Philippe Kellermann: Anarchismus und russische Revolution

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Im Sumpf der kleinen Rackets

 

Philippe Kellermanns Sammelband zur Rolle des Anarchismus in der russischen Revolution bleibt im ideologischen Schlick stecken

Von Jörg Auberg

 

Alexander Berkman 1920 (Foto: Marcia Stein)
Alex­an­der Berk­man 1920 (Foto: Mar­cia Stein)

Zu Beginn der 1980er Jah­re – in der Hoch­zeit der Haus­be­set­zer­be­we­gung in der Bun­des­re­pu­blik – ver­an­stal­te­te die anar­chis­ti­sche Zeit­schrift Schwar­zer Faden einen Kon­gress zu den Ereig­nis­sen in Kron­stadt 1921. In der anar­chis­ti­schen His­to­rio­gra­fie nimmt der Matro­sen­auf­stand von Kron­stadt den Sta­tus einer zwei­ten »Pari­ser Com­mu­ne« ein und mar­kiert den End­punkt der Hoff­nun­gen, die im »Okto­ber« gebo­ren wur­den, wie der rus­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Anar­chist Alex­an­der Berk­man als Zeit- und Augen­zeu­ge jener Ereig­nis­se in sei­nem Tage­buch The Bols­he­vik Myth (1925) schrieb. Sech­zig Jah­re spä­ter monier­ten Akti­vis­ten und Akti­vis­tin­nen der Haus­be­set­zer­be­we­gung, es gebe drin­gen­de­re Pro­ble­me für Anar­chis­ten, als noch ein­mal die Zel­lu­loid-Lei­chen von Kron­stadt vor einem neu­en Blue Screen zu pro­ji­zie­ren. Viel­mehr bestehe die Auf­ga­be dar­in, die Zeit­ge­mäß­heit des Anar­chis­mus unter Beweis zu stel­len statt Nuan­cen in his­to­ri­schen Inter­pre­ta­tio­nen zu dis­ku­tie­ren.

Eine ähn­li­che Kri­tik lie­ße sich gegen den von Phil­ip­pe Kel­ler­mann her­aus­ge­ge­be­nen Band Anar­chis­mus und rus­si­sche Revo­lu­ti­on her­vor­brin­gen. In Zei­ten, da Auto­ri­ta­ris­mus und Neo­fa­schis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Xeno­pho­bie auf glo­ba­ler Ebe­ne zu tri­um­phie­ren schei­nen, gäbe es für eine radi­ka­le Gesell­schafts­kri­tik dring­li­che­re Auf­ga­ben, als die his­to­ri­schen Facet­ten des Anar­chis­mus in der rus­si­schen Revo­lu­ti­on zu beleuch­ten. Zwar erkennt auch Kel­ler­mann in sei­nem Vor­wort die »sich mehr und mehr zusam­men­zie­hen­den Wol­ken einer – sich poli­tisch oder poli­tisch-reli­gi­ös [sic!] defi­nie­ren­den – faschis­to­iden Wel­le«1, doch scheint er mit der Ana­ly­se der aktu­el­len Gescheh­nis­se nicht nur sprach­lich, son­dern auch kon­zep­tio­nell über­for­dert zu sein.

Bramar­ba­sie­rend ver­kün­det die Ver­lags­re­kla­me, dass im vor­lie­gen­den Band eine »neue Genera­ti­on von Autoren zu Wort« kom­me, die »nicht nur einen neu­en Blick auf die rus­si­sche Revo­lu­ti­on« eröff­ne, »son­dern auch auf den his­to­ri­schen Kon­text ihrer Rezep­ti­on außer­halb Russ­lands wie auf die inter­na­tio­na­le anar­chis­ti­sche Bewe­gung jener Zeit«. Jen­seits der markt­schreie­ri­schen PR (wie sie selbst für lin­ke Ver­la­ge zum All­tags­ge­schäft gewor­den zu sein scheint) bie­ten die Bei­trä­ge des Buches jedoch kei­nes­wegs neue his­to­ri­sche Erkennt­nis­se. Viel­mehr beschränkt sich der Band auf einen Quer­schnitt aus dem Fun­dus aka­de­mi­scher For­schungs­tech­ni­ker mit dem the­ma­ti­schen Schwer­punkt »Anar­chis­mus und rus­si­sche Revo­lu­ti­on«, ohne rea­li­ter neue Fra­ge­stel­lun­gen auf­zu­wer­fen.

Aus anar­chis­ti­scher Per­spek­ti­ve wer­den die poli­ti­schen Posi­tio­nen von Anar­chis­ten in der rus­si­schen Revo­lu­ti­on, Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen wie die Par­ti­sa­nen in der Ukrai­ne unter Füh­rung des cha­ris­ma­ti­schen Lea­ders Nes­tor Mach­no, die Rol­le der »Maxi­ma­lis­ten« und lin­ken Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re sowie der Syn­di­ka­lis­ten beschrie­ben. Dar­über hin­aus wer­den der hoff­nungs­vol­le Blick aus dem Wes­ten in die rote Son­ne des Ostens und schließ­lich die Des­il­lu­sio­nie­rung mit den Ent­wick­lun­gen im Lan­de der Bol­sche­wi­ki und das Ver­en­den im pre­kä­ren Exil jen­seits der Gren­zen des vor­geb­li­chen »Mut­ter­lan­des des Sozia­lis­mus« betrach­tet.

 

Philippe Kellermann: Anarchismus und russische Revolution (Karl Dietz Verlag, 2017)
Phil­ip­pe Kel­ler­mann: Anar­chis­mus und rus­si­sche Revo­lu­ti­on (Karl Dietz Ver­lag, 2017)

All dies wäre Mate­ri­al für nuan­cier­te his­to­ri­sche Erzäh­lun­gen, doch gibt der Her­aus­ge­ber schon in sei­nem Vor­wort die »Losun­gen« für die ideo­lo­gi­sche Marsch­rou­te aus: Dass der Sozia­lis­mus auf lan­ge Zeit kom­pro­mit­tiert sei, habe der Bol­sche­wis­mus zu ver­ant­wor­ten, denn die­ser habe »dem Sozia­lis­mus einen sol­chen Schlag« ver­setzt, dass nie­mand mehr etwas von ihm wis­sen wol­le. Dage­gen prä­sen­tiert Kel­ler­mann »die Anar­chis­ten« als »akti­ve, inter­ve­nie­ren­de For­ma­tio­nen«, die maß­geb­lich an den revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nis­sen betei­ligt gewe­sen, jedoch um die ver­dien­ten Früch­te ihrer auf­op­fe­rungs­vol­len Arbeit betro­gen wor­den sei­en.2 Schat­tie­run­gen sind bei Kel­ler­mann nicht vor­han­den; stets schon sind die Rol­len von »Gut« und »Böse« im anar­chis­ti­schen Sche­ren­schnitt klar ver­teilt. In die­sem ein­di­men­sio­na­len Sze­na­rio der Geschich­te ist kein Raum für eine »Dia­lek­tik der Nie­der­la­ge«, wie sie Rus­sell Jaco­by vor Jahr­zehn­ten beschrieb. Aus den his­to­ri­schen Ereig­nis­sen rekur­rier­ten die Ver­lie­rer auf das spie­gel­bild­lich umge­kehr­te Ethos der Sie­ger: Ihre Nie­der­la­ge speis­te sich nicht aus fal­schen Rea­li­täts­vor­stel­lun­gen oder unan­ge­mes­se­nen poli­ti­schen Stra­te­gien, son­dern aus der Bös­ar­tig­keit ihrer dia­bo­li­schen Geg­ner, die mit ihren irre­füh­ren­den Ver­klei­dun­gen die Agen­ten des Umstur­zes nas­führ­ten und in den Abgrund des Tota­li­ta­ris­mus lei­te­ten.

Eine kri­ti­sche Refle­xi­on der anar­chis­ti­schen Stra­te­gien und Akti­vi­tä­ten in der rus­si­schen Revo­lu­ti­on und den Jah­ren danach sucht man in die­sem Band ver­geb­lich. In ihrer Staats­fi­xiert­heit tra­fen in die­ser his­to­ri­schen Situa­ti­on Leni­nis­ten und Anar­chis­ten aus gegen­sätz­li­chen Rich­tun­gen auf­ein­an­der, ohne eine Kon­zep­ti­on einer revo­lu­tio­nä­ren Umge­stal­tung auf demo­kra­ti­scher Basis zu besit­zen. »Die bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­on von 1917–21 ist ein Lehr­buch­bei­spiel für die Aneig­nung einer brei­ten Volks­be­we­gung durch eine hoch­zen­tra­li­sier­te Par­tei«3, dia­gnos­ti­zier­te Mur­ray Book­chin, der Theo­re­ti­ker eines »liber­tä­ren Kom­mu­na­lis­mus«. Wie Mit­chell Cohen in einer Kri­tik der leni­nis­ti­schen Pra­xis in der Zeit­schrift Dis­sent betont, lehn­ten die Bol­sche­wi­ki den »demo­kra­ti­schen Par­la­men­ta­ris­mus« als Stand­bein des bür­ger­li­chen Staa­tes ab, erhiel­ten aber die Instru­men­te der Staats­macht – Büro­kra­tie, Poli­zei und Armee – nicht nur auf­recht, son­dern bau­ten sie als Werk­zeu­ge einer auto­ri­tä­ren Herr­schaft aus.4 In ers­ter Linie ging es den Bol­sche­wi­ki dar­um, in einem poli­ti­schen Macht­va­ku­um unter dem Deck­man­tel des Mar­xis­mus die Staats­macht zu erobern und als Racket sich zu eta­blie­ren. Davon unter­schie­den sich rea­li­ter auch die ver­schie­de­nen For­ma­tio­nen der Anar­chis­ten, Syn­di­ka­lis­ten und Maxi­ma­lis­ten nicht, denen es nicht um die Eta­blie­rung einer »par­ti­zi­pa­to­ri­schen Demo­kra­tie« (wie man es vie­le Jahr­zehn­te spä­ter nann­te) ging, son­dern um die Inbe­sitz­nah­me loka­ler Ter­ri­to­ri­en, denen mino­ri­tä­re Rackets ihren Stem­pel auf­drü­cken woll­ten.

»Die Geschich­te des Anar­chis­mus hat ihren Anteil an Sün­dern und Oppor­tu­nis­ten […]«5, kon­sta­tier­te Rus­sell Jaco­by 1987 in sei­nem Buch The Last Intel­lec­tu­als. Im vor­lie­gen­den Band nimmt die »neue Genera­ti­on« sol­che kri­ti­sche Ein­wür­fe nicht zur Kennt­nis. Statt­des­sen bemüht sie sich in einem addi­ti­ven Ver­fah­ren der Geschichts­schrei­bung Mas­sen von Fak­ten auf­zu­bie­ten, die sich in einem Wust von 1435 Fuß­no­ten auf 416 Sei­ten aus­to­ben und stel­len­wei­se den Haupt­text wie Kar­zi­no­me über­wu­chern. Selbst mar­gi­na­le Quel­len wie Post­kar­ten und Tele­gram­me, die aus den Rie­sen­spei­chern der Ver­gan­gen­heit her­vor­ge­zerrt wer­den, die­nen dazu, Gebir­ge von »Tat­sa­chen­schutt«6 (wie es Sieg­fried Kra­cau­er nann­te) auf­zu­schüt­ten, um sich der Auf­ga­be einer kon­struk­ti­ven Mate­ri­al­be­wäl­ti­gung zu ent­zie­hen. Das Resul­tat sind ermü­den­de Tex­te, die am Ran­de der Unles­bar­keit deli­rie­ren.

Trotz allem sind zwei Bei­trä­ge her­vor­zu­he­ben, die aus der aka­de­mi­schen Mai­sche her­aus ragen. Vadim Damier erin­nert an das kaum unter­such­te Schick­sal vie­ler Emi­gran­ten aus Russ­land, die in den 1920er Jah­ren in Ber­lin leb­ten (Char­lot­ten­burg hat­te in jener Zeit den Spit­zen­na­men »Char­lot­ten­grad«), ohne jedoch in die sozia­le und poli­ti­sche Tie­fe die­ser Geschich­te ein­zu­tau­chen. Ein staa­ten­lo­ser Emi­grant wie Alex­an­der Berk­man, der – nur mit einem Nan­sen-Pass aus­ge­stat­tet – durch Euro­pa zog, auf eine pre­kä­re Exis­tenz zurück­ge­wor­fen und immer wie­der von Aus­wei­sung und staat­li­chen Repres­sa­li­en betrof­fen war – reprä­sen­tier­te den recht­lo­sen Flücht­ling, der durch das vom Krieg gezeich­ne­te Euro­pa irr­te.

Zum ande­ren beleuch­tet Mit­chell Abi­der die Zer­ris­sen­heit Vic­tor Ser­ges zwi­schen Anar­chis­mus und Bol­sche­wis­mus. Doch obwohl Abi­ders Text durch die adäqua­te Beschrei­bung der exis­ten­zi­el­len Schat­tie­run­gen einer his­to­ri­schen Figur besticht, ist er zugleich durch sei­ne Baga­tel­li­sie­rung des Anti­se­mi­tis­mus der auf­stän­di­schen Matro­sen in Kron­stadt gezeich­net. Wie Paul Avrich in sei­ner Stu­die Kron­stadt 1921 detail­liert beschreibt, grif­fen bei den Auf­stän­di­schen Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus und Anti­se­mi­tis­mus inein­an­der: Wäh­rend Lenin von jeg­li­cher Kri­tik aus­ge­nom­men blieb, gal­ten Trotz­ki, Kamenew und Sino­wiew als Agen­ten einer jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung, wel­che in Russ­land die »ers­te jüdi­sche Repu­blik« eta­blie­ren woll­ten.7 mit Recht wies Ian Kershaw in sei­nem außer­or­dent­li­chen Werk Höl­len­sturz auf die destruk­ti­ve Kraft des Anti­se­mi­tis­mus in der Zer­stö­rung Euro­pas in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts hin. Indem der vor­lie­gen­de Band, der vor­geb­lich »einen neu­en Blick auf die rus­si­sche Revo­lu­ti­on« eröff­nen will, Anti­se­mi­tis­mus und Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus als zu ver­nach­läs­si­gen­de Peti­tes­sen dar­stellt, des­avou­iert er sich und sein Anlie­gen.

 

Addendum

Socialist History 52: Legacies of October (Lawrence & Wishart, 2017)
Socia­list Histo­ry 52: Lega­ci­es of Octo­ber (Law­rence & Wis­hart, 2017)

Im Gegen­satz zur anar­chis­ti­schen Hagio­gra­fie, die Kel­ler­mann und sei­ne Mit­strei­ter dar­bie­ten (Frau­en kom­men weder als Autorin­nen noch als his­to­ri­sche Sub­jek­te in die­sem Kom­pen­di­um vor), lie­fert die Zeit­schrift Socia­list Histo­ry Bei­trä­ge für eine kri­ti­sche Geschich­te des Anar­chis­mus in der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on und den Jahr­zehn­ten danach. Wäh­rend in Kel­ler­manns Sam­mel­band die übli­chen anar­chis­ti­schen Res­sen­ti­ments gegen­über »dem Mar­xis­mus« in scha­len Repri­sen zur Schau stellt, argu­men­tie­ren die Autoren und Autorin­nen in dem von Kevin Mor­gan edi­tier­ten Band dif­fe­ren­ziert und poin­tiert. In sei­nem Essay »Anar­chism and Leni­nist Com­mu­nism« weist Carl Levy dar­auf hin, dass vor 1914 eine his­to­ri­sche Tra­di­ti­on eines liber­tä­ren Sozia­lis­mus in Gestalt von Anar­chis­mus und Syn­di­ka­lis­mus bestand, die nach dem Fall der Sowjet­uni­on revi­ta­li­siert wur­de und sich in kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Bewe­gun­gen wie Occu­py mani­fes­tier­te. Bereits in den 1950er und und 1960er Jah­ren waren Ein­flüs­se des Anar­chis­mus in der poli­ti­schen Kul­tur der US-Bür­ger­rechts­be­we­gung, des Situa­tio­nis­mus in Euro­pa und der glo­ba­len »68er«-Bewegung spür­bar.

In ihrem Auf­satz »When Kro­pot­kin Met Lenin« arbei­tet Ruth Kin­na die Unter­schie­de zwi­schen dem jako­bi­ni­schen und dem liber­tä­ren Revo­lu­ti­ons­mo­dell her­aus. Dabei geht es in ers­ter Linie um die Fra­ge, wie die ein­mal erober­te Macht gegen »Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re« und kapi­ta­lis­ti­sche Kräf­te ver­tei­digt und gesi­chert wer­den kann, ohne in auto­ri­tä­re oder tota­li­tä­re Mus­ter der Herr­schaft zu fal­len. Selbst unter Anar­chis­ten gin­gen bei die­ser Pro­ble­ma­tik aus­ein­an­der: Erri­co Mala­tes­ta favo­ri­sier­te einen kol­lek­ti­ven Klas­sen­kampf gegen den Kapi­ta­lis­mus ohne eine Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats, wäh­rend Peter Kro­pot­kin für loka­le Koope­ra­tio­nen als »nicht-auto­ri­tä­re« Gegen­macht zur Zen­tral­ge­walt mit Büro­kra­tie und Par­tei­struk­tu­ren ein­trat, wobei sich Demo­kra­tie in der all­täg­li­chen Pra­xis kon­sti­tu­ie­ren und kon­stru­ie­ren soll­te. Emma Gold­mann schließ­lich schlug eine kul­tu­rel­le Trans­for­ma­ti­on des Bestehen­den vor, die auch die tra­di­tio­nel­len Geschlech­ter­rol­len ein­schloss.

Die­sen Aspekt the­ma­ti­siert Lisa A. Kir­schen­baum in ihrem Bei­trag »The Man Ques­ti­on: How Bols­he­vik Mas­cu­lini­ty Shaped Inter­na­tio­nal Com­mu­nism«, in dem sie den Zusam­men­hang zwi­schen prak­ti­zier­ter Auto­ri­tät und zur Schau gestell­ter Männ­lich­keit ana­ly­siert. Da den Bol­sche­wi­ki die Erobe­rung der Macht in Russ­land gelang, schie­nen sie vie­len revo­lu­tio­nä­ren Grup­pen im Wes­ten anders­wo als Erfolgs­mo­dell, dem es nach­zu­ei­fern galt. Die leni­nis­ti­sche Vor­stel­lung, dass ein Fun­ke einen Step­pen­brand ent­zün­den konn­te, beflü­gel­te nach 1917 nicht nur den unga­ri­schen Revo­lu­tio­när Bela Kun, der davon über­zeugt war, dass der Auf­stand die apa­thi­schen Mas­sen »elek­tri­fi­zie­ren« konn­te, son­dern auch »mao­is­ti­sche« Stadt­gue­ril­la­grup­pen wie die »Wea­ther­man« in den USA, die ihr poli­ti­sches Mani­fest Prai­rie Fire beti­tel­ten.8 »Homage to suc­cess is homage to vio­lence«9, kon­sta­tier­te Rus­sell Jaco­by. Ein dunk­les Bei­pro­dukt der bol­sche­wis­ti­schen Erfolgs­ge­schich­te mit ihrer Beto­nung eines »Män­ner­kul­tes« war die Mili­ta­ri­sie­rung des gesell­schaft­li­chen Kamp­fes, der vor­geb­lich auf Eman­zi­pa­ti­on und Gleich­be­rech­ti­gung aus­ge­rich­tet war, rea­li­ter jedoch auf Unter­drü­ckung hin­aus­lief. Der para­mi­li­tä­risch orga­ni­sier­te Rot­kämp­fer­bund der KPD in der Wei­ma­rer Repu­blik unter­schied sich in sei­ner mar­tia­li­schen Zur­schau­stel­lung von Gewalt wenig von den SA-Trup­pen der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Im kom­mu­nis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis wur­den, stellt Kir­schen­baum her­aus, Frau­en und Homo­se­xu­el­le als schwäch­lich, unzu­ver­läs­sig oder rück­stän­dig ver­ach­tet; allein mit revo­lu­tio­nä­rer Männ­lich­keit konn­te »man« den stren­gen Anfor­de­run­gen der Par­tei­dis­zi­plin genü­gen, die schließ­lich im Sta­li­nis­mus mit voll­kom­me­ner Unter­wer­fung der Indi­vi­dua­li­tät mün­de­te.

Anders als Kel­ler­manns ideo­lo­gisch-aka­de­mi­scher abge­dich­te­ter Sam­mel­band bie­tet das Okto­ber-The­men­heft der Zeit­schrift Socia­list Histo­ry nicht allein kri­tisch-his­to­ri­sche Refle­xio­nen über ver­schie­de­ne Aspek­te der rus­si­schen Revo­lu­ti­on, son­dern lässt auch die Bedeu­tung des »Okto­ber-Erbes« für die unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen der Lin­ken in der Gegen­wart nicht aus den Augen.

 

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Bibliografische Angaben:

 

Phil­ip­pe Kel­ler­mann (Hg.).
Anar­chis­mus und rus­si­sche Revo­lu­ti­on.
Ber­lin: Karl Dietz Ver­lag, 2017.
416 Sei­ten, 29,90 Euro.
ISBN: 978–3‑320–02328‑7.

 

Kevin Mor­gan (Hg.).
Socia­list Histo­ry 52: Lega­ci­es of Octo­ber.
Lon­don: Law­rence & Wis­hart, 2017.
128 Sei­ten, £ 10,00.
ISBN: 978–1‑912–06451‑9.

 

 

[otw_shortcode_content_box title=“Bildquellen” title_style=“otw-regular-title” content_pattern=“otw-pattern‑2” icon_type=“general found­icon-glo­be”] Foto Alex­an­der Berk­man — Von Mar­cia Stein. Digi­ta­li­sie­rung: Pro­ject Guten­berg. [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons
Cover Anar­chis­mus und rus­si­sche Revo­lu­ti­on — Karl Dietz Ver­lag
Cover Socia­list Histo­ry 52 — Law­rence & Wis­hart
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Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 12 (Dezem­ber 2017)
© Jörg Auberg 2017

Nachweise

  1. Phil­ipp­pe Kel­ler­mann, Vor­wort zu Anar­chis­mus und rus­si­sche Revo­lu­ti­on, hg. Phil­ip­pe Kel­ler­mann (Ber­lin: Dietz, 2017), S. 9
  2. Kel­ler­mann, Vor­wort, S. 9–10
  3. Mur­ray Book­chin, From Urba­niz­a­ti­on to Cities: Toward a New Poli­tics of Citi­zenship (Lon­don: Cas­sell, 1995), S. 222
  4. Mit­chell Cohen, »What Lenin’s Cri­tics Got Right«, Dis­sent, 64:4 (Herbst 2017), S. 20–31
  5. Rus­sell Jaco­by, The Last Intel­lec­tu­als: Ame­ri­can Cul­tu­re in the Age of Aca­de­me (New York: Basic Books, 1987), S. 100
  6. Sieg­fried Kra­cau­er, Geschich­te – Vor den letz­ten Din­gen, übers. Kars­ten Wit­te (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1973), S. 108
  7. Paul Avrich, Kron­stadt 1921 (1970; rpt. Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 1991), S. 178–180
  8. Issac Deut­scher, The Pro­phet: The Life of Leon Trot­s­ky (Lon­don: Ver­so, 2015), S. 546; Dan Ber­ger, Out­laws of Ame­ri­ca: The Wea­ther Under­ground and the Poli­tics of Soli­da­ri­ty (Oak­land, CA: AK Press, 2006), S. 183–196
  9. Rus­sell Jaco­by, Dialec­tic of Defeat: Con­tours of Wes­tern Mar­xism (Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 1981), S. 5

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