Texte und Zeichen

Sigrid Hauser — Kafkas Raum im Zeitalter seiner digitalen Überwachbarkeit

S

Kafkas Lachen

Sigrid Hauser wirft einen kritischen Blick auf die technologische Rationalität von Kontrolle und Manipulation im öffentlichen Raum

von Jörg Auberg

Kürz­lich wur­de einem aus­ge­bro­che­nen Mör­der sein Fai­ble für moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en zum Ver­häng­nis. Ehe er über die nie­der­län­di­sche Gren­ze flie­hen konn­te, orte­te ihn die Poli­zei über sein Han­dy und über­wäl­tig­te ihn auf sei­nem Fahr­rad in der fla­chen, kah­len Land­schaft des Nie­der­rheins. In die­sem Sze­na­rio, in dem die ubi­qui­tä­re Macht als Zuschau­er, Beob­ach­ter, Ver­fol­ger und Voll­stre­cker agier­te, demons­trier­te der Herr­schafts­ap­pa­rat im glo­ba­len Raum der Über­wa­chung sei­ne Über­le­gen­heit und ließ die Figur wie in einer Ver­schwö­rungs­fan­ta­sie aus dem Gefäng­nis ins vor­geb­lich Freie aus­bre­chen, um ihr im letz­ten Akt hohn­la­chend die eige­ne Nich­tig­keit und Erbärm­lich­keit vor Augen zu führen.

 

Sig­rid Hau­ser: Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Über­wach­bar­keit (Löcker Ver­lag, 2009)

Die­sen Raum der Über­wa­chung beschreibt Sig­rid Hau­ser, Pro­fes­so­rin für Archi­tek­tur­theo­rie an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, in ihrem bemer­kens­wer­ten wie ein­drucks­vol­len Buch Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Über­wach­bar­keit, in dem sie die aktu­el­le digi­ta­le Welt mit Frag­men­ten aus Franz Kaf­kas Roma­nen Der Ver­schol­le­ne, Der Pro­cess und Das Schloss kon­tras­tiert und aus die­ser Gegen­über­stel­lung neue kri­ti­sche Per­spek­ti­ven der herr­schen­den Gesell­schaft ent­wi­ckelt. In Anleh­nung an Wal­ter Ben­ja­mins Theo­rie der Repro­du­zier­bar­keit des Kunst­werks, in der er eine kri­ti­sche Phi­lo­so­phie des Fort­schritts neu­er Medi­en wie Foto­gra­fie und Film auf die kon­ven­tio­nel­len Wahr­neh­mungs­wei­sen in der Mas­sen­ge­sell­schaft ent­wi­ckel­te, beschreibt Hau­ser eine Topo­gra­phie der digi­ta­len Welt, die sich über die Rege­lung von Zugriff und Zugang zu infor­ma­to­ri­schen Sys­te­men, die macht­po­li­ti­schen Mecha­nis­men von Sicher­heit und Kon­trol­le, die Ver­wal­tung von Ver­bin­dungs- und Ver­kehrs­da­ten, die tech­no­lo­gi­sche Ratio­na­li­tät von Ortung und Navi­ga­ti­on und die Daten­häu­fung im öffent­li­chen Raum definiert. 

Die Demo­kra­ti­sie­rung der Infor­ma­ti­on geht ein­her mit der Demo­kra­ti­sie­rung der Über­wa­chung: Alle sind ver­däch­tig und müs­sen über­wach­bar sein. Die Ubi­qui­tät der Kon­trol­le trifft nicht allein den ent­flo­he­nen Mör­der, son­dern jeden, der allein durch sei­ne Exis­tenz ver­däch­tig ist. Frap­pant an Hau­sers Dar­stel­lung ist ihre weit gefä­cher­te Per­spek­ti­ve, der es gelingt, nicht ledig­lich einen kri­ti­schen Blick auf die digi­ta­le Über­wa­chungs­in­dus­trie zu wer­fen und einen ver­dich­te­ten Über­blick über die aktu­el­len Erschei­nungs­for­men der Obser­va­tions- und Ver­fol­gungs­sys­te­me zu geben. Zu den bizar­ren Ent­de­ckun­gen Hau­sers gehört das Unter­neh­men »Digi­tal Angel«, das sei­ne Über­wa­chungs­tech­no­lo­gien nicht allein öko­no­mi­schen und mili­tä­ri­schen Unter­neh­mun­gen zur Ver­fü­gung stellt, son­dern auch die per­ma­nen­te Über­wa­chung von Ehe­part­nern im pri­va­ten Sek­tor ermög­licht. In der Fusi­on von Schrift, Bild und Ton zum Bit poten­zie­ren sich Kon­troll- und Über­wa­chungs­mög­lich­kei­ten. Zugleich bil­den sich in der glo­ba­len Ver­net­zung gigan­ti­sche, kaum über­schau­ba­re Welt­kon­zer­ne her­aus, die nicht allein die Kon­su­men­ten an die Indus­trie ver­kau­fen, son­dern zugleich den rechts­staat­li­chen Schutz des Indi­vi­du­ums aus­he­beln. Ben­ja­mins For­de­rung »Jeder heu­ti­ge Mensch kann einen Anspruch vor­brin­gen, gefilmt zu wer­den« wird heu­te zur zyni­schen Prä­mis­se des Über­wa­chungs­ap­pa­rats, der jede Regung digi­ta­li­siert und in die glo­ba­le Zir­ku­la­ti­on trans­fe­riert. Ob Sol­da­ten in Inter­nie­rungs­la­gern, »frei­schwe­ben­de« Hob­by­fil­mer der Bou­le­vard­pres­se oder pro­fes­sio­nel­le Robo­ter der Über­wa­chungs­in­dus­trie die Repro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gien für ihre Zwe­cke nut­zen – nichts ent­geht dem »Kame­ra-Auge«, das ein­mal in der Visi­on Dzi­ga Ver­tovs Nach­rich­ten von der Revo­lu­ti­on an das Welt­pro­le­ta­ri­at kom­mu­ni­zie­ren sollte.

In die Struk­tu­ren der gegen­wär­ti­gen Über­wa­chungs­ge­sell­schaft sind Sze­nen aus den Roma­nen Kaf­kas mon­tiert, in denen die jewei­li­gen Prot­ago­nis­ten (Karl Ross­mann, Josef K. oder der Land­ver­mes­ser K.) sich einer undurch­schau­ba­ren Archi­tek­tur der Auto­ri­tät mit ihren Herr­schafts­tech­no­lo­gien aus­ge­setzt sehen, wobei die Hier­ar­chie im Macht­ge­fü­ge unklar und undurch­sich­tig bleibt. Kaf­kas Prot­ago­nis­ten sind – mit Han­nah Are­ndt gespro­chen – »Pari­as«, Aus­ge­sto­ße­ne, Flücht­lin­ge, Asy­lan­ten, die um Auf­nah­me ins Gefü­ge nach­su­chen und mit Hand­lan­gern und Mund­stü­cken des sozia­len Über­wa­chungs­ap­pa­rats kon­fron­tiert sind. Durch die Archi­tek­tur der Herr­schaft hallt Kaf­kas Lachen, das mit den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen unver­söhnt ist und unver­söhn­lich bleibt. Da alles Frag­ment bleibt und das Ende ver­wei­gert wird, besteht die Hoff­nung fort, da das letz­te Wort noch nicht gespro­chen ist. 

Das Buch ist in einem ange­nehm unaka­de­mi­schen Stil gehal­ten, obgleich Hau­ser zahl­lo­se Zita­te aus Inter­net-Quel­len ver­wen­det und sie kur­siv in die Struk­tur ein­flech­tet, ohne den Leser mit einem über­bor­den­den Anmer­kungs­ap­pa­rat zu beläs­ti­gen. »Die Spra­che ist Zeu­ge«, kon­sta­tiert Hau­ser. »Als Zitat wird sie in die­sem Zusam­men­hang zum Ver­rä­ter, denn auch unsicht­bar spricht die Macht in allen Belan­gen: Indem sie über­re­det und ver­führt, kon­trol­liert und über­wacht sie, indem sie Sicher­heit ver­spricht, pro­du­ziert sie Unsi­cher­heit, das Bau­werk ist bes­ten­falls ihr Wer­be­trä­ger, und als ver­ein­nah­men­des Sprach­rohr ist sie in allen Netz­wer­ken orga­ni­siert.« So ist der Text von einem avan­cier­ten Kon­struk­ti­ons­prin­zip geprägt, das neue Bedeu­tun­gen in der auto­ri­tä­ren Pra­xis der digi­ta­len Über­wa­chung offen­le­gen kann. 

Aller­dings birgt die Fokus­sie­rung auf Kaf­kas Raum auch die Gefahr, tech­no­lo­gi­sche Herr­schafts­ra­tio­na­li­tät als zeit­lo­ses Phä­no­men zu beschrei­ben, ohne die Ver­än­de­run­gen, die im Lau­fe der Zeit statt­fan­den, mit auf die Rech­nung zu neh­men. Den Fak­tor »Zeit« lässt Hau­ser voll­kom­men außen vor. Wie Lothar Bai­er vor Jah­ren in sei­nem Essay Kei­ne Zeit tref­fend schrieb, hat sich ein gan­zer Appa­rat zwi­schen das Indi­vi­du­um und das »Rau­schen der tech­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on« gescho­ben, sodass sich Über­wa­chung im sozia­len Zwang per­ma­nen­ter Erreich­bar­keit aus­drückt. Zudem hat der aus­schließ­li­che Blick auf den Außen­sei­ter im Über­wa­chungs­pro­zess zur Fol­ge, das Indi­vi­du­um als Opfer, nicht aber als Täter zu beschrei­ben. Jene Infor­ma­ti­ker, die kom­ple­xe Such­al­go­rith­men ersin­nen, um in den rie­si­gen Infor­ma­ti­ons­men­gen Bezie­hun­gen und Mus­ter zwi­schen dis­pa­ra­ten Daten offen­zu­le­gen und so den bereits gras­sie­ren­den auto­ri­tä­ren Ten­den­zen wei­te­ren Vor­schub leis­ten, spie­len in die­ser Gesell­schaft bei­de Rol­len: Sie unter­lie­gen der Herr­schaft des Sys­tems und gewähr­leis­ten zugleich sei­nen Fort­be­stand und Aus­bau. Aber auch wenn Hau­ser die­se Pro­ble­ma­tik ver­nach­läs­sigt, stellt ihr Buch den­noch eine wich­ti­ge Kri­tik der herr­schen­den Pra­xis der Über­wa­chung dar.

Bibliografische Angaben:

Sig­rid Hauser.
Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Überwachbarkeit.
Wien: Löcker Ver­lag, 2009.
296 Sei­ten, 29,80 Euro.
ISBN 978–3‑85409–519‑4.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Cover Kaf­kas Raum im Zeit­al­ter sei­ner digi­ta­len Überwachbarkeit © Löcker Verlag

Zuerst erschie­nen in satt.org, Dezem­ber 2009
© Jörg Auberg 2009/2019

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