William S. Burroughs: Naked Lunch — Die ursprüngliche Fassung

W

Burroughs Revisited

Von den Schwierigkeiten der Kulturindustrie im Umgang mit einem »work in progress«

Von Jörg Auberg

Im Jah­re 1959 tauch­te Wil­liam S. Bur­roughs’ Anti-Roman Naked Lunch auf dem lite­ra­ri­schen Markt auf und riss den lan­ge ver­kann­ten Autoren aus der Obsku­ri­tät sei­nes bis­he­ri­gen Daseins. Betrach­te­ten die einen das Buch als obs­zö­nen, por­no­gra­fi­schen Schund, sahen die ande­ren in Bur­roughs ein lite­ra­ri­sches Genie im Ran­ge eines Joy­ce oder Céli­ne. In den USA durf­te das Buch bis zum Jah­re 1966 nicht zum Ver­kauf ange­bo­ten wer­den. Erst im vom New Yor­ker Ver­lag Gro­ve Press ange­streng­ten Beru­fungs­ver­fah­ren wur­de der lite­ra­ri­sche Text vom Vor­wurf der Obs­zö­ni­tät frei­ge­spro­chen.

Original und Bearbeitung

Interzone: Table of Contents (© Estate of Allen Ginsberg/Reality Studio)
Inter­zo­ne: Table of Con­tents (© Esta­te of Allen Ginsberg/Reality Stu­dio)

In den Jah­ren zwi­schen 1955 und 1959 war ein tau­send­sei­ti­ges Manu­skript mit Aus­zeich­nun­gen, Noti­zen und Text­im­pro­vi­sa­tio­nen ent­stan­den, das erst durch die edi­to­ri­sche Hil­fe von Freun­den wie Allen Gins­berg, Jack Kerou­ac, Alan Ansen und Sin­c­lair Bai­les in eine les­ba­re Form für eine Publi­ka­ti­on unter dem Titel Naked Lunch trans­for­miert wer­den konn­te. Wäh­rend sich in die hek­tisch für den Pari­ser Ver­lag Olym­pia Press pro­du­zier­te Aus­ga­be eine Rei­he von ortho­gra­fi­schen Feh­lern ein­schlich, gab es für Bur­roughs kei­nen Grund, Kor­rek­tu­ren am edi­to­ri­schen Kon­zept vor­zu­neh­men. »In der Olym­pia­Aus­ga­be liegt das Buch so vor, wie es geplant und Gestalt ange­nom­men hat, von den aktu­el­len Druck­feh­lern mal abge­se­hen«, schrieb Bur­roughs 1960 an den Lek­tor Irving Rosen­thal. »Man kann die­se Form nicht ein­fach ändern, ohne dass man her­be Ver­lus­te ris­kiert. Ich hal­te ein­deu­tig nichts davon, dem Text Mate­ria­li­en hin­zu­zu­fü­gen.« So galt die kor­ri­gier­te Gro­ve-Aus­ga­be über Jahr­zehn­te als defi­ni­ti­ve, vom Autor auto­ri­sier­te und bei öffent­li­chen Auf­trit­ten selbst benutz­te Edi­ti­on, bis sein lang­jäh­ri­ger Sekre­tär James Grau­er­holz im Bur­roughs-Nach­lass das »fast kom­plet­te« Typoskript der Olym­pia-Edi­ti­on fand. Zusam­men mit dem »Beato­lo­gen« Bar­ry Miles stell­te er eine neue, »restau­rier­te« Edi­ti­on her, die 2001 eben­falls bei Gro­ve Press erschien. Die Her­aus­ge­ber stri­chen Wie­der­ho­lun­gen, kor­ri­gier­ten Recht­schreib­feh­ler, füg­ten »Out­takes« – Text­frag­men­te, die zwi­schen der letz­ten Typoskript­fas­sung und der Druck­fas­sung in Paris ver­lo­ren gin­gen – sowie Brie­fe und Ein­las­sun­gen des Autors hin­zu.

Permutation und Rekombination

Montage Naked Lunch/Olympia Press (© Erich Alport Collection)
Mon­ta­ge Naked Lunch/Olympia Press (© Erich Alport Collec­tion)

Frei­lich ist die Fra­ge, inwie­weit man bei Bur­roughs’ Text­pro­duk­tio­nen von einer »ursprüng­li­chen Fas­sung« oder einem »end­gül­ti­gen Text« spre­chen kann. In der Ein­lei­tung zu Inter­zo­ne, einer Vor­ar­beit zu Naked Lunch, wies Grau­er­holz dar­auf hin, dass Bur­roughs Lite­ra­tur als end­lo­se Per­mu­ta­ti­on und Rekom­bi­na­ti­on begriff, für die es kein fina­les Sta­di­um gebe. Bur­roughs selbst begriff sein lite­ra­ri­sches Œuvre als end­lo­ses work in pro­gress, und „Naked Lunch“ ent­stand an der Schnitt­stel­le zwi­schen dem fla­chen Rea­lis­mus von Früh­wer­ken wie Jun­kie und den mul­ti­me­dia­len, kol­la­bo­ra­ti­ven Expe­ri­men­ten der 1960er Jah­re. So fie­len die Tex­te über die »Sex and Dream Uti­li­ties« namens »Trak« bis auf kur­ze Allu­sio­nen aus dem ver­öf­fent­lich­ten Naked-Lunch-Text, da sie ein zen­tra­ler Bestand­teil des spä­te­ren Wer­kes The Soft Machi­ne (das Bur­roughs als »Fort­set­zung« bezeich­ne­te) wur­den.

William S. Burroughs - Naked Lunch: The Restored (Grove Press, 2001))
Wil­liam S. Bur­roughs — Naked Lunch: The Res­to­red (Gro­ve Press, 2001)

Zudem ist das edi­to­ri­sche Ver­hal­ten von Grau­er­holz und Miles nicht frei von Frag­wür­dig­kei­ten. In ihrem Nach­wort erwäh­nen sie die kor­ri­gier­ten Recht­schreib­feh­ler, bei denen es sich zumeist »um Eigen­na­men von Stäm­men und Dro­gen sowie anthro­po­lo­gi­sche Ver­wei­se« han­de­le. An einer zen­tra­len Stel­le haben sie jedoch still­schwei­gend eine bemer­kens­wer­te Kor­rek­tur vor­ge­nom­men: Wäh­rend es in der Olym­pia-Edi­ti­on heißt: »Now I, Wil­liam Seward, will unlock my word hor­de«, ist in der restau­rier­ten Ver­si­on »word hor­de« durch »word hoard« ersetzt wor­den. In der Über­set­zung Carl Weiss­ners, die im Rah­men der Bur­roughs-Werk­aus­ga­be 1979 bei Zwei­tau­send­eins erschien, liest sich die Stel­le wie folgt: »Jetzt wer­de ich, Wil­liam Seward, die hecheln­de Meu­te mei­ner Wor­te von der Lei­ne las­sen…«, wäh­rend es in Micha­el Kell­ners Über­set­zung der »restau­rier­ten Ver­si­on« schlicht heißt: »Und jetzt wer­de ich, Wil­liam Seward, mei­nen Wort­schatz öff­nen…« In der Olym­pia-Edi­ti­on gab es an ver­schie­de­nen Stel­len die Varia­tio­nen »word hoard« und »word hor­de«, die das ambi­va­len­te Ver­hält­nis Bur­roughs’ zur Spra­che (»the word«) aus­drück­ten und spä­ter in der pro­gram­ma­ti­schen Sen­tenz »Lan­guage is a virus« kul­mi­nier­ten. Indem die Her­aus­ge­ber der »restau­rier­ten« Ver­si­on die mons­trö­se Sei­te der Wort-Pro­duk­ti­on (die Bur­roughs im Text »Word« des »Interzone«-Manuskripts in gera­de­zu mani­scher Art arti­ku­liert hat­te) durch Anglei­chung aus­lö­schen, wird die Ambi­va­lenz des von Bur­roughs auto­ri­sier­ten Tex­tes ein­ge­eb­net – zumal die­se Ver­än­de­run­gen gegen­über der Stan­dard-Edi­ti­on an kei­ner Stel­le doku­men­tiert wer­den.

Marktschreierische Transparente

William S. Burroughs - Naked Lunch: Die ursprüngliche Fassung (Nagel & Kimche, 2009)
Wil­liam S. Bur­roughs — Naked Lunch: Die ursprüng­li­che Fas­sung (Nagel & Kim­che, 2009)

Daher grenzt der Ver­such des deut­schen Ver­la­ges, die­se Edi­ti­on als »Author’s Cut« ver­kau­fen zu wol­len, an eine dreis­te Leser­ver­dum­mung. Naked Lunch lie­ge hier­mit, heißt es im Umschlag­text, »erst­mals in einer Fas­sung vor, die dem Ori­gi­nal­ma­nu­skript und den Absich­ten des Autors ent­spricht«. Und auf sei­ner Home­page lässt der Ver­lag ver­lau­ten: »Von Feh­lern berei­nigt, um alle unter­drück­ten Pas­sa­gen ergänzt, ent­hält die Neu­aus­ga­be die­ses Klas­si­kers der Beat-Genera­ti­on einen Anhang mit Brie­fen des Autors sowie ein Nach­wort, das die aben­teu­er­li­che Publi­ka­ti­ons­ge­schich­te des Buchs erzählt.« Offen­bar hat die Mar­ke­ting-Abtei­lung von Nagel & Kim­che das Nach­wort nicht zur Kennt­nis genom­men, denn sonst wäre es wohl kaum auf den abstru­sen Gedan­ken gekom­men, in die­ser Aus­ga­be wür­den erst­mals »unter­drück­te Pas­sa­gen« ver­öf­fent­licht. Wer soll­te der Urhe­ber die­ser »Unter­drü­ckung« sein? Etwa Allen Gins­berg, der sich jah­re­lang um die Ver­öf­fent­li­chung von Naked Lunch bemüht hat­te oder die Kol­le­gen Bur­roughs’, die das mons­trö­se Manu­skript in eine publi­ka­ti­ons­fä­hi­ge Fas­sung brach­ten? Wie wohl­tu­end nimmt sich dage­gen der Cover-Text der »restau­rier­ten« Ver­si­on bei Gro­ve Pres­se aus: »Für den Bur­roughs-Enthu­si­as­ten wie für den Bur­roughs-Neu­ling ist die­ser Band eine wert­vol­le und fri­sche Erfah­rung die­ses Klas­si­kers unse­rer Kul­tur.« Damit ist das Buch gut umris­sen: Die­se Fas­sung von Naked Lunch bie­tet mit sei­nem Anhang bis­lang unzu­gäng­li­cher Tex­te neue Ein­bli­cke in die Ent­ste­hungs­ge­schich­te eines »Romans«, von dem der Autor selbst sag­te: »DIES IST KEIN ROMAN.« Markt­schreie­ri­sche Trans­pa­ren­te eines igno­ran­ten Gemischt­wa­ren-Mar­ke­tings dage­gen des­avou­ie­ren die soli­de Über­set­zung Micha­el Kell­ners.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Repro­duk­ti­on Inter­zo­ne: Table of Con­tents © Rea­li­ty­Stu­dio (Oli­ver Har­ris)
Cover Mon­ta­ge Naked Lunch/Olympia Press © Erich Alport Collec­tion
Cover Naked Lunch: The Res­to­red Text © Gro­ve Press
Cover Naked Lunch: Die ursprüng­li­che Fas­sung © Nagel & Kim­che

Bibliografische Angaben:

Wil­liam S. Bur­roughs:
Naked Lunch: Die ursprüng­li­che Fas­sung
Her­aus­ge­ge­ben von James Grau­er­holz und Bar­ry Miles.
Über­setzt von Micha­el Kell­ner.
Zürich: Nagel & Kim­che, 2009.
378 Sei­ten. 24,90 Euro.
ISBN: 978–3‑312–00427‑0.
[ Out of Print] — erhält­lich als Rowohlt Taschen­buch

Zuerst erschie­nen in culturmag.de, Juli 2009
© Jörg Auberg 2009/2020

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