Karl Heinz Roth — Blinde Passagiere

K

Der Kampf geht weiter

Karl Heinz Roth analysiert die Folgen der Corona-Krise

 

von Max Henninger

Redak­tio­nel­le Vorbemerkung
Die Große Pest in London 1665
Die Gro­ße Pest in Lon­don 1665

Nach wie vor hat die Coro­na-Pan­de­mie den Pla­ne­ten fest im Griff, wobei nicht allein gesund­heits­po­li­ti­sche Fak­to­ren die mensch­li­che Exis­tenz bestim­men, son­dern zuneh­mend auch extre­mis­ti­sche Rackets und ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche »Nar­ra­ti­ve« die fra­gi­len demo­kra­ti­schen Sys­te­me in exis­ten­zi­el­le Kri­sen stür­zen. 1940 hat­te Max Hork­hei­mer von der »Erwar­tung einer auto­ri­tä­ren Welt­pe­ri­ode« gespro­chen, die von Bewe­gun­gen des Anti­se­mi­tis­mus, Faschis­mus und Tota­li­ta­ris­mus vor­an­ge­trie­ben wur­de. Die Lebens­er­fah­rung eines Geflüch­te­ten fass­te er in dem Satz zusam­men: »Ban­k­erott ist der Glau­be dar­an, daß man etwas hin­ter sich hat.«1

Acht­zig Jah­re spä­ter kapri­ziert sich die »Erwar­tung einer auto­ri­tä­ren Welt­pe­ri­ode« nicht mehr im Auto­ri­ta­ris­mus gesell­schaft­lich, poli­tisch oder öko­no­misch agie­ren­der Kräf­te, son­dern im dif­fu­sen Nebel ver­schwö­rungs­theo­re­ti­scher Rackets, die in ihrer umge­stülp­ten Staats­fi­xiert­heit plötz­lich – nach Jah­ren der auto­ri­tä­ren Herr­schafts­pra­xis – den Weg zurück vom Kom­mis­sar zum Pro­le­ta­ri­er (wie ihn Mau­rice Mer­leau-Pon­ty in den 1940er Jah­ren in Huma­nis­mus und Ter­ror beschrieb2) beschrei­ten und ange­sichts von »Impf­zwän­gen« neu­er­lich Eman­zi­pa­ti­on und Frei­heit als Bestand­tei­le ihres poli­ti­schen Han­delns entdecken.

Karl Heinz Roth
Karl Heinz Roth (© Ver­lag Ant­je Kunstmann)

Karl Heinz Roth, der seit den 1970er Jah­ren die Ent­wick­lung der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Lin­ken kri­tisch beglei­te­te, den »Unter­gang der Intel­li­genz« beklag­te und gegen die »Geschäfts­füh­rer der Alter­na­tiv­be­we­gung« pole­mi­sier­te3, ist als Medi­zi­ner und radi­ka­ler Lin­ker der idea­le Stich­wort­ge­ber für Autoren aus dem lin­ken Spek­trum, die nach eige­nem Bekun­den für eman­zi­pa­to­ri­sche Inter­es­sen ein­tre­ten, rea­li­ter zuvör­derst ihre Racket-Inter­es­sen ver­fol­gen. Im Maga­zin Tele­po­lis akzen­tu­iert dies Peter Nowak unter dem Titel »Tren­nung ver­läuft nicht zwi­schen Geimpf­ten und Unge­impf­ten« und schreibt »gegen fal­sche Spal­tun­gen« an.4

Im Blog der Wochen­zei­tung Frei­tag gibt Ger­hard Han­lo­ser5 zu Protokoll:

»Nach Lesen des fak­ten­rei­chen Buches wird noch­mals deut­lich, wie pro­vin­zi­ell und ein­äu­gig jene lin­ke Pra­xis und Theo­rie ver­fährt, die sich haupt­säch­lich an den Quer­den­kern als faschis­to­ider Gefahr abar­bei­tet. Bei aller kon­zi­sen Ableh­nung und Kri­tik von ideo­lo­gi­sier­ter Impf­geg­ner­schaft und halt­lo­sen Ver­schwö­rungs­my­then scheint Roth in Hin­blick auf Grund­rechts­de­mon­ta­ge und Frei­heits­ein­schrän­kung jenen Stim­men Recht zu geben, die vor einer ent­kop­pel­ten Exe­ku­ti­ve war­nen. Er spricht am Ende sei­nes Buches von dem Ent­ste­hen eines bio­tech­nisch-phar­ma­zeu­ti­schen Kom­ple­xes, der an die Sei­te des mili­tä­risch-indus­tri­el­len Kom­ple­xes tre­te. Die auto­ri­tä­ren und lebens­ge­fähr­den­den Zustän­de sind insti­tu­tio­nel­ler und sozia­ler Art, sie lie­gen in grö­ße­ren Zusam­men­hän­gen als in dif­fus zusam­men­ge­wür­fel­ten Spa­zier­gän­gern mit Lock­down- und ande­rem Überdruss.«

In der Online-Zeit­schrift Die Akti­on 4.0 (die sich im Unter­ti­tel selbst beschei­den als »Organ der radi­ka­len Intel­li­genz« beschreibt) wet­tert Gerald Grü­ne­klee, der den insol­ven­ten Medi­en­ver­trieb Ana­res unter der Mar­ke Zie­gel­bren­ner als Online-Ver­trieb wei­ter­führt, als gestähl­ter Anti­au­to­ri­tä­rer (der seit Jahr­zehn­ten den Kapi­ta­lis­mus von innen her­aus aus­höhlt) gegen staat­li­chen Impf­zwang und Impf­stoff-Natio­na­lis­mus.6 Im auto­ri­ta­ris­tisch auf­ge­heiz­ten »Gesund­heits­wahn« und der dar­aus fol­gen­den »Panik­ma­che« sehen Grün­klee und Autoren ähn­li­cher Pro­ve­ni­enz, die sich als lin­ke Ver­tei­di­ger der Demo­kra­tie prä­sen­tie­ren, die »größ­te Kata­stro­phe« seit 1945, die »schlim­mer noch als der deut­sche Herbst 1977«sei.7

Daniel Defoe: A Journal of the Plague Year (Penguin Classic, 2003)
Dani­el Defoe: A Jour­nal of the Pla­gue Year (Pen­gu­in Clas­sics, 2003)

In sei­nem Jour­nal of the Pla­gue Year beschrieb Dani­el Defoe die dra­ko­ni­schen und mar­tia­li­schen Maß­nah­men der Pest in Lon­don, die bei­spiels­wei­se das rigo­ro­se Abschlie­ßen »infek­tiö­ser« Häu­ser beinhal­te­ten.8 Ein Auf­be­geh­ren oder ein Wider­stand dage­gen fand nicht statt. Mau­rice Mer­leau-Pon­ty und Albert Camus grif­fen nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Meta­phern des Bela­ge­rungs­zu­stan­des und der Pest in den Ima­gi­na­tio­nen einer »ande­ren Gefan­gen­schaft« als Aus­druck der »mensch­li­chen Kri­se« in einer »post­hu­ma­nen Umwelt« neu auf.9

In sei­ner Kri­tik von Roths Buch Blin­de Pas­sa­gie­re, die zuerst in der Zeit­schrift Sozial.Geschichte Online (Nr. 31/2022) erschien, hebt Max Hen­nin­ger die her­aus­ra­gen­de Leis­tung Roths in sei­ner gesell­schafts­kri­ti­schen Ana­ly­se der Coro­na-Kri­se her­vor, spricht aber auch Män­gel des Buches an. 1978 in Mün­chen gebo­ren, lebt Hen­nin­ger seit 2006 in Ber­lin, wo er als Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­set­zer arbei­tet. 2017 erschien im Wie­ner Man­del­baum Ver­lag sein Buch Armut, Arbeit, Ent­wick­lung. Der Text wur­de redak­tio­nell um Fuß­no­ten zu ange­spro­che­nen Quel­len erweitert.

 

Es ist stets ein Wag­nis und mit­un­ter ein aus­ge­spro­chen undank­ba­res Unter­fan­gen, ein Buch über eine noch offe­ne Ent­wick­lung zu ver­öf­fent­li­chen. Das gilt umso mehr, wenn es sich bei die­ser Ent­wick­lung um ein der­art dyna­mi­sches, mit so vie­len Unwäg­bar­kei­ten ein­her­ge­hen­des Gesche­hen han­delt wie die COVID-19-Pan­de­mie. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge und Medi­zi­ner Nicho­las Chris­ta­kis10 hat bereits im Okto­ber 2020 eine umfas­sen­de Dar­stel­lung der ers­ten Pha­se die­ser Pan­de­mie vor­ge­legt. Bedingt durch den Zeit­punkt der Nie­der­schrift hat die­se zu mitt­ler­wei­le zen­tra­len Aspek­ten wie der Ent­wick­lung von Vak­zi­nen nur wenig zu sagen, ist aber den­noch bis heu­te mit beträcht­li­chem Gewinn zu lesen, weil sie auf soli­den Kennt­nis­sen, gründ­li­chen Recher­chen und belast­ba­ren Grund­an­nah­men beruht. Etwas mehr als zwei Jah­re spä­ter hat Karl Heinz Roth eine deut­lich umfas­sen­de­re Stu­die vor­ge­legt, in der nun auch die Ent­wick­lung von Impf­stof­fen, das stil­le Schei­tern der glo­ba­len Impf­kam­pa­gne COVAX und die Ent­ste­hung eines weit ver­brei­te­ten »Impf­na­tio­na­lis­mus« bezie­hungs­wei­se »Impf­pro­tek­tio­nis­mus« (S. 280–286) dar­ge­stellt und ana­ly­siert wer­den konn­ten. Eben­falls Medi­zi­ner, außer­dem His­to­ri­ker und Ver­fas­ser zahl­rei­cher Mono­gra­fien zu welt­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te, scheint Karl Heinz Roth für die Auf­ga­be, die er sich mit Blin­de Pas­sa­gie­re gestellt hat, gera­de­zu prä­de­sti­niert. Leser und Lese­rin­nen, die Roth für sei­ne in zahl­rei­chen frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen unter Beweis gestell­te Fähig­keit zur akri­bi­schen Aus­wer­tung und strin­gen­ten Syn­the­se enor­mer Daten­men­gen schät­zen, wer­den von die­sem Buch nicht ent­täuscht sein.

Karl Heinz Roth: Blinde Passagiere - Die Coronakrise und die Folgen (Verlag Antje Kunstmann, 2022)
Karl Heinz Roth: Blin­de Pas­sa­gie­re — Die Coro­na­kri­se und die Fol­gen (Ver­lag Ant­je Kunst­mann, 2022)

Und doch wird wohl auch Blin­de Pas­sa­gie­re nicht das letz­te Wort zum The­ma sein kön­nen, ist das Buch doch vor dem Auf­kom­men der Omi­kron-Vari­an­te des neu­en Coro­na­vi­rus geschrie­ben wor­den, die sich durch ihre in der Neu­zeit gera­de­zu bei­spiel­lo­se Kon­ta­gio­si­tät aus­zeich­net und uns aktu­ell vor Augen führt, wie unbe­grün­det die immer wie­der vor­ge­tra­ge­nen Hoff­nun­gen auf einen bal­di­gen Über­gang von der pan­de­mi­schen in die ende­mi­sche Pha­se der Ent­wick­lung des neu­en Krank­heits­er­re­gers sind. Erst jüngst, am 1. Febru­ar 2022, hat die WHO bekannt­ge­ge­ben, dass sich seit Ent­de­ckung der Omi­kron-Vari­an­te Ende Novem­ber 2021 welt­weit etwa neun­zig Mil­lio­nen Men­schen mit COVID-19 infi­ziert haben; das sind mehr als im gesam­ten Jahr 2020. Hin­wei­se auf die gerin­ge­re Leta­li­tät von Omi­kron gegen­über der – noch immer zir­ku­lie­ren­den – Vor­läu­fer­va­ri­an­te Del­ta sind inso­fern Augen­wi­sche­rei, als ein der­ar­ti­ger Anstieg der Infek­tio­nen auch bei ver­rin­ger­ter Leta­li­tät einen abso­lu­ten Anstieg der Todes­fäl­le erwar­ten lässt. In Frank­reich, Däne­mark und Isra­el wer­den bereits neue Rekor­de gesetzt, was die Zahl der durch COVID-19 beding­ten Kran­ken­haus­ein­wei­sun­gen angeht, und es ist damit zu rech­nen, dass ande­re Län­der nach­zie­hen werden.

Die Pandemie als »vorausgesagtes Ereignis«

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit frü­he­ren Pan­de­mien ist für die soli­de Ein­schät­zung unse­res gegen­wär­ti­gen Deba­kels uner­läss­lich. Dem­entspre­chend eröff­net Roth Blin­de Pas­sa­gie­re mit einem his­to­ri­schen Rück­blick. Wie der Medi­zin­his­to­ri­ker Frank M. Snow­den, des­sen Epi­de­mics and Socie­ty allen emp­foh­len sei, die ihre Kennt­nis­se der all­ge­mei­nen Pan­de­mie­ge­schich­te ver­tie­fen möch­ten11, muss sich Roth dabei mit eini­gen Schlag­lich­tern begnü­gen. Bevor er – wie auch Snow­den am Ende sei­ner Stu­die – auf die in den 1990er Jah­ren auf­kom­men­de, dem epi­de­mio­lo­gi­schen Opti­mis­mus der vor­an­ge­gan­ge­nen Jahr­zehn­te den Wind aus den Segeln neh­men­de Pro­ble­ma­tik der emer­ging and ree­mer­ging dise­a­ses am Bei­spiel der als »Mene­te­kel« ver­stan­de­nen SARS- und MERS-Pan­de­mien nach­geht (S. 23–28), skiz­ziert Roth prä­gnant die Geschich­te zwei­er wei­ter zurück­lie­gen­der Ereig­nis­se: die der im mitt­le­ren Drit­tel des 14. Jahr­hun­derts aus­ge­bro­che­nen Pest-Pan­de­mie (»Schwar­zer Tod«) und die der irre­füh­ren­der­wei­se als »Spa­ni­sche Grip­pe« bekann­ten, tat­säch­lich vom Mitt­le­ren Wes­ten der USA aus­ge­gan­ge­nen und anschlie­ßend über das Mili­tär­we­sen ver­brei­te­ten Influ­en­za-Epi­de­mie von 1918 bis 1920 (S. 12–20). Die Pest hat sich mit ihrer enor­men Leta­li­tät tief in das kul­tu­rel­le Gedächt­nis ein­ge­schrie­ben; dass die »Spa­ni­sche Grip­pe« mit geschätz­ten vier­zig bis fünf­zig Mil­lio­nen Toten mehr Men­schen das Leben gekos­tet hat als die Gefechts­hand­lun­gen des Ers­ten Welt­kriegs, hören dage­gen heu­te noch vie­le Men­schen mit Erstaunen.

Im ers­ten Haupt­teil des Buches wid­met sich Roth der Fra­ge, wes­halb die meis­ten Regie­run­gen der­art unvor­be­rei­tet auf die COVID-19-Pan­de­mie waren, obwohl es sich doch, wie er über­zeu­gend belegt, um ein »vor­aus­ge­sag­tes Ereig­nis« (S. 21) han­delt. War­um gab es kei­ne aus­rei­chen­de Bevor­ra­tung ent­spre­chen­der Medi­ka­men­te, kei­ne kurz­fris­tig nutz­ba­ren Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten für basis­hy­gie­ni­sche Grund­gü­ter wie Schutz­aus­rüs­tung und Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, kei­ne Vor­keh­run­gen für einen rapi­den Aus­bau der Test­ka­pa­zi­tä­ten und die iso­lier­te Behand­lung Infi­zier­ter in Spe­zi­al­kran­ken­häu­sern, obgleich das Risi­ko einer Pan­de­mie seit Jahr­zehn­ten bekannt und in eini­gen Län­dern, dar­un­ter die Bun­des­re­pu­blik, auch längst Gegen­stand ent­spre­chen­der Plan­spie­le war? Am Bei­spiel der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Pan­de­mie-Plan­spie­le arbei­tet Roth her­aus, dass deren Ent­wick­lung aus frü­he­ren Simu­la­tio­nen des ato­ma­ren Ernst­falls einen Fokus auf Maxi­mal­sze­na­ri­en zur Fol­ge hat­te, in denen das Gesund­heits­sys­tem regel­mä­ßig in kür­zes­ter Zeit kol­la­bier­te, sodass bei­spiels­wei­se basis­hy­gie­ni­sche Bevor­ra­tungs­maß­nah­men und ein Aus­bau inten­siv­me­di­zi­ni­scher Kapa­zi­tä­ten hin­fäl­lig erschie­nen (S. 60–79). Sol­che Ergeb­nis­se ver­tru­gen sich gut mit der mitt­ler­wei­le in Gang gekom­me­nen, einer neo­li­be­ra­len Logik fol­gen­den »Öko­no­mi­sie­rung des Gesund­heits­we­sens« (S. 83; vgl. S. 329, 341 ff.), die bekannt­lich nicht mit dem Auf­bau, son­dern im Gegen­teil mit dem Abbau von Res­sour­cen und Kapa­zi­tä­ten ein­her­geht (vgl. S. 340–343 sowie zum mise­ra­blen Zustand der Alten­pfle­ge S. 344–347). »Unter Nor­mal­be­din­gun­gen kön­nen die Fol­gen die­ser Poli­tik eini­ger­ma­ßen kom­pen­siert wer­den – nicht aber in aku­ten gesund­heits­po­li­ti­schen Kri­sen­la­gen. Es war […] ver­pönt, medi­zi­ni­sche Reser­ve­ka­pa­zi­tä­ten und kos­ten­auf­wen­di­ge Depots für den Pan­de­mie­fall vor­zu­hal­ten« (S. 84).

In den dar­an anschlie­ßen­den bei­den Tei­len sei­ner Unter­su­chung fasst Roth Erkennt­nis­se zu den Ursprün­gen und zur Ent­wick­lung der Pan­de­mie sowie zu Krank­heits­ver­lauf, Kon­ta­gio­si­tät und Leta­li­tät zusam­men. Dabei kann sei­ne im Spät­som­mer / Herbst 2021 abge­schlos­se­ne Dar­stel­lung nur die ers­ten drei Wel­len der Pan­de­mie berück­sich­ti­gen. Das schmä­lert kei­nes­wegs den unge­wöhn­lich anspruchs­vol­len Cha­rak­ter der Auf­ga­be, die Roth sich gestellt hat: Er ist durch­weg einer mög­lichst glo­ba­len und kom­pa­ra­ti­ven Per­spek­ti­ve ver­pflich­tet und weicht auch nicht den zahl­lo­sen Schwie­rig­kei­ten aus, die sich aus der mit­un­ter hoch­gra­dig unzu­ver­läs­si­gen Daten­la­ge und dem Pro­blem der Dun­kel­zif­fern erge­ben. In die­sem Zusam­men­hang kri­ti­siert er etwa den irre­füh­ren­den oder auch schlicht fal­schen Gebrauch des Inzi­denz­be­griffs. Was bei­spiels­wei­se in den Sta­tis­ti­ken des Robert-Koch-Insti­tuts als »Inzi­denz« bezeich­net wird, ent­spricht kei­nes­wegs der tat­säch­li­chen, nur unter Berück­sich­ti­gung der Dun­kel­zif­fer abschätz­ba­ren Häu­fig­keit der Infek­tio­nen, son­dern ledig­lich der Test­prä­va­lenz (S. 188; vgl. S. 495). Sol­che Unge­nau­ig­kei­ten sind fol­gen­reich, denn wenn eine zu nied­rig ange­setz­te Inzi­denz zur Zahl der Todes­fäl­le ins Ver­hält­nis gesetzt wird, ergibt sich dar­aus eine nach oben ver­zerr­te Ein­schät­zung der Leta­li­tät des Erregers.

Begriffliche Unschärfen

Der öffent­li­che Dis­kurs über die Pan­de­mie zeich­net sich mitt­ler­wei­le durch eine Viel­zahl sol­cher begriff­li­cher Unschär­fen aus. Sie sind oft (wirtschafts-)politisch moti­viert. Zu nen­nen wäre bei­spiels­wei­se die Hand­ha­bung von Begrif­fen wie »ende­misch« oder auch »Immu­ni­tät« bezie­hungs­wei­se »Her­denim­mu­ni­tät«. Wenn heu­te von einem Über­gang vom pan­de­mi­schen zum ende­mi­schen Sta­di­um gespro­chen wird, soll damit häu­fig sug­ge­riert wer­den, wir befän­den uns bereits am Aus­gang des epi­de­mio­lo­gi­schen Kri­sen­zu­stands. Damit soll – gern in Ver­bin­dung mit dem Hin­weis auf die mitt­ler­wei­le vor­han­de­nen Vak­zi­ne – einem Zurück­fah­ren nicht-phar­ma­zeu­ti­scher Maß­nah­men (Kon­takt­be­schrän­kun­gen, Qua­ran­tä­ne, Mas­ken­pflicht und so wei­ter) das Wort gere­det wer­den. Der Syn­ony­mi­sie­rung von »ende­misch« und »harm­los« ist jedoch aufs Schärfs­te zu wider­spre­chen, wie das bei­spiels­wei­se Jacob Stern, Kathe­ri­ne J. Wu und Aris Katz­ou­ra­kis für den anglo­pho­nen Kon­text getan haben.12 Auch AIDS und Mala­ria sind – mit Infek­ti­ons­zah­len im zwei- bis drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich – ende­mi­sche Krank­hei­ten. Selbst wenn es der Fall wäre, dass COVID-19 mitt­ler­wei­le die ende­mi­sche Pha­se erreicht hat, wür­de das alles ande­re als eine Rück­kehr zum Sta­tus quo ante bedeuten.

Untergrundbahnbetrieb während der PandemieEben­so unver­ant­wort­lich ist die gän­gi­ge holz­schnitt­ar­ti­ge Ver­wen­dung des Immu­ni­täts­be­griffs. Immer wie­der wird sug­ge­riert, der breit­flä­chi­ge Ver­lust immu­no­lo­gi­scher Nai­vi­tät – sei es durch Imp­fung, sei es durch Infek­ti­on – lau­fe auf einen dau­er­haf­ten Schutz der Bevöl­ke­rung (»Her­denim­mu­ni­tät«) hin­aus. Mit­un­ter wird, aus­ge­hend von die­ser Annah­me, mehr oder weni­ger offen für die Durch­seu­chung der Bevöl­ke­rung ein­ge­tre­ten, oder es wer­den still­schwei­gend gesund­heits­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die auf eine sol­che Durch­seu­chung hin­aus­lau­fen. Man den­ke etwa an die Rück­nah­me nicht-phar­ma­zeu­ti­scher Inter­ven­tio­nen wie der Mas­ken­pflicht, den Abbau bezie­hungs­wei­se unter­blie­be­nen Aus­bau von Test­ka­pa­zi­tä­ten, die Ver­kür­zung der Qua­ran­tä­ne­zei­ten bis unter die Zeit­span­ne, inner­halb derer damit zu rech­nen ist, dass Infi­zier­te Kon­takt­per­so­nen anste­cken, oder das Behar­ren auf dem Prä­senz­un­ter­richt an Schu­len unter Igno­rie­rung der längst ent­wi­ckel­ten Alter­na­tiv­kon­zep­te. Eine der­ar­ti­ge Poli­tik ist aktu­ell in vie­len Indus­trie­staa­ten, seit dem Regie­rungs­wech­sel auch in der Bun­des­re­pu­blik zu beob­ach­ten. Über­gan­gen wird in dem die­se Poli­tik beglei­ten­den Legi­ti­ma­ti­ons­dis­kurs, dass es – teils auf­grund des schwin­den­den Impf­schut­zes, vor allem aber wegen der Muta­ti­ons­freu­dig­keit des Erre­gers – bis dato kei­ne dau­er­haf­te Immu­ni­tät gibt. Dies ist ins­be­son­de­re wäh­rend der Omi­kron-Wel­le deut­lich gewor­den, in der es mitt­ler­wei­le zu Reinfek­tio­nen inner­halb von drei­ßig Tagen kommt. Auch die Pro­ble­ma­tik der teil­wei­se gra­vie­ren­den lang­fris­ti­gen Infek­ti­ons­fol­gen (»Long Covid«) wird gern aus­ge­blen­det. Als sol­che Fol­gen sind unter ande­rem ein um den Fak­tor 1,5 erhöh­tes Dia­be­tes-Risi­ko, Organ­schä­den ein­schließ­lich Gefäß‑, Herz­mus­kel- und Hirn­schä­den, neu­ro­lo­gi­sche und kogni­ti­ve Beein­träch­ti­gun­gen und eine an HIV erin­nern­de, eben­falls lang­fris­ti­ge Beein­träch­ti­gung des Immun­sys­tems durch die Aus­schal­tung von T‑Zellen bekannt; ver­mu­tet wird dar­über hin­aus ein mög­li­cher Zusam­men­hang mit Demenz- sowie mit psy­chi­schen Erkrankungen.

Gefahren eines vorschnellen Optimismus

Leider kommt Roths Dar­stel­lung an man­chen Stel­len den auf eine mög­lichst mini­ma­le Beschrän­kung des Wirt­schafts­le­bens abzie­len­den Beschwich­ti­gungs­dis­kur­sen ent­ge­gen. Ins­be­son­de­re in den Abschnit­ten »Die Eigen­schaf­ten der Pan­de­mie« (S. 214–217) und »Covid-19 im his­to­ri­schen Pan­de­mie­ver­gleich« (S. 217–224) häu­fen sich Aus­sa­gen, die den Ein­druck erwe­cken, Roth sei bei der Nie­der­schrift davon aus­ge­gan­gen, der Höhe­punkt der Pan­de­mie sei mit dem Ende der drit­ten Wel­le über­schrit­ten. Bereits auf S. 151 wird der »Gip­fel­punkt der Pan­de­mie über­haupt« auf das Früh­jahr 2021 datiert. Auf S. 326 wird dies bekräf­tigt: Die »Infek­ti­ons­krank­heit Covid-19« habe »Ende April 2021 ihren Höhe­punkt« erreicht. Bes­ser wäre es gewe­sen, vom bis­he­ri­gen Gip­fel bezie­hungs­wei­se Höhe­punkt zu spre­chen. Auf S. 216 ist zu lesen: »Spä­te­re His­to­ri­ker wer­den zu rekon­stru­ie­ren haben, wel­che Fak­to­ren […] zusam­men­wirk­ten, bevor die Impf­kam­pa­gne nach ein­ein­halb Jah­ren zu grei­fen begann und [die Pan­de­mie] in die ende­mi­sche Pha­se zurück­dräng­te« (vgl. auch S. 191, wo von »Men­schen« die Rede ist, »die inzwi­schen gegen das Virus immun sind«, als han­de­le es sich um eine dau­er­haf­te Immu­ni­tät). Auf S. 220 heißt es, die »inzwi­schen ange­lau­fe­ne Impf­kam­pa­gne« wer­de »die über­wie­gen­de Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung vor der Infek­ti­on bewah­ren« (ähn­lich auf S. 433, wo zu lesen ist, die »auf Hoch­tou­ren gebrach­te Impf­kam­pa­gne« wer­de »die SARS-CoV2-Pan­de­mie bis Früh­jahr 2022 all­mäh­lich ein­däm­men«). Die aus sol­chen Sät­zen spre­chen­de opti­mis­ti­sche Ein­schät­zung ist durch den Ver­lauf der Omi­kron-Wel­le widerlegt.

Subway LockdownPro­ble­ma­tisch sind auch die ver­gleichs­wei­se knap­pen Aus­füh­run­gen Roths zur Long-Covid-Pro­ble­ma­tik und ins­be­son­de­re sei­ne Aus­sa­ge, »Spät­fol­gen« einer COVID-19-Infek­ti­on wür­den sich »nur bei einer Min­der­heit« ein­stel­len (S. 216). Das dürf­te sach­lich rich­tig sein; belast­ba­re Zah­len zur Prä­va­lenz von Long Covid gibt es kaum, da die Wis­sen­schaft erst am Anfang der Erfor­schung die­ses Syn­droms steht. Doch lässt sich bereits jetzt mit eini­ger Sicher­heit sagen, dass es sich min­des­tens um eine recht gro­ße, pro­zen­tu­al wahr­schein­lich dem unte­ren zwei­stel­li­gen Bereich zuzu­ord­nen­de Min­der­heit han­delt, sodass der auf Ent­war­nung hin­aus­lau­fen­de Tenor von Roths Aus­sa­ge fehl am Platz ist und eine aus­führ­li­che­re Aus­ein­an­der­set­zung mit Long Covid ange­mes­sen gewe­sen wäre (vgl. aller­dings S. 173, 178–181). Dass sich das Long-Covid-Syn­drom durch­aus auch im Gefol­ge ver­gleichs­wei­se mil­der und sogar asym­pto­ma­ti­scher Infek­ti­ons­ver­läu­fe ein­stellt, hät­te der Erwäh­nung bedurft. Es scheint außer­dem kei­nes­wegs der Fall zu sein, dass das Virus ledig­lich bei »Pati­en­ten mit schwe­ren Vor­er­kran­kun­gen […] in ande­re Organ­sys­te­me [als das Atem­sys­tem]« vor­dringt und dort die mit Long Covid ver­bun­de­nen Effek­te zei­tigt (S. 194).

Ande­re Aus­sa­gen Roths haben zwar nicht die unglück­li­che Wir­kung, vor­schnel­len Opti­mis­mus zu schü­ren, lie­gen aber eben­falls quer zum aktu­el­len Pan­de­mie­ge­sche­hen. Dass eine COVID-19-Infek­ti­on ins­be­son­de­re für älte­re Men­schen bedroh­lich sei und es die­se Men­schen also auch vor­ran­gig zu schüt­zen gel­te, ist bezo­gen auf die von Roth ver­han­del­ten ers­ten drei Wel­len der Pan­de­mie zutref­fend. Heu­te wäre die­se Aus­sa­ge aller­dings durch den Hin­weis zu ergän­zen, dass sich mitt­ler­wei­le weit­aus mehr Kin­der und Jugend­li­che als älte­re Men­schen infi­zie­ren. Aus­sa­gen wie »Gesi­chert ist jeden­falls schon jetzt, dass Kin­der für die Infek­ti­on wenig anfäl­lig sind« (S. 164; vgl. S. 368) haben sich bereits weni­ge Wochen nach Erschei­nen des Buches als unhalt­bar erwie­sen. Wie sich die mas­sen­haf­te Infek­ti­on von Kin­dern und Jugend­li­chen mit­tel- und lang­fris­tig auf die Gesund­heit der jün­ge­ren Alters­ko­hor­ten aus­wir­ken wird, ist zur­zeit noch schwer ein­zu­schät­zen; zu Sorg­lo­sig­keit gibt es ange­sichts der Long-Covid-Pro­ble­ma­tik kei­nen Anlass.

Antiautoritäres Ethos

In den letz­ten drei Tei­len des Buches wer­den die in ver­schie­de­nen Län­dern ergrif­fe­nen Gegen­maß­nah­men beleuch­tet und deren Fol­gen dis­ku­tiert. Dabei posi­tio­niert sich Roth als Kri­ti­ker pau­scha­ler Lock­downs, wie sie nach chi­ne­si­schem Vor­bild von vie­len Län­dern durch­ge­setzt wur­den, frei­lich mit teil­wei­se beträcht­li­chen Unter­schie­den und auch sehr unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen. Beson­ders kri­tisch sieht Roth die in Chi­na, aber nicht nur dort, mit den Lock­downs ein­her­ge­hen­den Maß­nah­men zum digi­ta­len con­ta­ct tra­cing und zur Durch­set­zung der Qua­ran­tä­ne­re­geln. Mit Bezug auf Tai­wan spricht er etwa von einer »lücken­lo­sen elek­tro­ni­schen Erfas­sung, Kon­trol­le und Über­wa­chung der Bevöl­ke­rung« (S. 233). Zu Chi­na heißt es: »Wer sei­ne Woh­nung nur noch bei einem auf Grün geschal­te­ten QR-Code ver­las­sen kann und ohne die­sen Nach­weis von allen Ver­kehrs­mit­teln, Geschäf­ten und öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen aus­ge­sperrt bleibt, hat die letz­ten Spiel­räu­me eines selbst­ge­stal­te­ten Lebens an Levia­than [sc. den auto­ri­tä­ren Staat] ver­lo­ren« (S. 398). In abge­schwäch­ter Form sind sol­che Ent­wick­lun­gen auch in der Bun­des­re­pu­blik zu beob­ach­ten gewe­sen; man den­ke etwa an das kürz­lich bekannt gewor­de­ne Aus­le­sen der in der Luca-App gespei­cher­ten Daten durch die Poli­zei. Aus Roths Ver­ur­tei­lung sol­cher Ten­den­zen spricht sei­ne – in der Lin­ken längst nicht mehr selbst­ver­ständ­li­che – Loya­li­tät zu dem von sei­ner Genera­ti­on gepräg­ten anti­au­to­ri­tä­ren Ethos der 1960er Jahre.

Ins­ge­samt deu­tet Roth die Lock­downs als Aus­druck von »Kopf­lo­sig­keit« (S. 295): Es habe sich um eine »Flucht nach vorn« (ebd.), um »Aktio­nis­mus« (S. 316) und um eine »Panik­re­ak­ti­on« (S. 292) gehan­delt, durch die Regie­run­gen das »Fias­ko« (S. 241) ihrer ver­säum­ten Früh­zei­ti­gen Ein­däm­mung der Pan­de­mie (vgl. S. 236–241) zu kom­pen­sie­ren und zugleich einen Anschein von Kom­pe­tenz zu erwe­cken ver­sucht hätten.

CancellationZu dis­ku­tie­ren wäre Roths im Zusam­men­hang sei­ner Lock­down-Kri­tik for­mu­lier­te Ein­schät­zung, »dass die Gefahr nicht so sehr in den Betrie­ben, son­dern weit­aus stär­ker in den Kran­ken­häu­sern, Pfle­ge­hei­men und Mas­sen­un­ter­künf­ten lau­er­te« (S. 252). Wird hier nicht ein irre­füh­ren­der Gegen­satz auf­ge­macht? Die von den Betrie­ben aus­ge­hen­de Gefahr mag gerin­ger gewe­sen sein, blieb und bleibt aber beträcht­lich. Es steht außer Fra­ge, dass die weit­ge­hen­de Still­le­gung des Wirt­schafts­le­bens zumin­dest in den Indus­trie­staa­ten Leben geret­tet hat – auch wenn es spä­ter zu einem »Wie­der­auf­flam­men des Infek­ti­ons­ge­sche­hens« gekom­men ist (S. 257). Anders mag es sich mit der mit­un­ter tat­säch­lich völ­lig kopf­lo­sen und gera­de auch aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht kon­tra­pro­duk­ti­ven Lock­down-Poli­tik in eini­gen Schwel­len­län­dern, ins­be­son­de­re in Indi­en, ver­hal­ten haben (vgl. 303). Als Bei­spiel einer erfolg­rei­chen Ein­däm­mungs­po­li­tik, die ohne har­ten Lock­down aus­ge­kom­men ist, nennt Roth wie­der­holt den Fall Japan (S. 318 f., 321, 397). Mit Bezug auf die von Lock­down-Geg­nern gern zitier­te schwe­di­sche Pan­de­mie-Poli­tik weist er zu Recht auf deren ethi­sche Grenz­über­schrei­tun­gen hin. Die wohl kras­ses­te die­ser Grenz­über­schrei­tun­gen – die akti­ve Beschleu­ni­gung des Ster­bens älte­rer Infi­zier­ter durch Ver­ab­rei­chung des die Atmung hem­men­den Ben­zo­dia­ze­pins Meda­ze­pam – lässt er aller­dings uner­wähnt. Mit Bezug auf die USA räumt Roth ein, dass die »gravierende[n] strukturelle[n] Män­gel« des Gesund­heits­sys­tems auch vom »effi­zi­en­tes­ten Kri­sen­stab nicht inner­halb eini­ger Mona­te zu über­win­den« waren (S. 263). So stellt sich doch aber die Fra­ge, ob die Lock­down-Poli­tik dort – wie in ande­ren von der Öko­no­mi­sie­rung der Gesund­heits­sys­te­me betrof­fe­nen Län­dern – nicht ein zwar grob­schläch­ti­ges, unter den gege­be­nen Umstän­den jedoch ange­mes­se­nes Instru­ment war.

Gesundheitspolitische Versäumnisse und antidemokratische Tendenzen

Hoch­in­ter­es­sant ist Roths Ein­schät­zung, den Haupt­bei­trag zur Ein­däm­mung der ers­ten Wel­le hät­ten die »spon­ta­nen Vor­keh­run­gen der Bevöl­ke­rung« noch vor der Ver­hän­gung der ers­ten Lock­downs geleis­tet (S. 288 f.). Er denkt dabei an die Auf­sto­ckung per­sön­li­cher Hygie­ne­ar­ti­kel, das Ach­ten auf Hän­de­des­in­fek­ti­on und kör­per­li­che Distanz sowie die frei­wil­li­ge Ein­schrän­kung von Kon­tak­ten und Rei­sen. Die­sen spon­ta­nen Ver­hal­tens­än­de­run­gen sei es zu ver­dan­ken gewe­sen, »dass die Zahl der Neu­in­fek­tio­nen in den meis­ten euro­päi­schen Län­dern schon eini­ge Tage vor dem Inkraft­tre­ten der staat­li­chen Maß­nah­me­bün­del dras­tisch zurück­ging« (S. 289; vgl. S. 307, 309, 315). Hier sieht Roth eine ver­säum­te gesund­heits­po­li­ti­sche Gele­gen­heit: »Hät­ten die Instan­zen des öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens die­se Impul­se auf­ge­grif­fen, durch Infor­ma­ti­ons­kam­pa­gnen ver­brei­tert und durch die groß­zü­gi­ge Bereit­stel­lung aller erfor­der­li­chen Arti­kel der Infek­ti­ons­hy­gie­ne unter­stützt, dann hät­ten sie wohl mehr erreicht als ihre Regie­run­gen mit der Außer­kraft­set­zung der indi­vi­du­el­len und gesell­schaft­li­chen Grund­rech­te« (S. 289).

Hamburg ElbphilharmonieSicher­lich waren vie­le der mit den Lock­downs ein­her­ge­hen­den Ver­ord­nun­gen abstrus und wenig ziel­füh­rend; mit­un­ter befeu­er­ten sie sogar die Aus­brei­tung der Pan­de­mie (vgl. S. 302 f.). Im Bereich der gesund­heit­li­chen Auf­klä­rung und hin­sicht­lich eines kohä­ren­ten public messaging haben sich neben etli­chen Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern auch Indus­trie­staa­ten wie die USA und die meis­ten euro­päi­schen Staa­ten nicht eben mit Ruhm bekle­ckert. Und doch bleibt unklar, wie ange­sichts der Tat­sa­che, dass Gesichts­mas­ken und ande­re Hygie­ne­ar­ti­kel nicht in den erfor­der­li­chen Men­gen zur Ver­fü­gung stan­den, anders als durch Lock­downs ver­gleich­bar vie­le Leben hät­ten geret­tet wer­den kön­nen. Es ist frag­lich, ob die von Roth als Teil sei­nes Alter­na­tiv­kon­zepts pro­pa­gier­te »Bereit­stel­lung aller erfor­der­li­chen Arti­kel der Infek­ti­ons­hy­gie­ne« im ange­mes­se­nen Tem­po umsetz­bar gewe­sen wäre, und es bleibt bei aller berech­tig­ten Kri­tik am »Ver­sa­gen der epi­de­mio­lo­gi­schen Früh­warn­sys­te­me« der Sach­ver­halt, dass die­ses Ver­sa­gen Fak­ten geschaf­fen hat­te, auf die es zu reagie­ren galt (S. 289, 294). Der stren­ge Gegen­satz, den Roth zwi­schen den posi­tiv bewer­te­ten »spon­ta­nen Vor­keh­run­gen der Bevöl­ke­rung« und der »Kopf­lo­sig­keit« bezie­hungs­wei­se dem »Aktio­nis­mus« der Lock­down-Poli­tik auf­macht (S. 288, 295, 316), erscheint inso­fern frag­wür­dig, als Roth ein­räu­men muss, dass die »Befür­wor­ter eines kom­pro­miss­lo­sen Ein­frie­rens des öffent­li­chen und pri­va­ten Lebens« in Euro­pa zumin­dest anfangs »die über­wie­gen­de Mehr­heit der Bevöl­ke­rung hin­ter sich« hat­ten (S. 252). Es ist wenig über­zeu­gend, wenn Roth in die­ser Zustim­mung ledig­lich das Ergeb­nis einer Indok­tri­nie­rung sieht (S. 399). Min­des­tens miss­ver­ständ­lich sind schließ­lich auch For­mu­lie­run­gen wie jene, die Lock­down-Poli­tik habe sich durch eine »fata­le Wech­sel­wir­kung zwi­schen poli­ti­schem Aktio­nis­mus und neo­li­be­ra­ler Gesund­heits­po­li­tik« aus­ge­zeich­net (S. 316). Sofern mit neo­li­be­ra­ler Gesund­heits­po­li­tik die bereits ange­spro­che­ne Öko­no­mi­sie­rung des Gesund­heits­we­sens und deren Fol­gen gemeint sind, ist die­se Aus­sa­ge nach­voll­zieh­bar. Es hät­te doch aber in die­sem Zusam­men­hang auch erwähnt wer­den müs­sen, dass die vehe­men­tes­te (und kei­nes­wegs fol­gen­lo­se) Lock­down-Kri­tik in Län­dern wie den USA, Bra­si­li­en oder Eng­land gera­de aus dem neo­li­be­ra­len Lager stamm­te und stammt. An ande­rer Stel­le, in sei­ner Dis­kus­si­on der gegen die Lock­down-Poli­tik gerich­te­ten »Gre­at Bar­ring­ton Decla­ra­ti­on« des Ame­ri­can Insti­tu­te for Eco­no­mic Rese­arch vom Okto­ber 2020, spricht Roth die­sen Sach­ver­halt an, indem er auf die feder­füh­ren­de Rol­le jener Wirt­schafts­sek­to­ren hin­weist, »die unter den pau­scha­len Restrik­tio­nen beson­ders gelit­ten hat­ten« (S. 322). Hier wäre ein kur­zer his­to­ri­scher Rück­blick auf­schluss­reich gewe­sen, inso­fern es in den USA bereits wäh­rend der Influ­en­za-Epi­de­mie von 1918 bis 1920 vor allem wirt­schaft­li­che Inter­es­sen­grup­pen waren, die den Ein­satz nicht-phar­ma­zeu­ti­scher Maß­nah­men (Mund-Nasen-Schutz) mit dem Hin­weis zu ver­hin­dern streb­ten, der­ar­ti­ges wir­ke abschre­ckend auf Kon­su­men­ten und Konsumentinnen.

»Grassierende Quacksalberei«

Zu den stärks­ten Abschnit­ten des Buches zäh­len Roths Dis­kus­si­on der in der Pan­de­mie gras­sie­ren­den »Ängs­te« und »Gerüch­te« sowie sei­ne kon­zi­se Zusam­men­fas­sung des »veränderte[n] Alltag[s]« (S. 351–360, 361–372). Er beschreibt unter dem Stich­wort des »Griff[s] nach ver­meint­li­chen Heil­mit­teln« (S. 353) die gras­sie­ren­de Quack­sal­be­rei – mit­un­ter ein lukra­ti­ves Geschäfts­feld, wie man mitt­ler­wei­le weiß –, die auf eine »stil­le Bin­nen­mi­gra­ti­on« hin­aus­lau­fen­de »Flucht aus den groß­städ­ti­schen Agglo­me­ra­tio­nen« (S. 353 f.) und all­ge­mei­ner den welt­wei­ten Anstieg der »Zahl der an Angst­stö­run­gen, Depres­sio­nen, Zwangs­hand­lun­gen und Trau­ma­fol­gen Lei­den­den« (S. 354). Auf die Ver­brei­tung von Ver­schwö­rungs­theo­rien und End­zeit­er­war­tun­gen wird anhand der Impf­geg­ner, der »Prep­per« und der Anhän­ger von »QAnon« ein­ge­gan­gen (S. 356 ff.). Betont wird auch die Rol­le, die »Inter­net­por­ta­le« bei der Zir­ku­la­ti­on von »Des­in­for­ma­tio­nen, Hass­pre­di­gen [sic] und ideo­lo­gi­schen Pro­jek­tio­nen« gespielt haben (S. 360). Die von den His­to­ri­kern Quinn Slo­bo­di­an und Wil­liam Calli­son früh­zei­tig ana­ly­sier­ten »Quer­den­ker« wer­den erst spä­ter the­ma­ti­siert, wobei die Befun­de von Slo­bo­di­an und Calli­son weit­ge­hend sekun­diert wer­den (S. 400 f.).13

Social media communicationIn sei­ner beson­ders lesens­wer­ten Phä­no­me­no­lo­gie des ver­än­der­ten all­tags dis­ku­tiert Roth die »Uni­for­mie­rung des zwi­schen­mensch­li­chen Umgangs« und das »[umfas­sen­de] Berüh­rungs­ver­bot« (S. 362), außer­dem den ver­än­der­ten Cha­rak­ter der Hoch­zeits- und Bestat­tungs­fei­er­lich­kei­ten, das Schlie­ßen von Kul­tur­or­ten und den all­ge­mei­nen Rück­zug auf die Kern­fa­mi­lie (S. 364–368). In die­sem Zusam­men­hang wird die Bedeu­tung der »Digi­ta­li­sie­rung der zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen und gesell­schaft­li­chen Inter­ak­tio­nen« betont (S. 372), wobei Roths Urteil dif­fe­ren­ziert aus­fällt: Zwar ver­küm­me­re im digi­ta­len Raum die »zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on« dadurch, dass sie »kör­per­los« und »auf zwei Sin­nes­wahr­neh­mun­gen, das Sehen und Hören redu­ziert« wer­de (S. 372 f.). Zugleich sei das Auf­grei­fen der »Opti­on zur tech­no­lo­gisch gestütz­ten Auf­recht­erhal­tung [des] gefähr­de­ten All­tags« nach­voll­zieh­bar und bewir­ke neben der Ver­ar­mung auch eine Beschleu­ni­gung und Ver­dich­tung der Inter­ak­tio­nen, die »neue Hori­zon­te« eröff­ne (S. 372). In sei­ner Dis­kus­si­on der mit der Pan­de­mie vie­ler­orts ein­her­ge­gan­ge­nen Aus­ru­fung des Aus­nah­me­zu­stands greift Roth eine von Gior­gio Agam­ben bekann­te Denk­fi­gur auf, indem er von der Wie­der­kehr des Hobbes’schen Levia­than spricht (S. 394).14 Welt­weit habe – auch dort, wo es for­mal nicht zur Aus­ru­fung des Aus­nah­me­zu­stands gekom­men sei – die »Stun­de der Exe­ku­ti­ve« geschla­gen (S. 397). Vie­les in die­sem Abschnitt setzt Roths Lock­down-Kri­tik fort. In der euro­päi­schen »Zero-Covid«-Bewegung sieht Roth ledig­lich einen ideo­lo­gi­schen Gewährs­mann der »auto­ri­tä­ren Maß­nah­men« (S. 402). Aus­führ­li­cher und dif­fe­ren­zier­ter, ja gera­de­zu mild fällt sei­ne Dar­stel­lung der Lock­down-Kri­tik Agam­bens aus – auch wenn aus dem Kon­text deut­lich wird, wie wenig Roth mitt­ler­wei­le von Agam­bens zu Beginn der ers­ten Pan­de­mie­wel­le geäu­ßer­ter Posi­ti­on hält, es han­de­le sich bei COVID-19 um eine »erfun­de­ne Epi­de­mie, da sich das tat­säch­li­che Gesche­hen in nichts von der sai­so­nal auf­tre­ten­den Influ­en­za unter­schei­de« (S. 402). Dass Roth selbst im Früh­jahr 2020 eine ver­gleich­ba­re Posi­ti­on ver­tre­ten hat, bevor er sich vor­über­ge­hend aus der Dis­kus­si­on zurück­zog und die mit Blin­de Pas­sa­gie­re nun vor­lie­gen­de Neu­ein­schät­zung der Lage erar­bei­te­te, hät­te viel­leicht erwähnt wer­den sol­len. Ein Rest von Sym­pa­thie für Agam­bens jede wei­ter­rei­chen­de gesund­heits­po­li­ti­sche Maß­nah­me unter Tota­li­ta­ris­mus­ver­dacht stel­len­den Ansatz spricht auch aus Roths his­to­ri­schem Exkurs zum Ver­hal­ten der »Stadt­re­gie­run­gen, Lan­des­her­ren und Sou­ve­rä­ne« gegen­über der Dyna­mik des »Schwar­zen Todes«. Der Ein­satz nicht-phar­ma­zeu­ti­scher Inter­ven­tio­nen gehe auf die­se Zeit zurück, und »damals wie heu­te« könn­ten die »klei­nen Schi­ka­nen des obrig­keit­li­chen Aktio­nis­mus« für sich nur eine »Ali­bi­funk­ti­on« bean­spru­chen: »Sie soll­ten die tie­fe Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se der Herr­schaft ver­kleis­tern, kei­ner­lei Schwä­che zei­gen und den Ein­druck erwe­cken, dass sie [sc. die Herr­schaft] alles im Griff habe« (S. 405).

Ökonomische Auswirkungen der Pandemie

Abge­schlos­sen wird Roths Stu­die durch eine Dis­kus­si­on der wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Pan­de­mie. Dabei wer­den zuvor bereits ange­spro­che­ne Phä­no­me­ne, bei­spiels­wei­se die staat­li­chen Not­hil­fen zur Abfe­de­rung von Erwerbs­lo­sig­keit und Armut (S. 373–393), in das umfas­sen­de­re makro­öko­no­mi­sche Gesche­hen ein­ge­ord­net. Die weit­ver­brei­te­te Annah­me, die Pan­de­mie habe »die Wirt­schafts­kri­se des Jahrs 2020 aus­ge­löst«, wird als »nicht zutref­fend« zurück­ge­wie­sen: »Der Kri­s­en­zy­klus hat­te schon vor­her begon­nen. Er been­de­te ein Jahr­zehnt der glo­ba­len öko­no­mi­schen Sta­gna­ti­on, die auf die Welt­wirt­schafts­kri­se von 2008/2009 gefolgt war« (S. 408). COVID-19 habe ledig­lich als »exo­ge­ner Fak­tor und Akze­le­ra­tor« gewirkt (ebd.). Bei der Zuspit­zung des Kri­sen­ge­sche­hens hät­te vor allem Chi­na, aber auch Ita­li­en als »Schritt­ma­cher« fun­giert (S. 411). Ein­ge­gan­gen wird auf die Unter­bre­chung regio­na­ler Wert­schöp­fungs­ket­ten, die Schrump­fung des Außen­han­dels und ins­be­son­de­re der Roh­wa­ren­im­por­te, den dar­an anschlie­ßen­den Ver­fall der Roh­stoff­prei­se, den vor allem im glo­ba­len Süden zu ver­zeich­nen­den Anstieg der Lebens­mit­tel­prei­se und den all­ge­mei­nen Trend zur Ein­schrän­kung des per­sön­li­chen Kon­sums (S. 414 f.). Die kumu­la­ti­ven Aus­wir­kun­gen die­ser Ent­wick­lun­gen hät­ten zu einem Kri­sen­ge­sche­hen sel­te­nen Aus­ma­ßes geführt: »Die glo­ba­le Kri­se hat­te [im ers­ten Halb­jahr 2020] zur Gro­ßen Depres­si­on von 1930–1932 auf­ge­schlos­sen und selbst die Welt­wirt­schafts- und Finanz­kri­se von 2008/2009 weit hin­ter sich gelas­sen« (S. 416). Ent­spre­chend dra­ma­tisch sei­en auch die kre­dit- und fis­kal­po­li­ti­schen Gegen­maß­nah­men aus­ge­fal­len: Ihr Gesamt­vo­lu­men »erreich­te bis Okto­ber 2020 einen Umfang von 11,7 Bil­lio­nen US-Dol­lar und über­schritt bis März 2021 [in einer reprä­sen­ta­ti­ven Aus­wahl von elf Län­dern und der EU] die 15-Bil­lio­nen-Gren­ze – das sind etwa 18 % der welt­wei­ten Wirt­schafts­leis­tung in die­sem Jahr« (S. 421). In den Indus­trie­staa­ten hät­ten die »fis­kal­po­li­ti­schen Ope­ra­tio­nen […] alles bis­her Dage­we­se­ne [über­trof­fen] und […] gegen Ende 2020 sogar knapp über dem Volu­men des ›Defi­cit Spen­ding‹ zur Finan­zie­rung des Zwei­ten Welt­kriegs« gele­gen (S. 422). Zugleich hät­ten die Lock­downs auch als »Beschleu­ni­ger der Inno­va­ti­ons­pro­zes­se« gewirkt, wie Roth anhand der Inten­si­vie­rung von Auto­ma­ti­sie­rungs- und Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­sen sowie dem ver­stärk­ten Rück­griff auf Künst­li­che Intel­li­genz aus­führt (S. 427–430).

Der Anstieg der Staats­ver­schul­dung sei in den Indus­trie­staa­ten beson­ders mar­kant gewe­sen. Die­se Staa­ten könn­ten auf­grund der Nied­rig­zins­po­li­tik ihrer Zen­tral­ban­ken, vor allem aber auch auf­grund der von Chi­na aus­ge­hen­den wirt­schaft­li­chen Erho­lung, einer mit­tel­fris­ti­gen Amor­ti­sa­ti­on ihrer Schul­den ent­ge­gen­bli­cken (S. 432). Anders ver­hal­te es sich mit den meis­ten Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern, deren Zen­tral­ban­ken nicht über die Opti­on der Nied­rig­zins­po­li­tik ver­fü­gen wür­den und deren Wirt­schaf­ten zudem mit dem Ver­lust wich­ti­ger Ein­nah­me­quel­len (Tou­ris­mus, Über­wei­sun­gen von Migra­ti­ons­ar­bei­tern) sowie mit der Insta­bi­li­tät der Export­prei­se zu kämp­fen hät­ten (ebd.). Infol­ge­des­sen kon­zen­trie­re sich »das Ver­schul­dungs­pro­blem schon jetzt auf den Glo­ba­len Süden« (ebd.). Die »Rekon­struk­ti­on der Welt­wirt­schaft«, so bekräf­tigt Roth in sei­nem das Buch abschlie­ßen­den Aus­blick, wer­de »sehr ungleich ver­lau­fen, zumal der Peri­phe­rie eine Schul­den- und Finanz­kri­se erheb­li­chen Aus­ma­ßes bevor­steht« (S. 439).

Eben­falls in Roths Aus­blick fin­det sich einer von ins­ge­samt nur zwei Hin­wei­sen auf den Zusam­men­hang von COVID-19 und öko­lo­gi­scher Kri­se. Die der­zei­ti­ge Pan­de­mie sei als »vor­läu­fi­ger Höhe­punkt« des seit den 1990er Jah­ren beob­ach­te­ten Trends zur Ent­ste­hung neu­er Infek­ti­ons­krank­hei­ten Aus­druck der Tat­sa­che, dass »immer neue Krank­heits­er­re­ger – und ins­be­son­de­re Viren – die Arten­schwel­le über­schrei­ten und in den Men­schen ein­drin­gen« (S. 438). Dies sei »das Ergeb­nis der fort­schrei­ten­den Zurück­däm­mung der natür­li­chen Bio- und Öko­sys­te­me, der damit ein­her­ge­hen­den Expan­si­on des Agro­busi­ness und der Mas­sen­tier­hal­tung« (ebd.). Auf die­se von Autoren wie dem Epi­de­mio­lo­gen Rob Wal­lace15, dem His­to­ri­ker Mike Davis16 und dem Jour­na­lis­ten David Wal­lace-Wells17 aus­führ­li­cher ver­han­del­ten Zusam­men­hän­ge ein­zu­ge­hen, hät­te den Rah­men von Blin­de Pas­sa­gie­re sicher­lich gesprengt. Umso wich­ti­ger ist es, dass Roth sie den­noch – und an pro­mi­nen­ter Stel­le – anspricht.

Corona typewriterDie gründ­li­che Lek­tü­re von Blin­de Pas­sa­gie­re sei allen Inter­es­sier­ten nach­drück­lich emp­foh­len. Die von Roth erbrach­te Syn­the­se­leis­tung stellt alles bis­her zu die­sem The­ma Geschrie­be­ne in den Schat­ten. Deut­lich gewor­den sein dürf­te aller­dings auch die Skep­sis des Autors die­ser Rezen­si­on gegen­über Roths immer wie­der durch­schei­nen­de Annah­me, wir wür­den bereits im letz­ten Jahr der Pan­de­mie leben. Vie­les spricht dage­gen, dass mit der gegen­wär­ti­gen Omi­kron-Wel­le das Ende der Pan­de­mie her­an­rückt. Die aktu­el­le Pan­de­mie-Poli­tik der meis­ten Staa­ten, auch der Bun­des­re­pu­blik, ist ein Rou­let­te-Spiel, bei dem völ­lig offen bleibt, ob die zahl­rei­chen noch zu erwar­ten­den Vari­an­ten sich durch gerin­ge­re oder gestei­ger­te Kon­ta­gio­si­tät und Leta­li­tät aus­zeich­nen wer­den. Nicho­las Chris­ta­kis rech­net mit deut­lich mehr Vari­an­ten, als das grie­chi­sche Alpha­bet Buch­sta­ben hat. Der Trend geht bis­her in Rich­tung höhe­rer Kon­ta­gio­si­tät und gerin­ge­rer Leta­li­tät. Eine zukünf­ti­ge Stei­ge­rung der Leta­li­tät ist jedoch kei­nes­wegs auszuschließen.

Zuerst erschie­nen in Sozial.Geschichte Online, Nr. 31 (2022)
Repu­bli­ka­ti­on mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors und von Sozial.Geschichte Online

Bibliografische Angaben:

Karl Heinz Roth.
Blin­de Passagiere:
Die Coro­na­kri­se und ihre Folgen.
Mün­chen: Ver­lag Ant­je Kunst­mann, 2022.
480 Sei­ten, 30 Euro.
ISBN: 978–3‑95614–484‑4.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Por­trät­fo­to Karl Heinz Roth © Ver­lag Ant­je Kunstmann
Cover Blin­de Passagiere © Ver­lag Ant­je Kunstmann
Cover A Jour­nal of the Pla­gue Year © Pen­gu­in Classics
Illus­tra­ti­on Die Gro­ße Pest in Lon­don 1665 Wiki­me­dia Commons
Illus­tra­ti­on Pest­to­te in Lon­don 1665 Wiki­me­dia Commons
Wei­te­res Bildmaterial Lizenz­frei
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Nachweise

  1. Max Hork­hei­mer, »Auto­ri­tä­rer Staat«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, S. 313
  2. Mau­rice Mer­leau-Pon­ty, Œuvres, hg. Clau­de Lefort (Paris: Gal­li­mard, 2010), S. 279
  3. Cf. Karl Heinz Roth und Fritz Teu­fel, (Selbst-)kritische Bei­trä­ge zur Kri­se der Lin­ken und der Gue­ril­la (Tübin­gen: iva-Ver­lag, ²1980)
  4. Peter Nowak, »Tren­nung ver­läuft nicht zwi­schen Geimpf­ten und Unge­impf­ten«, Tele­po­lis, 30. Janu­ar 2022, https://www.heise.de/tp/features/Trennung-verlaeuft-nicht-zwischen-Geimpften-und-Ungeimpften-6342596.html
  5. Ger­hard Han­lo­ser, »Blin­de Pas­sa­gie­re: Der Arzt und His­to­ri­ker Karl Heinz Roth hat ein Grund­la­gen­werk zur kri­ti­schen Auf­ar­bei­tung der welt­wei­ten Coro­na­pan­de­mie vor­ge­legt«, https://www.freitag.de/autoren/ghanloser/blinde-passagiere
  6. Gerald Grü­ne­klee, »Imp­fen – Lösung oder Pro­blem?«, https://olaf.bbm.de/nummer-22-gerald-grueneklee-impfen-loesung-oder-problem
  7. Eli­sa­beth Voß, »Covid 19 und die Demo­kra­tie: Dis­kus­si­ons­bei­trag zur Kri­tik an den Coro­na-Maß­nah­men von links«, Gras­wur­zel­re­vo­lu­ti­on, 1. Okto­ber 2020, https://www.graswurzel.net/gwr/2020/10/covid-19-und-die-demokratie/
  8. Dani­el Defoe, A Jour­nal of the Pla­gue Year, hg. Cyn­thia Wall (Lon­don: Pen­gu­in, 2003), S. 41–44
  9. Cf. Albert Camus, Die Pest, übers. Gui­do G. Meis­ter (Frankfurt/Main: Bücher­gil­de Guten­berg, 1965), vor­an­ge­stell­tes Mot­to von Dani­el Defoe, S. 5; und Robert Emmet Meag­her, Albert Camus and the Human Cri­sis (New York: Pega­sus, 2021), S. 107–121
  10. Nicho­las Chris­ta­kis, Apollo’s Arrow: The Pro­found and Endu­ring Impact of Coro­na­vi­rus on the Way We Live (New York: Litt­le Brown Spark, 2020)
  11. Frank M. Snow­den, Epi­de­mics and Socie­ty: From the Black Death to the Pre­sent (New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2020, erwei­ter­te Paper­back-Aus­ga­be)
  12. Cf. Jacob Stern und Kathe­ri­ne J. Wu, »Ende­mici­ty Is Mea­ningless«, Atlan­tic Mon­th­ly, Febru­ar 2022, https://www.theatlantic.com/health/archive/2022/02/endemicity-means-nothing/621423/; Aris Katz­ou­ra­kis, »COVID-19: Ende­mic Doesn’t Mean Harm­less«, Natu­re 601, 485 (2022), https://www.nature.com/articles/d41586-022–00155‑x
  13. Cf. Wil­liam Calli­son und Quinn Slo­bo­di­an, »Coro­na Poli­tics from the Reichs­tag to the Capi­tol«, Bos­ton Review, 12. Janu­ar 2021, https://bostonreview.net/articles/quinn-slobodian-toxic-politics-coronakspeticism/
  14. Cf. Arno Wid­mann, »Der Phi­lo­soph erkennt nur, was er immer erkennt«, Frank­fur­ter Rund­schau, 20. Novem­ber 2020, https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/der-philosoph-erkennt-nur-was-er-immer-erkennt-90106953.html
  15. Cf. Frank See­mann, »Wie der Kapi­ta­lis­mus Seu­chen erzeugt und för­dert«, Süd­ost­asi­en, 22. April 2021, https://suedostasien.net/rezension-wie-der-kapitalismus-seuchen-erzeugt-und-foerdert/
  16. Mike Davis, The Mons­ter at Our Door: The Glo­bal Thre­at of Avi­an Flu (New York: The New Press, 2005)
  17. David Wal­lace-Wells, Die unbe­wohn­ba­re Erde: Leben nach der Erd­er­wär­mung (Mün­chen: Hey­ne, 2022)

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