fach inter­niert. »Wir wur­den aus Deutsch­land aus­ge­wie­sen, weil wir Juden waren«, schrieb Han­nah Are­ndt rück­bli­ckend 1943 in einem Arti­kel für das Meno­rah Jour­nal. »Aber kaum nach­dem wir die fran­zö­si­sche Gren­ze über­schrit­ten hat­ten, wur­den wir in boches umge­wan­delt.«3 Nach sei­ner Frei­las­sung im August 1940 schlug sich Heil­but mit sei­ner Frau Char­lot­te und sei­nem acht Mona­te alten Sohn nach Mar­seil­le durch, wo er wie vie­le ande­re Flücht­lin­ge auf die Unter­stüt­zung des von Vari­an Fry orga­ni­sier­ten Emer­gen­cy Res­cue Com­mit­tee (ERC) hof­fen konn­te, um schließ­lich über Lis­sa­bon eine Pas­sa­ge nach Ame­ri­ka zu finden.

Der harte Weg nach Amerika

In einem Brief an der Züri­cher Ver­le­ger Emil Oprecht schrieb der tsche­chi­sche Schrift­stel­ler Hans Nan­to­nek am 7. Okto­ber 1940 über eini­ge exi­lier­te Schrift­stel­ler wie Leon­hard Frank, die in Lis­sa­bon fest­sa­ßen und auf Visa für die USA warteten:

Leon­hard Frank war­tet hier immer noch auf sein ame­ri­ka­ni­sches Visum, fer­ner Iwan Heil­butt [sic], ich und noch eini­ge weni­ge, die ich noch fest­stel­len wer­de. […] Das ame­ri­ka­ni­sche Kon­su­lat in Lis­sa­bon macht immer grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten, und das Kon­su­lat in Mar­seil­le über­weist die etwa gege­be­nen Visa nicht hier­her. […] Wir von der Fry-Lis­te ste­hen in stän­di­ger Ver­bin­dung mit ihm selbst, mit dem hie­si­gen Komi­tee und mit der New Yor­ker Zentrale […].4

Drei Mona­te spä­ter – am 28. Dezem­ber 1940 – gelang es der Fami­lie Heil­but, mit dem Schiff Ser­pa Pin­to Lis­sa­bon in Rich­tung USA zu ver­las­sen, die sie am 9. Janu­ar 1941 erreich­te. Zwar konn­te Iwan Heil­but dort sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Arbeit fort­füh­ren, doch war er gezwun­gen, einem Brot­be­ruf nach­zu­ge­hen, um sei­ner Fami­lie ein Aus­kom­men zu sichern. Ab 1945 erhielt er einen Lehr­auf­trag für deut­sche Lite­ra­tur am Hun­ter Col­lege in New York, ohne dass er in sei­ner neu­en ame­ri­ka­ni­schen Hei­mat Fuß fas­sen konn­te, sodass er fünf Jah­re spä­ter nach Euro­pa zurück­kehr­te. Dort zog er durch meh­re­re Städ­te in Deutsch­land und der Schweiz, hielt Vor­trä­ge und arbei­te­te für Rund­funk­an­stal­ten und Zeitungen.5 »Heil­but wur­de in der frem­den Hei­mat nie mehr hei­misch«, schrieb Enzens­ber­ger; »er blieb, wie es omi­nö­ser­wei­se heißt, ›ohne fes­ten Wohn­sitz‹. Am 15. April 1972 ist er, vier­und­sieb­zig­jäh­rig, in Bonn gestorben.«6

Spuren in New York

Anna Seghers: The Seventh Cross (Little, Brown, 1942)
Anna Seg­hers: The Seventh Cross (Litt­le, Brown, 1942)

Wäh­rend sich sei­ne Spu­ren in Euro­pa ver­lo­ren, hat­te er in den USA zumin­dest vor­über­ge­hend einen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen. Beim New Yor­ker Ver­lag Dou­ble­day erschien 1943 (in der Über­set­zung von James Aus­tin Gal­s­ton, der auch Anna Seg­hers’ Exil­ro­ma­ne Tran­sit und Das sieb­te Kreuz ins Eng­li­sche über­tra­gen hat­te) sein Roman Birds of Pas­sa­ge, der Heil­buts Exil-Erfah­rung in Frank­reich reflek­tiert. In einer Rezen­si­on in der New York Times – beti­telt als »Der Uner­wünsch­te« – beschrieb die Kri­ti­ke­rin Nona Bal­a­ki­an (1918–1991), selbst eine Immi­gran­tin aus dem ehe­ma­li­gen Osma­ni­schen Reich, den Flücht­lin­ge als einen neu­en Men­schen­ty­pus, der zum Sym­bol »die­ser tra­gi­schen Zei­ten« wur­de. Sie lob­te die Schön­heit und Inten­si­tät des Romans, hob aber auch sei­ne ver­stö­ren­de Kraft her­vor. Heil­butt beschrei­be die soge­nann­ten »feind­li­chen aus­län­der« in die­sen »ver­zwei­fel­ten Tagen des Juni 1940« als Krea­tu­ren, die nur auf Gerücht und Annah­me exis­tier­ten, obwohl sie – im Gegen­satz zu den »Reichs­deut­schen« im Inter­nie­rungs­la­ger – »Fran­zo­sen im Geis­te« waren.7

Cover von „Zugvögel“ von Iwan Heilbut: Auf dem Cover ist eine sepiafarbene Szene am Wasser zu sehen, mit zwei Personen auf einem Steg und einem Brückenbogen im Hintergrund.
Iwan Heil­but: Zug­vö­gel (Cla­as­sen, 2026)

In der ame­ri­ka­ni­schen Fas­sung, über die Heil­butt nicht glück­lich war, blie­ben vie­le Pas­sa­gen des ursprüng­li­chen Manu­skripts außen vor. Wie jedoch Peter Graf (der Heil­buts Roman­text edi­tier­te und unter dem Titel Zug­vö­gel her­aus­brach­te) unter­strich, waren am man­geln­den Erfolg weder Ver­lag noch Über­set­zer schuld. »Die Kür­zun­gen sind sehr bedau­er­lich, aber an der Über­set­zung ist wenig aus­zu­set­zen«, urteilt der Her­aus­ge­ber der voll­stän­di­gen Aus­ga­be. »Und als sich das Buch trotz der über­aus guten Pres­se weni­ger gut ver­kauft als von dem in finan­zi­el­ler Not ste­cken­den Ver­fas­ser erhofft, beklagt sich Iwan Heil­butt dar­über, dass schlech­tes Mar­ke­ting und eine schlech­te Dis­tri­bu­ti­on dafür ver­ant­wort­lich sind.«8 Wäh­rend Enzens­ber­ger bei sei­ner Ent­de­ckung des »ver­ges­se­nen Dich­ters« davon aus­ging, dass sei­ne Schrif­ten nie wie­der gedruckt wür­den (»Die Geschich­te der Lite­ra­tur ist ver­gess­lich, und damit mag es am Ende sogar sein Bewen­den haben. Die Mensch­heit kann und will sich nicht alles merken.«9), gehört Heil­buts wie­der­ent­deck­ter Roman zu den gro­ßen Wer­ken der Exil­li­te­ra­tur. Es ist Grafs Ver­dienst, dass er die­sen Roman – wie schon frü­he­re Wer­ke von »ver­ges­se­nen« Autoren wie Ulrich Alex­an­der Boschwitz oder Karl Alfred Loe­ser – ins lite­ra­ri­sche Gedächt­nis aus der Grab­stät­te des Archivs geholt hat.

Die Denunziation der Exilliteratur

Grafs bewun­de­rungs­wür­di­ge Aus­gra­bungs­ar­beit straft auch jene arro­gan­te Ver­höh­nung von Exil­li­te­ra­tur und Exil­for­schung Lügen, die in den 1980er-Jah­ren bei Epi­go­nen der Kul­tur­in­dus­trie­kri­tik in der Tra­di­ti­on der »Frank­fur­ter Schu­le« en vogue war. »Der Rum­mel um Exil­li­te­ra­tur und Exil­for­schung ist eine Form der Ver­drän­gung«, ver­kün­de­te der Kra­wall­pu­bli­zist Wolf­gang Pohrt im Novem­ber 1984 auf einem Vor­trag in Ham­burg, »inso­fern er unter­stellt, daß man die wich­tigs­ten Wer­ke erst noch aus­gra­ben muß, wäh­rend sie tat­säch­lich längst aus­ge­gra­ben wor­den und schon wie­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind.«10 Hämisch schwa­dro­nier­te Pohrt (den sein Her­aus­ge­ber und Nach­lass­ver­wal­ter Klaus Bit­ter­mann mit einem MEW-Look-Pas­ti­che der Pohrt-Werk­aus­ga­ben zum »bril­lan­ten« und »weit­sich­ti­gen« Gesell­schafts­ana­ly­ti­ker adelt11), über die »mit­tel­mä­ßi­gen und zu Recht ver­ges­sen Autoren, die es natür­lich im Exil wie über­all gege­ben hat«12 Am Ende schlägt die Denun­zia­ti­on auf den Urhe­ber zurück, der nie über die deut­schen pro­vin­zi­el­len Land­schaf­ten an den Rän­dern von Stutt­gart, Lud­wigs­burg oder Lüne­burg hin­aus­ge­kom­men ist und dort verwest.

 

© Jörg Auberg 2026

Bibliografische Angaben:

Ivan Heil­but.
Birds of Pas­sa­ge.
Über­setzt von James Aus­tin Gal­s­ton.
New York: Dou­ble­day, Doran & Com­pa­ny, 1943.
331 Sei­ten, US-$ 2.75.

Iwan Heil­but.
Zug­vö­gel.
Roman.
Edi­tiert und mit einem Nach­wort her­aus­ge­ge­ben von Peter Graf.
Ber­lin: Cla­as­sen, 2026.
656 Sei­ten, 29 Euro.
ISBN: 978–3‑546–10159‑2.

Medi­en­quel­len
Pass für Char­lot­te und Iwan Heilbut© Deut­sches Exilarchiv/DNB
Cover The Seventh CrossInter­net Archive
Cover Zug­vö­gel© Cla­as­sen

Anmerkungen

  1. Hans Magnus Enzens­ber­ger, »Heil­but? Nie gehört!«, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 23. Mai 2016, S. 39, https://web.archive.org/web/20160823215533/http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/marbacher-fundstuecke-heilbut-nie-gehoert-1327544.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
  2. Ein­seh­bar in der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek, Frankfurt/Main; cf. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/VLESD7N2FOMYWWNNS2FCW33S45HQWA5G
  3. Han­nah Are­ndt, The Jewish Wri­tin­gs, hg. Jero­me Kohn und Ron H. Feld­man (New York: Scho­cken Books, 2007), S. 270; zum Hin­ter­grund cf. Saman­tha Rose Hill, Cri­ti­cal Lives: Han­nah Are­ndt (Lon­don: Reak­ti­on Books, 2021), S. 70–81
  4. Chris­toph Ema­nu­el Dejung, Emil Oprecht: Ver­le­ger der Exil­au­to­ren (Mün­chen: Euro­pa Ver­lag, 2023, ePub-Ver­si­on), S. 225 
  5. Syl­via Asmus, »Wie­der­ent­deckt: Iwan Heil­buts ›Zug­vö­gel‹«, Blog der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek, 22. August 2026, https://blog.dnb.de/wiederentdeckt-iwan-heilbuts-zugvoegel/
  6. Enzens­ber­ger, »Heil­but? Nie gehört!«, FAZ, 23.05.2016
  7. Nona Bal­a­ki­an, »The Unwan­ted«, New York Times, 17. Okto­ber 1943, S. 61 
  8. Peter Graf, »›Leben, Beben, Schwan­ken‹ – Nach­wort des Her­aus­ge­bers«, in: Iwan Heil­but, Zug­vö­gel (Ber­lin: Cla­as­sen, 2026), S. 648 
  9. Enzens­ber­ger, »Heil­but? Nie gehört!«, FAZ, 23.05.2016
  10. Wolf­gang Pohrt, Gewalt und Poli­tik: Aus­ge­wähl­te Reden & Schrif­ten, hg. Klaus Bit­ter­mann (Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat, 2010), S. 186 
  11. Klaus Bit­ter­mann, »Der intel­lek­tu­el­le Unru­he­stif­ter«, in: Pohrt, Gewalt und Poli­tik, S. 438 
  12. Pohrt, Gewalt und Poli­tik, S. 187 

Kommentar hinzufügen

Moleskin Blues Error: GRAVE

Texte und Zeichen

Um auf dem Laufenden zu bleiben …

Jörg Auberg - Writer, critic, editor, publisher