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Herman Melville — Moby-Dick

Die See als Totenklage

Ernst Schnabels Moby-Dick-Variationen

Von Jörg Auberg

 

Lawrence Buell: The Dream of the Great American Novel (Harvard/Belknap, 2016)

Law­rence Buell: The Dream of the Gre­at Ame­ri­can Novel (Harvard/Belknap, 2016)

Von Moby-Dick hat­te Joseph Con­rad kei­ne hohe Mei­nung. »Kürz­lich hat­te ich Moby Dick [sic!] in der Hand«, schrieb er im Janu­ar 1907 an Hum­phrey Mil­ford. »Auf mich wirk­te es wie eine ziem­lich gezwun­ge­ne Rhaps­odie, die den Wal­fang zum Gegen­stand hat und in den gesam­ten 3 Bän­den nicht eine ein­zi­ge auf­rich­ti­ge Zei­le auf­weist.«1 Mit sei­nem gewal­ti­gen Opus Moby-Dick war Her­man Mel­vil­le nicht allein sei­ner Zeit weit vor­aus, son­dern kata­pul­tier­te sich auch – nach eini­gen rela­tiv erfolg­rei­chen Aben­teu­er­ro­ma­nen wie Typee oder Omoo – aus sei­ner Schrift­stel­ler­exis­tenz. Etwas pathe­tisch schrieb Han­jo Kes­ting: »Mel­vil­le hat­te sei­nen Feder­kiel in den Vesuv getaucht und Moby Dick [sic!] geschrie­ben.«2 Wie Con­rad begrif­fen vie­le Zeit­ge­nos­sen und Nach­ge­bo­re­ne zunächst nicht die Genia­li­tät des Autors und sei­nes ein­zig­ar­ti­gen Wer­kes, des­sen Wert schließ­lich erst im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert erkannt wur­de. Autoren wie Charles Olson und C. L. R. James ent­deck­ten Mel­vil­les ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Avan­ciert­heit, und längst gehört Moby-Dick zum gro­ßen lite­ra­ri­schen Pro­jekt der »Gre­at Ame­ri­can Novel«.3

 

Von der »Treuepflicht des Übersetzers«

 

Friedhelm Rathjen: Nennt mich Ishmael (Edition ReJoyce, 2019)

Fried­helm Rath­jen: Nennt mich Ish­ma­el (Edi­ti­on ReJoy­ce, 2019)

In Deutsch­land geriet Moby-Dick zum Lack­mus-Test für eine text­ge­treue oder les­ba­re Über­set­zung, der sich als »zehn Jah­re wäh­ren­der, quä­len­der Edi­ti­ons­kri­mi«4 ent­spann, wie ihn Doro­thea Dieck­mann cha­rak­te­ri­sier­te. Der Über­set­zer und Essay­ist Fried­helm Rath­jen hat­te es sich zur Auf­ga­be gemacht, »einen deut­schen Moby-Dick zu schaf­fen, wie es ihn noch nicht gab«5 Rath­jens durch­aus gewag­tes Unter­fan­gen war von dem Vor­satz geprägt, über die bis­he­ri­gen »soli­de gemä­ßig­ten Ver­sio­nen« hin­aus­zu­ge­hen und dem Ori­gi­nal gerecht zu wer­den. »Der Stil der Über­set­zung muss der Stil des Ori­gi­nals und nicht der Stil des Über­set­zers sein«6, pos­tu­lier­te der stren­ge Kri­ti­ker und Über­set­zer Wal­ter Boeh­lich. In des­sen Sin­ne erar­bei­te­te Rath­jen sei­ne Über­set­zung des Moby-Dick und mach­te sich damit im Betrieb nicht vie­le Freun­de. Letzt­end­lich tor­pe­dier­te er mit die­ser strik­ten Berufs­auf­fas­sung die Her­aus­ga­be der Neu­über­set­zung des Moby-Dick, öff­ne­te aber durch sei­ne Beharr­lich­keit neue Hori­zon­te der Moby-Dick-Rezep­ti­on, die nicht zuletzt durch die gran­dio­se Rezi­ta­ti­on Chris­ti­an Brück­ners mit über drei­ßig Stun­den Hör­zeit eine neue Dimen­si­on des Melville’schen Wer­kes für deutsch­spra­chi­ge Leser*innen und Hörer*innen erschloss.

 

Ernst Schnabel (Staatsarchiv Hamburg)

Ernst Schna­bel (Staats­ar­chiv Ham­burg)

Im Ver­gleich zu Rath­jens Über­set­zung, die selbst ein gewal­ti­ges Monu­ment dar­stellt, nimmt sich die Moby-Dick-Über­tra­gung von The­si Mut­zen­ba­cher und Ernst Schna­bel, die erst­mals 1946 erschien und nun in einer Neu­aus­ga­be des Dio­ge­nes-Ver­la­ges wie­der auf­ge­legt wur­de, eher schlicht aus. Der Schrift­stel­ler Ernst Schna­bel (1913–1986), der seit 1931 als See­mann arbei­te­te und wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges als Kom­man­dant in der deut­schen Kriegs­ma­ri­ne tätig war, hat­te schon in den 1930er Jah­ren ers­te schrift­stel­le­ri­sche Ver­su­che unter­nom­men und war bemüht, »den Anschluss an die ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur zu hal­ten«, wie der His­to­ri­ker Chris­ti­an Ger­lin­ger schrieb. Obgleich er kein Par­tei­gän­ger der Nazis war und auf Distanz zu den Herr­schen­den blieb, publi­zier­te er den­noch in NS-Zeit­schrift Das Reich, wobei der schrift­stel­le­ri­sche Ehr­geiz über die poli­ti­sche Moral tri­um­phier­te.7 Bereits seit 1938 hat­te Schna­bel Kon­tak­te zu den Ver­le­gern Hen­ry Goverts und Eugen Claas­sen, für deren Ver­lag Claas­sen & Goverts die Moby-Dick-Über­set­zung von The­re­sia Mut­zen­ba­cher über­ar­bei­te­te. »Heu­te Abend habe ich mit dem Moby Dick ange­fan­gen…«, schrieb Schna­bel am 11. August 1945 in einer Post­kar­te an sei­ne Frau Gud­run Schna­bel. »Das ist eine herr­li­che Arbeit, aber ich habe eini­ge Gewis­sens­qua­len. Am liebs­ten möch­te ich das gan­ze Buch neu über­set­zen…«8

 

Herman Melville: Moby-Dick (Diogenes, 2019)

Her­man Mel­vil­le: Moby-Dick (Dio­ge­nes, 2019)

Die Über­set­zung berei­tet auch heu­te noch Schmer­zen. Wäh­rend in nahe­zu allen ande­ren Über­tra­gun­gen der berühm­te Ein­lei­tungs­satz »Call me Ish­ma­el« wort­ge­treu über­setzt wird (mit all sei­nen bibli­schen Bedeu­tun­gen und Impli­ka­tio­nen des Aus­ge­sto­ße­nen als Erzäh­ler), beginnt die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Ver­si­on mit dem Satz »Nennt mich mei­net­hal­ben Isma­el«.9 Woher die Moti­va­ti­on stammt, die­ses omi­nö­se »mei­net­hal­ben« in den Eröff­nungs­satz ein­zu­streu­en, ist nicht zu ergrün­den, doch rela­ti­viert die­ses Adverb den Cha­rak­ter des Aus­ge­sto­ße­nen, den Mel­vil­le von Beginn an inten­dier­te. Ohne­hin neh­men es die deut­schen Über­set­zun­gen mit den Namen nicht so genau: Aus »Ish­ma­el« wird »Isma­el«; »Quee­queq« mutiert zu »Qui­queg«. Erst im »deut­schen Moby-Dick« Fried­helm Rath­jens erhal­ten die Figu­ren – im Rah­men der »sti­lis­ti­schen Treue­pflicht des Über­set­zers«10 – ihren ori­gi­na­len Namen zurück. Auch in der Begeg­nungs­sze­ne zwi­schen Ish­ma­el und Quee­queq beflei­ßigt sich die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung eines »Wil­den-Eng­lisch« in deut­scher Ima­gi­na­ti­on (»Sag was-rr! Sag-rr wer du sein, sonst tot­schlag-rr!«). Im Ori­gi­nal spricht Quee­queq dage­gen ein uni­ver­sal ver­ständ­li­ches Pidgin-Eng­lisch: »›Who‑e debel you?‹– he at last said–›you no speak‑e, dam-me, I kill‑e!‹« Unter­schwel­lig tre­ten in der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung die homo­ero­ti­schen Kon­no­ta­tio­nen zuta­ge (»Hör mal, Qui­queg – du mich ken­nen«, insis­tiert der Wirt mit dem bezeich­nen­den Namen »Peter Cof­fin«, »ich dich ken­nen – der Mann hier mit dir schla­fen – ver­stan­den?«), wäh­rend sie in Rath­jens Über­set­zung zurück­ge­nom­men wer­den (»die­ser Mann schlä­fier dir«).11

Die »Treue­pflicht des Über­set­zers« ver­letzt die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­tra­gung auch in Kapi­teln wie »The Speck­syn­der« (wobei Mel­vil­le den hol­län­di­schen Begriff speks­nij­der falsch ins Eng­li­sche über­trug), das Mut­zen­be­cher und Schna­bel mit dem Wort »Flen­ser« ein­deutsch­ten. Auch beim Kapi­tel »The Gre­at Hei­del­burgh Tun« fühl­ten sich Mut­zen­be­cher und Schna­bel bemü­ßigt, Mel­vil­les Über­tra­gungs­feh­ler zu kor­ri­gie­ren, und nann­ten das Kapi­tel »Das gro­ße Hei­del­ber­ger Faß«.12 Eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung ist die Stel­le des Romans, in der Mel­vil­le die »Wei­ße des Wals« in einem Satz mit 467 Wör­tern beschreibt:

Herman Melville: Moby-Dick (Norton Critical Edition, 2018)

Her­man Mel­vil­le: Moby-Dick (Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, 2018)

Though in many natu­ral objec­ts, whiteness refi­nin­gly enhan­ces beau­ty, as if impar­ting some spe­cial vir­tue of its own, as in marbles, japo­ni­cas, and pearls; and though various nati­ons have in some way reco­gnis­ed a cer­tain roy­al preemi­nence in this hue; even the bar­ba­ric, grand old kings of Pegu pla­cing the tit­le »Lord of the White Ele­phants« above all their other magni­lo­quent ascrip­ti­ons of domi­ni­on; and the modern kings of Siam unf­ur­ling the same snow-white qua­dru­ped in the roy­al stan­dard; and the Hano­ve­r­i­an flag bea­ring the one figu­re of a snow-white char­ger; and the gre­at Aus­tri­an Empi­re, Cae­sa­ri­an, heir to over­lord­ing Rome, having for the impe­ri­al color the same impe­ri­al hue; and though this pre-emi­nence in it app­lies to the human race its­elf, giving the white man ide­al mas­tership over every dus­ky tri­be; and though, besi­des, all this, whiteness has been even made signi­fi­cant of glad­ness, for among the Romans a white stone mar­ked a joy­ful day; and though in other mor­tal sym­pa­thies and sym­bo­li­zings, this same hue is made the emblem of many tou­ch­ing, noble things— the inno­cence of bri­des, the benigni­ty of age; though among the Red Men of Ame­ri­ca the giving of the white belt of wam­pum was the deepest pledge of honor; though in many cli­mes, whiteness typi­fies the majes­ty of Jus­ti­ce in the ermi­ne of the Judge, and con­tri­bu­tes to the dai­ly sta­te of kings and queens drawn by milk-white steeds; though even in the hig­her mys­te­ries of the most august reli­gi­ons it has been made the sym­bol of the divi­ne spot­less­ness and power; by the Per­si­an fire wor­ship­pers, the white for­ked fla­me being held the holiest on the altar; and in the Greek mytho­lo­gies, Gre­at Jove him­s­elf being made incar­na­te in a snow-white bull; and though to the noble Iro­quois, the mid­win­ter sacri­fice of the sacred White Dog was by far the holiest fes­ti­val of their theo­lo­gy, that spot­less, faith­ful crea­tu­re being held the purest envoy they could send to the Gre­at Spi­rit with the annu­al tidings of their own fide­li­ty; and though direc­t­ly from the Latin word for white, all Chris­ti­an priests deri­ve the name of one part of their sacred vestu­re, the alb or tunic, worn bene­ath the cas­sock; and though among the holy pomps of the Romish faith, white is spe­ci­al­ly employ­ed in the cele­bra­ti­on of the Pas­si­on of our Lord; though in the Visi­on of St. John, white robes are given to the rede­emed, and the four-and-twen­ty elders stand clo­thed in white befo­re the gre­at-white thro­ne, and the Holy One that sitteth the­re white like wool; yet for all the­se accu­mu­la­ted asso­cia­ti­ons, with wha­te­ver is sweet, and hono­r­able, and sub­li­me, the­re yet lurks an elu­si­ve some­thing in the innermost idea of this hue, which strikes more of panic to the soul than that red­ness which aff­rights in blood.

In der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung ver­schwin­det die­ses ver­schach­tel­te »Satz­mons­trum« in einem Kon­glo­me­rat aus sech­zehn schlich­ten Aus­sa­ge­sät­zen, in deren arbi­trä­res Kon­strukt sich unver­mit­telt die Exkla­ma­ti­on »Und den­noch!« ein­schleicht, für die es im Ori­gi­nal kei­ne Recht­fer­ti­gung gibt.13

 

Moby-Dick als Radio-Ungetüm

 

Moby-Dick als »Pulp-Version« (Pidax, 2018)

Moby-Dick als »Pulp-Ver­si­on« (Pidax, 2018)

Für die ers­te deut­sche Hör­spiel­fas­sung des Moby-Dick nutz­te Schna­bel selbst­ver­ständ­lich die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung. Über sei­nen Bru­der, den Hör­spiel­dra­ma­tur­gen Gün­ter Schna­bel, und den Regis­seur Hel­mut Käut­ner, mit dem er das Dreh­buch zu dem Film In jenen Tagen ver­fasst hat­te, war Schna­bel zum Nord­west­deut­schen Rund­funk (NWDR) gesto­ßen, bei dem er zu einem Pio­nier des Rund­funk­fea­tures wur­de. »Schna­bels Ernen­nung zum Chef­dra­ma­tur­gen der Abtei­lung ›Kul­tu­rel­les Wort‹ beim NWDR im Herbst 1946 war für ihn ein Ein­schnitt«, resü­miert Ger­lin­ger. »Die inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit der Gat­tung Hör­spiel steht für eine Pro­fes­sio­na­li­sie­rung sei­ner Rund­funk­ar­beit nach einer über­stürz­ten und spon­tan-krea­ti­ven Ken­nen­lern­pha­se des Medi­ums.«14 Nach Hör­spiel­be­ar­bei­tun­gen von Thorn­ton Wil­ders Die Brü­cke von San Luis Rey und B. Tra­vens Das Toten­schiff war Her­man Mel­vil­les Moby-Dick eine Pro­duk­ti­on, die von der »Landser«-Mentalität und Schna­bels eige­ner Bio­gra­fie gezeich­net ist. Der »Kron­zeu­ge« der Kata­stro­phe, Isma­el (gespro­chen von Hans Quest), ist ein Wie­der­gän­ger Beck­manns aus der legen­dä­ren NWDR-Pro­duk­ti­on Drau­ßen vor der Tür nach dem Dra­ma Wolf­gang Bor­cherts aus dem Jah­re 1947, ein »Jeder­mann« anstel­le des Aus­ge­sto­ße­nen Mel­vil­les.

 

Die Barbarei der Auslöschung: Eric Jay Dolin - Leviathan (W. W. Norton, 2007)

Die Bar­ba­rei der Aus­lö­schung: Eric Jay Dolin — Levia­than (W. W. Nor­ton, 2007)

Über dem Schiff Pequod las­tet der Ruch des Auto­ri­ta­ris­mus in Per­son des Kapi­täns Ahab, der sei­nen Hass auf den wei­ßen Wal auf die Mann­schaft über­tra­gen will. Dem Irra­tio­na­lis­ten Ahab wider­steht nur der Ratio­na­list Star­buck, dem jedoch der Mut zum letz­ten Schritt – zum Tyran­nen­mord – fehlt, um die Kata­stro­phe abzu­wen­den. In die­ser Unent­schlos­sen­heit ereilt die falsch ver­schwo­re­ne Gemein­schaft der Unter­gang. In Schna­bels Bear­bei­tung erscheint Ahab als vom Hass gezeich­ne­ter Kom­man­deur, der sich über die kapi­ta­lis­ti­sche Ratio­na­li­tät sei­nes Steu­er­man­nes Star­buck mokiert, in sei­nem ego­ma­ni­schen, exter­mi­na­to­ri­schen Wahn aber nicht davor zurück­scheut, die Mann­schaft, die Pequod und ande­re Schif­fe ins Ver­der­ben zu stür­zen. Der wei­ße Wal ist dabei eine Syn­ek­do­che für das Frem­de in einer unbe­grif­fe­nen Natur, in der Ahab in sei­ner Igno­ranz und geis­ti­gen Gewalt gegen das »Ande­re« zum Wüte­rich wird, der schließ­lich all sei­ne Unter­ge­be­nen, die er mit sei­ner an den Mast geschla­ge­nen Gold­du­blo­ne in sei­nen ver­häng­nis­vol­len Bann reißt.

»Als Grau­en sucht Ima­gi­na­ti­on dem Grau­en stand­zu­hal­ten«15, heißt es in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Am Ende wird Ahab und all sei­nen »Mit­fah­rern« ihre »fal­sche« Ima­gi­na­ti­on des Grau­ens zum Ver­häng­nis: Nicht Moby Dick ist das Unge­heu­er, son­dern die Indus­trie, der die »Wal­fän­ger« (die eher Exter­mi­na­to­ren sind) ihre Exis­tenz ver­schrie­ben haben. »Moby-Dick ist eine Syn­the­se der Ima­gi­na­ti­on«, schrieb Lewis Mum­ford hell­sich­tig bereits 1929; in all den Ebe­nen und Schich­ten die­ses Kunst­werks schuf Mel­vil­le ein ein­zig­ar­ti­ges Uni­ver­sum, das über den Moment sei­ner Ent­ste­hung weit hin­aus wies. »Moby-Dick ist ein poe­ti­sches Epos«, kon­sta­tier­te Mum­ford mit Fug und Recht: Der Roman war nicht eine Rein­ter­prea­ti­on einer Tra­gö­die in der Tra­di­ti­on von Homer und Shake­speare, son­dern eine künst­le­ri­sche Tran­szen­denz des »wei­ßen Grau­ens« (die Moby-Dick in sei­ner schein­ba­ren mas­si­gen Gewalt­tä­tig­keit dar­stellt) in ein Begrei­fen der natür­li­chen Kräf­te, die sich gegen die Aus­lö­schung durch eine eng­stir­ni­ge Indus­trie bra­chi­al erhe­ben.16

Moby-Dick, das Deutsche und die Moderne

 

Moby-Dick und die europäische Moderne (Gallimard, 2018)

Moby-Dick und die euro­päi­sche Moder­ne (Gal­li­mard, 2018)

In Schna­bels Hör­spiel­ver­si­on kommt der kri­ti­sche und visio­nä­re Impe­tus des Melville’schen Epos kaum zum Tra­gen, was auch dem zeit­li­chen Kon­text sei­ner Ent­ste­hung zuzu­schrei­ben ist. Zudem ist die »Ver­deut­schung« der Namen für heu­ti­ge Ohren mehr als befremd­lich. Der Spre­cher Hans Quest führt sich als [Ismä:l] ein, und die Namen »Quee­queq« und »Pequod« wer­den im deut­schen Idi­om als [Kikek] und [Pekot] aus­ge­spro­chen. Den­noch ist die­se Hör­spiel-Fas­sung des Melville’schen Romans auch heu­te noch eine der her­aus­ra­gen­den Bear­bei­tun­gen im deutsch­spra­chi­gen Raum, die zumin­dest ansatz­wei­se der Kom­ple­xi­tät Mel­vil­les Rech­nung zu tra­gen ver­such­te. Spä­te­re Radio­fas­sun­gen redu­zier­ten den Roman auf weni­ger als eine Stun­de und gin­gen über die ers­ten hun­der­ten Sei­ten hin­weg, lösch­ten die Begeg­nung von Ish­ma­el und Quee­queq oder die Pre­digt von Father Mapp­le. Erst die 540-minü­ti­ge Fas­sung von Klaus Buh­lert aus dem Jah­re 2002 ver­such­te, dem Roman gerecht zu wer­den, doch blieb die Auf­lö­sung der Erzäh­ler­fi­gur in Ish­ma­el und den Autor Mel­vil­le frag­wür­dig.17

Vergessen, verloren, überlebt

Obwohl Schna­bel zum Chef­dra­ma­tur­gen und spä­ter zum Inten­dan­ten des NWDR auf­stieg, konn­te er sich mit dem Funk­tio­närs­ap­pa­rat des bun­des­deut­schen Rund­funks nie anfreun­den, der kri­ti­schen Autoren wie Schna­bel und Axel Egge­brecht miss­trau­te, sodass es nur fol­ge­rich­tig für Schna­bel war, 1955 als NWDR-Inten­dant zurück­zu­tre­ten, um danach als frei­er Schrift­stel­ler und als Autor bei den drit­ten Pro­gram­men des NDR und des SFB in den 1960er Jah­ren zu arbei­ten.18 Hin­ter dem Rund­funk­pio­nier und Fea­ture-Autor ver­schwand der Schrift­stel­ler Schna­bel. »Das macht, wenn man so will, sei­ne Tra­gö­die aus«, schrieb Han­jo Kes­ting in sei­nem Nach­ruf auf Ernst Schna­bel 1986. »Denn als Schrift­stel­ler wur­de er im öffent­lichs­ten aller Medi­en fast unsicht­bar, ein ›Geheim­schrei­ber Ihrer Majes­tät, der Lite­ra­tur‹, wie [Alfred] Andersch ihn genannt hat.«Verbittert resü­mier­te Schna­bel: »Ich bin doch ein über­haupt nicht vor­han­de­ner Schrift­stel­ler. Schna­bel zieht nicht mehr. Ich bin ver­ges­sen wor­den.« 19 In die­sem Schick­sal traf er sich mit Mel­vil­le.

 

 

Herman Melville: Moby Dick (gekürzte Lesung von Ernst Schnabel, DAV, 2015)

Her­man Mel­vil­le: Moby Dick (gekürz­te Lesung von Ernst Schna­bel, DAV, 2015)

Zugleich aber ver­such­te sich der Schrift­stel­ler Schna­bel im Metier der Rezi­ta­to­ren, auch wenn sei­ne gekürz­te Lesung des Moby-Dick in der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung für den Süd­west­rund­funk im Jah­re 1972 ein­ma­lig blieb. Im Ver­gleich zur gran­dio­sen Per­for­mance des Stimm­vir­tuo­sen Chris­ti­an Brück­ner erscheint Schna­bels Auf­nah­me sprö­de. Sei­nen man­geln­den stimm­li­chen Esprit bemän­geln auch eini­ge Rezen­sen­ten der Ama­zon-Platt­form, die mit Lite­ra­tur und Empa­thie ohne­hin wenig anfan­gen kön­nen. »Der Spre­cher spricht sehr undeut­lich, fasst [sic!] wie Paul Pan­zer [sic!], und lei­der auch ins­ge­samt sehr lang­wei­lig.«20

Am jet­zi­gen Zustand der Medi­en­kul­tur wür­de Schna­bel ver­mut­lich ver­zwei­feln. »Ernst Schna­bel starb im Janu­ar 1986«, endet das Fea­ture Kurt Krei­lers über den »Rund­funk­mann« Schna­bel. »Ein Mann, der sei­nen Ruhm über­lebt hat­te, wie [Mar­cel] Reich-Rani­cki schrieb. Als man ihn in sei­ner klei­nen Woh­nung in der [Ber­li­ner] Kne­se­beck­stra­ße fand, lief das Radio noch.«21 Der Rund­funk, wie ihn Schna­bel, Egge­brecht und ande­re begon­nen hat­ten, exis­tiert nicht mehr.

Nicht ein­mal für einen Ver­wais­ten ist in der schau­mi­gen Lache des Unter­gangs Raum. »Als­bald schwamm«, heißt es in der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, der aus den Tie­fen des Pazi­fiks auf­stei­gen­de Sarg Quee­que­qs als »Life­bo­je« neben dem letz­ten Über­le­ben­den, die ihn über Was­ser hielt »auf einer lin­den See, die wie eine Toten­kla­ge mich umrann«.22 Dies war wie­der­um eine recht freie Über­tra­gung, in der der See­mann und Schrift­stel­ler über den Über­set­zer tri­um­phier­te. Aber es war der »Schna­bel-Sound«, der ihn mit dem see­fah­ren­den Vor­gän­ger ver­band. Anders als alle ande­ren Über­set­zer ging es Schna­bel ver­mut­lich nicht um die »Text­treue«, son­dern um die »Auf­rich­tig­keit«, die »Wahr­heit und Exis­tenz« unter »See­män­nern«, die ihren eige­nen »Ehren­ko­dex« besa­ßen, der nicht von einer Indus­trie oder der pro­fes­sio­nel­len Bor­niert­heit oder Defor­ma­ti­on eines sich eli­tär gerie­ren­den Berufs­stan­des bestimmt wur­de. In die­sem Unter­grund ist der Geist Ernst Schna­bels noch immer viru­lent.

 

Bibliografische Angaben:

Her­man Mel­vil­le.
Moby-Dick.
Mit einem Essay von W. Somerset Maug­ham.
Über­setzt von The­si Mut­zen­be­cher und Ernst Schna­bel.
Die Erst­aus­ga­be der Über­set­zung erschien 1946.
Zürich: Dio­ge­nes Ver­lag, 2019.
Paper­back, 768 Sei­ten, 14 Euro.
ISBN: 978–3‑257–24498‑4.

Her­man Mel­vil­le.
Moby Dick oder Der wei­ße Wal
Hör­spiel NWDR 1948.
Regie: Gus­tav Bur­mes­ter.
Bear­bei­tung: Ernst Schna­bel.
Mit­wir­ken­de: Hans Quest, Her­mann Schom­berg, Peter Mos­ba­cher,
Claus Hofer, Joseph Offen­bach, Har­dy Krü­ger und ande­re.
Rie­gels­berg: Pidax Film Media, 2018.
1 MP3-CD, Lauf­zeit: 184 Minu­ten. 9,90 Euro.
EAN: 4260497422525.

Her­man Mel­vil­le.
Moby Dick.
Über­setzt von The­si Mut­zen­be­cher und Ernst Schna­bel.
Gekürz­te Lesung mit Ernst Schna­bel.
Pro­duk­ti­on: SWR 1972.
Ber­lin: Der Audio Ver­lag (DAV), 2015.
1 MP3-CD, Lauf­zeit: 433 Minu­ten, 10 Euro.
ISBN: 978–3‑86231–623‑6.

 

Bildquellen



Cover The Dream of the Gre­at Ame­ri­can Novel — © Har­vard Uni­ver­si­ty Press

Cover Nennt mich Ish­ma­el — © Edi­ti­on ReJoy­ce

Por­trät Ernst Schna­bel — © Staats­ar­chiv Ham­burg

Cover Moby-Dick 2019 — © Dio­ge­nes

Cover Moby-Dick 2018 — © W. W. Nor­ton

Cover Moby Dick oder Der wei­ße Wal — © Pidax

Cover Levia­than — © W. W. Nor­ton

Cover Moby-Dick ou le Cach­a­lot — © Gal­li­mard

Cover Moby Dick: Lesung mit Ernst Schna­bel — © Der Audio-Ver­lag (DAV)

Fotos Grab­stei­ne von Wal­fän­gern (Föhr) — © Jörg Auberg

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Joseph Con­rad, Brief an Hum­phrey Mil­ford, 15. Janu­ar 1907, zitiert in: Andrew Del­ban­co, Her­man Mel­vil­le: Bio­gra­phie, übers. Wer­ner Schmitz (Mün­chen: Han­ser, 2007), S. 9
  2. Han­jo Kes­ting, Gro­ße Roma­ne der Welt­li­te­ra­tur, Bd. 2 (Göt­tin­gen: Wall­stein, 2015), S. 25
  3. Charles Olson, Call Me Ish­ma­el (San Fran­cis­co: City Lights Books, 1947); C. L. R. James, Mari­ners, Rene­ga­des and Cas­ta­ways: The Sto­ry of Her­man Mel­vil­le and the World We Live In (1953; rpt. Dart­mouth Col­le­ge Press, 2001); Law­rence Buell, The Dream of the Gre­at Ame­ri­can Novel (Cam­bridge, MA: The Bel­knap Press of Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2016)
  4. Doro­thea Dieck­man, »Text­treu oder les­bar? Dis­kus­si­on um Moby-Dick-Über­set­zun­gen«, Deutsch­land­funk, 8. Dezem­ber 2004, https://www.deutschlandfunk.de/texttreu-oder-lesbar.700.de.html?dram:article_id=82082
  5. Fried­helm Rath­jen, Nennt mich Ish­ma­el: Sie­ben Auf­sät­ze zu Leben und Werk von Her­man Mel­vil­le (Wes­ter­holz: Edi­ti­on ReJoy­ce, 2019), S. 55
  6. Wal­ter Boeh­lich, Die Ant­wort ist das Unglück der Fra­ge: Aus­ge­wähl­te Schrif­ten, hg. Hel­muth Peitsch und Helen Thein (Frankfurtfurt/Main: Fischer, 2011), S. 194
  7. Chris­ti­an Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch (1947–1982) (Müns­ter: LIT Ver­lag, 2012), S. 39, 42. Zur Bio­gra­fie Ernst Schna­bels sie­he auch Hel­mut Poketz­ky, »Ernst Schna­bel — Ein Mann im Wett­lauf mit der Zeit«, Rund­funk­fea­ture, MDR 2003, https://archive.org/details/ernstschnabelhelmutkopetzky2003; und Han­jo Kes­ting, »See­mann und Schrift­stel­ler: Ernst Schna­bel«, in: Kes­ting, Abschieds­mu­sik: Nach­ru­fe aus drei­ßig Jah­ren (1973–2003) (Han­no­ver: Wehr­hahn, 2005), S. 80–84
  8. Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch, S. 37–38; Ernst Schna­bel an Gud­run Schna­bel, 11. August 1945, zitiert in: »Ernst Schna­bel, 1913–1986«, https://ernstschnabel.tumblr.com/?og=1
  9. Her­man Mel­vil­le, Moby-Dick, hg. Hers­hel Par­ker, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, 3. Aus­ga­be (New York: W. W. Nor­ton, 2018), S. 16; Her­man Mel­vil­le, Moby-Dick, übers. The­si Mut­zen­be­cher und Ernst Schna­bel (Zürich: Dio­ge­nes, 2019), S. 33
  10. Rath­jen, Nennt mich Ish­ma­el, S. 78
  11. Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 61; Mel­vil­le, Moby-Dick, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, S. 33; Mel­vil­le, Moby-Dick oder: Der Wal, übers. Fried­helm Rath­jen (Salz­burg: Jung und Jung, 2016), S. 37; zur (laten­ten) Homo­se­xua­li­tät Mel­vil­les sie­he Gre­go­ry Woods, A Histo­ry of Gay Lite­ra­tu­re (New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 1998), S. 163–164; und James Creech, Clo­set Writing/Gay Rea­ding: The Case of Melville’s Pierre (Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 1993), S. 76–78
  12. Mel­vil­le, Moby-Dick, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, S. 118, 257; Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 216, 450
  13. Mel­vil­le, Moby-Dick, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, S. 151; Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 267–268
  14. Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch, S. 59
  15. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 137
  16. Lewis Mum­ford, Her­man Mel­vil­le: A Stu­dy of His Life and Visi­on (1929; erw. New York: Har­court Brace, 1962), S. 107–133
  17. Juli­an Doepp, »›Zu wüten gegen ein stum­mes Ding‹: Moby Dick und das Radio«, Fea­ture, Baye­ri­scher Rund­funk 2002, https://www.ardaudiothek.de/artmix-galerie/julian-doepp-zu-wueten-gegen-ein-stummes-ding-moby-dick-und-das-radio/53727340; Her­man Mel­vil­le, Moby-Dick, übers. Mat­thi­as Jen­dis, Bear­bei­tung und Regie: Klaus Buh­lert, Pro­duk­ti­on: Baye­ri­scher Rund­funk, 2002 (Mün­chen: Der Hör­ver­lag, 2002)
  18. Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch, S. 175
  19. Kes­ting, »See­mann und Schrift­stel­ler: Ernst Schna­bel«, S. 82
  20. https://www.audible.de/pd/Moby-Dick-Hoerbuch/B014IYKWDI?qid=1571509079&sr=1–1&pf_rd_p=34e3b439-2a21-4dff-af95-98a7a74a1f67&pf_rd_r=0DKZSAV805KQSVGQBSDX&ref=a_search_c3_lProduct_1_1
  21. Kurt Krei­ler, »Wider das Banau­sen­tum: Der Geheim­schrei­ber Ernst Schna­bel«, Deutsch­land­funk 2013, https://www.deutschlandfunkkultur.de/wider-das-banausentum.3720.de.html?dram:article_id=258565
  22. Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 738

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Herman Melville — Moby-Dick

Die See als Totenklage

Ernst Schnabels Moby-Dick-Variationen

Von Jörg Auberg

 

Lawrence Buell: The Dream of the Great American Novel (Harvard/Belknap, 2016)

Law­rence Buell: The Dream of the Gre­at Ame­ri­can Novel (Harvard/Belknap, 2016)

Von Moby-Dick hat­te Joseph Con­rad kei­ne hohe Mei­nung. »Kürz­lich hat­te ich Moby Dick [sic!] in der Hand«, schrieb er im Janu­ar 1907 an Hum­phrey Mil­ford. »Auf mich wirk­te es wie eine ziem­lich gezwun­ge­ne Rhaps­odie, die den Wal­fang zum Gegen­stand hat und in den gesam­ten 3 Bän­den nicht eine ein­zi­ge auf­rich­ti­ge Zei­le auf­weist.«1 Mit sei­nem gewal­ti­gen Opus Moby-Dick war Her­man Mel­vil­le nicht allein sei­ner Zeit weit vor­aus, son­dern kata­pul­tier­te sich auch – nach eini­gen rela­tiv erfolg­rei­chen Aben­teu­er­ro­ma­nen wie Typee oder Omoo – aus sei­ner Schrift­stel­ler­exis­tenz. Etwas pathe­tisch schrieb Han­jo Kes­ting: »Mel­vil­le hat­te sei­nen Feder­kiel in den Vesuv getaucht und Moby Dick [sic!] geschrie­ben.«2 Wie Con­rad begrif­fen vie­le Zeit­ge­nos­sen und Nach­ge­bo­re­ne zunächst nicht die Genia­li­tät des Autors und sei­nes ein­zig­ar­ti­gen Wer­kes, des­sen Wert schließ­lich erst im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert erkannt wur­de. Autoren wie Charles Olson und C. L. R. James ent­deck­ten Mel­vil­les ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Avan­ciert­heit, und längst gehört Moby-Dick zum gro­ßen lite­ra­ri­schen Pro­jekt der »Gre­at Ame­ri­can Novel«.3

 

Von der »Treuepflicht des Übersetzers«

 

Friedhelm Rathjen: Nennt mich Ishmael (Edition ReJoyce, 2019)

Fried­helm Rath­jen: Nennt mich Ish­ma­el (Edi­ti­on ReJoy­ce, 2019)

In Deutsch­land geriet Moby-Dick zum Lack­mus-Test für eine text­ge­treue oder les­ba­re Über­set­zung, der sich als »zehn Jah­re wäh­ren­der, quä­len­der Edi­ti­ons­kri­mi«4 ent­spann, wie ihn Doro­thea Dieck­mann cha­rak­te­ri­sier­te. Der Über­set­zer und Essay­ist Fried­helm Rath­jen hat­te es sich zur Auf­ga­be gemacht, »einen deut­schen Moby-Dick zu schaf­fen, wie es ihn noch nicht gab«5 Rath­jens durch­aus gewag­tes Unter­fan­gen war von dem Vor­satz geprägt, über die bis­he­ri­gen »soli­de gemä­ßig­ten Ver­sio­nen« hin­aus­zu­ge­hen und dem Ori­gi­nal gerecht zu wer­den. »Der Stil der Über­set­zung muss der Stil des Ori­gi­nals und nicht der Stil des Über­set­zers sein«6, pos­tu­lier­te der stren­ge Kri­ti­ker und Über­set­zer Wal­ter Boeh­lich. In des­sen Sin­ne erar­bei­te­te Rath­jen sei­ne Über­set­zung des Moby-Dick und mach­te sich damit im Betrieb nicht vie­le Freun­de. Letzt­end­lich tor­pe­dier­te er mit die­ser strik­ten Berufs­auf­fas­sung die Her­aus­ga­be der Neu­über­set­zung des Moby-Dick, öff­ne­te aber durch sei­ne Beharr­lich­keit neue Hori­zon­te der Moby-Dick-Rezep­ti­on, die nicht zuletzt durch die gran­dio­se Rezi­ta­ti­on Chris­ti­an Brück­ners mit über drei­ßig Stun­den Hör­zeit eine neue Dimen­si­on des Melville’schen Wer­kes für deutsch­spra­chi­ge Leser*innen und Hörer*innen erschloss.

 

Ernst Schnabel (Staatsarchiv Hamburg)

Ernst Schna­bel (Staats­ar­chiv Ham­burg)

Im Ver­gleich zu Rath­jens Über­set­zung, die selbst ein gewal­ti­ges Monu­ment dar­stellt, nimmt sich die Moby-Dick-Über­tra­gung von The­si Mut­zen­ba­cher und Ernst Schna­bel, die erst­mals 1946 erschien und nun in einer Neu­aus­ga­be des Dio­ge­nes-Ver­la­ges wie­der auf­ge­legt wur­de, eher schlicht aus. Der Schrift­stel­ler Ernst Schna­bel (1913–1986), der seit 1931 als See­mann arbei­te­te und wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges als Kom­man­dant in der deut­schen Kriegs­ma­ri­ne tätig war, hat­te schon in den 1930er Jah­ren ers­te schrift­stel­le­ri­sche Ver­su­che unter­nom­men und war bemüht, »den Anschluss an die ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur zu hal­ten«, wie der His­to­ri­ker Chris­ti­an Ger­lin­ger schrieb. Obgleich er kein Par­tei­gän­ger der Nazis war und auf Distanz zu den Herr­schen­den blieb, publi­zier­te er den­noch in NS-Zeit­schrift Das Reich, wobei der schrift­stel­le­ri­sche Ehr­geiz über die poli­ti­sche Moral tri­um­phier­te.7 Bereits seit 1938 hat­te Schna­bel Kon­tak­te zu den Ver­le­gern Hen­ry Goverts und Eugen Claas­sen, für deren Ver­lag Claas­sen & Goverts die Moby-Dick-Über­set­zung von The­re­sia Mut­zen­ba­cher über­ar­bei­te­te. »Heu­te Abend habe ich mit dem Moby Dick ange­fan­gen…«, schrieb Schna­bel am 11. August 1945 in einer Post­kar­te an sei­ne Frau Gud­run Schna­bel. »Das ist eine herr­li­che Arbeit, aber ich habe eini­ge Gewis­sens­qua­len. Am liebs­ten möch­te ich das gan­ze Buch neu über­set­zen…«8

 

Herman Melville: Moby-Dick (Diogenes, 2019)

Her­man Mel­vil­le: Moby-Dick (Dio­ge­nes, 2019)

Die Über­set­zung berei­tet auch heu­te noch Schmer­zen. Wäh­rend in nahe­zu allen ande­ren Über­tra­gun­gen der berühm­te Ein­lei­tungs­satz »Call me Ish­ma­el« wort­ge­treu über­setzt wird (mit all sei­nen bibli­schen Bedeu­tun­gen und Impli­ka­tio­nen des Aus­ge­sto­ße­nen als Erzäh­ler), beginnt die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Ver­si­on mit dem Satz »Nennt mich mei­net­hal­ben Isma­el«.9 Woher die Moti­va­ti­on stammt, die­ses omi­nö­se »mei­net­hal­ben« in den Eröff­nungs­satz ein­zu­streu­en, ist nicht zu ergrün­den, doch rela­ti­viert die­ses Adverb den Cha­rak­ter des Aus­ge­sto­ße­nen, den Mel­vil­le von Beginn an inten­dier­te. Ohne­hin neh­men es die deut­schen Über­set­zun­gen mit den Namen nicht so genau: Aus »Ish­ma­el« wird »Isma­el«; »Quee­queq« mutiert zu »Qui­queg«. Erst im »deut­schen Moby-Dick« Fried­helm Rath­jens erhal­ten die Figu­ren – im Rah­men der »sti­lis­ti­schen Treue­pflicht des Über­set­zers«10 – ihren ori­gi­na­len Namen zurück. Auch in der Begeg­nungs­sze­ne zwi­schen Ish­ma­el und Quee­queq beflei­ßigt sich die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung eines »Wil­den-Eng­lisch« in deut­scher Ima­gi­na­ti­on (»Sag was-rr! Sag-rr wer du sein, sonst tot­schlag-rr!«). Im Ori­gi­nal spricht Quee­queq dage­gen ein uni­ver­sal ver­ständ­li­ches Pidgin-Eng­lisch: »›Who‑e debel you?‹– he at last said–›you no speak‑e, dam-me, I kill‑e!‹« Unter­schwel­lig tre­ten in der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung die homo­ero­ti­schen Kon­no­ta­tio­nen zuta­ge (»Hör mal, Qui­queg – du mich ken­nen«, insis­tiert der Wirt mit dem bezeich­nen­den Namen »Peter Cof­fin«, »ich dich ken­nen – der Mann hier mit dir schla­fen – ver­stan­den?«), wäh­rend sie in Rath­jens Über­set­zung zurück­ge­nom­men wer­den (»die­ser Mann schlä­fier dir«).11

Die »Treue­pflicht des Über­set­zers« ver­letzt die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­tra­gung auch in Kapi­teln wie »The Speck­syn­der« (wobei Mel­vil­le den hol­län­di­schen Begriff speks­nij­der falsch ins Eng­li­sche über­trug), das Mut­zen­be­cher und Schna­bel mit dem Wort »Flen­ser« ein­deutsch­ten. Auch beim Kapi­tel »The Gre­at Hei­del­burgh Tun« fühl­ten sich Mut­zen­be­cher und Schna­bel bemü­ßigt, Mel­vil­les Über­tra­gungs­feh­ler zu kor­ri­gie­ren, und nann­ten das Kapi­tel »Das gro­ße Hei­del­ber­ger Faß«.12 Eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung ist die Stel­le des Romans, in der Mel­vil­le die »Wei­ße des Wals« in einem Satz mit 467 Wör­tern beschreibt:

Herman Melville: Moby-Dick (Norton Critical Edition, 2018)

Her­man Mel­vil­le: Moby-Dick (Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, 2018)

Though in many natu­ral objec­ts, whiteness refi­nin­gly enhan­ces beau­ty, as if impar­ting some spe­cial vir­tue of its own, as in marbles, japo­ni­cas, and pearls; and though various nati­ons have in some way reco­gnis­ed a cer­tain roy­al preemi­nence in this hue; even the bar­ba­ric, grand old kings of Pegu pla­cing the tit­le »Lord of the White Ele­phants« above all their other magni­lo­quent ascrip­ti­ons of domi­ni­on; and the modern kings of Siam unf­ur­ling the same snow-white qua­dru­ped in the roy­al stan­dard; and the Hano­ve­r­i­an flag bea­ring the one figu­re of a snow-white char­ger; and the gre­at Aus­tri­an Empi­re, Cae­sa­ri­an, heir to over­lord­ing Rome, having for the impe­ri­al color the same impe­ri­al hue; and though this pre-emi­nence in it app­lies to the human race its­elf, giving the white man ide­al mas­tership over every dus­ky tri­be; and though, besi­des, all this, whiteness has been even made signi­fi­cant of glad­ness, for among the Romans a white stone mar­ked a joy­ful day; and though in other mor­tal sym­pa­thies and sym­bo­li­zings, this same hue is made the emblem of many tou­ch­ing, noble things— the inno­cence of bri­des, the benigni­ty of age; though among the Red Men of Ame­ri­ca the giving of the white belt of wam­pum was the deepest pledge of honor; though in many cli­mes, whiteness typi­fies the majes­ty of Jus­ti­ce in the ermi­ne of the Judge, and con­tri­bu­tes to the dai­ly sta­te of kings and queens drawn by milk-white steeds; though even in the hig­her mys­te­ries of the most august reli­gi­ons it has been made the sym­bol of the divi­ne spot­less­ness and power; by the Per­si­an fire wor­ship­pers, the white for­ked fla­me being held the holiest on the altar; and in the Greek mytho­lo­gies, Gre­at Jove him­s­elf being made incar­na­te in a snow-white bull; and though to the noble Iro­quois, the mid­win­ter sacri­fice of the sacred White Dog was by far the holiest fes­ti­val of their theo­lo­gy, that spot­less, faith­ful crea­tu­re being held the purest envoy they could send to the Gre­at Spi­rit with the annu­al tidings of their own fide­li­ty; and though direc­t­ly from the Latin word for white, all Chris­ti­an priests deri­ve the name of one part of their sacred vestu­re, the alb or tunic, worn bene­ath the cas­sock; and though among the holy pomps of the Romish faith, white is spe­ci­al­ly employ­ed in the cele­bra­ti­on of the Pas­si­on of our Lord; though in the Visi­on of St. John, white robes are given to the rede­emed, and the four-and-twen­ty elders stand clo­thed in white befo­re the gre­at-white thro­ne, and the Holy One that sitteth the­re white like wool; yet for all the­se accu­mu­la­ted asso­cia­ti­ons, with wha­te­ver is sweet, and hono­r­able, and sub­li­me, the­re yet lurks an elu­si­ve some­thing in the innermost idea of this hue, which strikes more of panic to the soul than that red­ness which aff­rights in blood.

In der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung ver­schwin­det die­ses ver­schach­tel­te »Satz­mons­trum« in einem Kon­glo­me­rat aus sech­zehn schlich­ten Aus­sa­ge­sät­zen, in deren arbi­trä­res Kon­strukt sich unver­mit­telt die Exkla­ma­ti­on »Und den­noch!« ein­schleicht, für die es im Ori­gi­nal kei­ne Recht­fer­ti­gung gibt.13

 

Moby-Dick als Radio-Ungetüm

 

Moby-Dick als »Pulp-Version« (Pidax, 2018)

Moby-Dick als »Pulp-Ver­si­on« (Pidax, 2018)

Für die ers­te deut­sche Hör­spiel­fas­sung des Moby-Dick nutz­te Schna­bel selbst­ver­ständ­lich die Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung. Über sei­nen Bru­der, den Hör­spiel­dra­ma­tur­gen Gün­ter Schna­bel, und den Regis­seur Hel­mut Käut­ner, mit dem er das Dreh­buch zu dem Film In jenen Tagen ver­fasst hat­te, war Schna­bel zum Nord­west­deut­schen Rund­funk (NWDR) gesto­ßen, bei dem er zu einem Pio­nier des Rund­funk­fea­tures wur­de. »Schna­bels Ernen­nung zum Chef­dra­ma­tur­gen der Abtei­lung ›Kul­tu­rel­les Wort‹ beim NWDR im Herbst 1946 war für ihn ein Ein­schnitt«, resü­miert Ger­lin­ger. »Die inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit der Gat­tung Hör­spiel steht für eine Pro­fes­sio­na­li­sie­rung sei­ner Rund­funk­ar­beit nach einer über­stürz­ten und spon­tan-krea­ti­ven Ken­nen­lern­pha­se des Medi­ums.«14 Nach Hör­spiel­be­ar­bei­tun­gen von Thorn­ton Wil­ders Die Brü­cke von San Luis Rey und B. Tra­vens Das Toten­schiff war Her­man Mel­vil­les Moby-Dick eine Pro­duk­ti­on, die von der »Landser«-Mentalität und Schna­bels eige­ner Bio­gra­fie gezeich­net ist. Der »Kron­zeu­ge« der Kata­stro­phe, Isma­el (gespro­chen von Hans Quest), ist ein Wie­der­gän­ger Beck­manns aus der legen­dä­ren NWDR-Pro­duk­ti­on Drau­ßen vor der Tür nach dem Dra­ma Wolf­gang Bor­cherts aus dem Jah­re 1947, ein »Jeder­mann« anstel­le des Aus­ge­sto­ße­nen Mel­vil­les.

 

Die Barbarei der Auslöschung: Eric Jay Dolin - Leviathan (W. W. Norton, 2007)

Die Bar­ba­rei der Aus­lö­schung: Eric Jay Dolin — Levia­than (W. W. Nor­ton, 2007)

Über dem Schiff Pequod las­tet der Ruch des Auto­ri­ta­ris­mus in Per­son des Kapi­täns Ahab, der sei­nen Hass auf den wei­ßen Wal auf die Mann­schaft über­tra­gen will. Dem Irra­tio­na­lis­ten Ahab wider­steht nur der Ratio­na­list Star­buck, dem jedoch der Mut zum letz­ten Schritt – zum Tyran­nen­mord – fehlt, um die Kata­stro­phe abzu­wen­den. In die­ser Unent­schlos­sen­heit ereilt die falsch ver­schwo­re­ne Gemein­schaft der Unter­gang. In Schna­bels Bear­bei­tung erscheint Ahab als vom Hass gezeich­ne­ter Kom­man­deur, der sich über die kapi­ta­lis­ti­sche Ratio­na­li­tät sei­nes Steu­er­man­nes Star­buck mokiert, in sei­nem ego­ma­ni­schen, exter­mi­na­to­ri­schen Wahn aber nicht davor zurück­scheut, die Mann­schaft, die Pequod und ande­re Schif­fe ins Ver­der­ben zu stür­zen. Der wei­ße Wal ist dabei eine Syn­ek­do­che für das Frem­de in einer unbe­grif­fe­nen Natur, in der Ahab in sei­ner Igno­ranz und geis­ti­gen Gewalt gegen das »Ande­re« zum Wüte­rich wird, der schließ­lich all sei­ne Unter­ge­be­nen, die er mit sei­ner an den Mast geschla­ge­nen Gold­du­blo­ne in sei­nen ver­häng­nis­vol­len Bann reißt.

»Als Grau­en sucht Ima­gi­na­ti­on dem Grau­en stand­zu­hal­ten«15, heißt es in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Am Ende wird Ahab und all sei­nen »Mit­fah­rern« ihre »fal­sche« Ima­gi­na­ti­on des Grau­ens zum Ver­häng­nis: Nicht Moby Dick ist das Unge­heu­er, son­dern die Indus­trie, der die »Wal­fän­ger« (die eher Exter­mi­na­to­ren sind) ihre Exis­tenz ver­schrie­ben haben. »Moby-Dick ist eine Syn­the­se der Ima­gi­na­ti­on«, schrieb Lewis Mum­ford hell­sich­tig bereits 1929; in all den Ebe­nen und Schich­ten die­ses Kunst­werks schuf Mel­vil­le ein ein­zig­ar­ti­ges Uni­ver­sum, das über den Moment sei­ner Ent­ste­hung weit hin­aus wies. »Moby-Dick ist ein poe­ti­sches Epos«, kon­sta­tier­te Mum­ford mit Fug und Recht: Der Roman war nicht eine Rein­ter­prea­ti­on einer Tra­gö­die in der Tra­di­ti­on von Homer und Shake­speare, son­dern eine künst­le­ri­sche Tran­szen­denz des »wei­ßen Grau­ens« (die Moby-Dick in sei­ner schein­ba­ren mas­si­gen Gewalt­tä­tig­keit dar­stellt) in ein Begrei­fen der natür­li­chen Kräf­te, die sich gegen die Aus­lö­schung durch eine eng­stir­ni­ge Indus­trie bra­chi­al erhe­ben.16

Moby-Dick, das Deutsche und die Moderne

 

Moby-Dick und die europäische Moderne (Gallimard, 2018)

Moby-Dick und die euro­päi­sche Moder­ne (Gal­li­mard, 2018)

In Schna­bels Hör­spiel­ver­si­on kommt der kri­ti­sche und visio­nä­re Impe­tus des Melville’schen Epos kaum zum Tra­gen, was auch dem zeit­li­chen Kon­text sei­ner Ent­ste­hung zuzu­schrei­ben ist. Zudem ist die »Ver­deut­schung« der Namen für heu­ti­ge Ohren mehr als befremd­lich. Der Spre­cher Hans Quest führt sich als [Ismä:l] ein, und die Namen »Quee­queq« und »Pequod« wer­den im deut­schen Idi­om als [Kikek] und [Pekot] aus­ge­spro­chen. Den­noch ist die­se Hör­spiel-Fas­sung des Melville’schen Romans auch heu­te noch eine der her­aus­ra­gen­den Bear­bei­tun­gen im deutsch­spra­chi­gen Raum, die zumin­dest ansatz­wei­se der Kom­ple­xi­tät Mel­vil­les Rech­nung zu tra­gen ver­such­te. Spä­te­re Radio­fas­sun­gen redu­zier­ten den Roman auf weni­ger als eine Stun­de und gin­gen über die ers­ten hun­der­ten Sei­ten hin­weg, lösch­ten die Begeg­nung von Ish­ma­el und Quee­queq oder die Pre­digt von Father Mapp­le. Erst die 540-minü­ti­ge Fas­sung von Klaus Buh­lert aus dem Jah­re 2002 ver­such­te, dem Roman gerecht zu wer­den, doch blieb die Auf­lö­sung der Erzäh­ler­fi­gur in Ish­ma­el und den Autor Mel­vil­le frag­wür­dig.17

Vergessen, verloren, überlebt

Obwohl Schna­bel zum Chef­dra­ma­tur­gen und spä­ter zum Inten­dan­ten des NWDR auf­stieg, konn­te er sich mit dem Funk­tio­närs­ap­pa­rat des bun­des­deut­schen Rund­funks nie anfreun­den, der kri­ti­schen Autoren wie Schna­bel und Axel Egge­brecht miss­trau­te, sodass es nur fol­ge­rich­tig für Schna­bel war, 1955 als NWDR-Inten­dant zurück­zu­tre­ten, um danach als frei­er Schrift­stel­ler und als Autor bei den drit­ten Pro­gram­men des NDR und des SFB in den 1960er Jah­ren zu arbei­ten.18 Hin­ter dem Rund­funk­pio­nier und Fea­ture-Autor ver­schwand der Schrift­stel­ler Schna­bel. »Das macht, wenn man so will, sei­ne Tra­gö­die aus«, schrieb Han­jo Kes­ting in sei­nem Nach­ruf auf Ernst Schna­bel 1986. »Denn als Schrift­stel­ler wur­de er im öffent­lichs­ten aller Medi­en fast unsicht­bar, ein ›Geheim­schrei­ber Ihrer Majes­tät, der Lite­ra­tur‹, wie [Alfred] Andersch ihn genannt hat.«Verbittert resü­mier­te Schna­bel: »Ich bin doch ein über­haupt nicht vor­han­de­ner Schrift­stel­ler. Schna­bel zieht nicht mehr. Ich bin ver­ges­sen wor­den.« 19 In die­sem Schick­sal traf er sich mit Mel­vil­le.

 

 

Herman Melville: Moby Dick (gekürzte Lesung von Ernst Schnabel, DAV, 2015)

Her­man Mel­vil­le: Moby Dick (gekürz­te Lesung von Ernst Schna­bel, DAV, 2015)

Zugleich aber ver­such­te sich der Schrift­stel­ler Schna­bel im Metier der Rezi­ta­to­ren, auch wenn sei­ne gekürz­te Lesung des Moby-Dick in der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung für den Süd­west­rund­funk im Jah­re 1972 ein­ma­lig blieb. Im Ver­gleich zur gran­dio­sen Per­for­mance des Stimm­vir­tuo­sen Chris­ti­an Brück­ner erscheint Schna­bels Auf­nah­me sprö­de. Sei­nen man­geln­den stimm­li­chen Esprit bemän­geln auch eini­ge Rezen­sen­ten der Ama­zon-Platt­form, die mit Lite­ra­tur und Empa­thie ohne­hin wenig anfan­gen kön­nen. »Der Spre­cher spricht sehr undeut­lich, fasst [sic!] wie Paul Pan­zer [sic!], und lei­der auch ins­ge­samt sehr lang­wei­lig.«20

Am jet­zi­gen Zustand der Medi­en­kul­tur wür­de Schna­bel ver­mut­lich ver­zwei­feln. »Ernst Schna­bel starb im Janu­ar 1986«, endet das Fea­ture Kurt Krei­lers über den »Rund­funk­mann« Schna­bel. »Ein Mann, der sei­nen Ruhm über­lebt hat­te, wie [Mar­cel] Reich-Rani­cki schrieb. Als man ihn in sei­ner klei­nen Woh­nung in der [Ber­li­ner] Kne­se­beck­stra­ße fand, lief das Radio noch.«21 Der Rund­funk, wie ihn Schna­bel, Egge­brecht und ande­re begon­nen hat­ten, exis­tiert nicht mehr.

Nicht ein­mal für einen Ver­wais­ten ist in der schau­mi­gen Lache des Unter­gangs Raum. »Als­bald schwamm«, heißt es in der Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, der aus den Tie­fen des Pazi­fiks auf­stei­gen­de Sarg Quee­que­qs als »Life­bo­je« neben dem letz­ten Über­le­ben­den, die ihn über Was­ser hielt »auf einer lin­den See, die wie eine Toten­kla­ge mich umrann«.22 Dies war wie­der­um eine recht freie Über­tra­gung, in der der See­mann und Schrift­stel­ler über den Über­set­zer tri­um­phier­te. Aber es war der »Schna­bel-Sound«, der ihn mit dem see­fah­ren­den Vor­gän­ger ver­band. Anders als alle ande­ren Über­set­zer ging es Schna­bel ver­mut­lich nicht um die »Text­treue«, son­dern um die »Auf­rich­tig­keit«, die »Wahr­heit und Exis­tenz« unter »See­män­nern«, die ihren eige­nen »Ehren­ko­dex« besa­ßen, der nicht von einer Indus­trie oder der pro­fes­sio­nel­len Bor­niert­heit oder Defor­ma­ti­on eines sich eli­tär gerie­ren­den Berufs­stan­des bestimmt wur­de. In die­sem Unter­grund ist der Geist Ernst Schna­bels noch immer viru­lent.

 

Bibliografische Angaben:

Her­man Mel­vil­le.
Moby-Dick.
Mit einem Essay von W. Somerset Maug­ham.
Über­setzt von The­si Mut­zen­be­cher und Ernst Schna­bel.
Die Erst­aus­ga­be der Über­set­zung erschien 1946.
Zürich: Dio­ge­nes Ver­lag, 2019.
Paper­back, 768 Sei­ten, 14 Euro.
ISBN: 978–3‑257–24498‑4.

Her­man Mel­vil­le.
Moby Dick oder Der wei­ße Wal
Hör­spiel NWDR 1948.
Regie: Gus­tav Bur­mes­ter.
Bear­bei­tung: Ernst Schna­bel.
Mit­wir­ken­de: Hans Quest, Her­mann Schom­berg, Peter Mos­ba­cher,
Claus Hofer, Joseph Offen­bach, Har­dy Krü­ger und ande­re.
Rie­gels­berg: Pidax Film Media, 2018.
1 MP3-CD, Lauf­zeit: 184 Minu­ten. 9,90 Euro.
EAN: 4260497422525.

Her­man Mel­vil­le.
Moby Dick.
Über­setzt von The­si Mut­zen­be­cher und Ernst Schna­bel.
Gekürz­te Lesung mit Ernst Schna­bel.
Pro­duk­ti­on: SWR 1972.
Ber­lin: Der Audio Ver­lag (DAV), 2015.
1 MP3-CD, Lauf­zeit: 433 Minu­ten, 10 Euro.
ISBN: 978–3‑86231–623‑6.

 

Bildquellen



Cover The Dream of the Gre­at Ame­ri­can Novel — © Har­vard Uni­ver­si­ty Press

Cover Nennt mich Ish­ma­el — © Edi­ti­on ReJoy­ce

Por­trät Ernst Schna­bel — © Staats­ar­chiv Ham­burg

Cover Moby-Dick 2019 — © Dio­ge­nes

Cover Moby-Dick 2018 — © W. W. Nor­ton

Cover Moby Dick oder Der wei­ße Wal — © Pidax

Cover Levia­than — © W. W. Nor­ton

Cover Moby-Dick ou le Cach­a­lot — © Gal­li­mard

Cover Moby Dick: Lesung mit Ernst Schna­bel — © Der Audio-Ver­lag (DAV)

Fotos Grab­stei­ne von Wal­fän­gern (Föhr) — © Jörg Auberg

© Jörg Auberg 2019

Nachweise

  1. Joseph Con­rad, Brief an Hum­phrey Mil­ford, 15. Janu­ar 1907, zitiert in: Andrew Del­ban­co, Her­man Mel­vil­le: Bio­gra­phie, übers. Wer­ner Schmitz (Mün­chen: Han­ser, 2007), S. 9
  2. Han­jo Kes­ting, Gro­ße Roma­ne der Welt­li­te­ra­tur, Bd. 2 (Göt­tin­gen: Wall­stein, 2015), S. 25
  3. Charles Olson, Call Me Ish­ma­el (San Fran­cis­co: City Lights Books, 1947); C. L. R. James, Mari­ners, Rene­ga­des and Cas­ta­ways: The Sto­ry of Her­man Mel­vil­le and the World We Live In (1953; rpt. Dart­mouth Col­le­ge Press, 2001); Law­rence Buell, The Dream of the Gre­at Ame­ri­can Novel (Cam­bridge, MA: The Bel­knap Press of Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2016)
  4. Doro­thea Dieck­man, »Text­treu oder les­bar? Dis­kus­si­on um Moby-Dick-Über­set­zun­gen«, Deutsch­land­funk, 8. Dezem­ber 2004, https://www.deutschlandfunk.de/texttreu-oder-lesbar.700.de.html?dram:article_id=82082
  5. Fried­helm Rath­jen, Nennt mich Ish­ma­el: Sie­ben Auf­sät­ze zu Leben und Werk von Her­man Mel­vil­le (Wes­ter­holz: Edi­ti­on ReJoy­ce, 2019), S. 55
  6. Wal­ter Boeh­lich, Die Ant­wort ist das Unglück der Fra­ge: Aus­ge­wähl­te Schrif­ten, hg. Hel­muth Peitsch und Helen Thein (Frankfurtfurt/Main: Fischer, 2011), S. 194
  7. Chris­ti­an Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch (1947–1982) (Müns­ter: LIT Ver­lag, 2012), S. 39, 42. Zur Bio­gra­fie Ernst Schna­bels sie­he auch Hel­mut Poketz­ky, »Ernst Schna­bel — Ein Mann im Wett­lauf mit der Zeit«, Rund­funk­fea­ture, MDR 2003, https://archive.org/details/ernstschnabelhelmutkopetzky2003; und Han­jo Kes­ting, »See­mann und Schrift­stel­ler: Ernst Schna­bel«, in: Kes­ting, Abschieds­mu­sik: Nach­ru­fe aus drei­ßig Jah­ren (1973–2003) (Han­no­ver: Wehr­hahn, 2005), S. 80–84
  8. Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch, S. 37–38; Ernst Schna­bel an Gud­run Schna­bel, 11. August 1945, zitiert in: »Ernst Schna­bel, 1913–1986«, https://ernstschnabel.tumblr.com/?og=1
  9. Her­man Mel­vil­le, Moby-Dick, hg. Hers­hel Par­ker, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, 3. Aus­ga­be (New York: W. W. Nor­ton, 2018), S. 16; Her­man Mel­vil­le, Moby-Dick, übers. The­si Mut­zen­be­cher und Ernst Schna­bel (Zürich: Dio­ge­nes, 2019), S. 33
  10. Rath­jen, Nennt mich Ish­ma­el, S. 78
  11. Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 61; Mel­vil­le, Moby-Dick, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, S. 33; Mel­vil­le, Moby-Dick oder: Der Wal, übers. Fried­helm Rath­jen (Salz­burg: Jung und Jung, 2016), S. 37; zur (laten­ten) Homo­se­xua­li­tät Mel­vil­les sie­he Gre­go­ry Woods, A Histo­ry of Gay Lite­ra­tu­re (New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 1998), S. 163–164; und James Creech, Clo­set Writing/Gay Rea­ding: The Case of Melville’s Pierre (Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 1993), S. 76–78
  12. Mel­vil­le, Moby-Dick, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, S. 118, 257; Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 216, 450
  13. Mel­vil­le, Moby-Dick, Nor­ton Cri­ti­cal Edi­ti­on, S. 151; Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 267–268
  14. Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch, S. 59
  15. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 137
  16. Lewis Mum­ford, Her­man Mel­vil­le: A Stu­dy of His Life and Visi­on (1929; erw. New York: Har­court Brace, 1962), S. 107–133
  17. Juli­an Doepp, »›Zu wüten gegen ein stum­mes Ding‹: Moby Dick und das Radio«, Fea­ture, Baye­ri­scher Rund­funk 2002, https://www.ardaudiothek.de/artmix-galerie/julian-doepp-zu-wueten-gegen-ein-stummes-ding-moby-dick-und-das-radio/53727340; Her­man Mel­vil­le, Moby-Dick, übers. Mat­thi­as Jen­dis, Bear­bei­tung und Regie: Klaus Buh­lert, Pro­duk­ti­on: Baye­ri­scher Rund­funk, 2002 (Mün­chen: Der Hör­ver­lag, 2002)
  18. Ger­lin­ger, Die Zeit­hör­spie­le von Ernst Schna­bel und Alfred Andersch, S. 175
  19. Kes­ting, »See­mann und Schrift­stel­ler: Ernst Schna­bel«, S. 82
  20. https://www.audible.de/pd/Moby-Dick-Hoerbuch/B014IYKWDI?qid=1571509079&sr=1–1&pf_rd_p=34e3b439-2a21-4dff-af95-98a7a74a1f67&pf_rd_r=0DKZSAV805KQSVGQBSDX&ref=a_search_c3_lProduct_1_1
  21. Kurt Krei­ler, »Wider das Banau­sen­tum: Der Geheim­schrei­ber Ernst Schna­bel«, Deutsch­land­funk 2013, https://www.deutschlandfunkkultur.de/wider-das-banausentum.3720.de.html?dram:article_id=258565
  22. Mel­vil­le, Moby-Dick, Mut­zen­be­cher-Schna­bel-Über­set­zung, S. 738

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