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Mordecai Richler: Joshua damals und jetzt

Im Kerker der Vergangenheit

In seinem Roman »Joshua damals und jetzt« verfängt sich Mordecai Richler im neokonservativen Zeitgeist der späten 1970er Jahre und wartet mit einem unterhaltenden, aber abgestandenen Aufguss früherer Romane auf.

 

 

 

von Jörg Auberg

 

Mor­de­cai Rich­ler wuchs im Ter­ri­to­ri­um der kana­di­schen Domi­ni­ons auf, der selb­stän­dig ver­wal­te­ten Län­der des bri­ti­schen Com­mon­wealth, die W. H. Auden ein­mal mit dem deut­schen Begriff der »tiefs­ten Pro­vinz« cha­rak­te­ri­sier­te. Nach Mei­nung des eng­li­schen Dich­ters war es ein totes Land, in dem kei­ne Kunst geschaf­fen wur­de und Men­schen behei­ma­tet waren, mit denen er nichts gemein hat­te.1 Im Janu­ar 1931 in Mont­re­al als Nach­kom­me jüdi­scher Emi­gran­ten aus Ost­eu­ro­pa gebo­ren, wuchs Rich­ler in einer Pro­vinz in der Pro­vinz auf, in einer abge­schot­te­ten Welt der jüdi­schen Ortho­do­xie und Paro­chia­li­tät, aus der er sich nur müh­sam befrei­te. Vom vor­ge­zeich­ne­ten Weg, Rab­bi zu wer­den, kam er rasch ab und begehr­te gegen die Eng­stir­nig­keit in sei­ner jüdi­schen Welt auf. Zwar ent­fern­te er sich schon als jugend­li­cher Rebell vom jüdi­schen »Get­to«, doch zugleich näher­te er sich ihm, wie er in einem kana­di­schen Doku­men­tar­film spä­ter sag­te. Sein Hei­mat­vier­tel um St. Urbain wur­de zu sei­nem Ter­ri­to­ri­um, das er in sei­nen Roma­nen, Erzäh­lun­gen und Essays erkun­de­te und in eine lite­ra­ri­sche Land­schaft ver­wan­del­te, die aus­schließ­lich in den Rich­ler-Tex­ten exis­tier­te .2

Als ein »jun­ger zor­ni­ger Mann« kehr­te Rich­ler in den 1950er Jah­ren Kana­da den Rücken und ver­such­te, sich in Euro­pa als Schrift­stel­ler zu eta­blie­ren. Sei­ne ers­ten Roman­ver­su­che The Acro­bats (1954; dt. Die Akro­ba­ten) und A Choice of Enemies (1957; dt. Der Boden trägt nicht mehr) kamen über die epi­go­nen­haf­te Instru­men­tie­rung von Zeit­geist­au­toren der »tra­di­tio­nel­len Moder­ne« wie Ernest Heming­way, John Dos Pas­sos und Albert Camus nicht hin­aus. Aber bereits in den frü­hem Roman Son of a Smal­ler Hero (1955; dt. Sohn eines klei­ne­ren Hel­den), auch wenn er nicht mehr als eine Fin­ger­übung ist, umriss Rich­ler sein zukünf­ti­ges The­ma: Sein Prot­ago­nist Noah Adler wächst im jüdi­schen Vier­tel von Mont­re­al auf und rebel­liert gegen die engen kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Gren­zen sei­nes Milieus. Doch erst mit sei­nem Roman The Appren­ti­ce­ship of Dud­dy Kra­vitz (1959; Die Lehr­jah­re des Dud­dy Kra­vitz) erschrieb sich Rich­ler sei­ne Stim­me, die in ihrem Tim­bre zwi­schen Nost­al­gie und Sati­re vir­tu­os vari­ie­ren konn­te. Mit Dud­ley Kra­vitz schuf Rich­ler eine selbst­iro­ni­sche, wider­sprüch­li­che Figur des Auf­stei­gers aus den Nie­de­run­gen der Mont­rea­ler »Slums«, die sich nach oben kämpft, ohne dass Rich­ler sie in grob­kör­ni­gen Schwarz­weiß­bil­dern von Gut und Böse zeich­net: Weder denun­ziert er den Auf­stei­ger noch ver­herr­licht er ihn.

Mit dem Roman, der spä­ter auch in Film- und Musi­cal­ver­sio­nen Erfol­ge ver­bu­chen konn­te, eta­blier­te Rich­ler sei­ne Repu­ta­ti­on als Roman­cier, die er mit the­ma­tisch ähn­lich gela­ger­ten Wer­ken wie St. Urbain’s Hor­se­man (1971; dt. Der Traum des Jakob Hersch), Solo­mon Gurs­ky Was Here (1989; dt. Solo­mon Gurs­ky war hier) und Barney’s Ver­si­on (1997; dt. Wie Bar­ney es sieht) zu einer kano­ni­schen Prä­senz in der zeit­ge­nös­si­schen kana­di­schen Lite­ra­tur aus­bau­te. Zugleich mach­te ihn der kom­mer­zi­el­le Erfolg des Dud­dy Kra­vitz zu einem Mar­ken­zei­chen im kul­tur­in­dus­tri­el­len Betrieb, der ihm zwar lukra­ti­ve Beschäf­ti­gun­gen in der Film- und Fern­seh­in­dus­trie ver­schaff­te, zugleich aber auf for­mel­haf­te Lite­ra­tur­mo­du­le fest­leg­te. »Den Berühm­ten ist nicht wohl zumu­te«, notier­te Theo­dor W. Ador­no in Mini­ma Mora­lia. »Sie machen sich zu Mar­ken­ar­ti­keln, sich sel­ber fremd und unver­ständ­lich, als leben­de Bil­der ihrer selbst wie Tote. In der prä­ten­tiö­sen Sor­ge um ihren Nim­bus ver­geu­den sie die sach­li­che Ener­gie, die ein­zig fort­zu­be­stehen ver­möch­te.«3 Schon zu Beginn sei­ner Kar­rie­re hat­te Rich­ler sei­ne Stof­fe in vari­ie­ren­den Bear­bei­tun­gen ver­öf­fent­licht (A Choice of Enemies ist bei­spiels­wei­se größ­ten­teils eine Über­ar­bei­tung von The Acro­bats mit einem Abstand von drei Jah­ren). Als Rich­ler in der 1970er Jah­ren zu einer fixen Grö­ße in der kana­di­schen Kul­tur­in­dus­trie wur­de, kam immer wie­der der Vor­wurf der Wie­der­ho­lung auf. »Ich lie­be sein Buch«, bemerk­te der Film­pro­du­zent Wil­liam Mar­shall in einer bis­si­gen Bemer­kung. »Ich kau­fe es immer, wenn er es schreibt.«4

Mordecai Richler:  Joshua Then and Now

Die­ses Urteil trifft nicht auf Rich­lers Gesamt­werk zu, wohl aber auf den stark auto­bio­gra­fisch gepräg­ten Roman Joshua Then and Now (1980; dt. Joshua damals und jetzt). Obgleich ihn das Time Maga­zi­ne zu den fünf bes­ten Roma­nen des Jah­res 1980 rech­ne­te, gehört er doch eher zu Rich­lers schwä­che­ren Wer­ken, da er den gän­gi­gen »Rich­ler-Sound« ledig­lich neu auf­be­rei­tet, ohne dass er Neu­es zu prä­sen­tie­ren ver­mag. In kalei­do­sko­pi­schen Rück­blen­den erzählt der Roman die Irrun­gen und Wir­run­gen des kana­di­schen Jour­na­lis­ten Joshua Shapi­ro, der im Arbei­ter­mi­lieu Mont­re­als auf­wuchs und in der sozia­len Hier­ar­chie auf­stieg – nicht zuletzt durch die Hei­rat mit einer Toch­ter aus einer wohl­ha­ben­den Mit­tel­klas­se-Fami­lie. Trotz aller vor­der­grün­di­gen Erfol­ge ist Joshua kein glück­li­cher Mensch, denn er ist gefan­gen im Ker­ker sei­ner Ver­gan­gen­heit und in den fal­schen Ver­spre­chun­gen sei­ner Gegen­wart. Letzt­lich ist er der ver­wahr­los­te Zeu­ge der eige­nen Schmach, sei­ne Idea­le (die sich auf die Obses­si­on für den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg fokus­sie­ren) ver­ra­ten und in der Welt, wie sie ist, sich ein­ge­haust zu haben. Am Beginn sei­ner Kar­rie­re steht der Pla­gia­ris­mus, und sei­ne Hei­mat fin­det er trotz der anfäng­li­chen Liai­son mit den Angry Young Men der 1950er Jah­re im oppor­tu­nis­ti­schen Milieu der Kul­tur­in­dus­trie.

Die viel­fach dekla­rier­te »Obses­si­on mit Spa­ni­en« (die sich in der deut­schen Über­set­zung in eine »Begeis­te­rung« ver­wan­delt) bleibt eben­so ober­fläch­lich: Sie redu­ziert sich auf den »spa­ni­schen Mythos«, der sich in der Anein­an­der­rei­hung von Ört­lich­kei­ten (»Madrid. Der Ebro. Teruél. Guer­ni­ca.«) oder Namen lite­ra­ri­scher Zele­bri­tä­ten der Bür­ger­kriegs­li­te­ra­tur (Geor­ge Orwell, André Mal­raux, Gus­tav Reg­ler, Alvah Bes­sie und eini­ge ande­re aus dem Bau­kas­ten für lin­ke Anfän­ger). Zu Beginn des drit­ten Teils des Romans heißt es:

»Für vie­le aus Joshuas Genera­ti­on war Spa­ni­en vor allem ein Land des Her­zens. Ein Land der der Fan­ta­sie. Zu jung, um dort gekämpft zu haben, zwangs­läu­fig jedoch über­zeugt, sie wären hin­ge­gan­gen, hät­ten sich selbst und dem so wich­ti­gen Mr. Heming­way bewie­sen, dass es ihnen nicht an cojo­nes, an Mut, fehl­te, war es für sie der ers­te poli­ti­sche Kuss. Nicht so sehr eine poli­ti­sche Idee als ein mora­li­sches Erbe.«5

Die­se »Genera­ti­ons­be­ses­sen­heit« mit dem »mythi­schen« Ort Spa­ni­en war jedoch mehr ein »Geha­be als Grup­pen­ri­tu­al«6, in dem sich der schein­bar kri­ti­sche Intel­lek­tu­el­le dem kon­for­mis­ti­schen Kon­for­mis­mus unter­ord­net und als Außen­sei­ter kos­tü­miert, wäh­rend er mit der inte­gra­len Gesell­schaft längst einig ist. Zwar geben Joshua und sei­ne Freun­de vor, sie hät­ten sich den Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den ange­schlos­sen, wären sie alt genug gewe­sen, doch fehlt ihnen rea­li­ter der Impe­tus für ein poli­ti­sches oder sozia­les Enga­ge­ment. Mit der Beto­nung eines vagen »mora­li­schen Erbes« ent­win­den sie sich der direk­ten poli­ti­schen Akti­on und bür­den die Schuld für die eige­ne Lethar­gie stets ande­ren auf. Als der auf­stre­ben­de Schrift­stel­ler Rich­ler nach Spa­ni­en auf­brach, war er – wie sein Freund Ted Kot­cheff in einem Nach­wort zum Roman The Acro­bats schrieb – ein »kämp­fen­der jun­ger poli­ti­scher Ideo­lo­ge« im Zustand eines »intel­lek­tu­el­len Auf­ruhrs und Zwei­fels«, der sich als Prot­ago­nist der Nach­kriegs­ge­nera­ti­on zwi­schen den Ver­spre­chen einer geschei­ter­ten Revo­lu­ti­on und den Trüm­mern einer ster­ben­den Kul­tur ver­lor. 7

Mordecai Richler, Joshua damals und jetzt, übers. Gisela Stege (München: Liebeskind, 2014), 544 Seiten, € 24,80

Die nach­wach­sen­de Genera­ti­on ver­moch­te jedoch nicht, neue Ide­en oder Impul­se zu ent­wi­ckeln, son­dern rich­te­te sich in der kor­po­ra­ti­ven Nach­kriegs­ge­sell­schaft ein. Bezeich­nen­der­wei­se reüs­siert Joshua als Agent der Kul­tur­in­dus­trie, obgleich er sei­ne Obses­si­on für »Spa­ni­en« und den »jüdi­schen Paria« nicht auf­gibt. Die Sen­si­bi­li­tät, die er der his­to­ri­schen jüdi­schen Erfah­rung ein­räumt (vor allem in der Per­son sei­nes Vaters Reu­ben, der als Boxer und klei­ner Gangs­ter durch die kana­di­sche Gesell­schaft streift), lässt er bei Schwar­zen, Homo­se­xu­el­len oder Femi­nis­tin­nen ver­mis­sen. Schwar­ze sind »Nig­ger« oder gehö­ren einer »Afri­ka­ner­ban­de« an; Femi­nis­tin­nen sind Fana­ti­ke­rin­nen mit haa­ri­gen Ach­sel­höh­len, und Lin­ke im Lon­do­ner Milieu des New Sta­tes­man gerie­ren sich als »Revo­luz­zer«, die in einem Geran­gel Schirm und Man­tel­knopf ver­lie­ren und sich spä­ter zum Tee im Ritz tref­fen. Dies waren, lau­tet Rich­lers Resü­mee, »die schre­cken­er­re­gen­den Bar­ri­ka­den im Lon­don der Fünf­zi­ger­jah­re«.8

Der kom­mer­zi­el­le Erfolg des Romans beruht nicht allein auf dem lite­ra­ri­schen Enter­tain­ment, das Rich­ler vir­tu­os beherrsch­te, son­dern auch auf der Dra­pie­rung der Revol­te gegen die vor­geb­li­che »poli­ti­sche Kor­rekt­heit« in den Kos­tü­men des neo­kon­ser­va­ti­ven Zeit­geis­tes. Die Zie­le des eil­fer­tig feil­ge­bo­te­nen sati­ri­schen Spotts sind Lin­ke, Libe­ra­le, Homo­se­xu­el­le und Femi­nis­tin­nen, die in den 1970er Jah­ren die »ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie« im Dis­kurs der west­li­chen Gesell­schaft zu bestim­men such­ten. In Zeit­schrif­ten wie The New Cri­ter­ion, in der auch Rich­ler publi­zier­te, wur­de der poli­ti­sche »Back­lash« intel­lek­tu­ell beglei­tet. In Joshua damals und jetzt blieb Rich­ler in sei­ner Ver­gan­gen­heit gefan­gen und ver­moch­te es nicht, über die blo­ße Denun­zia­ti­on der eige­nen Geschich­te hin­aus zu kom­men. Erst in spä­te­ren Wer­ken wie Solo­mon Gurs­ky was Here und Barney’s Ver­si­on ent­wi­ckel­te er neue lite­ra­ri­sche Stra­te­gi­en, die über die eige­ne künst­le­ri­sche wie poli­ti­sche Sta­gna­ti­on hin­aus­wie­sen.

 

 

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Mor­de­cai Rich­ler, Joshua Then and Now (Toron­to: McClel­land & Stewart/Emblem Edi­ti­on, 2001), 488 Sei­ten.

Mor­de­cai Rich­ler, Joshua damals und jetzt, übers. Gise­la Ste­ge (Mün­chen: Lie­bes­kind, 2014), 544 Sei­ten, € 24,80

  1. Rein­hold Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain (Mont­re­al: McGill-Queen’s Uni­ver­si­ty Press, 2008), S. 9  
  2. Mor­de­cai Rich­ler Was Here: Selec­ted Wri­tings, hg. Jona­than Webb (New York: Car­roll & Graf, 2007), S. 23  
  3. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 127  
  4. Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain, S. 273  
  5. Mor­de­cai Rich­ler, Joshua damals und jetzt, übers. Gise­la Ste­ge (Mün­chen: Lie­bes­kind, 2014), S. 297  
  6. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 277  
  7. Ted Kot­cheff, »After­word«, in: Mor­de­cai Rich­ler, The Acro­bats (Toron­to: McClel­land & Stewart/New Cana­di­an Libra­ry, 2002), S. 217  
  8. Rich­ler, Joshua damals und jetzt, S. 328  

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Mordecai Richler: Joshua damals und jetzt

Im Kerker der Vergangenheit

In seinem Roman »Joshua damals und jetzt« verfängt sich Mordecai Richler im neokonservativen Zeitgeist der späten 1970er Jahre und wartet mit einem unterhaltenden, aber abgestandenen Aufguss früherer Romane auf.

 

 

 

von Jörg Auberg

 

Mor­de­cai Rich­ler wuchs im Ter­ri­to­ri­um der kana­di­schen Domi­ni­ons auf, der selb­stän­dig ver­wal­te­ten Län­der des bri­ti­schen Com­mon­wealth, die W. H. Auden ein­mal mit dem deut­schen Begriff der »tiefs­ten Pro­vinz« cha­rak­te­ri­sier­te. Nach Mei­nung des eng­li­schen Dich­ters war es ein totes Land, in dem kei­ne Kunst geschaf­fen wur­de und Men­schen behei­ma­tet waren, mit denen er nichts gemein hat­te.1 Im Janu­ar 1931 in Mont­re­al als Nach­kom­me jüdi­scher Emi­gran­ten aus Ost­eu­ro­pa gebo­ren, wuchs Rich­ler in einer Pro­vinz in der Pro­vinz auf, in einer abge­schot­te­ten Welt der jüdi­schen Ortho­do­xie und Paro­chia­li­tät, aus der er sich nur müh­sam befrei­te. Vom vor­ge­zeich­ne­ten Weg, Rab­bi zu wer­den, kam er rasch ab und begehr­te gegen die Eng­stir­nig­keit in sei­ner jüdi­schen Welt auf. Zwar ent­fern­te er sich schon als jugend­li­cher Rebell vom jüdi­schen »Get­to«, doch zugleich näher­te er sich ihm, wie er in einem kana­di­schen Doku­men­tar­film spä­ter sag­te. Sein Hei­mat­vier­tel um St. Urbain wur­de zu sei­nem Ter­ri­to­ri­um, das er in sei­nen Roma­nen, Erzäh­lun­gen und Essays erkun­de­te und in eine lite­ra­ri­sche Land­schaft ver­wan­del­te, die aus­schließ­lich in den Rich­ler-Tex­ten exis­tier­te .2

Als ein »jun­ger zor­ni­ger Mann« kehr­te Rich­ler in den 1950er Jah­ren Kana­da den Rücken und ver­such­te, sich in Euro­pa als Schrift­stel­ler zu eta­blie­ren. Sei­ne ers­ten Roman­ver­su­che The Acro­bats (1954; dt. Die Akro­ba­ten) und A Choice of Enemies (1957; dt. Der Boden trägt nicht mehr) kamen über die epi­go­nen­haf­te Instru­men­tie­rung von Zeit­geist­au­toren der »tra­di­tio­nel­len Moder­ne« wie Ernest Heming­way, John Dos Pas­sos und Albert Camus nicht hin­aus. Aber bereits in den frü­hem Roman Son of a Smal­ler Hero (1955; dt. Sohn eines klei­ne­ren Hel­den), auch wenn er nicht mehr als eine Fin­ger­übung ist, umriss Rich­ler sein zukünf­ti­ges The­ma: Sein Prot­ago­nist Noah Adler wächst im jüdi­schen Vier­tel von Mont­re­al auf und rebel­liert gegen die engen kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Gren­zen sei­nes Milieus. Doch erst mit sei­nem Roman The Appren­ti­ce­ship of Dud­dy Kra­vitz (1959; Die Lehr­jah­re des Dud­dy Kra­vitz) erschrieb sich Rich­ler sei­ne Stim­me, die in ihrem Tim­bre zwi­schen Nost­al­gie und Sati­re vir­tu­os vari­ie­ren konn­te. Mit Dud­ley Kra­vitz schuf Rich­ler eine selbst­iro­ni­sche, wider­sprüch­li­che Figur des Auf­stei­gers aus den Nie­de­run­gen der Mont­rea­ler »Slums«, die sich nach oben kämpft, ohne dass Rich­ler sie in grob­kör­ni­gen Schwarz­weiß­bil­dern von Gut und Böse zeich­net: Weder denun­ziert er den Auf­stei­ger noch ver­herr­licht er ihn.

Mit dem Roman, der spä­ter auch in Film- und Musi­cal­ver­sio­nen Erfol­ge ver­bu­chen konn­te, eta­blier­te Rich­ler sei­ne Repu­ta­ti­on als Roman­cier, die er mit the­ma­tisch ähn­lich gela­ger­ten Wer­ken wie St. Urbain’s Hor­se­man (1971; dt. Der Traum des Jakob Hersch), Solo­mon Gurs­ky Was Here (1989; dt. Solo­mon Gurs­ky war hier) und Barney’s Ver­si­on (1997; dt. Wie Bar­ney es sieht) zu einer kano­ni­schen Prä­senz in der zeit­ge­nös­si­schen kana­di­schen Lite­ra­tur aus­bau­te. Zugleich mach­te ihn der kom­mer­zi­el­le Erfolg des Dud­dy Kra­vitz zu einem Mar­ken­zei­chen im kul­tur­in­dus­tri­el­len Betrieb, der ihm zwar lukra­ti­ve Beschäf­ti­gun­gen in der Film- und Fern­seh­in­dus­trie ver­schaff­te, zugleich aber auf for­mel­haf­te Lite­ra­tur­mo­du­le fest­leg­te. »Den Berühm­ten ist nicht wohl zumu­te«, notier­te Theo­dor W. Ador­no in Mini­ma Mora­lia. »Sie machen sich zu Mar­ken­ar­ti­keln, sich sel­ber fremd und unver­ständ­lich, als leben­de Bil­der ihrer selbst wie Tote. In der prä­ten­tiö­sen Sor­ge um ihren Nim­bus ver­geu­den sie die sach­li­che Ener­gie, die ein­zig fort­zu­be­stehen ver­möch­te.«3 Schon zu Beginn sei­ner Kar­rie­re hat­te Rich­ler sei­ne Stof­fe in vari­ie­ren­den Bear­bei­tun­gen ver­öf­fent­licht (A Choice of Enemies ist bei­spiels­wei­se größ­ten­teils eine Über­ar­bei­tung von The Acro­bats mit einem Abstand von drei Jah­ren). Als Rich­ler in der 1970er Jah­ren zu einer fixen Grö­ße in der kana­di­schen Kul­tur­in­dus­trie wur­de, kam immer wie­der der Vor­wurf der Wie­der­ho­lung auf. »Ich lie­be sein Buch«, bemerk­te der Film­pro­du­zent Wil­liam Mar­shall in einer bis­si­gen Bemer­kung. »Ich kau­fe es immer, wenn er es schreibt.«4

Mordecai Richler:  Joshua Then and Now

Die­ses Urteil trifft nicht auf Rich­lers Gesamt­werk zu, wohl aber auf den stark auto­bio­gra­fisch gepräg­ten Roman Joshua Then and Now (1980; dt. Joshua damals und jetzt). Obgleich ihn das Time Maga­zi­ne zu den fünf bes­ten Roma­nen des Jah­res 1980 rech­ne­te, gehört er doch eher zu Rich­lers schwä­che­ren Wer­ken, da er den gän­gi­gen »Rich­ler-Sound« ledig­lich neu auf­be­rei­tet, ohne dass er Neu­es zu prä­sen­tie­ren ver­mag. In kalei­do­sko­pi­schen Rück­blen­den erzählt der Roman die Irrun­gen und Wir­run­gen des kana­di­schen Jour­na­lis­ten Joshua Shapi­ro, der im Arbei­ter­mi­lieu Mont­re­als auf­wuchs und in der sozia­len Hier­ar­chie auf­stieg – nicht zuletzt durch die Hei­rat mit einer Toch­ter aus einer wohl­ha­ben­den Mit­tel­klas­se-Fami­lie. Trotz aller vor­der­grün­di­gen Erfol­ge ist Joshua kein glück­li­cher Mensch, denn er ist gefan­gen im Ker­ker sei­ner Ver­gan­gen­heit und in den fal­schen Ver­spre­chun­gen sei­ner Gegen­wart. Letzt­lich ist er der ver­wahr­los­te Zeu­ge der eige­nen Schmach, sei­ne Idea­le (die sich auf die Obses­si­on für den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg fokus­sie­ren) ver­ra­ten und in der Welt, wie sie ist, sich ein­ge­haust zu haben. Am Beginn sei­ner Kar­rie­re steht der Pla­gia­ris­mus, und sei­ne Hei­mat fin­det er trotz der anfäng­li­chen Liai­son mit den Angry Young Men der 1950er Jah­re im oppor­tu­nis­ti­schen Milieu der Kul­tur­in­dus­trie.

Die viel­fach dekla­rier­te »Obses­si­on mit Spa­ni­en« (die sich in der deut­schen Über­set­zung in eine »Begeis­te­rung« ver­wan­delt) bleibt eben­so ober­fläch­lich: Sie redu­ziert sich auf den »spa­ni­schen Mythos«, der sich in der Anein­an­der­rei­hung von Ört­lich­kei­ten (»Madrid. Der Ebro. Teruél. Guer­ni­ca.«) oder Namen lite­ra­ri­scher Zele­bri­tä­ten der Bür­ger­kriegs­li­te­ra­tur (Geor­ge Orwell, André Mal­raux, Gus­tav Reg­ler, Alvah Bes­sie und eini­ge ande­re aus dem Bau­kas­ten für lin­ke Anfän­ger). Zu Beginn des drit­ten Teils des Romans heißt es:

»Für vie­le aus Joshuas Genera­ti­on war Spa­ni­en vor allem ein Land des Her­zens. Ein Land der der Fan­ta­sie. Zu jung, um dort gekämpft zu haben, zwangs­läu­fig jedoch über­zeugt, sie wären hin­ge­gan­gen, hät­ten sich selbst und dem so wich­ti­gen Mr. Heming­way bewie­sen, dass es ihnen nicht an cojo­nes, an Mut, fehl­te, war es für sie der ers­te poli­ti­sche Kuss. Nicht so sehr eine poli­ti­sche Idee als ein mora­li­sches Erbe.«5

Die­se »Genera­ti­ons­be­ses­sen­heit« mit dem »mythi­schen« Ort Spa­ni­en war jedoch mehr ein »Geha­be als Grup­pen­ri­tu­al«6, in dem sich der schein­bar kri­ti­sche Intel­lek­tu­el­le dem kon­for­mis­ti­schen Kon­for­mis­mus unter­ord­net und als Außen­sei­ter kos­tü­miert, wäh­rend er mit der inte­gra­len Gesell­schaft längst einig ist. Zwar geben Joshua und sei­ne Freun­de vor, sie hät­ten sich den Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den ange­schlos­sen, wären sie alt genug gewe­sen, doch fehlt ihnen rea­li­ter der Impe­tus für ein poli­ti­sches oder sozia­les Enga­ge­ment. Mit der Beto­nung eines vagen »mora­li­schen Erbes« ent­win­den sie sich der direk­ten poli­ti­schen Akti­on und bür­den die Schuld für die eige­ne Lethar­gie stets ande­ren auf. Als der auf­stre­ben­de Schrift­stel­ler Rich­ler nach Spa­ni­en auf­brach, war er – wie sein Freund Ted Kot­cheff in einem Nach­wort zum Roman The Acro­bats schrieb – ein »kämp­fen­der jun­ger poli­ti­scher Ideo­lo­ge« im Zustand eines »intel­lek­tu­el­len Auf­ruhrs und Zwei­fels«, der sich als Prot­ago­nist der Nach­kriegs­ge­nera­ti­on zwi­schen den Ver­spre­chen einer geschei­ter­ten Revo­lu­ti­on und den Trüm­mern einer ster­ben­den Kul­tur ver­lor. 7

Mordecai Richler, Joshua damals und jetzt, übers. Gisela Stege (München: Liebeskind, 2014), 544 Seiten, € 24,80

Die nach­wach­sen­de Genera­ti­on ver­moch­te jedoch nicht, neue Ide­en oder Impul­se zu ent­wi­ckeln, son­dern rich­te­te sich in der kor­po­ra­ti­ven Nach­kriegs­ge­sell­schaft ein. Bezeich­nen­der­wei­se reüs­siert Joshua als Agent der Kul­tur­in­dus­trie, obgleich er sei­ne Obses­si­on für »Spa­ni­en« und den »jüdi­schen Paria« nicht auf­gibt. Die Sen­si­bi­li­tät, die er der his­to­ri­schen jüdi­schen Erfah­rung ein­räumt (vor allem in der Per­son sei­nes Vaters Reu­ben, der als Boxer und klei­ner Gangs­ter durch die kana­di­sche Gesell­schaft streift), lässt er bei Schwar­zen, Homo­se­xu­el­len oder Femi­nis­tin­nen ver­mis­sen. Schwar­ze sind »Nig­ger« oder gehö­ren einer »Afri­ka­ner­ban­de« an; Femi­nis­tin­nen sind Fana­ti­ke­rin­nen mit haa­ri­gen Ach­sel­höh­len, und Lin­ke im Lon­do­ner Milieu des New Sta­tes­man gerie­ren sich als »Revo­luz­zer«, die in einem Geran­gel Schirm und Man­tel­knopf ver­lie­ren und sich spä­ter zum Tee im Ritz tref­fen. Dies waren, lau­tet Rich­lers Resü­mee, »die schre­cken­er­re­gen­den Bar­ri­ka­den im Lon­don der Fünf­zi­ger­jah­re«.8

Der kom­mer­zi­el­le Erfolg des Romans beruht nicht allein auf dem lite­ra­ri­schen Enter­tain­ment, das Rich­ler vir­tu­os beherrsch­te, son­dern auch auf der Dra­pie­rung der Revol­te gegen die vor­geb­li­che »poli­ti­sche Kor­rekt­heit« in den Kos­tü­men des neo­kon­ser­va­ti­ven Zeit­geis­tes. Die Zie­le des eil­fer­tig feil­ge­bo­te­nen sati­ri­schen Spotts sind Lin­ke, Libe­ra­le, Homo­se­xu­el­le und Femi­nis­tin­nen, die in den 1970er Jah­ren die »ideo­lo­gi­sche Hege­mo­nie« im Dis­kurs der west­li­chen Gesell­schaft zu bestim­men such­ten. In Zeit­schrif­ten wie The New Cri­ter­ion, in der auch Rich­ler publi­zier­te, wur­de der poli­ti­sche »Back­lash« intel­lek­tu­ell beglei­tet. In Joshua damals und jetzt blieb Rich­ler in sei­ner Ver­gan­gen­heit gefan­gen und ver­moch­te es nicht, über die blo­ße Denun­zia­ti­on der eige­nen Geschich­te hin­aus zu kom­men. Erst in spä­te­ren Wer­ken wie Solo­mon Gurs­ky was Here und Barney’s Ver­si­on ent­wi­ckel­te er neue lite­ra­ri­sche Stra­te­gi­en, die über die eige­ne künst­le­ri­sche wie poli­ti­sche Sta­gna­ti­on hin­aus­wie­sen.

 

 

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Mor­de­cai Rich­ler, Joshua Then and Now (Toron­to: McClel­land & Stewart/Emblem Edi­ti­on, 2001), 488 Sei­ten.

Mor­de­cai Rich­ler, Joshua damals und jetzt, übers. Gise­la Ste­ge (Mün­chen: Lie­bes­kind, 2014), 544 Sei­ten, € 24,80

  1. Rein­hold Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain (Mont­re­al: McGill-Queen’s Uni­ver­si­ty Press, 2008), S. 9  
  2. Mor­de­cai Rich­ler Was Here: Selec­ted Wri­tings, hg. Jona­than Webb (New York: Car­roll & Graf, 2007), S. 23  
  3. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 127  
  4. Kra­mer, Mor­de­cai Rich­ler: Lea­ving St. Urbain, S. 273  
  5. Mor­de­cai Rich­ler, Joshua damals und jetzt, übers. Gise­la Ste­ge (Mün­chen: Lie­bes­kind, 2014), S. 297  
  6. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 277  
  7. Ted Kot­cheff, »After­word«, in: Mor­de­cai Rich­ler, The Acro­bats (Toron­to: McClel­land & Stewart/New Cana­di­an Libra­ry, 2002), S. 217  
  8. Rich­ler, Joshua damals und jetzt, S. 328  

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