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Gustave Flaubert — Literatur und Neurose

G

Gustave oder Die Tiefe der Idioten

Literatur und Neurose bei Gustave Flaubert

von Jörg Auberg

 

Gustave Flaubert als Kind (Zeichnung von E.-H. Langlois, 1830)
Gust­ave Flau­bert als Kind (Zeich­nung von E.-H. Lang­lois, 1830)

Schon früh sah sich Gust­ave Flau­bert als Genie, emp­fahl aber bei der Nen­nung die­ses Begriffs, den Seuf­zer »Das Genie ist eine Neu­ro­se!« hin­zu­zu­fü­gen.1 Anfangs hat­te der her­an­wach­sen­de Groß­schrift­stel­ler – der sich als »Aben­teu­rer des Geis­tes«, »Kon­quis­ta­dor der Kunst« oder schlicht als »ein Bür­ger, der auf dem Land lebt und sich mit der Lite­ra­tur beschäf­tigt«, bezeich­ne­te – Schwie­rig­kei­ten mit der ers­ten gro­ßen Pro­be – dem »Erler­nen der Wör­ter« (wie Jean-Paul Sart­re in sei­ner gro­ßen, unvoll­endet geblie­be­nen Stu­die Der Idi­ot der Fami­lie schrieb).2 Flau­bert mäan­der­te zwi­schen Genia­li­tät und Idio­tie, Hoch­mut und Mit­tel­maß. »Die­ser Mann woll­te nur schrei­ben«3, schei­ter­te zunächst aber am Ver­wen­den der Mate­ria­li­en (der Wör­ter), ver­lor sich wie ein Autist in der »Tie­fe der Idio­ten«, die zum ver­zerr­ten Refu­gi­um »sei­ner erha­be­nen Geis­tes­ab­we­sen­hei­ten« wur­de.4 Flau­bert beweg­te sich stets am »Ran­de der Krank­heit«, eine Krank­heit, die trotz aller Schä­den durch die Neu­ro­se die Frei­heit zum Schrei­ben, die »Muße« zur Krea­ti­vi­tät sicher­te, »und nie­mand zwei­felt dar­an«. 5 Spä­ter schrieb er an sei­ne umschwärm­te Jugend­lie­be Éli­sa Schle­sin­ger (die das Vor­bild für Madame Arnoux in L’Éducation sen­ti­men­ta­le dar­stell­te): »Ich wer­de also mein armes, so bedeu­tungs­lo­ses und stil­les Leben wie­der auf­neh­men, wo die Sät­ze die Aben­teu­er sind und wo ich kei­ne ande­ren Blu­men pflü­cke als Meta­phern.«6

Gustave Flaubert: Ausgewählte Briefe 1832–1880 (Dörlemann, 2021)
Gust­ave Flau­bert: Aus­ge­wähl­te Brie­fe 1832–1880 (Dör­le­mann, 2021)

Die­ser Brief aus dem Janu­ar 1857 ist in der von Cor­ne­lia Has­ting zusam­men­ge­stell­ten und über­setz­ten Aus­wahl der Flau­bert-Kor­re­spon­denz (die in der Aus­ga­be der Biblio­t­hè­que de la Plé­ia­de fünf Bän­de füllt) zwi­schen den Jah­ren 1832 und 1880 ent­hal­ten. In sei­nen Brie­fen prä­sen­tiert sich Flau­bert als bür­ger­li­cher Pri­va­tier, der sich über die ver­lo­re­ne Zeit an der Uni­ver­si­tät erregt, im Sozia­lis­mus den Tod jeder Kunst und Moral her­auf­zie­hen sieht, in der Ein­sam­keit in Rouen bes­ser fühlt als in der pul­sie­ren­den Metro­po­le Paris, sich vor dem Ver­sin­ken in Dumm­heit und Schwach­sinn graut. In ers­ter Linie zeich­net er sich als im Abseits leben­der »Bücher­mensch«, der am »siche­ren Ort« vor dem Ein­drin­gen der Igno­ranz gefeit ist. »Mein Ich zer­streut sich so sehr in den Büchern, dass ich den ganz Tage ver­brin­ge, ohne es zu spü­ren« 7, schrieb er 1872 an Geor­ge Sand.

»Flau­bert ist von dem Bei­werk auf Kos­ten der Haupt­sa­che berauscht gewe­sen«8, kon­sta­tier­te Paul Valé­ry. Die­ses Urteil betrifft vor allem das unvoll­ende­te Pro­jekt Bou­vard et Pécu­chet, das Flau­bert in sei­nen Brie­fen als »ein Werk von gro­ßem Kali­ber« oder als »Schmö­ker« ankün­digt: »In was für einen Abgrund (Wes­pen­nest oder Latri­ne) habe ich mich da bege­ben!«, schrieb er 1877 an Iwan Tur­gen­jew. »Jetzt gibt es kein Zurück mehr.«9 Für Flau­bert zähl­te nur: »an die Kunst selbst den­ken und an die indi­vi­du­el­le Ver­voll­kom­mu­nung« 10, und dar­aus bezog der ewi­ge bür­ger­li­che Sol­dat der künst­le­ri­schen Mobil­ma­chung die Tages­lo­sung: »Wei­ter­schrei­ben«. Für die nicht-künst­le­ri­schen Eska­pa­den sei­nes »Schü­lers« Guy de Mau­pas­sant hat­te er daher kein Ver­ständ­nis: »Er schrieb mir kürz­lich, dass er es in 3 Tagen 19-mal getrie­ben hat!«, erbos­te er sich und befürch­te­te, dass Mau­pas­sant sich in Sper­ma auf­lö­sen wer­de. »Sie leben in einer Höl­le von Schei­ße […]«, schalt er ihn 1878. Doch vier Tage vor sei­nem Tod am 8. Mai 1880, als er an den Fol­gen eines Schlag­an­falls im Alter von 58 Jah­ren starb, schrieb er trotz allem noch an Mau­pas­sant: »Der­wei­len umarmt dich DEIN ALTER11

Gustave Flaubert: Memoiren eines Irren (Hanser, 2021)
Gust­ave Flau­bert: Memoi­ren eines Irren (Han­ser, 2021)

Im Schrei­ben leb­te der genia­li­sche Nerd12 sei­ne Neu­ro­sen in sexu­el­len Ersatz­be­frie­di­gun­gen aus. »Das weib­li­che Wesen hat nie in mein Dasein gepasst«, schrieb er 1872 an Geor­ge Sand. Ande­rer­seits bekann­te er 1859 gegen­über Ernest Feydeau: »Das Tin­ten­fass ist die wah­re Vagi­na für Lite­ra­ten«.13 Dass nie ein weib­li­ches Wesen in sein Dasein gepasst hät­te, wider­legt die zu sei­nen Leb­zei­ten unver­öf­fent­lich­te Erzäh­lung Memoi­ren eines Irren, die Flau­bert im Alter von fünf­zehn Jah­ren schrieb und nun in einer Neu­über­set­zung Eli­sa­beth Edls in der Rei­he Han­ser Klas­si­ker vor­liegt. Sie beruht auf Ereig­nis­sen des Som­mers 1836, als sich die Fami­lie Flau­bert in Trou­vail­le auf­hielt, in des­sen Ver­lauf sich der fünf­zehn­jäh­ri­ge Gust­ave in die sechs­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Offi­ziers­frau Éli­sa Sché­sin­ger ver­lieb­te. In einer frü­he­ren Über­set­zung wies Trau­gott König auf den Cha­rak­ter des Jugend­wer­kes, die »roman­ti­sche Schwüls­tig­keit«, die »sti­lis­ti­schen Unsi­cher­heit«, den »Wort­fe­ti­schis­mus« und die »Wort­ma­gie« des Tex­tes hin.14 für Sart­re war er »ein inti­mer Roman, der in Auto­bio­gra­phie umschlägt«, in dem sich der jun­ge Gust­ave Flau­bert zum Mär­ty­rer sti­li­siert: »er ist ein pas­si­ves Opfer, ein Wesen von unten, das der fort­schrei­ten­den Zer­stö­rung durch die Kräf­te des Bösen aus­ge­lie­fert ist«.15

Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit (Hanser, 2020)
Gust­ave Flau­bert: Lehr­jah­re der Männ­lich­keit (Han­ser, 2020)

Edl und Wolf­gang Matz (der ein aus­führ­li­ches Nach­wort bei­steu­ert) wol­len jedoch pri­mär Flau­bert als Klas­si­ker im Mar­mor-Look für die Nach­welt musea­li­sie­ren: So ent­stand eine auf­ge­bläh­te Aus­ga­be mit Brie­fen, Nach­wort, Zeit­ta­fel und Anmer­kun­gen, die als Adden­dum für Edls Inter­pre­ta­ti­on von L’Éducation sen­ti­men­ta­le dient, die unter dem Titel Lehr­jah­re der Männ­lich­keit erschien. Wäh­rend Has­ting, die selbst eine Über­set­zung des Romans unter dem Titel Die Erzie­hung der Gefüh­le (erst­mals 2000 bei Haff­manns erschie­nen) vor­leg­te, sich in ihren Anno­ta­tio­nen auf das für das Ver­ständ­nis Not­wen­di­ge beschränkt, gerie­ren sich Edl & Matz wie zwei Flau­bert-Nerds, die mit prä­ten­tiö­ser Gelehr­sam­keit auf­zu­trump­fen ver­su­chen. Nach einem frü­he­ren Urteil fand Juli­an Bar­nes L’Éducation sen­ti­men­ta­le hun­dert Sei­ten zu lang, revi­dier­te es aber inzwi­schen.16 Zumin­dest ist der auf­ge­dun­se­ne Anno­ta­ti­ons­ap­pa­rat um vie­le Sei­ten zu lang. Vor­zu­zie­hen ist noch immer die alte Insel-Aus­ga­be mit dem Essay Erich Köh­lers, in dem sich der schö­ne Satz fin­det: »Die Zeit ist die Kom­pli­zin der Ent­frem­dung und beläßt als Trost nur die Erin­ne­rung an die Illu­sio­nen der Jugend.«17

Gustave Flaubert: Bibliomanie (Insel, 2021)
Gust­ave Flau­bert: Biblio­ma­nie (Insel, 2021)

Der jun­ge Gust­ave, dem das »Erler­nen der Wör­ter« Pro­ble­me berei­te­te, ver­lor sich in der ver­zeh­ren­den, zer­rüt­ten­den Pas­si­on, in der Ido­la­trie der Bücher. In der neu­ro­ti­schen Ima­gi­na­ti­on mach­te ihn die Biblio­thek zum König, der aber der »Töd­lich­keit des Buch­sta­bens« ver­fiel. Mit dem frü­hen Text Biblio­ma­nie (auch unter dem Titel Bücher­wahn18 bekannt) über­schrei­tet Flau­bert die Gren­zen des Mark­tes und des libe­ra­len Kapi­ta­lis­mus, trotz sei­nes Bekennt­nis­ses, ein »lei­den­schaft­li­cher Libe­ra­ler« zu sein. Zu kei­nem Zeit­punkt ist er gezwun­gen, sich den »Wett­be­werbs­ant­ago­nis­men« aus­zu­set­zen, kata­pul­tiert sich aus der kapi­ta­lis­ti­schen Zir­ku­la­ti­on und bleibt der Sta­sis des ewig Sess­haf­ten oder des Insas­sen des bür­ger­li­chen Gefäng­nis­ses ver­haf­tet.19 Die Tin­te (in Flau­berts Dik­ti­on das Sper­ma des Lite­ra­ten) wird zum Gift­trunk, der alles been­det. »Noch die ster­ben­de Emma Bova­ry«, schreibt Bar­ba­ra Vin­ken im Nach­wort zur Neu­aus­ga­be von Biblio­ma­nie, »erbricht die bit­te­re Dru­cker­schwär­ze der toten Buch­sta­ben, die sie ver­gi­fe­tet haben.«20 Der Tod ist schwarz.

© Jörg Auberg 2022

Bibliografische Angaben:

Gust­ave Flaubert.
»Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albernheit«:
Aus­ge­wähl­te Brie­fe 1832–1880.
Zusam­men­ge­stellt und über­setzt von Cor­ne­lia Hasting.
Mit einem Nach­wort von Rai­ner Moritz.
Zürich: Dör­le­mann Ver­lag, 2021.
320 Sei­ten, 28 Euro.
ISBN: 978–3‑038–20095‑6.

Gust­ave Flaubert.
Memoi­ren eines Irren.
Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Eli­sa­beth Edl.
Mit einem Nach­wort von Wolf­gang Matz.
Mün­chen: Han­ser Ver­lag, 2021.
240 Sei­ten, 28 Euro.
ISBN: 978–3‑446–26845‑6.

Gust­ave Flaubert.
Lehr­jah­re der Männ­lich­keit: Geschich­te einer Jugend.
Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Eli­sa­beth Edl.
Mün­chen: Han­ser Ver­lag, 2020.
800 Sei­ten, 42 Euro.
ISBN: 978–3‑446–26769‑5.

Gust­ave Flaubert.
Biblio­ma­nie.
Über­setzt von Erwin Rieger.
Illus­triert von Burk­hard Neie.
Mit einem Nach­wort von Bar­ba­ra Vinken.
Ber­lin: Insel Ver­lag, 2021.
68 Sei­ten, 8 Euro.
ISBN: 978–3‑458–20529‑6.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Zeich­nung Gust­ave Flau­bert als Kind (E.-H. Langlois)
© Public domain, via Wiki­me­dia Commons
Cover Aus­ge­wähl­te Brie­fe 1832–1880
© Dör­le­mann Verlag
Cover Memoi­ren eines Irren
© Han­ser Verlag
Cover Lehr­jah­re der Männlichkeit
© Han­ser Verlag
Cover Biblio­ma­nie
© Insel Verlag
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Nachweise

  1. Gust­ave Flau­bert, Wör­ter­buch der gemei­nen Phra­sen, hg. und übers. Hans-Horst Hen­schen (Göt­tin­gen: Wall­stein, 2017), S. 38
  2. Jean-Paul Sart­re, Der Idi­ot der Fami­lie, Bd. I, her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Trau­gott König (Rein­bek: Rowohlt, 1986), S. 578, 11
  3. Sart­re, Der Idi­ot der Fami­lie, Bd. IV, S. 15
  4. Sart­re, Der Idi­ot der Fami­lie, Bd. II, S. 576
  5. Sart­re, Der Idi­ot der Fami­lie, Bd. II, S. 577; Bd. IV, S. 21, 15
  6. Gust­ave Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«: Aus­ge­wähl­te Brie­fe 1832–1880, hg. und übers. Cor­ne­lia Has­ting (Zürich: Dör­le­mann Ver­lag, 2021), S. 90
  7. Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«, S. 184
  8. Paul Valé­ry, Wer­ke: Frank­fur­ter Aus­ga­be in 7 Bän­den, Bd. 3, hg. Jür­gen Schmidt-Rade­feldt, übers. Hel­la Tie­de­mann (Ber­lin: Suhr­kamp, 2021), S. 238
  9. Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«, S. 185, 218
  10. Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«, S. 241
  11. Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«, S. 219, 223, 262
  12. Peter Brooks beschreibt Bou­vard und Pécu­chet tref­fend als Nerds im 19. Jahr­hun­dert: cf. Peter Brooks, Hen­ry James Goes to Paris (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2007), S. 102
  13. Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«, S. 185; Flau­bert, zitiert in: Juli­an Bar­nes, Some­thing to Decla­re: Essays on France and French Cul­tu­re (New York: Vin­ta­ge, 2003), S. 191
  14. Trau­gott König, Nach­wort zu: Gust­ave Flau­bert, Memoi­ren eines Irren (Zürich: Dio­ge­nes, 1982, rpt. 2005), S. 291, 292
  15. Sart­re, Der Idi­ot der Fami­lie, Bd. II, S. 591
  16. Juli­an Bar­nes, »Flau­bert at Two Hundred«, Lon­don Review of Books 43, Nr. 24 (16. Dezem­ber 2021)
  17. Erich Köh­ler, Nach­wort zu: Flau­bert, Lehr­jah­re des Gefühls: Geschich­te eines jun­gen Man­nes, übers. Paul Wieg­ler (Frankfurt/Main: Insel, 1977), S. 509
  18. Cf. Nodier – Flau­bert – Asse­li­neau, Bücher­wahn: Drei Erzäh­lun­gen, hg. Hans Mar­quardt (Berlin/DDR: Buch­ver­lag der Mor­gen, 1976)
  19. Flau­bert, »Ich schrei­be gera­de eine klei­ne Albern­heit«, S. 98; Sart­re, Der Idi­ot der Fami­lie, Bd. II, S.520
  20. Bar­ba­ra Vin­ken, Nach­wort zu: Gust­ave Flau­bert, Biblio­ma­nie (Ber­lin: Insel Ver­lag, 2021), S. 65

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