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Boris Sawinkow: Das fahle Pferd

Der Ter­ror-Dan­dy

In sei­nem Roman „Das fah­le Pferd“ sti­li­siert sich Boris Sawin­kow als pro­fes­sio­nel­ler Tech­ni­ker der ter­ro­ris­ti­schen Gewalt

 

Von Jörg Auberg

 

In den Jah­ren zwi­schen 1906 und 1907 rühm­ten sich rus­si­sche Anar­chis­ten und Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, ihre ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten, hät­ten mehr als vier­tau­send Men­schen das Leben gekos­tet.1 Doch bedeu­te­te die­se quan­ti­ta­ti­ve Beschwö­rung von Men­schen­op­fern, der eine zyni­sche Bar­ba­rei ein­ge­schrie­ben war, kei­nes­wegs einen poli­ti­schen Erfolg gegen die auto­ri­tä­re Herr­schaft des Zaren­re­gimes. Viel­mehr schlug der Ter­ror mit der unver­mit­tel­ten Gewalt des rus­si­schen Staa­tes auf die Urhe­ber und ihre Gehil­fen und Sym­pa­thi­san­ten zurück. Eine bit­te­re Iro­nie der Geschich­te war, dass der Chef der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re selbst ein Poli­zei­spit­zel war, der im Auf­trag des rus­si­schen Geheim­diens­tes sei­ne Mit­tä­ter ins Ver­der­ben lock­te, ehe er ent­tarnt wur­de und sich als Mie­der­wa­ren­händ­ler und Bör­sen­spe­ku­lant im Ber­li­ner Exil durch­schlug.

In sei­nem Arti­kel »Der Bank­rott des indi­vi­du­el­len Ter­ro­ris­mus« aus dem Jah­re 1909 wies Leo Trotz­ki – im Kon­text der Ent­tar­nung des SR-Chefs – auf die feh­len­de revo­lu­tio­nä­re Grund­la­ge in Russ­land hin, die vor­wie­gend intel­lek­tu­el­le Bewe­gun­gen wie Narod­na­ja Wol­ja (»Wil­le des Vol­kes«) durch Ter­ror her­stel­len woll­ten, ohne dass sie rea­li­ter Kon­takt zu der Bevöl­ke­rung besaß, die sie beglü­cken woll­ten. Nach der klas­si­schen mar­xis­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on beab­sich­tig­te eine abge­spreng­te Eli­te, revo­lu­tio­nä­re Ver­hält­nis­se »her­bei­zu­bom­ben«, ehe die öko­no­mi­sche Basis für eine revo­lu­tio­nä­re Umge­stal­tung bestand. Ihren revo­lu­tio­nä­ren Enthu­si­as­mus woll­te sie – wie Trotz­ki es sah – durch die »Spreng­kraft des Nitro­gly­ze­rins« ver­viel­fa­chen, wur­de aber von »der Geschich­te« über­holt, da nach dem »blen­den­den Blitz der explo­die­ren­den Bom­be« nichts übrig­blieb. Die Logik des Ter­ro­ris­mus redu­zier­te sich auf das Abso­lu­te, auf das blan­ke Resul­tat von Addi­ti­on und Sub­trak­ti­on, wobei in ers­ter Linie die nega­ti­ven Wer­te vor­herrsch­ten.2.

Boris SawinkowEin Reprä­sen­tant die­ser »Logik des Ter­ro­ris­mus« war zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts der rus­si­sche Intel­lek­tu­el­le Boris Sawin­kow, der sich kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de der Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re anschloss und in den Jah­ren zwi­schen 1904 und 1905 an den Atten­ta­ten auf den rus­si­schen Innen­mi­nis­ter Wjat­sches­law von Pleh­we als auch den Groß­fürs­ten Ser­gej Roma­now betei­ligt war. Bald dar­auf wur­de er ver­haf­tet und zum Tode ver­ur­teilt, doch gelang ihm die Flucht aus dem Gefäng­nis ins euro­päi­sche Aus­land. In einem Arti­kel für die New York Times am 10. Sep­tem­ber 1911 beschrieb Sawin­kow die tota­le Iso­la­ti­on, in der das »Kampf­kom­man­do« der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re »voll­kom­men los­ge­löst« von jeg­li­cher Ver­bin­dung zu revo­lu­tio­nä­ren Kräf­ten in Mos­kau agier­te.

Boris Sawinkow - Das fahle PferdIn sei­nem 1909 publi­zier­ten Roman Das fah­le Pferd reflek­tiert Sawi­now sei­ne ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten des Jah­res 1905. In Form eines Tage­bu­ches beschreibt ein Prot­ago­nist namens Geor­ge die Vor­be­rei­tun­gen zu einem Atten­tat auf einen namen­lo­sen Pro­vinz­gou­ver­neur, wobei der Titel die­ses »Romans eines Ter­ro­ris­ten« auf die Johan­nes-Offen­ba­rung rekur­riert: »Und ich sah, und sie­he, ein fah­les Pferd. Und der dar­auf­saß, der Name hieß Tod, und die Höl­le folg­te ihm nach …«3 Der Roman bie­tet Innen­an­sich­ten eines Tech­ni­kers und Logis­ti­kers des Ter­rors, des­sen Han­deln ein­zig und allein von Ent­frem­dung und Zynis­mus bestimmt ist. Im Gegen­satz zur revo­lu­tio­nä­ren Lei­den­schaft des Ter­ro­ris­ten Alex­an­der Berk­man, der 1892 wäh­rend eines Stahl­ar­bei­ter­streiks in Penn­syl­va­nia den Kapi­ta­lis­ten Hen­ry Clay Frick zu erschie­ßen such­te und spä­ter sein Schei­tern in sei­nen Pri­son Memoirs of an Anar­chist (1912) reflek­tier­te, bleibt Geor­ge ali­as Sawin­kow stets nur ein dan­dy­haf­ter Tech­ni­ker der Gewalt. »Ich glau­be an die Gewalt, nicht an Wor­te«, heißt es an einer Stel­le des Romans. »Wenn ich könn­te, wür­de ich alle Obe­ren und alle Herr­schen­den töten. Ich will kein Knecht sein. Und ich will nicht, dass ande­re Men­schen Knech­te sind.« 4Zugleich aber nimmt er die ihn beschat­ten­den Detek­ti­ve im anti­se­mi­ti­schen Ras­ter wahr. In der Para­noia des Ter­ro­ris­ten betrach­tet er angeb­li­che Detek­ti­ve der Staats­macht stets nur als Juden: Der Feind tritt im Klapp­hut und mit »schwar­zem kur­zem Bart« auf. »Mit den Augen suche ich nach dem Juden«, notiert Geor­ge. »Aber ja, natür­lich, da ist er schon – unter dem geschnitz­ten Tor­bo­gen.«5 Der Ande­re wird in der pathi­schen Pro­jek­ti­on zuge­rich­tet – »daß einer Jude heißt«, schrieb Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung , »wirkt als Auf­for­de­rung, ihn zuzu­rich­ten, bis er dem Bil­de gleicht« 6.

Obgleich »Geor­ge« sich als unab­hän­gi­ger Kom­mis im Ter­ror­ge­wer­be dar­stellt, der sei­ne »ter­ro­ris­ti­sche Zel­le« in schein­ba­rer Auto­no­mie vom Netz­werk der »Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re« führt, bleibt sei­ne vor­geb­li­che Aut­ar­kie stets nur »rela­tiv«. »Das Komi­tee hat beschlos­sen, den Ter­ror zu ver­schär­fen«7, dekla­riert der büro­kra­ti­sche Chef der Revo­lu­tio­nä­re, die bereits im Anfangs­sta­di­um die poli­zei­li­che Struk­tur des Appa­rats ver­kör­per­ten, die spä­ter auf das staat­li­che Gebil­de über­tra­gen wur­de. »Der Ter­ro­rist und der Poli­zist stam­men aus dem glei­chen Nest«8, heißt es in Joseph Con­rads Roman Der Geheima­gent (1907), der den Poli­zei­staat als logi­sche Fort­set­zung einer revo­lu­tio­nä­ren Staat­lich­keit anti­zi­pier­te. Sawin­kow selbst blieb stets der »Tech­ni­ker des Umstur­zes«, der nach dem Tri­umph der Bol­sche­wi­ki von Tech­ni­kern der Staats­macht wie Gri­go­ri Sino­wjew (der spä­ter selbst den sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen im Jah­re 1936 zum Opfer fiel) als »Kon­ter­re­vo­lu­tio­när« stig­ma­ti­siert wur­de (wie die Anar­chis­tin Emma Gold­man in ihren Memoi­ren berich­te­te9).

Im Nach­wort zeich­net der His­to­ri­ker Jörg Babe­row­ski Sawin­kow als Pro­to­ty­pen des Ter­ro­ris­ten, wobei er eine Typo­lo­gie ohne his­to­ri­sches oder sozio­lo­gi­sches Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen ent­wirft. »Sawin­kow führ­te die Exis­tenz eines moder­nen Gewalt­un­ter­neh­mers«, doziert er, »der Hotel­zim­mer mie­te­te, um Atten­ta­te vor­zu­be­rei­ten, poten­zi­el­le Opfer aus­späh­te, nach Geld­ge­bern such­te und mit Auf­trag­ge­bern zusam­men­kam.«10 Die Pro­ble­ma­tik liegt in der unkri­ti­schen Akzep­tanz der vor­geb­li­chen »Authen­ti­zi­tät« des Romans, die jedoch frag­lich ist. Spie­gel­te die­se düs­te­re Erzäh­lung tat­säch­lich die inne­re Rea­li­tät des Ter­ro­ris­mus der »Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re« wider, wie sie Sawin­kow sah, oder war sie eher ein modi­sches lite­ra­ri­sches Expe­ri­ment, das unver­züg­lich von den SR-Gre­mi­en als »kon­ter­re­vo­lu­tio­när« ver­dammt wur­de? In sei­ner Geschich­te des Ter­ro­ris­mus The Infer­nal Machi­ne (2006) beschreibt Mat­thew Carr den Roman als »deka­den­te Erzäh­lung«, wel­che Momen­te des Ennui und des Zynis­mus ein­fängt, ohne tat­säch­lich die Rea­li­tät der rus­si­schen Gesell­schaft im Jah­re 1905 wahr­zu­neh­men.11 Am Ende agiert Geor­ge wie ein lebens­fer­ner Dan­dy, den Jor­is-Karl Huys­mans beschrieb: »Er leb­te ganz auf sich bezo­gen, nähr­te sich von der eige­nen Sub­stanz, gleich den erstarr­ten, win­ters in ein Loch gekau­er­ten Tie­ren; die Ein­sam­keit hat­te auf sein Hirn wie ein Nar­ko­ti­kum gewirkt.«12 Schließ­lich ist der iso­lier­te, sich selbst bespie­geln­de »Tech­ni­ker der Gewalt« auf eine schat­ten­haf­te Exis­tenz in einer »roten Wüs­te« der Käl­te und Ent­frem­dung zurück­ge­wor­fen, aus der es kein Ent­rin­nen gibt. Doch war er am Ende mög­li­cher­wei­se nur ein »revo­lu­tio­nä­rer Prahl­hans«, als den ihn Andrej Belyj in sei­nem Roman Peters­burg (1912) in der Figur des Dud­kin beschrieb.13

Post­scrip­tum

Eine frü­he­re Fas­sung in der Online-Zeit­schrift literaturkritik.de rief den Wider­spruch des Über­set­zers Alex­an­der Nitz­berg her­vor. Erregt echauf­fier­te er sich über den Vor­wurf des Anti­se­mi­tis­mus. »War­um ist es nun anti­se­mi­tisch, in einem Roman ein­zel­ne Geheim­dienst­spit­zel auch als Juden zu bezeich­nen?«, fragt Nitz­berg. »Der Ver­fas­ser der älte­ren Über­set­zung des Romans, der Anar­chist Aage Made­lung, schreibt dazu in einer Anmer­kung (»Leo … Das fahl Pferd, Kopen­ha­gen, Leip­zig 1909): »Wenn es hier heißt, daß die Spio­ne jüdi­schen Typus haben, so liegt dies an der bedau­er­li­chen Tat­sa­che, daß recht vie­le Juden­re­ne­ga­ten in den Dienst der Regie­rung oder Poli­zei tre­ten«.14 Offen­bar hat Nitz­berg kei­ne Schwie­rig­kei­ten, zwi­schen »guten« und »bösen« Juden zu selek­tie­ren, wobei er nie­mals in Fra­ge stellt, wor­an »Geor­ge« den »Juden­cha­rak­ter« der »Geheim­dienst­spit­zel« erkennt. »Das Pathi­sche am Anti­se­mi­tis­mus ist nicht das pro­jek­ti­ve Ver­hal­ten als sol­ches, son­dern der Aus­fall der Refle­xi­on dar­in«15, schrie­ben Hork­hei­mer und Ador­no. Genau in die­ser »Stö­rung« liegt das Pathi­sche in der Empö­rung des Über­set­zers, der Sawin­kow zum Hero­en über alle Zei­ten heben möch­te.

Biblio­gra­phi­sche Anga­ben:
 
Boris Sawin­kow. Das fah­le Pferd. Roman eines Ter­ro­ris­ten. Über­setzt und kom­men­tiert von Alex­an­der Nitz­berg. Mit einem Dos­sier zu Boris Sawin­kow von Alex­an­der Nitz­berg und Jörg Babe­row­ski. Ber­lin: Galia­ni, 2015. 304 Sei­ten, 22,99 EUR. ISBN: 978–3-86971–114-0

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 1 (Janu­ar 2016)

© Jörg Auberg 2015

 

 

  1. Paul Avrich, The Rus­si­an Anar­chists (1967; rpt. Oak­land, CA: AK Press, 2005), S. 64  
  2. Leo Trotz­ki, »The Bankrupt­cy of Indi­vi­du­al Ter­ro­rism«, https://www.marxists.org/archive/trotsky/1909/xx/tia09.htm  
  3. Luther-Bibel 1912, Offen­ba­rung 6.8  
  4. Boris Sawin­kow, Das fah­le Pferd (Ber­lin: Galia­ni, 2015), S. 10  
  5. Sawin­kow, Das fah­le Pferd, S. 81, 83  
  6. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main, Fischer, 1987), S. 218  
  7. Sawin­kow, Das fah­le Pferd, S. 95  
  8. Joseph Con­rad, The Secret Agent (Lon­don: Pen­gu­in, 2007), S. 56; Der Geheim­agent, übers. Gün­ter Danehl (Zürich: Dio­ge­nes, 1975), S. 77  
  9. Emma Gold­man, Geleb­tes Leben, übers. Mar­len Breitin­ger, Rena­ta Ory­wa und Sabi­ne Vet­ter (Ham­burg: Edi­ti­on Nau­ti­lus, 2010), S. 668  
  10. Jörg Babe­row­ski, »Das Hand­werk des Tötens: Boris Sawin­kow und der rus­si­sche Ter­ro­ris­mus«, in: Sawin­kow, Das fah­le Pferd, S. 211  
  11. Mat­thew Carr, The Infer­nal Machi­ne: A Histo­ry of Ter­ro­rism (New York: The New Press, 2006), S. 32  
  12. Jor­is-Karl Huys­mans, Gegen den Strich, übers. Wal­ter Münz und Myri­am Münz (Frankfurt/Main: Insel, 2006), S. 114  
  13. Andrej Belyj, Peters­burg, übers. Gabrie­le Leu­pold (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2005), S. 120   
  14. Literaturkritik.de, Leser­brie­fe, http://www.literaturkritik.de/public/mails/leserbriefe.php  
  15. Hork­hei­mer und Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, S. 219  

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Boris Sawinkow: Das fahle Pferd

Der Ter­ror-Dan­dy

In sei­nem Roman „Das fah­le Pferd“ sti­li­siert sich Boris Sawin­kow als pro­fes­sio­nel­ler Tech­ni­ker der ter­ro­ris­ti­schen Gewalt

 

Von Jörg Auberg

 

In den Jah­ren zwi­schen 1906 und 1907 rühm­ten sich rus­si­sche Anar­chis­ten und Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, ihre ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten, hät­ten mehr als vier­tau­send Men­schen das Leben gekos­tet.1 Doch bedeu­te­te die­se quan­ti­ta­ti­ve Beschwö­rung von Men­schen­op­fern, der eine zyni­sche Bar­ba­rei ein­ge­schrie­ben war, kei­nes­wegs einen poli­ti­schen Erfolg gegen die auto­ri­tä­re Herr­schaft des Zaren­re­gimes. Viel­mehr schlug der Ter­ror mit der unver­mit­tel­ten Gewalt des rus­si­schen Staa­tes auf die Urhe­ber und ihre Gehil­fen und Sym­pa­thi­san­ten zurück. Eine bit­te­re Iro­nie der Geschich­te war, dass der Chef der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re selbst ein Poli­zei­spit­zel war, der im Auf­trag des rus­si­schen Geheim­diens­tes sei­ne Mit­tä­ter ins Ver­der­ben lock­te, ehe er ent­tarnt wur­de und sich als Mie­der­wa­ren­händ­ler und Bör­sen­spe­ku­lant im Ber­li­ner Exil durch­schlug.

In sei­nem Arti­kel »Der Bank­rott des indi­vi­du­el­len Ter­ro­ris­mus« aus dem Jah­re 1909 wies Leo Trotz­ki – im Kon­text der Ent­tar­nung des SR-Chefs – auf die feh­len­de revo­lu­tio­nä­re Grund­la­ge in Russ­land hin, die vor­wie­gend intel­lek­tu­el­le Bewe­gun­gen wie Narod­na­ja Wol­ja (»Wil­le des Vol­kes«) durch Ter­ror her­stel­len woll­ten, ohne dass sie rea­li­ter Kon­takt zu der Bevöl­ke­rung besaß, die sie beglü­cken woll­ten. Nach der klas­si­schen mar­xis­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on beab­sich­tig­te eine abge­spreng­te Eli­te, revo­lu­tio­nä­re Ver­hält­nis­se »her­bei­zu­bom­ben«, ehe die öko­no­mi­sche Basis für eine revo­lu­tio­nä­re Umge­stal­tung bestand. Ihren revo­lu­tio­nä­ren Enthu­si­as­mus woll­te sie – wie Trotz­ki es sah – durch die »Spreng­kraft des Nitro­gly­ze­rins« ver­viel­fa­chen, wur­de aber von »der Geschich­te« über­holt, da nach dem »blen­den­den Blitz der explo­die­ren­den Bom­be« nichts übrig­blieb. Die Logik des Ter­ro­ris­mus redu­zier­te sich auf das Abso­lu­te, auf das blan­ke Resul­tat von Addi­ti­on und Sub­trak­ti­on, wobei in ers­ter Linie die nega­ti­ven Wer­te vor­herrsch­ten.2.

Boris SawinkowEin Reprä­sen­tant die­ser »Logik des Ter­ro­ris­mus« war zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts der rus­si­sche Intel­lek­tu­el­le Boris Sawin­kow, der sich kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de der Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re anschloss und in den Jah­ren zwi­schen 1904 und 1905 an den Atten­ta­ten auf den rus­si­schen Innen­mi­nis­ter Wjat­sches­law von Pleh­we als auch den Groß­fürs­ten Ser­gej Roma­now betei­ligt war. Bald dar­auf wur­de er ver­haf­tet und zum Tode ver­ur­teilt, doch gelang ihm die Flucht aus dem Gefäng­nis ins euro­päi­sche Aus­land. In einem Arti­kel für die New York Times am 10. Sep­tem­ber 1911 beschrieb Sawin­kow die tota­le Iso­la­ti­on, in der das »Kampf­kom­man­do« der Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re »voll­kom­men los­ge­löst« von jeg­li­cher Ver­bin­dung zu revo­lu­tio­nä­ren Kräf­ten in Mos­kau agier­te.

Boris Sawinkow - Das fahle PferdIn sei­nem 1909 publi­zier­ten Roman Das fah­le Pferd reflek­tiert Sawi­now sei­ne ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten des Jah­res 1905. In Form eines Tage­bu­ches beschreibt ein Prot­ago­nist namens Geor­ge die Vor­be­rei­tun­gen zu einem Atten­tat auf einen namen­lo­sen Pro­vinz­gou­ver­neur, wobei der Titel die­ses »Romans eines Ter­ro­ris­ten« auf die Johan­nes-Offen­ba­rung rekur­riert: »Und ich sah, und sie­he, ein fah­les Pferd. Und der dar­auf­saß, der Name hieß Tod, und die Höl­le folg­te ihm nach …«3 Der Roman bie­tet Innen­an­sich­ten eines Tech­ni­kers und Logis­ti­kers des Ter­rors, des­sen Han­deln ein­zig und allein von Ent­frem­dung und Zynis­mus bestimmt ist. Im Gegen­satz zur revo­lu­tio­nä­ren Lei­den­schaft des Ter­ro­ris­ten Alex­an­der Berk­man, der 1892 wäh­rend eines Stahl­ar­bei­ter­streiks in Penn­syl­va­nia den Kapi­ta­lis­ten Hen­ry Clay Frick zu erschie­ßen such­te und spä­ter sein Schei­tern in sei­nen Pri­son Memoirs of an Anar­chist (1912) reflek­tier­te, bleibt Geor­ge ali­as Sawin­kow stets nur ein dan­dy­haf­ter Tech­ni­ker der Gewalt. »Ich glau­be an die Gewalt, nicht an Wor­te«, heißt es an einer Stel­le des Romans. »Wenn ich könn­te, wür­de ich alle Obe­ren und alle Herr­schen­den töten. Ich will kein Knecht sein. Und ich will nicht, dass ande­re Men­schen Knech­te sind.« 4Zugleich aber nimmt er die ihn beschat­ten­den Detek­ti­ve im anti­se­mi­ti­schen Ras­ter wahr. In der Para­noia des Ter­ro­ris­ten betrach­tet er angeb­li­che Detek­ti­ve der Staats­macht stets nur als Juden: Der Feind tritt im Klapp­hut und mit »schwar­zem kur­zem Bart« auf. »Mit den Augen suche ich nach dem Juden«, notiert Geor­ge. »Aber ja, natür­lich, da ist er schon – unter dem geschnitz­ten Tor­bo­gen.«5 Der Ande­re wird in der pathi­schen Pro­jek­ti­on zuge­rich­tet – »daß einer Jude heißt«, schrieb Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung , »wirkt als Auf­for­de­rung, ihn zuzu­rich­ten, bis er dem Bil­de gleicht« 6.

Obgleich »Geor­ge« sich als unab­hän­gi­ger Kom­mis im Ter­ror­ge­wer­be dar­stellt, der sei­ne »ter­ro­ris­ti­sche Zel­le« in schein­ba­rer Auto­no­mie vom Netz­werk der »Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re« führt, bleibt sei­ne vor­geb­li­che Aut­ar­kie stets nur »rela­tiv«. »Das Komi­tee hat beschlos­sen, den Ter­ror zu ver­schär­fen«7, dekla­riert der büro­kra­ti­sche Chef der Revo­lu­tio­nä­re, die bereits im Anfangs­sta­di­um die poli­zei­li­che Struk­tur des Appa­rats ver­kör­per­ten, die spä­ter auf das staat­li­che Gebil­de über­tra­gen wur­de. »Der Ter­ro­rist und der Poli­zist stam­men aus dem glei­chen Nest«8, heißt es in Joseph Con­rads Roman Der Geheima­gent (1907), der den Poli­zei­staat als logi­sche Fort­set­zung einer revo­lu­tio­nä­ren Staat­lich­keit anti­zi­pier­te. Sawin­kow selbst blieb stets der »Tech­ni­ker des Umstur­zes«, der nach dem Tri­umph der Bol­sche­wi­ki von Tech­ni­kern der Staats­macht wie Gri­go­ri Sino­wjew (der spä­ter selbst den sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen im Jah­re 1936 zum Opfer fiel) als »Kon­ter­re­vo­lu­tio­när« stig­ma­ti­siert wur­de (wie die Anar­chis­tin Emma Gold­man in ihren Memoi­ren berich­te­te9).

Im Nach­wort zeich­net der His­to­ri­ker Jörg Babe­row­ski Sawin­kow als Pro­to­ty­pen des Ter­ro­ris­ten, wobei er eine Typo­lo­gie ohne his­to­ri­sches oder sozio­lo­gi­sches Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen ent­wirft. »Sawin­kow führ­te die Exis­tenz eines moder­nen Gewalt­un­ter­neh­mers«, doziert er, »der Hotel­zim­mer mie­te­te, um Atten­ta­te vor­zu­be­rei­ten, poten­zi­el­le Opfer aus­späh­te, nach Geld­ge­bern such­te und mit Auf­trag­ge­bern zusam­men­kam.«10 Die Pro­ble­ma­tik liegt in der unkri­ti­schen Akzep­tanz der vor­geb­li­chen »Authen­ti­zi­tät« des Romans, die jedoch frag­lich ist. Spie­gel­te die­se düs­te­re Erzäh­lung tat­säch­lich die inne­re Rea­li­tät des Ter­ro­ris­mus der »Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re« wider, wie sie Sawin­kow sah, oder war sie eher ein modi­sches lite­ra­ri­sches Expe­ri­ment, das unver­züg­lich von den SR-Gre­mi­en als »kon­ter­re­vo­lu­tio­när« ver­dammt wur­de? In sei­ner Geschich­te des Ter­ro­ris­mus The Infer­nal Machi­ne (2006) beschreibt Mat­thew Carr den Roman als »deka­den­te Erzäh­lung«, wel­che Momen­te des Ennui und des Zynis­mus ein­fängt, ohne tat­säch­lich die Rea­li­tät der rus­si­schen Gesell­schaft im Jah­re 1905 wahr­zu­neh­men.11 Am Ende agiert Geor­ge wie ein lebens­fer­ner Dan­dy, den Jor­is-Karl Huys­mans beschrieb: »Er leb­te ganz auf sich bezo­gen, nähr­te sich von der eige­nen Sub­stanz, gleich den erstarr­ten, win­ters in ein Loch gekau­er­ten Tie­ren; die Ein­sam­keit hat­te auf sein Hirn wie ein Nar­ko­ti­kum gewirkt.«12 Schließ­lich ist der iso­lier­te, sich selbst bespie­geln­de »Tech­ni­ker der Gewalt« auf eine schat­ten­haf­te Exis­tenz in einer »roten Wüs­te« der Käl­te und Ent­frem­dung zurück­ge­wor­fen, aus der es kein Ent­rin­nen gibt. Doch war er am Ende mög­li­cher­wei­se nur ein »revo­lu­tio­nä­rer Prahl­hans«, als den ihn Andrej Belyj in sei­nem Roman Peters­burg (1912) in der Figur des Dud­kin beschrieb.13

Post­scrip­tum

Eine frü­he­re Fas­sung in der Online-Zeit­schrift literaturkritik.de rief den Wider­spruch des Über­set­zers Alex­an­der Nitz­berg her­vor. Erregt echauf­fier­te er sich über den Vor­wurf des Anti­se­mi­tis­mus. »War­um ist es nun anti­se­mi­tisch, in einem Roman ein­zel­ne Geheim­dienst­spit­zel auch als Juden zu bezeich­nen?«, fragt Nitz­berg. »Der Ver­fas­ser der älte­ren Über­set­zung des Romans, der Anar­chist Aage Made­lung, schreibt dazu in einer Anmer­kung (»Leo … Das fahl Pferd, Kopen­ha­gen, Leip­zig 1909): »Wenn es hier heißt, daß die Spio­ne jüdi­schen Typus haben, so liegt dies an der bedau­er­li­chen Tat­sa­che, daß recht vie­le Juden­re­ne­ga­ten in den Dienst der Regie­rung oder Poli­zei tre­ten«.14 Offen­bar hat Nitz­berg kei­ne Schwie­rig­kei­ten, zwi­schen »guten« und »bösen« Juden zu selek­tie­ren, wobei er nie­mals in Fra­ge stellt, wor­an »Geor­ge« den »Juden­cha­rak­ter« der »Geheim­dienst­spit­zel« erkennt. »Das Pathi­sche am Anti­se­mi­tis­mus ist nicht das pro­jek­ti­ve Ver­hal­ten als sol­ches, son­dern der Aus­fall der Refle­xi­on dar­in«15, schrie­ben Hork­hei­mer und Ador­no. Genau in die­ser »Stö­rung« liegt das Pathi­sche in der Empö­rung des Über­set­zers, der Sawin­kow zum Hero­en über alle Zei­ten heben möch­te.

Biblio­gra­phi­sche Anga­ben:
 
Boris Sawin­kow. Das fah­le Pferd. Roman eines Ter­ro­ris­ten. Über­setzt und kom­men­tiert von Alex­an­der Nitz­berg. Mit einem Dos­sier zu Boris Sawin­kow von Alex­an­der Nitz­berg und Jörg Babe­row­ski. Ber­lin: Galia­ni, 2015. 304 Sei­ten, 22,99 EUR. ISBN: 978–3-86971–114-0

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 1 (Janu­ar 2016)

© Jörg Auberg 2015

 

 

  1. Paul Avrich, The Rus­si­an Anar­chists (1967; rpt. Oak­land, CA: AK Press, 2005), S. 64  
  2. Leo Trotz­ki, »The Bankrupt­cy of Indi­vi­du­al Ter­ro­rism«, https://www.marxists.org/archive/trotsky/1909/xx/tia09.htm  
  3. Luther-Bibel 1912, Offen­ba­rung 6.8  
  4. Boris Sawin­kow, Das fah­le Pferd (Ber­lin: Galia­ni, 2015), S. 10  
  5. Sawin­kow, Das fah­le Pferd, S. 81, 83  
  6. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main, Fischer, 1987), S. 218  
  7. Sawin­kow, Das fah­le Pferd, S. 95  
  8. Joseph Con­rad, The Secret Agent (Lon­don: Pen­gu­in, 2007), S. 56; Der Geheim­agent, übers. Gün­ter Danehl (Zürich: Dio­ge­nes, 1975), S. 77  
  9. Emma Gold­man, Geleb­tes Leben, übers. Mar­len Breitin­ger, Rena­ta Ory­wa und Sabi­ne Vet­ter (Ham­burg: Edi­ti­on Nau­ti­lus, 2010), S. 668  
  10. Jörg Babe­row­ski, »Das Hand­werk des Tötens: Boris Sawin­kow und der rus­si­sche Ter­ro­ris­mus«, in: Sawin­kow, Das fah­le Pferd, S. 211  
  11. Mat­thew Carr, The Infer­nal Machi­ne: A Histo­ry of Ter­ro­rism (New York: The New Press, 2006), S. 32  
  12. Jor­is-Karl Huys­mans, Gegen den Strich, übers. Wal­ter Münz und Myri­am Münz (Frankfurt/Main: Insel, 2006), S. 114  
  13. Andrej Belyj, Peters­burg, übers. Gabrie­le Leu­pold (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2005), S. 120   
  14. Literaturkritik.de, Leser­brie­fe, http://www.literaturkritik.de/public/mails/leserbriefe.php  
  15. Hork­hei­mer und Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, S. 219  

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1 Comment

Alexander Nitzberg

15 März , 2017 at 12:47 am

Sehr geehrter Jörg Auberg, das wird ja immer besser! Ein einzelner nüchtern belegter Einwand zu einer mir fragwürdig scheinenden Behauptung, und schon bin ich "erregt echauffiert", "pathisch empört" und möchte Sawinkow "zum Heroen über alle Zeiten heben"? Verzeihen Sie, aber wo genau tu ich dies? Und wie kommen Sie darauf, mir so etwas vorzuwerfen, nur um Ihre These um jeden Preis aufrechtzuerhalten? Warum Ihre Behauptung fragwürdig ist, habe ich doch seinerzeit recht ausführlich und sachlich in meinem Kommentar auf der literaturkritik.de-Seite dargelegt (merkwürdigerweise ist er dort nicht mehr vorhanden und wird in Ihrem "Postscriptum" nur sehr verkürzt widergegeben). Ich muß sagen, es ist mir auch nach wie vor schleierhaft, warum Sie unbedingt und mit solcher Vehemenz einen Mann als Antisemiten brandmarken wollen, der sich, wie Sawinkow, Zeit seines Lebens für die Juden eingesetzt hat, mit zahllosen Juden befreundet war und sie mitunter als seine engsten Kampfgenossen betrachtete? Das alles ist doch bestens mit Dokumenten belegt. Wollen Sie die einfach alle ignorieren? Und welches Ziel verfolgen Sie damit? Sawinkow war bekanntlich kein Engel, aber ein Antisemit war er ganz sicher nicht. Hippius und Mereschkowski z. B. waren für ihren Judenhass berüchtigt. Aber warum diesen Judenhass jemandem andichten, der ihn nachweislich nicht kannte? Würden Sie doch wenigstens von "George", dem fiktiven Antihelden des Romans, sprechen ... Sie aber schreiben wortwörtlich: "George alias Sawinkow". D. h. Sie setzen den Autor einfach mit seiner Romanfigur gleich! Ist das, bei aller bewußter Nähe, wirklich legitim? Mit besten Grüßen Alexander Nitzberg

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