Mordecai Richler — Eine Straße in Montreal

M

Erinnerung und Befreiung

Mordecai Richlers autobiografische Erzählungen über St. Urbain

von Jörg Auberg

 

Montréal 1928, Rue Saint-Urbain (©Philippe Du Berger)
Mon­tré­al 1928, Rue Saint-Urbain (©Phil­ip­pe Du Berger)

Das Mont­rea­ler Vier­tel um die St. Urbain Street war – dem kana­di­schen Film­re­gis­seur Ted Kot­cheff zufol­ge – für Mor­de­cai Rich­ler das, was für Wil­liam Faulk­ner Yokna­pa­taw­pha war: sei­ne Domä­ne der Erin­ne­rung und lite­ra­ri­schen Fik­ti­on.1 Hat­te er sich in sei­nem Debüt­ro­man The Acro­bats (1954; dt. Die Akro­ba­ten) noch an einem heming­wayes­ken anti­fa­schis­ti­schen Expa­tria­te-Stil ori­en­tiert und aus­ge­rech­net in Deutsch­land den größ­ten Erfolg gefei­ert, begann er mit sei­nem zwei­ten Roman Son of a Smal­ler Hero (1955; Sohn eines klei­ne­ren Hel­den) sei­ne Zeit in der »tiefs­ten Pro­vinz« (wie W. H. Auden die kana­di­schen domi­ni­ons cha­rak­te­ri­sier­te) in St. Urbain lite­ra­risch auf­zu­ar­bei­ten.2 Sei­nen lite­ra­ri­schen Durch­bruch fei­er­te Rich­ler jedoch erst mit dem Roman The Appren­ti­ce­ship of Dud­dy Kra­vitz (1959; dt. Die Lehr­jah­re des Dud­dy Kra­vitz), der sei­nen Ruhm als einer mar­kan­tes­ten Stim­me der kana­di­schen Bel­le­tris­tik begrün­de­te, doch auch bei man­chen Lesern nega­ti­ve Reak­tio­nen ob der vor­geb­li­chen Ver­wen­dung jüdi­scher Ste­reo­ty­pen her­vor­rief, was Rich­ler jedoch vehe­ment bestritt.3

Mordecai Richler: The Street (McClelland & Stewart, 2002)
Mor­de­cai Rich­ler: The Street (McClel­land & Ste­wart, 2002)

Ehe er sein Pro­jekt »Dud­dy Two«, sei­nen Roman St. Urbain’s Hor­se­man (1971; dt. Der Traum des Jakob Hersch) nach einer Schreib­blo­cka­de in den spä­ten 1960er Jah­ren abschloss4, ver­öf­fent­lich­te er 1969 den schma­len Erzähl­band The Street mit fik­tio­na­len und auto­bio­gra­fi­schen Tex­ten über die St. Urbain Street, die er zuvor in Zeit­schrif­ten wie New Sta­tes­man, Com­men­ta­ry, Ken­yon Review, Lon­don Maga­zi­ne, Cana­di­an Lite­ra­tu­re und Maclean’s ver­öf­fent­licht hat­te. In einem Nach­wort zu einer spä­te­ren Aus­ga­be kon­sta­tier­te Rich­lers Freund Wil­liam Wein­traub (1926–2017), ein Jour­na­list und Fil­me­ma­cher für das kana­di­sche Natio­nal Film Board, dass der Band – trotz der bekann­te­ren Roma­ne von Dud­dy Kra­vitz bis  – »sehr hoch« in der Rang­lis­te von Rich­lers bes­ten Wer­ken ste­he.5 The Street bedeu­te­te für Rich­ler den Abschied von Euro­pa (er hat­te lan­ge Jah­re in Paris und Lon­don gelebt und Dreh­bü­cher für die eng­li­sche Fern­seh­in­dus­trie geschrie­ben) und die Rück­kehr nach Mont­re­al, das er anders vor­fand, als er es in sei­nen Erin­ne­run­gen fest­ge­hal­ten hat­te. »Pos­si­b­ly, the pro­blem is«, schrieb er im Vor­wort zu The Street, »I was rai­sed to man­hood in a hai­ri­er, more ear­thy Mont­re­al […].«6. Bei sei­ner Rück­kehr war St. Urbain nicht län­ger ein »jüdi­sches Get­to«, son­dern eine »grie­chi­sche Domä­ne«. 7

Mordecai Richler: Eine Straße in Montreal (ars vivendi, 2021)
Mor­de­cai Rich­ler: Eine Stra­ße in Mont­re­al (ars viven­di, 2021)

Einer der beein­dru­ckends­ten Tex­te des Ban­des ist zwei­fels­oh­ne die Erzäh­lung »Der Som­mer, in dem mei­ne Groß­mutter hät­te ster­ben sol­len«, in der der jugend­li­che Erzäh­ler vom bevor­ste­hen­den Tod sei­ner Groß­mutter berich­tet. Bei einer ärzt­li­chen Unter­su­chung wird ein Wund­brand ent­deckt, und die medi­zi­ni­sche Schluss­fol­ge­rung lau­tet, dass die Groß­mutter den kom­men­den Monat nicht über­le­ben wer­de. Der dia­gnos­ti­zier­te Tod ereig­ne­te sich erst Jah­re spä­ter. »Doch je län­ger sich ihre Krank­heit hin­zog«, berich­tet der Erzäh­ler, »des­to mehr wur­de Groß­mutter zu einem fes­ten Bestand­teil unse­res All­tags wie der undich­te Eis­schrank […].«8 In der har­schen sati­ri­schen Beschrei­bung der jüdi­schen Fami­li­en­ver­hält­nis­se wird die Ver­ant­wor­tung für die Pfle­ge der Groß­mutter auf die Mut­ter des jun­gen Erzäh­lers abge­wälzt, wäh­rend der Rest der Fami­lie sich damit begnügt, ab und zu Geld für die Aus­ga­ben zu schi­cken. Nach sie­ben har­ten Jah­ren stirbt sie. In sei­ner Bio­gra­fie hob Rein­hold Kra­mer Rich­lers »bru­ta­le Ehr­lich­keit über mensch­li­che Moti­ve« her­vor, die nicht über­all Bei­fall her­vor­rief.9

Micha­el Pos­ner: Mor­de­cai Rich­ler — The Last Honest Man (McClel­land & Ste­wart, 2004)

In ande­ren Erzäh­lun­gen nimmt Rich­ler zwar auch das jüdi­sche Milieu von St. Urbain aufs Korn, beschreibt aber auch die Ent­frem­dung zwi­schen der ers­ten und zwei­ten Genera­ti­on der jüdi­schen Immi­gran­ten: Die inte­grier­ten Nach­kom­men der jüdi­schen Immi­gran­ten stre­ben nach sozia­lem Auf­stieg in der kana­di­schen Gesell­schaft und schä­men sich für den »pein­li­chen Akzent« ihrer Eltern. »Der Krieg in Euro­pa ver­än­der­te die jüdi­sche Gemein­schaft in Mont­re­al beträcht­lich«10, heißt es in einer Erzäh­lung: Assi­mi­la­ti­on und Ver­lust der alten Immi­gra­ti­ons­welt waren der Preis für den gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Auf­stieg. In der Kurz­ge­schich­te über den Möch­te­gern-Autor Mer­vyn Kaplan­sky, die Rich­ler 1961 schrieb, reflek­tier­te Rich­ler die eige­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­nem Vater und des­sen Vor­stel­lun­gen von Erfolg: Ob einer »Schma­rot­zer« oder »Dich­ter« war, bemaß sich in den Augen des »Alten« aus­schließ­lich am Pro­fit. 11 Aus der Enge des »Get­tos« bie­tet nur das Schrei­ben den Aus­weg. »Mei­ne Kame­ra­den brach­ten eine klei­ne Zeit­schrift her­aus«, heißt es am Ende der letz­ten Erzäh­lung. »Ich hat­te mein ers­tes Gedicht geschrie­ben.« 12

Im Gegen­satz zu den Über­set­zun­gen von Sil­via Mora­wetz, die für die Neu­über­set­zung vie­ler Rich­ler-Roma­ne im Lie­bes­kind-Ver­lag in den zurück­lie­gen­den Jah­ren ver­ant­wort­lich war, trifft Gott­fried Röcke­lein mit sei­ner Über­tra­gung sel­ten den »Rich­ler-Sound«: Die Ein­lei­tung »Going Home Again« über­setzt er etwas sim­pel mit »Die Heim­kehr«, einen »midd­le-class stran­ger« mit einem »gut­bür­ger­li­chen Aus­wär­ti­gen« und das »working-class ghet­to« mit »Unter­schichts­get­to«. Der Titel »Some Grist for Mervyn’s Mill« wird als »Mer­vyn Kaplan­sky, Autor und Alles­ver­ver­wer­ter« über­tra­gen. So ist die­ser Aus­ga­be die Edi­ti­on der New Cana­di­an Libra­ry vor­zu­zie­hen, die dar­über hin­aus den Vor­teil des kennt­nis­rei­chen Nach­worts Wil­liam Wein­traubs besitzt.

© Jörg Auberg 2022

Bibliografische Angaben:

Mor­de­cai Richler.
Eine Stra­ße in Montreal.
Über­setzt von Gott­fried Röckelein.
Cadolz­burg: ars viven­di, 2021.
190 Sei­ten, 20 Euro.
ISBN: 978–3‑7472–0320‑0.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Foto Mon­tré­al 1928, Rue Saint-Urbain Phil­ip­pe Du Ber­ger: FLICKR via Cana­di­an Jewish News 
Cover The Street © McClel­land & Stewart
Cover Eine Stra­ße in Montreal  © ars vivendi
Cover The Last Honest Man
© McClel­land & Stewart
Foto Bücher von Mor­de­cai Richler Archiv des Autors
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Nachweise

  1. Ted Kot­cheff, Nach­wort zu: Mor­de­cai Rich­ler, The Acro­bats (Toron­to: McClel­land & Stewart/New Cana­di­an Libra­ry, 2002), S. 219
  2. Rein­hold Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain (Mont­re­al: McGill-Queen’s Uni­ver­si­ty Press, 2008), S. 9
  3. Autoren­in­ter­view in: Mor­de­cai Rich­ler, The Appren­ti­ce­ship of Dud­dy Kra­vitz (New York: Washing­ton Squa­re Press, 1999), S. 380
  4. Micha­el Pos­ner, Mor­de­cai Rich­ler: The Last Honest Man (Toron­to: McClel­land & Ste­wart, 2005), S. 166
  5. Wil­liam Wein­traub, Nach­wort zu: Mor­de­cai Rich­ler, The Street (Toron­to: McClel­land & Ste­wart, 2002), S. 137
  6. Rich­ler, The Street, S. 7; Her­vor­he­bung hin­zu­ge­fügt
  7. Rich­ler, The Street, S. 9
  8. Mor­de­cai Rich­ler, Eine Stra­ße in Mont­re­al, übers. Gott­fried Röcke­lein (Cadolz­burg: ars viven­di, 2021), S. 57
  9. Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain, S. 22
  10. Rich­ler, Eine Stra­ße in Mont­re­al, S. 91
  11. Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain, S. 56–57
  12. Rich­ler, Eine Stra­ße in Mont­re­al, S. 190

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