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Die unvollendete Stadt

Die unvollendete Stadt

Zwei Bücher von Christoph Lindner und Angelika Möller beschäftigen sich mit der Entwicklung New Yorks im 19. und 20. Jahrhundert

Von Jörg Auberg

 

Als Leo Trotz­ki im Janu­ar 1917 für kur­ze Zeit mit sei­ner Fami­lie in einem bil­li­gen Apart­ment in der New Yor­ker Bronx: Zum ers­ten Mal ver­füg­te der zukünf­ti­ge Revo­lu­ti­ons­füh­rer, schrieb Isaac Deut­scher, über den unge­wohn­ten Luxus eines Tele­fons in der Woh­nung.1 In den Augen Trotz­kis war New York kei­nes­wegs ein Moloch, son­dern der Inbe­griff der Moder­ne. »Ich bin in New York, in der mär­chen­haft pro­sai­schen Stadt des kapi­ta­lis­ti­schen Auto­ma­tis­mus, wo in den Stra­ßen die ästhe­ti­sche Theo­rie des Kubis­mus und in den Her­zen die sitt­li­che Phi­lo­so­phie des Dol­lars herrscht«, schrieb er spä­ter in sei­ner Auto­bio­gra­fie. »New York impo­niert mir, als der voll­kom­mens­te Aus­druck des Geis­tes der Gegen­warts­epo­che.«2

 

 

Berenice Abbott - Seventh Avenue looking south from 35th Street - Manhattan

Bere­ni­ce Abbott: Seventh Ave­nue loo­king south from 35th Street — Man­hat­tan (aus Chan­ging New York — New York Public Libra­ry)

Obwohl New York seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts zu einer inter­na­tio­na­len Groß­stadt auf­stieg und Paris als kul­tu­rel­les Zen­trum der Moder­ne spä­tes­tens nach der Nie­der­la­ge Frank­reichs 1940 ablös­te, war es in den 1930er Jah­ren doch nicht allein eine vita­le, von poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Debat­ten und Strei­tig­kei­ten erfüll­te Metro­po­le, wie sich der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Irving Howe erin­ner­te. Es war auch »bru­tal, häss­lich, beängs­ti­gend, ein übel rie­chen­der Dschun­gel«, den Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne in sei­nem Roman Rei­se ans Ende der Nacht (1932) beschwor.3 New Yorks Erschei­nung wur­de nicht nur von einer impo­nie­ren­den Sky­line von »Wol­ken­krat­zern« bestimmt, son­dern auch von einem Pro­vin­zia­lis­mus, der sowohl aus dem alten Euro­pa als auch den länd­li­chen Regio­nen der USA in die Stadt ein­ge­wan­dert war. Die­se Dia­lek­tik von Altem und Neu­em doku­men­tier­te Bere­ni­ce Abbott in ihrem legen­dä­ren Foto­pro­jekt Chan­ging New York (1939), in der sie sowohl das pul­sie­ren­de Leben Man­hat­tans, die kathe­dra­len­ar­ti­gen Hoch­häu­ser und die klei­nen klei­nen Läden der Immi­gran­ten in der Zeit der Depres­si­on fest­hielt.
In sei­nem Buch Ima­gi­ning New York City ori­en­tiert sich der nie­der­län­di­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Chris­toph Lind­ner ent­lang der hori­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Lini­en der Stadt, der Sky­line und den »side­walks«, wie sie sich in den Jah­ren zwi­schen 1890 und 1940 her­aus­bil­de­ten, um eine Dar­stel­lung der Metro­po­le in Lite­ra­tur, Kunst, Film und Urba­nis­mus zu prä­sen­tie­ren. Lind­ners Per­spek­ti­ven beschrän­ken sich auf die blo­ßen Ober­flä­chen des urba­nen Raums und blen­den Erfah­run­gen der zwei­ten Genera­ti­on von Immi­gran­ten (wie sie Irving Howe, Alfred Kazin oder Hen­ry Roth in ihren Erin­ne­run­gen und Roma­nen beschrie­ben) aus. Statt­des­sen rekur­riert Lind­ner auf das Bild New Yorks als »unvoll­ende­ter Stadt« (das der Stadt­his­to­ri­ker Tho­mas Ben­der in sei­nem Buch New York Intel­lect präg­te4) und sprengt den eige­nen vor­ge­ge­be­nen zeit­li­chen und räum­li­chen Rah­men, indem er in einer aka­de­mi­schen Text-Bri­co­la­ge Zita­te von Wal­ter Ben­ja­min, Roland Bar­t­hes, Jean Baudril­lard, Guy Debord, Michel Fou­cault, Georg Sim­mel, Jane Jacobs, Lewis Mum­ford und Sla­voj Žižek zu einem Hotch­potch ver­rührt, wobei selbst­ver­ständ­lich auch kein »Requi­em für die Twin Towers« feh­len darf.

 

»Die Stich­hal­tig­keit einer Kon­zep­ti­on läßt sich danach beur­tei­len, ob sie die Zita­te her­bei­zi­tiert«5, schrieb Theo­dor W. Ador­no in kri­ti­schen Hand­rei­chun­gen für Schrift­stel­ler. Die Kon­zep­ti­on von Lind­ners Buch beschränkt sich auf ein geo­me­tri­sches Gerüst des urba­nen Raums, das er mit Zita­ten und Repro­duk­tio­nen der New Yor­ker Kul­tur­ge­schich­te ver­hängt, die mehr und mehr zu einer Staf­fa­ge von Belie­big­kei­ten und Belang­lo­sig­kei­ten ver­kom­men. Da sich Lind­ner kei­ne Dis­zi­plin bei der Kon­struk­ti­on und beim Schrei­ben auf­er­legt, schleppt er viel von dem mit sich, was Ador­no »Abfall und Boden­ramsch« in der schrift­stel­le­ri­schen Pro­duk­ti­on nann­te. So benutzt Lind­ner immer wie­der Phra­sen wie »To adopt a phra­se deve­lo­ped by Das­gupta«, »Jean Baudril­lard explo­res simi­lar ide­as« oder »to use Michel Foucault’s phra­se«.6 Sol­che Text­spu­ren kön­nen sich – um noch ein­mal Ador­nos Kri­tik zu bemü­hen – »als Krus­te der Arbeit« fest­set­zen, doch gehört es zur Auf­ga­be des Autors, Kri­tik nicht allein gegen­über ande­ren zu üben, son­dern auch gegen­über sich selbst. »Nie darf man klein­lich sein beim Strei­chen«7, riet Ador­no.

Imagining New York CityLei­der macht Lind­ner mit sei­ner aka­de­mi­schen Schreib­wei­se, in der das Anein­an­der­rei­hen von Zita­ten mehr zählt als das strin­gen­te Ent­wi­ckeln von Ide­en und Gedan­ken, die guten Ansät­ze sei­nes Buches zunich­te. So lenkt er bei­spiels­wei­se den Blick auf die Wahr­neh­mung New Yorks aus afro­ame­ri­ka­ni­scher Per­spek­ti­ve in den Wer­ken James Wel­don John­sons oder zerrt in einem Akt der kul­tur­his­to­ri­schen Archäo­lo­gie den im Jah­re 1901 pro­du­zier­ten Film What hap­pen­ed on 23rd Street ans Tages­licht, der eine New Yor­ker Stra­ßen­sze­ne doku­men­tier­te.8 Beim Fla­nie­ren durch New York spa­ziert eine Dame über einen Luft­schacht, und ein Luft­stoß aus der Tie­fe wir­belt ihren Rock nach oben. Die­se Sze­ne wur­de spä­ter in dem Bil­ly-Wil­der-Film The Seven Year Itch (1955) gera­de­zu iden­tisch ver­wen­det und trug dazu bei, ein iko­ni­sches Mari­lyn-Mon­roe-Bild in der Popu­lär­kul­tur zu ent­wi­ckeln. An die­sem Bei­spiel illus­triert Lind­ner in sei­nen auf­klä­re­ri­schen Momen­ten am Zusam­men­spiel von Kul­tur­in­dus­trie, Kon­sum und ero­ti­schem Spek­ta­kel den urba­nen Raum als Büh­ne der sexu­ell durch­dräng­ten Zur­schau­stel­lung, Selbst­be­haup­tung und Aus­beu­tung, wie sie auch in Roma­nen wie Sis­ter Car­rie (1900) von Theo­do­re Drei­ser oder Mag­gie (1893) von Ste­phen Cra­ne zum Aus­druck kamen. Hät­te Lind­ner in die­sem for­schen­den und durch­drin­gen­den Stil sein New Yor­ker Pro­jekt bewäl­tigt, hät­te er einen ori­gi­nä­ren Bei­trag zur New-York-Lite­ra­tur leis­ten kön­nen. So aber ver­liert sich das Unter­neh­men, dem er groß­spu­rig die Aura einer »kri­ti­schen Tra­di­ti­on des Außen­sei­ters«9 anhef­tet, in der Belie­big­keit.

Das andere New YorkDie Vor­ge­schich­te der Metro­po­le New York beschreibt dage­gen Ange­li­ka Möl­ler in ihrem gut les­ba­ren und sorg­fäl­tig recher­chier­ten Buch Das ande­re New York, das auf einen weit­ge­fä­cher­ten Bestand aus Lite­ra­tur, Pri­mär­quel­len und Archiv­ma­te­ria­li­en zurück­greift und die urba­ne Gene­se in der Zeit zwi­schen 1790 und 1860 ana­ly­siert. Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts war New York – heißt es in der Ein­lei­tung – »weit davon ent­fernt, eine Welt­stadt zu sein, hol­te aber ste­tig auf und wur­de zur ers­ten Stadt auf dem Ter­ri­to­ri­um der USA, die die Bezeich­nung Metro­po­le ver­dien­te«10. Auf­grund des Platz­man­gels ver­lief New Yorks räum­li­che Aus­brei­tung zunächst hori­zon­tal in der Gestalt von Parks und Fried­hö­fen, Erho­lungs- und Zer­streu­ungs­zen­tren, ehe der städ­ti­sche Raum sich in ver­ti­ka­le Gefil­de erhob.
Die Stadt­pla­nung erfolg­te auf der Basis eines recht­win­ke­li­gen Git­ter­net­zes (des soge­nann­ten »Grids«), das sich in ers­ter Linie an öko­no­mi­schen und zweck­mä­ßi­gen Erfor­der­nis­sen ori­en­tier­te, wäh­rend Ele­men­te einer demo­kra­ti­schen Kul­tur (wie etwa öffent­li­che Ver­samm­lungs­or­te) kei­ner­lei Rol­le spiel­ten. Auch öffent­li­che Parks wie der Cen­tral Park, die heu­te als Inbe­griff einer demo­kra­ti­schen Park­kul­tur gel­ten, basier­ten in ihrer Ent­ste­hungs­zeit »auf olig­ar­chi­schen Macht­ver­hält­nis­sen, die sich rhe­to­risch in ein demo­kra­ti­sches Gewand klei­de­ten«11. Im sich stän­dig ver­än­dern­den Raum ver­wan­del­ten sich Armen­fried­hö­fe, die ursprüng­lich als Orte des Frie­dens ange­legt wur­den, in Area­le der Mas­sen­kul­tur und der kom­mer­zi­el­len Spek­ta­kel. In der Zeit vor dem Bür­ger­krieg war New York ein Kampf­platz öko­no­mi­scher, poli­ti­scher und sozia­ler Macht­grup­pen, die um jeden Qua­drat­me­ter im noch vagen urba­nen Ter­rain kämpf­ten. »Das unbe­stimm­te Ter­ri­to­ri­um New York Citys in der Ante­bel­lum Era war ein umkämpf­ter und kon­tro­ver­ser Ort«, resü­miert Möl­ler. »In die­sem Zwi­schen­raum ver­ban­den sich Prag­ma­tis­mus und Idea­lis­mus mit­ein­an­der.«12 Erst spä­ter durch­drang der US-ame­ri­ka­ni­sche Kapi­ta­lis­mus jede Zel­le des Grids, mit dem die Grund­struk­tur der Herr­schaft gelegt wur­de.

 

Bibliografische Angaben:

Chris­toph Lind­ner. Ima­gi­ning New York City: Lite­ra­tu­re, Urba­nism, and the Visu­al Arts, 1890–1940. New York Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015. 264 Sei­ten, $ 99.
Ange­li­ka Möl­ler. Das ande­re New York: Fried­hö­fe, Frei­räu­me und Ver­gnü­gun­gen, 1790–1860. Bie­le­feld: Tran­script Ver­lag, 2015. 268 Sei­ten, € 29,99.

© Text: Jörg Auberg 2016
Fotos: New York Public Libra­ry (1)/Archiv des Autors (8)

 

 

  1. Isaac Deut­scher, The Pro­phet: The Life of Leon Trot­s­ky (Lon­don: Ver­so, 2015), S.251  
  2. Leo Trotz­ki, Mein Leben: Ver­such einer Auto­bio­gra­phie, übers. Alex­an­dra Ramm (Ber­lin: S. Fischer, 1930), S. 258  
  3. Irving Howe, »New York in the Thir­ties« (1961), rpt. in The New York Intel­lec­tu­als Reader, hg. Neil Jumon­vil­le (New York und Lon­don: Rout­ledge, 2007), S. 27  
  4. Tho­mas Ben­der, New York Intel­lect: A Histo­ry of Intel­lec­tu­al Life in New York City (New York: Knopf, 1987), Kind­le-Aus­ga­be  
  5. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 108  
  6. Chris­toph Lind­ner, Ima­gi­ning New York City: Lite­ra­tu­re, Urba­nism, and the Visu­al Arts, 1890–1940 (New York Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015), S. 160, 130, 148  
  7. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 105  
  8. Der Film ist über You­Tube abruf­bar: https://www.youtube.com/watch?v=wna2a7Mk1i8  
  9. Lind­ner, Ima­gi­ning New York City, S. 4  
  10. Ange­li­ka Möl­ler, Das ande­re New York: Fried­hö­fe, Frei­räu­me und Ver­gnü­gun­gen, 1790–1860 (Bie­le­feld: Tran­script Ver­lag, 2015), S. 10  
  11. Möl­ler, Das ande­re New York, S. 117  
  12. Möl­ler, Das ande­re New York, S. 230  

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Die unvollendete Stadt

Die unvollendete Stadt

Zwei Bücher von Christoph Lindner und Angelika Möller beschäftigen sich mit der Entwicklung New Yorks im 19. und 20. Jahrhundert

Von Jörg Auberg

 

Als Leo Trotz­ki im Janu­ar 1917 für kur­ze Zeit mit sei­ner Fami­lie in einem bil­li­gen Apart­ment in der New Yor­ker Bronx: Zum ers­ten Mal ver­füg­te der zukünf­ti­ge Revo­lu­ti­ons­füh­rer, schrieb Isaac Deut­scher, über den unge­wohn­ten Luxus eines Tele­fons in der Woh­nung.1 In den Augen Trotz­kis war New York kei­nes­wegs ein Moloch, son­dern der Inbe­griff der Moder­ne. »Ich bin in New York, in der mär­chen­haft pro­sai­schen Stadt des kapi­ta­lis­ti­schen Auto­ma­tis­mus, wo in den Stra­ßen die ästhe­ti­sche Theo­rie des Kubis­mus und in den Her­zen die sitt­li­che Phi­lo­so­phie des Dol­lars herrscht«, schrieb er spä­ter in sei­ner Auto­bio­gra­fie. »New York impo­niert mir, als der voll­kom­mens­te Aus­druck des Geis­tes der Gegen­warts­epo­che.«2

 

 

Berenice Abbott - Seventh Avenue looking south from 35th Street - Manhattan

Bere­ni­ce Abbott: Seventh Ave­nue loo­king south from 35th Street — Man­hat­tan (aus Chan­ging New York — New York Public Libra­ry)

Obwohl New York seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts zu einer inter­na­tio­na­len Groß­stadt auf­stieg und Paris als kul­tu­rel­les Zen­trum der Moder­ne spä­tes­tens nach der Nie­der­la­ge Frank­reichs 1940 ablös­te, war es in den 1930er Jah­ren doch nicht allein eine vita­le, von poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Debat­ten und Strei­tig­kei­ten erfüll­te Metro­po­le, wie sich der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Irving Howe erin­ner­te. Es war auch »bru­tal, häss­lich, beängs­ti­gend, ein übel rie­chen­der Dschun­gel«, den Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne in sei­nem Roman Rei­se ans Ende der Nacht (1932) beschwor.3 New Yorks Erschei­nung wur­de nicht nur von einer impo­nie­ren­den Sky­line von »Wol­ken­krat­zern« bestimmt, son­dern auch von einem Pro­vin­zia­lis­mus, der sowohl aus dem alten Euro­pa als auch den länd­li­chen Regio­nen der USA in die Stadt ein­ge­wan­dert war. Die­se Dia­lek­tik von Altem und Neu­em doku­men­tier­te Bere­ni­ce Abbott in ihrem legen­dä­ren Foto­pro­jekt Chan­ging New York (1939), in der sie sowohl das pul­sie­ren­de Leben Man­hat­tans, die kathe­dra­len­ar­ti­gen Hoch­häu­ser und die klei­nen klei­nen Läden der Immi­gran­ten in der Zeit der Depres­si­on fest­hielt.
In sei­nem Buch Ima­gi­ning New York City ori­en­tiert sich der nie­der­län­di­sche Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Chris­toph Lind­ner ent­lang der hori­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Lini­en der Stadt, der Sky­line und den »side­walks«, wie sie sich in den Jah­ren zwi­schen 1890 und 1940 her­aus­bil­de­ten, um eine Dar­stel­lung der Metro­po­le in Lite­ra­tur, Kunst, Film und Urba­nis­mus zu prä­sen­tie­ren. Lind­ners Per­spek­ti­ven beschrän­ken sich auf die blo­ßen Ober­flä­chen des urba­nen Raums und blen­den Erfah­run­gen der zwei­ten Genera­ti­on von Immi­gran­ten (wie sie Irving Howe, Alfred Kazin oder Hen­ry Roth in ihren Erin­ne­run­gen und Roma­nen beschrie­ben) aus. Statt­des­sen rekur­riert Lind­ner auf das Bild New Yorks als »unvoll­ende­ter Stadt« (das der Stadt­his­to­ri­ker Tho­mas Ben­der in sei­nem Buch New York Intel­lect präg­te4) und sprengt den eige­nen vor­ge­ge­be­nen zeit­li­chen und räum­li­chen Rah­men, indem er in einer aka­de­mi­schen Text-Bri­co­la­ge Zita­te von Wal­ter Ben­ja­min, Roland Bar­t­hes, Jean Baudril­lard, Guy Debord, Michel Fou­cault, Georg Sim­mel, Jane Jacobs, Lewis Mum­ford und Sla­voj Žižek zu einem Hotch­potch ver­rührt, wobei selbst­ver­ständ­lich auch kein »Requi­em für die Twin Towers« feh­len darf.

 

»Die Stich­hal­tig­keit einer Kon­zep­ti­on läßt sich danach beur­tei­len, ob sie die Zita­te her­bei­zi­tiert«5, schrieb Theo­dor W. Ador­no in kri­ti­schen Hand­rei­chun­gen für Schrift­stel­ler. Die Kon­zep­ti­on von Lind­ners Buch beschränkt sich auf ein geo­me­tri­sches Gerüst des urba­nen Raums, das er mit Zita­ten und Repro­duk­tio­nen der New Yor­ker Kul­tur­ge­schich­te ver­hängt, die mehr und mehr zu einer Staf­fa­ge von Belie­big­kei­ten und Belang­lo­sig­kei­ten ver­kom­men. Da sich Lind­ner kei­ne Dis­zi­plin bei der Kon­struk­ti­on und beim Schrei­ben auf­er­legt, schleppt er viel von dem mit sich, was Ador­no »Abfall und Boden­ramsch« in der schrift­stel­le­ri­schen Pro­duk­ti­on nann­te. So benutzt Lind­ner immer wie­der Phra­sen wie »To adopt a phra­se deve­lo­ped by Das­gupta«, »Jean Baudril­lard explo­res simi­lar ide­as« oder »to use Michel Foucault’s phra­se«.6 Sol­che Text­spu­ren kön­nen sich – um noch ein­mal Ador­nos Kri­tik zu bemü­hen – »als Krus­te der Arbeit« fest­set­zen, doch gehört es zur Auf­ga­be des Autors, Kri­tik nicht allein gegen­über ande­ren zu üben, son­dern auch gegen­über sich selbst. »Nie darf man klein­lich sein beim Strei­chen«7, riet Ador­no.

Imagining New York CityLei­der macht Lind­ner mit sei­ner aka­de­mi­schen Schreib­wei­se, in der das Anein­an­der­rei­hen von Zita­ten mehr zählt als das strin­gen­te Ent­wi­ckeln von Ide­en und Gedan­ken, die guten Ansät­ze sei­nes Buches zunich­te. So lenkt er bei­spiels­wei­se den Blick auf die Wahr­neh­mung New Yorks aus afro­ame­ri­ka­ni­scher Per­spek­ti­ve in den Wer­ken James Wel­don John­sons oder zerrt in einem Akt der kul­tur­his­to­ri­schen Archäo­lo­gie den im Jah­re 1901 pro­du­zier­ten Film What hap­pen­ed on 23rd Street ans Tages­licht, der eine New Yor­ker Stra­ßen­sze­ne doku­men­tier­te.8 Beim Fla­nie­ren durch New York spa­ziert eine Dame über einen Luft­schacht, und ein Luft­stoß aus der Tie­fe wir­belt ihren Rock nach oben. Die­se Sze­ne wur­de spä­ter in dem Bil­ly-Wil­der-Film The Seven Year Itch (1955) gera­de­zu iden­tisch ver­wen­det und trug dazu bei, ein iko­ni­sches Mari­lyn-Mon­roe-Bild in der Popu­lär­kul­tur zu ent­wi­ckeln. An die­sem Bei­spiel illus­triert Lind­ner in sei­nen auf­klä­re­ri­schen Momen­ten am Zusam­men­spiel von Kul­tur­in­dus­trie, Kon­sum und ero­ti­schem Spek­ta­kel den urba­nen Raum als Büh­ne der sexu­ell durch­dräng­ten Zur­schau­stel­lung, Selbst­be­haup­tung und Aus­beu­tung, wie sie auch in Roma­nen wie Sis­ter Car­rie (1900) von Theo­do­re Drei­ser oder Mag­gie (1893) von Ste­phen Cra­ne zum Aus­druck kamen. Hät­te Lind­ner in die­sem for­schen­den und durch­drin­gen­den Stil sein New Yor­ker Pro­jekt bewäl­tigt, hät­te er einen ori­gi­nä­ren Bei­trag zur New-York-Lite­ra­tur leis­ten kön­nen. So aber ver­liert sich das Unter­neh­men, dem er groß­spu­rig die Aura einer »kri­ti­schen Tra­di­ti­on des Außen­sei­ters«9 anhef­tet, in der Belie­big­keit.

Das andere New YorkDie Vor­ge­schich­te der Metro­po­le New York beschreibt dage­gen Ange­li­ka Möl­ler in ihrem gut les­ba­ren und sorg­fäl­tig recher­chier­ten Buch Das ande­re New York, das auf einen weit­ge­fä­cher­ten Bestand aus Lite­ra­tur, Pri­mär­quel­len und Archiv­ma­te­ria­li­en zurück­greift und die urba­ne Gene­se in der Zeit zwi­schen 1790 und 1860 ana­ly­siert. Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts war New York – heißt es in der Ein­lei­tung – »weit davon ent­fernt, eine Welt­stadt zu sein, hol­te aber ste­tig auf und wur­de zur ers­ten Stadt auf dem Ter­ri­to­ri­um der USA, die die Bezeich­nung Metro­po­le ver­dien­te«10. Auf­grund des Platz­man­gels ver­lief New Yorks räum­li­che Aus­brei­tung zunächst hori­zon­tal in der Gestalt von Parks und Fried­hö­fen, Erho­lungs- und Zer­streu­ungs­zen­tren, ehe der städ­ti­sche Raum sich in ver­ti­ka­le Gefil­de erhob.
Die Stadt­pla­nung erfolg­te auf der Basis eines recht­win­ke­li­gen Git­ter­net­zes (des soge­nann­ten »Grids«), das sich in ers­ter Linie an öko­no­mi­schen und zweck­mä­ßi­gen Erfor­der­nis­sen ori­en­tier­te, wäh­rend Ele­men­te einer demo­kra­ti­schen Kul­tur (wie etwa öffent­li­che Ver­samm­lungs­or­te) kei­ner­lei Rol­le spiel­ten. Auch öffent­li­che Parks wie der Cen­tral Park, die heu­te als Inbe­griff einer demo­kra­ti­schen Park­kul­tur gel­ten, basier­ten in ihrer Ent­ste­hungs­zeit »auf olig­ar­chi­schen Macht­ver­hält­nis­sen, die sich rhe­to­risch in ein demo­kra­ti­sches Gewand klei­de­ten«11. Im sich stän­dig ver­än­dern­den Raum ver­wan­del­ten sich Armen­fried­hö­fe, die ursprüng­lich als Orte des Frie­dens ange­legt wur­den, in Area­le der Mas­sen­kul­tur und der kom­mer­zi­el­len Spek­ta­kel. In der Zeit vor dem Bür­ger­krieg war New York ein Kampf­platz öko­no­mi­scher, poli­ti­scher und sozia­ler Macht­grup­pen, die um jeden Qua­drat­me­ter im noch vagen urba­nen Ter­rain kämpf­ten. »Das unbe­stimm­te Ter­ri­to­ri­um New York Citys in der Ante­bel­lum Era war ein umkämpf­ter und kon­tro­ver­ser Ort«, resü­miert Möl­ler. »In die­sem Zwi­schen­raum ver­ban­den sich Prag­ma­tis­mus und Idea­lis­mus mit­ein­an­der.«12 Erst spä­ter durch­drang der US-ame­ri­ka­ni­sche Kapi­ta­lis­mus jede Zel­le des Grids, mit dem die Grund­struk­tur der Herr­schaft gelegt wur­de.

 

Bibliografische Angaben:

Chris­toph Lind­ner. Ima­gi­ning New York City: Lite­ra­tu­re, Urba­nism, and the Visu­al Arts, 1890–1940. New York Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015. 264 Sei­ten, $ 99.
Ange­li­ka Möl­ler. Das ande­re New York: Fried­hö­fe, Frei­räu­me und Ver­gnü­gun­gen, 1790–1860. Bie­le­feld: Tran­script Ver­lag, 2015. 268 Sei­ten, € 29,99.

© Text: Jörg Auberg 2016
Fotos: New York Public Libra­ry (1)/Archiv des Autors (8)

 

 

  1. Isaac Deut­scher, The Pro­phet: The Life of Leon Trot­s­ky (Lon­don: Ver­so, 2015), S.251  
  2. Leo Trotz­ki, Mein Leben: Ver­such einer Auto­bio­gra­phie, übers. Alex­an­dra Ramm (Ber­lin: S. Fischer, 1930), S. 258  
  3. Irving Howe, »New York in the Thir­ties« (1961), rpt. in The New York Intel­lec­tu­als Reader, hg. Neil Jumon­vil­le (New York und Lon­don: Rout­ledge, 2007), S. 27  
  4. Tho­mas Ben­der, New York Intel­lect: A Histo­ry of Intel­lec­tu­al Life in New York City (New York: Knopf, 1987), Kind­le-Aus­ga­be  
  5. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (1951; rpt. Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 108  
  6. Chris­toph Lind­ner, Ima­gi­ning New York City: Lite­ra­tu­re, Urba­nism, and the Visu­al Arts, 1890–1940 (New York Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2015), S. 160, 130, 148  
  7. Ador­no, Mini­ma Mora­lia, S. 105  
  8. Der Film ist über You­Tube abruf­bar: https://www.youtube.com/watch?v=wna2a7Mk1i8  
  9. Lind­ner, Ima­gi­ning New York City, S. 4  
  10. Ange­li­ka Möl­ler, Das ande­re New York: Fried­hö­fe, Frei­räu­me und Ver­gnü­gun­gen, 1790–1860 (Bie­le­feld: Tran­script Ver­lag, 2015), S. 10  
  11. Möl­ler, Das ande­re New York, S. 117  
  12. Möl­ler, Das ande­re New York, S. 230  

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