Leonardo Sciascia: Das Gesetz schweigt, der Richter spricht (Friedenauer Presse, 2026)
Im Labyrinth der Macht
Leonardo Sciascia und der Widerstand gegen den Faschismus
von Jörg Auberg
Im Bewusstsein der vorherrschenden literarischen Öffentlichkeit ist Leonardo Sciascia (1921–1989) nahezu untrennbar mit Sizilien und der Mafia verknüpft. Wie jüngst Caroline Moorehead in ihrer Sciascia-Monografie A Sicilian Man hervorhebt, galt Sciascia als (wenn auch widerwilliger) »Mafiologe«, der von einer schmerzhaften »Sizilianität« geprägt gewesen sei.1 Die Identifikation Sciascias mit dem Genre »Krimi« und der Region »Sizilien« dient primär der Effektivität der Vermittlung des Autors auf dem literarischen Markt, während seine Bedeutung als politischer Intellektueller zunehmend aus der Betrachtung verschwand.2
Aufklärung als serielles Branding
Nahezu jeder Roman Sciascias wird mit dem Etikett »sizilianischer Kriminalroman« versehen, auch wenn dies – etwa im Fall des Romans Der Zusammenhang (der auch unter dem Titel »Tote Richter reden nicht« erschien) – nur bedingt zutrifft. Die Vermarktung der Bücher Sciascias unter diesem »Branding« folgte primär »publikumsstrategischen Gründen« (wie Ulrich Schulz-Buschhaus über die Popularität des Kriminalromans bei Autoren wie Umberto Eco, Mario Vargas Lllosa, Thomas Pynchon oder eben Sciascia mutmaßte 3) und erweckt beim Publikum entsprechende Erwartungen. Bereits 1959 bemerkte Theodor W. Adorno, dass Büchereinbände (heute »Cover« genannt) zu »Reklame für das Buch« geworden seien. »Jene Würde des in sich Gehaltenen Dauernden, Hermetischen«, schrieb er im Duktus des Bibliophilen, »das der Leser in sich hineinnimmt, gleichsam über ihm den Deckel schließt wie den Buchdeckel über dem Text – das ist als unzeitgemäß beseitigt.«4
Zum »Diktat des Konformismus«5 gehört seit je die Verhöhnung des Publikums, das mit der Produktion des Immergleichen (dem Gesetz der Serie) bei der Stange gehalten werden soll – oder wie es ein Marketing-Direktor ausdrückte: Konsumenten seien wie »Kakerlaken – man besprüht sie und besprüht sie, und nach einer Weile werden sie immun«6 Im seriellen Branding, gegen das Sciascia sich nicht mehr zur Wehr setzen konnte, drückt sich eine Missachtung des Autors durch die Verwertungsagenturen aus: Der Roman Der Zusammenhang war als Parodie gedacht, die in einem Land spielt, »das nur in der Einbildung existiert«, und in der es um »die Macht um der der Macht willen« geht.7 Dennoch verkauft es das Marketing als »sizilianischen Krimalroman«.
Die Ordnung der Dinge
Die Intention Sciascias war es, »etwas über das Wesen der Macht« auszusagen, »über die Macht, die immer undurchsichtigere Formen der Verflechtungen annimmt, wie sie in gewisser Weise für die Mafia eigentümlich sind«8. »Mafia« war in den Romanen Sciascias eine Synekdoche der Herrschaft von Rackets im System der staatlichen und ökonomischen Organisationen innerhalb der Gesellschaft, die über Macht und Sprache die »Ordnung der Dinge« aufrecht erhält. Anders als bei Dashiell Hammett oder Raymond Chandler bedeutet die detektivische Arbeit nicht Aufklärung, sondern Verlorengehen im »Labyrinth der Macht«. In den gesellschaftlichen Strukturen sind – mit Max Horkheimer gesprochen – alle kriminell, »wenn crimen objektive Schandtat heißt«9. Wie Thomas Jones betont, haben Sizilien und Italien kein Monopol auf Rackets: Die Dynamik der Korruption, die Sciascia in seinen Romanen darstelle, seien in vielfacher Hinsicht in Westminster oder Washington die gleiche wie in Palermo.10
Caroline Moorehead: A Sicilian Man (Chatto & Windus, 2026)
In Caroline Mooreheads Biografie (die über den »Aufstieg der Mafia« und den »Kampf für Italiens Seele« fabuliert, ohne die historischen Gegebenheiten einzubeziehen) verschwindet Sciascias enigmatische Komplexität hinter der akademischen Berichterstattung, die an der Oberfläche verharrt. 11 Die Problematik liegt in der thematischen Verengung auf »die Mafia«, ohne die politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und historischen Strukturen zu durchdringen. Realiter ist »Mafia« in Mooreheads Monografie eher ein Zerrbild denn ein »Inbild« der spätbürgerlichen Gesellschaft Italiens. Der Mafioso agiert, schrieb Theodor Wieser 1974 in einer Bestandsaufnahme der Mafia, »zwar in einer illegitimen, auf Gewalt beruhenden Welt, ordnet sich aber den Normen einer Subkultur ein und übt dort unter dem schwachen Dach eines handlungsunfähigen Staates selbstherrlich Macht und Justiz«.12
Offene Türen
Leonardo Sciascia: Das Gesetz schweigt, der Richter spricht (Friedenauer Presse, 2026)
Eine Diskussion von Faschismus, Todesstrafe und totalitärem Staat, die Bestandteil von Sciascias Kurzroman Porte aperte (1987) ist, findet bei Moorehead nicht statt: Das schmale, aber sprachlich und intellektuell höchst konzentrierte und anspruchsvolle Werk ist auf eine 20-zeilige Zusammenfassung eingedampft, ohne die politischen und historischen Hintergründe in der Darstellung des Romans in Betracht zu ziehen. Auf der Folie eines aus Rache- und Eifersuchtsmotiven gespeisten Dreifachmordes im Jahre 1937, der von einem entlassenen und gehörnten Angestellten begangen wurde, entwickelt Sciascia eine kritische Reflexion über die Erwartungen und Möglichkeiten der Widerständigkeit in den Apparaten des totalitären Staates. Da ein faschistischer Funktionär ermordet wurde, soll die unter Mussolini im Rahmen des »Codice Rocco« wiedereingeführte Todesstrafe zur Anwendung kommen, während die beiden anderen Mordopfer in dem Fall eine untergeordnete Rolle spielen.
Der Roman – 1989 erstmals von Peter O. Chotjewitz ins Deutsche unter dem Titel Offene Türen übertragen und nun in einer Neuübersetzung von Monika Lustig als Das Gesetz schweigt, der Richter spricht erschienen – thematisiert die Redewendung der »offenen Türen« als Metapher für Ordnung, Sicherheit und Vertrauen: Seit »der Faschismus am Ruder ist«, heißt es an einer Stelle im Roman, »kann man bei offenen Türen schlafen«.13 Die Todesstrafe sorge, argumentieren Funktionäre des faschistischen Staates, für das Höchstmaß an Sicherheit für »seine Bürger«.
Die Autorität des Staates wird im Roman vom Staatsanwalt vertreten, mit dessen Statement »Sie wissen ja, wie ich darüber denke«14 die Geschichte eröffnet wird. Sein Gegenspieler ist der »kleine Richter«, der zwar das Etikett »Antifaschist« von sich weist, dennoch gegen den Faschismus opponiert, um sich seine Würde im Denken und Handeln zu bewahren. In seinen Augen war der Faschismus essenziell dadurch geprägt, »dass die Todesstrafe als elementarer Bestandteil zu seiner Existenz, seiner Sicherheit, seiner Wehrhaftigkeit gehörte und über allem schwebte, was sich gegen ihn richten könnte und allzeit bereit war, mit oder ohne Urteil jede Person zu treffen, die diese Idee gleichwie verunglimpfte«.15
Obwohl es den Ruin seiner Karriere bedeutete, kämpft der »kleine Richter« für ein »Urteil, das nicht auf Todesstrafe lautete«16. In einer Vorahnung erwartet der Richter, dass es am Ende übel enden werde. Trotz allem bedeutet ihm die Verteidigung des Prinzips – gegen die faschistische Herrschaft und ihre vorgebliche Sicherheit ihrer staatseigenen Untertanen durch das Instrumentarium der Todesstrafe – mehr als das Leben eines Mannes, der zum Mörder geworden war. Im Faschismus pendelte nicht nur ein Einzelner zwischen Ratio und Wahnsinn, sondern die gesamte Gesellschaft. Alle sind kriminell, weil sie sich mit der »Perpetuierung der Unterdrückung« in der Welt einverstanden erklären. »Als Realist leben kann nur ein Verworfener«, resümierte Horkheimer.17 »Das Böse in der Geschichte« (um noch einmal den späten Horkheimer zu zitieren) ist bei Sciascia am Ende nicht aufgelöst, sondern in die narrative Struktur integriert. Das Ende ist – in jedem Fall – übel.
Leonardo Sciascia. Das Gesetz schweigt, der Richter spricht. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Mit Nachworten von Monika Lustig und Thomas Steinfeld. Berlin: Friedenauer Presse, 2026 172 Seiten, 22 Euro. ISBN: 978–3‑7518–8068‑8.
Caroline Moorehead. A Sicilian Man: Leonardo Sciascia, the Rise of the Mafia and the Struggle for Italy’s Soul. London: Chatto & Windus, 2026. 320 Seiten, £ 25,00. ISBN: 978–1‑7847–4503‑5.
Medienquellen
Sciascia-Cover für »sizilianische Kriminalromane«
Caroline Moorehead, A Sicilian Man: Leonardo Sciascia, the Rise of the Mafia and the Struggle for Italy’s Soul (London: Chatto & Windus, 2026), S. 103; und Maike Albath, Trauer und Licht: Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens (Berlin: Berenberg, 2019), S. 234
Ulrich Schulz-Buschhaus, »Kriminalroman und Post-Avantgarde«, Merkur, 41, Nr. 4 (April 1987), S. 289
Theodor W. Adorno, Noten zur Literatur, hg. Rolf Tiedemann (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981), S. 344
Adorno, Noten zur Literatur, S. 656
Naomi Klein, No Logo (London: Fourth Estate, 2010), S. 9
Leonardo Sciascia, Tote auf Bestellung – Der Tag der Eule – Tote Richter reden nicht: Mafia-Romane, übers. Helene Moser et al. (Zürich: Benziger, 1991), S. 431; im Folgenden zitiert als: Mafia-Romane
Sciascia, Mafia-Romane, S. 431
Max Horkheimer, »Notizen 1949–1969«, in: Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 6, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: Fischer, 1991), S. 359
Thomas Jones, »How to Chose Your Friends«, London Review of Books, 48, Nr. 16 (10. September 2026), S. 10
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