Andrew Rubin — Archives of Authority

A

Spuren der Vergangenheit

Andrew Rubin analysiert die intellektuelle Kultur im Zeitalter des Kalten Krieges

von Jörg Auberg

Encounter Cover August 1963
Encoun­ter: Cover August 1963

Als die ame­ri­ka­ni­sche Zeit­schrift Ram­parts im Jah­re 1967, auf dem Höhe­punkt des Viet­nam­kriegs, die Abhän­gig­keit vie­ler west­li­cher Intel­lek­tu­el­ler vom ame­ri­ka­ni­schen Geheim­dienst CIA offen­leg­te, war die Empö­rung groß. Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs hat­te der von der CIA ali­men­tier­te »Kon­gress für kul­tu­rel­le Frei­heit« (Con­gress for Cul­tu­ral Free­domCCF) intel­lek­tu­el­le Zeit­schrif­ten wie Der Monat, Preu­ves, Encoun­ter, Cua­der­nos, Cader­nos Bra­si­lei­ros, Tem­po Pre­sen­te, Forum, Qua­drant, Quest oder Tran­si­ti­on in Euro­pa, Afri­ka, Latein­ame­ri­ka und Aus­tra­li­en finan­ziert, die wäh­rend des Kal­ten Kriegs die Inter­es­sen des Wes­tens ver­tre­ten soll­ten. Die schmut­zi­ge Sei­te die­ser Orga­ni­sa­ti­on offen­bar­te sich in der »Ope­ra­ti­on Phoe­nix« in Süd­viet­nam, in der die CIA min­des­tens zwan­zig­tau­send Zivi­lis­ten liqui­dier­te, die im Ver­dacht stan­den, den kom­mu­nis­ti­schen Unter­grund zu unter­stüt­zen. Vie­le Intel­lek­tu­el­le gaben vor dem Publi­kum die Ent­rüs­te­ten und Empör­ten und ver­si­cher­ten, sie hät­ten von die­ser Ali­men­tie­rung nichts gewusst. Der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le Dwight Mac­do­nald sprach für vie­le, als er schrieb, er füh­le sich betro­gen und ange­ekelt, doch blieb zwei­fel­haft, ob die Intel­lek­tu­el­len tat­säch­lich von den ame­ri­ka­ni­schen Umtrie­ben auf dem Schlacht­feld der Kul­tur nichts mit­be­kom­men hat­ten. Jahr­zehn­te spä­ter arbei­te­te die bri­ti­sche His­to­ri­ke­rin Fran­ces Sto­nor Saun­ders in ihrem Buch Who Paid the Piper?: The CIA and the Cul­tu­ral Cold War (1999) die Geschich­te der intel­lek­tu­el­len Ver­fil­zung mit Agen­tu­ren der Macht detail­liert auf. Der Leser wer­de mit die­sem Buch, hieß es in der Ver­lags­wer­bung, in eine Zeit zurück­ver­setzt, »als Poli­tik alles war und Spio­ne mit Geld den Preis der Kul­tur kann­ten«. Eini­ge Jah­re spä­ter beschrieb Joel Whit­ney in sei­nem Buch Finks: How the CIA Tri­cked the World’s Best Wri­ters (2016) die gehei­me Abhän­gig­keit von Schrift­stel­lern wie James Bald­win oder Zeit­schrif­ten wie The Paris Review von den Zuwen­dun­gen der CIA.

Andrew N. Rubin: Archives of Authority
Andrew N. Rubin: Archi­ves of Aut­ho­ri­ty (Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2012)

Einen weit­aus weni­ger auf­ge­reg­ten Blick auf die­se Geschich­te wirft Andrew Rubin in sei­nem Buch Archi­ves of Aut­ho­ri­ty. Für ihn ist die Alli­anz von Geheim­diens­ten und Intel­lek­tu­el­len weni­ger ein Bei­spiel für die Kor­rup­ti­on des Geis­tes durch die Macht denn der Ver­such, in der bipo­la­ren Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den poli­ti­schen Blö­cken in Ost und West eine »Welt­kul­tur« zu begrün­den. Die­se Vor­stel­lung einer glo­ba­len oder uni­ver­sa­len Kul­tur war im Grun­de eine macht­po­li­ti­sche Umdeu­tung des Goethe’schen Kon­zepts einer »Welt­li­te­ra­tur«, die uni­ver­sa­len (wenn auch damals euro­zen­tris­ti­schen) Ansprü­chen genü­gen soll­te. Im Kal­ten Krieg wur­de die­se »Welt­li­te­ra­tur« jedoch – wie bei­spiels­wei­se Erich Auer­bach mit vol­lem Recht befürch­te­te – zu einem stan­dar­di­sier­ten und homo­ge­ni­sier­ten Pro­dukt der jeweils Herr­schen­den, einer Art sin­gu­lä­ren lite­ra­ri­schen Kul­tur.

Für Rubin ist die Alli­anz von Intel­lek­tu­el­len und Agen­tu­ren der Macht weni­ger eine Fra­ge der Kor­rup­ti­on denn eine der »Pro­fes­sio­na­li­sie­rung«. Der Intel­lek­tu­el­le der Vor­kriegs­zeit wur­de zum Sozi­al­fall; nur wer sich den Gege­ben­hei­ten rest­los anpass­te, konn­te über­le­ben. Mit dem Tri­umph des Faschis­mus und der Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft ende­ten auch die litt­le maga­zi­nes der Avant­gar­de und die Antriebs­kräf­te der Moder­ne. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg setz­ten sich mit der Glo­ba­li­sie­rung und Deko­lo­nia­li­sie­rung nicht allein neue Arten der kul­tu­rel­len »Ver­mitt­lung« und »Indok­tri­na­ti­on« durch, son­dern es eta­blier­te sich – durch Insti­tu­tio­nen wie den Bri­tish Coun­cil, den CCF, die United Sta­tes Infor­ma­ti­on Agen­cy, das Infor­ma­ti­on Rese­arch Depart­ment (IRD) oder die Rocke­fel­ler- und Ford-Stif­tun­gen – eine »glo­ba­le Öffent­lich­keit«, in wel­cher der Intel­lek­tu­el­le als »ein­ge­bet­te­ter Autor«, als Agent der Kom­mu­ni­ka­ti­on, Über­set­zung und Trans­mis­si­on agier­te.

George Orwell bei der BBC 1940
Geor­ge Orwell bei der BBC 1940

Am Bei­spiel Geor­ge Orwells beschreibt Rubin die Mecha­nis­men der Glo­ba­li­sie­rung der Lite­ra­tur im Kal­ten Krieg. Orwells Roma­ne Ani­mal Farm (1945) und Nine­teen Eigh­ty-Four (1949) präg­ten nach­hal­tig den Dis­kurs über den »Tota­li­ta­ris­mus« und wur­den von Regie­rungs­agen­tu­ren – vor allem vom IRD in sei­nem Bestre­ben, anti­ko­lo­nia­le Bewe­gun­gen im zer­fal­len­den bri­ti­schen Empi­re in anti­kom­mu­nis­ti­sche Strö­mun­gen zu diri­gie­ren – welt­weit über­setzt und ver­trie­ben. Dabei war Orwell nicht allein ein lite­ra­ri­scher Pro­du­zent, des­sen Wer­ke poli­tisch ver­wer­tet wur­den, son­dern offen­bar auch ein akti­ver Zuar­bei­ter des bri­ti­schen Geheim­diens­tes. Im Jah­re 1996 wur­de ruch­bar, dass der lin­ke Anti­fa­schist und Antis­ta­li­nist Orwell eine Lis­te von fünf­und­drei­ßig »Kryp­to­kom­mu­nis­ten und Fel­low-Tra­vel­lern« (dar­un­ter befan­den sich die Namen von Char­lie Chap­lin, J. B. Priest­ley, Micha­el Red­gra­ve, E. H. Carr und Isaac Deut­scher) an den bri­ti­schen Geheim­dienst lie­fer­te. Für spä­te­re Kom­men­ta­to­ren wie Chris­to­pher Hit­chens (der Orwell 2002 in der New York Review of Books gegen Vor­wür­fe in Schutz nahm, er habe, ähn­lich wie Win­s­ton Smith in Nine­teen Eigh­ty-Four, mit der rea­len Gedan­ken­po­li­zei kol­la­bo­riert) ist die­se Epi­so­de nicht mehr als eine his­to­ri­sche Peti­tes­se, die kei­nes­wegs an Orwells Repu­ta­ti­on krat­ze. Nichts­des­to­trotz ist Orwells Roman wie kein ande­res zeit­ge­nös­si­sches Werk von Agen­tu­ren des Kal­ten des Kriegs über­setzt und in der Welt ver­teilt wor­den.

Ähn­lich wie im Fal­le Orwell setz­te sich mit der neu­en »Welt­kul­tur« eine klar defi­nier­te Per­spek­ti­ve auf die sozia­len und kul­tu­rel­len Ent­wick­lun­gen in der Nach­kriegs­welt durch. Dank der Ali­men­tie­rung durch Agen­tu­ren des Kal­ten Kriegs konn­ten auch Schrift­stel­ler und Künst­ler von der Glo­ba­li­sie­rung des Markts pro­fi­tie­ren. Autoren wie Lio­nel Tril­ling, die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len, Dich­ter wie R. P. Black­mur, Neo-Expa­tria­tes wie Richard Wright oder James Bald­win waren Nutz­nie­ßer des sich aus­wei­ten­den glo­ba­len Netz­werks.

Auf der ande­ren Sei­te hat­te die ideo­lo­gi­sche Jus­tie­rung an den strik­ten Dicho­to­mien von Ost und West ihre nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die Rubin am Bei­spiel des exi­lier­ten Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung beschreibt. Anders als Wil­lem van Rei­jen und Jan Bran­sen betont Rubin, dass sich der Wech­sel von expli­zit mar­xis­tisch gepräg­ten Begrif­fen zu all­ge­mei­ne­ren Ter­mi­ni vor allem der per­ma­nen­ten Beob­ach­tung des Insti­tuts durch das FBI und ande­re anti­kom­mu­nis­ti­sche Agen­tu­ren der USA geschul­det sei. Obgleich Rubin zuwei­len die poli­ti­sche Dimen­si­on des Kal­ten Kriegs zuguns­ten einer »kul­tu­ra­lis­ti­schen« Ver­si­on die­ser his­to­ri­schen Epo­che aus­blen­det, zeigt er doch vie­le ori­gi­nel­le Spu­ren auf, die eine neue Kar­to­gra­fie­rung die­ses geschicht­li­chen Ter­rains ermög­li­chen. Die Indienst­nah­me von Intel­lek­tu­el­len ende­te nicht mit dem Kal­ten Krieg. Auch wäh­rend des »Kriegs der Kul­tu­ren« im Irak und Afgha­ni­stan agier­ten Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler im Auf­trag der US-Armee als kul­tu­rel­le Daten­samm­ler. Als »ein­ge­bet­te­te Wis­sen­schaft­ler« soll­ten sie zur Ret­tung des »Welt­kul­tur­er­bes« bei­tra­gen. So wird die jüngst begrün­de­te »Tra­di­ti­on des Intel­lek­tu­el­len« im Macht­ge­fü­ge des poli­tisch-mili­tä­ri­schen Kom­ple­xes fort­ge­schrie­ben.

In kür­ze­rer Form erschie­nen in textem.de, Janu­ar 2013
© Jörg Auberg 2013/2020

Bibliografische Angaben:

Andrew N. Rubin.
Archi­ves of Aut­ho­ri­ty:
Empi­re, Cul­tu­re, and the Cold War.
Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2012.
200 Sei­ten, $ 47.95.
ISBN: 9780691154152.

 

Bild­quel­len (Copy­rights)
Cover Encoun­ter Archiv des Autors
Cover Archi­ves of Aut­ho­ri­ty © Prince­ton Uni­ver­si­ty Press
Foto Geor­ge Orwell
© Pen­gu­in Books

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