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Leonardo Sciascia — Porte aperte

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Im Labyrinth der Macht

Leonardo Sciascia und der Widerstand gegen den Faschismus 

von Jörg Auberg

Im Bewusst­sein der vor­herr­schen­den lite­ra­ri­schen Öffent­lich­keit ist Leo­nar­do Scia­scia (1921–1989) nahe­zu untrenn­bar mit Sizi­li­en und der Mafia ver­knüpft. Wie jüngst Caro­li­ne Moore­head in ihrer Scia­scia-Mono­gra­fie A Sici­li­an Man her­vor­hebt, galt Scia­scia als (wenn auch wider­wil­li­ger) »Mafi­o­lo­ge«, der von einer schmerz­haf­ten »Sizi­lia­ni­tät« geprägt gewe­sen sei.1 Die Iden­ti­fi­ka­ti­on Scia­sci­as mit dem Gen­re »Kri­mi« und der Regi­on »Sizi­li­en« dient pri­mär der Effek­ti­vi­tät der Ver­mitt­lung des Autors auf dem lite­ra­ri­schen Markt, wäh­rend sei­ne Bedeu­tung als poli­ti­scher Intel­lek­tu­el­ler zuneh­mend aus der Betrach­tung verschwand.2

Aufklärung als serielles Branding

Nahe­zu jeder Roman Scia­sci­as wird mit dem Eti­kett »sizi­lia­ni­scher Kri­mi­nal­ro­man« ver­se­hen, auch wenn dies – etwa im Fall des Romans Der Zusam­men­hang (der auch unter dem Titel »Tote Rich­ter reden nicht« erschien) – nur bedingt zutrifft. Die Ver­mark­tung der Bücher Scia­sci­as unter die­sem »Bran­ding« folg­te pri­mär »publi­kums­stra­te­gi­schen Grün­den« (wie Ulrich Schulz-Busch­haus über die Popu­la­ri­tät des Kri­mi­nal­ro­mans bei Autoren wie Umber­to Eco, Mario Var­gas Lllosa, Tho­mas Pyn­chon oder eben Scia­scia mutmaßte 3) und erweckt beim Publi­kum ent­spre­chen­de Erwar­tun­gen. Bereits 1959 bemerk­te Theo­dor W. Ador­no, dass Bücher­ein­bän­de (heu­te »Cover« genannt) zu »Rekla­me für das Buch« gewor­den sei­en. »Jene Wür­de des in sich Gehal­te­nen Dau­ern­den, Her­me­ti­schen«, schrieb er im Duk­tus des Biblio­phi­len, »das der Leser in sich hin­ein­nimmt, gleich­sam über ihm den Deckel schließt wie den Buch­de­ckel über dem Text – das ist als unzeit­ge­mäß beseitigt.«4

Zum »Dik­tat des Konformismus«5 gehört seit je die Ver­höh­nung des Publi­kums, das mit der Pro­duk­ti­on des Immer­glei­chen (dem Gesetz der Serie) bei der Stan­ge gehal­ten wer­den soll – oder wie es ein Mar­ke­ting-Direk­tor aus­drück­te: Kon­su­men­ten sei­en wie »Kaker­la­ken – man besprüht sie und besprüht sie, und nach einer Wei­le wer­den sie immun«6 Im seri­el­len Bran­ding, gegen das Scia­scia sich nicht mehr zur Wehr set­zen konn­te, drückt sich eine Miss­ach­tung des Autors durch die Ver­wer­tungs­agen­tu­ren aus: Der Roman Der Zusam­men­hang war als Par­odie gedacht, die in einem Land spielt, »das nur in der Ein­bil­dung exis­tiert«, und in der es um »die Macht um der der Macht wil­len« geht.7 Den­noch ver­kauft es das Mar­ke­ting als »sizi­lia­ni­schen Krimalroman«.

Die Ordnung der Dinge

Die Inten­ti­on Scia­sci­as war es, »etwas über das Wesen der Macht« aus­zu­sa­gen, »über die Macht, die immer undurch­sich­ti­ge­re For­men der Ver­flech­tun­gen annimmt, wie sie in gewis­ser Wei­se für die Mafia eigen­tüm­lich sind«8. »Mafia« war in den Roma­nen Scia­sci­as eine Syn­ek­doche der Herr­schaft von Rackets im Sys­tem der staat­li­chen und öko­no­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen inner­halb der Gesell­schaft, die über Macht und Spra­che die »Ord­nung der Din­ge« auf­recht erhält. Anders als bei Dashiell Ham­mett oder Ray­mond Chand­ler bedeu­tet die detek­ti­vi­sche Arbeit nicht Auf­klä­rung, son­dern Ver­lo­ren­ge­hen im »Laby­rinth der Macht«. In den gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren sind – mit Max Hork­hei­mer gespro­chen – alle kri­mi­nell, »wenn cri­men objek­ti­ve Schand­tat heißt«9. Wie Tho­mas Jones betont, haben Sizi­li­en und Ita­li­en kein Mono­pol auf Rackets: Die Dyna­mik der Kor­rup­ti­on, die Scia­scia in sei­nen Roma­nen dar­stel­le, sei­en in viel­fa­cher Hin­sicht in West­mins­ter oder Washing­ton die glei­che wie in Palermo.10

Caroline Moorehead: A Sicilian Man (Chatto & Windus, 2026)
Caro­li­ne Moore­head: A Sici­li­an Man (Chat­to & Win­dus, 2026)

In Caro­li­ne Moore­heads Bio­gra­fie (die über den »Auf­stieg der Mafia« und den »Kampf für Ita­li­ens See­le« fabu­liert, ohne die his­to­ri­schen Gege­ben­hei­ten ein­zu­be­zie­hen) ver­schwin­det Scia­sci­as enig­ma­ti­sche Kom­ple­xi­tät hin­ter der aka­de­mi­schen Bericht­erstat­tung, die an der Ober­flä­che verharrt. 11 Die Pro­ble­ma­tik liegt in der the­ma­ti­schen Ver­en­gung auf »die Mafia«, ohne die poli­ti­schen, öko­no­mi­schen, gesell­schaft­li­chen und his­to­ri­schen Struk­tu­ren zu durch­drin­gen. Rea­li­ter ist »Mafia« in Moore­heads Mono­gra­fie eher ein Zerr­bild denn ein »Inbild« der spät­bür­ger­li­chen Gesell­schaft Ita­li­ens. Der Mafio­so agiert, schrieb Theo­dor Wie­ser 1974 in einer Bestands­auf­nah­me der Mafia, »zwar in einer ille­gi­ti­men, auf Gewalt beru­hen­den Welt, ord­net sich aber den Nor­men einer Sub­kul­tur ein und übt dort unter dem schwa­chen Dach eines hand­lungs­un­fä­hi­gen Staa­tes selbst­herr­lich Macht und Justiz«.12

 

Offene Türen

Leonardo Sciascia: Das Gesetz schweigt, der Richter spricht (Friedenauer Presse, 2026)
Leo­nar­do Scia­scia: Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht (Frie­de­nau­er Pres­se, 2026)

Eine Dis­kus­si­on von Faschis­mus, Todes­stra­fe und tota­li­tä­rem Staat, die Bestand­teil von Scia­sci­as Kurz­ro­man Por­te aper­te (1987) ist, fin­det bei Moore­head nicht statt: Das schma­le, aber sprach­lich und intel­lek­tu­ell höchst kon­zen­trier­te und anspruchs­vol­le Werk ist auf eine 20-zei­li­ge Zusam­men­fas­sung ein­ge­dampft, ohne die poli­ti­schen und his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de in der Dar­stel­lung des Romans in Betracht zu zie­hen. Auf der Folie eines aus Rache- und Eifer­suchts­mo­ti­ven gespeis­ten Drei­fach­mor­des im Jah­re 1937, der von einem ent­las­se­nen und gehörn­ten Ange­stell­ten began­gen wur­de, ent­wi­ckelt Scia­scia eine kri­ti­sche Refle­xi­on über die Erwar­tun­gen und Mög­lich­kei­ten der Wider­stän­dig­keit in den Appa­ra­ten des tota­li­tä­ren Staa­tes. Da ein faschis­ti­scher Funk­tio­när ermor­det wur­de, soll die unter Mus­so­li­ni im Rah­men des »Codi­ce Roc­co« wie­der­ein­ge­führ­te Todes­stra­fe zur Anwen­dung kom­men, wäh­rend die bei­den ande­ren Mord­op­fer in dem Fall eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielen.

 

Der Roman – 1989 erst­mals von Peter O. Chot­je­witz ins Deut­sche unter dem Titel Offe­ne Türen über­tra­gen und nun in einer Neu­über­set­zung von Moni­ka Lus­tig als Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht erschie­nen – the­ma­ti­siert die Rede­wen­dung der »offe­nen Türen« als Meta­pher für Ord­nung, Sicher­heit und Ver­trau­en: Seit »der Faschis­mus am Ruder ist«, heißt es an einer Stel­le im Roman, »kann man bei offe­nen Türen schlafen«.13 Die Todes­stra­fe sor­ge, argu­men­tie­ren Funk­tio­nä­re des faschis­ti­schen Staa­tes, für das Höchst­maß an Sicher­heit für »sei­ne Bürger«.

Leonardo Sciascia - Photograph © Ferdinando Scianna - Magnum Photos
Leo­nar­do Scia­scia — Pho­to­graph © Fer­di­nan­do Sci­an­na — Magnum Photos

Die Auto­ri­tät des Staa­tes wird im Roman vom Staats­an­walt ver­tre­ten, mit des­sen State­ment »Sie wis­sen ja, wie ich dar­über denke«14 die Geschich­te eröff­net wird. Sein Gegen­spie­ler ist der »klei­ne Rich­ter«, der zwar das Eti­kett »Anti­fa­schist« von sich weist, den­noch gegen den Faschis­mus oppo­niert, um sich sei­ne Wür­de im Den­ken und Han­deln zu bewah­ren. In sei­nen Augen war der Faschis­mus essen­zi­ell dadurch geprägt, »dass die Todes­stra­fe als ele­men­ta­rer Bestand­teil zu sei­ner Exis­tenz, sei­ner Sicher­heit, sei­ner Wehr­haf­tig­keit gehör­te und über allem schweb­te, was sich gegen ihn rich­ten könn­te und all­zeit bereit war, mit oder ohne Urteil jede Per­son zu tref­fen, die die­se Idee gleich­wie verunglimpfte«.15

Obwohl es den Ruin sei­ner Kar­rie­re bedeu­te­te, kämpft der »klei­ne Rich­ter« für ein »Urteil, das nicht auf Todes­stra­fe lautete«16. In einer Vor­ah­nung erwar­tet der Rich­ter, dass es am Ende übel enden wer­de. Trotz allem bedeu­tet ihm die Ver­tei­di­gung des Prin­zips – gegen die faschis­ti­sche Herr­schaft und ihre vor­geb­li­che Sicher­heit ihrer staats­ei­ge­nen Unter­ta­nen durch das Instru­men­ta­ri­um der Todes­stra­fe – mehr als das Leben eines Man­nes, der zum Mör­der gewor­den war. Im Faschis­mus pen­del­te nicht nur ein Ein­zel­ner zwi­schen Ratio und Wahn­sinn, son­dern die gesam­te Gesell­schaft. Alle sind kri­mi­nell, weil sie sich mit der »Per­p­etu­ie­rung der Unter­drü­ckung« in der Welt ein­ver­stan­den erklä­ren. »Als Rea­list leben kann nur ein Ver­wor­fe­ner«, resü­mier­te Horkheimer.17 »Das Böse in der Geschich­te« (um noch ein­mal den spä­ten Hork­hei­mer zu zitie­ren) ist bei Scia­scia am Ende nicht auf­ge­löst, son­dern in die nar­ra­ti­ve Struk­tur inte­griert. Das Ende ist – in jedem Fall – übel.

 

© Jörg Auberg 2026

Bibliografische Angaben:

Leo­nar­do Scia­scia.
Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht.
Aus dem Ita­lie­ni­schen von Moni­ka Lus­tig.
Mit Nach­wor­ten von Moni­ka Lus­tig und Tho­mas Stein­feld.
Ber­lin: Frie­de­nau­er Pres­se, 2026
172 Sei­ten, 22 Euro.
ISBN: 978–3‑7518–8068‑8.

Caro­li­ne Moore­head.
A Sici­li­an Man:
Leo­nar­do Scia­scia, the Rise of the Mafia and the Strugg­le for Italy’s Soul.
Lon­don: Chat­to & Win­dus, 2026.
320 Sei­ten, £ 25,00.
ISBN: 978–1‑7847–4503‑5.

Medi­en­quel­len
Scia­scia-Cover für »sizi­lia­ni­sche Kriminalromane«© Klaus Wagen­bach Verlag
Cover A Sici­li­an Man© Chat­to & Windus
Cover Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht© Frie­de­nau­er Presse
Foto Leo­nar­do Sciascia© Fer­di­nan­do Scianna/Magnum Pho­tos via Chat­to & Windus

Anmerkungen

  1. Caro­li­ne Moore­head, A Sici­li­an Man: Leo­nar­do Scia­scia, the Rise of the Mafia and the Strugg­le for Italy’s Soul (Lon­don: Chat­to & Win­dus, 2026), S. 103; und Mai­ke Albath, Trau­er und Licht: Lam­pe­du­sa, Scia­scia, Camil­le­ri und die Lite­ra­tur Sizi­li­ens (Ber­lin: Beren­berg, 2019), S. 234 
  2. Cf. Regi­ne Igel, »Der Schrift­stel­ler Leo­nar­do Scia­scia – Auf­klä­ren über die Mafia«, WDR 3 Kul­tur­fea­ture, 3. Juli 2021, https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kulturfeature/audio-der-schriftsteller-leonardo-sciascia—aufklaeren-ueber-die-mafia-100.html
  3. Ulrich Schulz-Busch­haus, »Kri­mi­nal­ro­man und Post-Avant­gar­de«, Mer­kur, 41, Nr. 4 (April 1987), S. 289
  4. Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 344
  5. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, S. 656 
  6. Nao­mi Klein, No Logo (Lon­don: Fourth Estate, 2010), S. 9
  7. Leo­nar­do Scia­scia, Tote auf Bestel­lung – Der Tag der Eule – Tote Rich­ter reden nicht: Mafia-Roma­ne, übers. Hele­ne Moser et al. (Zürich: Ben­zi­ger, 1991), S. 431; im Fol­gen­den zitiert als: Mafia-Roma­ne
  8. Scia­scia, Mafia-Roma­ne, S. 431 
  9. Max Hork­hei­mer, »Noti­zen 1949–1969«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 6, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: Fischer, 1991), S. 359 
  10. Tho­mas Jones, »How to Cho­se Your Fri­ends«, Lon­don Review of Books, 48, Nr. 16 (10. Sep­tem­ber 2026), S. 10 
  11. Cf. Phil­ip Coo­ke, »Mafia Man: The Life of one of Italy’s Grea­test Modern Wri­ters«, Times Lite­ra­ry Sup­ple­ment, Nr. 6401 (20. März 2026), https://www.the-tls.com/literature-by-region/european-literature/a‑sicilian-man-caroline-moorehead-book-review-philip-cooke
  12. Theo­dor Wie­ser, »Mafia — Zerr­bild oder Inbild Ita­li­ens? Die Meri­dio­na­li­sie­rung und ihre Fol­gen«, Mer­kur, 28, Nr. 6 (Juni 1974), S. 558 
  13. Leo­nar­do Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, übers. Moni­ka Lus­tig (Ber­lin: Frie­de­nau­er Pres­se, 2026), S. 23 
  14. Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, S. 8 
  15. Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, S. 68 
  16. Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, S. 110 
  17. Hork­hei­mer, »Noti­zen 1949–1969«, S. 359 

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